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Joy Valley kann es nicht fassen: Nach fast 4.000 km Fahrt auf ihrem Motorroller Reina steht sie tatsächlich am Nordkap! Und auch Reina ist aus dem Häuschen. Die beiden sind beste Freundinnen und fuhren bereits von Mallorca nach Deutschland. Aber verglichen mit diesem Trip quer durch Skandinavien war das nur eine Spritztour. Denn dieses Mal sind sie sechs Wochen unterwegs und erleben auf knapp 10.500 km viele tolle Momente. Lesen Sie den spannenden und informativen Bericht zu dieser unglaublichen Reise durch den Norden Europas. Karten erleichtern das Verfolgen der Route, Bilder fnden Sie auf der Webseite joy-valley.de.
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2015
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The world is a book, and those who do not travel read only a page.
(St. Augustine)
Einleitung
Vorbereitungen
11.08.2014 – Erstmal runterkommen!
12.08.2014 – Schiedwetter in Norddeutschland
13.08.2014 – Sonnenanbetung mit Hans Christian Andersen
14.08.2014 – Rock im Park auf Dänisch
15.08.2014 – Meerjungfrau trifft Smørrebrød
16.08.2014 – Hej, hej, Schweden!
17.08.2014 – Ich glaub‘, mich knutscht ein Elch!
18.08.2014 – Reina, die Zicke
19.08.2014 – Kunst im Untergrund
20.08.2014 – Fast wie zu Hause
21.08.2014 – Acke gut, alles gut!
22.08.2014 – Der erste Regentag
23.08.2014 – Ein Dorf zieht um und wir suchen es
24.08.2014 – Rentiere am Polarkreis
25.08.2014 – Geschafft, das Nordkap!
26.08.2014 – Taghelle Nacht
27.08.2014 – Opa und die Trollfjord
28.08.2014 – Meister Petz und Isegrim
29.08.2014 – Traumpanorama Tysfjord
30.08.2014 – Sonne satt, aber kein Lachs satt
31.08.2014 – Waffeln gegen Unfreundlichkeit
01.09.2014 – Planänderungen
02.09.2014 – Sturz ins Moos
03.09.2014 – Holz- und Gleisbaukunst
04.09.2014 – Schlemmen in Bergen
05.09.2014 – Überraschende Aussichten
06.09.2014 – Regen mit Colastreusel
07.09.2014 – Bekloppter Höhenrausch
08.09.2014 – Regenspuren im Hostel
09.09.2014 – Durch Schleusen vom Meer zur Stabkirche
10.09.2014 – Auf dem Dach Oslos
11.09.2014 – Panne statt Sightseeing
12.09.2014 – Vom Schlosspark und Radiostationen
13.09.2014 – Lisas Aussetzer
14.09.2014 – Wiedersehen im Norden
15.09.2014 – Von Idyll in die Großstadt
16.09.2014 – Harter Messebesuch
17.09.2014 – 10.000 km Abenteuerlust
20.09.2014 – Triumphzug nach Hause
Zusammenfassung
Hola! Ich heiße Reina. Ich bin ein Roller. Genauer gesagt bin ich eine Honda New Lead (NHX110WH) mit 110 ccm³. Ich fahre stolze 80 km/h. Das Licht der Welt erblickte ich am 25.03.2008. Am 01.07.2008 wurde ich offiziell registriert. Ich bin also süße sechs Jahre alt, kann Euch aber schon einiges erzählen.
Das liegt auch an meiner Fahrerin. Sie heißt Antje Kucher-Freudenthal und ist ein paar Jahre älter als ich. Trotzdem verstehen wir uns prima. Von ihr habe ich auch meinen Namen bekommen. Er stammt aus meiner Heimat España und bedeutet „Königin“. Antje hat mich zusammen mit ihrem Mann Ende 2008 aus den Hallen eines Motorradhändlers in Son Servera auf Mallorca befreit. Seitdem begleite ich sie treu und brav.
Vielleicht habt Ihr auch schon mal von ihr gehört. Sie hat nämlich bereits ein Buch über eines unserer gemeinsamen Abenteuer geschrieben. Damals fuhren wir von Mallorca nach Deutschland. Das war sehr aufregend, meine erste große Reise. Falls Ihr es lesen möchtet, findet Ihr es unter dem Titel „Das pack‘ ich! – Reisebericht einer ungewöhnlichen Tour: In einer Woche mit dem Roller von Mallorca nach Deutschland“ oder auch ISBN 978-3-8423-3887-6.
Antje hat auch schon viel erlebt. Sie liebt das Reisen, verbrachte viele Urlaube mit ihren Eltern im Reisemobil quer durch Europa und später mit ihrem Mann oder allein im Auto quer durch Europa und die USA. Das hat sie mir alles auf unseren gemeinsamen Fahrten erzählt, da hat man ja viel Zeit. Sie spricht Englisch, Spanisch und Französisch, konnte sich daher auch immer bestens verständigen. So lernte sie auch viel über die Menschen in den einzelnen Ländern. Das ist ihr sehr wichtig. Sie bringt sich vor der Abreise auch immer die wichtigsten Wörter in der Sprache ihrer Reiseländer bei. Sie sagt, sonst fühle sie sich so arrogant. Außerdem freue es die Leute immer, wenn sich ein „Ausländer“ in ihrer Sprache versucht. Das erleichtere den Zugang zu den Menschen enorm. Ich kann ja leider keine andere Sprache als „Rollerisch“ mit meinem süßen spanischen Akzent. Aber Rollerisch ist ja Gott sei Dank international, das spricht jeder Fahrer und jede Werkstatt.
Antje ist auch sehr gebildet. Sie ist Internationale Betriebswirtin (FH), hat einen Master in Führung touristischer Unternehmen aus Spanien, lebte mal in den USA und Spanien, absolvierte zwei Fernstudiengänge zum geprüften Grafik-Designer (SGD) und in der Fotografie. Ich muss sagen, aus Sicht eines Rollers macht sie das gut, denn auf ihren Bildern komme ich immer sehr vorteilhaft rüber. Ich bin halt auch eine sehr fotogene Dame von Welt.
Jetzt aber mal ganz unter uns: Está loca! Entschuldigung, manchmal rutscht mir noch etwas in meiner Muttersprache heraus. Manche Redewendungen kann ich noch nicht so gut. Ich wollte sagen, was das Reisen angeht, hat sie mächtig eine an der Klatsche! Unter Freunden darf man ja ehrlich sein. Ihre Reisen sind immer ungewöhnlich und bringen etwas Extremes mit sich. Wie gesagt, wir beide sind schon von Mallorca nach Deutschland getuckert. Sie hat mir aber auch schon von Reisen erzählt, wo sie in drei Wochen 8.000 km durch Kanada oder die USA mit dem Auto gefahren ist. Oder sie fährt im Winter nach Island. Da ist jedem klar, dass es bessere Kombinationen aus Ziel und Jahreszeit gibt.
Aufgrund ihrer locuras, ihrer Verrücktheiten, mag ich sie aber auch so sehr. Immerhin komme ich dann auch herum in der Welt. So freute ich mich riesig, als Antje mir im Juli 2014 erzählte, dass wir an das Nordkap fahren. Ich hatte keine Ahnung, wo das ist, aber ich hatte mal wieder einen längeren Ausflug vor mir, soviel war mir klar. Im Mai hatte ich erst die Inspektion und die TÜV-Abnahme mit Bravour bestanden. Bei dieser Gelegenheit hatte mir Antje unter anderem für hinten einen neuen Schuh spendiert, der neueste Schrei aus Asien. Ihr Menschen nennt das, glaube ich, Reifen. Also fühlte ich mich fit für neue Herausforderungen.
Kurz vor der Abreise stellte mir Antje dann noch Lisa vor (TomTom Rider Europe v4). Ihr Mann installierte sie an meinem linken Lenker und an der Batterie. Ich dachte schon, oh oh, hoffentlich geht das gut, drei sind ja gerne mal einer zu viel. Unsere Freundschaft hatte immerhin schon ein paar Tage Bestand. Doch ich muss sagen, Lisa hat sich sehr gut in unsere Clique eingefügt und eingebracht. Sie wusste (nicht) immer, wo es langgeht und wie lange wir noch bis zum nächsten Ziel brauchen würden. Anfangs fand ich sie noch etwas hochnäsig, weil sie immer nur mit Antjes Helm sprach (scala rider Qz). Doch als ihr dann mal Fehler unterliefen, merkte ich, dass sie auch nur ein Navi ist. Von da an kamen wir bestens miteinander aus. Wir wurden amigos para siempre, Freunde fürs Leben.
