Ich kann nicht mehr - Alexander Feodor - E-Book

Ich kann nicht mehr E-Book

Alexander Feodor

0,0

Beschreibung

www.ich-kann-nicht-mehr.de - Auf einmal ist alles anders. Als Alexander nach Monaten des Martyriums zusammenbricht, verändert sich sein ganzes Leben. Schwer angeschlagen, nahezu zerstört, begibt er sich auf den Weg in eine ungewisse, aber vielversprechende Zukunft. Eine Autobiographie eines starken, jungen Mannes, der sich offen und verletzlich zeigt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Autor

Alexander Feodor ist in München aufgewachsen und entwickelte schon früh sein Interesse für Erzählungen. Das Seelenleben der Menschen erforschte er seit seiner Jugend.

Der plötzliche Herztod seiner Mutter zwang den jungen Halbwaisen von heute auf morgen dazu, auf eigenen Beinen zu stehen und mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden.

Der Autor studierte und arbeitete unter anderem in Neuseeland, Italien und in den USA. Seinen ursprünglichen, naturwissenschaftlichen Beruf gab er auf und arbeitet heute als selbständiger Berater in der Luftfahrtbranche.

Meiner Mutter

Meinem Großvater,

Meinem geliebten, vermissten Kind

…und Dir! Ich danke Dir von ganzem Herzen, dass Du einen Teil

des Weges mit mir gegangen bist! Par Procuration.

Zum Schutz der Identität und ihrer Privatsphäre sind die Namen

der in diesem Buch handelnden Personen geändert worden.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Epilog

PROLOG

Was ist denn auf einmal los mit mir? Till, kannst Du bitte übernehmen?« Das bekam ich gerade noch heraus. Mein Kollege führte für mich das Gespräch weiter. Ich hangelte mich entlang der Messetheke und setzte mich auf einen Stuhl.

Bis jetzt hatte ich auf der Messe einen gewöhnlichen Arbeitstag mit Kundengesprächen verbracht. Doch als ich an unserer Messetheke mit einem Kunden sprach, zog es mich plötzlich nach hinten. Ich war wie vom Blitz getroffen. Schnell griff ich nach der Tischplatte und hielt mich gerade noch fest, um nicht hinterrücks auf den Boden zu fallen. Kurz darauf geschah es ein zweites Mal. Es zog mich wie von Geisterhand nach hinten. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Abermals fing ich mich gerade noch ab und lehnte mich nach vorne auf den Tisch, um mich abzustützen. Meine Knie wurden weich. Der Kunde, der meine Probleme eigentlich bemerkt haben musste, reagierte gar nicht darauf. Er schien mich nur seltsam anzuschauen, aber das interessierte mich in diesem Moment eher weniger.

Mir war schwindelig und übel, wie bei einem Kreislaufkollaps. Mein Herz raste, und kalter Schweiß zeigte sich auf meiner Stirn. Ich verlor zunehmend die Kontrolle. Meine Arme und Beine begannen zu zittern. Mehrmals hatte ich das Gefühl, in Ohnmacht zu fallen, aber es passierte nicht! Wie in Wellen rollte dies alles auf mich zu, immer und immer wieder. Meine Kollegen waren beunruhigt und besorgten mir etwas zu trinken und zu essen. Als ich mich nach einiger Zeit immer noch nicht besser fühlte, bat ich sie, die Sanitäter zu holen. Dies hier war anders als alle Kreislaufprobleme, die ich jemals gehabt hatte. Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Die Hände zitterten immer noch, und die Beine wollten mich nicht mehr tragen. Ich verlor die Kontrolle!

»Was ist bloß los? Warum gehorcht mir mein Körper nicht mehr?« Mittlerweile lag ich auf dem Boden, um meinen Kreislauf zu stabilisieren.

Die Sanitäter trafen ein. Der Blutdruck schien normal, ich hatte wohl noch eine gesunde Gesichtsfarbe.

»Check doch bitte einmal auf Schlaganfallzeichen!«, hörte ich.

Was hatte er da gerade gesagt? Ich erschrak und befürchtete das Schlimmste.

»Vielleicht wirklich ein Schlaganfall!? Was soll ich denn nun machen?«, schoss es mir durch den Kopf. Trotz des anfänglichen Schrecks beruhigte mich die Anwesenheit der Sanitäter. Es war jemand da, mir wurde geholfen.

Im Laufe der nächsten Viertelstunde fühlte ich mich langsam besser. Ich beruhigte mich etwas. Selbst aufstehen war aber immer noch unmöglich, da ich nicht die von mir gewünschten Bewegungen ausführen konnte. Die Sanitäter halfen mir in einen Rollstuhl und schoben mich in Richtung Ausgang. Ich war froh, hier fortzukommen. Was mir fehlte, wusste ich nicht. Und es kam dann alles ganz anders als ich mir je hätte vorstellen können. Als ich aus der Messehalle in die warme Frühlingssonne geschoben wurde, sagte ich es zum ersten Mal.

»Ich kann nicht mehr!«

01

Es war ein Freitagnachmittag im April 2009, und die letzten Tage hatten sich für mich angefühlt wie die reinste Hölle.

Seit Monaten war es mir zunehmend schlechter gegangen. In den vorangegangenen Jahren hatte ich mich daran gewöhnt, mich körperlich nicht mehr »gut« zu fühlen. Es hatte sich gewissermaßen ein Gleichgewicht eingestellt, bei dem »sich schlecht fühlen« allgegenwärtig war, dieses Gefühl aber kompensiert wurde durch meinen starken Willen, immer zu funktionieren. Auf diese Weise fühlte sich für mich alles normal an. Über die letzten Jahre hatten sich allerdings immer mehr körperliche Symptome eingeschlichen, die ich nun nicht mehr auseinanderhalten konnte. Reizbarkeit, Schlafprobleme, leichter Tinnitus, Hautausschläge, Spannungskopfschmerzen, Übelkeit und Verdauungsprobleme waren Symptome, die ich schon lange mit mir herumtrug. Bisher hatte ich diese körperlichen Zeichen immer wieder gespürt und ignoriert, weil sie sich entweder bald wieder abschwächten oder gänzlich verschwanden. Für mich war dies nichts Ungewöhnliches.

