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Überarbeitete Neuauflage mit zahlreichen Praxisübungen und aktuellen Beispielen
Trauerwege sind anstrengend, unvorhersehbar und ganz individuell. Doch auf allen Trauerwegen setzen sich Menschen mit intensiven Gefühlen auseinander: Schmerz, Sehnsucht und Ohnmacht, aber auch Dankbarkeit und Liebe. Die Trauernden gestalten ihren veränderten Alltag neu, suchen Antworten auf das »Warum?« eines Todes und beschäftigen sich mit dem Sinn des eigenen Weiterlebens.
Chris Paul, eine der renommiertesten Trauerbegleiterinnen Deutschlands, arbeitet in dieser Nachauflage mit dem bereits eingeführten Kaleidoskop des Trauerns. Das ist ein lebensnahes, leicht verständliches Bild, in dem sich Trauernde auf ihren Trauerwegen erkennen können. Sie zeigt viele unterschiedliche Reaktionen und Gestaltungsmöglichkeiten eines Trauerweges. Die möglichen Stolpersteine werden anschaulich beschrieben und ihre Bewältigung kann mit den vielen alltagstauglichen Ideen zur Unterstützung gelingen. Die Nachauflage wurde grundlegend überarbeitet und um zahlreiche praktische Übungen erweitert, die auch die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie und allen Problemen, die sich dadurch für die Trauerarbeit stellen, aufgreift.
Darüber hinaus hat die Autorin einen Großteil der Übungen als Hör- bzw. Videobeispiele auf ihrer Homepage bereitgestellt: www.trauerkaleidoskop.de.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2021
»Trauern ist die Lösung, nicht das Problem!«
Trauerwege sind anstrengend, unvorhersehbar und ganz individuell. Die Trauernden gestalten ihren veränderten Alltag neu, suchen Antworten auf das »Warum?« eines Todes und beschäftigen sich mit dem Sinn des eigenen Weiterlebens.
Chris Paul, eine der renommiertesten Trauerbegleiterinnen Deutschlands, präsentiert in diesem Buch ihren langjährig praxiserprobten Ansatz des Kaleidoskops des Trauerns. Dieses Modell bietet ein lebensnahes, leicht verständliches Bild, in dem sich Trauernde auf ihren Trauerwegen erkennen können.
Die Autorin zeigt viele unterschiedliche Reaktionen und Gestaltungsmöglichkeiten eines Trauerweges. Die möglichen Stolpersteine werden anschaulich beschrieben und ihre Bewältigung kann mit den vielen alltagstauglichen Ideen zur Unterstützung gelingen.
Völlig überarbeitete und ergänzte Neuauflage.
Chris Paul
ist Soziale Verhaltenswissenschaftlerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Trauerberatung. Als Trainerin, Fachautorin und viel gefragte Referentin setzt sie sich seit über 20 Jahren für die angemessene Begleitung trauernder Menschen ein. Ihre Bücher sind Standardwerke, und sie gilt über Fachkreise hinaus als eine der renommiertesten Trauerexpertinnen Deutschlands. In ihrem eigenen Trauerinstitut in Bonn bietet sie Langzeitfortbildungen an. Mit szenischen und musikalischen Vorträgen und zwei eigenen Bühnenprogrammen engagiert sie sich für ihren Leitspruch: »Trauern ist die Lösung, nicht das Problem!«
CHRIS PAUL
Ich lebe mit meiner Trauer
Das Kaleidoskop des Trauerns für Trauernde
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Copyright © 2021 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlagmotiv: © Harald Biebel/Fotolia.com
ISBN 978-3-641-26335-5V001
www.gtvh.de
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Trauern ist die Lösung, nicht das Problem!
Das Kaleidoskop des Trauerns
Überleben – Wirklichkeit begreifen – Gefühle – Sich anpassen – Verbunden bleiben – Einordnen – Begegnungen, die »Trittsteine« auf dem Trauerweg sind – Begegnungen, die »Stolpersteine« auf dem Trauerweg sind
Die ersten Stunden
Der Trauerweg beginnt
Trauerfacette Überleben
Unwillkürliche Schutzreaktionen – Zusammenbruch? – Wenig Unterstützung als Stolperstein – Zusammenreißen – Das Überleben der anderen – Übung – Geschichte
Trauerfacette Wirklichkeit
Plötzliche und gewaltsame Tode als Stolperstein – Sterben ohne Kontaktmöglichkeit – Trittsteine – Spirituelle Wirklichkeit und Rituale – Übung – Stolpersteine, die die Wirklichkeit verzerren – Trittsteine – Geschichte
Trauerfacette Gefühle
Überleben kann wichtiger sein als Gefühle fühlen – Medikamente und Gefühle – Trittsteine – Geschichte
Trauerfacette Sich anpassen
Nichts ändern können – Handlungsmöglichkeiten oder Bevormundung – Unterstützungsangebote – Geschichte
Trauerfacette Verbunden bleiben
Geschichte
Trauerfacette Einordnen
Geschichten
Die ersten Wochen
Eine besondere Zeit
Trauerfacette Überleben
Überlebensstrategien – Trittsteine – Fachliche Unterstützung – Übung – Geschichten
Trauerfacette Wirklichkeit
Körperliche Wirklichkeit – Der letzte Abschied vom Körper – Geschichte – Die spirituelle Wirklichkeit des Todes – Übung – Wirklichkeit in Worten – Geschichte – Unperfekte Worte – Überwältigende Erlebnisse – Geschichte
Trauerfacette Gefühle
Von Fassungslosigkeit über Wut und Liebe bis zum Stress – Gefühle im Körper – Rituale – Übungen – Trittsteine –Stolpersteine
Trauerfacette Sich anpassen
Begrenzte Wahlmöglichkeiten – Geschichte – Sachzwänge – Neue Aufgaben – Übung
Trauerfacette Verbunden bleiben
Trauerfacette Einordnen
Ein ganzes Leben zusammenfassen – Wem gehört der Verstorbene? – Bin ich krank oder verrückt? – Trittsteine
Das erste Trauerjahr
Der Trauermarathon hat begonnen
Trauerfacette Überleben
Überlebenshilfen – Trittsteine – Stolperstein unsichere Bindungserfahrung – Übung – Geschichte – Fachliche Unterstützung – Gespräche mit einem Trauerbegleiter – Trauergruppen für Erwachsene / Kinder und Jugendliche – Geschichte – Trauercafé – Wandern, Segeln, Malen, Tanzen – Ärzte, PsychotherapeutInnen, Neurologen, TraumatherapeutInnen – Naturheilkunde, Homöopathie
Trauerfacette Wirklichkeit
Unbarmherziges Bewusstwerden – Wirklichkeit und Zeit – Geschichte – Alles zum ersten Mal – Geschichte –Feiertage und Urlaube
Trauerfacette Gefühle
Gefühle - Gefühle ausdrücken – Übungen – Starke Gefühle aushalten – Übungen – Körperliche Beschwerden – Wut und Hass – Ventile zum Abbau von Wut und Hass – Scham – Neid – Erleichterung – Einsamkeit – Angst – Sehnsucht und Liebe – Rituale – Trauer oder Depression?
