Ich bin froh ein Alkoholiker zu sein! - Gerald Erdmann - E-Book

Ich bin froh ein Alkoholiker zu sein! E-Book

Gerald Erdmann

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Beschreibung

Es handelt von meiner durch Alkohol geprägten Kindheit. Es beschreibt den Lebensweg in die eigene Alkohol-Karriere, den Leidensweg in den sozialen Abstieg, bis zu der daraus resultierenden Erfolgsgeschichte, die in der Gewissheit mündet - Ich bin froh ein Alkoholiker zu sein! Abhängigkeitserkrankt und dennoch Selbstbewusst durch das Leben zu gehen ohne Arrogant zu wirken. Es basiert auf den 12 Schritten der anonymen Alkoholikern, die mir in den letzten fast 22 Jahren ein täglicher Begleiter geworden sind. Sie stellen sich, jedem der sich ihnen gegenüber öffnet, als Ratgeber in nahezu allen Lebenssituationen zur Verfügung. Dieses Buch macht auf den lebenslangen Prozess der eigenen Persönlichkeitsentwicklung nach Abhängigkeitserkrankungen und auch auf drohende Gefahren, nach Bewältigung dieser Krankheiten, aufmerksam.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ich danke Christa Kuhl für ihre Unterstützung

Inhalt

Vorwort

Danksagung

Auf ins Leben

Beschreibung der Kleinkindphase von der Geburt bis ins Schulalter

Der Ernst des Lebens

Schul- und Ausbildungszeit

Entwicklung zum Glück

Finden der Ehefrau und Entwicklung bis zum Eintritt in die Bundeswehr

Im Dienste des Staates

Bundeswehr und eine persönliche Karriere

Großes Glück

Familienbildung und Sorge um den Status des Berufssoldaten

Wilde Zeiten

Die Wunschperspektive zerplatzt

Ich war über den Berg

Kontrollverlusst, die Alkoholkrankheit war manifest

Therapie und ihre Folgen

Die Therapie und wie sich mein Leben mit den Folgen weiter entwickelte

Ich hatte nichts mehr zu verlieren

Trinken bis nichts mehr geht und dann der Ausstieg

Der Aufbau begann

Den Scherbenhaufen mühselig aufräumen

Umkehr und Busse

Ich hatte mich wieder verlaufen und musste umkehren

Selbsthilfe ein guter Gedanke

Eigene Erfahrungen und Gedanken zur Selbsthilfe

Nachwort

Vorwort

Ich bin in meinem Leben immer wieder auf Menschen gestoßen, die mich unterstützt haben. Dafür bin ich dankbar. Doch eine Person möchte ich an dieser Stelle herausheben und ihr widme ich im besonderen Maße dieses Buch:

Meiner Mutter. Sie hat immer an mich geglaubt und ich bin froh, dass ihre Liebe nicht enttäuscht wurde.

Und es gibt eine zweite Personengruppe, der ich dieses Buch widmen möchte: Meinen Kindern und meinen Enkelkindern.

Ich habe dieses Buch geschrieben um etwas zu hinterlassen. Meinen Kindern, meinen Enkelkindern und jedem der es liest. Ich möchte aus meiner Sicht Stationen in den Alkoholismus aufzeigen. Auch wie die Sehnsucht, die Defizite aus frühen Kindheitstagen auszugleichen, zum alles beherrschenden Wesen wird, ohne dass die Person selbst erkennt, dass es falsch ist, der verweigerten Anerkennung hinterher zu jagen.

Ich habe meinen Weg schmerzlich gefunden und die Erfahrung gemacht:

Es lohnt sich, Veränderungen in seinem eigenen Leben herbei zu führen.

Nicht um der Veränderung willen, sondern weil die nähere Umwelt anzeigt, dass es notwendig ist. Ich möchte mit diesem Buch dazu aufrufen und Mut machen, krankmachende Strukturen zu durchbrechen und zurück ins Leben zu treten.

Ein dickes Dankeschön auch an Andreas Grunert für seine Unterstützung.

