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Annette Kolb ist bekannt als Romanautorin, als Kämpferin für die deutsch-französische Verständigung und als Verfasserin von Musikerbiographien. Sie war aber auch eine versierte Briefschreiberin, die mit zahlreichen bedeutenden Zeitgenossen im Austausch stand. Unter den Briefpartnern finden sich Rilke, Hesse und René Schickele, Thomas, Erika und Klaus Mann, Carl Jacob Burckhardt, Hermann Kesten, Dorothy Thompson und viele mehr. Diese Auswahlausgabe zeigt Annette Kolb als kritische Zeitzeugin, scharfzüngige Kommentatorin und als großherzige Freundin. Ergänzt durch sachkundige Erläuterungen, bieten diese Briefe ein ebenso persönliches wie vergnügliches Porträt einer außergewöhnlichen Autorin und einer ganzen Epoche.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2019
Annette Kolb
Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller
Annette Kolb ist bekannt als Romanautorin, als Kämpferin für die deutsch-französische Verständigung und als Verfasserin von Musikerbiographien. Sie war aber auch eine versierte Briefschreiberin, die mit zahlreichen bedeutenden Zeitgenossen im Austausch stand, darunter viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller.
Unter den Briefpartnern finden sich Rilke, Hesse und René Schickele, Thomas, Erika und Klaus Mann, Carl Jacob Burckhardt, Hermann Kesten, Dorothy Thompson und viele mehr. Diese Auswahlausgabe zeigt Annette Kolb als kritische Zeitzeugin, scharfzüngige Kommentatorin und als großherzige Freundin. Ergänzt durch sachkundige Erläuterungen, bieten diese Briefe ein ebenso persönliches wie vergnügliches Porträt einer außergewöhnlichen Autorin und einer ganzen Epoche.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Annette Kolb, 1870 in München geboren, emigrierte 1917 in die Schweiz, dann 1933 nach Paris und 1941 weiter nach New York. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in München, wo sie 1967 starb. Einem breiten Publikum wurde sie bekannt durch ihre Romane »Das Exemplar« (1913), »Daphne Herbst« (1928) und »Die Schaukel« (1934) sowie durch Biographien über Mozart (1937) und Schubert (1941). Als Tochter eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter entwickelte sie ein großes Engagement für den friedlichen Dialog zwischen den beiden Ländern.
Cornelia Michél, geboren in Frankfurt am Main, lebt heute in München. Ihre Urgroßmutter war die Schwester von Max Kolb, dem Vater von Annette Kolb. Was für sie vor einigen Jahren als Familienrecherche begann, wurde schnell zur literarischen Leidenschaft, Auseinandersetzung und Erforschung des Lebens und Werks von Annette Kolb, der Besonderheit ihrer Sprache und ihres Ausdrucks.
Albert M. Debrunner, geboren 1964, hat Englisch, Deutsch und Philosophie studiert und arbeitet als Gymnasiallehrer in Basel. Er ist Verfasser zahlreicher literaturwissenschaftlicher Bücher, u.a. der vielbeachteten Biographie über Hermann Kesten »Zu Hause im 20. Jahrhundert« (2017).
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Originalausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: KOSMOS Visuelle Kommunikation
Coverabbildung: ullstein bild – AP
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491015-4
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Annette Kolb war im Laufe ihres fast hundert Jahre währenden Lebens äußerst produktiv. Neben zahlreichen Feuilletonartikeln, literarischen Aufsätzen und zwei Musikerbiographien schrieb sie drei Romane, die stark autobiographisch geprägt sind. Letztere werden bis heute immer wieder neu aufgelegt. Ihre Essays, Erzählungen und vieles mehr findet man antiquarisch oder in der 2018 erschienenen kommentierten Werkausgabe. Als Autorin ins öffentliche Bewusstsein trat Annette Kolb mit ihrem Buch Briefe einer Deutsch-Französin, das bei seinem Erscheinen mitten im Ersten Weltkrieg einen Skandal auslöste. Die Verfasserin wurde vom Bayerischen Kriegsministerium zunächst mit einer Reise- und Briefsperre belegt, konnte dann aber in die Schweiz ins Exil gehen. So stehen Briefe am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere. Dennoch sind die Briefe Annette Kolbs bis heute nur interessierten Fachleuten bekannt. Diese sind sich indes einig, dass Annette Kolbs Briefe es ebenso verdienten, gelesen zu werden, wie ihre Romane.
Bis jetzt ist nur ein kleiner Teil von Annette Kolbs Korrespondenz veröffentlicht worden. Vorliegendes Buch versammelt zum ersten Mal Briefe aus mehreren Jahrzehnten und an verschiedenste Adressaten. Die Briefe bieten sowohl Einblick in Annette Kolbs Leben als auch in eine ganze literarische Epoche, tauschte sie sich doch mit vielen heute noch berühmten oder einst wohlbekannten, aber mittlerweile in Vergessenheit geratenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus. Die Liste der in diesem Band vertretenen Korrespondenzpartner ist ein wahres Who is Who der Literaturgeschichte zwischen 1900 und 1970. Annette Kolb schrieb an Elazar Benyoëtz, Franz Blei, Carl Jacob Burckhardt, Gerhart Hauptmann, Wilhelm Hausenstein, Hermann Hesse, Alfred Walther Heymel, Hermann Kasack, Erich Kästner, Hermann Kesten, Erika, Klaus und Thomas Mann, Werner Richter, Rainer Maria Rilke, Romain Rolland, Max Rychner, Thea Sternheim, Dorothy Thompson, Kurt Tucholsky, Theodora Von der Mühll, Werner Vordtriede, Julius Zeitler, Berta Zuckerkandl und Carl Zuckmayer. Liest man die Briefe Annette Kolbs, nimmt man Teil am privaten und öffentlichen, kulturellen und politischen Alltag mehrerer Autorengenerationen. So entsteht ein einzigartiges Bild der literarischen Welt des 20. Jahrhunderts, gesehen mit den Augen einer Frau, die ein Teil von ihr war, jedoch trotz aller Liebe zu dieser Welt stets unabhängig und kritisch blieb. So steht Spott neben Begeisterung und analytischer Verstand neben Leidenschaft. Annette Kolb war eine Femme de lettres durch und durch. Die Lektüre ihrer Briefe ist nicht nur instruktiv, sondern ein ausgesprochenes Vergnügen.
