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Warum fühlen, denken, verhalten wir uns so, wie wir es tun? Der Psychiater Thomas A. Harris, mit Eric Berne («Spiele der Erwachsenen») hat die Transaktionsanalyse begründet, die sich mit genau dieser Frage beschäftigt. Harris erklärt an anschaulichen Beispielen aus dem Alltagsleben die vier Grundeinstellungen, die das Verhalten aller Menschen bestimmen. Er wendet sein System an auf Probleme in der Ehe und bei der Kindererziehung, auf psychische und geistige Störungen, auf Aggression und Gewalt, auf Generationenkonflikte, auf Vorurteile gegenüber Minderheiten, auf Fragen der Kreativität, Schwierigkeiten in der Pubertätszeit, ethische und religiöse Überzeugungen und internationale Spannungen.
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Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2011
Thomas A. Harris
Wie wir uns selbst besser verstehen und unsere Einstellung zu anderen verändern können. Eine Einführung in die Transaktionsanalyse
Thomas A. Harris hat zusammen mit Eric Berne («Spiele der Erwachsenen») die Transaktionsanalyse wissenschaftlich begründet und praktisch erprobt. Das vorliegende Buch ist die Summe seiner zehnjährigen Arbeit mit Einzelnen und Gruppen. Harris erklärt an anschaulichen Beispielen aus dem Alltagsleben die vier Grundeinstellungen, die das Verhalten aller Menschen bestimmen. Er wendet sein System an auf Probleme in der Ehe und bei der Kindererziehung, auf psychische und geistige Störungen, auf Aggression und Gewalt, auf die Generationenkonflikte, auf Vorurteile gegenüber Minderheiten, auf Fragen der Kreativität, Schwierigkeiten in der Pubertätszeit, ethische und religiöse Überzeugungen und internationale Spannungen.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel I’M OK – YOU’RE OK: A PRACTICAL GUIDE TO TRANSACTIONAL ANALYSIS bei Harper & Row, New York.
Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2011
Copyright © 1973 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
I’M OK – YOU’RE OK: A PRACTICAL GUIDE TO TRANSACTIONAL ANALYSIS © Thomas A. Harris, M. D., 1967, 1968, 1969
Umschlaggestaltung Beate Becker
Infografiken im Innenteil Christof Tisch, Wiesbaden
ISBN Buchausgabe 978-3-499-16916-8 (45. Auflage 2011)
ISBN Digitalbuch 978-3-644-01221-9
www.rowohlt-digitalbuch.de
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Amy
An den Leser
Enttäuschung und Hoffnung
1. Freud, Penfield und Berne
Der Gehirnchirurg mit der Sonde
Eine wissenschaftliche Grundeinheit: die Transaktion
2. Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kindheits-Ich
Das Eltern-Ich
Das Kindheits-Ich
Das Erwachsenen-Ich
3. Die vier Lebensanschauungen
4. Wir können uns ändern
Das emanzipierte Erwachsenen-Ich
Warum wollen Menschen sich ändern?
Hat der Mensch einen freien Willen?
5. Wie man die Transaktion analysiert
Woran ist das Eltern-Ich zu erkennen?
Woran ist das Kindheits-Ich zu erkennen?
Woran ist das Erwachsenen-Ich zu erkennen?
Weitere Beispiele für Komplementär-Transaktionen
Transaktionen zwischen Eltern-Ich und Kindheits-Ich
Transaktionen zwischen Kindheits-Ich und Erwachsenen-Ich
Transaktionen zwischen Erwachsenen-Ich und Eltern-Ich
Nichtkomplementäre oder Überkreuz-Transaktionen
Wie man im Erwachsenen-Ich bleibt
6. Worin wir uns unterscheiden
Trübung
Ausschluss
Der Mensch, der nicht spielen kann
Der Mensch ohne Gewissen
Das ausgeschaltete Erwachsenen-Ich
Periodisches Blockieren bei der manisch-depressiven Persönlichkeit
Der Langweiler
Unterschiede im Inhalt von El-Er-K
7. Wie wir mit der Zeit umgehen
8. El-Er-K und Ehe
Die Zielsetzung
9. El-Er-K und Kinder
Wo soll man beginnen?
Das Kind im Schulalter
Die Behandlung von Kindern in der Vorpubertät
Das adoptierte Kind
Das misshandelte Kind
El-Er-K und geistig behinderte Kinder
10. El-Er-K und Jugendliche
11. Wann ist eine Behandlung nötig?
Diagnose
Warum Gruppentherapie?
12. El-Er-K und moralische Werte
Was ist ein rationaler Moralkodex?
Ist eine Übereinkunft über moralische Werte möglich?
Der Wert des Menschen
«Ich bin wichtig, du bist wichtig»
«Es funktioniert nicht»
Das ursprüngliche Spiel ist die ursprüngliche Sünde
El-Er-K und Religion
Was ist eine religiöse Erfahrung?
Wie wird ein religiöses Erlebnis empfunden?
Menschen in der Perspektive
Was ist Realitätstherapie?
13. Soziale Folgerungen aus El-Er-K
Ist diese jüngere Generation anders?
Die Analyse internationaler Transaktionen
Gewinner und Verlierer
Nachwort und Danksagungen
Für Amy
meine Mitarbeiterin
meine Mitdenkerin
meine Friedenstifterin
meine Freude
meine Frau
Wie man dieses Buch nicht lesen soll
Diagonal; in Stichproben; mal hier, mal da; mit dem feuchten Finger blätternd; indem man sich interessante Stellen herauspickt; indem man sich irgendwo zufällig festliest.
Wie man dieses Buch lesen sollte
Am besten so, wie geschrieben wurde: Seite für Seite vom Anfang bis zum Ende.
Denn
wer spätere Kapitel vor den ersten liest, kann das in diesem Buch dargestellte wissenschaftlich-ärztliche Verfahren und das dazugehörige Vokabular nicht verstehen.
Wenn
der Drang einiger Leser jedoch unwiderstehlich bleibt, auch dieses Buch unsystematisch an verschiedenen Stellen anzulesen,
dann
möchte ich betonen, dass fünf Begriffe auf den folgenden Seiten eine besondere Bedeutung haben, die vom alltäglichen Wortgebrauch abweichen. Es handelt sich um «Eltern» – «Erwachsener» – «Kind» – «o.k. (okay)» – «Spiele».
Thomas A. Harris
Ein Vorwort zur Einführung
In den letzten Jahren häufen sich die Beweise dafür, dass immer mehr Menschen von der bisherigen Psychiatrie immer weniger halten. Woran liegt das? Die vielgestaltigen seelischen Nöte und Leiden im Leben des einzelnen Menschen und im Zusammenleben großer Gruppen, Massen und Völker schreien förmlich nach Hilfe, nach Abhilfe. Die traditionelle Psychiatrie versprach diese Hilfe, wenn schon nicht dauerhafte Heilung, so doch wenigstens spürbare und anhaltende Linderung. Dieses Versprechen scheint die bislang gelehrte und praktizierte «Seelenheilkunde» nicht eingelöst zu haben nach dem Urteil einer rasch anwachsenden Zahl von Zeitgenossen. Die Enttäuschung über die Psychiatrie drückt sich aus in Kritik an der angeblichen Unfehlbarkeit dieser Wissenschaft, an ihrer vagen und esoterischen Terminologie, an den enormen Kosten und an der langen Dauer psychiatrischer Behandlung sowie an den zweifelhaften Behandlungs-«Erfolgen».
Viele Menschen machen sich insgeheim oder öffentlich lustig über den verschrobenen «Seelendoktor»: er sei wie der Blinde, der in einer Dunkelkammer nach einer schwarzen Katze sucht, die überhaupt nicht da ist.
Zwar setzen sich die Zeitschriften und Verbände der Mental-Health-Bewegung energisch für die Förderung psychischer Gesundheit beim Individuum und in der Gesellschaft ein und stützen sich dabei auf die Erfolge psychiatrischer Heilbehandlung. Aber was ist eigentlich unter psychiatrischer Behandlung zu verstehen? Welche Erfolge kann sie vorweisen?
Jahr für Jahr stürmt eine Flut von Veröffentlichungen über Wesen und Wert der Psychiatrie in die Öffentlichkeit hinaus. Und trotzdem: es finden sich darin verschwindend wenige wirklich stichhaltige Tatsachen. Selbst diejenigen Menschen, die dringend eine Behandlung brauchen, werden davon nicht zum Umdenken bewogen, sondern halten unverändert fest an der Witzblattvorstellung vom Irrenarzt in der Klapsmühle oder vom «Tiefenheini» mit Sigmund-Freud-Bärtchen und Hornbrille, der hinter der Couch sitzt und den sexuellen Geständnissen seiner zahlungskräftigen Klienten lauscht.