Auf ins Leben

Mein Leben hat wie jedes Leben angefangen: mit der Geburt. Am 03. Juni 1961 trat ich ins Leben, na ja - trat ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, aber ich tat meinen ersten Atemzug. Den allerdings auch nicht ganz freiwillig, denn zu dieser Zeit war es noch üblich, dass dem Atmen mit einem Klaps auf den Hintern auf die Sprünge geholfen wurde. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Ich sollte später in dieser Disziplin durchaus eine gewisse Perfektion erlangen. Auch in anderen Übungen, wie in der Ecke stehen oder dem Stubenarrest, stieg ich ohne größeres Training schnell in die höheren Level auf. Ich glaube nicht, dass ich zu der Kategorie „schwer erziehbar“ gehörte (den Eindruck könnte der eine oder andere Leser bei dem Vorausgeschickten durchaus gewinnen), doch brachten mich meine Neugier und mein Wissensdurst immer wieder in spezielle Situationen, die dann durch die oben erwähnten Maßnahmen gewürdigt wurden. In meiner ersten bewussten Erinnerung bin ich etwa 4 Jahre alt; sie steht im Zusammenhang mit einer Wohnungsbesichtigung. Diese Wohnung sollten wir dann später auch mieten. Es handelte sich um eine alte Bauernkate außerhalb von Neetzendorf. Ein alleinstehendes Vierfamilienhaus, in dem schon insgesamt zwölf Kinder lebten. Erwähnen darf ich noch, dass eine Familie keine und zwei Familien jeweils zwei Kinder hatten. Viele Interessen trafen in diesem Haus aufeinander und somit barg diese Konstellation auch ein erhöhtes Konfliktpotential in sich.

Merkwürdig fand ich damals schon, dass wir Kinder das Ehepaar, welches keine Kinder hatte, nicht mochten und dass wiederum dieses Ehepaar die alleinerziehende Mutter mit ihren acht Kindern mied. Jedenfalls besichtigten wir diese Wohnung. Als wir durch die Haustür traten, standen wir schon in der noch werdenden Küche. Werdend deshalb, weil sie mit einem Gerüst als einzigem Möbelstück ausgestattet war. Dieses Gerüst erlangte sofort meine Aufmerksamkeit. Ich erkundete es genau, stieß mir mit aller Wucht, die mir zur Verfügung stand, den Kopf, schrie darauf folgend die ganze Hausgemeinschaft zusammen und vermittelte somit für das spätere Zusammenleben einen bleibenden Eindruck.

Als ich meinen Schmerz wieder einigermaßen im Griff hatte, erkannte ich, dass von der Küche drei Türen abgingen. Auf der linken Seite gab es gar keine Tür, sondern nur einen Durchgang in ein Zimmer. Die Tür geradeaus führte ins Elternschlafzimmer, um von dort aus in die Wohnstube zu gelangen, bis dieses Labyrinth in dem dahinter liegenden Kinderzimmer endete. Ein Fenster war in diesem Kinderzimmer. Es hatte die Form eines Rechteckes und die Tür war in etwa gegenüber dem Fenster angeordnet. Rechts vom Fenster, entlang der langen Seite, stand ein Etagenbett für meine Schwester und mich. Überflüssig zu erwähnen, wer oben schlief, schließlich war ich der Ältere. Entlang der linken, kurzen Seite stand ein Kleiderschrank. Später fand dann noch ein kleiner Schreibtisch, gleich links neben der Tür an der langen Innenwand seine Heimat.

Dieses Zimmer war für mich nicht sonderlich interessant. Ich wollte immer da sein, wo meine Eltern bzw. meine Mutter waren. Da, wo sie ihre Arbeit verrichtete, spielte ich. Also platzierte ich mich fortwährend so, dass sie fast über mich stolperte. Ich entwickelte eine besondere Vorliebe dafür, im Wege zu sein. Ich erinnere mich gern an ganz besondere Momente mit meiner Mutter. Genossen habe ich den Mittagsschlaf mit ihr. Sie legte sich auf das Sofa und ich durfte mich vor ihrem Bauch platzieren. Ich habe sie nie gefragt, ob sie es nur gemacht hatte, um mich in meinen Mittagsschlaf zu begleiten oder ob sie auch geschlafen hatte. Doch immer wenn ich aufwachte war sie schon wieder in ihre Hausarbeit vertieft. Von meiner Mutter erhielt ich meine Zuwendungen, während ich um die Zuwendungen meines Vaters kämpfen musste.