2. Annette Kolb und Franz Blei
Die drei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg werden gemeinhin als die Belle Epoque, die schöne Zeit, bezeichnet, und im Rückblick auf die untergegangene Welt von Gestern,[1] wie Stefan Zweig sie nannte, mag es vielen so vorgekommen sein, als wäre sie tatsächlich schöner und besser als die der Gegenwart gewesen. Annette Kolb war und blieb in vielerlei Hinsicht ein Kind der Belle Epoque, obschon sie diese durchaus kritisch sah und keineswegs verklärte. So verschloss sie weder die Augen vor dem grassierenden sozialen Elend noch verkannte sie die Gefahr, die von den unheilvollen politischen Veränderungen in Europa und weltweit ausging. Sie wusste um die Drohung eines kommenden Krieges, den sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern wollte. Sie war überzeugt davon, die richtige Gesinnung zu haben, und wollte sich Gehör verschaffen, in der Hoffnung, Gleichgesinnte zur Tat und Andersdenkende zum Umdenken zu bewegen. Enttäuscht musste sie feststellen, dass nur wenige ihre pazifistischen Ansichten teilten oder zumindest nachvollziehen konnten. Umso wichtiger wurden für sie die Menschen, mit denen sie sich geistig und seelisch verbunden wusste. Diese wenigen unterstützten sie bei ihrer Arbeit, ihrem Bemühen, die Katastrophe abwenden zu helfen, doch sie standen ebenso auf verlorenem Posten wie Annette Kolb.
Annette Kolbs erste Veröffentlichung 1888 war ein Artikel in einer Münchner Tageszeitung. Thema des Artikels war die erbärmliche Lage eines Steinadlers in einem privaten Zoo, den sie besucht hatte. Der Steinadler fristete ein elendes Dasein in einem zu engen Käfig und geriet Annette Kolb zum Sinnbild unterdrückter Freiheit und Lebensfreude. Der Artikel hatte den gewünschten Effekt, denn die Zoobesitzer beeilten sich, die Lage des gequälten Tieres zu verbessern, um sich nicht dem geschäftsschädigenden Zorn des Publikums ausgesetzt zu sehen. Die erst achtzehnjährige Annette Kolb war von da an überzeugt, dass Schreiben etwas bewirken, etwas verändern kann, dass Schreiben Handeln bedeutet.
Annette Kolbs Schreiben bewirkte nach ihrem ersten journalistischen Erfolg erst einmal gar nichts. Im Gegenteil, kein Mensch interessierte sich für ihre Texte, und selbst gute Freunde rieten ihr, das Schreiben zu lassen.[2] Sie ließ es nicht. Tag für Tag ging sie ins Café Fahrig am Karlstor und schrieb.[3] So entstand mit der Zeit eine Vielzahl von Texten, von denen sie 1899 unter dem Titel Kurze Aufsätze eine Auswahl im Eigenverlag herausgab. Das Sammelsurium war ein einziger Flop und brachte ihr statt Ruhm vor allem Spott ein. Niemand hatte auf dieses Buch gewartet, keiner kaufte es, noch schlimmer, kaum jemand las es. Doch Annette Kolb blieb überzeugt: »Ich habe etwas zu sagen. Was ich zu sagen habe ist wichtig.«[4] Sie hatte gelernt, dass es viel Geduld braucht, sich Gehör zu verschaffen. Deshalb schrieb sie weiter kleine Artikel für diverse Feuilletons und schaffte es schließlich sogar, 1905 in der vom S. Fischer Verlag herausgegebenen renommierten Zeitschrift Die Neue Rundschau ihre autobiographische Erzählung Torso unterzubringen.
Eine zusätzliche Möglichkeit, am literarischen Leben teilzunehmen, bot sich ihr als Übersetzerin. Schon als junges Mädchen beherrschte Annette Kolb fünf Sprachen: Bayrisch, Französisch, Hochdeutsch, Englisch und Italienisch. Dies kam ihr nun zupass. Für den Leipziger Verleger Julius Zeitler übertrug sie die Briefe der heiligen Catarina von Siena aus dem Italienischen ins Deutsche. Sie besorgte nicht nur die Übersetzung, sondern auch die Auswahl, und schrieb überdies das Vorwort zu dem Band. Die friedliebende Heilige war ihr ein Vorbild. Wie sie wollte Annette Kolb vermittelnd wirken zwischen Individuen, Völkern und Kulturen. 1906, im selben Jahr, als Die Briefe der heiligen Catarina von Siena herauskamen, veröffentlichte sie bei Heinrich Jaffe in München L’âme aux deux patries. Sieben Studien. Stolz vermerkte die Verfasserin auf der Rückseite des Titelblattes: »Von den folgenden Studien sind drei in der ›Neuen Rundschau‹, beziehungsweise in der Wiener Wochenschrift ›Die Zeit‹ erschienen.«[5] Langsam trug ihre Geduld Früchte, und sie erregte als Autorin mehr und mehr Aufmerksamkeit.
Mit ihrem Buch L’âme aux deux patries schlug Annette Kolb einen Ton an, der ihr ganzes Werk durchziehen sollte, die deutsch-französische Verständigung. Da war es nur konsequent, dass sie sich besonders als Übersetzerin aus dem Französischen hervortat. Ihr Freund und Förderer Franz Blei verhalf ihr zu weiteren Übersetzungsaufträgen. Er war es auch, der 1909 in der Zeitschrift Hyperion ihren Dialog Schatten veröffentlichte. Zwischen 1909 und 1911 konnte sie Jean-Marie Comte de Villiers de l’Isle-Adams Roman Edisons Weib der Zukunft, die Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth sowie André Chevrillons Reisebericht In Indien ins Deutsche übertragen. Spätestens mit ihren Übersetzungen etablierte sich Annette Kolb im literarischen Betrieb. Mit ihrem ersten Roman, einer zarten und psychologisch feinen Liebesgeschichte, gelang ihr dann der endgültige Durchbruch als Schriftstellerin. Das Exemplar erschien wie Thomas Manns Tod in Venedig 1912 in Fortsetzungen in S. Fischers Neuer Rundschau, die damals von vielen gelesen wurde, unter anderen von Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal, die beide Annette Kolbs Erstling begeistert aufnahmen. 1913 kam Das Exemplar als Buch heraus und Annette Kolb erhielt dank Franz Blei für den Roman den Fontane-Preis verliehen. Da war sie dreiundvierzig, und fast die Hälfte ihres Lebens lag bereits hinter ihr, doch ihre literarische Laufbahn sollte erst jetzt richtig beginnen.