Trauerfacette Sich anpassen
Umgang mit den Dingen – Geschichte – Was sage ich wem? – Mitmenschen, »stabile Personen«, »praktische UnterstützerInnen« – Umgang mit den Rollen – Geschichte
Trauerfacette Verbunden bleiben
Einen neuen Platz zuweisen – Übung - Erinnerungen – Die Angst vor dem Vergessen – Die Angst vor dem Schmerz der Erinnerung – Geschichte – Erinnerungen an überwältigende Situationen – Gegenstände – Geschichte – Orte – Orte, die man niemals wiedersehen will – Geschichte – Symbole – Geschichte – »Zeichen« – Geschichte – Bleibendes – Präsenzerlebnisse – Bedrohliche Präsenz – Spiritualität und Glauben – Imaginationen – Übungen – Geschichte – Ähnlichkeiten – Vorwürfe und Hass – Mit-Leiden – Verbundenheit mit den Lebenden – Verbundenheit mit sich selbst
Trauerfacette Einordnen
Verunsicherung – Wie passt dein Tod zu deinem Leben? – Was sagt dein Tod über mich? – Vergeltung oder Vergebung – Trittsteine für den Wunsch nach Vergebung – Wie passen dein Tod und meine Trauer zu meiner Zukunft? – Geschichte
Todestage
Der erste Todestag
Trauerfacette Überleben
Trittsteine – Unklares Sterbedatum – Serie von schweren Tagen
Trauerfacette Wirklichkeit
Das eigene Weiterleben – Belastende Erinnerungen
Trauerfacette Gefühle
Rituale
Trauerfacette Sich anpassen
Trauerfacette Verbunden bleiben
Verbundenheit mit dem geteilten Leben
Trauerfacette Einordnen
Beispiele für die Gestaltung von Jahrestagen
Die weiteren Trauerjahre
Trauerwege und Trauerentwicklungen
Trauerfacette Überleben
Kraftquellen – Geschichte – Darf Freude sein? – Nur Überleben? – Überleben und die anderen Trauerfacetten – Übung – Fachliche Unterstützung – Geschichte
Trauerfacette Wirklichkeit
Wirklichkeitsmacher – Geschichte – Familiengeheimnisse
Trauerfacette Gefühle
Gefühle verändern sich – Verlust von Vertrauen in sich selbst – Sorge und Angst
Trauerfacette Sich anpassen
Neue Schwerpunkte – Geschichte – Beziehungen verändern sich – Geschichte – Eine neue Liebe – Ein neuer Platz für die alte Liebe – Die Eifersucht der »Neuen« auf die Verstorbenen – Wieder schwanger werden
Trauerfacette Verbunden bleiben
Mit den Verstorbenen weiterleben – Mit sich selbst weiterleben – Idealisierung – Geschichte – Vermächtnis –Geschichte
Trauerfacette Einordnen
Selbstwert und Sinn – »Weil du trotzdem da bist.«
Danksagung
Literaturhinweise
Internetressourcen
Verzeichnis der Übungen
Übung: Überlebenshilfen
Übung: Die letzten Stunden
Übung: Überlebenstrategien überprüfen
Übung: Glaubensvorstellungen
Körperübung: Stärkendes Klopfen
Körperübung: Beruhigendes Klopfen
Fantasieübung: Rhythmus und Ruhe
Übung: Überleben im Familiensystem
Übung: Deine Spuren
Übung: Tagebücher schreiben und gestalten
Übung: Erinnerungsbuch
Übung: Briefbuch
Übung: Notfallkoffer
Übung: Verabredung mit meiner Trauer
Übung: Dein ganz persönliches Paradies
Übung: Ein Zimmer für dich in meinem Lebenshaus
Übung: Kraftquellen
Diese Übungen und ergänzendes Material finden Sie unter: www.trauerkaleidoskop.de
Vorwort zur überarbeiteten Neuauflage 2021
Zu meiner großen Freude hat sich das Kaleidoskop des Trauerns in kurzer Zeit zu einer allgemein akzeptierten Grundlage des Unterrichtens und Begleitens entwickelt. Ein guter Grund, um für die Neuauflage zu erläutern, warum und wie ich dieses integrative Trauermodell entwickelt habe.
Von Beginn meiner Arbeit in der Trauerbegleitung in 1997 an habe ich mich auf William Worden bezogen und sein Modell der vier Aufgaben eines Trauerprozesses. In den folgenden 20 Jahren des Weiterlernens und der Begleitung von vielen Hundert Trauernden wandelte sich mein Verständnis des Trauerprozesses. So entschied ich mich, den Begriff der »Traueraufgabe« aufzugeben und stattdessen von »Erlebensbereichen« auszugehen, die in jeder Verlustsituation eine Rolle spielen. Gleichzeitig entstand ein visuelles Modell, mit dem ich Trauertheorie unterrichten und auch Trauernden selbst nahebringen konnte. Die Verbindung von Begriffen und Farben (Kaleidoskop) erwies sich als einprägsam und gut zugänglich. Die Metapher des »Kaleidoskops«, in dem alle diese Erlebensbereiche stets enthalten sind und sich ständig zu neuen Mustern und Strukturen mischen, wurde als lebensnah wahrgenommen. Hier muss niemand in einer bestimmten Reihenfolge trauern und es gibt auch kein »falsches« Trauern.
