Ich und Dieter nach Afrika - Wolfgang Manfred Epple - E-Book

Ich und Dieter nach Afrika E-Book

Wolfgang Manfred Epple

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Beschreibung

Kurt und Dieter, seit 24 Jahren Schichtarbeiter in einer Chemiefabrik, haben mit ihren Spritköppen auf Nachtschicht Mist gebaut: eine Explosion wird gerade noch verhindert. Um der drohenden Bestrafung zu entgehen, beschließen sie Hals über Kopf abzuhauen. Sie schwingen sich auf ihre Mofas und machen sich auf die Flucht - Ziel: Irgendwohin - mit sozusagen null Ahnung, aber man wird ja irgendwie sehen. Ziemlich blauäugig schlittern die Kumpels in ein durchgeknalltes Abenteuer, das sie bis Namibia führt. Die beiden erleben den Trip nicht nur als eine Odyssee durchs Tollhaus bevölkert von radikalen Idealisten und Rebellen, sondern sie erfahren auch Gastfreundschaft an unerwarteten Orten, sowie grandiose Landschaften und Naturphänomene. Mit mehr Glück als Verstand, aber auch aus Verzweiflung geborene Bauernschläue und Findigkeit, meistern sie Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Krankheit und alle Hindernisse. Nur knapp dem Tod von der Schippe gehüpft, erreichen sie Swakopmund. Also: Ende gut - alles gut?

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Seitenzahl: 605

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Impressum

Ich und Dieter nach Afrika - Ein durchgeknalltes Reiseabenteuer

Wolfgang Manfred Epple

Copyright: © 2013 Wolfgang Manfred Epple

Published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

ISBN 978-3-8442-5263-7

Ich und Dieter nach Afrika

Ein durchgeknalltes Reiseabenteuer

Wie ‘n Vorwort

Wird ‘ne ruhige Nachtschicht heute, das hab ich im Urin.

    Heinrich Golsch hat eben seine Runde gedreht, und ich hab ihm versprochen, der Dieter wär gleich zurück vom Klo, und da hat Heinrich Golsch geknurrt, das würd er ihm auch geraten haben und ist weitergetigert.

    Sobald Dieter fertig ist, legen wir los. Denn ohne den Dieter könnt ich nicht einen einzigen Gedanken zu ‘nem halbwegs vernünftigen Satz verschrauben. Dieter meinte, da wär wohl der Alk dran schuld, aber das allein kann‘s nicht sein, weil der Dieter ‘n fast noch schlimmerer Schluckspecht ist als wie ich. Übrigens: gar kein übles Plätzchen hier so dicht beim Rührwerk. Haben ein Tischchen davor stehen und jeder ‘nen Stuhl, und Dieter hat ‘nen ganzen Stapel Papier in seiner Tasche angeschleppt und was zum Kritzeln. Und massig Zeit haben wir sowieso - wenn‘s sein muss, bis zur Rente. Aber ich denk mal, wir werden die Sache schon eher gebacken kriegen, wenn Dieter sich in Zukunft ‘n bisschen zurückhält mit seinen Toilettenbesuchen.

    Die Thionylchloridpumpen laufen wie geschmiert, und die Zentrifugen sind auf »Automatik« geschaltet, aber aufpassen werden wir trotzdem wie die Schießhunde, das hab ich garantiert. Und nachdem ich ihm unsern Playboy überlassen habe, hat Heinrich Golsch uns sogar erlaubt, die Tür zum Tanklager offen zu lassen.

    Köstlich, die Nachtluft! Duftet schon wieder mächtig nach Herbst da draußen, nach umgepflügten Feldern, nach Fallobst - und nach Abenteuer.

    Tja, liebe Freunde - damals im Herbst hat alles begonnen. Im Herbst vor einem Jahr …

ERSTES BUCH

So fing‘s an

Vom Main in ‘ne Nord- und ‘ne Südhälfte zerschnitten, liegt da diese uralte Fabrik am Rand von Frankfurt. Man kann ihre Schlote schon von weitem qualmen sehn, kommt man auf seinem Mofa von Hattersheim her angeknattert. Die Fabrik ist nicht nur mächtig alt, sie auch so riesig, als wär sie ‘ne ganze Stadt für sich. Vier Haupttore hat die Giftklitsche, nach jeder Himmelsrichtung eins. Auf der Nordseite zieht sich kilometerweit ‘ne rote Mauer hin, und der Rest vom Ganzen ist mit Beton und Stacheldraht von der Außenwelt abgeschottet.  Der reinste Knast, könnt man sagen.

    An den Toren stehen bullige Wärter mit bodenlangen Gummimänteln, und ‘ner Tellermütze aufm Schädel, und ‘nem Schäferhund an der Leine, die passen auf, wer da reinrennt und wieder rauswill. Ihr solltet mal morgens mit der Kamera vor Tor Nord lauern, wenn die Hauptmasse der täglich Zwanzigtausend aus der S-Bahn stürzt! Da hättet ihr ‘n paar unvergessliche Eindrücke für euer Familienalbum - ‘n Anblick für die Götter, sag ich euch. All die ausgelutschten, rotnasigen Sackgesichter in ihren Jeansanzügen. Wie die drauflospreschen und sich schnell noch ‘ne Kippe anbrennen und nach zwei Zügen der Bildzeitungsoma vor die Füße schnippen, bevor der Werksbus sie aufschluckt und zu ihren Wirkungsstätten karrt. Das sind die untersten Chargen, die Hofkulis, die Putzfrauen, die Staplerfahrer und das restliche Sklavenheer. Später, wenn die von der Bildfläche verschwunden sind, kommt die Edelsorte im 1. Klasse-Abteil von Limburg oder Idstein angeschwebt - die Laptopfummler, die Handyquatscher, die Krawattenbubis und die ganze aufgedonnerte Hühnerschar von Büromiezen und Chefsekretärinnen. Nachdem die sich acht Stunden ihre Ärsche plattgesessen haben, schweben sie wieder erstklassig zurück in den Taunus, wo sie für ‘n Schweinegeld in ihren Protzbuden übernachten.

    Na, was mich und Dieter betrifft: wir gehörten eher zu der niederen Fakultät, nur dass wir uns den Luxus erlaubten, per Mofa anzureisen. Wie schon unsere Väter und Großväter brummen wir unsern Frondienst als Chemiewerker ab. Is noch gar nicht lange her, da haben wir noch Chemiearbeiter geheißen, aber weil werken besser klingt als arbeiten, hat die Gewerkschaft sich stark gemacht, dass die uns umbenannten, und seitdem hat uns der Job gleich doppel so viel Spaß gemacht.

    Verdienten nicht schlecht damals mit der Giftmischerei. Zu Beißen hatten wir genug, und für ‘nen zünftigen Umtrunk in der»Werksstubb«langte es allemal. Und weil wir anfangs zuverlässige Kerls war‘n, bekamen wir schon nach zehn Jahren ‘ne knuffige Werkswohnung zugelost, nicht weit von der Maloche und prima günstig zu erreichen mit unsern Böcken. ‘n Auto lag nicht drin - brauchten wir auch nicht. Den Einkaufskram haben wir spielend in den Satteltaschen bewältigt. Erst nachdem Berta das Fressen anfing, hab ich zweimal fahr‘n müssen.

    Ach, ja - Berta … also, zwischendurch hatten wir noch geheiratet, ich und Dieter. Doppelhochzeit, mit Heinrich Golsch und Kulle Psarski als Trauzeugen. Dieters Erna war so ‘ne Rothaarige, Temperamentvolle, Lange. Meine Berta gefiel mir besser, war klein und pummelig, mit pechschwarzen Locken. Was ich und Dieter einfach nicht gebacken kriegten, war das mit dem Nachwuchs. Konnten uns noch so abrackern - es wollt einfach nicht klappen. Da standen wir nun fünfmal die Woche vor ‘nem Kochtopf mit Giftbrühe und glotzten durchs Mannloch, wie hinter dem Bullauge die unterschiedlichsten chemischen Partner stürmisch zu neuen Verbindungen verschmolzen, und war‘n - biologisch gesehen - selber nichts als taube Nüsse.

