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Die wahre Geschichte einer Abhängigkeit. Konrad Fissneider wurde geschlagen, gedemütigt und sexuell missbraucht. Alkoholexzesse, Medikamente, Haschisch, Amphetamine, LSD, Heroin und Sex bestimmten sein Leben. Obwohl er fünfzehn Jahre lang der Alkohol-, Medikamenten- und Drogensucht verfallen war, fand er wieder zum normalen Leben zurück. In diesem Buch erzählt er seine Erlebnisse und lehrt, warum es sich lohnt, zu kämpfen.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Zu diesem Buch
Herkunft und Umwelt
Meine Eltern
Meine Geschwister
Die Familie
ERSTES KAPITEL
Kindheit und Jugend
IM VORSCHULALTER
Die Kindheit
Mit 21 Monaten Schädelbasisbruch
Ich, das ängstliche Kind: meine Unsicherheiten und Ängste
Nochmals: mein Vater
Der Abschied
Auf den Bauernhöfen
DIE SCHULZEIT
Meine ersten Zigaretten
In der Volksschule
Meine ersten sexuellen Erfahrungen
Sexueller Missbrauch
Von einem Jugendlichen öfters missbraucht
Mit zwölf der erste Rausch
In der Mittelschule
Vom Lehrer sexuell missbraucht
Mit vierzehn das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt
NACH DER SCHULE
Beginn der Arbeit
Vergewaltigt und missbraucht
Abhängig vom Alkohol: im Teufelskreis des Alkohols
Der neue Freundeskreis
Die Gewaltbereitschaft
Die Männerbeziehung
Die Gesundheitsrisiken
Abhängig von Medikamenten
Mit siebzehn die erste Entgiftungstherapie im Krankenhaus
Schwere psychische Probleme
ZWEITES KAPITEL
Den Drogen verfallen
Die erste Haschischzigarette
Der erste »Kiff«
Vom Haschisch abhängig
Die neue Freundin
Der Militärdienst
Der LSD-Horrortrip
Am Nachmittag
Am Abend
Die Nacht
Am nächsten Tag
Der Austritt aus meinem Körper
Dem Heroin verfallen
Der erste »Snief«
Die Wirkung
Der erste »Schuss«
Die verheerenden Folgen
Die Entzugserscheinungen
Im Krankenhaus
Der körperliche Verfall
Auf der Straße
Zu fünft im Auto Heroin gespritzt
Auf offener Straße zusammengebrochen
Drogenbeschaffung
Das Geld
Beim Betteln
Vom eigenen Freund bestohlen
Von anderen Süchtigen ausgenützt
Den Körper verkauft
Ich nahm alles, was meinen Körper betäubte
Medikamente
Amphetamine
Meine tägliche Dosis
Zu Hause
Gedächtnislücken
Psychische Probleme
Selbstmordversuche
Ein Selbstmordversuch, der keiner war
Entzugserscheinungen
Todesängste
Gewissensbisse
Gegen das Gesetz verstoßen
Dem Tode nahe
Ich habe mich schon aufgegeben
DRITTES KAPITEL
Wende und Befreiung
1983 die Wende
Meine Beine erkrankten
Die Angst vor der Krankheit
Die Angst vor dem Gefängnis
Ich stand unter Druck
Meine Familie hat eine schwere Zeit durchgemacht
Ich erlebte manchmal auch schöne Zeiten
Der schwere Weg zur Therapie
Die Therapie
Die Aufnahmephase
Die Therapiegemeinschaft
Die Wiedereingliederungsphase
Nach der Therapie
Zu Gott gefunden – tief greifende Begegnung mit Jesus Christus
Erfahrungen mit Gott in der Kindheit
Erfahrungen mit Gott in der Zeit der Abhängigkeit
Erfahrungen mit Gott nach der Therapie
Ein Rückfall
Durch die Drogen zum Invaliden
VIERTES KAPITEL
Ein neuer Mensch
Eine eigene Familie gegründet
Trennung und Scheidung
Gesundheitliche Folgen der Sucht
Hepatitis-C-Virus
Andere Krankheiten
Gesunde Ernährung
Homöopathie und Naturheilkunde
Meine Zukunftsängste
Noch Verlangen nach Drogen?