Im »Kaleidoskop des Trauerns« habe ich ich neben die vier von Worden inspirierten Bereiche die Facetten »Überleben« und »Einordnen« eingefügt. Das Thema »Überleben« spielt für viele Trauernde eine unerwartet große Rolle, und von vielen Hinterbliebenen habe ich Sätze wie diesen gehört: »Im ersten Jahr habe ich nichts anderes getan, als zu überleben.« Es schien mir falsch, dieses wichtige »Am- Leben-Bleiben« zu entwerten, wie es oft geschieht, und zu behaupten, das eigentliche Trauern käme erst danach. Auch meine Fortbildungen zum Thema Psychotrauma haben mich darin bestärkt, das »Überleben« als wichtigen Teil jeden Trauerprozesses zu begreifen. Überleben ist die unmittelbare Voraussetzung für jeden einzelnen Schritt auf dem langen Trauerweg. Damit greife ich auch das international am häufigsten gebrauchte »Duale Prozess-Modell des Trauerns« auf, es stammt von Margret Stroebe und Henk Schut. Es beschreibt Trauernde als Menschen, die quasi ständig den Kopf wenden – mal sehen sie zurück, beschäftigen sich mit Erinnerungen und den dadurch ausgelösten Gefühlen und Gedanken, und dann wieder sehen sie nach vorn, sorgen für die Aufrechterhaltung ihres Alltags und entwickeln langsam aber sicher Zukunftspläne. Dieses Hin- und Hergehen zwischen den Zuständen der »Verlustorientierung« und der »Wiederherstellungsorientierung« wird im Kaleidoskop ausdifferenziert.
Die zweite Facette, die ich hinzugefügt habe, ist inspiriert durch die Arbeiten von Robert A. Neimeyer, einem amerikanischen Psychologen, Therapeuten und Hochschullehrer. Er fand heraus, dass Bewertungen und Interpretationen im Trauerprozess einen erheblichen Einfluss auf den inneren Frieden haben, den Trauernde irgendwann finden können – oder auch nicht. Er spricht von »reconstruction of meaning« nach einem Todesfall, und nach vielen Übersetzungsversuchen, die zu Missverständnissen führten, habe ich den Begriff »Einordnen« gewählt. Im englischsprachigen Raum spielt dieser Ansatz eine große Rolle, in Deutschland findet er langsam immer mehr Beachtung.
Für die erste Veröffentlichung dieses Buchs 2017 entschied ich mich, weitere Trauerkonzepte einzubeziehen, unter anderem den Blick auf Risikofaktoren und Ressourcen, die Trauerprozesse erschweren oder erleichtern. Unter dem Begriff »Stolperstein« und Trittstein« sind sie ein wichtiger Bestandteil des Buches.
Für diese Überarbeitung habe ich aktuelle Informationen einbezogen, u.a. die Diagnose »Anhaltende Trauerstörung« und auch die erschwerenden Umstände für Abschied und Trauer durch die Corona-Pandemie.
Viele Aspekte, die im Buch angesprochen werden, können Sie nun mit, einem Film, einem Musikstück oder einer Audiodatei vertiefen.
Die zahlreichen Übungen habe ich deutlich ergänzt und besser kenntlich gemacht. Sie finden sich zum Download im Internet.*
Ich hoffe und wünsche, dass dieses Buch ein Trittstein auf Ihrem Trauerweg sein wird!
Chris Paul, Frühjahr 2021
Hier finden Sie ergänzendes Material zum Trauerkaleidoskop: www.trauerkaleidoskop.de
* Unter www.trauerkaleidoskop.de finden sich ebenfalls Hinweise auf Unterrichts- und Gestaltungsmaterial rund um das Kaleidoskop des Trauerns und die Hör-CD mit Live-Musik.
Einleitung
Trauern ist die Lösung, nicht das Problem!
Die Menschheit existiert schon einige zehntausend Jahre und von Anfang an mussten Menschen damit umgehen, dass Familienmitglieder und andere Vertraute um sie herum starben. So ist es bis heute – wussten Sie, dass allein in Deutschland pro Jahr mehr als 800.000 Menschen sterben? Heutzutage sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern oder Altenheimen. Andere kommen bei einem Unfall ums Leben, bei einer Naturkatastrophe, oder sie töten sich selbst. Die Nachricht von einem Tod fühlt sich oft an, als käme ein wildes Tier und würde den wichtigsten Menschen im eigenen Leben wegreißen. Eigentlich alle Menschen wissen beim Tod eines sehr vertrauten Menschen nicht, wie es weitergehen soll. Doch die menschliche Seele hat eine Art Programm entwickelt, um das eigene Weiterleben zu ermöglichen – das ist der Trauerprozess. Er führt durch die Zeiten von einem Leben mit diesem Menschen, der gestorben ist, hin zu einem aushaltbaren Leben ohne ihn. Auch wenn Sie keine Ahnung haben, wie Sie den Schmerz und die Unsicherheiten nach einem Tod überstehen sollen – in Ihnen liegt die Fähigkeit, es zu tun.
Vieles werden Sie automatisch »richtig« machen, wenn Sie auf sich selbst hören. Man geht davon aus, dass mindestens 80 Prozent aller Hinterbliebenen keine fachliche Unterstützung für ihren Trauerprozess benötigen. Sie brauchen ihre Freunde und Familien – jeder Mensch braucht andere Menschen, aber eben als Freunde und Verwandte, nicht als »Trauerprofis«.
In diesem Buch erläutere ich die vielen Facetten eines Trauerprozesses. Ich möchte Sie anregen und ermutigen und dazu beitragen, dass Sie sich selbst besser verstehen. Und dass Sie die Menschen um sich herum ein bisschen besser verstehen.
Das Kaleidoskop des Trauerns
Der Trauerprozess beinhaltet deutlich mehr als Vergessen und Weitermachen. Trauern, so wie ich es erfahren habe, ist auch deutlich mehr als das Gefühl »Traurigkeit«. Trauerprozesse enthalten viele starke Gefühle und gleichzeitig viele wirre Gedanken. Sie bringen die mühsame Gewöhnung an ein verändertes Leben mit sich und die Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen. Vor allem bestehen Trauerprozesse aus Erinnerungen. Das menschliche Überlebensprogramm nach dem Tod von anderen Menschen ruft die vielen Erinnerungen an den Verstorbenen ins Gedächtnis und sortiert sie nach ihrer bleibenden Bedeutung. Es ist wie eine sehr große Kiste voller Fotos und Videos, die angesehen werden. Schöne und beglückende Bilder, aber auch belastende und anstrengende Erinnerungen sind da versammelt. Irgendwann wird klar sein, welche Bilder die wichtigsten und stimmigsten sind. Zu diesen Bildern gibt es Geschichten, die auf den Punkt bringen, wer dieser Mensch war und was er im Guten hinterlassen hat. Trauerprozesse enden nicht mit Vergessen, sie münden irgendwann in »leichtes Gepäck«. Keiner weiß im Voraus, wann das so weit sein wird. Es dauert aber auf jeden Fall länger als sechs Wochen. Für viele dauert es länger als das berühmte »erste Trauerjahr«.