    Berta hat mir mal nach der Kirmes an den Kopf geschmissen, das käm von der Schmutzliteratur, die überall auf Schicht rumfliegen täte, da würd ich mich dran verausgaben. Erna hat einfach nur behauptet, Dieter würd absichtlich untenrum zu heiß duschen, deshalb wär er ‘n Windei. Kurz gesagt: Mit den Jahren verloren wir ganz schön an Ansehen bei unseren Bräuten. Dieters Erna fand schließlich Erlösung beim Marathon, und meine Holde warf sich mit voller Wucht aufs Essen. Zuletzt wog sie zweihundertvierzig Pfund.

    Wir wühlten so weiter. Traten pünktlich zur Schicht an, war‘n dem Vorarbeiter zu willen, zogen den Helm vorm Betriebsführer, und arbeitstechnisch konnt uns auch niemand am Zeuge flicken. Die meiste von der sauer verdienten Kohle mussten wir natürlich zuhause abliefern, und nach den Werksferien durften wir uns dann anhören, was Heinrich Golsch, unser welterfahrener Vorarbeiter, wieder Tolles in Malle, Kenia und»Deutsch-Südwest«erlebt hatte. Selber sind wir ja nicht rausgekommen aus‘m Loch. Okay, was der Dieter so alles in seine Eisenbahn gebuttert hat, das kriegste nicht zum Nulltarif - all die Schienen, Loks und Häuschen und dazu noch der ganze Beleuchtungskrams, da fütterste dein Sparschwein so schnell nicht fett von. Und was meine Hobbys betraf - Bier und Doppelkorn - die wurden auch nicht grad billiger bei steigendem Verbrauch in immer härteren Zeiten. (Womit ich nicht sagen will, dass Dieters täglicher Spritkopp dem Kamillentee geschuldet war.) Auf die Art krepelten wir vor uns hin. Vierundzwanzig endlose Jahre. Dem Dieter gingen die Haare aus; ich legte mir ‘nen Buckel zu. Erna keifte, Berta fraß - und eines Tages wachten wir auf und war‘n vierzig, und null Aussicht auf Besserung.

    Ach, so ‘ne Chemiefabrik ist überhaupt ein ganz großer Scheiß, will ich euch mal sagen. All das Gift um dich herum. Täglich läufste Gefahr, irgend ‘nen Dreck abzukriegen. Da hilft‘s auch nicht viel, wenn sie dich in diese grauen Filzjacken und Filzhosen stecken und dir ‘ne Gummischürze umschnallen - so ‘n Produktionsbetrieb ist alles andere als ‘n Luftkurort. Außerdem mussten wir uns noch in so plumpige Lederschuhe reinzwängen, so Monsterdinger mit ‘ner Stahlkappe vorn drin - falls uns mal ‘n Giftfass aufn Fuß kippen sollte. Und damit dir kein Giftfass die Denke zerpfeffert, schrauben sie dir ‘nen Blauhelm auf die Kalotte, da glaubste, dir implodiert die Rübe.

    Gibt Oldies, wie Maxe Riedel vom Waschplatz, die sind regelrecht verwachsen mit den Schüsseln, die kriegen die noch nicht mal mehr beim Pennen runter, und ich denk mal, die Typen wollen das auch gar nicht anders, so stolz sind sie drauf. Sollen sie doch! Wir jedenfalls haben die runtergerissen und auf die Klinker geschmettert, sobald Heinrich Golsch durch war.

    Ach ja - bevor ich‘s vergesse: Die verfluchte Schutzbrille gegen herumspritzende Säuren und herumfliegende Glassplitter, die hat uns komplett zu Idioten gestempelt. Immerhin hatten sie den Vorteil, dass sie mit der Zeit immer trüber geworden sind und wir das ganze Elend nicht mehr so deutlich sehen mussten.

    So trittste dann an. Fünfmal die Woche. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und weiter kommste auch nicht, weil der Herr Vorarbeiter dir ‘n schlechtes Zeugnis ausstellt, wenn sie die Nasenprämien verteilen. Wirst ganz schön sauer, wenn du ständig nur geknechtet und dabei nicht jünger wirst und dein Verstand nicht klarer wird nach all dem Ärger, all dem Bier und all den Kurzen. Dann kann sich‘s irgendwann mal zutragen, dass du Mist baust, dass du nicht ganz aufm Posten bist, wenn‘s brenzlig wird.

    Ich und Dieter war‘n auf derselben Schicht, und das letzte Jahr unterlief uns das eine oder andere Missgeschick - schon kurz nach Silvester war‘s losgegangen. Kleinigkeiten anfangs. Mal falsche Abfülle, mal fehlerhafte Einwiege, mal verkehrtes Etikett - Kleinigkeiten. Glaubten wir. Mit unsern Ölköppen haben wir nicht gepeilt, wie der Vorarbeiter sich was notiert hat. Und erst recht nicht gepeilt haben wir, dass er‘s dem Meister petzte und der‘s dem Betriebsführer.

Na, und dann kam diese verdammte Nachtschicht, die alles ins Rollen brachte. War von Donnerstag auf Freitag.

    Nach ‘nem Zoff mit Erna - die war wegen irgend so ‘ner Lappalie total ausgerastet und hatte ihm die halbe Bahnanlage zu Klump gehauen - war Dieter so besoffen zum Dienst erschienen, dass er nicht merkte, wie hinter ihm im Kessel ‘ne Reaktion außer Kontrolle geriet und der ganze Klumpatsch durch den Kühler übers Dach wegkochte. Ich hockte seit ‘ner Stunde aufm Klo und war nach ‘nem Streit mit Berta auch erst knapp unterhalb von zwo Promille.

    Wie ich zurückgetorkelt komm, hängt da der Dieter aufm Stühlchen, den Schädel zwischen den Knien, und schnarcht wie ‘n Ratz. Hinter ihm war der 2000-Liter-Kochtopf am Herumtoben wie ‘n wildgewordener Dinosaurier! Der Fußboden war wie verrückt am Zittern, und der Glaskühler bebte unter den Siedeverzügen - der wär fast geplatzt. Als ich aufn Schreiber starrte, sind mir fast die Augen durch die Brille geschossen! Temperaturanzeige in Grün: Oberster Anschlag. Der gleiche Horror in Blau! Der Druck war so stark angestiegen, dass die Nadel bald aus‘m Schaltschrank geflitzt ist. Bevor wir eingreifen konnten, ging der zweite Kessel ab. Irgendein Ventil war verkehrt geschaltet, doch war der Dieter nicht fähig, zu sagen, welches, als ich ihn endlich wachhatte.

    Da heulte auch schon die Sirene los, und das Rotlicht aufm Schrank war wie bekloppt am Rotieren; und da kamen sie hereingestürmt. Heinrich Golsch vorneweg, Kulle Psarski im Kielwasser - und dahinter ‘n Elektromann und ‘n Betriebsschlosser. Mit vereinten Kräften haben die den dritten Pott gerade noch so in Griff gekriegt, doch statt sich zu freuen, haben die uns abwechselnd und gleichzeitig zur Schnecke gemacht und gedroht, dass man sich noch eingehend mit uns beschäftigen würd, sobald die Frühschicht eingetrudelt wär.

    Mit einem Schlag war‘n wir stocknüchtern. Dieter war so am Zittern, dass ihm der Helm vom Kopf gerutscht ist, und ich, ich hätt mich am liebsten ins Klo runtergespült.

    Die Jungs von der Frühschicht kamen zur Ablöse, und wir sollten sofort nach dem Duschen unverzüglich beim Betriebsführer antanzen. Heinrich Golsch hat dazu mit seinem Schwarzbuch gefuchtelt und mit den Schultern gezuckt - da wär‘n ihm als Vorarbeiter leider die Hände gebunden.

    Noch unter der Brause haben wir beschlossen: Mit uns nicht! Diesmal nicht, meine Herren!

