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Vor einigen Jahren hatte ich mir das Ziel gesetzt, einen lange gehegten Traum endlich wahr werden zu lassen. Ich wollte nach Santiago de Compostela pilgern. In diesem Buch erzähle ich von meinen Erlebnissen, meinen Begegnungen und den Hindernissen, die ich beim Pilgern überwinden musste. Gestartet bin ich mit einem Rucksack an der eigenen Haustür, doch den Plan, die ganze Strecke bis nach Santiago de Compostela zu pilgern, musste ich aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Vier Jahre nach dem Start nahm ich endlich den letzten Abschnitt, den Camino Francés in Angriff. In Saint-Jean-Pied-de-Port schnallte ich meine geliebte Pilgerkarre an und erreichte nach 35 Tagen endlich mein Sehnsuchtsziel. Trotz mancher Probleme verlor ich auf meinem Camino niemals den Mut. Es fand sich immer eine Lösung, denn ich folgte stets meinem Motto: Ich schaffe das!
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Ich möchte Allen danken, die mich auf meinem Jakobsweg nach Santiago de Compostele mit einigen Tiefpunkten und vielen Höhenpunkten unterstützt haben.
Wann ich die Saat „Jakobsweg“ ausgebracht habe, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Diesen Wunsch muss ich schon lange in mir getragen haben. Ich bin ein Bewegungsmensch. Schon immer war ich draußen in der Natur und bin viel gelaufen. Zwischen meinem 23 bis 33 Lebensjahr hatte ich sogar intensiv Langlauf betrieben. Drei bis vier Mal in der Woche wurde trainiert, am Wochenende gab es die Wettkämpfe und im Urlaub war Bergwandern angesagt.
Irgendwann als ich die 50 überschritten hatte musste ich wohl mal etwas vom Jakobsweg gehört haben und ein Gedanke reifte in mir: “Der Jakobsweg wäre ja etwas für dich!“
Diese Saat wurde dann immer wieder gegossen, in dem ich entsprechende Bücher las. In dieser Zeit erschien wohl auch das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“, dass ich natürlich mit Genuss gelesen habe. Aber noch mehr hat mich das Buch von Tim Moore „Zwei Esel auf dem Jakobsweg“ fasziniert. Hier wird einfühlsam beschrieben, wie man mit nicht vorhersehbaren Problemen fertig wird und wie sich ein Mensch in Laufe seines Pilgerns ändert, wie sich seine bisherigen Prioritäten ändern. Ich verschlang weitere Bücher, sowie zum Thema passende Filme und wenn in der näheren Umgebung ein Vortrag über den Jakobsweg gehalten wurde, war ich natürlich einer der Zuhörer.
Folgendes vorweg: In meinen zwanziger Jahren hatte ich zwei Mal Sri Lanka besucht, und zwar als Backpacker. Lediglich mit einer größeren Umhängetasche bepackt, in der meine Spiegelreflexkamera sowie die mitgeführten Dia Filme den meisten Platz einnahmen, erkundete ich das Land. Das war damals eine tolle Zeit. Am meisten hatten mich die Einheimischen beeindruckt; immer ein Lächeln auf den Lippen; immer hilfsbereit, obwohl sie zu den Armen dieser Welt gehören. Des Weiteren lernte ich den Buddhismus und seine Lebensphilosophie kennen.
Das nächste was zu den Auslösern der Erscheinung gehört, ist ein Zeitungsbericht vom April 2008. In diesem wurde berichtet, dass der Jakobsweg durch Westfalen von Osnabrück nach Wuppertal-Beyenburg am 07.April 2008 eröffnet wurde und somit ausgeschildert sei.