Enttäuschung über die Psychiatrie hört man neuerdings keineswegs nur von Patienten und im Laienpublikum, sondern genauso unmissverständlich auch von Psychiatern. Ich bin einer von diesen Psychiatern. Dieses Buch ist das Ergebnis meiner Suche nach konkreten Antworten auf konkrete Fragen: Wie funktioniert der Geist? Warum verhalten wir uns eigentlich so, wie wir uns verhalten? Und wie können wir lernen, über unseren Schatten zu springen? Die Lösung dieser Probleme ist in greifbare Nähe gerückt, seit die Psychiatrie einen entscheidenden Fortschritt erlebt hat, der zu großen Hoffnungen berechtigt. Es handelt sich um eine neue Methode, die als Transaktions-Analyse bezeichnet wird.
Transaktions-Analyse: was heißt das? Zur vorläufigen Verständigung über diesen Begriff mag folgende Erklärung genügen.
Eine «Transaktion» im speziellen psychologischen Sinne ist gewissermaßen ein seelischer Geschäftsabschluss zwischen zwei Menschen. Der eine bietet «etwas» (ein Verhalten) an, der andere steigt in das Geschäft ein und nimmt das Angebot an, indem er in entsprechender Währung zurückzahlt. Zwischen einem «Sender» und einem «Empfänger» spielt sich ein kompliziertes Geben und Nehmen ab. Die Rollen des Senders und des Empfängers können dabei blitzschnell und wiederholt ausgetauscht werden. Immer aber übt ein bestimmter Ich-Zustand des Senders einen Reiz aus auf den Empfänger, der mit verbalen oder nichtverbalen Verhaltenssignalen seines jeweils angesprochenen Ich-Zustandes darauf reagiert.
Was sich in dieser abstrakten Formulierung so unverständlich ausnimmt, erleben wir tagtäglich hundertmal bei jedem scheinbar noch so unbedeutenden zwischenmenschlichen Kontakt.
Wenn Hans zu Grete sagt: «Wo hast du denn schon wieder meinen Autoschlüssel versteckt?», und Grete antwortet: «Wenn du so weitermachst, hast du bald deinen Herzinfarkt. Autofahren ist Gift für dich», dann ist dieser Allerweltsdialog eine «Transaktion». Die Transaktions-Analyse arbeitet nun heraus, warum Hans und Grete miteinander so umgehen, wie sie es tun, und warum Hans nicht einfach fragt: «Weißt du, wo der Autoschlüssel ist?», und warum Grete darauf nicht ebenso einfach antwortet: «Leider nicht. Aber hast du schon im Regenmantel nachgesehen?» Das mag vorerst genügen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, was sich hinter dem abschreckend wirkenden Fremdwort «Transaktions-Analyse» verbirgt.
Die Transaktions-Analyse ist eine neue und wirksame Methode der Psychiatrie. Sie hilft allen, die sich verändern wollen, statt sich anzupassen. Sie ist wirklichkeitsnah, denn sie eröffnet dem Patienten die Chance, ungeachtet seiner Vergangenheit seine Zukunft selbst gestalten zu können. Darüber hinaus befähigt uns die Transaktions-Analyse dazu, uns zu verändern, andere Menschen zu werden, unser Verhalten zu kontrollieren und selbst zu lenken – und zu entdecken, dass wir unser Schicksal frei wählen können.
Es ist leider eine unbestreitbare Tatsache, dass der Bedarf an psychiatrischer Hilfe täglich zunimmt und dass die tatsächlich geleistete psychiatrische Versorgung der Bevölkerung damit nicht nur nicht Schritt halten kann, sondern auch noch immer weiter zurückfällt. Diese schreiende Not kann offenkundig mit den bisher angewandten Verfahren der Psychiatrie nicht gelindert, geschweige denn behoben werden.
Vor allem zwei Eigenschaften der Transaktions-Analyse berechtigen zu der Hoffnung, die Kluft zwischen Behandlungsnotwendigkeit und Behandlungsmöglichkeiten lasse sich doch überbrücken.
Erstens: Die Transaktions-Analyse als Behandlungsmethode operiert mit einem Vokabular, das jedermann versteht. Die Sprache der Transaktions-Analyse ist nicht ein geheimnisumwittertes Machtsymbol, mit dem der Therapeut seinen Patienten verzaubert und manipuliert. Der Transaktions-Analytiker kann gerade wegen der Allgemeinverständlichkeit der Begriffe mit dem Patienten zusammenarbeiten. Die Begriffe der Transaktions-Analyse decken sich mit seelischen Zuständen und Vorgängen, die real existieren, mit Erfahrungstatsachen, wie sie im konkreten Erleben konkreter Menschen vorkommen.
Zweitens: Die Transaktions-Analyse bewährt sich am wirkungsvollsten bei der Arbeit in Gruppen. Weil sie sich in einer verständlichen Sprache vollzieht, kann man sie gleichzeitig mit mehreren Menschen praktizieren, die nach Alter, Geschlecht, Rasse, Religion, Intelligenz, Ausbildung und sozialer Herkunft ganz verschieden sein können.
Die Erfahrungen mit der Transaktions-Analyse in der Einzel- und Gruppentherapie sind so ermutigend, dass heute nicht nur ausgebildete Psychiater damit arbeiten, sondern auch Ärzte anderer Fachrichtungen, Psychologen, Sozialarbeiter, Bewährungshelfer, Krankenschwestern, Lehrer, Kindergärtnerinnen, Personalchefs, Juristen, Pfarrer, Eheberater, Sporttrainer, Reiseleiter …
Alle, die sich mit Menschen in kleinen und großen Gruppen beschäftigen und die wissen, wie störungsanfällig das menschliche Zusammenleben grundsätzlich ist, machen mit Hilfe der Transaktions-Analyse die beglückende Erfahrung, wie schon nach der ersten Behandlungsstunde die Menschen sich zu verändern beginnen, wie ungeahnte Kräfte sich entfalten, wie schlummernde Fähigkeiten erwachen und wie die Schatten der Vergangenheit weichen.
Der entscheidende Vorzug der Transaktions-Analyse ist, dass sie nicht auf einen Patienten angewendet wird, sondern dass sie dem Menschen in seelischer Not ein brauchbares Werkzeug an die Hand gibt, mit dem er an sich selbst arbeiten kann. Dieses Buch dient dazu, den Leser mit diesem neuen Werkzeug vertraut zu machen. Benutzen kann es jeder. Man muss nicht «krank» sein, um davon einen Nutzen zu haben.
Zu allen Zeiten der Geschichte ist das Wesen des Menschen in einer Hinsicht immer gleich gesehen worden: dass nämlich der Mensch ein uneinheitliches, ein aus Gegensätzen gemischtes Wesen ist. Am häufigsten hat sich diese mythische, philosophische oder religiöse Vorstellung ausgedrückt in der Idee von der Doppelnatur des Menschen: … «Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.» Immer wurde dieses Denkmodell vom Menschen als einem Zwitterwesen so ausgelegt, dass die zwei Seelen in der einen Brust miteinander im Streit liegen: das Gute widerstreitet dem Bösen, das Gemeine dem Erhabenen, das Innere dem Äußeren.
«Es gibt Zeiten», schreibt Somerset Maugham, «in denen ich die verschiedenen Teile meines Charakters mit Bestürzung betrachte. Ich erkenne, dass ich aus verschiedenen Personen bestehe und dass die Person, die im Moment die Oberhand hat, unvermeidlich einer anderen weichen wird. Aber welche ist die wirkliche? Alle oder keine?»
Dass der Mensch nach dem Guten streben und es erreichen kann, wurde immer wieder im Laufe der Geschichte bewiesen, wie immer dieses Gute auch definiert wurde. Moses sah das Gute vor allem als Gerechtigkeit, Plato im Wesentlichen als Weisheit und Jesus im Kern als Liebe; doch sie alle stimmten darin überein, dass die Tugend, wie immer sie verstanden werden mochte, ständig von etwas in der menschlichen Natur unterminiert wurde, was mit etwas anderem im Streit lag. Aber um was handelte es sich auf der einen wie auf der anderen Seite?
Als Sigmund Freud um die Jahrhundertwende mit seinen bahnbrechenden Arbeiten hervortrat, wurde diese Frage neu aufgerollt. Der Wiener Nervenarzt ging das Problem mit naturwissenschaftlichen Methoden an. Sein grundlegend neues Konzept war die Theorie: der Kampf der gegnerischen Kräfte wird im Unbewussten ausgetragen. Die gegnerischen Kräfte erhielten probeweise Namen. Das Über-Ich bekam die Rolle des Zensors, der das Es (das Reservoir der triebhaften psychischen Energie) seiner Kontrolle unterwerfen will, während das Ich als Mittler zwischen beiden im «aufgeklärten Selbst-Interesse» der ganzen Person auftritt.