    Ungefönt sprangen wir in die Jeansanzüge und entwischten mit knapper Not durchs Tanklager. Enterten den nächstbesten Werksbus zum Tor, rannten am Pförtner vorbei, erreichten schweißüberströmt den Parkplatz.

    Zwischen tausend Werksfahrrädern warteten unsere Mofas.

Abgehauen

Wir die Maschinen aus‘m Ständer gerissen, uns aufn Sattel geschwungen und erst mal runter an den Main, in ‘nen Park rein und abgewartet, bis die Bank aufmachte. Dann sind wir los, unsere Sparbücher plündern. Viel war ja nicht drauf, besonders bei Dieter, aber der hat gesagt, ich soll cool bleiben - Heinz Helfgen wär damals mit schlappen 3 Mark 80 zu seiner Weltumradlung aufgebrochen, und wenn wir uns nur ‘n bisschen einschränkten, würd‘s locker bis zum Endziel reichen. Und falls nicht, würd er sich schon rechtzeitig was einfallen lassen.

    Na, nach all der Aufregung haben wir beschlossen, mit dem Einschränken noch ‘n Tag abzuwarten und sind erst mal bei Karstadt groß frühstücken, wegen der Nerven und so.

    Der Kellner, der uns die Rühreier brachte, war ‘n baumlanger Schlacks, ‘n Afrogermane aus Ghana, wie er behauptete. Toll, was der sich für Schmucknarben in die Backen geritzt hatte - wie ‘n waschechter Häuptling aus ‘nem Tarzanfilm.

    Dieter hat den mit ‘nem ganzen Sack voll Fragen gelöchert: wie‘s denn in Afrika da unten so wär, ob die da Löwen hätten und Elefanten und Skorpione? Doch viel hat‘s nicht gebracht, der Mann war schon zu lange weg von da und wollt sich an nichts mehr erinnern.

    Nach‘m Spachteln sind wir runter zur Campingabteilung und haben uns mit ‘nem grünen Igluzelt eingedeckt und mit zwei Isomatten und mit Schlafsäcken und mit Bändern zum Festzurren; und - klar doch: Kochgeschirr schmissen wir natürlich auch in die Karre und zwei Blechtassen dazu und Angelzeug und ‘ne Petroleumfunzel und ‘ne Taschenlampe und Klappstühle und Nähzeugs und Autan und ‘nen Verbandkasten und ‘n zünftiges Messer pro Mann.

     ‘n Stockwerk drüber sind wir in die Kosmetikecke reingestürmt, da hab ich für mich ‘n kräftiges Deo aufgepickt. Dieter hat abgewinkt: Für so ‘n Spielkram würd er kein Geld verschwenden, die Weiber würden erst richtig scharf, wenn man duften tät wie ‘n Ziegenbock - ich sollt nur mal Heinrich Golsch fragen.

    Sagt er: »Was ‘n Globetrotter unbedingt braucht, ist was zum Musikmachen. Das ist gut gegen den Moralischen, und wenn nicht fürn Moralischen, isses Gold wert, um die Weiber flachzulegen!«

    Also sind wir zur Musikabteilung runter, und er hat sich ‘ne Mundharmonika eingesteckt. Anschließend die Rolltreppe rauf ins Klamottenparadies. Zwei Ersatzjeans pro Nase und ‘nen Satz billiger T-Shirts und für Dieter ‘n Idiotenkäppi wegen seiner sensiblen Haartracht. Gegen »schweres Wetter« - Dieter hatte den Ausdruck aus einem seiner Seefahrtsschmöker - besaßen wir schon unsere altbewährten Bundeswehrparkas, die würden‘s locker mit Ölzeug und Südwester aufnehmen. Von Rüdiger Nehberg hatte Dieter gelesen, ‘n Abenteuer sollt auf keinen Fall losziehen ohne Cayennepfeffer. Also griffen wir uns ‘ne extra große Dose aus‘m Gewürzregal, und nun sollten sie ruhig kommen, die rebellischen Straßenköter und was sonst noch alles für ‘n Kroppzeugs.

    Im letzten Moment ist uns eingefallen, dass wir noch keine Landkarte hatten. Hat Dieter in der Buchabteilung eine von Westeuropa geklemmt und aus ‘nem Atlas ‘ne Seite rausgerissen. Und er konnt sich‘s nicht verkneifen, seinen wertvollen Zaster für ‘ne Pocket und Filme rauszuschleudern - der meinte, das wär wichtig von wegen Dokumentation und so.

    War‘n schon ganz hübsch beladen, als wir zum krönenden Abschluss dem guten, alten Aldi ‘nen Besuch abstatteten. Wir holten  Nudeln  da  raus  und  getrocknete Tomatensoße, außerdem Beutelreis und Brühwürfel, paar Tüten Spargelsuppe und schließlich ‘ne Batterie Karlsquell und Vollkornbrot und Kräuterkäse - eben alles was ‘n Kerl so braucht, will er unterwegs nicht schon in den ersten paar Tagen den fremden Fraß runterwürgen.

    Endlich, zur Feier des Tages, rutschten wir noch kurz bei Manne sein Kiosk vorbei und genehmigten uns ‘nen Flachmann Mariahilf.

    Manne machte pralle Augen auf unsere hochbepackten Maschinen und wollt uns aushorchen, doch haben wir eisern dicht gehalten, auch nach der vierten Pulle kein Sterbenswörtchen ausgeplaudert. »Tschüs, Manne«, haben wir gerufen und »sauf nich so viel!«

    Die Motoren röhrten los, und ab ging die Post, zum Städtele hinaus! Im Rückspiegel schrumpften die qualmenden Fabrikschlote in Nullkommanix zu ‘ner harmlosen Postkarte zusammen, und wir haben uns eins gefeixt, wie blöd jetzt Heinrich Golsch wohl aus der Wäsche gucken mocht, das Schwarzbuch in der Hand, stillgestanden vor seinem Betriebsführer.

Zuerst ging‘s stracks nach Westen, rechts am Main entlang.

    Alles voller Apfelbäume, und der Radweg gespickt mit Fallobst. Mussten höllisch aufpassen, trotzdem hat Dieter sich ‘nen Zahn abgebrochen, als er sich auf die Klappe legte.

    »Herzlichen Glückwunsch«, hab ich gelacht. »Das gibt dir ‘ne gewisse Note in deinem Sackgesicht!«

    Dieter wollt eigentlich in einem Rutsch bis vor zur Grenze und noch am selben Tag raus aus Deutschland, aber ich hab gesagt, »Mach mal halblang, das packen wir nicht, wir müssen uns erst mal an das schwere Gepäck gewöhnen. Außerdem hab ich kein Bock im Dustern.«

    Haben wir uns unter ‘ne Weide am Ufer gehauen und paar Stündchen Kriegsrat gehalten und rumgedöst.

    Nach der dritten Dose Gerstenkaltschale sag ich: »Nu rück mal langsam mit raus, was du eigentlich vorhast. Und was willste denn ausgerechnet in Ghana, da kennt uns doch keine Sau.«

    »Ghana«, sagt er, »wie kommste auf Ghana?«

    »Na, wie du den Typen vorhin gelöchert hast …«

    »Weil wir da durchkommen natürlich. Kann nie schaden, wenn man sich rechtzeitig mit Infos vollsaugt.«

    »Und wo genau soll‘s überhaupt hingehn?«, frag ich. »Du hast doch nicht etwa vor, dass wir uns in den Urwald verkrümeln und einen auf Tarzan und Jane machen?«

    Ich hab das gefragt, weil der ganz verrückt ist nach Tarzanfilmen und schon immer in so ‘nem Baumhaus leben wollt, aber das hatte der nicht mehr auf der Pfanne.