Zwei Wochen vor unserer Abfahrt sah ich Antje kaum noch. Sie war ganz in ihre Planungen für unsere Reise vertieft. Hier und da nahm sie mich noch mit auf den Bouleplatz, aber nur, wenn es abends später zu werden drohte. Boule bzw. Pétanque ist eine große Leidenschaft von ihr. Ansonsten sagte sie, würde sie lieber laufen, damit sie wieder klar denken könne. Sie muss wirklich sehr viel gelesen und recherchiert haben, um ja die optimale Route zu finden. Am besten lasse ich sie selbst erzählen.
Reina hat Recht. Ich war wirklich sehr in die Vorbereitungen vertieft. Ich hatte die Entscheidung zu dieser besonderen Reise erst sehr spät gefällt. Lange hatte ich nachgedacht, ob diese Tour überhaupt realisierbar sei und ob ich mir nicht zu viel zumute. Außerdem war ich ja noch mit meinem Grafik-Design Fernstudium beschäftigt. Dafür musste ich einen Zeitplan einhalten und hatte Angst, dass ich nicht rechtzeitig fertig werden würde. Letztlich ermunterten mich einige Freunde und meine Oma zu diesem Schritt. Dann war ich aber so von meinem Vorhaben überzeugt, dass es mir auch niemand mehr ausreden konnte. Und es gab viele Kritiker, Freunde wie Familie.
Zwei Wochen benötigte ich für die genaue Planung unseres Abenteuers. Ich musste dabei beachten, dass sowohl Reina als auch ich unsere natürlichen Grenzen hatten. Meiner Meinung nach lagen diese bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 50 km/h oder auch maximal acht Stunden auf dem Sattel. Das bedeutete maximal 400 km Strecke an einem Tag. Ausreizen durfte ich dieses Limit aber auch nicht immer, denn schnell ändern sich Strecken durch Umleitungen oder man entdeckt eine Sehenswürdigkeit, die man zusätzlich besichtigen will. Das drückt natürlich den Durchschnitt.
Als ersten Schritt gab ich bei einer Suchmaschine im Internet mal ein paar Zwischenstationen ein und ließ die Distanz berechnen. Das geschah noch rein aus dem Bauch heraus. Allerdings war ich da schon bei über 6.000 km Strecke angelangt. Zudem wurde mir klar, dass ich Finnland vermutlich nur streifen könnte, da sonst die Kilometer ins Unermessliche schnellen würden. Aber ich wollte auf jeden Fall alle vier skandinavischen Länder bereisen, das gehörte einfach dazu.
Im zweiten Schritt ging ich in die Buchhandlung und besorgte mir kompakte Reiseführer über Dänemark, Schweden und Norwegen. Kompakt, damit ich sie auch mitnehmen konnte. Denn so viel war von Anfang an klar: Mein Gepäck würde ich auf das Nötigste limitieren müssen. Reina hatte nur wenige Kilogramm Zuladung. Zur eigenen Beruhigung stellte ich mir vor, dass ein mitfahrender Sozius bestimmt 70 Kilogramm ausmachen würde. Also konnte ich getrost diese Zuladung einplanen. Das würde schon klappen.
Aber zurück zu meinen Einkäufen. Zu den Reiseführern gab es noch das entsprechende kostenlose Kartenmaterial meines Automobilclubs. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass dieses die wichtigsten Sehenswürdigkeiten bereits enthalten hätte und ich auch damit gut klargekommen wäre. Vor allem wäre es nochmal weniger Gepäck gewesen. Denn im Endeffekt besuchte ich vor Ort doch meist die Touristeninformationen und besorgte mir dort detaillierteres Material über die Stadt. Außerdem merkte ich bald, dass die Reiseführer trotz Erscheinungsdatum 2013 nicht mehr auf dem neuesten Stand waren, mich manchmal sogar in die Irre führten. Daher musste ich sowieso vor Ort Erkundigungen einholen.
Der dritte Schritt beinhaltete meine persönliche Absicherung und die Versorgung von Reina. Trotz meiner vielenReisen und Aufenthalte im Ausland besaß ich keine Auslandskrankenversicherung. Mein Mann legte mir diese aber sehr ans Herz, damit ich im Falle eines Unfalls oder einfach bei Krankheit gut abgesichert sei. Als Ergänzung zu meiner Automobilclub-Mitgliedschaft sah ich das auch ein. Nachdem ich einige Angebote geprüft hatte, schloss ich den Vertrag bei meiner Krankenkasse ab. Mit 8,90 Euro pro Jahr war diese eine der günstigsten Optionen und bot auch noch ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Reina versorgte ich mit einem 5-Liter Benzinkanister, der genau in das Topcase passte. Denn meine Oma hatte mir erzählt, dass das Tankstellennetz vor allem im Norden sehr dünn sei. Bei einer Reichweite von maximal 200 km könnte ich vielleicht in Sprit-Not kommen. Zusätzlich kaufte ich noch einen Liter Motoröl. Ich hatte mit dem Inhaber der Werkstatt meines Vertrauens gesprochen und er meinte, gegen eine solche Strecke spräche nichts, ich solle nur hier und da mal nach dem Motoröl schauen und evtl. nachfüllen. Dass mich diese Aussage einen halben Reisetag kosten würde, lesen Sie später. Im Motorradfachhandel fand ich dann noch eine quietschgelbe Regen-Kombi, die ich zumindest laut Klimatabelle sicherlich ein paar Mal brauchen würde.
Im nächsten Schritt überlegte ich, was ich noch alles auf der Reise brauchen könnte. Es musste jetzt schnell gehen, denn für meine Online-Bestellungen musste ich noch einige Tage Versandzeit einrechnen. Ganz oben auf der Liste stand ein Navigationssystem. Ich hatte kurz die Option Navigation per Handy im Sinn, verwarf die Idee aber bald, weil mein Handy weder wasserfest war, noch konnte ich darauf so detaillierte Einstellungen vornehmen wie im Navi. „Fähren oder Autobahnen vermeiden“ sowie „kurvenreiche Strecke planen“ wurden in den Apps nicht immer angeboten. Zudem dachte ich, Mallorca-Deutschlandwar ja vielleicht noch per Kartenstudium möglich, ich kannte mich damals auch gut auf der Strecke aus. Aber diesmal wäre ich ohne Technik aufgeschmissen, da war ich mir sicher. Für Motorräder gibt es nicht so viele Alternativen und ich entschied mich für den Marktführer. In einer Preissuchmaschine pickte ich mir das beste Angebot heraus und war nur drei Tage später stolze Besitzerin von Lisa. Der Hersteller nannte die Stimme der Ansagen so, also übernahm ich den Namen einfach. Ich stellte Lisa Reina vor, die Verbindung stimmte gleich. Mein Mann übernahm an einem Samstagvormittag die Installation. Dazu hatte ich noch in meiner Werkstatt angefragt, aus Angst, dass es zu kompliziert werden könnte. Ich kann jeden auch nur etwas technisch begabten Menschen beruhigen: Dank Installationsanleitung und entsprechenden Videos im Internet ist die Montage in einer guten Stunde erledigt. Eine Testfahrt stand dann natürlich auch an. Dabei merkte ich schnell, dass ich vielleicht doch noch eine Freisprecheinrichtung benötigen würde, denn nur auf den Bildschirm schauen würde entweder im Unfall oder im hoffnungslosen Verfahren enden.