Einige Tage nach dem Lesen dieses Zeitungsberichtes, bin ich an einem Nachmittag zu meinen Trainigslauf gestartet. Es war gutes Langlaufwetter, nicht zu warm, nicht zu kalt, so dass ich beschloss heute mal wieder einen längeren Lauf zu machen. Die Strecke führte durch den Dortmunder Süden nach Herdecke und längs der Ruhr zurück nach Schwerte. Als ich dann nach circa 18 Kilometern zur DLRG-Station am Hengsteysee kam, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben die „Gelbe Muschel auf blauen Grund“, das Pilgerzeichen des Jakobsweges. Der Jakobsweg kam von Hohensyburg herunter und führte dann längs der Ruhr nach Herdecke. Ich überlegte mir: „Günter, jetzt könntest du zum erstem Mal ein Teilstück des Jakobsweges laufen!“ Dies bedeutete zwar eine Verlängerung der geplanten Laufstrecke und zusätzliche ca. 120 Höhenmeter, aber ich hatte ein gutes Gefühl. „Das schaffst du schon“. Gesagt und getan.
Nun muss man wissen, dass der Wanderweg in Serpentinen zur Hohensyburg hinauf führt. Mal geht es 30 Meter geradeaus, dann folgt eine scharfe Kurve von 350 Grad und wieder folgt ein gerades Stück bis zur nächsten scharfen Kurve.
Ich hatte meine ersten ca. 500 Meter des Jakobswegs hinter mir und bog gerade wieder mit leichtem Tempo um eine Kurve, da sah ich ihn.
In einem safrangelben, langen Mönchsgewand, eine große Umhängetasche tragend, mit Pilgerstock und obligatorischen Flip-Flops an den Füßen, kam ein buddhistischer Pilgermönch auf mich zu und schenkte mir ein breites Lächeln.
Ich lief an ihm vorbei und konnte zuerst gar nicht realisieren, was ich gesehen hatte. Erst an der nächsten Kurve blieb ich stehen und sah zurück.
Kein Mönch war mehr zu sehen. Ich war total verwirrt. War das jetzt eine Erscheinung? Hatte ich den Mönch wirklich gesehen? War ich durch meinen doch etwas langen Lauf bereits in einem solch euphorischen Zustand, dass ich schon Halluzinationen hatte? Ich weiß es bis heute nicht. Eines jedoch wurde mir in diesem Moment bewusst: „Du wirst den Jakobsweg machen, du musst nach Santiago de Compostela gehen, egal was auch passiert!“
Ich beschloss, meinen Jakobsweg von zu Hause aus zu starten - natürlich nicht in einem Rutsch. Das mochte ich meiner Familie nicht antun, denn in Anbetracht meines Alters würde ich für die ca. 2500 km bis Santiago de Compostela mehrere Monate brauchen. Deshalb nahm ich mir vor, die Gesamtstrecke zu dritteln. Die erste Etappe sollte mich von zu Hause bis nach Vézelay führen (888 km). Dann wollte ich nach Hause zurückkehren, um im nächsten Jahr nach Vézelay zurückzukehren und den Mittelteil durch Frankreich bis Saint-Jean-Pied-de-Port in Angriff zu nehmen. Im dritten Jahr sollte mich dann der Camino Francés zum Ziel führen. Anders als bei den Pilgern im Mittelalter sollte mich am Endpunkt ein Flieger wieder nach Hause bringen. So war mein ehrgeiziger Plan.
Nachdem ich Anfang des Jahre 2013 in die passive Altersteilzeit gegangen war, wollte ich endlich meinen Traum verwirklichen und begann mit den Vorbereitungen. Entsprechend den veröffentlichen Packlisten wurden Schuhe, Rucksack, usw. eingekauft. Den Rucksack packte ich mit dem empfohlenen Gewicht von 7 kg und startete euphorisch die ersten Wanderungen, die ich mit der Zeit immer weiter ausdehnte. Teilweise maßen die Strecken 35 km und ich hatte immer ein gutes Gefühl dabei. Der Rucksack störte überhaupt nicht und die Füße blieben blasenfrei.
Dann kam der erste Dämpfer!!!!
Im Februar 2014 hatte ich einen Bandscheibenvorfall. Nach nur 100 Meter laufen hatte ich solche Nervenschmerzen in den Beinen, dass an ein Weitergehen nicht mehr zu denken war. Mit Krankengymnastik, Akupunktur und Bestrahlungen kämpfte ich gegen die Schmerzen an.