In diesem Buch habe ich die einzelnen Facetten des Trauerns mit feststehenden Begriffen benannt, die Sie immer wieder finden werden. Mitten in einem Trauerprozess fühlt es sich chaotisch und unübersichtlich an. Das löst Gefühle von Hilflosigkeit aus, die lähmend und entmutigend wirken können. Deshalb stelle ich Ihnen diese Struktur zur Verfügung, damit Sie ab und zu einen Blick auf sich selbst werfen können und ein bisschen Orientierung finden.
Die sechs Facetten des Trauerprozesses sind von Anfang an alle zugleich präsent. Sie formen ein Kaleidoskop verschiedener Elemente und Farben, die sich immer neu mischen. Anders als in einem Programm, das Sie von Schritt Eins bis Schritt Sechs nacheinander abarbeiten sollen, beschäftigen Sie sich meistens mit mehreren Facetten gleichzeitig.
Wenn Sie bisher dachten, der Trauerweg sei wie ein schnurgerader Hürdenlauf, bei dem Sie von einem Startpunkt aus in gerader Strecke auf ein Ziel loslaufen, dann verabschieden Sie dieses Bild bitte. Der Trauerprozess ist kein geradeaus laufender Weg. Er ähnelt mehr einer Spirale (Sie laufen größer werdende Runden auf einem Sportplatz) oder einem Labyrinth (Sie laufen einen Marathon durch eine Stadt und werden in vielen Schleifen und Windungen immer durch dieselben Gebiete geleitet).
Jeder trauernde Mensch läuft seinen eigenen Weg im eigenen Tempo, Trauerprozesse sind kein Massenlauf mit der gleichen abgesteckten Wegstrecke für alle. Jeder Trauerweg ist individuell, verschieden von anderen Trauerwegen und doch unterwegs auf denselben Themenfeldern.
Trauern muss nicht »vorbei«-gehen, also gibt es keine Ziellinie, wie bei einem Marathon. Es ist eher, als würden die Kreise immer weiter und dabei kämen immer mehr Facetten hinzu: Facetten des Lebens, in denen der Verlust keine Rolle spielt. Und die Gangart ändert sich, wird weniger angestrengt, kann zunehmend wieder ins Schlendern oder auch mal Hüpfen übergehen. In diesen weiter werdenden Kreisen betreten Menschen in unterschiedlich großen Zeitabständen immer wieder auch eine oder mehrere Facetten des Trauerns. Die wiederkehrende Beschäftigung mit den verschiedenen Facetten des Trauerprozesses führt dazu, dass die meisten Menschen erleben, wie die Wucht des Seelenschmerzes und der Ratlosigkeit mit der Zeit nachlässt. Sie finden einen inneren Frieden mit dem, was geschehen ist, und sie haben hauptsächlich Erinnerungen, die sie genießen können. Das geschieht bei den meisten Trauernden fast von allein – die Unterstützung ihrer Freunde und Angehörigen reicht als Wegbegleitung. Nur zehn bis zwanzig Prozent der Menschen, die um jemanden trauern, brauchen zusätzlich fachliche Unterstützung.
Wenn ein naher Mensch gestorben ist, dauert dieser Weg durch die verschiedenen Facetten eines Trauerprozesses oft mehrere Jahre. Dieses Buch begleitet Sie durch alle Zeiten Ihrer Trauer – von den Sterbestunden durch das ganze erste Trauerjahr bis zu den weiteren Trauerjahren. Die Facetten des Trauerns mischen sich auf diesem Weg immer neu. Deshalb beschreibe ich die einzelnen Trauerfacetten ausführlich in jedem Zeitabschnitt. Ich zeige Ihnen, wie vielfältig Sie jede einzelne Trauerfacette ausgestalten können. Hinweise auf die Stolpersteine, die Ihren Trauerweg erschweren können, ergänze ich um viele verschiedene Trittsteine. Dazu gehören auch die vielen Übungen, die Sie im Buch verteilt finden. Sie können einzelne dieser Übungen ausprobieren oder sich Stück für Stück anhand der Übungen mit Ihrem Trauerprozess auseinandersetzen.
Falls das für Sie in Frage kommt, legen Sie sich am besten ein Buch oder eine Mappe an, um die einzelnen Gedanken immer wieder ansehen zu können.
Dieses Buch ist für Sie auf Ihrem Trauerweg geschrieben. Wenn Sie Ihren engen Familienangehörigen und Freunden das Kaleidoskop des Trauerns nahebringen möchten, können Sie Ihnen das Buch »Wir leben mit deiner Trauer« empfehlen und vielleicht sogar darüber ins Gespräch kommen. Ich habe es für die Menschen geschrieben, die Ihnen den Trauerweg erleichtern und dabei manchmal selbst Unterstützung brauchen.
Kaleidoskop des Trauerns
Überleben
Wirklichkeit begreifen
Gefühle
Sich anpassen
Verbunden bleiben
Einordnen
Überleben
Dieser Facette habe ich die Farbe Orange zugeordnet. Leuchtend und schrill wie eine Warnweste. Denn Überleben ist etwas anderes, als es sich gut gehen zu lassen. Überleben ist eine rohe, simple Angelegenheit. Man atmet weiter und übersteht den Tag und die Nacht und den nächsten Tag. Jeder von uns macht das anders. Alles Fühlen, Erinnern und Sprechen ist diesem Anliegen untergeordnet. Überleben hat Vorrang und Überleben ist immer wieder dran zum Kraftschöpfen und zum Ausruhen von den Anstrengungen der anderen Trauerfacetten.
Hier eine unvollständige Liste der Möglichkeiten, die wir nutzen, um etwas Erschreckendes zu überstehen:
Ablenken, laute Musik, Fernsehen, Alkohol, Internet. Sich in Arbeit stürzen. Alles so machen wie zuvor. Reden wie ein Wasserfall. Verstummen. Nähe suchen. Sich zurückziehen. Einschlafen. Innerlich abschalten. Ganz viel Sport. Raus in die Natur. An Schönes denken. Aggressiv werden. Beten oder meditieren. Pflichtbewusst sein. Für andere da sein. Weglaufen. In der Vergangenheit leben. Die Vergangenheit abstreiten. Vieles von dem, was Ihnen an Ihrem eigenen Verhalten seltsam und unvernünftig erscheint, ist eine Überlebensstrategie. Das gilt auch für das Verhalten der Menschen um Sie herum.