In den vergangenen Monaten aber hagelte es auf einmal körperliche Beschwerden, die sich abwechselten oder zusammen auftraten, wie es ihnen gerade zu passen schien. Ich konnte nichts dagegen tun: Symptome wie Trittunsicherheit, Schwindelanfälle, kurzer Hörverlust, starker Tinnitus, Hyperakusie traten auf. Nun spürte ich mehr und mehr ein pelziges Gefühl über einer Seite des Kopfes und des Gesichts. Ich litt immer wieder unter Konzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsstörungen und Schwierigkeiten mit dem Kurzzeitgedächtnis. Hinzu kamen Sehstörungen, Verschlechterungen des Farb- und des Kontrastsehens, Nachtblindheit, Spannungskopfschmerzen, Rückenschmerzen und Gliederschmerzen. Seit Monaten war ich zunehmend reizbarer und verlor oft die Beherrschung gegenüber meinen Mitmenschen. Regelmäßig überkamen mich spontane Übelkeit und Darmkrämpfe, begleitet von Kreislaufproblemen. Meine Zähne waren schon ganz ramponiert durch das nächtliche Zähneknirschen, welches ich früher nie hatte. Eines Morgens vor dem Spiegel stellte ich fest, dass aus meinen Zähnen sogar die Füllungen oder Teile meiner Zähne abgebrochen und die Kauflächen ganz schroff waren. Meine einst so schönen Zähne sahen schlimm aus. Die Kiefermuskeln schmerzten und waren ganz verspannt, genauso wie die gesamte Muskulatur meines Körpers. Ich hatte zunehmend das Gefühl, neben mir zu stehen und mein Leben von außen zu betrachten, kurzum, wie man neudeutsch sagt: «Ich war wie ferngesteuert! Wie sandgestrahlt!«

Da ich aber einige dieser Symptome kannte, sie immer nur kurzzeitig und nicht so heftig auftraten, war ich zunächst nicht wirklich beunruhigt gewesen. Bisher hatte ich immer alles in den Griff bekommen. Ich konnte funktionieren, ich fühlte mich stark und fähig genug, diese Zustände zu kontrollieren. Diesmal fragte ich mich aber: »Was ist denn los mit Dir, verdammt?! So schlimm war es doch noch nie!«

Oft stiegen mir Tränen in die Augen, wenn ich abends zu Hause vor dem Fernseher saß. Ich wünschte mir, dass ich mich besser fühlen und endlich dieser Hölle entkommen könnte. Ich war so angespannt und gleichzeitig so kraftlos, und hatte ebenso Panik wie Todesangst.

»Es ist die Hölle! Aber was genau macht mir denn solche Probleme?«

Es war nicht möglich, einen klaren Gedanken zu fassen, da ich sehr viel organisieren musste. Die Arbeit musste wohl die Hauptursache sein. Mein Job hatte mich die letzten Jahre aufs Äußerste beansprucht, mir alles abverlangt. Am liebsten wollte ich nur noch weglaufen und alles einfach hinschmeißen. Ein Flugticket kaufen und weg!

Eines Montags wachte ich nach einer unruhigen Nacht auf, mit einem Gefühl des Unwillens, überhaupt noch arbeiten zu gehen. Mir war übel, ich war in Panik und wollte am liebsten zu Hause bleiben. Mein Pflichtgefühl war jedoch stärker. Es verbot mir einfach, blau zu machen. Schließlich musste ich für die kommende Woche einen Messeauftritt unserer Firma organisieren.

Zähneknirschend fuhr ich ins Büro. Seltsamerweise gab mir dies doch ein wenig Halt, da mich die Arbeit von meinem Zustand der letzten Tage recht gut ablenkte.

So kämpfte ich mich durch die Woche und hielt durch. Als ich aber in der darauffolgenden Woche mit unserer Firma auf der Messe ankam, nahmen die Spannungs- und Angstzustände immer weiter zu und hielten jetzt sogar über Stunden, ja fast über den ganzen Tag hinweg an. Kaum einer meiner Kollegen merkte, wie es mir wirklich ging. Ich ließ mir nichts anmerken, da es mir zur Gewohnheit geworden war, meine Ängste zu überspielen.

Aber nun schien es so, als ob mich mehr und mehr Dinge ängstigten. Das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein, verstärkte sich. Alles lief nur noch wie im Traum ab, der Aufbau zur Messe, die Vorbesprechungen, und dann konnte ich auch nicht mehr schlafen. Gar nicht mehr! Ich verbrachte die ganze Nacht damit, mich gegen die Angst und die Anspannung zu stemmen. Stundenlang lag ich wach, bis zum nächsten Morgen.

Nach der ersten schlaflosen Nacht telefonierte ich mit meinem Vater, der Arzt ist. Ich fragte ihn, ob ich mir Beruhigungsmittel verschreiben lassen sollte, da ich mir einfach nicht mehr anders zu helfen wusste. Er war sich unsicher, daher entschied ich mich vorerst dagegen.

»Was soll‘s? Ich werde schon durchhalten, wie immer.« Ich ging in die Apotheke und ließ mir leichte Tabletten auf Baldrianbasis zur Beruhigung geben, um irgendetwas zu tun. Aber sie halfen mir nicht.

Den ganzen Tag über war ich angespannt und wie benebelt, völlig neben mir. Ich kämpfte mich durch den Messetag. Die zweite Nacht konnte ich wieder nicht schlafen. Angst! Panik! Kein Ausweg! Wenn ich ruhig dalag, war es nicht zum Aushalten. Ich versuchte die Zeit und meine Gefühle mit Fernsehen totzuschlagen und mich abzulenken, was mir aber nicht gelingen wollte.

Der Messeaufbau war fast abgeschlossen, und ich war nach den letzten zwei Nächten wie gerädert. Abends traf ich mich mit den Mitarbeitern zum Essen. Ich spielte den freundlichen Kollegen. Auch in der dritten Nacht fand ich keinen Schlaf. Ich war wie ein Schatten meiner selbst. Ich wollte alleine sein und schlafen. Nur schlafen!

Der offizielle Teil der Messeveranstaltung hatte gerade begonnen, und ich kämpfte mich durch bis zu unserem Stand. Ein Kollege kam auf mich zu und fragte:

»Alex, ist alles in Ordnung mit Dir?« Da ich ihn nicht sehr gut kannte, überspielte ich meinen Zustand.

»Ja, ja, Michi, alles in Ordnung! Passt schon! Bin nur ein bisschen überarbeitet!«

Er sah mich seltsam an, und ich merkte, dass er mir nicht glaubte. So wandte ich mich ab und ging meiner Arbeit weiter nach. Die Kundengespräche strengten mich sehr an, lenkten mich jedoch zugleich von meinem Zustand ab. So konnte ich wenigstens hin und wieder ein wenig verschnaufen. Nur wenn ich Zeit zum Nachdenken hatte, überkam mich wieder die Panik. Meinen Chef sah ich zu dieser Zeit gar nicht, obwohl er die ganze Zeit auf der Messe war.