Mein Lauftraining musste ich natürlich auch in der Folgezeit aufgeben, denn das ist ja eigentlich ein fortlaufendes Springen, was die Bandscheiben besonders stark beansprucht. Dafür bin ich mehr Fahrrad gefahren und habe mit dem schnellen Wandern angefangen. Beim Wandern bleibt ja immer ein Fuß auf dem Boden und somit werden die Bandscheiben weniger belastet.
Als ich merkte, dass es wieder aufwärts geht, machte ich eine Testwanderung mit einem 10 kg Rucksack, der mir keinerlei Probleme bescherte, so dass ich endlich den Startzeitpunkt meines Pilgerweges festlegen konnte. Im Frühsommer würde ich mit der ersten Etappe starten.
Teil Eins meines Pilgerweges
Jetzt geht es endlich los!
Freitag, den 06. Juni 2014 von zu Hause nach Gevelsberg
Samstag, den 07. Juni 2014 von Gevelsberg nach Remscheid-Lennep
Sonntag, den 08.Juni 2014 von Lennep nach Altenberg
Montag, den 09.Juni 2014 von Altenberg nach Köln
Dienstag, 10.Juni 2014 von Köln nach Brühl-Walberberg
Mittwoch, 11.Juni 2014 von Brühl-Walberberg nach Euskirchen
Donnerstag, 12.Juni 2014 von Euskirchen nach Bad Münstereifel
Freitag, 13. Juni 2014 von Bad Münstereifel nach Blankenheim
Samstag, 14.Juni 2014 von Blankenheim nach Kronenburg
Sonntag, 15.Juni 2014 von Kronenburg nach Prüm
Montag, 16.Juni 2014 von Prüm nach Waxweiler
Dienstag, 17.Juni 2014 von Waxweiler nach Mettendorf
Mittwoch, 18.Juni 2014 von Mettendorf nach Echternach
Donnerstag, 19.Juni 2014 von Echternach nach Welschbillig
Freitag, 20.Juni 2014 von Welschbillig nach Trier mit dem Bus
Teil Zwei meines Pilgerweges
Donnerstag, 09.April 2015 Anreise nach Trier
Freitag, 10. April 2015 von Trier nach Mannebach
Samstag, 11. April 2015 von Mannebach nach Perl
Sonntag, 12. April 2015 von Perl nach Kédange-sur-Canner
Montag, 13. April 2015 von Kédange-sur-Canner nach Metz
Dienstag, 14. April Metz
Mittwoch, 15. April 2015 von Metz nach Pont-á-Mousson
Donnerstag, 16. April 2015 Rückkehr nach Hause
Neustart
Teil Drei meines Pilgerweges
Montag, 16. April 2018 Anreise nach Saint-Jean-Pied-de-Port
Dienstag, 17.April 2018 von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles
Mittwoch, 18. April 2018 von Roncesvalles nach Larrasoana
Donnerstag, 19. April 2018 von Larrasoana nach Pamplona
Freitag, 20. April 2018 von Pamplona nach Maneru
Samstag, 21.April 2018 von Maneru nach Villamayor de Monjardin
Sonntag, 22. April 2018 von Villamayor de Monjardin nach Viana
Montag, 23. April 2018 von Viana nach Ventosa
Dienstag, 24.April 2018 von Ventosa nach Santo Domingo de la Calzada
Mittwoch, 25.April 2018 von Santo Domingo de la Calzada nach Tosantos
Donnerstag, 26. April 2018 von Tusantos nach Ages
Freitag, 27. April 2018 von Ages nach Burgos
Samstag, 28. April 2018 von Burgos nach Hontanas
Sonntag, 29.April 2018 von Hontanas nach Boadilla del Camino
Montag, 30.April 2018 von Boadilla del Camino nach Carrion de los Condes
Dienstag, 1. Mai 2018 von Carrion de los Condes nach Ledigos
Mittwoch, 2.Mai 2018 von Ledigos nach Bercianos del Real Camino