An Julius Zeitler
19.11.06
Sehr geehrter Herr Doctor
Vielen Dank für Brief und Sendung. Ich finde die Ausführung äusserst geschmackvoll und das gebundene Exemplar wunderhübsch. Die Lilienarabeske hebt sich so stilvoll-mittelalterlich ab! Freilich habe auch ich mir das Sodoma Bild »verfänglicher« gedacht! Was nun die Kritiker angeht, so kenne ich zwar keinen persönlich, aber ein gewisser Georg Jacob Wolf, der Recensent in den Münchner Neuesten Nachrichten, hat mein erstes Buch so überraschend vorteilhaft besprochen, dass mir sehr daran läge, ihn mit einem Exemplar der Catarinabriefe[6] bedacht zu wissen. Dann ist Rich. Schaukal[7] in Wien, den ich zwar auch nicht kenne, aber Oukhama Knoop[8] forderte ihn auf seine Gnadensonne mir zu zuwenden. Er schickte mir gestern einen ganzen Stoss Bücher. Ihm sollte ich wohl selbst ein Exemplar schicken? – Für mich selbst möchte ich nicht unbescheiden sein, ich kenne die Usanzen so garnicht. Blei ist nicht hier, so kann ich ihn nicht fragen. An Msgr. Duschéne[9] in Rom und noch einigen anderen auswärtigen, sowie an Alfr. Walther Heymel, der immer Propaganda für mich macht, und an Oukh. Knoop sollte ich halt schon ein Exemplar schicken! event. auch an Thomas Mann? doch überlasse ich Ihnen was Sie mir geben wollen und können. Um eines der Luxus Exemplare hätte ich noch für die Prinzessin Rupprecht[10] gebeten. (Das Centrum[11] soll bereits auf mich geladen sein!! im voraus schon!) Hochachtungsvolle Grüsse. Die schöne Ausstattung hat mich sehr erfreut. Auf den Katalog bin ich sehr gespannt. Mit wiederholtem Dank
Annette Kolb
An Alfred Walter Heymel
16. Okt.1908
Lieber Alfred,
Der Bogen ist gross – aber keine Gefahr nicht. Der Brief ist nicht unangenehm – zwar hoffe ich dass auch E. Hw.[12] geboren nicht erbost sein zu müssen zu geruhen glauben, denn warum? – Ich bin unschuldig! – Ist meine Art zeitweilig désagreable [unangenehm] so ist doch mein Herze, ist vor Allem meine Absicht gut. Weiter: Deo grazias, mein Buch ist fertig. Die nassen Schleier der Correcturbögen liegen schon darüber, und um die Enthüllung des Monumentes brauche ich mich nicht zu kümmern, Weber[13] besorgt das. Allas, und ich fahre auf ein paar Tage in Urlaub nach Tegernsee und lasse mir’s bei einigen fröhlichen Herrschaften[14] nach den überstandenen Strapazen wohl sein denn die waren schrecklich. Wenn Sie das Buch lesen, werden Sie es sehr begreifen können!
Die Haindlkinder[15] hab i net kriegt, krieg i’s net? Versprochen san’s!
Weiter: Alfred, ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich ganz im Stillen freue, daß Sie in den Hyperion einzutreten denken! (Haben Sie übrigens Gebsattel’s[16] Briefe drin gelesen? Sie kommen diese Tage heraus!) Denn 1. ist das eine wirklich vornehme Revue, Ihres Interesses viel würdiger als …ur, ich bin schon wieder ruhig; ich will nichts gesagt haben; eine Revue, die sich in keiner Weise noch compromittirte, sondern wirklich den Rahm abschöpft; sowohl in der Art wie sie sich präsentiert als wie in ihrem Niveau. Ich will den jungen Germain[17] dafür interessieren; er ist gerade da. Dann halte ich Weber für einen sehr anständigen Menschen der rasend viel Geschmack hat. Und was Blei[18] betrifft, sehen Sie, Alfred, ich habe auch schon meine Härten, aber der Mann scheint mir immer wert, daß man ihn fördern, aus mehrfachen Gründen: seines selten formlosen und gütigen Naturells halber, seiner unleugbaren Generosität, abgesehen davon daß er ein feiner Kritiker und ein witziger Kopf ist. Vielleicht lebt keine Frau, die seiner Richtung entfernter steht als ich, ja, wenn mich etwas in meinen selbsteigenen Anschauungen und Prinzipien bestärken konnte, so war sie es. Stünde ich ihr nicht so unendlich ferne, ich könnte nicht so lebhaft für ihn eintreten, wie ich es immer tue. Aber – (ich will mich nicht auf die hl. Catarina steifen!) – allein der Mann scheint mir immer wert, daß man zu ihm steht; denn ich habe die Überzeugung, daß ihm mit seiner Richtung garnicht ernst sein kann, er gehört ihr garnicht an, die Umstände und die Umgebung müssen ihn dazu gedrängt haben. Keiner ist ja so harmlos wie er. Bereits ist diese Richtung schon sehr abschattirt einen Ruck noch und er stünde in einem anderen Lager. Darum begrüsse ich Ihren Plan den Kunstabteil dieses Blattes zu übernehmen sehr, und habe, seitdem Sie ihn mir verrieten, viel darüber nachgedacht. Es würde hier Ihrer Tätigkeit ein so würdiges, ja rühmliches Feld eröffnet. Ganz unter uns zwei – muß man doch sagen, daß Blei punkto Zeichnungen das Auge für die gesellschaftlichen Notionen nicht besitzt, oder wenigstens, daß es unsicher ist, ob er es zeigen wird, während Ihr Name allein für die Öffentlichkeit wie eine Garantin steht. Wenn es sie daher reizen müsste, einer Revue beizutreten, die intellectuell u.s.w. auf einem derartig hohen Niveau steht, so wäre Ihr Name zugleich wie ein Adelspatent; (Sie sehen ich kann auch nett sein!!) mich aber würde es schrecklich freuen, die Blüte eines so verheissungsvollen Organs (es kommt halt wieder die Münchnerin zum Vorschein?) in München gezeitigt zu sehen. Schreiben Sie mir doch wieder einmal einen schönen Brief! Von Sonntag ab (übermorgen) bis 24. Okt. ist meine Adresse Tegernsee Villa Drechsel, dann wieder hier!
Tausend Grüße
Annette
Kommen Sie nicht mehr vor America?? Muß man Ihnen schon gute Reise und frohe Heimkehr wünschen? –
An Gerhart Hauptmann
München, Sophienstr. 7/I
12.11.09
Hochverehrter Meister,
Wenn ich mir gestatte, Ihnen beiliegenden von den Süd. Monatsheften zurückgewiesenen, von den Münchner Neuesten leider mutilirten [verstümmelten] Artikel, einzusenden, so geschieht es nur zum Beweis, dass München doch nicht insgesammt für dessen leidige Tradition, die besten Männer der Zeit zu verunglimpfen verantwortlich gemacht werden darf. Aus demselben Grunde erlaube ich mir, Ihnen die letzte Hyperion Nummer mit einer für Sie angemerkten Seite einzusenden. Fassen Sie es nicht als Dreistigkeit auf, ich bitte Sie, wenn ich Sie frage, ob Sie Ihr Weg etwa Sonntag 5 Uhr bei mir vorbeiführte. Ich würde es in diesem Falle auch Mottl[19] sagen. Sie träfen ausserdem nur ganz wenig Menschen bei mir an. gern hätte ich sie gefragt, ob ich Sie etwa nach der Vorlesung begrüssen dürfte, doch fürchte ich, dass ich zu schüchtern wäre, mich Ihnen da – unbekannter Weise – zu nähern. Ausserdem werden Sie auch zu umringt sein.
