Ich lerne noch. Sorry. - Nina Lernt - E-Book

Ich lerne noch. Sorry. E-Book

Nina Lernt

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Beschreibung

Ich lerne noch. Sorry. ist ein ehrliches Buch über das Gefühl, immer funktionieren zu müssen – und darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst zu erlauben, unperfekt zu sein. Viele von uns sind in einem System gross geworden, in dem Leistung belohnt und Scheitern vermieden wird. Lernen gilt als etwas, das man irgendwann abgeschlossen hat. Wer noch lernt, ist noch nicht so weit. Dieses Denken prägt, oft unbemerkt, unser Selbstbild, unsere Erwartungen an uns selbst und unseren Umgang mit Fehlern. In persönlichen Texten und Reflexionen erzählt Nina Lernt von eigenen Erfahrungen mit Sprache, Leistungsdruck, Mut und dem langsamen Umlernen alter Glaubenssätze. Das Buch lädt dazu ein, die eigene Beziehung zum Lernen, zum Scheitern und zu den eigenen Ansprüchen zu hinterfragen – ohne fertige Rezepte, aber mit viel Ehrlichkeit und Ermutigung. Für alle, die das Gefühl kennen, immer schon weiter sein zu müssen. Und für alle, die sich erlauben wollen, zu sagen: Ich lerne noch.

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Seitenzahl: 70

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ich lerne noch. Sorry.

Ein persönlicher Ratgeber für alle, die im Leistungsdruck gross geworden sind und heute mit dem Scheitern kämpfen

von Nina Lernt

Ein ehrliches Buch über Sprache, Mut, Scheitern und Neuanfänge

Vorwort

Dieses Buch richtet sich an eine Generation, die gelernt hat, zu funktionieren. An Menschen, die in einem System gross geworden sind, in dem Leistung zählt, Anpassungsfähigkeit belohnt wird und Scheitern zwar rhetorisch erlaubt ist, sich aber emotional selten sicher anfühlt. An Millennials, die flexibel, belastbar, gut ausgebildet sind und sich trotzdem erstaunlich oft fragen, warum sich Lernen manchmal immer noch wie ein persönliches Versagen anfühlt.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl, ständig unterwegs zu sein, aber nie wirklich anzukommen. Immer wieder neue Ziele, neue Kontexte, neue Erwartungen. Man ist erwachsen, beruflich kompetent, organisiert seinen Alltag, trifft Entscheidungen und steht trotzdem in manchen Bereichen des Lebens da wie jemand, der den Anschluss verpasst hat. Zu spät angefangen. Nicht dran geblieben. Irgendwann innerlich ausgestiegen. Dieses Buch ist für genau dieses Dazwischengefühl geschrieben.

Was dieses Buch nicht ist: Es ist kein klassischer Ratgeber. Du wirst hier keine Zehn-Schritte-Pläne finden, keine Erfolgsformeln, keine Versprechen, dass du nach der letzten Seite endlich „dein Thema gelöst“ hast. Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um dir zu erklären, wie du dich optimierst, effizienter lernst oder deine Blockaden ein für alle Mal loswirst. Dafür gibt es schon genug Bücher. Und ehrlich gesagt habe ich viele davon selbst gelesen, oft mit dem Gefühl, dass sie kluge Antworten auf Fragen geben, die sich in meinem Alltag ganz anders anfühlen.

Was du hier erwarten darfst, ist etwas anderes. Du darfst erwarten, dich in manchen Gedanken wiederzuerkennen. Du darfst erwarten, an Stellen innerlich zu nicken und an anderen vielleicht leicht genervt zu sein, weil dir ein Gedanke unangenehm vertraut vorkommt. Du darfst erwarten, dass dieses Buch keine Heldengeschichte erzählt, sondern von einem Lernprozess handelt, der holpert, sich verzögert, manchmal Rückschritte macht und trotzdem weitergeht. Es geht um Scham, um Angst, um Leistung, um die merkwürdige Erfahrung, als erwachsene Person wieder Lernende zu sein. Und ja, es geht auch um Momente, in denen das alles so absurd wirkt, dass man eigentlich nur darüber lachen kann, wenn man nicht gerade mitten drin steckt.