»Der treibt sich bestimmt mal wieder irgendwo herum und führt Pseudogespräche!«, dachte ich.

Natürlich ging es mir schlecht, aber von meinem Chef war ich in den letzten Monaten durchaus einiges gewohnt und hatte mir eine entsprechende Meinung über ihn gebildet. Und ich stand damit nicht allein. Ihn verfluchte ich zunehmend, war er doch Teil meines Problems. Ich machte ihn und die Firma verantwortlich für meinen Zustand.

Dann, ganz plötzlich, verschwanden meine Angst und die Spannungszustände, so schnell wie sie gekommen waren. Innerhalb von etwa fünf Minuten wurde ich klar. Ich war völlig verblüfft. Keine Taubheit und keine Anspannung mehr! Nicht mehr wie in Watte gepackt! Keine Panik! Offenbar hatte ich es wieder einmal geschafft. Ich entspannte mich. Was sich verändert hatte, wusste ich nicht. Aber es war mir auch egal, ich konnte endlich wieder durchatmen.

Ich lächelte, und auf einmal verlief der Tag problemlos. Hundemüde war ich. Und das Beste war, dass ich nachts endlich wieder schlafen konnte. Was für ein Geschenk!

Gut gelaunt ging ich am folgenden Tag mit einem Kollegen zu unserem Messestand. Auf dem Weg dorthin beobachteten wir eine seltsame Szene. Ein alter und gebrechlicher Mann versuchte mehrmals, sich auf den Treppenstufen vor dem Luftschiffhangar niederzulassen. Er schlingerte und zitterte dabei so stark mit den Armen, dass die Tasse Kaffee und der Teller samt Bratwurst, welche er in seinen beiden Händen hielt, sich wild auf und ab bewegten. Die Bratwurst auf dem Teller fing regelrecht an zu springen. Zu dieser Szene ließ mein Kollege Paul den passenden Kommentar fallen:

»Du, Alex, schau mal, das ist der Kapitän vom Luftschiff!«

Ich brach in schallendes Gelächter aus und hörte gar nicht mehr auf zu lachen. Ich lachte, bis mir die Tränen herunterliefen. So hatte ich schon jahrelang nicht mehr gelacht, und es tat mir richtig gut. Es schien alles in Ordnung zu sein, aber noch vor 24 Stunden hatte es ganz anders ausgesehen. Ich machte mir keine Gedanken mehr darüber.

Nur kurze Zeit später fand ich mich auf dem Boden der Messehalle wieder. Was war passiert, und wie war es so weit mit mir gekommen?

Meine Gedanken gingen einige Monate zurück. Im Januar 2009 saß ich im Flieger. Ich kam aus meinem ersten Urlaub seit zwei Jahren zurück, und es ging mir gar nicht gut. Mir war schwindelig, und ich hatte ständig das Gefühl, der Flieger würde kontinuierlich nach links rollen. Dieses Gefühl kam und ging über die gesamten dreißig Stunden dieser Reise. Ich fand keinen Schlaf. Dazu war mir übel und ich hatte Magenkrämpfe bei dem Gedanken, bald wieder ins Büro zu müssen.

Nach meiner Ankunft in Frankfurt fiel ich erschöpft ins Bett. Als ich abends aufwachte, glühte mein Kopf bei vierzig Grad Fieber. Eine ganze Woche lag ich flach, dann fühlte ich mich endlich deutlich besser und erholter. Diese weitere Woche weg von der Arbeit hatte ich ganz gut gebrauchen können.

Als ich wieder auf meiner Arbeitsstelle eintraf, würdigte mich mein Chef nicht eines Blickes. Stattdessen kam er mit gesenktem Blick auf mich zu, reichte mir die Hand, ohne mir in die Augen zu sehen, und befahl:

»Alex, in mein Büro, ich muss mit Dir reden!«

Dort bekam ich eine Standpauke, die mich am Verstand meines Chefs zweifeln ließ:

»Sag mal, was fällt Dir eigentlich ein, eine Woche lang krank zu sein?«, schrie er mich an.

»Wie bitte? Ich lag mit fast vierzig Grad Fieber im Bett, die Ärztin kann Dir das bestätigen! Das ist doch wohl nicht meine Schuld?!«, sagte ich irritiert.

»Dann musst Du das halt ändern und eher aus dem Urlaub zurückkommen! Das musst Du anders timen!«, erwiderte er.

»Natürlich, weil ich genau weiß, wann ich krank werde und dann deswegen meinen Urlaub abkürze! Außerdem habe ich den Kollegen auch Bescheid gegeben; die wussten, was los ist!«

Da traten seine Augen aus den Höhlen hervor, und mit hochrotem Kopf schrie er:

»Du sollst aber nicht immer mit Deinen Kollegen sprechen! Ich bin Dein Vorgesetzter, und Du hast gefälligst mit mir zu reden und nicht mit den anderen! Du hast nur mir zu berichten!«

»Weißt Du was? Mir reicht es langsam mit Dir! Seit Monaten reden wir überhaupt kein vernünftiges Wort mehr miteinander. Jedes Mal, wenn ich Dich anrufe oder Dich etwas fragen will, dann werde ich angeblökt, und oft grüßt Du ja nicht einmal mehr am Telefon!«, platzte es aus mir heraus. Dabei versuchte ich meine Fassung zu bewahren, sonst hätte ich mich wohl komplett vergessen.

»Ich mache eine schwere Zeit durch, und ich brauche das!«, fuhr er mich an.

Dann schob er noch hinterher:

»Wenn Du das nicht abkannst, dann musst Du Dir halt einen neuen Job suchen!«

Ich war baff! Es reichte mir. Ich strich die Segel in seinem Büro, denn was hätte ich auf solch eine Äußerung noch entgegnen sollen? Seit fast zweieinhalb Jahren hatte ich seine Launen und Eskapaden miterlebt, aber diesmal hatte ich endgültig genug. Seitdem ich in der Firma zu arbeiten begonnen hatte, hatte ich in der Regel 60 bis 80 Stunden die Woche geackert, bis zum Umfallen, und hatte ihm den Rücken frei gehalten. Und dann bekam ich so etwas zu hören!