Ich hatte den Anspruch, das Wichtigste in seinem Leben zu sein. Leider musste ich ständig darum kämpfen, um nur annähernd eine Bestätigung für diesen Anspruch zu bekommen.

Er war LKW-Fahrer im Fernverkehr. Er war also in der Woche unterwegs und manchmal auch mehrere Wochen hintereinander. Wenn es hieß, Papa kommt nach Hause, fieberte ich diesem Augenblick schon weit vor dem Ereignis entgegen. Ich fragte meine Mutter ständig danach, wann es denn endlich soweit wäre und ob wir ihn abholen würden oder ob er mit dem LKW nach Hause komme. Auch musste ich jedem erzählen: „Mein Papa kommt heute mit dem großen Sattelschlepper nach Hause.“

Meine Mutter kochte etwas Besonderes und freute sich auf ihn. Nun gab es damals kein Handy und wir wussten nicht genau, wann er kommt, aber irgendwann war das Motorengeräusch des Büssings nicht mehr zu überhören. Freudig und stolz lief ich dem LKW entgegen und kletterte zu meinem Vater ins Führerhaus, als er die Tür öffnete. Ich setzte mich auf seinen Schoß und fuhr mit ihm die letzten 3 – 4 Meter, bis er seine Parkposition fürs Wochenende erreicht hatte. Wir stiegen zusammen aus, er drückte mir seine Tasche in die Hand, gab mir einen Klaps auf den Hintern und entließ mich mit den Worten: „Geh schon mal rein und nimm meine Tasche mit, ich komme gleich nach.“

Wie oft hatte ich das schon gehört! Kam er jetzt noch bevor ich ins Bett musste oder danach? Musste ich gar noch einmal hinterher, um ihn nach Hause zu holen?

Auf der einen Seite hasste ich es, hinter meinem Vater her geschickt zu werden, um ihn aus der Kneipe zu holen. Doch nach der Erfahrung meiner Mutter erhöhten sich die Chancen, dass er mit nach Hause kam, wenn ich ging, um ein Vielfaches, als wenn sie es versucht hätte. Das heißt eine richtige Kneipe war es gar nicht. Die Männer trafen sich immer bei der Betreiberin eines „Tante-Emma-Ladens“ in der Küche oder im Sommer vor der Küche im Hof und betranken sich.

In diesem Laden gab es nicht nur Lebensmittel, sondern auch Bier und andere Spirituosen. Ich glaube, eine Schanklizenz besaß die Frau nicht. Es war so ziemlich immer das gleiche Ritual. „Na mein Junge, setz' dich erst mal hin. Willst du eine Cola?“ Na klar wollte ich eine Cola. Ich setzte mich also auf einen Stuhl, bekam die Cola und hörte mir die Geschichten dieser Männer an. An einzelne Themen erinnere ich mich nicht mehr, habe aber in Erinnerung, dass mein Vater nicht nur zu jedem Thema etwas beisteuern konnte, sondern sogar derjenige war, der am meisten wusste.

Das mag vielleicht daran liegen, dass er sich, wie ich selbst in meiner „Saufzeit“, die Argumente an den Haaren herbeizog, nur um recht zu behalten oder es lag daran, dass er im LKW ständig Radio hörte und so die neusten Nachrichten mitbekam. Wie immer in diesem Spiel ging es um das ewige Männerding – höher, schneller, weiter, besser...

Irgendwann hatte ich auch die zweite Cola ausgetrunken und zog meinem Vater immer öfter am Hosenbein, um so seine Aufmerksamkeit zu gewinnen, damit ich ihm in Erinnerung rufen konnte, dass es Zeit war zu gehen. An dieser Stelle entschied sich der Abend. Entweder kam er jetzt mit, oder ich ging traurig und allein nach Hause.

Damals hatte ich nicht verstehen können, dass der Alkohol und seine Macht größer waren als meine Person und meine Überredungskünste. Natürlich ging ich mit Schuldgefühlen nach Hause, wenn er nicht mitkam. Ich konnte ihm und meiner Mutter nicht genügen. Ich sah nur, wie sie das Essen, welches sie bis zu diesem Zeitpunkt warm gehalten hatte, schweigend vom Herd nahm, mich enttäuscht anschaute und sagte: „Komm mach dich Bett fertig, ich schau gleich noch zu euch rein.“ Sie kam mit traurigen Augen zu mir, unterhielt sich noch einen Augenblick mit mir, in dem sie versuchte, uns zu beruhigen und bevor sie ging beteten wir dieses kleine Kindergebet mit dem damals wohl jedes Kind aufgewachsen war:

Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen, nur Jesus allein. Amen.