Freud hat eine großartige Pioniertat vollbracht, indem er die theoretischen Grundlagen schuf, auf denen wir heute aufbauen. Für dieses bleibende Verdienst sind wir ihm zu tiefem Dank verpflichtet. Im Laufe der Jahre haben Theoretiker und Kliniker seine Theorien weiterentwickelt, systematisiert und ergänzt. Doch die «Kräfte im Inneren» entschlüpfen nach wie vor dem sicheren Begreifen. Die Literatur über Psychoanalyse schwillt mehr und mehr an, auf die Bücher legt sich der Staub, schon entsteht eine unübersehbare Sekundärliteratur, und trotzdem: all diese Anstrengungen haben anscheinend das wesentliche Ziel nicht erreicht, nämlich den Menschen bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen, um die es der ganzen Psychoanalyse eigentlich geht.
Als ich mir vor Jahren den Film ‹Wer hat Angst vor Virginia Woolf?› ansah, hörte ich am Schluss der Vorstellung beim Hinausgehen, wie einige Zuschauer ihren Gefühlen Luft machten mit Kommentaren wie: «Jetzt hab ich aber wirklich die Nase voll!», «Da geht man nun ins Kino, um sich ein paar schöne Stunden zu machen, und dann zeigen die einem das Mieseste vom Miesen», «Ich möchte wissen, warum man solche Sachen überhaupt in der Öffentlichkeit breittreten will», «Also ich hab von alldem gar nichts verstanden, wahrscheinlich kommt man hinter das Ganze nur, wenn man Psychologie studiert hat». Ich hatte den Eindruck, dass viele Zuschauer sich fragten, wovon der Film eigentlich handelte. Sie fühlten wohl irgendwie, dass die Geschichte einen tieferen Sinn haben müsse, aber sie konnten ihn nicht entziffern. Sie wussten nicht, was sie daraus ableiten sollten für ihr eigenes Leben, etwas, das ihnen selber Aufschluss gäbe über die geheime Regie ihrer privaten Dramen.
Wir lassen uns gehörig imponieren von solchen Formulierungen wie Freuds Definition der Psychoanalyse als einer dynamischen Konzeption, die das psychische Geschehen reduziere auf das Wechselspiel zwischen triebhaft drängenden und verdrängend kontrollierenden Kräften. Eine solche Definition und ihre unzähligen Verfeinerungen und Variationen mögen ihren Sinn haben – für die Eingeweihten. Aber welchen Sinn haben sie für die, um die es bei der Psychoanalyse in erster Linie geht, für die Menschen, die leiden?
George und Martha in Edward Albees Stück ‹Wer hat Angst vor Virginia Woolf?› werfen sich knallharte, blutwarme und zotenstrotzende Sätze an den Kopf, die mitten ins Schwarze treffen und einfach sitzen. Es fragt sich nun, ob wir Therapeuten mit George und Martha genauso treffsicher und «hautnah» sprechen können über die Gründe, warum sie so handeln, wie sie es tun, und warum sie so leiden, wie sie tatsächlich leiden. Wie kommen wir dahin, dass unsere Worte nicht nur wahr sind, sondern auch wirklich helfen, weil man sie nämlich verstehen kann? «Was der da sagt, sind böhmische Dörfer für mich. Ich weiß überhaupt nicht, wovon die Rede ist», diese Einstellung haben viele Menschen gegenüber dem Fachmann für Psychologie. Wenn man esoterische psychoanalytische Theorien in einer noch esoterischeren Terminologie ausdrückt, dann kann man nicht erwarten, damit das Leben der Menschen auch nur im Geringsten durchschaubarer zu machen für sie. Dieses Dilemma hat zur Folge, dass der Laie (die Milliardenmehrheit der Nichtfachleute!) seine Lebensweisheiten meist nur in läppischem Geschwafel zum Ausdruck bringt und bei seinen Gesprächen kaum je unter die platteste Oberfläche vorstößt mit solchen abgedroschenen Phrasen wie: «Was soll’s? Da kann man eben nichts machen.» Und was das Schlimmste ist: er ahnt nicht einmal von ferne, was man sehr wohl anders machen könnte, besser machen könnte.
Die immer schmerzhafter empfundene Entfremdung als Merkmal unserer Zeit entspringt sicher ganz wesentlich der Kluft zwischen Spezialisierung auf der einen und dem Streben nach Integration auf der anderen Seite, wodurch der Graben zwischen dem Fachmann und dem Nichtfachmann immer unüberbrückbarer wird. Alles wird aufgeteilt in immer kleinere Spezialgebiete, zwischen denen fast keine Kommunikation mehr möglich ist, die sie wieder in ein Ganzes integrieren könnte. So herrschen im Bereich der Technik unumschränkt nur die Ingenieure, vom menschlichen Verhalten verstehen nur die Psychologen und Psychiater etwas, um die Gesetzgebung kümmern sich nur die Politiker und selbst die Entscheidung, ob und wann wir Kinder kriegen sollen, beansprucht die Kirche für sich allein. Man versteht schon, wie es zu diesem allgemeinen Trend kommen konnte. Aber längst sind die Gefahren, die aus dem Mangel an gegenseitigem Verständnis und aus dem Fehlen fast jeder Kommunikationsmöglichkeit erwachsen, so bedrohlich geworden, dass Mittel und Wege gefunden werden müssen, die es der Sprache ermöglichen, mit dem Gang der Forschung Schritt zu halten.
Auf dem Gebiet der Mathematik beschreitet man neue Wege in dieser Richtung. Die Mengenlehre wird schon von der ersten Klasse an unterrichtet. Die sogenannte Neue Mathematik ist weniger ein neues Rechenverfahren als vielmehr ein neues Denkverfahren, mit dessen Hilfe sich mathematische Vorstellungen besser vermitteln lassen. Die Neue Mathematik erleichtert die Kommunikation über mathematische Denkinhalte. Sie erklärt nicht nur das Was, sondern auch das Warum. Damit wird es möglich, dass Anreiz und Spannung der Weltraumfahrt oder der elektronischen Datenverarbeitung nicht mehr ausschließlich den elitären Zirkel der Spezialisten inspirieren, sondern nachvollziehbar werden auch für den Schüler. Und neu ist die mathematische Wissenschaft nun keineswegs, aber die Sprache, mit der wir uns heute mathematisch ausdrücken, die ist neu. Wir würden uns ja selber Fesseln anlegen, wenn wir uns immer noch mit den Zahlensystemen der Babylonier, Maya, Ägypter oder Römer abquälen wollten. Die Menschen haben nie aufgehört, nach neuen schöpferischen Anwendungsmöglichkeiten der Mathematik Ausschau zu halten, und sie sind dabei auf immer neue Verfahren gekommen, wie sie die Zahlenarten in ein System bringen konnten, mit dem sich immer kompliziertere Rechenoperationen möglichst rationell durchführen ließen. Die Neue Mathematik von heute ist nur der jüngste Fortschritt bei der unablässigen Entwicklung dieses schöpferischen Ansatzes. Voller Bewunderung erkennen wir, wie viel kreatives Denken die früheren Systeme hervorgebracht haben. Aber deswegen lassen wir uns heute beim Rechnen doch nicht mehr von solchen überholten Methoden knebeln.
Und genauso sehe ich die Transaktions-Analyse. Ich achte sehr wohl die genialen Leistungen der psychoanalytischen Theoretiker vergangener Jahrzehnte. Was ich in diesem Buch zeigen möchte, ist ein neuer Weg, alte Vorstellungen auszudrücken, und ein direkter Zugang zu neuen Konzeptionen. Es geht mir ausdrücklich nicht um eine zersetzende Kritik an den Errungenschaften der Vergangenheit. Mir liegt viel mehr daran, wie man mit der unbestreitbaren Tatsache fertig wird, dass wir mit den alten Methoden einfach nicht weiterkommen.
Dieses Buch soll aber nicht nur neue Erkenntnisse vermitteln, sondern auch Antwort geben auf die Frage, wieso eigentlich die Menschen ihre Möglichkeiten so wenig ausschöpfen, obwohl sie ziemlich genau wissen, was sie besser zu machen hätten. Sie wissen vielleicht, dass die moderne Psychologie eine Menge zu sagen hat über Wesen und Verhalten des Menschen. Aber dieses Wissen scheint nicht den geringsten Nutzeffekt zu haben: Sie leiden genauso weiter unter ihrem miesen Alltag, unter ihrer angeknacksten Ehe und unter den Eskapaden ihrer Kinder.