Da half mir dann einige Tage später mein Papa weiter. Beim erneuten Besuch im Motorradfachhandel stockte er mein Budget mit 100 Euro auf und ich besorgte mir eine Bluetooth-Freisprecheinrichtung zum Anbau an den Helm. Auch hier kann ich nur bestätigen, dass die Montage wirklich sehr einfach ist. Das schaffte ich sogar allein. Online ging meine Einkaufstour dann noch weiter. Als passionierte Hobby-Fotografin wollte ich natürlich auch schöne Bilder mit nach Hause bringen. In sechs Wochen würde ich dazu sicherlich tausende Versuche benötigen, da ich auch erstmals im RAW-Format fotografieren wollte. Das würde ordentlich Speicherplatz fordern, also bestellte ich noch zwei 64 GB SD-Karten. In Fachbüchern hatte ich zudem gelernt, dass einPolarisationsfilter unerlässlich sei. So wanderte ein Set mit UV- und ND-Filter in den Warenkorb. Mein großes Stativ war zu massiv für eine Mitnahme, daher entschloss ich mich für ein anderes Stativ, dass mir mein Papa vor einigen Jahren vermacht hatte. Es war deutlich kleiner und leichter, allerdings fehlte die Schnellwechselplatte. Ich kontaktierte den Hersteller, ob für dieses Stativ überhaupt noch Teile existieren, und bekam die passende Platte nach einer Woche geliefert. Letztlich wollte ich die Übernachtungskosten niedrig halten, also würden Hostels und Hütten auf Campingplätzen zu meinen Nachtlagern zählen. Um nicht jedes Mal Bettwäsche mieten zu müssen, besorgte ich mir noch einen Sommer-Schlafsack und ein aufblasbares Kissen. Das Kissen passte zufällig dann auch in einen Bezug, den ich bereits zu Hause hatte. Somit hatte ich eine vollwertige Ausstattung zusammen.
Im letzten Schritt ging ich in die Detailplanung. Jetzt musste eine Route festgelegt werden. Aus den Reiseführern und dem Kartenmaterial schrieb ich mir alle Sehenswürdigkeiten heraus, die ich interessant fand und die auch grob an einer imaginären Linie gen Norden zum Nordkap lagen. Das Nordkap war mein primäres Ziel. Das Danach war zweitrangig, da würden Wetter, körperlicher Zustand und die Technik ein Wörtchen mitreden. Natürlich plante ich diesen Teil auch. Dennoch ließ ich mir die Option offen, jederzeit abbrechen zu können, wenn die Umstände es verlangten. Denn je länger ich plante, desto mehr Kilometer wurden es. Als ich die 10.000 km Marke überschritten hatte, bekam ich einen Schreck. Das ist mit dem Auto schon nicht einfach zu bewältigen. Wie würde es dann mit Reina funktionieren?
Nachdem ich die Wegpunkte festgelegt hatte, begann ich mit der Unterteilung in Tagesetappen. Wie gesagt, es gab Grenzenzu beachten. Bald fand ich aber eine gute Mischung aus Fahrtagen, Bummeltagen und Besichtigungstagen. Erstere bewegten sich um die kritische Grenze von 400 km, an diesen Tagen würde ich nicht viel anschauen oder unternehmen können. Zudem wäre ich danach erschöpft und würde als Ausgleich einen der anderen Tage benötigen. Bummeltage waren eine Mischung aus Fahren und Besichtigen. Da bewegte ich mich zwischen 150 und 250 km. Diese Tage würde ich gemütlich verbringen können. Besichtigungstage plante ich für die Hauptstädte ein. Dort wollte ich mir jeweils einen ganzen Tag Zeit nehmen, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Dabei sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich kein Freund von Museen bin. Wenn mich ein Thema nicht absolut fesselt, langweile ich mich schnell in dieser Umgebung. Ich bin lieber an der frischen Luft und lerne Architektur sowie Menschen kennen.
Bei der Planung musste ich aber auch berücksichtigen, dass ich die Option für einen Abbruch einkalkulieren musste. Ich konnte mich also nicht allzu sehr von der „Hauptschlagader“ der Strecke entfernen. Ansonsten würde das lange Umwege oder im Falle einer Panne ewige Wartezeiten mit sich bringen. Außerdem sollte die Planung nicht in Stein gemeißelt sein. Vielleicht würde mal an einem Tag das Wetter nicht mitspielen und ich würde abkürzen oder Stationen überspringen müssen. Ich musste also so planen, dass ich diese Fälle dann ohne große Umstände überbrücken konnte.
Nachdem ich die Tagesetappen definiert hatte, recherchierte ich in einer Reisesuchmaschine Hotels, Hostels, Jugendherbergen und Campingplätze in der Nähe. Ich notierte mir immer zwei Alternativen. Somit erhielt ich erstens einen Überblick über die bevorstehenden Übernachtungskosten und zweitens würde ich (hoffentlich) nie ohne Bleibe in einer Stadt stranden. Ichwollte immer die Nacht zuvor das Hotel für den nächsten Tag buchen. Ich brauchte also immer eine Unterkunft mit WLAN. Außerdem schaute ich auch gleich, dass ich immer mit Frühstück versorgt war, das würde die Essenskosten drosseln.
Jetzt hatte ich ein grobes Gerüst meiner Reise. In Foren und Reiseberichten, aber auch in Fotostrecken und Videos, las und hörte ich mir nun weitere Erfahrungen an. Dazu gehörten Packlisten, Empfehlungen zu Streckenführungen oder Sehenswürdigkeiten, Informationen zu den Mautsystemen in den einzelnen Ländern oder auch gute Orte zum Rasten und Fotografieren. So erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass es in Norwegen keine Maut für Motorräder geben soll. Erstmal misstraute ich der Information noch und kontaktierte die entsprechende Firma. Englisch klappt übrigens sehr gut in allen skandinavischen Ländern, ob schriftlich bei den Vorbereitungen oder später mündlich vor Ort. Ich hatte nur einmal den Fall, dass ich nicht verstanden wurde. Der Herr war schon etwas älter. Die Firma bestätigte mir die Aussage bis auf zwei Ausnahmen: der Atlanterhavstunnelen bei Kristiansund und der Folgefonntunnelen bei Odda. Man würde es aber auch auf den Preislisten vor den Stationen sehen, meistens wären Motorräder gar nicht erwähnt. Das dämmte die Kosten nochmals ein, denn bei der Fahrt mit dem Auto wären da einige Euro zusammen gekommen.
Dieser Teil beanspruchte eigentlich die meiste Zeit meiner Recherchen. Denn in den Weiten des Internet konnte man sich zu diesen Themen leicht verlieren. Bald rauchte mir der Kopf, deshalb ging ich gerne zu Fuß zum Sport, um wieder normal denken zu können. Reina fand das gar nicht gut, denn sie freute sich immer auf diese Fahrten durch die Stadt. Nach und nach bekam ich einen Überblick über Benzin-, Übernachtungs-, Fähr- und Mautkosten.
Geplant hatte ich bis dahin ca. 10.200 km mit 520 Euro Benzinverbrauch, gut 1.600 Euro für Übernachtungen, 200 Euro für Maut und Fähren und mindestens 150 Euro für Souvenirs. Souvenirs? Ja, ich habe einen kleinen Sammeltick: Ich kaufe nicht gerne Kitsch als Souvenirs, weil es eh nur Staubfänger in der Wohnung werden. Aber T-Shirts durften immer mit, vor allem von den Hard Rock Cafés dieser Welt. Die sind für mich ein praktisches Souvenir. Ich habe mittlerweile fast 40. Alle sind selbst gekauft – ich lasse mir keine mitbringen – ich will selbst vor Ort gewesen sein. So oder so merkte ich schließlich, dass dieser Urlaub nicht billig werden würde.
Eine Anschaffung tätigte ich noch, die aber nicht direkt mit der Reise zu tun hatte. Sie passte aber wunderbar dazu und ergab sich zufällig vier Tage vor Abreise. Ich hatte schon länger nach einem neuen Handy geschaut. Doch die Modelle, die mir gefielen, waren einfach zu teuer. Als überzeugte Prepaid-Kundin hatte ich nicht mal einen Euro Verbrauch im Monat. Allerdings antwortete ich auch auf keinen Anruf, auf keine SMS, versuchte immer, meine Anrufe zu Hause vom Festnetz zu erledigen oder E-Mails zu schreiben. Das war stressig und meine Mitmenschen nervte es auch. Dann lief mir dieses Angebot über den Weg: Mein Wunschhandy mit einem Vertrag für 29,99 Euro pro Monat. Dafür hatte ich eine Festnetz- und eine Handynummer, eine Internet-Flatrate mit einem Gigabyte in LTE-Geschwindigkeit, eine SMS- und eine Telefonie-Flatrate ins Fest- und Mobilfunknetz sowie 50 Megabyte Internet-Flatrate im EU-Ausland. Ähnliche Verträge ohne Handy kosteten 19,99 Euro monatlich, also würde ich das Handy für zehn Euro pro Monat erhalten. Über die Vertragslaufzeit gerechnet, hätte ich dann nur 240 Euro statt 400 Euro für das neue Spielzeug gezahlt. Trotzdem dachte ich noch zwei Tage nach, bevor ich dann in letzter Sekunde zuschlug, denn nur einen Tag spätergab es das Angebot nicht mehr. Und zu meiner Überraschung hielt ich das neue Handy schon zwei Tage später in Händen. Das war samstags vor der Abreise. Die Freischaltung meiner Rufnummernmitnahme brauchte noch bis dienstags, aber mit einer Ersatznummer war ich jederzeit erreichbar. Bei solchen technischen Spielereien werde ich zum Kind, da ist dann Weihnachten und Ostern an einem Tag. Im Nachhinein bin ich doppelt froh über diese Entscheidung, denn ich hatte ein sehr gutes Gerät für die Nutzung des Internets, zum Buchen, Recherchieren usw. während der Reise, ich konnte auf einem großen Display ohne Stielaugen allabendlich mein Tagebuch führen und ich hatte zusätzlich eine Spitzenkamera für Schnappschüsse an Bord.