    »Keine Bange«, meint er, »für so was bin ich schon paar Jährchen zu alt. Außerdem haste im Kongo von heute nichts als Stress, weil die da ständig rumballern und sich gegenseitig die Köppe abhacken - da müssten wir ja bekloppt sein. Und mal ganz davon ab: In so ‘nem Wald sinkste ruck-zuck auf die Stufe von ‘nem Affen zurück, und das kann‘s ja wohl nicht gewesen sein, oder? Ich will auf ‘ne höhere Daseinsstufe rauf, weißte, will endlich ‘n Mensch werden nach all den versauten Jahren. Das hab ich mir verdient, und ich schätz mal, du auch. Deshalb pass auf, alter Schwede, und vertrau dem guten alten Dieter, wenn er dir sagt, dass für uns beide nur ein Land infrage kommt und nix anderes - hast ja von Heinrich Golsch genug drüber gehört, wie toll‘s da unten ist.«

    »Heinrich Golsch, Heinrich Golsch … haste mal auf ‘n Globus geguckt, wie weit das ist bis»Deutsch-Südwest«? Das packen wir doch im Leben nicht mit diesen Mühlen! Allein die Wüste - wie willste da durchkommen … und die räuberischen Beduinen und …«

    Hat er mir mit ‘nem gewaltigen Rülpser das Wort abgeschnitten und ‘ne neue Kippe aus der Packung geschüttelt und sich einen abgegrinst und nichts mehr gesagt.

    Gegen Abend sahen wir OPEL in Rüsselsheim leuchten, wo Dieters Olle ihren Astra her hat. Die Jungs da drinnen war‘n eifrig  dabei,  ihre  Spätschicht abzubrummen. Hat uns überhaupt nicht leid getan, und uns hat ‘n Lachkrampf geschüttelt, dass wir Bauchschmerzen bekamen.

    Zum Kochen warn wir zu fertig, also ran an die Würstchenbude, und jeder ‘n kühles Blondes. Leckere Pommes können die da bei OPEL vorm Tor, muss ich ganz ehrlich sagen. Wenn ihr mal in die Gegend kommen solltet, schneit unbedingt mal in Schullus Wursthöhle rein und grüßt schön von Kurti.

    Pappsatt runter zum Fluss. Warteten ab, bis es völlig duster war, dann versuchten wir, das Zelt klar zu machen. Ging nicht, weil Dieter die Stangen nicht in die Löcher kriegte und ich die Taschenlampe verkramt hatte. Dieter wollt trotzdem nicht aufgeben, weil er Schiss hatte unter freiem Himmel, hab ich ihn also weiterwurschteln lassen. »Mir egal«, sag ich, »wühl du nur weiter, ich bin hundekaputt.« Und hab mich in ‘n Schlafsack gepackt, und nichts mehr.

Nächsten Morgen war alles klitschenass vom Tau.

    Zuerst hab ich gedacht, Dieter wär stiften gegangen, weil ich ihn nicht gleich sehen konnt, aber dann sah ich seine Karre am Apfelbaum lehnen und hab »Hallo!« gebölkt  und »Hierher!«

    Und was glaubt ihr, wo der Dieter sich versteckte? Im Zelt, das dalag wie ‘ne runtergelassene Unterhose - da steckte der drinne, hatte den Reißverschluss zugemacht und war am Schnarchen. Hab ich aus Jux seine Karre angeschmissen, und ihr hättet mal sehn sollen, wie schnell der draußen war! Beim Einpacken gab‘s noch Affentheater wegen der Nacktschnecken und Weberknechte, vor denen Dieter sich geziert hat wie ‘n Weibsbild.

    »Das fängt ja gut an«, sag ich, »wenn du dir schon wegen ‘n paar harmlosen deutschen Schnecken in die Hosen kackst, wie soll‘s denn da im Süden erst werden mit dir. Da unten gibt‘s Kakerlaken so groß wie Schäferhunde und giftige Spinnen und Skorpione und Schlangen und ‘ne Masse anderer Viecher, von denen du dir keine Vorstellung machen kannst. Nacktschnecken … Weberknechte … nimm‘s mir nicht übel, aber ich seh schwarz für dich. Überleg‘s dir, noch kannste umkehrn und heim, unter Muttis Rock. Dann verkrümel ich mich in die Eifel zu Elli auf ihren Bauernhof und spar mir die Strapaze. Also - willste noch oder hauste in Sack?«

    Wollte der nicht, hat gesagt, das wär bloß Spaß gewesen, Schnecken und Spinnen wär‘n ihm seit dem Säuglingsalter seine liebsten Spielkameraden und so weiter. Und so kachelten wir wieder zur Wursthöhle rauf, um Frühstück zu fassen; aber die war leider noch dicht.

    Mit knurrenden Mägen ging‘s noch ‘n Endchen westwärts bis Mainz, wo der Main in den Rhein mündet. Und der ist wirklich ‘n wahrhaftiger Strom. Peilste rüber ans andere Ufer, siehste die Häuser nur noch so winzig, als hätt der Dieter mit seiner Modelleisenbahn herumgebastelt. Und davor all das Wasser. Silbergrau und breit und fürchterlich tief.

    Wir schwenkten nach rechts und damit nach Norden. Hätten in Bingen eigentlich gradeaus fahren können, direkt bis zur Grenze, aber Dieter hat plötzlich drauf bestanden, das Rheintal noch mitzunehmen - das wär ‘n Weltkulturerbe und würd Millionen Touristen aus der ganzen Welt anlocken, da wär‘s ‘ne Schande, sich sowas durch die Lappen gehen zu lassen.

    Die Straße, die war kein Honigschlecken. Denn außer uns beiden ist da noch so allerhand an Pferdestärken unterwegs gewesen, und vom Paragraf eins der Straßenverkehrsordnung haben die alle wenig gehalten. Die Knilche haben sich ‘nen Sport draus gemacht, dass wir die Schwächeren war‘n und sind extra dicht an uns vorbeigedonnert. Mit Eisenfäusten mussten wir die Lenker umkrallen, damit wir nicht umgerissen wurden. Nur selten haben wir mal ‘nen Blick auf den Fluss riskiert, und meistens kam dann ‘n Zug herangebraust - direkt neben der Straße und elend lang -, der fing wie wild an, draufloszututen, weil er den Gegenzug auf der andren Seite grüßen wollte, der genauso lang war und auch ‘nen Tuter losließ.

    ‘ne Masse Burgen und Schlösser sind da überall auf die Hügel gepflanzt, aber die meisten sind löchrig und zerdeppert und besitzen nur noch Schrottwert. Doch kamen wir durch ‘n Kaff, da thronte ‘ne Burg aufm Weinberg, die sah aus, wie eben erst fertiggestellt; sogar die Bundesfahne war vom Turm am Runterflattern. Aber der Name von der Anlage klang ganz und gar nicht nach schwarz-rot-gold, als Dieter ihn vor sich hin plapperte: »Ba-cha-rach … ich glaub, mich laust der Affe! Bacharach, das is doch ‘n Vorort von Kairo!«

    »Schon möglich«, sag ich, »heutzutage musste mit allem rechnen. Bald werden die noch den Kölner Dom in ‘ne Moschee umwandeln, wenn‘s so weitergeht. Aber uns kann‘s ja wurscht sein - bis dahin sind wir längst am Ziel -, und wenn dein Vorarbeiter uns kein Scheiß erzählt hat, geht‘s da unten wesentlich deutscher zu als wie in der BRD.«

    »Worauf du einen lassen kannst!«

    Aufm Wasser war ‘n Betrieb wie auf der A3. Besonders flussabwärts legen die Kieskähne, Kohlenschlepper, Ausflugschiffe ‘n Tempo vor, dass einer Landratte ordentlich schwindlig werden kann. ‘n Weilchen später geriet der Verkehr aus dem Takt, staute sich sogar auf an einer Stelle. Das heißt, die Frachtpötte nicht, die sausten weiter meerwärts, andere kämpften gegen die Strömung an.

    Sind kurz rechts ran, uns die Sache mal angucken. Was da anhielt und sich drehte und umeinanderdümpelte, war‘n ausschließlich Spaßdampfer. Die hatten‘s auf ‘ne ziemlich lächerliche Felsklippe abgesehn, die da aus‘m Wasser ragte.