Meistens war es so, dass ich in der Nacht noch einmal aufwachte und Streit hörte, wenn Vater dann endlich genug getrunken hatte und nach Hause kam. Samstags lag er dann „in sauer“, wie es meine Mutter auszudrücken pflegte. Er kam nicht aus dem Bett oder erst zum Mittagessen und dann hing der Haussegen schief. Es gab auch für diesen Streit zwei mögliche Ausgänge. Entweder er lenkte ein und beschwichtigte damit den Streit und wir hatten ein relativ entspanntes Wochenende, oder er nährte den Streit, indem er sich rechtfertigte, die Tat verniedlichte oder die Schuld zu übertragen versuchte. Im letzteren Fall flüchtete er dann wutentbrannt aus dem Haus, um sich wieder zu besaufen.

Meine Mutter versuchte, den Betrieb aufrecht und den Garten in Ordnung zu halten und uns Kindern gerecht zu werden. Sie war sehr um uns bemüht und versuchte, uns die Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, die wir brauchten. Sie nahm alles auf sich, um uns irgendwie ein Familienleben zu bieten. Wenn das Geld mal wieder nicht reichte, besorgte sie sich eine Hilfsarbeit, um etwas beiseite zu legen, damit wir auch mal etwas außerhalb der Reihe bekamen. Ja sie opferte sich nahezu für uns auf. Vielleicht auch, um ihre eigenen Schuldgefühle als Co-Abhängige abzumildern.

Wenn er die andere Variante wählte und einlenkte, dann machte er sich zu Hause nützlich. Er mähte Rasen oder bastelte irgendetwas am Auto.

Diese Wohnung hatte kein Badezimmer. Über dem Hof im Stall gab es ein Plumpsklo, und gebadet wurde am Samstagabend. In der einen Stallhälfte war eine Waschküche mit einem beheizbaren Waschkessel untergebracht. Dort wurde das Badewasser angeheizt und dann in die alte Zinkwanne abgeschöpft. Im Sommer badeten wir in der Waschküche und mussten dann über den Hof ins Haus laufen, und im Winter wurde die Badewanne in der Küche aufgestellt. Es war immer das gleiche Ritual. Erst badeten wir Kinder, dann meine Mutter und als letztes mein Vater, wenn er denn zu Hause war. Später wurde von dem Zimmer links neben der Küche ein Durchbruch ins Hausinnere zur großen Hausdiele gemacht. Von der Hausdiele wurde dann ein Raum von 3m mal 7m abgetrennt. Es wurde ein Fundament gegossen, zwei Wände wurden hochgezogen, der Raum noch einmal durch eine Wand geteilt, eine Decke eingezogen und schon war das Badezimmer fertig. Auch wurden vorher die Nutz-, Abwasser- und Stromleitungen gelegt.

Nun hatten wir zu unserer Wohnung noch einen Abstellraum, in dem eine Kühltruhe untergebracht werden konnte und ein Badezimmer bekommen. Auch wurde das Badewasser in einem großen, elektrischen Boiler beheizt. Dies dauerte eine ganze Weile und fiel immer mit dem Rasenmähen zusammen. Das an sich wäre nicht so schlimm gewesen, nur leider kam zur selben Zeit meine Lieblingssendung im Fernsehen: Raumschiff Enterprise.

Da die Stromversorgung in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht so perfekt war, brach die Spannung zusammen und das Fernsehbild verkleinerte sich um 30%, es wurde erheblich dunkler und der Ton hörte sich nur verzerrt an. Wir hatten noch ein schwarzweiß-Fernsehgerät mit Röhrentechnik. So ist es nun mal: Wenn die Röhren nicht mit der richtigen Spannung versorgt wurden, brachten sie auch nicht die richtige Verstärkung der einzelnen Signale und somit verkleinerte sich das Bild, wurde dunkler und der Ton schnarrte. Ich hatte es immer wieder beklagt, doch es wurde auf meine Belange keine Rücksicht genommen.