Diese Kamera half mir dann auch noch bei meiner zweiten kurzfristigen Aktion. Nachdem die Entscheidung zu dieser Reise gefallen war, erzählte ich einigen Freunden, Sportkameraden und der Familie davon. Alle wollten von mir auf dem Laufenden gehalten werden und auch mal ein Bild von unterwegs sehen. Das hätte viele E-Mails am Abend bedeutet. Kurzerhand gestaltete ich noch eine kleine kostenlose Homepage, deren Adresse ich an alle verschickte. Jeden Tag lud ich dann ein Bild hoch und berichtete kurz über meine Erlebnisse. Diese Bilder machte ich mit dem Handy. Von der Kamera hätte ich sie nicht ins Internet stellen können. Diese Idee kam sehr gut an und wurde fleißig genutzt. Falls Sie die Homepage besuchen möchten, finden Sie sie unter antjesnordkapreise.jimdo.com.
Eine kleine Panne bescherte mir die Kamera aber auch noch. Um das Handy während der Reise und auch später im Alltag zu schützen, wollte ich noch eine Schutzhülle dafür erstehen. Bei einem großen Online-Kaufhaus war die passende Hülle auch schnell gefunden, sogar mit Kreditkartenfächern. Das würde vielleicht die Größe meines Geldbeutels eindämmen, ich wollte ehnicht viele Karten mitnehmen. Ich habe bereits einen Diebstahl erlebt und es ist viel Arbeit, bis man alle Karten gesperrt und neu beantragt hat. Blöderweise kam die Hülle aber nicht mehr pünktlich, weil sie plötzlich mit einem britischen Postunternehmen verschickt werden sollte. Das war aus dem Angebot nicht erkennbar. Ich ergatterte dann in der Not noch schnell eine weitere, einfachere Hülle in einem großen Online-Auktionshaus, diese erhielt ich dann noch samstags vor der Abreise. Somit war ich versorgt und dem neuen Spielzeug konnte nichts zustoßen. Übrigens habe ich die erste Bestellung nie mehr erhalten, ich habe im Online-Kaufhaus schließlich mein Geld zurückgefordert.
Den Sonntag vor der Abreise verbrachte ich noch gemütlich zu Hause. Na ja, anfangs war der Tag gar nicht gemütlich, denn es begann das große Packen. Ich hatte die in meiner Packliste aufgeführten Gegenstände mittlerweile in meinem Zimmer gestapelt. Nun musste der Berg nur noch in meine Tasche, den Rucksack und das Topcase passen. Nach zweimaligem Umpacken hatte ich es endlich geschafft, das Gepäck war unter. Obwohl, ganz haute es nicht hin. Ich musste etwas schummeln. Der Schlafsack, trotz seiner extra kleinen Packmaße, wollte partout nicht mehr in eine Lücke passen. Er landete dann auf dem Rucksack, festgeschnürt mit den Gummizügen, die ich bisher, ehrlich gesagt, für Dekoration gehalten hatte. Aber so klappte es wunderbar und ich hatte alles verstaut. Zuletzt fuhr ich noch schnell zur Tankstelle um die Ecke und machte den Tank voll. Ich wollte am nächsten Morgen gleich durchstarten, außerdem waren die Spritpreise am Wochenende erträglicher. Danach gönnte ich mir aber noch etwas Ruhe auf dem Sofa.
Karte aus Google Maps: © 2015 GeoBasis-DE/BKG (©2009), Google
Oh je, Antje sah gar nicht gut aus, als sie gegen 7.30 Uhr das Garagentor öffnete und mich in die Freiheit entließ. Sie musste sehr schlecht geschlafen haben. Sie murmelte auch die ganze Zeit etwas vor sich hin. Irgendwann glaubte ich, herauszuhören, dass sie gar nicht recht losfahren wollte. Dabei war sie am Tag zuvor noch so fröhlich gewesen, als sie mir nochmal ordentlich einen einschenkte. Na ja, ein bisschen konnte ich sie auch verstehen. Immerhin würde sie, wenn alles nach Plan verlaufen würde, sechs Wochen ihren Mann und ihre Familie nicht sehen. Zudem konnte sie in dieser Zeit auch ihrem Sport, dem Boulen, nicht nachgehen. Das musste sie schon sehr traurig stimmen.
Auf den ersten Metern machte sie ihren Sorgen Luft und erzählte mir von den letzten Minuten zu Hause. Ihr Mann war, wie jeden Morgen, um sechs Uhr zur Arbeit gegangen. Dann ging sie ins Bad und machte sich fertig für unseren ersten Reisetag. Nach dem Frühstück kam der Moment, die Motorradklamotten anzuziehen und ihr wurde schlagartig bewusst, was sie vorhatte. Auch das Wetter hatte noch Startschwierigkeiten und drückte auf die Stimmung. Sie musste kräftig schlucken, aber jetzt ging es los.
Nachdem sie mich wie einen Packesel beladen hatte, drückte sie meinen kleinen schwarzen Knopf und ich schnurrte los. Der Himmel war dunkel, die Wolken hingen tief. Mein Näschen sagte mir aber, dass es trocken bleiben würde. Ich hatte Recht, denn kurz vor Ellwangen riss der Himmel auf und nun begleitete uns der Sonnenschein. Die Straßen waren leer und so kamen wir gut voran.
Lisa lenkte mich geschickt über die Bundesstraßen, aber auch kleine Nebenstraßen haben wir brillant bewältigt. Antje musste Lisa noch etwas auf die Sprünge helfen, denn Lisas Sprachrohr an Antjes Helm funktionierte nicht gleich und schaltete sich immer wieder selbst aus. So mussten Antje und ich doch immer wieder auf Lisas Bildschirm schauen. Irgendwann hatten wir aber genug von den Zickereien und Antje startete Lisa und ihre Freisprecheinrichtung neu. Ab dann klappte die Kommunikation zwischen uns problemlos und wir konnten uns aufeinander verlassen.
In Würzburg gesellte sich ein sexy Reisebegleiter zu uns. Ich durfte seinen Anblick bis zu unserem ersten Tankstopp genießen. Qué culo! Was für ein Knacka… Entschuldigung, ich vergesse meine Manieren. Was für ein wohlgeformtes Hinterteil. Der Inhaber stammte aus der Schweiz und machte ordentlich Krach. Aber so sind die Männer: Viel Lärm um Nichts, frei nach William Shakespeare. Trotzdem habe ich einfach eine Schwäche für diese schönen Motorräder aus den USA. Antje mag sie auch, sie war sogar schon an einem der Geburtsorte und besitzt auch ein grell orangenes T-Shirt von dort.
Vielleicht war Antje auch etwas abgelenkt durch den Anblick, denn sie vergaß beinahe, dass ich ab und zu auch mal etwas zum Trinken brauche. Lisa half ihr dann mit der Suche nach einer Tankstelle und nach fast 195 km bekam ich eine kurze Verschnaufpause. Ich bin zwar noch jung, aber Antje hetzte mich ganz schön durch die Gegend. Musste sie wirklich permanent Vollgas fahren? Wir hatten doch Zeit. Ich versuchte ihr das in der Pause klarzumachen, aber irgendwie drang ich nicht zu ihr durch. Es dauerte noch einige Kilometer, bis sie mir etwas Entspannung gönnte und nicht mehr wie eine Besessene über die Straßen düste. Ok, sie hatte vor der Abreise ja auch viel um die Ohren und musste erstmal runterkommen. Als Freundin half ich ihr da gerne dabei.