Dieses Buch lädt dich nicht ein, endlich „besser“ zu werden. Es lädt dich ein, einen anderen Blick auf das Lernen, auf Scheitern und auf dich selbst zu werfen. Vielleicht findest du darin keine Lösungen im klassischen Sinn. Vielleicht findest du dafür etwas, das oft fehlt: das Gefühl, mit diesen inneren Kämpfen nicht allein zu sein. Wenn dieses Buch dir an der einen oder anderen Stelle ein kleines inneres „Ah, okay, so geht es also nicht nur mir“ entlockt, dann hat es bereits erfüllt, wofür es geschrieben wurde.

Teil I – Woher das alles kommt

Der Satz, den ich mir nie erlaubt habe

Es gibt Sätze, die man lange nicht ausspricht, weil sie sich falsch anfühlen. Nicht falsch im Sinne von unwahr, sondern falsch im Sinne von unpassend zur eigenen Identität. „Ich lerne noch“ war für mich lange so ein Satz. Er klang nach Unfertigkeit. Nach etwas, das man als Erwachsene eigentlich hinter sich lassen sollte. Lernen, so dachte ich, ist etwas, das man erledigt, um danach kompetent zu sein. Wer noch lernt, ist noch nicht so weit. Dieses Denken hatte sich tief in mir verankert, ohne dass ich es je bewusst hinterfragt hätte.

Ich habe mich immer über Leistung definiert. Nicht im Sinne von Perfektionismus, sondern im Sinne von Funktionieren. Ich bin jemand, der Dinge anpackt, der Verantwortung übernimmt, der Lösungen sucht. In vielen Bereichen meines Lebens habe ich mir früh bewiesen, dass ich komplexe Zusammenhänge verstehen kann. Dass ich mich schnell einarbeiten kann. Dass ich auch unter Druck handlungsfähig bleibe. Dieses Selbstbild hat mir Halt gegeben. Es hat mir Sicherheit vermittelt. Gleichzeitig hat es wenig Raum gelassen für Unfertigkeit. Für das offene Eingeständnis, etwas noch nicht zu können.

„Ich lerne noch“ hätte in diesem Selbstbild wie eine Schwäche geklungen. Wie ein Eingeständnis, nicht so weit zu sein, wie ich es von mir erwarte. Ich habe mir diesen Satz lange nicht erlaubt, weil ich Angst hatte, damit an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Vor anderen, aber auch vor mir selbst. Lernen war für mich immer an Fortschritt gekoppelt, an sichtbare Entwicklung, an das Gefühl, auf der richtigen Seite der Kompetenz zu stehen. Nicht zu können war ein Übergangszustand, kein Ort, an dem man verweilt.

Heute beginne ich, diesen Satz anders zu hören. „Ich lerne noch“ beschreibt keinen Mangel, sondern einen Zustand. Er sagt nichts darüber aus, wie weit jemand ist, sondern nur, dass jemand unterwegs ist. Diese Perspektive ist für mich neu. Sie widerspricht einem Leistungsverständnis, das Lernen als Mittel zum Zweck betrachtet. Lernen, um eine Prüfung zu bestehen. Lernen, um eine Stelle zu bekommen. Lernen, um Erwartungen zu erfüllen. In all diesen Kontexten ist Lernen etwas, das möglichst schnell abgeschlossen werden soll. Der Satz „Ich lerne noch“ stört diese Logik. Er verweigert sich der Idee, dass Lernen irgendwann erledigt ist.

Dieser Satz fordert auch mein Selbstbild heraus. Er zwingt mich, mich nicht nur als kompetente Person zu sehen, sondern auch als Lernende. Als jemand, der nicht fertig ist. Diese Gleichzeitigkeit auszuhalten, fällt mir nicht leicht. In vielen Situationen möchte ich souverän wirken. Ich möchte Dinge im Griff haben. Lernen fühlt sich in diesem Kontext wie ein Schritt zurück an. Und doch merke ich, dass genau diese Haltung mir in bestimmten Bereichen den Zugang versperrt hat. Solange ich mir selbst nur erlaube, kompetent zu sein, erlaube ich mir nicht, sichtbar unsicher zu sein. Und Unsicherheit ist ein notwendiger Bestandteil von Lernen.