Nach diesem Streitgespräch, das nur eine von vielen absurden Begebenheiten darstellte, fasste ich den Entschluss, mich aktiv nach einer neuen Beschäftigung umzusehen. Abends telefonierte ich deshalb auch mit einer guten Freundin und berichtete ihr von diesem unfassbaren Erlebnis sowie von meinen diesbezüglichen Plänen. Ich merkte, dass ich trotz meines Entschlusses, mich nach einer neuen Beschäftigung umzusehen, nach wie vor sehr an dieser Firma hing. Auf meine Erklärungen, ich sei ja so eng mit den Kollegen und dies sei mein erster richtiger Job mit Verantwortung, entgegnete sie mir:

»Alex, Du bist doch mittlerweile ganz wild darauf, den Retter zu spielen und die Firma immer wieder aus dem Dreck zu holen. Du liebst es doch, Dich dafür geißeln zu lassen!«

So hart diese Aussage auch klang, so sehr traf sie ins Schwarze. Und sie machte mich nachdenklich. So recht akzeptieren wollte ich das Ganze jedoch nicht.

Das neue Jahr im Büro fing so an, wie das alte aufgehört hatte: stressig und chaotisch. Da erhielt ich einen schockierenden Anruf von einer Mitarbeiterin. Mein Kollege Walter hatte einen schweren Herzinfarkt erlitten, und es war ungewiss, ob er diesen überstehen würde. Und das mit 42!

Mir wurde augenblicklich schlecht und ich musste mich hinsetzen. Sofort fühlte ich mich wieder an den Tod meiner Mutter erinnert, die im selben Alter durch einen schweren Herzinfarkt verstorben war. Damals war ich gerade erst siebzehn geworden. Alles kam plötzlich wieder hoch, und ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte.

Sprachlosigkeit. Walter und ich waren vor kurzem noch beruflich zusammen in Kanada gewesen. Auch wenn wir keine engen Freunde waren, so hatte sich aufgrund der schwierigen beruflichen Situation so etwas wie eine freundschaftliche Beziehung entwickelt.

»Oh nein! Ihn kannst Du auch bald auf seinem letzten Gang begleiten«, dachte ich mir. Ich sah mich wieder in der Situation, einen mir nahe stehenden Menschen begraben zu müssen. Ich war wie taub, konnte nicht klar denken. Aber ich riss mich zusammen, um halbwegs funktionieren zu können.

Sofort informierte ich telefonisch unseren Chef. Der aber war komplett überfordert und wusste nicht, was er sagen sollte. Bis auf ein hilfloses Brummen war nichts von ihm zu hören. Eine Anweisung bekam ich nicht, aber das war ich von ihm schon gewohnt. So hatte er schon öfters auf schwierige Situationen reagiert. Ich legte den Hörer auf und versuchte nachzudenken. Dieser Zwischenfall war nur einer von vielen, die wir in den letzten zwei Jahren erlebt hatten. Wir waren immer in irgendeiner misslichen Lage, aber diesmal war es viel schlimmer. Nachdem ich den ersten Schreck überwunden hatte, entschied ich mich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Etwas anderes blieb mir ja nicht übrig.

Walters Abteilungen, die er als leitender Angestellter unter sich hatte, mussten koordiniert werden. Ich konzentrierte mich ganz auf dieses Problem, rechts und links gab es nichts anderes. Zuerst informierte ich die Kollegen über seinen Zustand. Ich wurde zunehmend ruhiger, wie immer in Krisenzeiten der Firma. Im Gegensatz zu anderen Angestellten war ich trotz meines Alters von 33 Jahren bereits sehr abgeklärt. Beruflich und auch privat war ich es gewohnt, schwierige Situationen in den Griff zu bekommen. Die letzten 16 Jahre hatte ich nichts anderes getan als Probleme aus der Welt zu schaffen und meinen Kopf über Wasser zu halten. Ich konnte mich zusammenreißen und ganz klare Entscheidungen treffen, trotz der Dramatik der gesamten Lage, in der viele nicht zu handeln wussten. Seltsam war, dass diese Situation mir auch Halt gab. Ehrlich gesagt, gab sie mir geradezu einen Kick. Ich war richtig berauscht davon. Ein Phänomen, wie ich es in den letzten Jahren zunehmend an mir bemerkt hatte. Es gab keine wichtigeren Probleme, ich war ganz fokussiert. Ich war im Fluss, im »Flow«.

Walters Zustand war überaus kritisch, hatte sich aber nach einer Notoperation einigermaßen stabilisiert. Jedenfalls erfuhren wir dies durch eine Kollegin, die uns dabei einen merkwürdigen Zettel unter die Nase hielt. Es war ein EKG mit handschriftlichen Notizen, aus denen ich eine unregelmäßige Abfolge von Buchstaben erkennen konnte, die sich zu schwer verständlichen Sätzen zusammensetzten. Man sah im EKG deutlich, dass der Sinusrhythmus des Herzens nicht normal verlief, sondern unregelmäßig und schwach war. Es handelte sich um Walters Herzschlag und um Walters Handschrift!

Es stellte sich heraus, dass Walter bereits eine Stunde nach der OP im Aufwachraum Anweisungen für seine Abteilungen aufgeschrieben hatte. Meine Güte! Mein Kollege war eben erst knapp mit dem Leben davon gekommen und dachte zuerst an die anderen, anstatt an sich selbst. Irritiert nahm ich den Zettel an mich. Ich schüttelte den Kopf, so etwas hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.

Zwei Wochen nach Walters OP war ich immer noch geschäftig, organisierte und fühlte mich unbesiegbar, wie ein Fels in der Brandung. Der Kick hielt nach wie vor an, ich hatte die Kontrolle. Durch die Krisensituation traten meine eigenen Probleme und Beschwerden, die ich seit Jahren mit mir herumtrug, mehr und mehr in den Hintergrund. Ich musste einfach handeln. Es gab nur diesen einen Weg, und ich fühlte mich sehr gut.

Eines Morgens wachte ich mit einem starken Tinnitus auf. Da ich diesen aber in leichter Form schon seit meiner Jugend hatte und wusste, dass dieser ab und zu stärker wurde, dachte ich mir: »Passt schon! Weitermachen!« Aber nach einer Woche war der Tinnitus immer noch in unverminderter Form zu hören, und wurde sogar immer stärker. Ich wurde zunehmend beunruhigter und ging zum Arzt, der keine Ursache fand, wie bereits andere Ärzte vor ihm. Er bemerkte dazu mit ärztlicher Arroganz:

»Gehen Sie nach Hause und machen Sie etwas Schönes.«

Ich dachte nur: »Aha! Etwas Schönes also … Spaßvogel!«

Nach der zweiten Woche mit Tinnitus war mir eigentlich bereits klar, dass ich mich dringend hätte krankschreiben lassen müssen. Ich ging zu einem anderen Arzt. Auch dieser fand nichts, verschrieb mir aber durchblutungsfördernde Mittel. Wenigstens jetzt hatte ich etwas Hoffnung und fühlte mich besser, da dieser Arzt auf mich persönlich mehr einging und mich nicht einfach nach »Schema F« weiterschicken wollte.