Hinter Fladungen in der Rhön schlug Antje plötzlich einen Haken, mir wurde ganz schwindelig. Sie parkte mich unter einem Schild, packte das erste Mal ihre Kamera aus und positionierte sie mit dem Stativ einige Meter von uns entfernt. Dann setzte sie sich wieder auf meinen Rücken und betätigte den Selbstauslöser. Nun gab es auch bei ihr etwas zu trinken. Sie erklärte mir, dass dies ein historischer Ort sei. Das Schild stand für die ehemalige deutsch-deutsche Grenze, die vor 25 Jahren gefallen war. Was für ein Blödsinn, dachte ich. Deutsch-deutsche Grenze? Was soll das denn bedeuten? Es ist doch das gleiche Land! Antje sagte, dass es damals ein Ostdeutschland, die DDR, und ein Westdeutschland, die BRD, gegeben hätte. Die beiden Länder wurden dann wieder vereint und nun hätten wir ein gemeinsames Deutschland. Sie selbst habe das im Alter von neun Jahren nicht so richtig verstanden. Aber ich war ja noch nicht mal auf der Welt gewesen.
Wir blieben noch etwas am Straßenrand stehen und genossen die warme Sonne. Antje tippte auf ihrem Handy herum, Tagebuch führen nannte sie das. Sie wolle ja ein Buch über diese Reise schreiben und damit sie noch wisse, was sie alles gemacht und erlebt habe, müsse sie zwischendurch immer mal wieder ein paar Notizen festhalten. Das verstehe ich nicht, ich konnte mir doch auch alles merken. Wie sonst könnte ich von unseren Abenteuern berichten? Da Lisa feststellte, dass wir gut in der Zeit lagen, konnten wir Antje ihren Willen lassen.
Dann ging es weiter und wir tuckerten gen Norden. Unterwegs begegneten wir vielen unterschiedlichen Reisenden: Radfahrern, Motorradfahrern, einem Trabi mit Wohnanhänger, einem VW T1 mit Wohnanhänger oder auch Reisemobilen in allen Größen. So ein Schaulaufen ist immer eine schöne Abwechslung auf der Tour.
Ich schnurrte gerade so gemütlich vor mich hin, als es mich plötzlich kräftig durchschüttelte. Mir wurde ganz schlecht und meine Gelenke wussten gar nicht, wie sie die Erschütterungen abfangen sollten. Ich machte erstmal langsam, um mir die Situation besser anschauen zu können. Laut Lisa waren wir auf der L1022 kurz vor Gospenroda in Thüringen. Was da so an meinen Nerven rüttelte, war Kopfsteinpflaster. Mehr als 30 km/h ließ ich dann nicht mehr zu, mir brummte schon der Schädel. Antje muss es wohl sehr lustig gefunden haben, denn sie hielt irgendwann sogar an und machte ein Foto von der Straße. „Als Foto des Tages für die Webseite“, meinte sie. „Das kriegst Du nicht alle Tage zu Gesicht, das ist Verkehrsberuhigung auf Thüringisch.“ Im Nachhinein fand ich es dann auch ganz witzig und vergaß das Gerüttel und Geschüttel bald wieder. Es sah aber auch lustig aus: In der Mitte der Straße war Kopfsteinpflaster, an den Rändern hatte man wohl schon Mitleid mit den Rollern dieser Welt gehabt und etwas Teer auf das Pflaster geschmiert. Viel brachte das aber nicht. Ich musste die Arbeiter bewundern, die das Kopfsteinpflaster verlegt hatten. Es sah regelmäßig und sehr schön aus. Es war ein Beweis für die unzähligen Arbeitsstunden der Pflasterer.
Auch auf der B27 ging es erst nochmal gemächlich zu. Auf 20 km hatten wir einen schwedischen Laster eines Logistikunternehmens vor uns, der es offensichtlich nicht sonderlich eilig hatte. Eigentlich hätte der uns doch mitnehmen können. Antje wollte aber selbst fahren. Schade! Na ja, im Anhänger hätte ich auch nicht so viel gesehen, da hatte sie schon Recht. Jedenfalls gondelte der gute Truck mit 60 km/h über die Bundesstraße und verursachte eine Autoschlange hinter sich. Gut, dass hier nicht so viel los war, denn die Autofahrer wurden ungeduldig und fingen an den unmöglichsten Stellen mit dem Überholen an. Dios mío, lieber Gott, das war manchmal ziemlich knapp. Dass es diese Autos hier in Alemania immer so eilig haben. Das bin ich aus Spanien und Frankreich gar nicht gewohnt. Da geht es auf den Landstraßen deutlich ruhiger zu. Die Deutschen sollten sich ein Beispiel an ihren Nachbarn nehmen. Überlegt doch mal: Man sieht mehr von der Landschaft, verbraucht weniger Benzin und kommt geruhsamer bzw. ausgeruhter ans Ziel. Vielleicht sollten mehr Menschen auf den Roller umsteigen. Das entspannt!
Trotz dem kleinen Dicken vor uns waren wir schon kurz vor 15 Uhr in Göttingen. Lisa führte uns auch souverän direkt vor die Haustür des Hostels. Antje verschwand kurz im Haus, dann kam sie mit einer jungen Dame wieder. Das war wohl die Chefin. Sie zeigte mir, wo ich die Nacht verbringen durfte. Ein Stück in den Hof hinein fand sich ein nettes Plätzchen mit Blick auf die Straße. So wurde es mir auch nicht langweilig. Außerdem fuhren hier auch noch ein paar Anlieger hin und her, die in den Firmen und Werkstätten der Umgebung arbeiteten. Sie teilten sich alle die Parkplätze im Hof, nahmen mich aber sehr gut auf und ließen mich am Abend dann auch in Ruhe. Antje kann sicherlich noch etwas über ihren Abend erzählen.
Ja Reina, ein bisschen was habe ich noch erlebt. Nachdem ich Dich gut geparkt wusste, ging ich wieder ins Haus und checkte an der Rezeption ein. Ich zahlte mein Zimmer gleich in bar, noch konnte ich ja Euro nutzen. Die netten jungen Leute, vielleicht waren sie sogar die Eigentümer oder Pächter, gaben mir auch noch ein paar Tipps für den Besuch der Innenstadt und wo ich eine Kleinigkeit zum Abendessen bekommen könnte. Ich bezog dann mein Zimmer, genauer gesagt ein Bett im Mehrbettzimmer für Frauen. Allerdings war nur noch eine asiatische Frau mit im Zimmer, das versprach eine angenehme Nacht zu werden. Nach der Erkundung des Stockwerks mit Toilette, Dusche und Küche machte ich mich etwas frisch, probierte den WLAN-Zugang aus und verstaute mein Gepäck im Spind.
Um das schöne Wetter noch etwas auszunutzen und Göttingen kennenzulernen, lief ich in die Stadt. Da das Hostel günstig gelegen war, erreichte ich das Zentrum schon in wenigenMinuten. Mein Weg führte mich zunächst in eine türkische Bäckerei, eine Empfehlung der Rezeption. Dort gab es tatsächlich eine tolle Auswahl an leckeren Kleinigkeiten. Ich entschied mich für zwei unterschiedlich gefüllte Sesamtaschen. Eine davon verputzte ich gleich an Ort und Stelle, ich hatte meinen Hunger tatsächlich vergessen.
Gestärkt erkundete ich dann die Fußgängerzone mit ihren vielen Geschäften. Allerdings sehen die Fußgängerzonen heutzutage fast alle gleich aus, die gleichen Ladenketten von München bis Flensburg. Zum Shoppen war ich aber auch nicht hier, also organisierte ich mir eine Karte der Innenstadt bei der Touristeninformation. Damit konnte ich ein paar Sehenswürdigkeiten entdecken. Dabei wurde ich von jungen Leuten angesprochen, die für eine gemeinnützige Organisation Spenden und Mitglieder warben. Sie waren sehr hartnäckig und wollten mich gar nicht mehr gehen lassen. Irgendwann hatte ich sie aber überzeugt, dass ich nicht die richtige Person für ihr Anliegen bin. Wenn ich etwas Gutes tue, dann nur direkt. Ich möchte nicht, dass ein Großteil meiner Spenden in den Verwaltungen der Organisationen verschwindet.