Donnerstag, 3. Mai 2018 von Bercianos del Real Camino nach Mansilla de las Mulas
Freitag, 4. Mai 2018 von Mansilla de las Mulas nach Leon
Samstag, 5. Mai 2018 von Leon nach Villar de Mazarife
Sonntag, 6. Mai 2018 von Villar de Mazarife nach Astorga
Montag, 7. Mai 2018 von Astorga nach Foncebadon
Dienstag, 8. Mai 2018 von Foncebadon nach Molinaseca
Mittwoch, 9. Mai 2018 von Molinaseca nach Cacabelos
Donnerstag, 10. Mai 2018 von Cacabelos nach Trabadelo
Freitag, 11. Mai 2018 von Trabadelo nach Laguna de Castilla
Samstag, 12. Mai 2018 von Laguna de Castilla nach Triacastela
Sonntag, 13. Mai 2018 von Triacastela nach Sarria
Montag, 14. Mai 2018 von Sarria nach Mercadoiro
Dienstag, 15. Mai 2018 von Mercadoiro nach Gonzar
Mittwoch, 16. Mai 2018 von Gonzar nach Palas de Rei
Donnerstag, 17. Mai 2018 von Palas de Rei nach Melide
Freitag, 18. Mai 2018 von Melide nach Arzua
Samstag, 19. Mai 2018 von Arzua nach Pedrouzo
Sonntag, 20. Mai 2018 von Pedrouzo nach San Marco
Montag, 21. Mai 2018 von San Marco nach Santiago de Compostela
Ich habe es geschafft
Dienstag, 22. Mai 2018 Santiago de Compostela
Mittwoch, 23. Mai 2018 Santiago de Compostela
Donnerstag, 24. Mai 2018 Rückreise
Mein Fazit
Adams‘ Peak 5200 Stufen
Anhang
Pilgersäule in Herdecke
Am Sonntag, den 1.Juni 2014 bin ich morgens um 8:00 Uhr von zu Hause nach Syburg gestartet, denn ich wollte gerne an der Messe in St. Peter teilnehmen und im Anschluss meinen ersten Pilgerstempel erhalten. Danach bin ich zunächst wieder nach Hause zurückgekehrt.
28,0 km
Heute Morgen mache ich um 7:30 Uhr meine ersten Schritte auf dem Jakobsweg. Ich bin nicht allein, denn während der ersten Kilometer begleitet mich meine Frau, auf dass der Abschied von mir langsam vonstattengehe.
Zuerst geht es bergauf Richtung Hohensyburg, dann wieder runter zum Hengsteysee und längs diesem nach Herdecke. Dieser Weg ist uns beiden wohlbekannt. Ich bin den schon oft gelaufen und wir beide sind diesen Weg auch häufig mit dem Fahrrad gefahren, so dass genügend Zeit bleibt, sich voneinander zu verabschieden. In einem Herdecker Café haben wir unser vorläufig letztes gemeinsames Frühstück genossen.
Jetzt ist es endlich so weit, eine letzte Umarmung und ich gehe strammen Schrittes über die Ruhrbrücke Richtung Hagen. Ich drehe mich nicht mehr um. Jetzt bin ich allein auf meinem Jakobsweg und mit meinen Gedanken.
Einen Vorgeschmack auf das, was mich noch so alles erwartet, bekomme ich gleich auf den ersten Kilometern. Es geht sofort bergauf zum Kaisberg, dann wieder hinab nach Vorhalle und nachdem der Vorort von Hagen durchschritten ist, wieder hinauf zum Tücking. Es ist ein heißer Tag, die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel und die ersten Schweißtropfen bilden sich auf meiner Stirn. Um die Mittagszeit komme ich in Haspe an und begehe den ersten Fehler auf meinem Jakobsweg.
Ich komme an einem Café vorbei und obwohl ich keinen großen Hunger habe, kehre ich ein und bestelle mir einen Schokoladenstriezel und eine kalte Limonade. Hätte ich es doch gelassen!