Wirklichkeit begreifen
Dieser Facette habe ich die Farbe Dunkelgrau zugeordnet, weil es sich so unerträglich dunkel und bedrückend anfühlen kann, wenn man begreift, dass ein geliebter Mensch »wirklich« tot ist. Es fällt schwer zu verstehen, dass jemand gestorben ist und was das eigentlich bedeutet. Die Möglichkeit, den Sterbenden und dann den Verstorbenen sehen und berühren zu können, hilft dabei. Dieses buchstäbliche »Be-greifen« am Sterbebett, bei einer Totenwache oder beim Abschiednehmen unterstützt die Realisierung des Todes. Darüber zu sprechen hilft auch dabei, die Wirklichkeit eines Sterbens zu verstehen. Jedes Mal, wenn klar benannt wird, dass jemand gestorben ist (nicht »gegangen« oder »eingeschlafen«), wird der Tod ein Stück wirklicher. Die Geschichte des Abschieds erzählen können, von anderen etwas dazu hören, sich austauschen und bestätigen, das macht den Abschied wirklicher. Hilfreich beim Realisieren ist auch der Zugang zu den Informationen darüber, woran und wie jemand gestorben ist, so entsteht eine zusammenhängende begreifbare Geschichte.
Sterben ist wirklich etwas anderes als Verreisen oder den Kontakt abbrechen. Es ist end-gültig, nicht zurückzunehmen und für immer. Diese Wirklichkeit des Todes lernt man nur mit jedem Tag, der vergeht.
Sterben ist auch deshalb anders als Verreisen, weil es Fragen nach dem »Danach« aufwirft. Seelenwanderung? Auferstehung? Schwarzes Loch? Wiedergeburt? Das sind Glaubensinhalte und Überzeugungen, aber sie fühlen sich ganz wirklich und wahrhaftig an und Menschen brauchen diese Vorstellungen für ihr »Begreifen der Wirklichkeit eines Todes«.
Gefühle
Dieser Facette habe ich ein kräftiges Rosa zugeordnet, weil die vielen unterschiedlichen Gefühle so intensiv und stark sind, aber auch zart und zärtlich sein können.
Trauerprozesse enthalten eine Vielzahl von Gefühlen: Verzweiflung, Wut, Ohnmacht, Schmerz, Erleichterung, Angst, Neid, Dankbarkeit, Sehnsucht, Liebe und viele mehr. Alle diese verwirrenden, überwältigenden Gefühle sind wichtig. Auch wenn sie anstrengend sind, die Konzentration für den Alltag rauben und einem selbst peinlich sind – sie helfen, den Verlust zu bewältigen. Jedes Gefühl braucht dafür auch einen Ausdruck, hier einige Beispiele:
Traurigkeit, Verzweiflung und auch Sehnsucht können sich in Tränen einen Weg bahnen oder in Rückzug. Wut, Hilflosigkeit und Abwehr äußern sich in Geschrei und Streit oder in Schweigen und Abwendung. Sehnsucht findet z.B. in Grabbesuchen, Trauertagebüchern, dem Gestalten von Erinnerungskisten oder Fotobüchern ihren Ausdruck. Liebe und Dankbarkeit können sich in Erzählungen und Ritualen ausdrücken.
Manchmal verwandelt sich der Seelenschmerz direkt in Körperschmerz – z.B. in Magenkrämpfe und Kopfschmerzen. Nicht nur das metaphorische Herz, sondern auch das physische Herz fühlt sich dann schwer an und stolpert. Der Seelenschmerz kann sich in Atemnot, Beklemmungen und starkem Frieren ausdrücken. Die inneren Kreisläufe sind oft so durcheinander wie die eigenen Gedanken und Gefühle – Schlafen und Essen finden dann nur mit Mühe in einen vertrauten Rhythmus zurück. Der Körperschmerz braucht den Ausdruck des Seelenschmerzes, um langfristig wieder in den Hintergrund zu treten!
Sich anpassen
Dieser Facette habe ich die Farbe Grün zugeordnet, weil es um uns herum immer etwas Grünes gibt, und hier geht es um alles, was außerhalb der eigenen Gedanken und Gefühle stattfindet.
Nach dem Tod eines nahen Menschen ändert sich das eigene Leben – manchmal bleibt keine Minute des Alltags, wie sie vorher war. An diese Veränderungen müssen Trauernde sich anpassen. Sie sind gezwungen, neue Wege zu finden, mit sich selbst und dem Leben umzugehen.
Diese Veränderungen betreffen das Zuhause und den Alltagsablauf. Sie betreffen auch die Rollen und Aufgaben, die man in einer Familie oder Partnerschaft übernimmt. Veränderungen, an die Trauernde sich anpassen müssen, betreffen ebenfalls die Reaktionen aller Menschen, denen man begegnet, z.B. in der Nachbarschaft, im Kollegenkreis, in der Lerngruppe oder im Fitnessstudio. Man muss damit umgehen, dass manche Menschen nicht mehr grüßen und andere mit ungebetenen Ratschlägen reagieren.
Es kostet Kraft, sich im veränderten Leben zurechtzufinden und neue Rollen und Verhaltensweisen auszuprobieren.
Verbunden bleiben
Dieser Facette habe ich ein leuchtendes Gelb zugeordnet, weil die Verbundenheit mit dem Verstorbenen für viele Trauernde wie ein Sonnenstrahl ist.
Menschliche Beziehungen zwischen Lebenden bestehen aus dem Bewusstsein innerer Verbundenheit, aber auch aus Blicken, Berührungen und gemeinsamen Aktivitäten. Nach dem Tod eines Menschen muss man auf alle körpergebundenen Gemeinsamkeiten verzichten und sich mit gedachten und geahnten Bindungsfaktoren begnügen:
Erinnerungen und Anekdoten ermöglichen ein Gefühl von Verbundenheit. Träume vom Verstorbenen und die Wahrnehmung von »Zeichen« schaffen ein Gefühl von innerer Verbindung.
Manchmal ist es, als sei der Verstorbene auf eine nicht zu erklärende Weise immer präsent im eigenen Leben, unterstützend und freundlich. Manche empfinden die Verstorbenen wie gute Geister oder Schutzengel, die in entscheidenden Momenten spürbar werden und Rat geben.
Verstorbene waren normale Menschen, die Licht- und Schattenseiten hatten. Auf der Suche nach innerer Verbundenheit über den Tod hinaus werden beide Seiten und alle Widersprüche auch einer Beziehung näher erinnert. Denn bedrückende und beängstigende Erfahrungen können ebenso innere Bindungen schaffen wie Beglückendes. In dieser Trauerfacette geht es um das Suchen nach dem, was bleiben soll, und dem, was in den Hintergrund treten kann.