Unsere Suche nach neuen Lösungen für die alten Probleme wurde bis vor wenigen Jahren durch den Umstand erschwert, dass wir viel zu wenig darüber wussten, wie das menschliche Gehirn Erinnerungen speichert und wie diese Erinnerungen wieder hervorgerufen werden, die dann unser gegenwärtiges Leben entweder überschatten oder erhellen.
Wer die Richtigkeit einer Hypothese nachweisen will, muss empirisch abgesicherte Beweise dafür vorlegen. Bis vor kurzem gab es kaum genug bewiesene Auskünfte darüber, wie sich der Erkenntnisprozess im Gehirn abspielt, wie im Einzelnen die zwölf Milliarden Zellen des Gehirns arbeiten, wenn sie Erinnerungen speichern, und welche Zellen an diesem Vorgang beteiligt sind. Wie viel Erinnerung bleibt erhalten? Kann sie verschwinden? Arbeitet das Gedächtnis generalisierend oder spezialisierend? Warum lassen sich einige Gedächtnisinhalte leichter abrufen als andere?
Zur Beantwortung dieser Fragen werden, zunächst theoretisch, Hypothesen aufgestellt, die es nun zu verifizieren gilt. Ein anerkannter Forscher auf diesem Gebiet ist Wilder Penfield, Neurochirurg an der Universität Montreal. Seit 1951 hat er aufschlussreiche Versuche ausgewertet, mit denen er die Hypothesen empirisch bestätigen oder korrigieren konnte.[a]
Penfield hatte Patienten mit Jackson-Epilepsie zu behandeln. Dabei handelt es sich um eine Sonderform der Epilepsie mit motorischen und sensiblen Anfällen, die von einem umschriebenen Krankheitsherd im Gehirn verursacht werden. Im Verlauf der operativen Eingriffe unternahm Penfield eine Reihe von Versuchen, bei denen er die Großhirnrinde des Schläfenlappens durch eine galvanische Sonde mit schwachen elektrischen Strömen reizte. Die Reaktionen auf diese Reizung hat Penfield untersucht und die Versuchsergebnisse mehrerer Jahre gesammelt. Der Patient war bei diesen Eingriffen an seiner Großhirnrinde nur örtlich betäubt, im Übrigen aber bei vollem Bewusstsein und konnte mit Penfield sprechen. Die Aussagen der Versuchspersonen lösten Überraschung aus.
Dieses Buch ist ein praktischer Leitfaden der Transaktions-Analyse und keine fachwissenschaftliche Abhandlung. Ich möchte betonen, dass Penfields Arbeiten hier nur deswegen dargestellt werden, weil sie die wissenschaftliche Grundlage bilden, auf der alles Folgende aufgebaut ist. Im Übrigen bleibt der Ausflug in die Fachwissenschaft auf dieses erste Kapitel beschränkt. Penfields Experimente lassen den gesicherten Rückschluss zu, dass unser Gehirn alles, was unser Bewusstsein jemals registriert, genau aufzeichnet und so speichert, dass es jederzeit abgerufen werden kann. Es empfiehlt sich vielleicht, die nächsten Seiten gründlich und mehr als einmal zu lesen, damit die Bedeutung der Befunde von Penfield ganz klar wird.
Penfield entdeckte, dass der Reiz, den er mit der Sonde auf eine bestimmte Geweberegion der Großhirnrinde ausübte, Informationen hervorrief, die nachweislich der Erinnerung des Patienten entstammten. Penfield fährt fort: «Der auf diese Weise in Gang gesetzte psychische Prozess bricht ab, sobald die Elektrode entfernt wird, kann sich aber wiederholen, wenn die Elektrode wieder angesetzt wird.» Er bringt dafür einige Beispiele.
Der erste Fall war S. B. Die Stimulation bei Punkt 19 in der ersten Windung des rechten Schläfenlappens veranlasste ihn zu der Äußerung: «Da war ein Klavier, und jemand spielte. Ich konnte das Lied hören.» Als der Punkt ohne Vorankündigung wieder stimuliert wurde, sagte er: «Jemand spricht mit einem anderen», und er nannte einen Namen, doch ich konnte ihn nicht verstehen … es war genau wie ein Traum. Der Punkt wurde zum dritten Mal stimuliert, wieder ohne Ankündigung. Da bemerkte er spontan: «Ja, ‹O Marie, o Marie!› – jemand singt es.» Als der Punkt ein viertes Mal stimuliert wurde, hörte er dasselbe Lied und erklärte, das sei die Erkennungsmelodie einer bestimmten Radiosendung.
Als Punkt 16 stimuliert wurde, sagte er, während die Elektrode angesetzt war: «Etwas bringt eine Erinnerung zurück. Ich kann Seven-Up Bottling Company sehen … Harrison Bakery.» Er wurde dann gewarnt, dass er stimuliert werde, doch die Elektrode war nicht angesetzt. Er antwortete: «Nichts.»
Als in einem anderen Fall, dem von D. F., ein Punkt an der Oberfläche des rechten Schläfenlappens […] stimuliert wurde, hörte die Patientin einen bestimmten Schlager, als würde er von einem Orchester gespielt. Wiederholte Stimulationen ließen dieselbe Musik anklingen. Während die Elektrode angesetzt blieb, summte die Patientin die Melodie, Strophe und Refrain, und begleitete so die Musik, die sie hörte.
Der Patient L. G. wurde veranlasst, «etwas», wie er sagte, zu erleben, was ihm früher geschehen war. Die Stimulation eines anderen Punktes brachte ihn dazu, einen Mann und einen Hund zu sehen, die bei ihm zu Hause auf dem Lande eine Straße entlanggingen. Eine Patientin hörte eine Stimme, die sie nicht recht verstehen konnte, als die erste Schläfenwindung anfangs stimuliert wurde. Als die Elektrode an etwa dem gleichen Punkt wieder angesetzt wurde, hörte sie deutlich eine Stimme, die «Jimmie, Jimmie» rief – Jimmie war der Name ihres Mannes, mit dem sie erst seit kurzem verheiratet war.
Eine von Penfields bedeutsamen Folgerungen war, dass die Elektrode eine einzelne Erinnerung hervorrief und nicht eine Mischung von Erinnerungen oder eine Verallgemeinerung.
Eine weitere Schlussfolgerung Penfields war, dass die Reaktion auf die elektrische Reizung unwillkürlich erfolgte:
«Unter dem zwingenden Einfluss der Sonde erschien im Bewusstsein des Patienten ein bekanntes Erlebnis, ob er nun seine Aufmerksamkeit darauf konzentrieren wollte oder nicht. Ein Lied ging ihm durch den Kopf, wahrscheinlich so, wie er es bei einer bestimmten Gelegenheit gehört hatte: Er fand sich als Teil einer bestimmten Situation, die sich entwickelte, genau wie die ursprüngliche Situation es getan hatte. Für ihn war es die Szene aus einem bekannten Stück, und er selbst war Schauspieler und das Publikum zugleich.»
Die vielleicht wichtigste Entdeckung war, dass nicht nur vergangene Ereignisse detailliert aufgezeichnet werden, sondern auch die Gefühle, die mit diesen Ereignissen verbunden waren. Ein Ereignis und das Gefühl, das von diesem Ereignis ausgelöst wurde, sind im Gehirn unauflösbar miteinander verwoben, sodass eines nicht ohne das andere hervorgerufen werden kann.
«Der Patient», schreibt Penfield, «empfindet wieder die Emotion, die ursprünglich die Situation in ihm bewirkt hatte, und er ist sich der gleichen Interpretationen bewusst, ob sie nun falsch oder richtig waren, die er zuerst auf das Erlebnis anwandte. Darum ist eine hervorgerufene Erinnerung nicht die genaue fotografische oder phonographische Reproduktion vergangener Ereignisse. Sie reproduziert das Ganze: was der Patient sah, hörte, fühlte und verstand.»
Erinnerungen werden durch die Sinnesreize aus unserer Alltagsumwelt fast ebenso hervorgerufen wie durch die elektrische Reizung mit Penfields Sonde. In beiden Fällen muss die auftauchende Erinnerung genauer als ein Wiedererleben statt als ein Wiederbeleben gesehen werden. Als Reaktion auf einen Reiz wird ein Mensch momentan in die Vergangenheit versetzt. Ich bin dort! Diese Realität kann den Bruchteil einer Sekunde oder aber viele Tage lang dauern. Nach diesem Erlebnis kann ein Mensch sich dann bewusst daran erinnern, dass er dort war. Die Reihenfolge bei der Gedächtnisarbeit ist: 1. Wiedererleben (spontanes, unwillkürliches Empfinden), 2. Wiedererinnern (bewusstes, gewolltes Nachdenken über das vergangene Ereignis, das gerade wiedererlebt wurde). An vieles, was wir wiedererleben, können wir uns nicht erinnern!