Mit verehrungsvollstem Grusse
Annette Kolb
An Alfred Walter Heymel
[1909/1910]
Lieber Alfred,
Ich schrieb Ihnen eben einen so saudummen Brief, dass es nicht zum aushalten war, und ich ihn wieder zerriß. Vielen Dank für Ihre liebe Epistel. Es ist mir ungemein tröstlich dass Ihnen der Dialog[20] gefiel, denn wenn man volle 2 Jahre (oder mehr) an eine derartig jämmerlich kurze Sache laborierte, so verliert man alle Fühlung zu ihr – ist aber umso abhängiger vom Urteil der anderen! Knoop schrieb mir, es hätte die scheinbare Regellosigkeit eines Naturprodukts, darin läge der formelle Reiz. Ich verstehe nicht recht was er damit meinte. Aber genug von mir. Simolin[21] kam heute mich holen, weil er mir bei Brakl[22] 2 Habermanns[23] zu zeigen wünschte, von denen er eines kaufen wollte. Ich habe ihm die ihn betreffenden, nur die dankenswerten, natürlich!! Stellen aus Ihrem Brief vorgelesen; ihm auch gesagt, wie durchaus loyal und unvoreingenommen Sie in seinen letzten Missgeschicken sich stets äusserten; es freute ihn sichtlich. Dass er misstrauisch und bis zu einem gewissen Grade auch schwierig ist, läugne ich nicht, aber seine letzten Erfahrungen (aus denen sich eine recht blutige Satire auf die Münchner Haute Volée machen liesse sind recht angetan ihn noch misstrauischer zu machen, als er es von Natur schon ist. Für mich sprechen für Simolin 2 Momente: erstens sein grässliches Gebrechen, also Mitleid, 2. dass er ein feinsinniger Mensch ist; also Sympathie. Das ist aber so selten, dass man schon ein Auge zudrücken darf, findest du nicht? Denn grobsinnig finde ich fast Alle, und das gibt immer einen so quälenden Contakt! ich leide so sehr darunter! Wenn nur einer durch seine Grobkörnigkeit mich nicht verletzt! und verletzbar bin ich leider bis zur Stupidität. Was ich dir noch sagen wollte, ja also Kippenberg[24] hat mir geschrieben, es ist alles in Ordnung, die Honorarfrage lässt er wie ich auch noch etwas in der Schwebe, nur will er das Buch jetzt erst im Herbst 1910 herausgeben, erst setzte er es für das Frühjahr an. Nun es lässt mir Zeit auch nebenbei ein bischen was zu schaffen obwohl wenn ich nicht ein bischen wieder Umschau halte in der Welt so ist es fertig mit meiner Schreib-Ader!! Wenn meiner Mutter besser sein wird muss ich fort auf eine kleine Weile, oder ich ersticke hier ganz. Aber genug, sobald ich wieder von mir rede, regt es mich nur auf; a propos, aber Thomas Mann sagte mir gestern, mein griechischer Frühling (er ist jetzt in den N.N.[25] erschienen) sei ihm aus der Seele geschrieben; er fand viel Beifall bei den »Zünftigen« doch wird es wohl das letzte sein, was ich in dem Blatt schreibe, ich sagte es auch zu Knorr,[26] denn in der Redaktion habe ich zu viele Hasser (was ein echter »Redakter« ist, hasst mich im vorn herein!) denn ich selbst finde es nur verlockend an ein mächtig grosses Lesepublikum sich zu wenden, wenn schon, dann auch. Was habe ich von 400 Lesern? wenn ich meine Meinung sagen will. Neulich war ich bei Hildebrand[27] oben. Sein Bismarck[28] ist geradezu unbeschreiblich. Wir gingen nach dem Essen ins Atelier und blieben lange davor stehen.
Hofmiller’s Versuche[29] finde ich sehr inhaltsreich, besonders Galiani;[30] etwas gekrunken bin ich über seine Catarina v. Siena. Da wäre es füglicher mich zu erwähnen, denn was ich über diese Frau sagte ist wahrlich nicht von Pappe, und zwar Gedanken, die ich da bringe sind origineller und schwerwiegender als das seine; ’s tut mer leid, aber ’s isch e so. Fragen’s nur den Hildebrand, wie der meine Einleitung fand. Aber jetzt bin ich schon wieder giftig, ruhe o mein Herz! Aber halte mir meine manchmalige Giftigkeit zu Gute, lieber Alfred. Es ist nicht der Grund meines Wesens. Aber mein Leben…doch genug, genug! Du siehst, ich sollte gar keine Briefe nicht schreiben. Adieu. Auf Wiedersehen. Bewahren Sie mir Ihre Freundschaft lieber Alfred. Wann kommen Sie? Herzlichst
Annette
An Julius Zeitler
München Sophienstr. 7
26.2.11
Lieber Herr Doctor
Sie könnten die Übersetzung jedenfalls haben. dass das Buch im Herbst erschiene, im Laufe des Sommers also fertig würde.[31] Aber liebster Doctor 400 M. sind mir offen gesagt wirklich nicht genügend. Es ist das Honorar das ich jetzt für Übersetzungen Anfängern zutreibe. Legen Sie mir diese Worte nicht als Anmassung aus; wir haben immer irgendwie auf der Basis gegenseitigen Vertrauens zu einander gesprochen, obwohl wir uns garnicht kennen. Es wäre mir so leid wenn sich die Sache zerschlüge. Ich werde Ihnen gewiss nicht das Honorar sagen, das ich für die »Markgräfin v. Bayreuth« erhielt, denn durch das schwierige Nachwort wurde ja die Arbeit sehr compendiös, aber über die Summe die Sie mir nannten bin ich doch sehr erschrocken. so weit zurückgreifen könnte ich wirklich nicht, und es wäre gar zu deprimierend! Ich hatte offen gesagt so etwas wie mindestens 700 gedacht. Eine gute Übersetzung verlangt Zeit, und als Halbfranzösin kann ich sie versichern dass sich ein englisches Buch (selbst für mich) viel schneller verdeutscht wie ein französisches. Desshalb werden auch die französischen Bücher gewöhnlich am schlechtesten übersetzt, weil man die Schwierigkeit garnicht wahrnimmt. Darf ich Sie bitten zu meiner Auffassung freundlich Stellung zu nehmen, und mir eine freundliche Rückäusserung geben zu wollen. Mit vielen Grüssen lieber Herr Doctor
Ihre Annette Kolb