Dieses Buch entsteht aus diesem Spannungsfeld heraus. Aus dem Versuch, mir einen Satz zu erlauben, der lange nicht zu meinem Selbstbild gepasst hat. „Ich lerne noch“ ist kein Mantra. Es ist keine beruhigende Selbstsuggestion. Es ist eine nüchterne Beschreibung eines Zustands, den ich mir erst zugestehen musste. Ich lerne noch, weil ich in bestimmten Bereichen meines Lebens nie aufgehört habe, mir selbst beweisen zu wollen, dass ich es kann. Und weil ich erst langsam beginne zu akzeptieren, dass Lernen kein Beweis für Unfähigkeit ist, sondern ein Zeichen von Bewegung.

Vielleicht ist dieser Satz auch eine Einladung. Nicht nur an mich selbst, sondern an alle, die sich schwer tun, Unfertigkeit zuzulassen. An alle, die sich über Kompetenz definieren und dabei vergessen, dass Kompetenz nicht das Gegenteil von Lernen ist, sondern dessen Ergebnis. Ich weiss nicht, wohin mich dieser Prozess führen wird. Ich weiss nur, dass ich mir diesen Satz heute eher erlauben kann als früher. Nicht, weil ich weiter bin. Sondern weil ich begriffen habe, dass Weitersein kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann für sich verbucht. Lernen hört nicht auf. Und vielleicht ist es genau das, was diesen Satz so unbequem und gleichzeitig so befreiend macht.

Französisch, Tränen und der Beginn eines Problems

Ich war elf, als ich zum ersten Mal wegen Französisch weinte. Nicht, weil ich die Hausaufgaben vergessen hatte oder weil ich keine Lust gehabt hätte zu lernen, sondern weil ich schlicht nicht verstand, was von mir erwartet wurde. Zwei oder drei Lektionen hatten gereicht, bis dieses vertraute, enge Gefühl im Bauch auftauchte, das ich bis heute kenne. Dieses Gefühl, an etwas zu scheitern, das für andere offensichtlich machbar ist. Damals war ich sonst gut in der Schule. Ich war schnell, analytisch, ehrgeizig. Genau deshalb fühlte sich dieses erste Nichtverstehen nicht wie ein normales Lernproblem an, sondern wie ein persönlicher Makel.

In der Schweiz beginnt der Französischunterricht früh. Bei uns war es die fünfte Klasse. Unsere Lehrerin kam frisch von der Ausbildung, selbst Deutschschweizerin, jung und sichtbar unsicher. Erst viel später habe ich verstanden, dass auch sie Mühe mit Französisch hatte. In kleineren Schulen ist es normal, dass Lehrpersonen mehrere Fächer unterrichten, auch solche, die nicht ihrer Stärke entsprechen. Damals war mir das nicht bewusst. Ich sah nur eine Erwachsene, die selbst keine natürliche Beziehung zu dieser Sprache hatte. Der Unterricht fand grösstenteils auf Deutsch statt. Französisch war kein Klang, kein Rhythmus, kein Gefühl. Es war ein Schulfach. Ein Konstrukt.

Wir hörten künstliche Dialoge von Kassetten, die mit echtem Sprechen nichts zu tun hatten. Wir arbeiteten mit Wörterbüchern, unterstrichen Vokabeln, lernten isolierte Wörter. Es gab kein echtes Hörverstehen, kein Eintauchen in eine Sprache. Französisch war etwas, das man lösen musste, nicht etwas, das man erleben konnte. Für mich fühlte es sich von Beginn an fremd an. Nicht fremd im Sinne von interessant oder neu, sondern fremd im Sinne von unzugänglich.