Nachdem ich wieder allein war, schlenderte ich zur Gänseliesel. Die Figur ist seit 1901 das Wahrzeichen der Stadt und gilt als meistgeküsstes Mädchen der Welt. Das liegt an einem alten Brauch, nach dem die neu immatrikulierten Studenten auf den Brunnen stiegen und die Gänseliesel küssten. Dies wurde zwar bald verboten, aber keiner hielt sich daran. Heute küssen nur noch die Doktoranden nach erfolgreicher Prüfung die Bronzefigur bzw. deren Kopie, denn das Original steht inzwischen im Städtischen Museum. In meiner Anwesenheit kletterte niemand auf den Brunnen, allerdings ließen sich viele Touristen von ihren Partnern oder Freunden davor ablichten. Ich setzte mich auf eine Bank vordem Rathaus und schaute dem Treiben etwas zu. Dabei knabberte ich noch meine zweite Sesamtasche und ließ mich von der Sonne wärmen.
Schließlich spazierte ich noch etwas weiter zum Alten Botanischen Garten. Er stammt aus dem 18. Jhdt. und beherbergt über 12.000 verschiedene Pflanzen. Rund um den Teich luden Bänke wieder zum Verweilen ein. Da ließ ich mich nicht zwei Mal bitten und streckte mich mit meinem Rucksack als Kissen aus. Ich beobachtete die anderen Besucher etwas und spielte mit meiner Kamera, um die Einstellungen besser kennenzulernen. Allerdings machte ich jetzt noch keine Fotos. Ich wollte mir den Speicherplatz für das eigentliche Ziel meiner Reise, die vier skandinavischen Länder, aufheben. Da würde ich noch genug knipsen.
Hej, wer macht denn da das Licht aus, dachte ich plötzlich. Große, dunkle Wolken zogen schnell am Himmel auf. Ich hatte es noch nicht richtig realisiert, da fielen auch schon die ersten dicken Regentropfen. Ich schaffte es gerade noch, meine Sachen zusammenzupacken und einen Unterstand zu suchen. Dann kam auch schon ein ordentlicher Schauer herunter. Als der Regen nicht aufhören wollte, hüpfte ich von Baum zu Markise zu Vordach, um wieder Richtung Hostel zu kommen. Dabei wurde ich natürlich richtig nass. Das hat man davon, wenn man ungeduldig ist. Hätte ich ca. 15 Minuten gewartet, wäre ich deutlich trockener an mein Ziel gekommen. Allerdings ging es vor dem Hostel nochmal los, aber nasser konnte ich nicht werden.
Ich zog mich auf mein Zimmer zurück, meine Mitbewohnerin war immer noch nicht da. Sie würde erst spät in der Nacht auftauchen und früh am nächsten Morgen schon wieder aufbrechen. Egal, ich hatte auch so noch etwas zu tun. Erstmal ausziehen und die Klamotten und den Rucksack trocknen lassen. Trotz 22 Grad war es frisch in den nassen Kleidern geworden. Dannkuschelte ich mich ins Bett, krank werden wollte ich auf keinen Fall. Ich brachte mein Tagebuch auf den neuesten Stand und rief meine E-Mails ab. Dabei schickte ich auch gleich mein erstes Lebenszeichen per E-Mail an meinen Mann, meine Oma und meine Eltern. Das würde ich ab sofort jeden Abend machen, ich nannte die Nachricht auch immer „Lebenszeichen“ und schrieb kurz, wo ich war und was ich Besonderes am jeweiligen Tag erlebt hatte. Letztlich lud ich noch mein Foto des Tages auf die Homepage hoch und verfasste meinen ersten Kommentar für alle „Verfolger“ meiner Reise. Zum Entspannen hörte ich dann noch etwas Musik, las ein Buch zum Thema Reisefotografie und spielte ein paar Spiele wie Kniffel oder ein Quiz. Das geht ja heute alles wunderbar mit einem Smartphone, welches ich ja jetzt auch mein Eigen nannte. Vor der Abreise hatte ich noch einige Lieder und Bücher in den Handyspeicher kopiert, damit ich mich abends nicht langweilen würde oder auch mal während der Fahrt Musik hören könnte. Dank meiner Bluetooth-Freisprecheinrichtung wäre das kein Problem gewesen. Ich kam nur gar nicht dazu. Weder las ich viel auf der Reise, noch hörte ich ein einziges Mal Musik während der Fahrt. Es gab viel zu viel zu Sehen und Erleben.
Karte aus Google Maps: © 2015 GeoBasis-DE/BKG (©2009), Google
Guten Morgen Welt! Ich bin soweit, vamos, vamos. Hmm, Antje schien meinen Enthusiasmus nicht zu teilen. Vor acht Uhr bekam ich sie nicht zu Gesicht. Und sie sah wieder etwas zerknautscht aus. Sie berichtete, dass ihre Mitbewohnerin wohl erkältet war und sich die ganze Nacht immer wieder geschnäuzt hatte. Das raubte ihr natürlich den Schlaf. Nachdem sich die Dame verabschiedet hatte, eroberte Antje Bad und Dusche und machte sich fertig für den Tag. Nach dem Packen war sie noch zum Bäcker gelaufen und hatte sich ein Frühstück bzw. auch gleich ein kleines Mittagessen besorgt. Mir brachte sie leider Nichts mit. Zucker im Tank macht sich aber auch nicht gut. Das hatte mir mal mein Nachbar Quad erzählt, er hatte das irgendwann mal ausprobiert und stand dann wochenlang herum, bis sein Fahrer ihn wieder fahrbereit hatte. Meine Versorgung stand für später auf dem Plan.
Antje trocknete noch liebevoll meinen Rücken, bis sieben Uhr hatte es geregnet. Dann packte sie mich wieder voll bis unter die Halskrause. Nachdem wir dann aber endlich mal in die Gänge gekommen waren, wurde sie auch wieder gesprächiger. Sie entschuldigte sich für den verzögerten Start und begründete es mit irgendeiner Information, die sie von ihrem Handy bekommen hatte. Sie nannte es Wetter-App. Diese hätte gesagt, dass es gegen sieben Uhr wieder besseres Wetter geben sollte und daher habe sie getrödelt, damit die Straßen von den Autos schon etwas trocken gefahren wurden. Gar nicht dumm, so würde ich nicht so leicht ins Schlingern kommen. Sie denkt halt doch mit, meine Fahrerin.
Außerdem hatte sie wohl noch geratscht, wir Mädels leben ja dafür. Die Herbergswirte waren scheinbar auch schon viel herumgekommen. Sie hatten Antje von ihrer letzten Reise nach Kroatien vorgeschwärmt, die sie als Anhalter absolviert hatten. Sie wollten auch alles über unsere Reise wissen und hatten gleich nach einem Blog darüber gefragt. Und Antje konnte auch nicht an deren Hund Kira vorbei, der mit in der Rezeption saß. Antje liebt Tiere und knuddelt sie dann auch immer gleich, wenn die Halter einverstanden sind. Sie sagt, dass beruhigt und Tiere würden einfach bedingungslos lieben. Ich mag Tiere ja nicht sonderlich, denn entweder pinkeln sie mich an, machen etwas kaputt oder sie springen mir beim Fahren unvermittelt vor die Nase.
Egal, endlich ging es los. Doch bereits nach drei Kilometer legten wir schon wieder einen Stopp ein. Diesmal sollte ich mein Frühstück in flüssiger Form bekommen, knapp 184 km waren schon wieder seit dem letzten Stopp vergangen. Die Stärkung konnte ich auch gut gebrauchen, denn unterwegs erwartete uns ein starker Wind. Einerseits gut, denn das treibt die Regenwolken weg. Andererseits bedeutete es für Antje und mich harte Arbeit, um auf der Straße zu bleiben. Dann mussten wir noch einen kleinen Umweg fahren, weil die Bundesstraße gesperrt war. Ich bin ja grundsätzlich faul, daher mag ich Umwege gar nicht. Aber bevor ich in irgendeinem Graben lande, spiele ich eben mit.