Ich hätte noch eine Alternative gehabt: meine Großeltern. Sie wohnten in einem alleinstehenden Bahnerhaus, an der Bahnstrecke Dannenberg – Lüneburg. Mein Opa kaufte es für 5000,- DM der Deutschen Bahn ab. Ich konnte das Haus auch gut durch den Wald erreichen. Wenn ich lief, war ich in 10 Minuten da. Leider gab es dort keinen Strom als mein Großvater das Haus kaufte, und so mussten sie aus dem etwa einen Kilometer entfernten Ort Süschendorf ein Erdkabel verlegen, damit das Haus mit Strom versorgt wurde. So weit, so gut. Leider wurden zur gleichen Zeit, da meine Sendung lief, in Süschendorf die Kühe mit den elektrischen Melkmaschinen gemolken. Also brach auch bei meinen Großeltern die Spannung zusammen und ich blickte wieder im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre.

Ab und zu bekamen meine Eltern samstags auch Gäste: Tante Gitti und Onkel Harry. Ich glaube, mein Vater ist mit Onkel Harry LKW gefahren und sie hatten sich angefreundet. Auch war mal ein Kollege aus Hamburg mit seiner Familie und einem großen Wohnwagen da. Meine Mutter musste dann immer Bier und Schnaps holen. Wir müssen doch etwas anbieten, hörte ich meinen Vater sagen. Wie meine Mutter das bezahlte, war ihm egal. Hauptsache, sie besorgte etwas.

Ich kann mir heute vorstellen, wie widerwillig sie das getan haben musste. Doch Alkohol war damals noch wesentlich anerkannter in der Gesellschaft als heute, und somit hatte sie die schlechteren Argumente. Bei solchen Besuchen hatte ich dann auch meine ersten Erfahrungen mit Alkohol. Ich glaube, mein Vater war es, der mir mal ein Schnapsglas zum Auslecken gab und sich darüber amüsierte, wie ich meine Schnute verzog. Nur irgendwann verzog ich mich unter dem Wohnzimmertisch und wurde durch die lang an den Seiten herunterhängende Tischdecke vor Entdeckungen geschützt. Von dort aus griff ich immer wieder mit meinen kleinen Ärmchen nach den am Tischrand stehenden Schnapsgläsern. Ich kann nicht sagen, ob diese kleinen Alkoholmengen Einfluss auf meinen späteren Alkoholismus hatten, aber die Atmosphäre, die Stimmung und das Gefühl, Alkohol gehöre zu einem „guten und fröhlichen“ Leben dazu, wurde transportiert und hat mich geprägt.

Auch sah ich meinen Vater, wenn er etwas im Haus, im Garten oder am Auto tat, immer mit einer Flasche Bier. Wenn er etwas fertig gestellt hatte, kam folgender Satz: „Jetzt haben wir uns aber ein Bierchen verdient.“ „Wir“ deshalb, weil er immer irgendwie Hilfe brauchte. Ich glaube, diese Hilfe war nur dazu nötig, um ihm die Rechtfertigung für das Trinken zu liefern. Denn es war nun mal so, dass bei der Arbeit getrunken wurde, und weil er wusste, dass meine Mutter etwas dagegen hatte, holte er sich Hilfe, damit er genau dieser etwas anbieten konnte und schuf sich damit die Gelegenheit, selbst trinken zu können.

Ich glaube, mein Vater suchte nur seinen Platz im Leben, und während der Suche lief er der Anerkennung für sich hinterher, die er von seinen Eltern nicht bekam. Sein Vater arbeitete in Hamburg bei der Justiz und die Familie wohnte auf dem Land, nur etwa 20 Kilometer von unserem damaligen Wohnort entfernt. Er durfte nicht den Beruf erlernen, den er wollte, also rebellierte er und verweigerte sich völlig.

Meine Oma führte über die Schandtaten ihrer Jungs Buch und am Wochenende, wenn mein Opa dann aus Hamburg kam, bezogen die Jungs, mein Vater und sein Bruder, dafür die Prügel. Statt einen Beruf lernen zu dürfen, musste er bei den Verwandten meiner Oma auf dem Bauernhof arbeiten.