Die Hoffnung und das Leben
Mein persönlicher Einsatz in der Suchtvorbeugung
Danksagung
Nachwort
Ich sitze zu Hause in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch, starre auf den leeren Bildschirm des Computers und denke nach, wie ich mit meinem Buch beginnen soll. Ich habe große Bedenken, dieses Buch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, denn ich bin ja kein Schriftsteller, habe keine Erfahrung, und mir sind die Grenzen auf diesem Gebiet durchaus bewusst.
Den Antrieb, dieses Buch zu schreiben, gaben mir eigentlich die Zuhörer, die mich bei meinen Vorträgen in ganz Südtirol gehört haben. Mir wurde in den vergangenen Jahren bei den Vorträgen immer wieder gesagt, ich solle ein Buch über mein Leben schreiben, denn so könnte ich Drogenabhängigen und deren Angehörigen helfen. Außerdem könnte ein solches Buch vorbeugend wirken und für viele Menschen hilfreich sein. Auch verschiedene Fachleute in der Suchtprävention, Ärzte und Betreuer, die in der Jugendarbeit tätig sind und mit denen ich darüber gesprochen habe, fänden es wichtig, wenn ein solches Buch erscheinen würde.
Am Anfang war ich sehr skeptisch und unsicher und stand vor einer großen Herausforderung und Entscheidung, vor der ich Angst hatte. Ich habe viel darüber nachgedacht, wenn ich nach meinen Vorträgen allein war, und es kamen mir immer wieder all die Fragen in Erinnerung, die mir dort die Zuhörerinnen und Zuhörer gestellt haben.
Ich ließ meine Vergangenheit wie einen Film in meinem Kopf Revue passieren. Die vielen Gedanken und Erinnerungen und die psychischen Belastungen, die mich am Beginn quälten, waren schwer. Wie und was soll ich schreiben? Wie soll ich den Inhalt des Buches gestalten? Welche Fotos sollen gezeigt werden? Wie soll denn der Buchtitel lauten? Wer wird mir dabei helfen? Was werden die Leute über mich denken, wenn sie dieses Buch gelesen haben? Aber vor allem, was werden wohl meine Kinder zu diesem Buch sagen, wenn sie es einmal verstehen und begreifen werden? Deshalb habe ich mit ihnen über meine Vergangenheit viel gesprochen.
Alle diese Gedanken und Fragen überfielen mich und ließen mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Nach langen Überlegungen und reichlichem Nachdenken habe ich mich dann doch entschlossen, meine Lebensgeschichte in einem Buch aufzuzeichnen.
KONRAD FISSNEIDER
Dieses Buch soll ein außergewöhnlicher und spannender Rückblick über mein Leben werden und ist für Menschen aller Altersgruppen gedacht. Es soll zum Nachdenken anregen, und ich verzichte bewusst auf fachliche und schwer verständliche Ausdrücke, damit es jeder leicht lesen und verstehen kann.
Es sind wahre und erschütternde Geschichten aus meinem Leben, von der Kindheit angefangen bis heute. Wenn ich heute meine Gedanken und Gefühle, die in mir so viele traurige und negative Erinnerungen wecken, aufschreibe, so möchte ich vor allem Jugendliche davor bewahren, dasselbe Schicksal zu erleben. Aus meiner fünfzehnjährigen Erfahrung mit Alkohol, Medikamenten und Drogen möchte ich allen Hoffnung geben, die ähnliche Schwierigkeiten und Probleme haben, und möchte alle ermutigen, Drogen nicht als Problemlöser zu sehen, sondern so früh wie möglich Hilfe aufzusuchen.
Ich werde und kann mit diesem Buch sicher nicht die Welt ändern und auch nicht das Drogenproblem lösen. Ich möchte die Leser auf all die Gefahren und Schwierigkeiten einer Drogensucht hinweisen und aufzeigen, was auf sie zukäme, wenn sie in diesen Teufelskreis geraten würden. Außerdem möchte ich ihnen Hoffnung geben, dass es Möglichkeiten gibt, aus einem jahrelangen drogenabhängigen Leben wieder in ein normal bürgerliches Leben zurückzufinden.