Mir fiel ein schlechter Witz von früher ein, bei dem ein Patient mit Tinnitus immer wieder zum Arzt geht, sich auf Anraten seines Arztes kastrieren lässt, nur um später herauszufinden, dass er Hemden mit zu enger Kragenweite trägt. Mein Problem war nur: Ich trug eher selten Hemden, also kam diese Lösung wohl nicht in Betracht.

Tatsächlich spiegelten diese Behandlungen eine Reihe von Arztbesuchen wider, die ich in den letzten Jahren durchlebt hatte. Ich hatte mich zunehmend erschöpft und krank gefühlt. Wenn ich eine Grippe hatte, fiel diese immer stärker aus als gewohnt. So war ich nicht nur für drei Tage, sondern immer gleich für eine ganze Woche komplett ausgeschaltet. Früher war das nie so gewesen. Ganz im Gegenteil, wenn ich krank war, hatte ich immer essend vor dem Fernseher gesessen und meine Freizeit genossen. Nun waren immer mehr unerklärliche Symptome aufgetreten, die kamen und gingen. Da diese schon für eine so lange Zeit Teil meines Lebens gewesen waren, gehörten sie zu meinem normalen Befinden. Ich war mir der Symptome nicht einmal wirklich bewusst, bis diese nun immer auffälliger und stärker in mein Leben traten.

Meine Hausärztin riet mir immer öfter, ich sollte kürzer treten. Sie hatte mich schon mehrmals auf die Situation in unserer Firma angesprochen, und ich hatte ihr detailliert berichtet, was sich dort so ereignete.

»Herr Feodor, Sie sollten mehr auf sich Acht geben.«

»Ja, ja, ich habe es im Griff, keine Sorge … ich ziehe schon rechtzeitig die Notbremse! Es ist hart dort, aber ich weiß, was ich tue.«

Eines Nachmittags im Büro nahm ich den Anruf eines englischen Kunden entgegen. Dieser Kunde stand uns sehr nahe, und durch unsere Verträge waren wir gezwungen, diesem Kunden immer wieder große Zugeständnisse zu machen. Nun gab es aber Angestellte dieses Kunden, die es nur allzu gut verstanden, dies auszunutzen, und die damit einen riesigen Druck auf uns ausübten. Leider bekamen wir niemals Rückendeckung durch unseren Chef, egal, ob diese Forderungen berechtigt oder unberechtigt waren. Unser Chef hatte die Verträge verhandelt und wollte sich nicht gerne vor dem Kunden oder vor den Angestellten die Blöße geben. Daher wurden eigentlich immer die Angestellten nach vorne geschickt. Eher gesagt, meist wurde ich nach vorne geschickt und musste dem Kunden wieder einmal eine Absage erteilen.

Aber diesmal passierte etwas in mir, als ich dieses Telefongespräch führte. Ich hatte schon oft Kunden vor den Kopf stoßen müssen, und war nun wieder einmal von meinem Chef in eine schwierige Situation bugsiert worden. Bisher hatte ich immer mein ganzes Verhandlungsgeschick ausspielen und den »Retter« spielen können. Doch jetzt kam es ganz anders, mich ergriff eine riesige Angst: »Ich halte das nicht mehr aus, wie soll ich das denn hier jemals schaffen? Wie soll man denn hier jemals auf einen grünen Zweig kommen?« Ein Gefühl wie vor einem Fallschirmsprung. Man möchte partout nicht aus dem Flieger springen, weil man Todesangst hat, aber man muss springen! Todesangst, das traf es!

Ich war fertig. Etwas war in diesem Moment in mir gestorben, und ich wusste nicht mehr damit umzugehen. Als wäre ich bereits hunderte Male gegen eine Wand gelaufen, mit der Hoffnung auf Erfolg. Sisyphus, der den Stein den Berg hinauf rollt, bis er kurz vor der Spitze wieder herabstürzt. Mein Magen schnürte sich zusammen.

Dieser Moment holte mich endgültig aus meiner Phase der eingebildeten Unbesiegbarkeit und zurück auf den Boden der Tatsachen. Nach dem Hochgefühl kam nun der Fall, und mit ihm setzte eine Kettenreaktion ein.

In den nächsten zwei Wochen verstärkte sich mein Gefühl der Hilflosigkeit, der Desillusion und der Angst, und mir wurde immer häufiger schwindelig. Die Muskeln meines Körpers spannten sich so stark an, dass sie mir ständig wehtaten. Ich musste mich konzentrieren, um aufrecht stehen zu können und nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Solange ich am Schreibtisch saß, war das Ganze noch auszuhalten. Im Stehen war es schon deutlich schwieriger. Wenn ich mich bewegte und mich beschäftigen konnte, war es erträglich, aber kostete mich unendlich Kraft.

»Hoffentlich überstehe ich diese Woche noch. Nächste Woche geht es zur Messe. Ich muss noch zehn Tage durchhalten, und alles wird gut werden. Dann nehme ich nochmal Urlaub.«

Jedenfalls sagte ich mir das immer wieder, um mir Mut zuzusprechen.

Ich fühlte mich immer müder und ausgelaugter. Eigentlich hätte ich doch vor Kraft strotzen müssen, nach meinem ersten Urlaub nach zwei Jahren ununterbrochener Schufterei? Und nach Walters Herzinfarkt hatte ich ja auch funktioniert und alles geschafft. Aber die 650 Überstunden, die ich allein in den letzten acht Monaten angehäuft hatte und die nun aufgrund einer quasi aufgezwungenen Vertragsänderung mit einem erhöhten Gehalt abgegolten waren, sprachen Bände. Alle Angestellten hatten ähnliche Stundenzahlen vorzuweisen, manche noch viel mehr als ich. Die kleine Gehaltserhöhung war ein Witz, da sie lange nicht den Arbeitseinsatz entlohnte, den wir alle leisteten. Aber alle Angestellten nahmen diese Umstellung zähneknirschend zur Kenntnis. Sie hatten auch gar keine andere Wahl, da unser Chef uns unmissverständlich zu verstehen gab: »Friss oder stirb!«

Wieder einmal ging ich die Tage zum Internisten und ließ ein EKG sowie ein komplettes Blutbild machen.