Nach dieser Mahlzeit geht es zunächst frohen Mutes weiter. Doch schon nach einer knappen Stunde fängt es in meinem Magen fürchterlich an zu rumoren. Mir ist schlecht. Obendrein brennt die Sonne auch weiterhin auf mich herab, so dass ich beschließe, den Wanderweg zu verlassen und den kürzesten Weg nach Gevelsberg, also längs der B7 zu gehen. Bereits nach kurzer Strecke muss ich eine Pause einlegen. An einer Bushaltestelle lasse ich mich auf den Sitz fallen, um einen Moment zu verschnaufen. Ein verführerischer Gedanke keimt in mir: „Ich könnte ja jetzt mit dem Bus nach Gevelsberg fahren!“ „Nein, Nein, Nein! Du willst zu Fuß nach Santiago de Compostela gehen und nicht schon am ersten Tag ein Weichei sein!“ Also schnüre meinen Rucksack, stehe wieder auf und weiter geht’s. Ich schaffe es gerademal bis zur nächsten oder übernächsten Bushaltestelle. Erschöpft sacke ich wieder auf die Bank, da fährt auch schon der Bus die Haltestelle an und öffnet einladend vor mir die Tür. Nach kurzem Zögern, und schon sitze ich drinnen.
In Gevelsberg finde ich nach kurzer Sucherei meine erste Unterkunft, das Hotel Alte Redaktion. Dieses Hotel gewährt Pilgern einen Rabatt auf den Zimmerpreis. Sogar ein Pilgerstempel und ein Pilgerbuch sind vorhanden. Ich studiere es beim Abendessen und verewige mich mit meinem ersten Pilgerspruch darin.
Nach dem ersten Bier und dem guten Essen geht es mir schon wieder viel besser.
Mit etwas gemischten Gefühlen gehe ich an diesem ersten Abend meiner Pilgertour zu Bett. Diese Niederlage gleich zu Beginn wurmt mich schon sehr. Was für ein Tag.
24,5 km
Nach einem reichhaltigen Frühstück starte ich um 8:30 Uhr zu meiner zweiten Etappe. Meine ersten morgendlichen Gedanken kreisen natürlich um die Frage: „Wie schaffe ich die heutige Etappe? Werde ich diese wieder abbrechen?“ Denn es geht sofort steil bergauf Richtung Schwelm. An einer Kreuzung verliere ich die Orientierung. Kein Zeichen ist zu sehen. Na gut, dann also weiter geradeaus. Nach ca. 200 m höre ich hinter mir lautes Gehupe. Ein Autofahrer, der offenbar die Jakobsmuschel auf meinem Rucksack gesehen hat, schickt mich zurück zur Kreuzung um dort nach rechts zu gehen. Und siehe da, schon entdecke ich wieder das Pilgerwanderzeichen. Ich bin also wieder auf dem richtigen Weg. Die Jakobsmuschel am Rucksack ist wahrhaftig ein unverzichtbares Hilfsmittel auf meinem Pilgerweg. Also immer schön sichtbar tragen.
Apropos, meine Pilgermuschel ist kein billiges Plastikzeug, sondern die Schale einer echten Jakobsmuschel, die ich mal von einem Urlaub in der Bretagne mitgebracht habe.
Kurz vor Schwelm erreiche ich Haus Martfeld, ein früheres Rittergut, in dem seit 1962 das Heimatmuseum Schwelm seine Ausstellungsstücke zeigt. Der älteste Teil von Haus Martfeld ist der Rundturm, den man auf Mitte des 15. Jahrhunderts datiert. Schwelm bezeichnet man auch als Grenzstadt zwischen Westfalen und dem Rheinland. Nach einem stetigen bergauf und bergab erreiche ich um 14:00 Uhr Wuppertal-Beyenburg.