Ohne Hilfe und Unterstützung meiner Eltern und Geschwister, der ehemaligen Schulkameraden, Volks- und Mittelschullehrer, Arbeitgeber und Mitarbeiter, der Ordnungshüter und Ärzte hätte ich dieses Buch nie so schreiben können. Ich habe deshalb alle diese Personen aufgesucht, von denen ich manche jahrelang und auch jahrzehntelang nicht mehr gesehen habe. Sie waren es, die mir durch lange Gespräche viele Erinnerungen wiedergaben, mir Dokumente und Unterlagen aus der damaligen Zeit zur Verfügung stellten, an die ich mich nicht mehr so genau erinnern konnte.
Auch bin ich zu den Orten und Plätzen meiner Vergangenheit zurückgekehrt, wo meine Sucht begonnen hat. Ich habe mich dabei in die damalige Zeit zurückversetzt gefühlt, als wäre es erst gestern gewesen. Oft habe ich schlaflose Nächte verbracht und habe mir Erlebnisse und Gedanken aus der Vergangenheit aufgeschrieben. Dieses Buch ist für mich in gewissen Phasen eine noch intensivere Aufarbeitung meiner Vergangenheit, als ich es in der Therapiegemeinschaft erlebt habe, und ich habe ungeheuer viel Energie für dieses Buch aufgewendet.
Meine Eltern sind arbeitsame und fleißige Menschen. Sie haben immer gut auf uns Kinder geschaut, wir haben nie Hunger leiden müssen und bekamen von ihnen alles Notwendige, was es zum Leben braucht. Gemeinsam haben sie mit großem Einsatz ein Eigenheim geschaffen, damit es uns Kindern besser gehe.
Mein Vater, geboren 1926, war ein strenger, aber gerechter Mann. Wir alle hatten es nicht immer leicht mit ihm; er hat uns Kinder auf autoritäre Weise erzogen. Sein autoritärer Erziehungsstil hat mir oft Angst gemacht. Ich kann ihn heute aber verstehen, denn er hatte es in seiner Kindheit und Jugend auch nicht immer leicht gehabt. Er war ein fürsorglicher Vater, konnte aber die Liebe zu uns Kindern nicht so weitergeben, wie wir sie von der Mutter bekommen haben. Er hat für die Familie immer gesorgt, es hat an nichts gefehlt, und ich hatte mit ihm viele schöne Gemeinsamkeiten, die mir mein ganzes Leben in Erinnerung bleiben werden.
Im Gegensatz zu meinem Vater war meine Mutter, geboren 1930, niemals streng, sondern eine aufopfernde und vor allem liebe, herzensgute Mutter. Sie wusste, wie man mit Kindern umgehen soll. Sie hat uns Kindern sehr viel Zuwendung und Geborgenheit gegeben und ist heute noch eine bewundernswerte Frau. Ich habe zu ihr ein sehr tiefes Vertrauen, das ich als Abhängiger leider oft schamlos ausgenutzt habe. Aber sie war eigentlich meine Stütze, und sie gab niemals auf.
Zu meinen Geschwistern, die alle zwischen 1958 und 1971 geboren wurden, hatte ich von klein auf schon immer ein gutes Verhältnis. Sie haben mich während meiner Abhängigkeit nie fallen gelassen und haben mich unterstützt, von meiner Drogensucht loszukommen. Sie gaben den Eltern Kraft und Hoffnung in dieser schrecklichen Zeit. Niemand von ihnen hat jemals zu einer Droge gegriffen. Alle führen ein anständiges und normales Leben und haben einen Beruf erlernt. Jeder von ihnen hat eine Familie gegründet, und alle sind glückliche Eltern geworden.
Mein Elternhaus. Hier verbrachte ich meine Kindheit und Jugend.
Ich muss meinen Eltern hohe Anerkennung dafür aussprechen, dass sie es geschafft haben, eine so zahlreiche Familie zusammenzuhalten, die sich auch heute noch untereinander gut versteht. Dies ist einmalig in der heutigen Zeit, in der sich sonst so viele Familien auseinander leben.