An Rainer Maria Rilke
München Sophienstr. 7/1
24.12.11
Lieber Herr Rilke,
Ich danke Ihnen von Herzen für den prachtvollen Centaur. Eine Sprache wie die Ihrige scheint alles in sich zu vereinigen et tenir du miracle [und behält das Geheimnis]. Sie ist von einer berauschenden Schönheit wie ein Wald, und scheint sich an Stelle der Natur zu setzen! Ich bin noch ganz unter dem beglückenden Eindruck indem ich es Ihnen sage. Werden wir Sie wieder einmal in München begrüssen dürfen? Die Wünsche die ich Ihnen für das kommende Jahr entgegen bringe brauche ich Ihnen nicht zu nennen. Viele dankbare Grüsse
Annette Kolb
An Hugo von Hofmannsthal
6.2.[1913]
München
Lieber Herr von Hofmannsthal
Ich bin so entzückt von Ariadne[32] dass ich es Ihnen sagen muss (noch einmal.) Car c’est bien vous, qui par ce texte si inspiré avez mis Strauss à ce souffle parfois vraiment génial. Mais il y a dans votre Ariadne l’atmosphère créatrice où ces accents soudains ont été puisés [Denn Sie sind es, der durch diesen so inspirierten Text Strauss den manchmal wirklich genialen Atem gegeben hat. Aber es gibt in Ihrer Ariadne die schöpferische Atmosphäre, aus der diese plötzlichen Akzente geschöpft worden sind]. Ohne mechtildische[33] Arroganz glaube ich dass man eine gewisse »Nase« haben muss um das Füllhorn zu entdecken das sich hinter so viel Grazie so bescheiden – fast spielerisch – versteckt! Nichts rührender wie die Tiefe unter diesem Geplänkel. Aber ich kann Ihnen nicht ordentlich schreiben lieber Herr von Hofmannsthal, meines Speicher’s[34] Ofen ist gerade defect, und unten han i kein Ruh net.
Kommen Sie bald wieder einmal nach München?
Alles Liebe Ihnen Beiden und die aufrichtige Bewunderung Ihrer
Annette Kolb
An Hugo von Hofmannsthal
[München,]
7.2.[1913]
Lieber Herr von Hofmannsthal
In der gestrigen Ruhelosigkeit konnte ich Ihnen nicht mehr sagen, was ich Alles auf dem Herzen hatte bezüglich der Ariadne. es war nur so ein cri de cœur [Herzensruf] – und jetzt schnell einen Anhang an dazu von meinem Speicher aus. Sie werden bestimmt Freude an der hiesigen Aufführung haben. Zwar gab ich soeben mein Billet für die heutige performance [Aufführung] zurück – weil die Fladung[35] statt der wirklich fabulösen Bosetti[36] singt, und die Fladung ist unter der Mediocrität. Die Craft[37] wäre eine viel bessere Doublure [Zweitbesetzung] gewesen aber die Bosetti ist einzig, und Walter[38] – Sie wissen wie wenig ich hier Fanatikerin bin – dirigirt die Ariadne über alles Lob – ja seine Führung ist hier von höchstem Interesse. Miserabel wird der Bourgeois[39] gegeben ein Stück, das so amüsant sein könnte. Wohlmut[40] insupportable [nicht zum Aushalten] – die Schwarz[41] von unerhörter Gemeinheit wenn man doch eine Ramlo[42] hätte. Graumann[43] ist ein vorzüglicher Schauspieler, kriegt auch nie was gescheites zu tun. Die Fay[44] sieht gut aus, und singt schön, wenn man auch auf die Dauer von der amerikanischen Mundart ihrer seelenlosen Gesten sehr gestört wird. Die Omelette ist natürlich mit einer fürchterlichen Enttäuschung gefüllt, aber trotz dieser Mängel ist die Ariadne eine Glanzleistung, und Walter und Bosetti absolut Sterne zu nennen. Ne craignez pas de venir la voir, mais ne venez pas avant le retour de Bosetti. Elle restera absente jusqu’au 2 mars, à ce que j’entends [Fürchten Sie sich nicht davor, sie sich anschauen zu kommen, aber kommen Sie nicht vor der Rückkehr der Bosetti. Sie wird, wie ich höre, bis zum 2. März abwesend sein]. Herzliche Grüße Ihre
Annette Kolb
An Hugo von Hofmannsthal
München, Sophienstrasse 7
17.8.13
Lieber Herr von Hofmannsthal
Es ist zum Glück mein Brief verloren gegangen und nicht der Ihre[45], der mir so wertvoll ist, der mich so freute, und für den ich Ihnen alsbald noch hart vor meiner Abreise nach England dankte. Ottonie,[46] die ich gestern auf der Strasse traf, sagte mir, dass Sie keine Antwort von mir erhalten hätten, darum will ich Ihnen gleich nochmal sagen, was für ein Stein von meinem Herzen fiel als ich Ihre schönen und gütigen Worte las, denn dass ich gerade auf Ihr Urteil bebte, war natürlich. Lob und Tadel der meisten Anderen, ach mein Gott, will man lieber garnicht wissen. Es ist immer gar so wunderschön nebenhinaus. Worauf es ankommt entgeht ihnen mit so erstaunlicher Sicherheit. (Das Wort »mondän« hab i aa scho so gern!!) Ach kommen Sie doch wieder einmal. Ich glaube die Ariadne[47] würde Ihnen hier wirklich Freude machen. Und bei der Gelegenheit käme ich vielleicht auch auf einen Speicherbesuch Ihrerseits, nach dem ich mich sehr sehne. Ihr Freund Frankenstein[48] scheint entschieden das Richtige zu haben. Er imponirt und gefällt in Folge dessen Allen, die mit ihm zu tun haben. Jedermann schätzt ihn. In London habe ich Mechtild L.[49] oft gesehen. Quelqu’un devrait la guider [jemand müsste sie führen]. Es ist wirklich schad um sie. Elle aurait de l’étoffe mais hélas [sie hätte Stoff aber leider]! mit Flattusen wird das Gewand nur verschnitten. Winter fuhr strahlend nach England ab, verlobte sich vor eitel Freude auch noch dazu. Denken Sie den »Tod von Venedig«[50] nahm ich neulich wieder vor und erschrack wie schnell dieser Tote schon davongeritten ist. Ein grosser Bluff. voilà! eine erschreckende Ungedanklichkeit wie schnell sind da die Sachen zerschlissen! (Ist nicht die Gedanklichkeit das, was die Lagerlöf[51] am Leben erhalten wird?)