Den Lohn dafür verwaltete meine Oma. Selbst für das Geld einer Schachtel Zigaretten musste mein Vater einen halben Tag betteln, um es zu bekommen. Er wurde zur Unselbstständigkeit erzogen. Er befand sich in immer nur einem Muster und das hieß Abhängigkeit, aus der er sich nicht befreien konnte.

Dann kam die Bundeswehr, bei der er völlig über die Stränge schlug. Er schaffte es, dass er vorzeitig, und ich glaube auch unehrenhaft, als Zeitsoldat entlassen wurde. Immerhin machte er alle Führerscheine, aber in die Unteroffizierlaufbahn wollte er nicht. Wenn die dazu nötigen Lehrgänge anstanden, war er krank. Er begab sich dann durch die Heirat mit meiner Mutter in die nächste Abhängigkeit. Und letztlich fing ihn die Abhängigkeit von Anerkennung und dem Alkohol ein. Die beiden letzteren bekamen immer mehr Gewicht.

Ich kann mich an Prahlereien erinnern, die jeglicher Wahrheit entbehrten. Doch damals war er für mich der Größte. Ich hätte ihm alles geglaubt. Mann, war ich stolz, wenn er mich in den Ferien mal mit auf große Tour nahm und ich auf dem Beifahrersitz in dem großen LKW Platz nehmen durfte. Ich bin ein paar mal mitgefahren. Wohin wir im Einzelnen gefahren sind, kann ich nicht mehr sagen, nur an eine Berlinfahrt kann ich mich erinnern. Es war unheimlich aufregend für mich, doch aus der Aufregung wurde sehr schnell Langeweile. So den ganzen Tag auf der Autobahn ist dann eben doch nichts für einen 8-Jährigen. Wenn die Langeweile zu groß wurde, durfte ich mich in die Koje legen, die im Führerhaus hinter den Sitzen angebracht war.

Mein Vater erzählte mir wahre Horrorgeschichten über seine Erlebnisse an der innerdeutschen Grenze. Dass man kein Wort zu viel erzählen dürfe, sonst würde man sofort verhaftet, und dass sie wahrscheinlich wieder den ganzen LKW auseinandernehmen würden. Wir könnten nur von Glück sagen, dass unsere Ladung verplombt sei. Die Grenzüberfahrt war schon etwas Besonderes und dauerte auch länger als wenn man von der Bundesrepublik nach Dänemark oder Frankreich fahren würde, aber so gruselig, wie mein Vater sie vorher dargestellt hatte, war es dann doch nicht.

Unterwegs schilderte er mir in allen Einzelheiten was die VoPo's, das war die Volks-Polizei, so alles mit einem machen würden. „Die warten nur auf jeden Westler, um an die D-Mark zu kommen.“ An jedem Bahnübergang würden sie blitzen und „wer da nicht die vorgeschriebenen 20km/h fährt, wird richtig zur Kasse gebeten.“ Ich merkte, dass mein Vater wirklich betont langsam über jeden Bahnübergang fuhr und an manchen haben wir tatsächlich, hinter großen Schildern versteckt, einen Blitzer gesehen, aber bei weitem nicht an allen.

Aufregend war die Fahrt auf alle Fälle. Zu sehen, dass es ein anderes Deutschland gab. Die Menschen dort sprachen zwar dieselbe Sprache wie wir, aber es war trotzdem anders. Die Verkehrsschilder waren anders und es sah alles etwas schäbig aus. So habe ich es zu mindestens empfunden, und so habe ich es mit meinen Kinderaugen gesehen.

Und immer wieder erzählte er mir, wie gut wir es doch „bei uns“ hätten. Auf unseren Autobahnen zeigte er mir die DDR-Laster. Er behauptete, dass die DDR-LKWs nur hier bei uns kaputt gingen, weil sie dann schneller die Ersatzteile bekämen und der Schaden sofort repariert werden würde, weil die Gefahr sehr hoch war, dass die Fahrer hier in der Bundesrepublik bleiben und somit Republikflucht begehen könnten.

Ich genoss es ihm zuzuhören und bei ihm zu sein. Seine Aufmerksamkeit zu haben, denn wenn wir im LKW saßen, konnte er nicht flüchten. Wenn er fuhr, trank er nicht. Zum mindesten nicht zu dieser Zeit.