Die ganze Familie hat unter meiner Abhängigkeit stark gelitten und musste einen jahrelangen, schweren Kampf durchstehen. Sie ist durch mein Leben oft in schwierige Situationen gekommen und war manchmal der Verzweiflung nahe. Alle haben viel Leid ertragen und sind durch diese Erfahrungen zu einer starken Gemeinschaft zusammengewachsen und reifer geworden. Uns kann heute nichts mehr auseinander bringen. Wenn einer von uns Probleme oder Schwierigkeiten hat, sind wir alle zur Stelle und helfen uns gegenseitig.
Mit meiner Familie stehe ich heute in sehr enger und tiefer Verbindung, und sie bedeutet mir sehr viel. Es vergeht auch kein Tag, an dem ich meine Eltern oder eines meiner Geschwister nicht sehe oder an dem wir nicht miteinander telefonieren. Wenn ich zu Hause bei meinen Eltern oder bei meinen Geschwistern bin, habe ich das Gefühl der Geborgenheit. Ich bin meiner Familie dankbar dafür, dass sie mir in meiner Abhängigkeit immer so nahe stand und mich in dieser schwierigen Zeit nie aufgegeben hat. Hätte ich nicht meine Familie hinter mir gehabt, dann wäre ich heute vielleicht nicht mehr am Leben.
Am Sonntag, dem 8. September 1957, erblickte ich als ältestes von sieben Kindern das Licht der Welt. Meine Eltern hatten es nicht immer leicht mit mir. Ich war schon von Anfang an ein lebhaftes, aber unsicheres Kind. Bis zu meinem vierten Lebensjahr mussten meine Eltern mich öfters ins Krankenhaus bringen, weil ich mich beim Spielen verletzt hatte. Dreimal innerhalb von drei Jahren musste ich am Kinn an derselben Stelle genäht werden.
Mein erstes Foto, 1959
Das schwerste Unglück geschah jedoch 1959 bei meiner Oma am Bauernhof während der Heuernte. Mein Vater arbeitete auf dem Feld, und ich war mit meiner Mutter in der Küche. Ich entfernte mich in einem unbeaufsichtigten Augenblick und lief auf den Balkon. Am Balkon fehlte eine Holzlatte, und ich schaute zu den Hühnern hinunter. Ich verlor das Gleichgewicht und stürzte acht Meter in die Tiefe. Die Folgen waren schrecklich; ich blieb bewusstlos zwischen zwei Steinen liegen. Der inzwischen benachrichtigte Vater und sein Freund brachten mich mit dem Motorrad ins Krankenhaus nach Brixen. Die Ärzte stellten einen Schädelbasisbruch und eine schwere Gehirnerschütterung fest. Ich lag vier Tage im Koma. Täglich waren meine Eltern bei mir und haben gehofft, dass ich am Leben bleibe. Meine Mutter erzählte mir einmal, dass viele Leute meinten, ich würde geistig behindert bleiben, falls ich überleben sollte. Aber am sechsten Tag öffnete ich die Augen und sagte: »Mama.« Nach drei Wochen konnte ich das Krankenhaus verlassen und mit meinen überglücklichen Eltern nach Hause fahren. Durch die Verletzung wurde meine Schädeldecke im Bereich der vorderen Fontanelle deformiert, und es kam zu einer verstärkten Knochenneubildung in diesem Bereich. Zurückgeblieben ist eine große, unschöne Beule.
Sommerfrische in Feldthurns, 1960
Vier Jahre lang besuchte ich den Kindergarten und wurde wegen der Folgen des Schädelbasisbruchs erst mit sieben Jahren eingeschult. Ungern bin ich in den Kindergarten gegangen und wäre viel lieber bei der Mutter zu Hause geblieben. Ich war ein sehr anhängliches Kind, das immer die Nähe der Eltern gesucht hat.