»Vielleicht habe ich ja Borreliose oder Diabetes, sonst ist doch diese Kraftlosigkeit, diese Erschöpfung nicht anders zu erklären?«

Der Arzt fand wieder einmal nichts. Sein leicht ironischer, überheblicher Kommentar, wie ich ihn von Ärzten so liebe, lautete:

»Herr Feodor, Sie sind kerngesund, Ihre Blutwerte sind jungfräulich!«

»Ja, aber irgendetwas muss mit mir nicht stimmen. Ich fühle mich schon seit so langer Zeit krank und kraftlos, das geht schon seit Monaten!«

»Wer weiß, vielleicht haben Sie ja eine Depression?« Er lächelte und zog die Augenbrauen hoch, als wäre es ihm eigentlich völlig egal, so wie: »Ja, den Job muss ich halt machen, noch so ein Simulant in der Praxis! Sie müssen wohl selbst herausfinden, was Ihnen fehlt.«

Eine Depression war das letzte, worüber ich nachdachte, obwohl ich wusste, dass ich eigentlich schon seit Jahren nicht mehr glücklich war. Ich hatte ja noch Spaß, und mit den Kollegen konnte ich oft zusammen lachen. Auch hatte ich viel Energie und schaffte Dinge, bei denen andere schon längst die Flinte ins Korn geworfen hätten.

»Pah, depressiv! Das sind doch Leute, die nur noch daheim sitzen, gar nicht mehr leben wollen und nichts mehr auf die Reihe bekommen. Wie im guten alten Hollywood: viele Tränen, viel Geschrei, ein paar Tabletten und Abgang! Leaving Las Vegas hoch drei!«

Nach diesem Arztbesuch fühlte ich mich hilflos und missverstanden. Warum konnte mir denn keiner helfen und mir erklären, was mit mir nicht stimmte?

Endlich war das Wochenende gekommen. Nach einer unruhigen Nacht ging ich in die Innenstadt, um mich etwas auszuruhen und zu frühstücken. Ich sah auf meine völlig abgefressenen Fingernägel, und da ich viele Kundenkontakte hatte, beschämte mich der Gedanke an die nächste Woche. Noch dazu konnte ich mich überhaupt nicht entspannen. Die Tränen liefen mir über das Gesicht. Meine Finger gehorchten mir nicht richtig. Sie waren angespannt und ich konnte sie nicht mehr richtig ruhig halten. Ich fühlte mich wie taub, wie in Watte gepackt, und alles um mich herum verschwamm wie in einem Traum. Nach einem Frühstück und einem kleinen Spaziergang ging es mir besser. Essen half mir immer, es nahm mir den Druck im Magen und entspannte mich. In der letzten Zeit hatte ich das Essen in meiner Anspannung immer hektisch heruntergeschlungen. Wie ein Süchtiger kippte ich mir täglich neben dem Essen noch Tonnen an Schokolade und süßer Coca Cola hinein, weil es das Einzige war, womit ich mich noch entspannen konnte. Hätte ich geraucht, ich wäre wohl zum Kettenraucher mutiert.

Ich rief meine ältere Schwester Beatrice an, da ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte. Ich beschrieb ihr mein Gefühl des Sterben-Müssens, wenn ich auch nur einen Tag länger zur Arbeit gehen müsste. Sie versuchte mich zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Vor allem betrübte es mich sehr, dass sie mich nicht zu verstehen schien. Oder hatten sich meine Familienmitglieder einfach schon an die jahrelangen Meckereien und Wehklagen von mir gewöhnt? In letzter Zeit fühlte ich mich von meinen Freunden und der Familie überhaupt nicht mehr verstanden. Meine Probleme wurden nicht anerkannt, so schien es mir jedenfalls. Alle redeten mir immer wieder gut zu, dass es woanders auch nicht besser wäre. Jeder hätte einen nervigen Chef, und das Leben wäre nun mal kein Wunschkonzert. Ich aber wollte das partout nicht akzeptieren. Warum konnten sie mich einfach nicht verstehen? Alles, was ich brauchte, war jemand, der mich verstand und mir zuhörte. Und jemand, der für mich da war und mir half, aus dieser Situation herauszukommen. Ich fühlte mich allein gelassen. Hilflos.

02

Der Überwachungsraum des Roten Kreuzes war schwül. Außer mir und einem Sanitäter war sonst niemand im Raum. Mein Puls hatte sich mittlerweile wieder normalisiert, aber mir war immer noch schwindelig, und meine Beine fühlten sich an wie Gummi. Ich hatte Angst, das Bewusstsein zu verlieren. Vielleicht hatte ich ja doch einen Schlaganfall erlitten? Ich erlangte langsam wieder mehr Kontrolle über meinen Körper. Der Sanitäter etwas fortgeschrittenen Alters, der mein Vater hätte sein können, gab mir Wasser und kümmerte sich um mich. Wir besprachen das weitere Vorgehen, und er überließ mir die Entscheidung, ob ich lieber in eine Klinik oder zurück in mein Hotel gehen wollte. Mit sonorer Stimme und seinem stark schwäbischen Akzent rief er:

»Wöisch! Du hasch halt a bisserl Burn-out! Das wird schon wieder!«

Ich rief meinen Vater an, um ihm zu erzählen, was passiert war. Wir besprachen, was wohl das Beste für mich sei. Nach meinen Schilderungen empfahl er mir, erst einmal ins Hotel zu gehen und mich baldmöglichst gründlich durchchecken zu lassen, sobald ich wieder zu Hause wäre.

Kurze Zeit darauf holte mich mein Kollege Paul in der Sanitätsstation ab. Auf dem Weg zum Parkplatz stützte er mich, da ich immer noch ganz wackelig auf den Beinen war. Schon komisch, Paul war Rentner, und ich war halb so alt wie er. Jetzt musste er mich stützen! Im Hotel konnte ich mich nur fortbewegen, indem ich mich immer wieder irgendwo festhielt, so unsicher fühlte ich mich auf meinen Beinen. Mir war einfach zu schwindelig. Ich befürchtete jeden Moment, zu stürzen oder in mich zusammenzusacken. Ich war so benommen, als hätte ich eine Menge Alkohol getrunken. Nur die angenehmen Nebeneffekte des Rausches fehlten mir. Als ich endlich im Kollegenkreis beim Abendessen saß, konnte ich mich durch die aufmunternden Worte und die Anteilnahme meiner Kollegen etwas entspannen und ablenken.

Da kam mein Chef an den Tisch, den ich seit über drei Tagen nicht gesehen hatte. In seiner stets jovialen Art fragte er mich, als ob nichts passiert wäre:

»Na, Alex! Wie geht's Dir?«

»Mir geht es sehr schlecht, Manfred!«, sagte ich ihm eindringlich, denn die Situation ließ ja auch gar nichts anderes zu.