Seit dem 14. Jahrhundert war die Beyenburger Brücke über die Wupper ein wichtiger Zollpunkt und Bestandteil des Heerwegs von Köln nach Dortmund. Auch Jakobspilger nutzten die Heerstraße auf ihrer Reise nach Santiago de Compostela und freuten sich, dass man in Beyenburg im Kloster Steinhaus Rast machen konnte. Auch ich versuche hier eine Rast einzulegen, aber keine Menschenseele ist zu sehen und jede Tür an der ich rüttle, ist verschlossen.
Das Kloster Steinhaus wurde 1298 als Kreuzherrenkloster gegründet, das im Zuge der Säkularisation 1804 aufgegeben wurde. Ein großer Teil der Klostergebäude wurde danach abgerissen. Seit 1964 haben die Kreuzherren das Kloster Steinhaus wieder bezogen. Kloster Steinhaus ist heute das einzige Kreuzherrenkloster in Deutschland.
An einem Bootshaus am Beyenburger Stausee lege ich eine Pause ein und stärke mich erstmal, denn danach geht es noch mal steil bergauf. Der Jakobsweg steuert jetzt über Oberdahl, Spieckern, Frielinghausen und Schreverheide den Remscheider Stadtteil Lennep an, mein heutiges Tagesziel. Hier im Ortszentrum suche ich zunächst einen Drogeriemarkt auf, um noch eine Tube Sonnencreme zu kaufen. Auch in meinem heutigen Hotel, dem Berliner Hof, erhalte ich auf meine Übernachtungskosten einen Pilgerrabatt.
25,5 km
Heute bin ich etwas später gestartet. Nachdem ich die Ortslage von Lennep durchwandert habe, geht es weiter Richtung Süden bis zur Eschbachtalsperre. Die Eschbachtalsperre ist die älteste Trinkwassertalsperre in Deutschland und zugleich das Erstlingswerk von Talsperren-Professor Otto Intze. Um 11:30 Uhr erreiche ich Wermelskirchen. Für die Durchquerung dieses etwas eintönige Stückchen des Weges brauche ich fast eine ganze Stunde, aber es soll ja besser werden.
Um die Mittagszeit lege ich eine kleine Pause in einem Biergarten ein. Ich bin der einzige Gast und als die Wirtin meinen Rucksack mit der Muschel sieht, outet sie sich ebenfalls als Pilgerin. Jetzt dauert meine Rast natürlich etwas länger. Es entwickelt sich ein intensiver Informationsaustausch mit: Wann (vor zwei Jahren), wie lang (von Leon nach Santiago de Compostela), wie lange … und so weiter und so fort. Ich beschwere mich darüber, dass ich heute erst eine ziemlich langweilige Strecke hinter mich gebracht habe, doch sie muntert mich auf: „Ab hier erwartet Sie ein toller Wanderweg!“ Sie soll Recht behalten, denn jetzt folgt der Jakobsweg dem Eifgenbach. Ich werde mit einem freundlichen „Buen Camino“ verabschiedet.
Das Eifgenbachtal und viele kleine Seitentäler sind seit 2004 auf einer Fläche von 351 ha als Naturschutzgebiet Eifgenbachtal ausgewiesen. Das Tal ist quasi in seiner gesamten Länge unbebaut und der Eifgenbach windet sich malerisch und naturbelassen durch die binsenreichen Feuchtwiesen. Schmetterlinge und Libellen, Mönchsgrasmücke und Zaunkönig, Wasseramsel und ab und zu ein Eisvogel können bei der Wanderung durchaus den Weg kreuzen.
Bergermühle, Neuemühle und Rausmühle sind kleine Gehöfte entlang des Bachtales, die teilweise auch gastronomisch bewirtschaftet werden. Ab und an ein kleines Quersträßchen – ansonsten gibt’s hier auf knapp 20km nur Natur.
Es ist Sonntagnachmittag und auf dem Wanderweg herrscht reichlich Betrieb. Viele Spaziergänger sind unterwegs und ich werde zwei Mal als Pilger erkannt. Auch hier ruft man mir ein „Buen Camino“ hinterher.