Früher dachte man, Trauernde müssten sich komplett von den Verstorbenen lösen, um sich den Lebenden zuwenden zu können. Das gilt als überholt. Trauernde, die sich mit ihren Verstorbenen in positiver und stärkender Weise verbunden fühlen, sind offen für das Leben und die Menschen darin.
Einordnen
Dieser Facette habe ich die Farbe Blau zugeordnet, Blau wie der Himmel über uns, der so selbstverständlich ist, dass wir ihn oft gar nicht mehr bemerken.
Genauso wenig achten wir im Alltag auch darauf, welche Gedanken wir denken, und darum geht es hier. Trauerprozesse bringen nicht nur intensive Gefühle mit sich, sondern sie bewirken auch in unserem Gehirn Höchstleistungen! Jede »Warum?«-Frage, jede Suche nach neuem Lebenssinn sind eine Denkaufgabe. Trauernde versuchen, einzuordnen und zu bewerten, was ihnen zugestoßen ist.
Der Tod eines nahen Menschen und die eigene Reaktion darauf stellt alle bisherigen Grundüberzeugungen in Frage: Stimmt das so noch? Oder muss das jetzt alles noch mal neu interpretiert und geordnet werden? Bin ich das Glückskind, die starke Frau, der gute Mensch, für den ich mich immer gehalten habe? Ist die Welt wirklich gerecht? Habe ich mein Schicksal in der Hand, wie ich immer dachte? Heilt Liebe doch nicht alle Verletzungen und Krankheiten?
Manchmal bestätigt ein Sterben frühere Erfahrungen und tiefe Ängste. Manchmal widerspricht es dem Optimismus, der bisher stets getragen hat.
Die Neubewertung der Vergangenheit färbt den Blick auf die Gegenwart und hat dann auch Auswirkungen auf die Zukunft. Je düsterer und hoffnungsloser die Interpretation des eigenen Lebens in der Vergangenheit ausfällt, desto weniger Freude und Zufriedenheit sind für die Zukunft denkbar. Umgekehrt sind Vergangenheitsdeutungen, die Freude und Leid nebeneinanderstehen lassen können, ein guter Ausgangspunkt für wachsende Lebensfreude.
Zusätzliches Material als Video und Dateidownload finden Sie hier: www.trauerkaleidoskop.de
Begegnungen, die »Trittsteine« auf dem Trauerweg sind
Es gibt drei Halt gebende Rollen, in denen Sie andere Menschen auf Ihrem Trauerweg erleben werden. Das sind:
Unterstützung durch eine »stabile Person«: Die »stabile Person« ist für eine begrenzte Zeit ein »Fels in der Brandung«. Sie steht mitten auf dem Trauerweg und fängt Sie auf, wenn Sie glauben, dass es nicht mehr auszuhalten ist. »Stabile Personen« können gelassen bleiben, egal, wie hoch die Wogen der Emotionen um Sie herum werden. Eine »stabile Person« kann die eigenen Gefühle und Gedanken ruhig halten und als Ruhepol und stützender Arm einfach da sein. Die »stabile Person« kann den Überblick behalten. Auf dem Trauerweg tauchen zu bestimmten Zeitpunkten berufliche Helfer als »stabile Personen« auf, vom Notfallseelsorger bis zur Bestatterin. Auch Freunde und Verwandte können diese Rolle immer wieder für eine kurze Zeit einnehmen. Das ist dann wunderbar, diese Unterstützung von einem vertrauten Menschen zu erfahren. Aber es ist für Freunde und Angehörige mitunter auch eine Überforderung, tage- und wochenlang als »Fels in der Brandung« ohne eigene Tränen und Ängste aufzutreten. Dann ist es gut, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen und die Stabilität von berufsmäßigen Helfern annehmen zu können.
»Praktische UnterstützerInnen«: Die praktischen UnterstützerInnen brauchen Tatkraft, verfügbare Zeit und ein Talent für Alltagsbewältigung. Diese praktischen Unterstützungsleistungen sind konkret und zeitlich begrenzt, sie finden sich in allen Abschnitten direkt neben dem Trauerweg. Praktische Unterstützung kann sein: jemanden anrufen, etwas zu trinken besorgen, jemanden fahren, Informationen einholen und weitergeben, für ein Gespräch zur Verfügung stehen, im Haushalt und Garten helfen, anwesende Kinder beschäftigen und versorgen usw. Praktische Unterstützungsleistungen sind zeitlich begrenzt und beziehen sich auf konkrete Aspekte der veränderten Lebenssituation. Viele verschiedene praktische Unterstützungsleistungen werden im Lauf des Trauerweges an verschiedenen Stellen gebraucht, und es ist gut, dafür viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Talenten ansprechen zu können.
Unterstützung durch »mitmenschliche Normalität«: Diese Unterstützenden sind am Rand des Trauerweges und in der Mitte des Lebensweges zu sehen, sie zeigen Anteilnahme und Rücksicht, aber alles in allem sind sie in einer Normalität verhaftet, die Ihnen selbst vielleicht abhandengekommen ist. Mitmenschliche Unterstützung kann wohltuend sein, weil sie Ihnen hilft, die Teile des Lebens, die nicht zerbrochen oder in Frage gestellt sind, wahrzunehmen.
Begegnungen, die »Stolpersteine« auf dem Trauerweg sind
Es gibt die unterstützenden und tröstenden Menschen auf dem Trauerweg; es gibt aber auch Begegnungen, die zu Stolpersteinen werden. Menschen, die Trauernden ausschließlich mit Angst und Sorge begegnen, werden wie zu einem »Zerrspiegel« in einem Spiegelkabinett. Dort sieht man sich ganz verzerrt – und jede einzelne Verzerrung ist hässlich. Wird man etwa mit übergroßer Sorge angeschaut, nimmt man sich nur in seiner Schwäche wahr und findet kein Echo für die eigene Überlebensfähigkeit. Ähnlich wirken professionelle Helfer, die Trauernden alles aus der Hand nehmen wollen und sie dabei regelrecht entmündigen. Verzerrend wirkt es auch, wenn die Müdigkeit und der Rückzug, die neben vielem anderen zum Trauerprozess gehören, nicht akzeptiert oder vorschnell als Depression interpretiert werden.