Die Strecke war aber trotz Wind und Umwegen wieder schön. Lisa leistete ganze Arbeit. Wir entdeckten wunderschöne Bauernhöfe, z.B. in Isernhagen. Da machte Antje sogar mal ein Foto, weil sie ihr so gut gefielen. Zudem waren wir auf der Niedersächsischen Mühlenstraße unterwegs, diese Ferienstraßen haben ihren Namen ja nicht umsonst. Gestern konnte ich noch Bäume zählen auf der Alleenstraße, da war es auch schön. Was mich allerdings etwas irritierte, waren die komisch geparkten Wohnmobile am Straßenrand. Welcher Tourist stellt sein Auto denn so seltsam ab? Das seien keine Touristen, klärte mich Antje grinsend auf. Das seien Frauen, die ihr Geld damit verdienen, dass sie Männer verwöhnen. Vaya, das waren dann aber viele Frauen in dieser Gegend. So etwas kenne ich gar nicht aus Rollerland. Da wurde ich gleich ganz rot.
Nach gut 184 km passierten wir die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Auch hier musste mir Antje wieder Nachhilfe geben, Geschichte ist wirklich nicht meine Stärke. Diese Orte erinnern an eine ganz grausame Zeit in Deutschland, die schon ca. 70 Jahre zurückliegt. Im Lager Bergen-Belsen wurden während dem Zweiten Weltkrieg viele tausend Menschen getötet. Ist das nicht schlimm? Um mich wieder zu beruhigen, gönnte mir Antje in Bergen eine kleine Pause und ich bekam Futter. Antje spazierte etwas über die Tankstelle, weil ihr der Hintern wehtat. Sie zückte auch mal ihre Trinkflasche und tankte selbst nach. Bei ihr hieß das Tee. Den machte sie sich fast jeden Morgen mit speziellen Teebeuteln, die sie mit kaltem Wasser zubereiten konnte. Sie meinte, damit sei sie unabhängig von heißem Wasser, was die Flasche auf Dauer wahrscheinlich auch nicht aushalten würde. Mir war das gleich, jeder hat ja einen anderen Geschmack beim Trinken.
Bald waren wir in Hamburg. Hier gefiel es mir nicht so gut, denn es wurde sehr voll auf den Straßen und das machte mich nervös. Antje beruhigte mich und lenkte uns mit Lisas Hilfe direkt zu den Landungsbrücken. Bin ich jetzt eine Petze, wenn ich erzähle, dass wir dort kostenlos parkten? Bekomme ich dann Ärger? Espero que no, ich hoffe nicht. Aber wo soll ich bitteschön einen Parkschein unterbringen? Antje wusste auch keinen Rat und schob mich einfach dicht neben ein Auto in eine schmale Lücke, die sowieso niemand nutzen konnte. Da fühlte ich mich dann auch sicher vor Politessen, wobei ich die Damen bestimmt mit meinem Augenaufschlag hätte bezirzen können. Wer kann meinen leuchtenden Augen schon widerstehen?
Antje besorgte sich dann ihr erstes Hard Rock Café T-Shirt dieser Reise. Sie hat Euch sicherlich schon von ihrem kleinen Sammel-Tick erzählt. Währenddessen bekam ich eine kleine Dusche ab. Es war aber nicht so schlimm, Antje würde mich später wieder trocken rubbeln. Ich sah sie dann nochmal kurz auf die Landungsbrücken entschwinden und dort blieb sie einige Zeit. Sie machte wohl einen kleinen Spaziergang und genoss die Hafenatmosphäre. Ich schaute in dieser Zeit den vielen Touristen zu, wie sie ein Doppeldeckerbus ausspuckte und sie dann in den Souvenirläden und Restaurants verschwanden. Dann kam auch schon bald Antje wieder und zeigte mir ein paar Bilder auf ihrem Handy, die sie von den Landungsbrücken und dem Schiffsverkehr gemacht hatte. Besonders gefiel mir ein Schaufelraddampfer, der gerade zur Hafenrundfahrt aufbrach. Den hatte sie gut getroffen.
Weiter ging es gen Flensburg, nochmal durch das Chaos der Großstadt, dann wurde es wieder ruhiger. Rund um Hamburg gab es sehr günstiges Trinken für mich. 1,47 Euro für einen Liter Super hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Allerdings war ich noch gut versorgt und es dauerte bis Aukrug, bis ich wieder Nachschub bekam. Das waren diesmal lässige 169 km, Antje schaute sich zur Sicherheit jetzt offensichtlich schon früher nach Tankstellen um. Mir war das sehr recht, so konnte ich immer aus den Vollen schöpfen. Sie nutzte den Stopp dann auch noch für eine kleine Pinkelpause, muss ja auch mal sein.
Trotz immer stärkerem Wind erwischte uns kurz vor Flensburg dann doch nochmal ein kurzer Schauer. Er war aber nicht so schlimm, nach ein paar Kilometer hatte mich der Fahrtwind schon wieder trocken gepustet. Es wurden unterwegs immerhin 23 Grad angezeigt. Die letzte Etappe kostete nochmal viel Kraft, doch schließlich kamen wir gegen 17.15 Uhr im Hostel an. Ich bekam wieder ein kostenloses Plätzchen im Hinterhof zugewiesen, das ich mir mit zwei flotten Rennern aus Dänemark teilte. Nette Kerle, ich unterhielt mich sehr gut mit ihnen und die Nacht wurde daher auch nicht so lang. Allerdings hatten wir ständig diesen Bierduft in der Nase, da die lokale Brauerei direkt nebenan lag. Na ja, es gibt Schlimmeres. Antje kann Euch jetzt wieder vom restlichen Abend berichten.
Danke Reina, von dem schönen Spaziergang zum Hafen erzähle ich gerne. Nachdem ich Dich vom Gepäck befreit hatte, checkte ich ein und bezog mein Bett in einem gemischten Schlafsaal. Ich war die einzige Frau, aber die Männer benahmen sich anständig. Zu diesem Zeitpunkt war nur ein Zimmernachbar anwesend, der Fernsehen schaute. Als es aufhörte zu regnen, ließ ich mir an der Rezeption wieder einen Tipp für einen leckeren Snack zum Abendessen geben und machte mich dann auf den Weg in die Stadt. Auch hier in Flensburg waren es wieder nur wenige Minuten Fußweg.
Mit dem Stadtplan orientierte ich mich grob und hatte bald den Aussichtspunkt am Rummelgang über die Marientreppe erklommen. Von dort spazierte ich weiter in den Hafen und kaufte mir an der empfohlenen Bude eine sehr leckere Fischfrikadelle. Ich setzte mich ans Wasser und schaute den Möwen und Enten etwas zu. So frisch nach dem Regen waren die Farben sehr klar und schön und die Abendstimmung ließ sie leuchten. Ich zückte die Kamera und machte ein paar Fotos vom historischen Dampfer „Alexandra“.
Nach rund 90 Minuten kehrte ich wieder zum Hostel zurück. Auf dem Rückweg holte ich mir in einer Bäckerei noch Frühstück und einen Mittagssnack für den nächsten Tag. Die heutige Buchung beinhaltete kein Frühstück und so stand Selbstversorgung auf dem Programm. Die Auswahl in der Bäckerei machte es mir leicht, das Passende zu finden.
Zurück im Zimmer war ich allein. Ich nutzte den Abend zum Tagebuch schreiben und zum Fotos aussortieren. Die Angst, genug Speicherplatz für die ganze Reise zu haben, ließ dieses Aussortieren zum täglichen Ritual werden. Jeden Abend setzte ich mich hin und löschte die missglückten oder doppelten Bilder, soweit ich die Qualität auf dem kleinen Bildschirm der Kamera beurteilen konnte. Natürlich gab es auch heute ein Bild des Tages, das ich wieder hochlud. Diesmal waren es die Landungsbrücken in Hamburg. Letztlich nutzte ich noch das kostenlose WLAN des Hostels für die Buchung des nächsten Hotels, das Abrufen der E-Mails, das Versenden meines „Lebenszeichens“ nach Hause und allgemeine Recherchen zur Reise. Nachdem ich meine Freisprecheinrichtung und das Handy noch zum Laden angeschlossen hatte, rief bald der Sandmann und ich legte mich schlafen.