»Mir ist schwindelig, und ich kann mich nicht auf den Beinen halten. Mir geht's nicht gut! Heute haben sie bei mir einen Schlaganfall vermutet und ich muss mir überlegen, wie es jetzt weitergeht. Ich muss mich wohl im Krankenhaus gründlich untersuchen lassen.«

Er schaute mich verdutzt an und war ganz still. Dann drehte er seinen Kopf zu meinen Kollegen und ging zum Alltagsgeschäft über, als ob das, was ich gerade von mir gegeben hatte, ihn überhaupt nicht erreicht hätte. Er redete darüber, wie furchtbar wenig auf der Messe los sei. Er blendete völlig aus, dass einer seiner Angestellten gerade auf der Messe zusammengeklappt war. Dabei war ich ja nicht einmal der Erste gewesen. Mittlerweile hatte es schon sechs Angestellte der Firma mit schweren gesundheitlichen Problemen erwischt.

»Wieso ist er nur so ignorant?«, dachte ich mir.

Auch Till, der mir gegenüber saß, wirkte wie vor den Kopf gestoßen.

Als ich am nächsten Morgen im Hotel aufwachte, war mir immer noch schwindelig und ich fühlte mich völlig zerstört. Ich hatte jedoch erstmals das Gefühl, dass ich zerstört und erschöpft sein dürfte. Wenigstens hatte ich auch in dieser Nacht durchschlafen können. Mir kamen die Tränen, und ich rief meine Schwester Beatrice an, die als zweites Familienmitglied medizinisch ausgebildet war. Von ihr als Ärztin hoffte ich zu erfahren, was ich denn ihrer Meinung nach jetzt tun sollte. Zu meiner Überraschung redete sie mir gut zu und sagte, dass ich mich endlich einmal ausruhen dürfte, ich hätte genug geschuftet. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, solche mitfühlenden Worte von ihr zu hören. Ihre Worte waren wie Balsam für meine Seele. Sie war ganz bei mir, so wie ich es mir vorher immer gewünscht hatte. So ein Gespräch hatte ich lange nicht mehr mit meiner Schwester geführt. Endlich wurde ich gehört.

Da auch sie wegen meines Zustandes keine akuten Bedenken hatte, verbrachte ich noch zwei Tage auf dem Hotelzimmer und versuchte hin und wieder, etwas spazieren zu gehen oder etwas zu essen. Immer noch bewegte ich mich wie ein alter Mann mit Rollator. Wenigstens verschlechterte sich mein Zustand nicht, und ein Schlaganfall schien es wohl auch nicht zu sein, sonst wäre ich schon längst umgefallen. Strengte ich mich aber zu sehr an, wurde mir übel und mein Herz begann zu rasen. Panikattacken überfielen mich und es brauchte einige Minuten, bis ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Danach war ich immer am Boden zerstört. Ich wusste nicht, wie ich diese Attacken in den Griff bekommen sollte.

Wieder und immer wieder überfielen mich Übelkeit, Herzrasen, Schweißausbrüche, und dann sehr starker Schwindel. Die Episoden hielten lange an, über mehrere Stunden, und ich war überaus schreckhaft und nervös. Sobald ich mich traute, einen Fuß vor die Türe zu setzen, ließ mich jedes vorbeifahrende Auto, jede aufgehende Tür zusammenfahren. Ich musste mich stark konzentrieren, um überhaupt hinausgehen zu können, so unsicher war ich auf den Beinen.

Mein Chef ließ sich nicht mehr bei mir blicken. Er rief mich nur ein einziges Mal an, während wir im Kollegenkreis beim Abendessen saßen, aber nur, um die Kollegen zu grüßen und die Rechnung auf seinen Namen schreiben zu lassen. Über meinen Zustand verlor er kein Wort. Seltsam, da war ich schon sein Vertreter in der Firma, war am Boden, und er hielt es nicht einmal für nötig, bei mir vorbeizuschauen oder zu fragen, ob er etwas für mich tun könnte? Ich war wohl schon abgeschrieben worden. Ähnlich hatte er sich auch schon bei anderen Mitarbeitern verhalten. Am liebsten wollte ich einfach nur noch weg hier, nach Hause.

Nach Hause, wo war das eigentlich? In Frankfurt, wo ich seit über zweieinhalb Jahren alleine lebte und niemanden hatte? Nein, definitiv nicht. Erst einmal nach München, zu meiner Familie und meinen Freunden. Bloß nicht zurück nach Frankfurt!

Am nächsten Tag konnte ich endlich nach München fahren. Mein Kollege Paul hatte mir angeboten, mich in seinem Auto mitzunehmen. Als Beifahrer war meine Anspannung kaum zu ertragen. Unerwartete Bewegungen der anderen Verkehrsteilnehmer machten mir die Fahrt zur Hölle. Ich fühlte mich wie bei einer ununterbrochenen Achterbahnfahrt, aus der ich nicht aussteigen konnte. Ich rang heftig mit mir und hoffte die Fahrt durchzustehen, ohne Paul zum Anhalten nötigen zu müssen. Er sollte nicht mitbekommen, was für ein nervliches Wrack ich war. Ich überspielte meinen Zustand, so gut es ging, aber am liebsten hätte ich geschrien, er solle anhalten und mich aussteigen lassen. Aber wie hätte ich dann nach München kommen sollen?

Nach der erlösenden Ankunft in München fiel ich meinem Vater in die Arme. Ich war so erleichtert, ihn zu sehen. Endlich ein Vertrauter und eine Wohnung in meiner Heimatstadt, in der ich mich wohl fühlte. Ich berichtete ihm, was sich in den letzten Tagen zugetragen hatte. Zu meinem Erschrecken kündigte mein Vater an, er müsse am nächsten Morgen nach Kanada fahren, da er dort geschäftlich zu tun hatte. Es schlug mir auf den Magen, wieder alleine gelassen zu werden, wo ich doch gerade angekommen war. Trotz alledem war ich in meiner Heimatstadt und fühlte mich schon sicherer als vorher. Und meine Freunde lebten ja auch hier. Die Umgebung war mir vertraut. Kein Frankfurt, keine Arbeit! Gott sei Dank.

Gleich am nächsten Tag stellte ich mich im Klinikum Großhadern vor und ließ mich gründlich durchchecken. Schon die Fahrt ins Krankenhaus war wieder eine Tortur. Kleine Schritte, überall festhalten, Müdigkeit und Erschöpfung. Immer noch war ich wie ferngesteuert, in ständiger Anspannung. »So wie ich mich fortbewege, müssen die Menschen auf der Straße mich für besoffen, bekifft oder was auch immer halten«, schoss es mir durch den Kopf.