Obwohl noch nicht Privatière [Alleinwohnende] habe ich jetzt doch schon ein Telefon
51280
nicht wahr Sie rufen mich an wenn Sie kommen, dann bin ich sicher dass ich Sie nicht molestire [belästige] Meine Mutter grüsst Sie vielmals. Und ich liebe Sie sehr.
Annette Kolb
Alles Herzliche der Gattin. Sie soll mich nicht vergessen.
An Alfred Walter Heymel
61 Grosvenor Street, London W. bis spätestens 20. März
An Bord des »Imperator«
Hamburg Amerika Linie
Mittags, den 11.03.1914
Liebster Alfred,
Bevor das Schiff noch läuft Alfred möchte ich dir sagen wie stark mich der Gedanke an unser Zusammensein bewegt hat! Lass es dich nicht gereuen, dass es gerade an seinem Höhepunkt eine Unterbrechung erleiden musste. Ich konnte nicht anders handeln, so leid es mir war ich kann dir die Gründe nicht sagen aber glaube mir! vielleicht war eine Begegnung zwischen uns, nein gewiss ist nie eine so harmonisch gewesen und so in sich selbst erfüllt wie unsere gestrige. Siehst du ich bin längst zu dem Schluss gekommen, dass es das Loos der Freunde ist, nur höchst selten einander das sein zu dürfen was sie sich im Herzen bedeuten – dass ein eisernes Gesetz es ihnen verwehrt sich gegenseitig die Einsamkeit zu benehmen. Denn dazu scheint das Leben wohl da zu sein, dass wir immer wieder auf uns selbst mit empfindlichsten Stössen zurückgeworfen werden. als du mir gestern dein schönes Gedicht vorlast weisst du, da war ein Moment, wo ich dich wirklich vollkommen durchschaute und durchfühlte, es fiel aller Schein und alle Zutat von dir, das wesenhafte allein was das Leben so wenig an uns erschöpfen kann schälte sich da von dir los ohne Irrtum, ohne Schicksal, rein wie ein Klang, den nichts mehr aufhält, den die eigene Schwingung weiter trägt. Was Helene[52] und ich deine schöne Geste nennen und so sehr an dir lieben. nichts was echt noch was kostbar an einem Menschen ist kann verloren gehen. und das Seltene und Schöne an dir: der wundervolle Impuls, der »Schuss« den hast du vor den meisten, fast vor Allen voraus. Denk an die 2 Stunden nicht an die welche gestört wurde. Wo hat man oft solche Stunden? man muss ihre Erinnerung ungetrübt zurückbehalten: ihr Licht und ihre innere Beleuchtung. Lieber reicher armer Alfred, für dich gibt es letzten Endes nur eine aufwärts stürtzende und eine Sonnenbahn. Fühle aus diesen hingeworfenen und incoherenten Zeilen nur meine Anhänglichkeit heraus: Tust du das? mein sehr starkes Gefühl für den Kern deines Wesens. Ich bitte dich schreibe mir sofort 61 Grosvenor Street London W. ℅ Mrs Heneage,[53] deine genauen Abreise Pläne wie lange du noch in Berlin bist. Ich hoffe dich noch zu sehen; ich bleibe eine Woche in London vielleicht treffe ich mich auf 1 bis 2 Tage mit Helene in Holland auf meinem Rückweg. Kämst du eventuell gar auch? Jedenfalls bitte deine Reisepläne und Daten.
Deine Annette
[1]
Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, Stockholm: Bermann-Fischer 1942.
[2]
Vgl. Armin Strohmeyr, Annette Kolb, München: dtv 2002, S. 41.
[3]
Vgl. ebd.
[4]
Zitiert nach: Armin Strohmeyr, Annette Kolb, ebd., S. 33.
[5]
Annette Kolb, L’âme aux deux patries. Sieben Studien, München: Heinrich Jaffe 1906.
[6]
Catarinabriefe: Annette Kolb übersetzte die Briefe der heiligen Catarina von Siena, die 1906 von Julius Zeitler als Buch herausgegeben wurden.
[7]
Richard Schaukal, österreichischer Dichter.
[8]
Gerhard Ouckama Knoop, deutscher Schriftsteller und Chemiker.
[9]
Monseigneur Louis Duchesne, französischer Kirchenhistoriker, den Annette Kolb in Rom durch Camille Barrère kennenlernte.
[10]
Kronprinzessin Marie-Gabriele, Ehefrau des Kronprinzen Rupprecht von Bayern.
[11]
Deutsche Zentrumspartei, Partei des politischen Katholizismus.
[12]
E. Hw.: Euer Hochwohlgeboren.
[13]
Hans von Weber gründete 1906 den Hyperion Verlag, 1908 die Zeitschrift Hyperion.
[14]
Annette Kolb war ein häufiger Gast von Sophie Gräfin Drechsel von Deufstetten, sowohl am Tegernsee als auch in München.
[15]
Roman von Rudolf H. Bartsch, Die Haindlkinder, Leipzig: Staackmann 1909.
[16]
Viktor Emil von Gebsattel, Philosoph, Arzt für Psychiatrie.
[17]
André Germain, französischer Journalist und Schriftsteller.
[18]
Franz Blei.
[19]
Felix Mottl, österreichischer Dirigent und Komponist, war bekannt für seine Wagner-Interpretationen. Von 1907 bis zu seinem Tod 1911 war er Generalmusikdirektor an der Hofoper in München.
[20]
Der Schatten, ein Dialog erschien 1909 in der Zeitschrift Hyperion.
[21]
Rudolf von Simolin-Bathory, deutscher Kunstsammler und Unternehmer.
[22]
Franz Josef Brakl, österreichisch-ungarischer Opernsänger, Theaterdirektor und Galerist.
[23]
Hugo von Habermann, deutscher Maler.
[24]
Anton Kippenberg, deutscher Verleger, Gründer des Insel Verlags.
[25]
Münchner Neueste Nachrichten.
[26]
Thomas Knorr, Verleger der Münchner Neuesten Nachrichten.
[27]
Adolf von Hildebrand, deutscher Maler und Bildhauer.
[28]
Hildebrands Reiterstandbild von Otto von Bismarck vor dem Bremer Dom wurde 1910 eingeweiht.
[29]
Josef Hofmiller, Essayist, Kritiker und Übersetzer, veröffentlichte seine Versuche 1909 in den Süddeutschen Monatsheften.
[30]
Einer der Versuche Hofmillers war ein Essay über Abbé Ferdinando Galiani, 1728–1787.
[31]
Gemeint ist das Buch In Indien von André Chevrillon, das von Annette Kolb übersetzt wurde und 1911 im Verlag Julius Zeitler erschien.