In den letzten Jahren hat die Familie zweimal Zuwachs bekommen, und die Wohnung wurde für eine fünfköpfige Familie zu klein. Wir sind dann im Oktober 1963 von der Stadt in unser neues Haus mit großem Garten umgezogen. In dieser wundervollen Gegend, an der damals noch keine Autobahn vorbeiführte und wo man die Natur noch in voller Schönheit genießen konnte, standen andere Häuser und auch ein Bauernhof, der ungefähr fünfzig Meter von unserem Haus entfernt war. Die Bauersleute hatten viele Kinder. Täglich war ich mit andern Kindern aus der Nachbarschaft auf dem Hof und lernte dort das Leben und Verhalten der verschiedenen Tiere kennen. Ich glaube, dass meine heutige Liebe zur Natur dort entstanden ist. Wir haben gespielt, gestritten und uns die Haare ausgerissen. Oft sind Tränen geflossen, aber zum Schluss haben wir uns immer versöhnt. Manchmal träume ich heute noch von diesem Bauernhof und wie schön es damals war.
Als Mitte der sechziger Jahre mit dem Bau der Brennerautobahn begonnen wurde, änderte sich alles. Einige Familien mussten wegziehen, weil ihre Häuser abgerissen wurden. Auch der Bauernhof musste Platz machen. Die Freiheit und der Spielraum wurden drastisch eingeschränkt. Wir Kinder hatten die vielen Tiere nicht mehr und wurden getrennt. Das tat weh. Die Erinnerung an diese glückliche Zeit ist etwas Einmaliges und Schönes.
Schon als Kind habe ich mich im Gespräch nie richtig ausdrücken können und zeigte große Unsicherheiten. Ich war ein ängstliches und labiles Kind. Ich hatte wenig Selbstvertrauen und glaubte, die anderen könnten alles besser. Wegen dieser Minderwertigkeitskomplexe konnte ich mich bei andern Kindern nur selten durchsetzen und war unfähig, beim Spielen Entscheidungen zu treffen. Schwierigere Aufgaben konnte ich nie allein lösen, weil ich Angst hatte, etwas falsch zu machen. Ich brauchte immer Bestätigungen. Beim Spielen habe ich mich oft ausgeschlossen und allein gelassen gefühlt. Oft haben sich Kinder über mich lustig gemacht, und ich bin wegen meiner Unsicherheit gehänselt worden. Ich hatte wenig Durchsetzungsvermögen, war leicht verletzbar und ließ viel über mich ergehen. Oft war mir zum Heulen zumute, und ich konnte meine Gefühle nicht zeigen, weil ich Angst hatte, ausgelacht zu werden. Lieber schluckte ich die Tränen hinunter. Mit anderen Kindern konnte ich Konflikte nie richtig lösen, weil mir dazu der Mut fehlte. Diese Ängste und Unsicherheiten begleiteten mich bis zum Therapiebeginn im Jahr 1984.
Im Kindergarten, 1963
Warum ich so unsicher und ängstlich geworden bin, lag nicht nur allein bei mir. Wie ich unter »Meine Familie« geschrieben habe, war mein Vater ein strenger, aber gerechter Mann. Seine strenge Erziehung hat mir oft Angst gemacht, weil es auch Schläge und Strafen gegeben hat. Mein Vater wollte aus uns Kindern immer nur das Beste machen. Er war überzeugt, dass sein Erziehungsstil der richtige sei, weil er selbst streng erzogen worden war. Ich erinnere mich, wie ich mir oft Zuwendung und Zärtlichkeit vom Vater wünschte. Aber er konnte seine Gefühle und seine Zuneigung zu mir nicht so zeigen. Gerade diese Zuneigung von ihm hat mir oft gefehlt. Sicher war der strenge Erziehungsstil meines Vaters nicht richtig. Das heißt aber nicht, dass er an allem schuld war oder auch daran, dass ich ein ängstliches Kind wurde. Dann hätten auch meine Geschwister ängstlich und drogenabhängig werden müssen. Es waren eben auch andere Gründe ausschlaggebend dafür.
Ab dem achten Lebensjahr musste ich in den Sommermonaten meistens arbeiten. Ich konnte nicht in die Ferien fahren, wie es andere Kinder taten. Nur einmal, mit zehn oder elf Jahren, durfte ich in eine Ferienkolonie an die Adria. Meine Eltern waren überzeugt, dass die Arbeit und die gute Luft im Gebirge die richtige Sommerfrische für mich seien. Sie ahnten nicht, wie sehr ich darunter gelitten habe.