Karte aus Google Maps: © 2015 GeoBasis-DE/BKG (©2009), Google
Brrr, ich bin ja klitschnass. Die ganze Nacht hat es geregnet. Gott sei Dank war es nicht so kalt. Ich freute mich schon auf ein Handtuch. Der Himmel klarte langsam auf, als Antje gegen 7.30 Uhr zu mir kam. Diese Nacht hatte sie etwas geruhsamer verbracht. Von ihren drei männlichen Mitbewohnern hatte nur einer geschnarcht. Um 6.45 Uhr hatte sie eine Lücke im Gemeinschaftsbad ergattert und sich startklar für den Tag gemacht. Kurz danach packte sie mich wieder bis in die kleinsten Lücken voll.
Wir starteten gut gelaunt in den neuen Tag und tuckerten langsam am Hafen entlang. Antje wollte gerne auf einer Bank frühstücken. Allerdings war heute der ganze Hafen abgesperrt und an die Bänke kam man nicht mehr heran. Also fuhren wir weiter und suchten ein anderes schönes Plätzchen, leider blieben wir aber erfolglos. Schwuppdiwupp erreichten wir dann auch schon die Grenze nach Dänemark. Dort legte Antje aber zumindest einen kurzen Fotostopp ein. Sie hatte sich gerade ein paar Schritte zu den Schildern entfernt, als es plötzlich gefährlich über uns blitzte. Gleich darauf folgte ein entsetzlich lauter Donner. Ein Gewitter am frühen Morgen und dann auch noch genau über unseren Köpfen. Jetzt bekam ich es aber mit der Angst zu tun. Meine empfindlichen Nervenbahnen waren in Gefahr, denn leider funktioniert bei mir das Prinzip des faradayschen Käfigs nicht. Da haben Autos zugegebenermaßen einen Vorteil.
Antje kam auch sofort angesprungen und wir starteten durch. Sie hat mindestens so viel Respekt vor Gewitter wie ich, denn ihre Großkusine wurde mal vom Blitz getroffen. Außerdem fing es jetzt an, kräftig zu regnen und sie wollte den großen dunklen Wolken schnellstmöglich entkommen. Ich gab eine Zeitlang Vollgas, um uns zu retten. Doch bis Haderslev blieben uns die dicken Regentropfen treu und wir erreichten das Städtchen gegen neun Uhr völlig durchnässt. Der Himmel riss auf und die Sonne ließ sich blicken.
Nach einigen Ehrenrunden durch die Innenstadt fanden wir einen Parkplatz nahe dem Dom. Antje hob bei der Bank am Ende des Platzes Geld ab und verabschiedete sich dann einige Minuten von mir. Sie wollte die Stadt etwas erkunden. Lange brauchte sie nicht, anscheinend gab es außer der Vor Frue Kirke und den bunten Fachwerkhäusern nicht viel zu sehen. Ich fand allerdings den Backsteinbau einer alten Fabrik direkt am Platz sehr interessant. Aus meiner Perspektive sah der Schornstein majestätisch aus. An der Fassade stand „Winds Bogtrykkeri“, eine alte Druckerei also. Antje entdeckte sie auch und machte noch Fotos. Dann setzte sie sich auf eine Parkbank neben mir und packte ihr Frühstück aus. Beim Essen tippte sie wieder auf ihrem Handy herum, sie wollte ihre Notizen eben immer auf dem neuesten Stand haben.
Ein Auto rollte langsam in die Parkbucht neben uns und ein kleiner Junge stieg mit seinem Vater aus. Sie hatten ein deutsches Kennzeichen aus Oldenburg. Der Junge lief auf den Platz, drehte sich um und schaute Antje an. „Willst Du hier schlafen?“, fragte er sie. Antje sah sichtlich verdutzt aus, scheinbar hatte der Schlafsack auf ihrem Rucksack zu dieser Annahme verleitet. Sie antwortete, dass sie schon geschlafen habe, in Flensburg, und fragte zurück, wo er denn die Nacht verbracht habe. Da schaltete sich sein Vater ein und erzählte, dass sie hier in Haderslev untergekommen seien.
Ein Gespräch entwickelte sich zwischen den beiden. Der Vater wollte wissen, was Antje vorhatte und sie berichtete von unserer verrückten Reise. Er schien sichtlich beeindruckt und erklärte seinem Sohn auf kindliche Weise, was die Frau da gerade gesagt hatte. Dann erzählte er, dass sie hier Urlaub machen würden. Jetzt um zehn Uhr seien sie zu Wohnungsbesichtigungen in Haderslev verabredet, weil er zum 01.09. hier eine Anstellung gefunden hätte. Er müsse dann eben von Oldenburg hierher ziehen und sein Sohn solle schon mal die neue Heimat seines Papas kennenlernen. Sein Sohn nahm es recht sportlich, vermutlich war er noch zu klein, um die Tragweite dieser Entscheidung genau zu verstehen.
Die beiden gingen weiter und wir wärmten uns noch etwas in der Sonne. Langsam trocknete alles wieder und wir konnten an das Weiterfahren denken. Den letzten Rest würde dann der Fahrtwind übernehmen. Also starteten wir und es ging weiter nach Kolding. Dort angekommen, parkte mich Antje am Rathaus. Parken war hier oft kostenlos, aber zeitlich begrenzt. Damit konnten wir leben, wir wollten uns nirgends eine Ewigkeit aufhalten. Antje verabschiedete sich diesmal länger von mir, da hat sie sicherlich etwas zu berichten.
Nur wenige Schritte von der Einkaufsstraße entfernt hatte ich einen schönen Parkplatz für Reina gefunden und ließ sie dort zurück. Eine Pause würde ihr gut tun. Ich lief die Straße hoch und runter. Dort fand ein internationaler Markt statt, es waren Stände mit verschiedenen Ländern als Motto aufgebaut. Darunter waren Italien, die Niederlande, aber auch Deutschland und Groß-Britannien. Am Stand der Niederlande lud mich der Verkäufer zu einer Kostprobe von Waffeln ein. Ich sagte ihm gleich, dass ich keine kaufen könne, weil ich keine Transportmöglichkeit habe. Das sei ok, ich solle trotzdem probieren, zweites Frühstück. Er bereitete die Waffel direkt vor meinen Augen zu und gab sie mir heiß in die Hand. Sie war wirklich lecker. Wenn man den Geschmack mal auf der Zunge hat, ist es ja wirklich schwer, „Nein“ zu sagen. Aber ich erinnerte mich erneut daran, dass weder im Roller noch in meinem Rucksack Platz für weiteres Gepäck war, nicht mal für Waffeln.Also lief ich weiter und schnupperte noch etwas an den anderen Ständen vorbei.
Mein Weg führte mich in die Touristeninformation, da ich nur „Koldinghus Slot“ als Stichpunkt bei meiner Planung aufgeschrieben hatte, aber nicht wusste, wo sich dieses befand. Die nette Mitarbeiterin half mir mit einem Stadtplan aus und erklärte mir noch andere Sehenswürdigkeiten, die aber alle außerhalb der Stadt lagen. Das Schloss befand ich direkt um die Ecke, nur ein kleines Stück den Berg hinauf. Sie erklärte mir kurz, dass es Jütlands letztes königliches Schloss sei und auf eine über 700 Jahre alte Historie zurückblicke. Nach zwei großen Feuern im 16. und 19. Jhdt. sehe man heute die Ruine, ergänzt durch Nachbauten zur Komplettierung des Bauwerks. Dann fragte sie mich noch, ob ich einen Fragebogen zur Kundenzufriedenheit ausfüllen würde, was ich gerne machte. Den Fragebogen gab es sogar auf Deutsch, ich hätte ihn aber auch in Englisch haben können.
Ich marschierte die letzten Meter bergauf und drehte dann eine Runde um das Schloss. Backsteinbauten verbreiten ein gewisses Flair. Sie lassen einen Bau nicht ganz so pompös wirken, dafür aber umso stattlicher. Auf der anderen Seite ging es gleich wieder bergab, der Weg führte an einem Teich entlang. Dort blieb ich einige Zeit stehen, weil ein kleines Mädchen die Enten, Möwen und anderen Vögel fütterte. Diese umringten sie komplett und flogen sogar auf, wenn sie Futter hochwarf. Das Bild war zu herzlich. Die Mutter stand etwas abseits und hatte auch ihren Spaß. Ein älteres Paar blieb ebenfalls einen Moment stehen und beobachtete das Schauspiel. Nachdem die beiden weitergegangen waren, setzte auch ich meinen Weg fort.
Einige Meter weiter erstreckte sich eine kleine Landzunge in den Teich und ich lief ganz vorne auf die Spitze, um ein schönes