Die folgenden Berichte zweier Patienten illustrieren, wie gegenwärtig empfangene Reize vergangene Gefühle wecken.
Eine vierzigjährige Patientin berichtete, dass sie eines Morgens eine Straße entlangging und aus einem Geschäft ein paar Takte Musik hörte, die in ihr eine überwältigende Melancholie auslösten. Sie fühlte, wie sie von einer Traurigkeit übermannt wurde, die sie nicht verstehen konnte und deren Intensität «fast unerträglich» war. Mit ihren bewussten Gedanken konnte sie sich das nicht erklären. Nachdem sie mir das Gefühl beschrieben hatte, fragte ich sie, ob es etwas in ihrem früheren Leben gegeben habe, woran das Lied sie erinnerte. Sie sagte, sie könne keinen Zusammenhang zwischen dem Lied und ihrer Traurigkeit sehen. Ein paar Tage später rief sie mich an und erzählte mir, dass sie das Lied immer wieder vor sich hin gesummt hatte und dabei plötzlich von einer Erinnerung überfallen worden war, in der sie ihre Mutter am Klavier sitzen sah und hörte, wie sie dieses Lied spielte. Die Mutter war gestorben, als die Patientin fünf Jahre alt gewesen war. Damals hatte der Tod der Mutter eine tiefe Depression ausgelöst, die über einen längeren Zeitraum anhielt, obwohl ihre Angehörigen sie immer wieder dazu bringen wollten, ihre Zuneigung auf eine Tante zu übertragen, welche die Mutterrolle übernommen hatte. Die Patientin hatte sich bis zu dem Tag, an dem sie an dem Laden vorbeigegangen war, nie an das Lied erinnert oder daran, dass ihre Mutter es gespielt hatte. Ich fragte sie, ob die Erinnerung an dieses frühe Erlebnis sie von ihrer Depression befreit habe. Sie sagte, ihre Gefühle hätten dadurch eine andere Färbung bekommen. Wenn sie sich an den Tod ihrer Mutter erinnerte, hatte sie immer noch ein melancholisches Gefühl, doch sie empfand nicht mehr wie zuerst die ursprüngliche überwältigende Verzweiflung. Es sah aus, als erinnere sie sich jetzt bewusst an ein Gefühl, das anfänglich das Wiedererleben eines Gefühls war. In der zweiten Phase erinnerte sie sich, wie es gewesen war, als sie die ursprünglichen Empfindungen gehabt hatte. In der ersten Phase dagegen brach in ihr dasselbe Gefühl mit unverminderter Wucht hervor, das sie beim Tod ihrer Mutter überschwemmt hatte und nun seit ihrem fünften Lebensjahr unverarbeitet in ihrem Innern eingekapselt lagerte.
Angenehme Empfindungen werden ganz auf die gleiche Weise hervorgerufen. Wir wissen alle, wie ein Duft, ein Klang, ein flüchtiger Anblick eine unbeschreibliche Freude bewirken können, die manchmal so kurzlebig ist, dass sie fast unbemerkt bleibt. Wenn wir uns nicht darauf konzentrieren, können wir uns nicht daran erinnern, wo wir dem Geruch, dem Klang oder dem Anblick früher schon einmal begegnet sind. Doch das Gefühl ist wirklich.
Ein anderer Patient berichtete Folgendes: Er ging irgendwo durch die Stadt, als ihn plötzlich der Geruch von Kalk und Schwefel anflog. So riecht die Lösung, mit der man Bäume spritzt, und allgemein fühlen sich die Leute von dem Gestank belästigt. Er aber fühlte bewusst, wie ihn eine strahlende, unbekümmerte Freude durchströmte. Da dieses Gefühl positiv war, fiel es ihm leichter, die ursprüngliche Situation aufzuspüren. Mit dieser Lösung waren in den ersten Frühlingstagen immer die Apfelbäume zu Hause im Garten gespritzt worden, und als der Patient noch ein kleiner Junge war, hielt er diesen Geruch für gleichbedeutend mit dem Nahen des Frühlings, dem Grünen der Bäume und all den Herrlichkeiten, die ein kleiner Junge nach dem langen Winter auskostet, wenn er wieder ins Freie darf. Wie im Falle der ersten Patientin unterschied sich in zarten Nuancen die bewusste Erinnerung an das Gefühl von dem Ausbruch des ursprünglichen Gefühls, den er erfahren hatte. Er konnte das berauschende Eintauchen in die Vergangenheit, das sich ohne sein Zutun eingestellt hatte, wieder ganz so empfinden, wie er es in diesem flüchtigen Moment getan hatte. Es war, als hätte er jetzt ein Gefühl für sein Gefühl statt das Gefühl selbst.
Das illustriert eine andere Schlussfolgerung von Penfield: Die Aufzeichnung der Erinnerung bleibt auch dann intakt, wenn der Betreffende selbst nicht mehr fähig ist, sie hervorzurufen:
«Erinnerung, die im Schläfenlappen wachgerufen wird, behält den detaillierten Charakter des ursprünglichen Erlebnisses. Wenn sie auf diese Weise dem Patienten ins Bewusstsein gebracht wird, scheint das Erlebnis in der Gegenwart stattzufinden, vielleicht weil es sich so unwiderstehlich seiner Aufmerksamkeit bemächtigt. Erst wenn es vorbei ist, kann der Patient es als eine lebhafte Erinnerung aus der Vergangenheit erkennen.»
Aus diesen Feststellungen ergibt sich, dass das Gehirn wie ein Hi-Fi-Gerät originalgetreu jedes Erlebnis von der Geburt an aufnimmt, vielleicht sogar noch aus der Zeit davor. Die Informationsspeicherung im Gehirn ist zweifellos ein chemischer Datenverarbeitungsprozess, der noch nicht völlig erklärt werden kann. Obwohl er zu stark vereinfacht sein mag, hat sich doch der Vergleich mit dem Tonbandgerät bei der Erklärung des Erinnerungsvorgangs bewährt. Wichtig ist dabei, dass ungeachtet der Aufnahmemethode die Wiedergabe Hi-Fi-Qualität hat.
«Immer wenn ein normaler Mensch bewusst auf etwas achtet», sagt Penfield, «zeichnet er es gleichzeitig in den Schläfenlappen beider Hemisphären auf.»
Diese Aufzeichnungen finden fortlaufend und ununterbrochen statt.
«Wenn der Teil der Hirnrinde, wo das Gedächtnis lokalisiert ist, mittels der Elektrode erregt wird, kann ein Bild entstehen, doch das Bild ist im Allgemeinen nicht statisch. Es verändert sich wie damals, als es ursprünglich wahrgenommen wurde und der Beobachter vielleicht seine Blickrichtung gewechselt hat. Es folgt den ursprünglich empfangenen Eindrücken der folgenden Sekunden oder Minuten. Das Lied, das durch künstliche Reizung hervorgerufen wird, spielt sich langsam ab von einem Takt zum nächsten und von der Strophe zum Refrain.»
Penfield kommt weiter zu dem Schluss, dass der durchlaufende Faden bei hervorgerufenen Erinnerungen die Zeit zu sein scheint. Das ursprüngliche Muster wurde in seinem zeitlichen Ablauf aufgezeichnet.
«Der Faden zeitlicher Abfolge scheint die Elemente der hervorgerufenen Erinnerung miteinander zu verbinden. Außerdem werden offenbar nur die Sinneseindrücke aufgezeichnet, die vom Individuum bewusst registriert wurden, und nicht alle Sinnesreize, die ständig das zentrale Nervensystem unter Trommelfeuer nehmen.»
Die Möglichkeit, auch komplizierte Erinnerungsketten abzuspulen, scheint darauf hinzuweisen, dass jede Erinnerung, die wir zurückrufen können, ihre eigene Nervenbahn hat.
Wie die Vergangenheit Einfluss nimmt auf die Gegenwart, wird besonders durch die Beobachtung erhellt, dass die Schläfenlappen offenbar an der Verarbeitung gegenwärtiger Erlebnisse beteiligt sind.
«Täuschungen … können produziert werden durch die Stimulation der Hirnrinde an den Schläfenlappen … und die so erzeugte Verwirrung trübt das Urteilsvermögen im Hinblick auf ein Erlebnis in der Gegenwart – zu beurteilen, ob das gerade Erlebte vertraut, fremd oder absurd ist, ob Entfernungen und Größen verändert sind und sogar, ob die gegenwärtige Situation angsteinflößend ist.