Die ersten Stunden
Der Trauerweg beginnt
Mit dem Moment des Sterbens bzw. mit dem Eintreffen einer Todesnachricht beginnt der Trauerweg. Es kann sein, dass Sie vorbereitet auf diesen Weg zugegangen sind, bei längeren Erkrankungen gab es schon viele kleine und große Trauerwege als Reaktion auf die Verluste, die die Erkrankung mit sich gebracht hat. Bei plötzlichen Toden gibt es keinen Übergang, das bisherige Leben endet von einer Sekunde auf die andere. Der Moment des Sterbens ist aber immer etwas Besonderes. Für die Angehörigen und Freunde des sterbenden Menschen bedeutet er: Hier endet die Hoffnung auf ein Wunder. Sterben ist nicht umkehrbar. Der Tod ist end-gültig.
Wahrscheinlich lesen Sie dieses Kapitel erst einige Wochen, nachdem die Todesnachricht Sie erreicht hat. Dann werden Sie sich in manchem wiedererkennen und vielleicht einiges besser verstehen. Die Reaktionen auf das Sterben eines Menschen können sehr unterschiedlich sein, und sie werden von vielen verschiedenen Dingen beeinflusst.
Es gibt Trittsteine, die die ersten Schritte in die veränderte Lebenssituation über sicheren Boden leiten: vorbereitet sein auf das Sterben, genug Zeit und Raum mit dem Sterbenden und Verstorbenen, Handlungsmöglichkeiten und Beteiligtsein, Gemeinschaft, sachkundige Unterstützer.
Es gibt auch Stolpersteine, die das Erleben des Sterbens oder der Todesnachricht wie ein Stolpern oder Stürzen erleben lassen: plötzliche Todesursachen, dramatische Bilder vom Sterben, nicht dabei sein können/dürfen, Alleinsein, Bevormundung, unsichere und einengende Unterstützer.
Darüber hinaus sind Reaktionen auf einen Tod so, wie jemand grundsätzlich mit Gefühlen umgeht und wie er typischerweise in Krisen reagiert.
Zu Beginn des langen Trauerweges sind bereits alle Bereiche des Trauerns präsent: unterschiedlichste Gefühle, die Suche nach Verbundenheit, die Notwendigkeit von Anpassung und sogar das Einordnen in Geschichten. Aber es stehen zu Beginn zwei Facetten im Vordergrund, das sind die Facetten:
Überleben – weil es schier unerträglich sein kann, wenn jemand gestorben ist.Wirklichkeit – weil die direkte Begegnung mit dem Sterben und dem gerade Gestorbenen unseren Sinnen eine besondere Form des Realisierens ermöglicht.Trauerfacette Überleben
Durchhalten – Funktionieren
Diese Facette des Trauerns wird oft übersehen, aber sie hilft, das Verhalten vieler Menschen zu verstehen. Ich habe sie deshalb noch vor die Facette der Wirklichkeit und der Gefühle gesetzt. Wenn jemand stirbt, der uns zwar vertraut war, aber nicht existenziell wichtig für unser Leben, dann reagieren wir: traurig und ungläubig, erschrocken und bestürzt, aber wir können weiter atmen, gehen und denken. Dann können wir gleichzeitig weinen und überlegen, was als Nächstes zu tun ist. So reagieren wir manchmal auch, wenn wir genug Zeit hatten, uns auf diesen Moment vorzubereiten. Aber manchmal ist es auch so, dass es sich anfühlt wie eine lebensbedrohliche Amputation, wenn jemand stirbt, der das eigene Herz fast ganz ausgefüllt hat.
Jetzt geht es darum, wie es gelingt, allein weiterzuleben und nicht mitzusterben. Wie gelingt es, den nächsten Atemzug zu tun? Was unterstützt dabei, weiterleben zu wollen?
Unwillkürliche Schutzreaktionen
Die Trauerfacette »Überleben« wird oft unwillkürlich ausgelöst, wir entscheiden uns nicht dafür, es passiert uns. Denn der Körper hat ein eigenes Überlebensrettungsprogramm; er versetzt Menschen, die eine schwere seelische Erschütterung durchleben, in einen Schockzustand. Dabei werden die Sinnesorgane schärfer, manche Gerüche, Bilder, Geräusche werden extrem intensiv wahrgenommen – aber nur in einem bestimmten Ausschnitt. Es ist wie ein Tunnelblick, der alle Sinne ergreift. Dieser Tunnelblick schützt Sie auf seine eigene Art. Viele Menschen sprechen von dem Gefühl, in Watte gepackt zu sein oder unter einer Art Käseglocke zu stehen. In dieser Schutzhülle wird die Vielfalt der Ereignisse ausgeblendet, und nur die Reize, die man gerade verarbeiten kann, kommen an. Das fühlt sich merkwürdig an, weil es Ruhe ermöglicht, wo man sonst verrückt würde. In dieser Schutzhülle spürt man sich selbst nur unvollständig: Hunger, Durst, Frieren, Müdigkeit und sogar körperliche Schmerzen werden nicht wahrgenommen. Leider trennt der unwillkürliche Schutzmantel auch von anderen Menschen, die mit ihren Gesten und Worten nur unvollständig durch die Hülle hindurchkommen. In den ersten Stunden nach einem erschütternden Erlebnis überwiegt der Nutzen dieses unwillkürlichen Schutzprogramms. Zu Beginn des Trauerweges kann es hilfreich sein, nicht nach rechts und links zu sehen, sondern einfach loszulaufen. Doch je länger »die Käseglocke« andauert, desto unwirklicher wirkt die Welt und desto weniger gelingt der Kontakt zu anderen Menschen.
Zusammenbruch?
Bei anderen Menschen bricht der innere Schutzwall zusammen, wenn die Todesnachricht eintrifft. Die Erkenntnis ist zu groß, sie können buchstäblich nicht ertragen, was passiert ist. Dann verlieren sie die Kontrolle über ihre Gefühle und Reaktionen. Das löst oft Schamgefühle aus, denn niemand möchte in der Gegenwart von anderen Menschen laut weinend zu Boden fallen oder vor Verzweiflung schreien. Für den weiteren Trauerweg ist eine starke emotionale Reaktion aber durchaus hilfreich, die Gefühle brechen auf und aus uns heraus und damit ist der erste Schrecken wie aus uns herausgewaschen. Auch wenn sich das anfühlt, als sei man gleich zu Beginn des Trauerweges in einem See versunken, ist es doch eigentlich wie der laute Schrei, mit dem man vom Zehnmeterbrett springt, um die gesammelte Anspannung loszuwerden. Damit das ein gelungener Sprung wird, ist die Anwesenheit und Unterstützung einer »stabilen Person« hilfreich. Das ist manchmal ein Notfallseelsorger, eine Rettungsassistentin oder eine Krankenschwester, manchmal ist es auch eine gute Freundin oder Angehöriger. »Stabile Personen« sind in dieser Situation Menschen, die nicht mit eigenen Gefühlen beschäftigt sind. Sie behalten den Überblick und können Verantwortung für die übernehmen, die aufgewühlt und verzweifelt sind. Enge Freunde oder Verwandte sind im Moment des Sterbens oder der Todesnachricht selber betroffen, vielleicht nicht so sehr wie Sie selbst, aber sie sind doch auch aufgewühlt und traurig, deshalb können sie nur für eine begrenzte Zeit als »stabile Person« aktiv sein. Dann brauchen sie Gelegenheit, sich um sich selbst und ihre eigenen Gefühle zu kümmern.