Nach zwei Stunden Wartezeit in der Notaufnahme war ich an der Reihe. Ich konnte mich etwas entspannen. Die Aussicht auf Hilfe war überaus beruhigend. So gelang es mir eine Zeit lang, meinem benommenen Spannungszustand zu entfliehen. Es folgten verschiedene Untersuchungen, die ich mit positiver Spannung erwartete. Schlaganfallkontrolle beim Neurologen, CT, großes Blutbild, und anderes mehr. Welche Antwort erhielt ich?

»Nichts! Sie sind körperlich absolut gesund, Herr Feodor!«, tönte es mir entgegen. Ich fiel vom Glauben ab und dachte, man wollte mich offenkundig auf den Arm nehmen.

»Aber mir ist schwindelig, und ich bin müde und nervös. Was soll ich denn jetzt tun?«

»Na ja, ruhen Sie sich aus, wir alle schwanken ab und zu! Eventuell wären SSRIs für Sie nicht schlecht. Das sind Serotonin-Re-Uptake-Hemmer!«, erläuterte sie kurz.

Von dem Wirkstoff Serotonin hatte ich schon einmal gehört, aber was das für mich bedeutete, war mir nicht ganz klar.

»Was hat Serotonin für eine Wirkung?«, fragte ich nach, bekam jedoch keine Antwort. Viel mehr war aus dieser Ärztin einfach nicht herauszubekommen. Nicht zum Aushalten! Immer deutlicher trat zutage, dass bei mir nichts Auffälliges gefunden wurde. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit diesem Ergebnis, nämlich keinem! Das ergab doch alles keinen Sinn?

So verwirrend auch alles war, so erleichternd war wenigstens, dass die Ärzte nichts Ernstes gefunden hatten. Man gab mir den Arztbrief, in dem »nichts« stand außer dem Vorschlag für eine ambulante Psychotherapie, da ein »psychovegetativer Erschöpfungszustand«, auch »Neurasthenie« genannt, vorläge. SSRIs seien angeraten.

»Aha, Psychotherapie also und Neurasthenie …?« Damit konnte ich nichts anfangen. Wieso denn eine Psychotherapie? Mir war schwindelig! Niemand nahm mich zur Seite und erklärte es mir.

Zu Hause berichtete ich meiner Schwester von den Ergebnissen. Sie riet mir, mich doch in einer psychosomatischen Klinik vorzustellen. Doch von dieser Idee war ich gar nicht begeistert, sah ich mich doch gleich als ein Psycho abgestempelt! »Norman Bates lässt grüßen!«, entgegnete ich ihr. Da fauchte sie mich auf einmal an:

»Hör auf damit! Hör auf! Ich möchte meinen Bruder wieder haben!«

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Obwohl ich nicht genau wusste, was sie eigentlich damit meinte, wurde mir erst in diesem Moment klar, dass hier etwas nicht stimmte. Aber ich verstand es nicht!

»Ich bin doch Dein Bruder, oder nicht!?«

»Nein, das bist Du nicht mehr! Du bist nicht mehr der, den ich gekannt habe! Du bist jetzt ein anderer!«

Das reichte, auf einmal waren alle Zweifel in mir beseitigt. Ich verstand in diesem Moment, wie sehr es meine nächsten Verwandten bedrückte, was mit mir geschehen war und wie sehr ich mich wohl verändert haben musste. Mit dieser konfrontativen Aussage meiner Schwester fiel die Entscheidung, die einzig richtige für mich. Ich brauchte Hilfe!

»Okay, Beatrice, ich melde mich gleich morgen an. Ich verspreche es Dir.«

Erstmals seit langer Zeit wurde mir klar, dass ich es nicht mehr alleine schaffte. Aber was war jetzt alles zu tun? Ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, wie eine Behandlung aussehen könnte und wie diese mir überhaupt helfen sollte. Auch wusste ich ja immer noch nicht, was mir fehlte.

Die Psychosomatische Klinik war mein Rettungsanker und eine Möglichkeit, Hilfe zu bekommen. Auch wenn ich nicht wusste, wie man mir dort helfen sollte, rief ich gleich am nächsten Morgen verschiedene Einrichtungen in München und Umgebung an. Die Aussichten auf einen freien Platz waren jedoch nicht berauschend. Alle Kliniken, die ich anrief, waren voll und hatten teilweise Wartezeiten von bis zu neun Monaten! Ich zweifelte, ob ich hier die richtige Hilfe finden würde, aber ich blieb hartnäckig und versuchte weiter mein Glück.

Den Rest des Tages gestaltete ich für mich. Das war nicht so einfach, denn ich musste mich immerzu überwinden, aufzustehen und etwas zu erledigen. Hatte ich etwas erledigt, lag ich wie apathisch auf der Couch oder schlief stundenlang, so als ob ich ein Jahr nicht geschlafen hätte. Es war sehr anstrengend. War dies nur Erschöpfung? Es tat mir sehr gut, einfach nur auszuruhen. Keine Verpflichtung, keine Arbeit, kein Chef, keine Kunden, nur Schlaf! Solange ich ruhend auf der Couch lag, ging es mir einigermaßen gut.

Trotz meiner Erschöpfung und meiner anderen eingeschränkten körperlichen Funktionen bekam ich tatsächlich einiges in den Griff. Ich stellte mich ein paar Tage später in der ersten Klinik vor, die mir ein Erstgespräch gewährte und mich nicht gleich von vornherein abgewiesen hatte.

Als ich im Wartebereich, der sich im Flur befand, Platz nahm, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Ich musterte alle vorbeigehenden Menschen und fragte mich, ob sie wohl Patienten oder Ärzte waren. Sehr genau beobachtete ich, ob sie ernsthafte Zeichen für psychische Störungen aufwiesen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie sich plötzlich jemand vor mir auszog und schreiend den Gang hinunterlief. Alle meine Gedanken wurden von der Angst beherrscht, dass ich in der Klapsmühle landen würde.

Dann wurde ich ins Behandlungszimmer gerufen. Eine Psychologin stellte sich mir vor. Sie war wohl einige Jahre jünger als ich und womöglich noch in der Ausbildung. Ich schilderte ihr die letzten Monate und Jahre meines Lebens im Schnelldurchlauf, also in etwa 20 Minuten. Wie beschreibt man sein Leben in 20 Minuten? Unmöglich! Aber es reichte ihr für eine erste Schnelldiagnose.