Das sind Wahrnehmungstäuschungen, und ihre nähere Betrachtung führt zu der Annahme, dass ein neues Erlebnis irgendwie sofort in Verbindung mit Aufzeichnungen früherer ähnlicher Erlebnisse eingeordnet wird und so die Beurteilung von Unterschieden und Ähnlichkeiten zustande kommt. Zum Beispiel mag es einem Menschen schwerfallen, sich nach einer gewissen Zeit präzis und detailliert an einen alten Freund zu erinnern, wie er vor Jahren ausgesehen hat. Wenn er den Freund jedoch trifft, und sei es unerwartet, kann er sofort die Veränderung wahrnehmen, die seit damals eingetreten ist. Man kennt das zur Genüge – neue Falten in seinem Gesicht, Veränderungen am Haar, gebeugte Schultern. […] Die Existenz von Kortex-Mustern nachzuweisen, die jede Einzelheit gegenwärtiger Erfahrung wie in einer vielbändigen Bibliothek aufbewahren, ist einer der ersten Schritte zu einer Physiologie des Geistes. Die Art des Musters, die Mechanismen, nach denen es sich aufbaut und nach denen es später nutzbar gemacht wird, sowie die Integrationsprozesse, die die Grundlage des Bewusstseins bilden – das alles wird eines Tages in physiologische Formeln übersetzt werden.»
Lawrence S. Kubie, einer der bedeutendsten amerikanischen Psychoanalytiker, der an der Diskussion über Penfields Arbeit teilnahm, sagte abschließend:
«Ich begrüße dankbar diese Gelegenheit, mich mit Penfields Arbeit auseinanderzusetzen … weil sie meine Phantasie ungeheuer angeregt hat. Sie hat mich tatsächlich in den letzten zwei Wochen in einen Gärungszustand versetzt, in dem ich beobachtete, wie Puzzleteile sich zusammenfügten und manche Arbeit, die ich in den letzten Jahren getan habe, in einem neuen Licht erschien. Ich kann mir vorstellen, wie sich die Schatten von Harvey Cushing und Sigmund Freud die Hände reichen über dieser längst überfälligen Verbindung von Psychoanalyse und Neurochirurgie, die durch die Forschungsarbeit von Penfield ermöglicht wird.»
Zusammenfassend können wir feststellen
1. Das Gehirn arbeitet wie ein Hi-Fi-Tonbandgerät.
2. Die Empfindungen, die mit vergangenen Erlebnissen einhergingen, sind ebenfalls aufgezeichnet und mit diesen Erlebnissen unauflösbar verwoben.
3. Menschen können gleichzeitig auf zweierlei Ebenen leben. Der Patient wusste, dass er auf dem Operationstisch lag und mit Penfield sprach; er wusste gleichermaßen, dass er die «Seven-Up Bottling Company … und Harrison Bakery» sah. Er war doppelt, indem er zur selben Zeit innerhalb des Erlebnisses und außerhalb davon war, wobei er es beobachtete.
4. Diese aufgezeichneten Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle können heute so lebendig wiedergegeben werden, wie sie ursprünglich geschehen sind, und stellen einen großen Teil der Kategorien zur Verfügung, von denen der Lebensvollzug in der Gegenwart und Zukunft nachhaltig bestimmt wird. Diese Erlebnisse können nicht nur zurückgerufen, sondern auch wiedererlebt werden. Ich erinnere mich nicht nur daran, was ich einmal empfunden habe. Ich empfinde genau dasselbe jetzt in diesem Moment.
Penfields Experimente beweisen, dass die Erinnerungsfunktion, die meist in psychologischen Begriffen verstanden wird, auch eine biologische Seite hat. Die jahrtausendealte Frage, wie der Geist mit dem Körper zusammenhängt, können wir nicht beantworten. Doch es ist statthaft, auf die raschen Fortschritte der Genetik hinzuweisen bei der Erforschung der Frage, wie die Vererbung in das RNS-Molekül einprogrammiert ist. Einer der führenden Experimentalzytologen, der schwedische Professor Holger Hydén, hat folgende Überlegung angestellt:
«Sicher kann angenommen werden, dass die Fähigkeit zum Rückruf des Vergangenen in das Bewusstsein einem primären Mechanismus von allgemeiner biologischer Wirksamkeit innewohnt. Wichtig ist eine enge Verbindung zum genetischen Mechanismus, und besonders in dieser Hinsicht würde das RNS-Molekül mit seinen vielen Möglichkeiten viele Anforderungen erfüllen.[b]
Die nachgewiesenen Beobachtungen aus diesen biologischen Untersuchungen stützen und erklären die nachweisbaren Beobachtungen am menschlichen Verhalten. Wie können wir die wissenschaftliche Methode so auf das Verhalten anwenden, dass unsere Erkenntnisse ein ebenso genaues und nützliches System von «Bekannten» bilden wie Penfields Erkenntnisse?
Wenn die Psychotherapie als unwissenschaftlich kritisiert wird und Gegenstand großer Meinungsverschiedenheiten ist, liegt einer der Gründe dafür im Fehlen einer Grundeinheit für Untersuchung und Beobachtung. Vor der gleichen Schwierigkeit standen die Physiker, als es noch keine Molekulartheorie gab, und die Ärzte vor der Entdeckung der Bakterien.
Eric Berne, der Begründer der Transaktions-Analyse, hat diese wissenschaftliche Grundeinheit isoliert und definiert:
«Die Grundeinheit aller sozialen Verbindungen bezeichnet man als ‹Transaktion›. Begegnen zwei oder mehr Menschen einander … dann beginnt früher oder später einer von ihnen zu sprechen oder in irgendeiner Form von der Gegenwart der anderen Notiz zu nehmen. Diesen Vorgang nennt man ‹Transaktions-Stimulus› (transactional stimulus). Sagt oder tut dann eine von den anderen Personen etwas, das sich in irgendeiner Form auf den voraufgegangenen Stimulus bezieht, so bezeichnet man diesen Vorgang als ‹Transaktions-Reaktion› (transactional response).»[a]
Die Transaktions-Analyse ist die Methode zur Untersuchung dieser einen Transaktion, in der «ich dir etwas tue und du mir wieder etwas tust». Sie bestimmt, welcher Teil des vielgesichtigen Individuums «herauskommt». Im nächsten Kapitel werden die drei Teile dieser zusammengesetzten Natur des Menschen identifiziert und beschrieben.
Die Transaktions-Analyse ist zugleich die Methode zur Systematisierung der aus der Analyse dieser Transaktionen gewonnenen Information in Begriffen, die nach ihrer Definition für jeden, der sie gebraucht, die gleiche Bedeutung haben. Diese Sprache ist zweifellos eine der wichtigsten Entwicklungen des Systems. Eindeutigkeit der Begriffe und Einigkeit darüber, was untersucht werden soll, das sind die beiden Schlüssel, die das Tor geöffnet haben zu den «Geheimnissen, warum die Menschen handeln, wie sie es tun». Das ist keine geringe Leistung.
Im Februar 1960 hatte ich die Gelegenheit, einen wissenschaftlichen Vortrag von Timothy Leary zu hören. Obwohl Leary inzwischen wegen seiner Befürwortung des Drogengebrauchs zur Erzielung psychedelischer Erlebnisse ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist, möchte ich ihn hier zitieren, weil er das Problem eindrucksvoll herausarbeitet und eine Erklärung liefert für das, was er als seinen eigenen «Zickzackkurs folgerichtiger Desillusionierung» bezeichnet. Als Hauptgrund für seine große Enttäuschung über die eigene psychotherapeutische Arbeit nennt Leary: das Scheitern bei der Suche nach einer eindeutigen Terminologie und nach verbindlichen Regeln zur Beobachtung menschlichen Verhaltens.[b]
«Ich möchte Sie gern in den historischen Hintergrund meiner Immobilisierung als psychologischer Wissenschaftler einführen. Wenn ich zurückschaue, kann ich drei Stadien meiner eigenen Unwissenheit erkennen. Das erste, das bei weitem das glücklichste war, könnte man als Stadium unschuldiger Ignoranz bezeichnen. Ich war von der Vorstellung beherrscht, dass es einige Geheimnisse der menschlichen Natur gebe, einige Gesetze und Regelmäßigkeiten, einige Kausal-Beziehungen, und dass ich durch Studium, Erfahrungen und Lektüre eines Tages an diesen Geheimnissen teilhaben und befähigt sein könnte, meine Kenntnisse von diesen Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Verhaltens zum Nutzen anderer Menschen anzuwenden. Im zweiten Stadium, das man die Periode der illusionären Nichtignoranz nennen könnte, kam es zu der verwirrenden Entdeckung, dass ich zwar einerseits wohl wusste, dass ich das Geheimnis nicht kannte, andererseits aber plötzlich feststellte, wie die Menschen von mir glaubten, ich kenne das Geheimnis oder sei ihm dichter auf den Fersen als sie … Keine meiner Forschungen brachte etwas Brauchbares hervor, trotz aller Anstrengungen konnte ich keinerlei Geheimnisse entschleiern, und doch mochte ich mir immer noch einreden: ‹Wir hatten nicht genügend Fälle›, oder: ‹Wir müssen die Methodik vervollkommnen.› Und es gab noch viele andere Erklärungen, die Sie sicher kennen. Man kann den Augenblick schmerzlicher Erkenntnis hinausschieben, aber allmählich kommt die unselige Wahrheit doch ans Licht: viele Menschen hören einem zwar immer noch aufmerksam zu – schließlich hat man Patienten und Studenten und geht in Elternversammlungen, und alle erwarten von einem des Rätsels Lösung –, man selber aber kann sich immer schwächer gegen den nagenden Verdacht wehren, dass man vielleicht, vielleicht überhaupt keine Ahnung hat, wovon man eigentlich redet.»