Um 17:00 Uhr erreiche ich mein heutiges Tagesziel, den Altenberger Dom. Mein Hotel liegt direkt neben dem Bauwerk. Es ist wohl etwas nobel und teuer (aber es gibt auch hier einen Pilgerrabatt auf den Übernachtungspreis), doch ich will mir in Ruhe den Dom anschauen, und ich kann sagen, ich werde nicht enttäuscht.
Der Altenberger Dom, die wohl bekanntesten Kirche im Bergischen Land, entstand als Klosterkirche im 13. Jahrhundert. Über viele Jahrhunderte war der Altenberger Dom die Grablege der Grafen und Herzöge von Berg. Das 1397 gefertigte Westfenster gilt mit einer Fläche von 162qm als größtes gotisches Kirchenfenster nördlich der Alpen.
Jetzt bin ich drei Tage unterwegs und ich fühle mich pudelwohl. Die Sonne begleitet mich noch immer, und um die Mittagszeit ist es fast zu heiß zum Wandern, doch das Wichtigste ist: „Der Rücken hält!“ Ich habe keine Rückenschmerzen und der Rucksack ist eigentlich keine Last.
Im Biergarten meiner heutigen Unterkunft, dem Hotel Altenberg, esse ich seit langem mal wieder Dicke Bohnen, die ich mit einigen Kölsch herunter spüle. Lecker!
22,0 km
Nach einem leckeren Frühstück (Müsli mit frischem Obst) starte ich um 8:00 Uhr Richtung Köln. Es soll heute richtig heiß werden, was am Abend die entsprechenden Auswirkungen haben soll – mit Gewittern ist also zu rechnen.
Ich folge dem westfälischen Jakobsweg durch das Dhünntal flussabwärts und erreiche nach einiger Zeit Odenthal. Bei einer Pause sehe ich auf einmal zwei Wanderer mit großen Rucksäcken auf mich zu kommen. Ich spreche die beiden an und frage, ob sie auch auf dem Jakobsweg seien. Die kurze Antwort: “Na klar!“ und schon marschieren sie weiter. Die haben es offenbar eilig!
Ich schnalle den Rucksack dann auch wieder auf und weiter geht’s. Die beiden Pilger hole ich schnell ein, und jetzt erfahre ich auch etwas mehr. Ihr Tagesziel ist natürlich auch Köln. Ihren Jakobsweg hätten sie in der Nähe von Osnabrück gestartet und ihr diesjähriges Ziel solle Trier sein. Sie haben leider nicht meinen Schritt und so verabschieden wir uns mit einem beidseitigen „Buen Camino.“
In der katholische Pfarrkirche Herz Jesu in Schildgen hole ich mir einen Stempel ab. Bald darauf erreiche ich den Dhünnwalder Wald und das kleine Naturschutzgebiet Hoppersheider Bruch. Der Dhünnwalder Wald ist einer der letzten erhaltenen Teile der Bergischen Heideterrassen und gehört zu großen Teilen bereits zum Stadtgebiet von Köln. Durch ein dichtes Blätterdach geschützt vor der Sonne, genieße ich meine morgendliche Wanderung.
Um 12:00 Uhr erreiche ich Dünnwald, wo nun eine gewisse Quälerei beginnt. Kilometerlang folge ich einer Straße, die schnurstracks geradeaus führt. Ein schattiges Blätterdach, das vor der erbarmungslos brennenden Sonne schützt, ist hier natürlich Fehlanzeige. Dafür rauschen neben mir zahllose Autos vorbei. Aber sowas gehört auch zum Camino.
Als ich dann Mülheim, eines der bevölkerungsreichsten Stadtteile von Köln erreiche, sehe ich auf einmal an jeder Straßenecke ein Polizeiauto und auf einem Platz sogar einen Großraumtransporter für die Hundertschaften der Polizei stehen.
„Was ist denn hier los?“, sind meine ersten Gedanken: „All dies für mich? Als Empfang für einen einsamen Pilger?“ Ich erkundige mich und schnell ist klar, das gilt nicht mir, sondern dem Bundespräsidenten, denn heute ist die 10-jährige Gedenkfeier für das Bombenattentat in der Keupstraße.