    Die Leute auf Deck war‘n jedenfalls wie bekloppt mit den Händen am Fuchteln. Musik brach los, und die Kapitäne blecherten vielsprachig was durch die Lautsprecher, und als sie‘s endlich auf Deutsch taten, kam‘s heraus: Das war die LORELEY! Die Touris fingen sofort an, ihre Kameras scharf zu machen, kramten Ferngläser aus den Rucksäcken und war‘n überhaupt so ziemlich aus dem Häuschen.

    »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …« scholl‘s über die Wellen.

    Wussten wir auch nicht, und so schlugen wir uns den Anblick schnell aus dem Sinn und machten, dass wir weiterkamen.

So nach und nach sind die Hügel nicht mehr so steil gewesen, und kaum noch Burgen drauf; dafür war‘n am andern Ufer Fabriken am Qualmen und damit die Rheinromantik erledigt.

    Wir standen am Deutschen Eck und rissen ‘ne Dose Karlsquell auf. Der Olle Willem blickte feierlich und grün vom hohen Ross herunter.

    »Das war also unser Vater Rhein«, sag ich. »Guck ihn dir nochmal ganz genau an, Sportsfreund, wirst ihn lange nicht wiedersehn - vielleicht überhaupt nie mehr.«

    Da kriegte Dieter so ‘nen leichten Vaterländischen und musste ins Sacktuch tröten. Mir war auch etwas schwummerig zumut, hab ich doch jetzt erst richtig geschnallt, worauf wir uns da eingelassen hatten.

    Haben wir fix ausgetrunken und sind links ins nächste Flusstal reingeschlittert. Ziemlich steile Berge da drinnen, ausnahmslos zugeknallt mit Weinstöcken, und die Dörfer am Ufer sind alle grau und eng, und wenn die Sonne aus‘m Tal raus ist, liegen die total im Schatten.

    So war‘s auch, als wir in Sennheim eintrudelten. Paarmal hatten wir vorher versucht, zwischen dem Rebengeschlinge ‘n Schlafplätzchen zu finden, aber erstens war‘s zu steil zum Liegen, und zweitens hatten wir keine Lust, im Sperrfeuer der Selbstschussanlagen den Heldentod zu sterben.

    Sprachen ziemlich mies gelaunt in ‘nen schäbigen Gasthof um ‘n Doppelzimmer vor. Ein rotköpfiger Schmerbauch brüllte nach seiner Frau, einem Prachtweib, das den jahrzehntelangen Umgang mit vergorenem Rebensaft eindrucksvoll zur Schau stellte. Man könnt sagen, ihrem aufgeblasenen Körper war‘s buchstäblich gelungen, Wein in Wasser zu verwandeln.

    Die Dame hat uns von oben bis unten angeglotzt, erst den Kopf geschüttelt, und uns endlich für achtzig Mark pro Nase in ‘ne Dachkammer abgeschleppt. Unterm Gebälk brütete ‘ne Affenhitze, es stank nach Holzschutzmittel, und in einer Ecke drohte ‘n fußballgroßes Hornissennest. Das Fenster konnten wir auch nicht aufkriegen und so haben wir uns auf die Eisenbetten geschmissen, ob die wenigstens was taugten. Taugten sie nicht - war‘n ‘ne zusammengestümperte Kreuzung zwischen Fußballtor und Hängematte.

    Wurde ‘ne lebhafte Nacht.

    Das Abendessen, das wir unten verdrückt hatten, war so gehaltvoll gewesen, wie die Wirtsleute aussahen - wir konnten kaum noch japsen. Das Fenster klemmte weiter, und die Hornissen brummten im Dustern, und das Klo lag aufm Flur.

    Andern Morgen fühlten wir uns wie gerädert. Ich verzichtete aufs Frühstück, und Dieter hat sich geschworen: nie mehr Federweißen mit Sauerkraut.

Ziemlich wacklig auf den Rädern haben wir den Rest vom Moseltal abgerissen, dann kam ‘ne Stadt, die war Trier.

    »Ganz nett hier«, sag ich, »wenn nur die zerdepperte schwarze Ruine da drüben nicht wär. Fünfzig Jahre Zeit gehabt und noch immer nicht aufgeräumt.«

    »Quatsch«, meint Dieter, »das war‘n nicht die Amis, der Schuppen ist neulich erst abgefackelt - haste die Bild nicht gelesen? Denen ist ihr Lagerfeuer durchgegangen oder der Herd in die Luft geflogen, oder was weiß ich. Irgendwer hat rausgefunden, das wär‘n die Nazis gewesen, und seitdem steht der Laden unter Denkmalschutz. Noch nicht mal neue Scheiben dürften die da einsetzen.«

    »Eigentlich auch egal«, sag ich, »Hauptsache wir finden bald ‘nen Aldi!«

    War wichtig, dass wir den fanden, denn hinter der Grenze würd‘s deutlich teurer werden - da wollten wir vorher lieber unsere Vorräte nochmal aufstocken. Zudem befürchtete Dieter, dass wir in Frankreich keinen Rum kriegen würden, weil die da nur dieses Absinthzeugs kippen, und weil er Angst hatte, davon blöd zu werden, sackte er sich gleich sechs Flaschen Robby 54 ein, nachdem wir den Laden endlich gefunden hatten. Wenn ich nicht falsch liege, besitzt Rum auch nicht grad die Eigenschaft, dass dir das Wachstum deiner grauen Zellen außer Kontrolle gerät, aber ich wollt Dieter nicht die Laune versauen, hab also die Schnauze gehalten, mir ‘n Dutzend Doppelkörner in die Einkaufskarre gebettet und ‘n halbes Dutzend Export zum Löschen. Daneben gesellte sich ‘n herzhaftes Sortiment an dauerhaften Würsten vom Stamm der Landjäger und Pfefferlinge. Nach ‘ner reichlichen Anzahl Dosen mit Bohnen und Linsen und Pottkiekers Texaseintopf, ging‘s vor zur Kasse. Das reichte aber auch. Unsere Böcke war‘n so überladen, dass die Hinterräder fast in die Knie gegangen sind.

    Wir raus aus der Stadt, bei ‘ner beträchtlichen Außentemperatur für Mitte September, und ‘nen kühnen Bogen geschlagen Richtung Frankreich. Falls uns die Bullen auf den Fersen sein sollten, beschloss ich, dass wir uns für ‘n Weilchen trennten, damit wir nicht so auffielen. Kurz nach der Grenze, beim ersten Aldi, würden wir uns wieder treffen. Dieter hat das überhaupt nicht gepasst, dem ist mächtig der Bangemann ans Herz gekrochen, weil er‘s Ausland nur aus der Glotze kannte und von Heinrich Golsch seinen Prahlereien.

Bei den Franzmännern

Bin ich also voraus und hab mich ganz schön gewundert, dass da keiner rumgestanden ist, um meinen Pass zu checken; noch nicht mal ‘n Schlagbaum war da an der Grenze -, nur so ‘n Blechschild verkündete, jetzt wär man in Frankreich. War ‘n ziemlicher Unterschied zu den Heimatgefilden, wie die Umgebung sich so präsentiert hat. Vom Fußboden zu essen, hätt ich keinem geraten, und überall die Balkone verrostet und nirgendwo Blumen am Geländer. Die meisten Fenster verrammelt, mit so rissigen Lamellenläden, von denen die Farbe abblättert. Und kaum ‘ne Menschenseele unterwegs, die ich nach ‘nem Aldi hätt fragen können. Und gab‘s da überhaupt wirklich Aldiläden in Grenznähe, oder hatte Heinrich Golsch uns nur was vorgeflunkert? Egal, denk ich. Erst mal nach Metz rein, dann wird sich schon was ergeben. Alles zugequalmt und stinkig von Braunkohleabgasen und halb zusammengekracht - wie in der alten Ostzone. Graue Halbruinen, graue Straßen, jede Menge streunende Köter und Müll im Rinnstein. Kein Aldi. Ich fragte so ‘nen Fürsten der Finsternis, aber der zog nur ‘n Gesicht, schlug sich auf die Brust und rief: »Ali!« Und dafür wollt er dann noch ‘ne Schachtel Marlboro abkassieren.