Nach diesem seltenen und enthüllenden Eingeständnis von Zweifeln, die nur wenige Psychotherapeuten zugeben würden, obwohl viele von ihnen geplagt werden, beschreibt Leary des Längeren die verschiedenen Forschungen über Testmethoden, Katalogisierung und Systematisierung, die er mit seiner Arbeitsgruppe unternommen hatte. Dabei war er auf die Probleme gestoßen, die sich daraus ergaben, dass weder eine allgemeingültige Terminologie existierte noch eine einheitliche Systematik von Beobachtungskategorien.
«Welche natürlichen Ereignisse können wir auf eine gültige Formel bringen, die dann berechenbar wird? Statt das natürliche freie Verhalten zu untersuchen, habe ich mit der Entwicklung standardisierter Sprachen für die Analyse jeder natürlichen Transaktion experimentiert. Von all den poetischen Vorstellungen, klangvollen Ausdrücken und lyrischen Wendungen, die wir in der Psychotherapie benutzen, sind Worte wie ‹Fortschritt›, ‹Hilfe› und ‹Besserung› die unbestimmtesten. Wir arbeiten mit zu wenig Information über uns und den anderen. Ich habe keine Theorie über neue Variablen in der Psychologie, ich will keine neuen Begriffe oder gar eine neue Sprache der Psychologie einführen. Ich versuche nur neue Methoden zu entwickeln, mit denen man Menschen gewissermaßen wieder einfüttern kann, was sie tun und was sie damit signalisieren. Die erregendste Sache der Welt ist für mich im Moment, hinter die Diskrepanzen zwischen den Menschen zu kommen, die an derselben Interaktion beteiligt sind. Denn sobald einem das gelingt, steht man vor der Frage: ‹Wie kommt das?›»
Die Transaktions-Analytiker behaupten, einige dieser Gesetzmäßigkeiten entdeckt zu haben. Wir behaupten, eine neue Sprache der Psychologie gefunden zu haben, die Leary so schmerzlich vermisste, und wir behaupten, dem Geheimnis des menschlichen Verhaltens sehr viel näher gekommen zu sein als je zuvor. In diesem Kapitel habe ich einige der Voraussetzungen erläutert, die für viele Menschen in meinen Behandlungsgruppen von Nutzen gewesen sind. In diesen Gruppen wird die Transaktions-Analyse angewandt als Instrument zum Verständnis der Ausgangsbasis von Verhalten und Gefühlen. Ein Instrument kann oft wirkungsvoller gehandhabt werden, wenn wir eine Vorstellung davon haben, wie es entwickelt wurde und wie es sich von anderen unterscheidet. Leitet es sich aus unanfechtbaren Erfahrungstatsachen ab, oder handelt es sich nur um noch irgendeine Theorie? Wurde Bernes Buch ‹Spiele der Erwachsenen› aus modischen Gründen ein Bestseller, oder bietet es dem Leser verständliche und verlässliche Auskünfte über sein persönliches Wesen, dessen Vergangenheit durchschimmert durch die «Spiele», in denen er jetzt befangen ist? Im nächsten Kapitel beginnen wir mit der Erklärung dieses Instruments, indem wir die Begriffe «Eltern», «Erwachsener» und «Kind» definieren. Diese drei Wörter haben hier eine spezifische und umfassende Bedeutung, die sich vom üblichen Sprachgebrauch unterscheidet. Der Leser wird entdecken, dass «Eltern» nicht dasselbe ist wie Mutter oder Vater, dass «Erwachsener» etwas ganz anderes bedeutet als eine volljährige Person und «Kind» etwas anderes als ein kleiner Mensch. (Um Missverständnissen vorzubeugen, werden meist die Bezeichnungen «Eltern-Ich», «Erwachsenen-Ich» und «Kindheits-Ich» verwendet.)
Die Leidenschaft für die Wahrheitwird zum Schweigen gebracht durch Antworten,die das Gewicht unbestrittener Autorität haben.
Paul Tillich
Als er noch am Anfang seiner Entwicklung der Transaktions-Analyse stand, beobachtete Berne, dass man sehen kann, wie sich Menschen vor den eigenen Augen verändern, während man sie betrachtet und ihnen zuhört. Es ist eine totale Art der Veränderung. Simultane Veränderungen treten auf im Gesichtsausdruck, im Vokabular, in Gesten, Haltungen und Körperfunktionen, die das Gesicht erröten, das Herz klopfen und den Atem schneller gehen lassen.
Diese abrupten Veränderungen können wir bei jedem beobachten: bei dem kleinen Jungen, der in Tränen ausbricht, wenn sein Spielzeug nicht funktioniert; bei dem Teenager, dessen trauriges Gesicht vor Erregung leuchtet, wenn das Telefon endlich klingelt; bei dem Mann, der erbleicht und zittert, wenn er von geschäftlichen Fehlschlägen erfährt; bei dem Vater, dessen Gesicht «sich versteinert», wenn der Sohn ihm widerspricht. Das Individuum, das sich so verändert, ist in Knochenbau, Haut und Bekleidung immer noch dieselbe Person. Was also verändert sich in ihm? Von was zu was verändert es sich?
Diese Frage faszinierte Berne im Anfangsstadium der Transaktions-Analyse. Ein fünfunddreißigjähriger Rechtsanwalt, den er behandelte, sagte: «Eigentlich bin ich kein Rechtsanwalt, ich bin nur ein kleiner Junge.» Außerhalb der Praxis des Psychiaters war er tatsächlich ein erfolgreicher Rechtsanwalt, doch während der Behandlung fühlte und benahm er sich wie ein kleiner Junge. Irgendwann während der Stunde fragte er: «Sprechen Sie mit dem Anwalt oder mit dem kleinen Jungen?» Sowohl Berne wie sein Patient fanden Existenz und Auftreten dieser beiden realen Menschen oder Seinszustände immer interessanter und fingen an, sie als «der Erwachsene» und «das Kind» zu bezeichnen. Die Behandlung konzentrierte sich darauf, die beiden zu trennen. Später wurde ein anderer Zustand deutlich, der sich vom «Erwachsenen» und vom «Kind» unterschied. Das war der «Eltern»-Zustand und wurde durch ein Verhalten gekennzeichnet, das wiedergab, was der Patient bei seinen Eltern gesehen und gehört hatte, als er ein kleiner Junge war.
Veränderungen von einem Zustand in einen anderen drücken sich in Benehmen, Erscheinung, Worten und Gesten aus. Eine vierunddreißigjährige Frau suchte meine Hilfe, weil sie an Schlaflosigkeit litt, sich ständig sorgte, «was ich meinen Kindern antue», und immer nervöser wurde. Im Laufe der ersten Stunde begann sie plötzlich zu weinen und sagte: «Ihnen gegenüber komme ich mir wie eine Dreijährige vor.» Sie sprach und benahm sich wie ein kleines Kind. Ich fragte sie: «Was ist geschehen, dass Sie sich wie ein Kind vorkommen?» – «Ich weiß nicht», antwortete sie, und dann fügte sie hinzu: «Ich kam mir plötzlich wie ein Versager vor.» Ich sagte: «Gut, dann wollen wir über Kinder und über die Familie reden. Vielleicht können wir etwas in Ihnen entdecken, was diese Gefühle des Versagens und der Verzweiflung hervorruft.» Später in der Stunde veränderten sich wieder plötzlich ihre Stimme und ihr Benehmen. Sie wurde kritisch und dogmatisch: «Immerhin haben auch Eltern Rechte. Man muss Kindern ihre Grenzen setzen.» Während einer Stunde verwandelte sich diese Mutter in drei verschiedene Persönlichkeiten: in die eines kleinen Kindes, das von Gefühlen beherrscht wird, in die «Rolle» selbstgerechter Eltern und in die einer vernünftigen, logisch denkenden, erwachsenen Frau.