Größer für mich war nur mein Großvater mütterlicherseits. Auch ihn hatten das Leben und zwei Kriege geprägt. Den 1. Weltkrieg hatte er als Kind und Heranwachsender erlebt und den 2. als Soldat und Bauer. Die Familie meiner Mutter war aus Schlesien geflohen. Sie mussten ihr Zuhause in Golschau (heute Golostovice), einem kleinen Ort etwa 70km südlich von Breslau in Niederschlesien, aufgeben und Richtung Westen vor den einmarschierenden sowjetischen Truppen flüchten. Der Hof meines Großvaters und der Nachbarhof, es war der Hof von dem meine Großmutter stammte, waren mit 36 Hektar Land die größten Höfe in diesem Ort. Ich selbst war 2 mal mit meiner Mutter dort und einmal allein.

Der heutige Besitzer ist der Sohn der Familie, die dort in dem Jahr vor Kriegsende einquartiert worden war. Sie selbst sind von den Sowjets aus Galizien vertrieben worden. Teile davon liegen in der heutigen Ukraine und in Polen. Meine Großeltern hatten den Hof das letzte Jahr gemeinsam mit seinen Eltern betrieben. Die Gebäude waren in U-Form angeordnet. Vor dem U war eine 20m lange Auffahrt, die auf der rechten Seite von einem Obstgarten und auf der linken Seite von einem Gemüsegarten flankiert war. Am Ende der Auffahrt stand ein Zaun mit einem mächtigen Tor, welches das U abschloss. Der rechte Ausläufer des U's begann mit dem großen Wohnhaus. Das Erdgeschoss, mit dem großen Flur, der geradeaus angrenzenden Sommerküche, links der Winterküche und rechts dem „guten Wohnbereich“ mit zwei großen Zimmern. Im Obergeschoss befand sich das Altenteil mit zwei großzügigen Zimmern, Elternschlafzimmer, zwei Kinderzimmer, und die Dienstmädchenkammer.

Dann kam der 1. Boden mit eingebauter Räucherkammer und dann der 2. Boden, der zum Trocknen von z.B. Nüssen genutzt wurde. Dieser U-Ausläufer wurde vom Pferdestall abgeschlossen. Der Querträger des U's war einen riesige Scheune. Bezeichnend waren die vier großen Tore. Zwei rechts, jeweils eines zur Hofinnenseite und eines zur dahinter liegenden Hofwiese angeordnet, und zwei auf der linken Seite.

Da in der Mitte des Innenhofes der große Misthaufen angelegt war, konnte man mit der Ernte zum rechten Innenhoftor in die Scheune hinein fahren und abladen, um zum hinteren Tor hinaus auf die Hofwiese zu fahren, dort umzudrehen und auf der linken Seite, durch die beiden Tore, die Scheune wieder zu verlassen. In der Zwischenzeit konnte auf der rechten Seite der nächste Wagen nachrücken.

In der Scheune stand noch die alte Dreschmaschine, die mit einem Riemen angetrieben wurde neben dem modernen Mähdrescher.

Der linke U-Ausläufer beherbergte die Kuh- und Schweineställe.

Als ich das 1. mal mit meiner Mutter die Hofauffahrt entlang durch das große Tor fuhr, mein Auto auf der rechten Seite auf Höhe des Pferdestalls parkte und ausstieg, fühlte ich mich sofort Zuhause.

Obwohl ich weit nach Kriegsende geboren wurde und nichts mit Schlesien und dem ehemaligen Zuhause meiner Großeltern und meiner Mutter zu tun hatte, war dies Gefühl einfach da. Auch meine Tante, die jüngste Schwester meiner Mutter, die auch schon in der Bundesrepublik geboren wurde, war sichtlich beeindruckt. Sie hatte lange überlegt, ob sie mitfahren sollte, als ich es ihr anbot.

Ich konnte dieses Zögern gar nicht verstehen, ich war so begeistert und bei ihr war nur Zurückhaltung zu spüren. Es sollte sich erst am Ende unserer Reise für mich aufklären. Dort nahm sich mich in den Arm, bedankte sich bei mir, dass ich sie überredet hatte mitzufahren und erzählte mir, warum sie gezögert hatte.