Zwischen meinem achten und elften Lebensjahr musste ich im Sommer für rund zwei Monate zu Bekannten auf verschiedene Bauernhöfe im Eisack- und im Pustertal. Jeder Abschied von meinen Eltern hat mir unheimlich weh getan. Ich konnte nicht verstehen, warum ich im Sommer immer von zu Hause wegmusste. Ich wollte doch bei meiner Familie bleiben. Ich kann mich erinnern, wie schmerzlich der Abschied von daheim war, bevor ich den zweistündigen Fußmarsch zum Bauernhof antreten musste. Während des Gehens drehte ich mich immer wieder um. Teils ging ich rückwärts und sah, wie das Elternhaus immer kleiner wurde. Dann bekam ich Weinkrämpfe, als ich das Elternhaus nicht mehr sah. Ich hatte das Gefühl, nicht geliebt zu werden.
Ich musste oft von der Frühe bis zum Abend arbeiten. Schon früh am Morgen musste ich mit dem Bauern aufs Feld, und seine Strenge hat mir Angst gemacht. Zorn und Hass stiegen in mir auf, weil ich so viel arbeiten musste. Ich war eine billige Hilfskraft, mit der man machen konnte, was man wollte. Ich wurde regelrecht ausgenutzt und zur Kinderarbeit missbraucht. Ich hatte keinen Mut, mit jemandem über meine Ängste und Gefühle zu sprechen. Ich war Hirte, Stallknecht und Fütterer zugleich. Alles, was mir gesagt wurde, machte ich. Sogar schwere Wasserrohre für die Bewässerung auf den steilen Hängen musste ich tragen. Das wäre auch für einen Erwachsenen Schwerstarbeit gewesen. Ich widersetzte mich nie, weil ich Angst hatte, dass ich Schläge bekäme. Allein musste ich in einer Dachkammer schlafen, und es kam sogar einmal vor, dass ich bei einem schweren Gewitter allein auf einer Alm war. Man kann sich nicht vorstellen, welche Angst ich damals als Neunjähriger auf der Almhütte aushalten musste. Ich erinnere mich, wie ich im Dachboden zu Gott gebetet habe: »Bitte nimm mir meine Angst und sorge dafür, dass mich endlich meine Eltern abholen.« Im Freien habe ich oft geweint, weil ich sehr traurig war und Heimweh hatte. Ich habe viel mit den Tieren gesprochen. Es war sogar einmal eine Kuh darunter, die mich besonders gern mochte. Ich gab ihr oft Würfelzucker, und sie kam immer zu mir, wenn sie mich sah. Es ist eine Freundschaft zwischen uns entstanden, und manchmal konnte ich sogar auf ihrem Rücken sitzen. Bei dieser Kuh habe ich dann das Heimweh und alle meine Sorgen fast vergessen.
Während ich auf der Weide war, baute ich mir immer wieder Luftschlösser und dachte, wie schön es jetzt wäre, zu Hause zu sein. In meinen Gedanken suchte ich ständig nach Möglichkeiten, wie ich nach Hause kommen könnte. Dann passierte es an einem Nachmittag: Ich spielte im Stadel mit einer Schachtel Zündhölzer und zündete einen Heuballen an. In diesem Moment wurde mir bewusst, was ich angestellt hatte. Ich rief sofort den Bauern, der das Feuer schnell löschte. Es hätte schlimm enden können, wenn ich nicht gleich um Hilfe gerufen hätte. Noch am selben Tag wurden meine Eltern verständigt, dass sie mich abholen sollten, weil der Bauer mich nicht mehr haben wollte. Ich hätte wegen dieses Vorfalls von meinem Vater Prügel bekommen, wenn nicht meine Mutter energisch eingegriffen hätte. Aber schließlich war ich froh, dass ich bei meiner Familie sein konnte. In den darauf folgenden Jahren schickte mich mein Vater nicht mehr zu Bauern, sondern ich habe in einer Gärtnerei und in einem Gasthaus gearbeitet.
So wie ich mussten auch meine Geschwister und andere Kinder in den Sommerferien Bauernarbeit verrichten. Aber niemand von ihnen hat später einen solchen Weg eingeschlagen, wie ich ihn gegangen bin.