Die Persönlichkeit
Ständige Beobachtung hat die Annahme bestätigt, dass diese drei Zustände in allen Menschen existieren. Es ist, als stecke in jedem Menschen derselbe kleine Mensch, der er mit drei Jahren gewesen ist. In ihm sind auch seine eigenen Eltern. Das sind Gehirnaufzeichnungen tatsächlicher Erfahrungen von inneren und äußeren Ereignissen, von denen sich die wichtigsten innerhalb der ersten fünf Lebensjahre abspielten. Und es gibt einen dritten Zustand, der sich von diesen beiden unterscheidet. Die ersten zwei werden Eltern-Ich und Kindheits-Ich genannt, der dritte Erwachsenen-Ich.
Diese Seinszustände sind keine Rollen, sondern psychische Realitäten. Berne sagt, dass «Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kindheits-Ich keine bloßen Begriffe sind wie Über-Ich, Ich und Es … sondern phänomenologische Realitäten.»[a] Der jeweilige Ich-Zustand wird herbeigeführt durch die Wiedergabe von gespeicherten Informationen, die ein vergangenes Ereignis «zu Protokoll» gegeben hat und an dem wirkliche Menschen, wirkliche Zeiten, wirkliche Orte, wirkliche Entscheidungen und wirkliche Empfindungen beteiligt sind.
Das Eltern-Ich ist eine ungeheure Sammlung von Aufzeichnungen im Gehirn über ungeprüft hingenommene oder aufgezwungene äußere Ereignisse, die ein Mensch in seiner frühen Kindheit wahrgenommen hat. Diese Periode umfasst etwa die ersten fünf oder sechs Lebensjahre. Das ist die Periode vor der sozialen Geburt des Individuums, bevor es mit den Anforderungen der Gesellschaft konfrontiert wird, den Kreis der Familie überschreitet und in die Schule eintritt (Abb. 2). Das Wort Eltern-Ich trifft diesen Sachverhalt insofern gut, als die wichtigsten Aufzeichnungen durch das Beispiel und durch Äußerungen der eigenen wirklichen Eltern oder Elternvertreter zustande kommen. Alles, was ein Kind seine Eltern tun sah und sagen hörte, ist im Eltern-Ich aufbewahrt. Jeder hat ein Eltern-Ich, weil jeder in den ersten fünf bis sechs Lebensjahren äußere Reize empfangen hat. Das Eltern-Ich ist bei jedem Menschen eigenständig, weil es die Aufzeichnung derjenigen Kombination von Früherfahrungen ist, die nur dieser Mensch in dieser Form erlebt hat.
Das Eltern-Ich
Das Tatsachenmaterial im Eltern-Ich wird original aufgenommen und ohne Korrektur registriert. Die Situation des kleinen Kindes, seine Abhängigkeit und seine Unfähigkeit, mit sprachlichen Mitteln Sinnzusammenhänge herzustellen, machen es ihm unmöglich, zu modifizieren, zu korrigieren oder zu erklären. Wenn daher die Eltern feindselig sind und ständig miteinander im Kriegszustand leben, wird ein Kampf aufgezeichnet mitsamt dem Schrecken, der das Kind erfasst, wenn es sieht, wie zwei Menschen einander fast zerstören, von denen sein Weiterleben abhängt. Es gibt keine Möglichkeit, in diese Aufzeichnung die Tatsache einzublenden, dass der Vater betrunken ist, weil er gerade Pleite gemacht hat, oder dass die Mutter völlig am Ende ist, weil sie gerade entdeckt hat, dass sie doch wieder schwanger ist.
Im Eltern-Ich sind alle Ermahnungen und Regeln, alle Gebote und Verbote aufgezeichnet, die ein Kind von seinen Eltern zu hören bekommen hat oder von ihrer eigenen Lebensführung ablesen konnte. Sie reichen von den frühesten elterlichen Äußerungen, die nicht sprachlich, sondern durch den Klang der Stimme, durch den Gesichtsausdruck, durch Liebkosungen oder durch ihr Fehlen ausgedrückt werden, bis zu den zunehmend komplizierten Regeln und Vorschriften, die von den Eltern ausgesprochen werden, sobald der kleine Mensch Worte verstehen kann. In diesen Aufzeichnungen sind all die tausend «Neins» enthalten, die auf das Krabbelkind niederregnen, das ewige «Das darfst du nicht», die entsetzten und leidenden Blicke der Mutter, wenn das Kind durch seine Ungeschicklichkeit Schmach über die Familie brachte in Form von Tante Ediths zerbrochener antiker Vase.
Ebenso sind die Koseworte einer glücklichen Mutter und die frohen Blicke eines stolzen Vaters aufgezeichnet. Wenn wir bedenken, dass dieser Empfänger ständig eingeschaltet ist, fangen wir an, die ungeheure Materialmenge zu begreifen, die im Eltern-Ich gesammelt ist. Später kommen die noch komplizierteren Aussprüche: Sag immer die Wahrheit! Bezahle deine Rechnungen! Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Ein braver Junge isst seinen Teller leer. Verschwendung ist die erste aller Sünden. Trau niemals einem Mann! Trau niemals einer Frau! Was man auch tut, es ist immer verkehrt! Trau keinem Polizisten! Sich regen bringt Segen. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Wer nicht betrügt, der wird betrogen.
Der entscheidende Punkt ist, dass diese Regeln, ob sie nun im Lichte einer vernünftigen Ethik gut oder schlecht sein mögen, als Wahrheit aufgezeichnet werden, die aus der Quelle aller Sicherheit kommt, von den «großen Leuten», denen das kleine Kindchen zu dieser Zeit gefallen und gehorchen muss. Die Aufzeichnung bleibt dieselbe. Niemand kann sie löschen. Ein ganzes Leben lang steht sie für die Wiedergabe zur Verfügung.
Diese Wiedergabe übt einen mächtigen Einfluss aus auf das ganze Leben bis zum Ende. Die Verhaltensmodelle der Eltern haben Vorbildcharakter – ihre Zwangsmaßnahmen, das Dressieren und Dirigieren, das Befehlen und Verbieten, der geringe Spielraum des Erlaubten und der enge Zwinger der Verhaltensvorschriften. Diese Unmenge von Einzelinformationen wird ein für alle Mal verinnerlicht, denn das Individuum ist darauf angewiesen, will es innerhalb einer Gruppe überleben und sich behaupten. Das beginnt in der Familie und setzt sich später immer weiter fort in sämtlichen Gruppenbeziehungen, aus denen sich unser ganzes Leben aufbaut. Ohne physische Eltern würde das Kind sterben. Auch das verinnerlichte Eltern-Ich ist ein Lebensretter, der vor vielen Gefahren schützt, die, empirisch betrachtet, lebensgefährlich sein könnten. Im Eltern-Ich ist aufgezeichnet: «Lass das Messer liegen!» Das ist ein donnernder Befehl. Die Drohung für den kleinen Menschen liegt darin, dass seine Mutter ihn schlagen oder ihm auf andere Art ihre Missbilligung zeigen wird. Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass er sich schneiden könnte und dann vielleicht verblutet. Das kann er nicht begreifen. Er hat nicht die entsprechenden Informationen zur Verfügung. Die Aufzeichnung elterlicher Gebote ist also eine unentbehrliche Hilfe zum Überleben sowohl im physischen wie im sozialen Sinne.
Ein anderes Merkmal des Eltern-Ichs ist die Genauigkeit, mit der Widersprüche registriert werden. Eltern sagen so, handeln aber oft ganz und gar nicht so. Eltern sagen: «Du sollst nicht lügen», aber sie lügen selbst. Sie sagen ihren Kindern, dass Rauchen ihrer Gesundheit schade, doch sie rauchen selbst. Sie verkünden ihren Glauben an eine religiöse Ethik, doch sie leben nicht danach. Es ist nicht ratsam für ein Kind, diese Widersprüche aufzudecken, und so verliert es die Orientierung. Und weil dieser aufgezeichnete Tatsachenzusammenhang Desorientierung und Angst hervorruft, sucht es Zuflucht, indem es die Wiedergabe abschaltet.