Wenig Unterstützung als Stolperstein
Wenn man diese schweren Stunden allein durchlebt oder umgeben ist von Menschen, die man nicht als hilfreich erlebt, dann kann sich eine große Verzweiflung einstellen, die als schweres Gepäck mit auf den weiteren Trauerweg geht. Ein Gefühl von »Es hilft mir ja doch keiner« macht den kommenden Trauerweg noch mühsamer.
Trittsteine
Erinnern Sie sich an die erste Situation nach dem Sterben, in der jemand auftauchte, der mit konkreten Hilfsangeboten als Unterstützer für Sie da war. Überlegen Sie, ob irgendwann auch jemand haltgebend als »stabile Person« dazukam.Suchen Sie in Ihren Erinnerungen nach den Dingen/Eindrücken/Gedanken, an denen Sie sich festgehalten haben, solange niemand da war, der Sie gehalten hat.Versuchen Sie, anderen Menschen auf dem weiteren Trauerweg eine Chance zu geben, bei Ihnen zu sein. Es gibt unterstützende und stabile Helfer für Trauernde, versuchen Sie, sie zu finden!Zusammenreißen
Ist das nicht ein seltsamer Begriff? Eigentlich wird ja immer etwas zer-rissen oder, wie ein altes Wort es nennt, »entzwei-gerissen«. Wir können uns aber tatsächlich auch zusammen-reißen. Vielleicht weil es sich eigentlich so anfühlt, als sei man in zwei oder sogar noch mehr Teile zerrissen. Das zu überleben kann heißen, die Bestandteile des eigenen Selbst wie mit Gewalt zusammenzupressen, so wie ein Druckverband ganz fest auf eine Wunde gedrückt wird. Oder wie eine feste Bandage, die dem Sportler gegen die Verstauchung angelegt wird, damit er noch ein Stück weiterlaufen kann. So reißen wir uns manchmal zusammen, aus Angst, das eigentliche Zerrissen-Sein nicht überleben zu können. Manche Menschen reißen sich ständig zusammen, weil das in ihrer Erziehung ein wichtiger Grundsatz war, und so reagieren sie auch auf eine Todesnachricht mit Zusammenreißen oder, wie es dann auch genannt werden kann, mit »Haltung«.
Ein anderer Grund für das Zusammenreißen ist die Angst, andere mit unserem Gefühlsausbruch zu schockieren oder ihnen sogar Schaden zuzufügen.
Falls Sie sich gleich zu Beginn des Trauerweges so stark zusammengerissen haben, dann haben Sie sich selbst oder andere damit geschützt. Geben Sie sich die Chance, diesen Schutz wieder zurückzunehmen, und trauen Sie den Menschen um sich herum und auch sich selbst zu, Gefühle auszuhalten. Tränen hören immer irgendwann von allein auf! Erlauben Sie sich Unterstützung – wenn Ihre Familie oder FreundInnen überfordert mit Ihrer Klage sind, können Sie in einer Trauergruppe geduldige Mitmenschen finden, die den Schmerz auch aus eigener Erfahrung kennen. Allein die Anwesenheit von mitfühlenden Menschen hilft beim Überleben!
Beobachten Sie sich und suchen Sie auf dem weiteren Trauerweg die Gelegenheiten, an denen Sie den Druckverband lockern und schreien, weinen, klagen können. Es macht das Leben schwer, wenn man noch Jahre nach dem Tod eines nahen Menschen den Schrei in der Kehle fühlt, den man nicht geschrien hat. Oder wenn man sich fürchtet, auch nur eine einzige Träne zu vergießen, aus Angst, dann kämen all die ungeweinten Tränen der Zusammenreißzeit heraus und man könnte nie wieder aufhören zu weinen. (Das ist eine unbegründete Angst – Tränen hören immer irgendwann von allein auf!)
Das Überleben der anderen
Die Facette »Überleben« hat auch noch eine andere Seite als das eigene Überleben: Das ist das Überleben von Menschen, für die Sie Verantwortung tragen. Es kann sein, dass Sie sich mehr um das Überleben von anderen gekümmert haben als um Ihr eigenes. Dann haben Sie Ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse unterdrückt, um jemandem beizustehen, der Ihnen bedürftiger vorkam als Sie selbst. Das können z.B. die eigenen Kinder sein, wenn sie noch kleiner sind und mit dem Tod von Mutter oder Vater konfrontiert sind. Dass Sie selbst gleichzeitig mit dem Tod des Partners bzw. der Partnerin zurechtkommen müssen, kann für Sie in den Hintergrund getreten sein angesichts der Verantwortung für Ihre Kinder. Es kann aber auch andersherum sein, dass Heranwachsende sich für ihre Eltern verantwortlich fühlen. Dann sorgen sie mit »erwachsenem« Verhalten dafür, dass es den Eltern nicht noch schlechter geht.
Vielleicht möchten Sie mit Ihren Angehörigen und Freunden darüber sprechen, wie jeder von ihnen die ersten Stunden erlebt hat: Wie war das bei ihnen – wer hat auf wen Rücksicht genommen? Und wie hat sich das auf Ihre Trauer ausgewirkt, für andere stabil geblieben zu sein oder dass da jemand für Sie stabil blieb? Tauschen Sie bitte »einfach« Ihre Erlebnisse aus und verzichten Sie auf Vorwürfe. Gegenseitiges Verständnis wird Ihnen auf dem bevorstehenden Trauerweg eine große Hilfe sein. (Das Kapitel »Die ersten Stunden« im Buch »Wir leben mit deiner Trauer« könnte eine gute Vorbereitung für ein solches Gespräch sein.)
Übung: Überlebenshilfen
Wenn Sie dieses Kapitel einige Zeit nach dem Sterben des geliebten Menschen lesen, dann ist es Ihnen gelungen, weiter zu leben. Es kann gut tun, sich noch einmal ganz deutlich zu machen, wie das gelungen ist.