    Fuhr vor bis zum ersten Kreisverkehr, machte die Karre aus und fing an zu warten. Und wartete. Und wartete.

    Wer nicht kam, war Dieter!

    Da wurd ich ganz schön kribbelig. Hatten die den vielleicht eingebuchtet und schon zuhause angerufen? Hatte der sich verplappert, und die warn auch mir schon auf den Fersen? Verstohlen guck ich mich um. Aha, denk ich, so sehen also die Franzmänner aus. Da war nix mit Baskenmützen, wie von dem Kerl auf der Landweinpulle. Und ‘ne Quetschkommode hat auch niemand traktiert. Und keinem kam‘s in den Sinn, seiner Lebensfreude mit ‘nem zünftigen Chanson Ausdruck zu verleihen. Ersatzweise kam Bauchtanzmusik hinter zerschlissenen Gardinen hervorgeblubbert, und auf dem Trottoir war‘n gedrungene Frauenzimmer wie Kirchenglocken am Herumwandeln, allesamt in dicke Mäntel gehüllt und durch Kopftücher abgeschottet, als wär‘n die auf ‘ner Polarexpedition. Nach ‘nem herzhaften Schluck aus der Hausapotheke, begann ich die Sache etwas entspannter zu sehn.

    Und dann kam er endlich!

    Zuerst konnt ich nur seinen Motor hören, der viel zu laut am Röhren war, weil er ihn neulich nachfrisiert hatte. Dieter hatte ‘ne knallrote Birne und sah mich nicht. Der guckte starr auf sein Vorderrad runter, und mir kam‘s fast so vor, als wär der am Heulen.

    »Dieter!«, ruf ich, »he, Dieter, alter Zickenarsch!«

    Da erkennt er mich endlich, wie er schon fast im Kreisel ist, und - zack! - gegen den Bordstein von der Verkehrsinsel - und in hohem Bogen mit seinem ganzen Laden in ‘ne rot-blühende Hecke rein. Mindestens drei Buddeln Robby gingen zu Bruch, und der Lenker kriegte ‘nen Knick an der Kante; und was den Dieter betraf, der ist aufm Rücken gelegen wie ‘n Maikäfer und hat gestöhnt wie nur was.

    »Was‘n los?«, frag ich, »haste dir die Gräten gebrochen?«

    Und all die Franzmänner stehn um uns herum, und Dieter war weiter am Rumjammern und fummelt hinten an sich rum.

   Scheiße, denk ich, und »Beweg mal die Flossen!«, ruf ich - da ziehen ihn auch schon zwei Kerle in Sitzposition. Wie er aufhört mit der Stöhnerei und so schlapp vornübergebeugt da rumhängt wie ‘n Teddy, dem‘s halbe Sägemehl rausgerieselt ist, da seh ich den Grund für den Schlamassel: ‘ne pralle Dose Texaseintopf ist hinter ihm gelegen, die war komplett eingedellt. Haben wir uns halbtot gelacht, und ich war tierisch erleichtert, dass er nicht auf ‘n Rollstuhl umsteigen musste. Na, mit vereinten Kräften haben wir dem Verkehrsbrüchigen wieder zur Senkrechten verholfen, ihm den Buckel saubergeklopft und den ganzen Krams wieder in die Packtaschen reingestopft. Bei dem helfenden Handgemenge hat leider mein Offiziersmesser Beine bekommen, und Dieters Taschenlampe fand auch ‘nen neuen Besitzer. Aber Hauptsache - er war mir nicht zum Pflegefall geworden.

    Wie wir runter von der Insel war‘n, haben wir erst mal ‘ne Bank zum Verschnaufen gesucht, und Dieter hat erzählt, warum er so lang gebraucht hatte. Der ist doch tatsächlich in ‘ne mobile Zollkontrolle gerasselt, und die haben den gefilzt bis auf die Knochen, und - klar doch - musste der seinen kompletten Rumvorrat verzollen, und der Zusammenschiss war auch nicht von schlechten Eltern gewesen.

    »Na«, sag ich, »sei froh, dass sie dich wenigstens nicht einkassiert haben.«

    Nach ‘ner Herzstärkung mit Robby 54 ging‘s ruck-zuck bergauf mit Dieter. Trotzdem war‘n wir noch zu fertig zum Selber-was-kochen und sind erst mal Futterfassen.

    Das Kebab konnten die hier besser als in Höchst, und der Krautsalat schmeckte furzüglich, so dass wir auf der Landstraße nach Verdun reichlich mit Munition versorgt war‘n.

    Dann Mordsdusel! Zwar kein Aldi aber echt billig. Krallten uns jeder ‘ne Monsterbaguette, bestimmt zwei Meter lang, dazu Vin Rouge und Frommage für ‘nen zünftigen französischen Imbiss. Und am Abend mussten wir uns dann das eine noch verbliebene Weißbrot teilen - das vom Dieter war nämlich futsch gegangen, als dieser Köter von dem Bauernhof herangeprescht ist und mein Hinterrad mit ‘nem Beißring verwechselte. Die Töle war schneller als unsere 40 Sachen, und ich bekam Angst um meine Stelzen. Der Cayennepfeffer steckte natürlich irgendwo tief in der Satteltasche. Da opferte der gute Dieter seinen Weizenknüppel, drosch so lang auf das Vieh ein, bis es die Schnauze voll hatte (im wahrsten Sinn des Wortes) und sich schleunigst aus dem Staub machte. Dieter blieb nur noch so ‘n Kanten wie ‘n Brötchen übrig, der war aber so vollgesabbert, dass er ihn wegschmeißen musste.

    Als die Sonne schon tief im Westen hing, bogen wir in ‘nen Hohlweg ein, stellten die Motoren ab und zogen die Maschinen die Böschung hoch. Da standen wir in ‘ner ansehnlichen Hügellandschaft, die war total mit Brombeeren überrankt und anderem Stachelkrams, da würde sich bestimmt ‘n geschütztes Plätzchen für die Nacht finden lassen.

    Wir das Zelt aufgeschlagen - klappte auf Anhieb - und, von den letzten Sonnenstrahlen vergoldet, schlürften wir unsere Sundowner aus Blechtassen. Nach der ersten Dröhnung sagt Dieter plötzlich: »Haste das wirklich geglaubt?«

    »Was denn?«, frag ich.

    »Na das mit der Ruine.«

    »Mit welcher Ruine? … Ach so, der abgefackelte Schuppen in Trier. Was soll ich denn da geglaubt haben?«

    »Na, dass die Nazis dran schuld war‘n.«

    »War‘n die‘s nicht? Wer soll‘s denn sonst gewesen sein?«

    Und dann hat Dieter mir ‘n Vortrag gehalten wie ‘n Oberlehrer. Dass der Schuppen uralt wär und ‘n bedeutendes Wahrzeichen, und dass die Römer den vor paar tausend Jahren zusammengebastelt hätten, damit die Touris von heute sich drüber freuen könnten. Und dann hat er sich über meinen bescheidenen Bildungsgrad ausgelassen, und ich ganz schön blöd aus der Wäsche geguckt. Hab ich noch öfter auf unserm Trip - ihr werdet‘s schon noch erfahren. Denn dem Dieter seine Birne war so vollgestopft mit ‘nem Haufen Schrott, da konntste manchmal vom Glauben abfallen.

    »Na, dann herzlichen Glückwunsch, alter Klugscheißer«, sag ich. »Kauf dir ‘nen Lolli und lass mal die Buddel rüberwachsen.«

    ‘nen leeren Büchsenwurf entfernt lag ‘ne Kuhweide. Als der Mond hochstieg, bin ich rüber, um für jeden ‘ne Tasse abzumelken für den Magen zum Beruhigen. Wie ich so das warme Euter in der Hand wiege, musst ich kurz an Berta denken - doch das verging, als das Biest den Schwanz hob und anfing zu kleckern.