[32]
Richard Strauss’ Oper Ariadne auf Naxos, für die Hugo von Hofmannsthal das Libretto geschrieben hatte.
[33]
Anspielung auf Mechtilde von Lichnowsky, deutsche Schriftstellerin.
[34]
Annette Kolb bewohnte in ihrem Elternhaus an der Sophienstraße 7 in München ein Zimmer unter dem Dach.
[35]
Irene von Fladung, österreichische Opernsopranistin.
[36]
Hermine Bosetti, deutsche Opernsängerin.
[37]
Marcella Craft, amerikanische Opernsopranistin.
[38]
Bruno Walter, deutsch-jüdisch-österreichischer Dirigent, Pianist und Komponist. Er zählte zu den wichtigsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts.
[39]
Molières Stück Le Bourgeois gentilhomme wurde zuerst gespielt, anschließend die Oper von Strauss.
[40]
Alois Wohlmuth, österreichischer Schauspieler, Schriftsteller.
[41]
Vera Schwarz, österreichische Opernsängerin.
[42]
Marie Ramlo, deutsche Theaterschauspielerin und Schriftstellerin.
[43]
Karl Graumann, deutscher Theaterschauspieler.
[44]
Maude Fay, amerikanische Opernsopranistin.
[45]
Hugo von Hofmannsthal schrieb Annette Kolb am 2. Juni 1913 einen Brief, in dem er sie für ihren eben erschienenen Roman Das Exemplar lobte.
[46]
Ottonie von Degenfeld, Freundin von Hugo von Hofmannsthal und Annette Kolb im Neubeurer Freundeskreis.
[47]
Richard Strauss’ Oper Ariadne auf Naxos wurde 1913 in München zunächst im Residenztheater und dann im Hoftheater aufgeführt. Dirigent war Bruno Walter.
[48]
Georg Albert von und zu Franckenstein, österreichischer Diplomat, Jugendfreund von Hofmannsthal.
[49]
Mechtilde von Lichnowsky.
[50]
Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig.
[51]
Selma Lagerlöf, schwedische Schriftstellerin.
[52]
Sehr wahrscheinlich ist hier Helene von Nostitz-Wallwitz gemeint, die zum gemeinsamen Neubeurer Freundeskreis um Ottonie von Degenfeld, Hugo von Hofmannsthal, Alfred W. Heymel, Rainer Maria Rilke, Harry Graf Kessler, Henry van de Velde, Rudolf Alexander Schröder et al. gehörte.
[53]
Dorothy Margaret Heneage, geb. Helyar, Tochter aus erster Ehe von Lady Violet Savile-Lumley auf Rufford Abbey, Ollerton. Annette Kolb war mit Mutter und Tochter eng befreundet und häufiger Gast in Rufford Abbey und nach dem frühen Tod 1912 von Lady Violet oft in London bei Dorothy Heneage.
3. Annette Kolb am Teetisch
1914 veröffentlichte Annette Kolb im Verlag der weißen Bücher den Essayband Wege und Umwege. Er enthielt Aufsätze zu aktuellen Themen sowie Porträts von Zeitgenossen und hätte den Nerv der Zeit getroffen, wäre er nicht ausgerechnet Anfang August erschienen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ließ alle literarischen Bemühungen um Frieden zwischen den Völkern lächerlich erscheinen. Wer wollte schon Besuch bei Duchesne, einen Essay über einen französischen Kirchenhistoriker, lesen, wenn Deutschland Frankreich gerade den Krieg erklärt hatte? Was scherte einen Annette Kolbs Ballonfahrt, wenn tollkühne Flieger aus der Luft den Feind beobachteten und Bomben auf ihn warfen? Wege und Umwege war zu spät herausgekommen.
Für Annette Kolb bedeutete der Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur eine politische, sondern eine persönliche Katastrophe. Hatte sie als junges Mädchen in ihrer allerersten Veröffentlichung noch gegen die Käfighaltung eines Steinadlers protestiert, wurde die erwachsene Schriftstellerin nun gewahr, dass sich Deutschland durch den Krieg »en une cage gigantesque« [in einen riesigen Käfig][1] verwandelte, dem zu entkommen schier unmöglich schien. Dennoch gab sie nicht einfach auf, sondern bewies taktisches Geschick, das sie aber nicht davor bewahren sollte, angefeindet und mit Hass verfolgt zu werden. Auch ihr war klar, dass es im aufgeheizten politischen Klima des Winters 1914/15, als Deutschland bereits herbe Verluste erlitten hatte und die Front im Westen zum Stillstand gekommen war, nicht möglich sein würde, sich ungehindert gegen den Krieg und die Zwietracht zwischen den Nationen zu äußern. Aber sie wagte einen Versuch.
Am 25. Januar 1915 hielt Annette Kolb in Dresden einen Vortrag zum Thema Die Internationale Rundschau und der Krieg. Sie erzählte ihrem Publikum von dem Projekt einer neutralen, pazifistisch ausgerichteten Zeitschrift, für die Schreibende aus allen Ländern Beiträge verfassen würden, damit die Stimme der Vernunft vernommen werden würde. Sie kritisierte die Presse dafür, ein Sprachrohr des Hasses statt der Versöhnung zu sein, und hob als besonders übles Beispiel die französische Zeitung Le Matin, ein notorisches Hetzblatt, hervor. Das nützte ihr aber gar nichts, denn sie wurde von den wegen der vermeintlichen Verunglimpfung der deutschen Presse aufgebrachten Zuhörern niedergeschrien, konnte ihren Vortrag nicht zu Ende halten und musste noch am selben Abend mit dem Zug nach Berlin fliehen. Von da an war sie in Deutschland eine persona non grata. Wieder waren es ihre Freunde, die alten wie Franz Blei und neue wie René Schickele, die ihr den Rücken stärkten. Der Elsässer Schriftsteller René Schickele, der sich einmal selbst als zweisprachigen Grenzvogel bezeichnet hat, besuchte die als Landesverräterin beschimpfte Autorin in München und versicherte sie seiner Solidarität. Annette Kolb hatte moralischen Beistand bitter nötig. Zu allem Unglück starben 1915 zuerst ihre Mutter und wenige Monate danach ihr Vater. Ohne ihre Eltern war die Tochter zweier Länder plötzlich heimatlos. Sie konnte zwar noch publizieren, doch es waren bezeichnenderweise Briefe an einen Toten. Und sie wusste auch nicht, wie lange sie, die den Boden unter den Füssen verloren hatte, noch frei sein würde.