    Der Vollmond war schuld für ‘ne unruhige Nacht. Zusätzlich war‘n die Rindviecher wie abgestochen am Rumbrüllen, und zwischenrein schrie sowas wie ‘n Waldkauz oder ‘n Uhu, und ums Zelt huschten irgendwelche Mäuse und Ratten oder was weiß ich. Da haben wir nochmal kräftig nachtanken müssen, bis wir endlich weggesackt sind.

    Kurz nach‘m Aufbruch am nächsten Morgen konnt man am zunehmenden Verkehr deutlich merken, dass wir uns im Sauseschritt Paris näherten. Mehr als einmal gerieten wir in den gefährlichen Sog von Schweinetransportern und war‘n ganz schön am Herumfluchen, dass die Franzmänner so wenig von Radwegen halten. Dieter wollt unbedingt ‘ne Abbiege nach Euro Disney zwischenschieben, aber ich konnt‘s ihm aus‘m Kopf schlagen nach ‘nem deutlichen Hinweis auf unsere sensible Reisekasse.

    Wurd immer krimineller mit der Blechlawine. Hätt nicht viel gefehlt, und mit mir und Dieter wär‘s aus gewesen.

    Ein Ford Transit, vollgepackt mit Orientalen und Möbeln, mit Bauholz, Farbeimern und ‘ner Waschmaschine aufm Dach, schneidet uns beim Überholen, fängt an zu schleudern, und die Waschmaschine reißt sich los und knallt direkt vor uns auf die Straße! Der Apparat kracht auseinander, das Bullauge fliegt auf - und was seh ich? Die ist vollgestopft mit Dreckwäsche, und die Brühe schießt auf den Asphalt. In dem seifigen Schmadder kamen die Böcke ins Schlingern; und wär‘n wir nicht so ausgepichte Fahrer gewesen, hätt das schwer in die Hose gehen können. Die Kutsche lag übrigens ziemlich ramponiert verkehrtrum im Graben. Schnatternd und keifend krochen nacheinander mindestens zehn Figuren aus ‘m Wrack. Der Letzte, der sich zum Fenster rauswand, ein dürres Gespenst mit Nachthemd und Zipfelmütze, zog sogar ‘nen halbtoten Ziegenbock an der Leine hinter sich her. Dann kam ‘n ganzer Hühnerhof herausgeflattert und nutzte die Gelegenheit, aufm Bankett nach Futter zu scharren.

Der Schneckenzwerg mit sieben Schneewittchen

Kurz bevor‘s mit den Vororten von Paris richtig losging, wollten wir nochmal ‘nem menschlichen Bedürfnis nachgehen und sind dafür in so ‘nen versteckten Seitenweg eingebogen - man konnt ihn kaum sehn von der Straße aus. Von ‘ner Pappelreihe gesäumt, endete der vor ‘ner alten Villa. Niemand schien drin zu wohnen, denn fast sämtliche Fensterscheiben war‘n kurz und klein geschlagen, und das Dach war durchlöchert wie ‘n Schweizer Käse, den zusätzlich ‘ne Schrotladung geimpft hatte.

    Als wir absteigen wollten, wussten wir nicht, wo hintreten - der ganze Boden war übersät mit ‘nem Teppich leerer Schneckenhäuser; und je näher wir zu dem Haus vorrückten, desto dichter lagen die Dinger. Komischer Laden. Unheimliche Stimmung. Nur dieses Bersten von Kalkgehäusen unter unseren Stiefeln und dazu so ‘n leises Grillengezirps ringsum. Kreideweiß stand die Ruine vor ‘ner zinn-grauen Wolkenwand, in der es heftig blitzte, aber kein Donner rausgepoltert kam.

    Knirschend tappten wir vorwärts. Die Treppenstufen zum Portal rauf lackierte ‘ne dicke Schicht aus getrocknetem Schleim, vermischt mit Kalksplittern.

    Ich hämmerte an die protzige Holztür. Keine Reaktion. Danach Dieter: immer noch keine Antwort. Wichen paar Meter zurück, latschten um die Ecke und steckten plötzlich in ‘nem wildverkrauteten Garten drin. Wie verirrte Kleinkinder standen wir zwischen himmelhohen Sonnenblumen mit schwarzen Gesichtern und ‘nem Urwald aus Lampionblumen, Stachelbeeren und Brennnesseln. Die stanken durchdringend nach warmer Katzenpisse, und außerdem war‘n sie mit weißen Gespinsten überzogen, worin fingerlange Raupen wie unter Schmerzen herumzuckten. Die Skelette mehrerer uralter Kirschbäume verrotteten in Gesellschaft einer Horde wüster Vogelscheuchen, für die‘s hier nichts mehr zu tun gab, nach unserer Einschätzung. Die Scheuchen trugen Umhänge und Halsketten und ‘nen Kopfputz aus leeren Schneckenhäusern und kamen uns vor wie die verzauberten Teilnehmer von ‘nem afrikanischen Schamanenkongress.

    Konnt die Augen nicht losreißen davon, bis ich Dieter warnen hörte, wir sollten hier abhauen, es würd gleich mit Regnen anfangen. Tatsächlich schmetterten jetzt einzelne schwere Donnerschläge. Die Sonne war nochmal mit Macht durchgebrochen, war schmerzhaft am Blenden, so grell, da sind die Wolken hinterm Haus beinahe pechschwarz erschienen. Doch kein Lüftchen war zu spüren, dafür zirpten immer mehr Grillen im Chor.

    Weil‘s immer noch trocken blieb, streiften wir weiter durch den Garten bis auf die Rückseite der Villa.

    Unter den Stachelbeer- und Pissgeruch hatte sich ‘n weiteres Aroma reingemischt, das stank irgendwie metallisch-feucht wie Kupfermünzen in ‘ner schwitzigen Hand. Und dann prallten wir auf ‘ne Reihe Holzbaracken. Zusätzlich zum Grillenkonzert war‘n jetzt noch andere Geräusche zu hör‘n. Ein seltsames Saugen und Schmatzen und Sabbern kam durch die lückigen Bretter gekrochen, und Dampfschwaden fauchten durch rostige Röhren aus ‘m Teerdach oben raus. Wir hörten auch Gläserklirren, die Stimme von ‘nem Kerl und Weibsgekicher.

    Riskierten ‘nen Blick hinter die Baracken, und da wurd‘s noch seltsamer. Ein langgestreckter Weinberg zog sich da drüben hin, und zwischen den Rebstöcken war ‘ne Anzahl Weiber in langen weißen Kleidern in gebückter Haltung am Herumschleichen. Die sammelten irgendwas auf und warfen es in die geflochtenen Kiepen hinter ihren Rücken. Keine von denen hätt der Kurti von der Bettkante gestoßen, so lecker wie die aussahen mit ihren ebenholzschwarzen langen Haaren und rote Bäckchen und blauen Augen - waschechte Schneewittchen eben -, das fand auch der Dieter. So vertieft sind die in ihre Arbeit gewesen, dass sie uns nicht bemerkt haben, wie wir die mit Stielaugen anglotzten.

    Da steckte Dieter zwei Finger ins Maul und tat zweimal schrill pfeifen.

    Die Schneewittchen erschraken und stoben schreiend nach allen Richtungen auseinander.

    Ein mörderischer Donnerschlag haute uns fast aus den Stiefeln, und ‘ne Fallbö kam niedergesaust und fuhr wie ‘ne Riesenfaust in die Pappelreihe. Unter Krachgesplitter ging die halbe Allee zu Bruch, auch der Baum wo unsere Mofas dran lehnten machte den Abgang, indem er halbiert auf den Weg krachte. Die Schneckenhäuser kreiselten wie wahnsinnig umeinander, kollerten wie winzige Totenschädel aufs Haus zu, wo sie sich ruck-zuck an der Treppenkante zu ‘ner Düne auftürmten. Wir nichts wie rüber zum Kellereingang, uns an die Wand gequetscht unter das schmale Vordach. Gebracht hat‘s nicht viel, denn was darauf folgte, war ‘ne wilde Veranstaltung.