Die politische Verfolgung, der Annette Kolb in Deutschland ausgesetzt war, war real. Am 9. Mai 1916 fiel die Tür zu ihrem Käfig ins Schloss. Das Bayerische Kriegsministerium erließ eine Verordnung, die der Schriftstellerin die Möglichkeit nahm, öffentlich aufzutreten, sie mit einem Publikationsverbot belegte, ihre Korrespondenz stark einschränkte und ihr Reisen ins Ausland untersagte. Annette Kolb saß in München fest und konnte nichts tun. Einzig der Uneinigkeit der Behörden hatte sie es zu verdanken, dass sie im August 1916 für ein paar Wochen in die Schweiz reisen und Freunde, darunter Romain Rolland, dessen Bekanntschaft sie im Jahr zuvor gemacht hatte, treffen konnte. Bei dieser Gelegenheit lernte sie Harry Graf Kessler kennen. Er und Walter Rathenau sorgten dafür, dass sie schließlich wieder einen regulären Pass bekam. Im Februar 1917 fuhr Annette Kolb wiederum in die Schweiz, diesmal auf Jahre. Deutschland sah sie erst nach dem Krieg wieder.
Obschon sie sich im Exil befand, bedeuteten die Jahre in der Schweiz für Annette Kolb eine Befreiung. Zwar war sie unbehaust und reiste von Ort zu Ort, nirgends konnte und wollte sie sich länger niederlassen, doch durfte sie nun endlich wieder sagen und schreiben, was sie dachte. Dem Käfig entronnen, breitete sie ihre Flügel aus. Kaum in der Schweiz, veröffentlichte sie im Journal de Genève unter dem Titel Lettre d’une Allemande [Brief einer Deutschen] einen Artikel, in dem sie das in Dresden Gesagte nochmals aufgriff. Der Titel war eine Anspielung auf ihr 1916 bei Kurt Reiss erschienenes Buch Briefe einer Deutsch-Französin. Diese Briefe waren bereits früher in der von René Schickele redigierten Zeitschrift Die weißen Blätter erschienen. Schickele lebte mittlerweile auch in der Schweiz und stand in regem Kontakt mit Annette Kolb.
Im Exil nahm sie ihre privatdiplomatischen Bemühungen wieder auf, musste aber einsehen, dass trotz der freundschaftlichen Beziehungen, die sie zu Entscheidungsträgern wie Harry Graf Kessler hatte, ihr Einfluss auf die Zeitläufte gegen Null tendierte. Weder die klandestinen Treffen in ihrer Wohnung zwischen Pazifisten, Diplomaten und Schriftstellern aller Länder noch all die Briefe und Artikel, die sie schrieb, bewirkten auch nur das Geringste. Allerdings hatten ihre vergeblichen Aktivitäten einen nicht beabsichtigten, aber umso schöneren Nebeneffekt: In der Schweiz gewann Annette Kolb unter den Exilierten wahre Freunde. Romain Rolland und Hermann Hesse wurden von Kollegen zu Freunden, und die österreichische Schriftstellerin Berta Zuckerkandl lernte sie in der Schweiz überhaupt erst kennen. Besonders aber mit René Schickele verband sie von den Schweizer Jahren an eine Freundschaft, die ihr weiteres Leben bestimmen sollte.
An Alfred Walter Heymel
21.09.[1914]
Lieber Alfred
bitte lies diese Zeilen mit Bedacht! Zuerst vielen Dank für den Schein für Rosa.[2] Es ist rührend, wie hilfsbereit du immer bist.
Über die deutsche Diplomatie ein Wort. Man scheint mir hier ebenso kopflos vor – wie nachher; siehst du denn nicht, wer die Hauptschuld trägt!! Die, welche ausgerechnet die grössten Esel von Deutschland an die ausgerechnet verantwortungsvollsten Posten sandten, also das auswärtige Amt, das eine ebensolche Blütenlese mit ins Hauptquartier S.M.’s[3] nahm und in den Friedensverhandlungen egal alles verpatzen wird. Ich kann noch nicht alles sagen was ich seit 15 Jahren weiss, aber es wird zu Tage kommen, hoffentlich bald. Deutschland erweckte den Eindruck durch seine Botschafter als sei es inferior, die guten Köpfe drangen nie durch. Barrère[4] war mit 28 Jahren Gesandter. Wir haben einen gescheiten Gesandten in Copenhagen,[5] sonst wäre dort wohl längst der Bruch entstanden – aber vielleicht ist er 9 Monate zu jung um ein Botschafter zu sein. Der grösste Diplomat der Welt war ein Deutscher. Es bedurfte besonderer Umstände dass er durchdrang – du weisst welche – und doch welche Kämpfe bis es ihm gelang. Unsere guten Leute werden ausgenützt, untergehalten u. diszipliniert, bis ihnen der Atem ausgegangen ist. Die Schlüsse welche die Gedankenlosen ziehen, ist, dass wir sie nicht haben. – Wie wünschte Rich.[6] immer Solf[7] möchte Botschafter werden. Wird man endlich darauf kommen. Nein Alfred, gute Köpfe in Deutschland sind immer Duldner u. vielleicht sind es deshalb vielleicht stets noch die besten Köpfe geworden. Hast du den Aufsatz von Mons,[8] dem ehemaligen Botschafter (den Fürst Bülow[9] natürlich cassieren liess weil er was taugte!) im Berliner Tagblatt 25. August Abendbl. gelesen? Da kannst du die Wahrheit über unser ausw. Amt zwischen den Zeilen lesen und unverblümt.
Lichn.[10] war der wenigst dumme von den Dreien oder Vieren. Schön[11] u. Pourt.[12] haben den Record. In England sind 90 pr.C. gegen den Krieg wie Mons hervorhebt, vor 8 Jahren wären sie alle dafür gewesen dort; es ist so gedankenlos die gebahnte Annäherung jetzt zu läugnen, weil sie durch Sarajewo vor dem Abschluss in die Brüche ging; tue du das wenigstens nicht. Mir tun alle die gedacht haben (und ich rechne mich darunter) heute bitter leid. Da hast du meine Meinung. Und darum halte ich jetzt, wie nie vorher zu Kühlm.[13] und weiss warum. Denke dir, ihn liess man in Ohlstadt[14] bis zur allerletzten Minute und rief ihn erst zurück, dass er gerade recht kam um seine Pässe zu kriegen. L.[15] wollte Alles selbst prima gedeichselt haben, aber selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte die Kriegspartei, obwohl das Cabinet gespalten war, wohl die Oberhand gekriegt; denn die Dinge waren eben noch nicht so weit, u. dafür ist auch an erste Stelle die Verantwortung aufzuladen. Es ist mir verboten worden, sonst wüsste man längst Dinge, die Niemand auch nur ahnt, u. die schon weit zurückliegen – ich koche wenn ich nur daran denke. Aber wenn ich dich auch ohne Grossmut reden höre bevor du die Einsicht haben kannst, dann bin ich tief deprimirt. Gita[16]