    Der Sturm war jetzt in einem fort am Brausen. Gewaltige Blitze rissen den Wolkenvorhang vom Horizont weg und entblößten ‘nen schwefelgelben Streifen, der nur eins bedeuten konnte - Hagel! Schon brach der Weltuntergang los. Eisgranaten, groß wie Gänseeier, kamen herniedergeprasselt, zerplatzten in tausend Stücke, und da kapierten wir, weshalb Dach und Fenster von der Villa so ‘n schweizerkäsiges Aussehen boten. Wir drückten uns noch dichter in den Eingang rein und erkannten schemenhaft durch den schmetternden Eissturz, wie drüben die Schneewittchen zwischen die Weinstöcke fielen und es nicht schafften, die schützenden Baracken zu erreichen.

    Schlimmer wurd der Hagel und dicker die Eisgeschosse, bloß sind sie allmählich weicher geworden und am Schluss wie nasse Schneebälle zerplatscht. Es war, als hätt sich Frau Holle in ‘nem Anfall von Wahnsinn zum Toben entschlossen. Dann war‘n ihre Vorräte aufgebraucht, und die Sonne kam wieder rausgekrochen und hat gleich mit ‘nem doppelten Regenbogen geprahlt, und ‘n sanfter Regen machte sich über das Gefrorene her.

    Wir wagten uns raus und stapften durch Häuschentrümmer und schmelzendes Eis hinüber zum Weinberg. Da sah‘s böse aus. Die Schneewittchen krabbelten im Moddereis herum, hielten sich die Köpfchen und heulten und jammerten und schrien. Eine schien‘s besonders schlimm erwischt zu haben; die lag wie tot aufm Rücken und rührte sich nicht, und der Regen benetzte ihre weitgeöffneten Augen. Und nun erkannten wir auch, was die vorhin in ihre Kiepen gesammelt hatten. Lebende Schnecken waren‘s und angetötete in rauen Mengen. Manche war‘n kurz und klein geschlagen, die Überlebenden aber fuhren ihre Stielaugen aus und versuchten auszukneifen.

    Für uns war‘s die Gelegenheit, mal unsere ritterliche Seite an die Frau zu bringen. Ich konnt gar nicht so schnell gucken, so fix war Dieter zu den Böcken geflitzt, um Verbandzeugs aus seiner Packtasche rauszuwühlen.

    Kaum war er weg, und ich steh noch doof rum, da gellt mir jemand von hinten feucht ins Ohr: »Was haben Sie hier zu suchen, Monsieur, wer sind Sie, wo kommen Sie her?«

    Wie ich herumfahre, steht da ‘n Zwerg unten, der könnte glatt der Großvater von Joopi Heesters gewesen sein. Das heißt: eigentlich stand der gar nicht von allein, der hing mehr in so ‘ner Art Lodenumhang oder Militärmantel (so genau konnt ich das nicht erkennen, weil der vor Dreck ganz steif und starr wegstand). Auf der Platte trug der Alte ‘nen zerbeulten Stahlhelm der guten, alten Wehrmacht, doch war der viel zu groß und wackelte hin und her, wenn der Zwerg nur die Kinnladen bewegte. Das hat er die ganze Zeit über getan, weil er zahnlos ‘ne Knoblauchzehe am Lutschen war.

    Ich wollt grad sagen: Wer so ‘nen dürren Hals hat, sollte sich besser ‘ne Nachtmütze aufs Haupt stülpen und artig im Bettchen bleiben, da hab ich mir‘s anders überlegt und gefragt, woran er erkannt hätt, dass wir Deutsche wär‘n?

    Lutscht er an seinem Knoblauch, wackelt mit dem Helm und antwortet mit ‘nem Carbidgeruch wie ‘ne olle Fahrradlampe: »An Ihren Mofas hab ich es erkannt, solche Dinger fährt hier kein Mensch. Außerdem wagt sich kein vernünftiger Franzose in unsere Nähe. Und was, bitte, haben Sie auf meinem Anwesen verloren, wenn ich fragen darf?«

    Hab ich geantwortet, dass wir nur kurz das Wasser haben abschlagen wollen, doch Blitz und Donner hätten‘s verhindert. Wir würden aber Leine ziehen, sobald wir die Verletzten versorgt hätten.

    Fing der Zwergengreis das Seufzen an. »Ja, ja«, hat er gesagt, »von Jahr zu Jahr wird es immer schlimmer mit den Gewittern hier draußen, aber wohin sollte ich sonst? Der Berg ist so ertragreich, da muss man es in Kauf nehmen ... und jetzt entschuldigen Sie mich einen Moment, junger Mann. Muss nachsehn, wie viele Helferinnen mir diesmal verlustig gegangen sind. Gehen Sie ruhig ins Haus, meine Toilette steht in vollem Umfang zu Ihrer Verfügung.«

    Er ließ mich stehen und tappte barfüßig in den Weinberg rein. Er beugte sich runter, sammelte Schnecken von den beschmutzten Kleidern ab und warf sie zurück in die Körbe. Er tröstete hier, strich dort über nasses Haar, wischte Blut aus blassen Gesichtern, mit seinem dreckigen Sacktuch. Dabei war er leise am Rumschimpfen. Schließlich reckt er sich hoch, fummelt umständlich ‘ne Stimmgabel aus seiner Manteltasche, schlägt sie an ‘nen Gichtknöchel, fistelt den Kammerton, hebt die Arme wie ‘n Chorleiter, und die Lebenden trällerten drauflos: Die Himmel rühmen …

    Dieter kam mit Pflaster und Schere herangaloppiert, blieb aber wie angewurzelt neben mir stehn, als er die komische Vorstellung hörte.

    Der Himmel war jetzt komplett aufgerissen, die Regenbogen glühten in sämtlichen Lutscherfarben. Und in dem fast schwärzlichen Himmelsblau erschien weißzuckend ‘ne Möwenschar. Einzelne Vögel lösten sich aus dem Verband und stießen mit heiserem Schrei auf den Gesangsverein runter und stürzten sich gierig auf die zerschmetterten Schneckenkörper.

    Unbeeindruckt zog der Alte nun auch noch ‘ne angekaute Blockflöte hervor, und unter den Klängen von He, ho, spann den Wagen an formierte sich ‘ne disziplinierte Polonäse. Im Gänsemarsch bewegte sich der schwankende Zug in Richtung Baracken. Da haben wir geschnallt: den Samariter würden wir uns für ‘ne spätere Gelegenheit aufsparen müssen. Haben wir uns verkrümelt und sind ins Haus.

Innen sah‘s ganz intakt aus, nur waren sämtliche Räume vollgemüllt mit Kriegsmaterial. Also da war der wohl ausgeflippteste Militärmessi am Werk gewesen, den man sich vorstellen kann. Kleiderpuppen in Uniform standen in Kompaniestärke stramm, massig viele Tellermützen aus sämtlichen Armeen der Welt warn an Wandhaken gehängt, verschiedene Helme stapelten sich wie Kochtöpfe in Stahlregalen. In Schirmständern staken scharfgeschliffene Säbel, Degen, Spieße, und überall an den Möbeln lehnten Schießprügel mit und ohne Bajonett; und Tarnnetze warn unter der Decke gespannt, mit Fahnen drin und bunten Wimpeln und Feldzeichen. Und rechts neben dem Fernseher drohte sogar ‘n topgepflegtes 8,8-Flakgeschütz mit seinem Eisenschlund; und als Bodenvasen für krepierte Sonnenblumen dienten blankpolierte großkalibrige Granathülsen. Der Fernseher war an, und was da lief, das passte prima zu der Raumgestaltung. Mehrere Blasorchester, mühsam im Zaum gehalten von ‘nem Dickwanst in roter Weste, versuchte anzulärmen gegen ‘nen lederbehosten Trachtenverein und ‘n blondgelocktes Bürschchen, das seiner Trompete Saures gab. Ein Stückchen weiter hinten schloss sich noch ‘n Zimmer an, das lag ganz in Kerzenlicht. Kriegsgerät war da nicht die Spur vorhanden, dafür sahen wir sieben zerwühlte Betten und konnten uns nicht genug wundern.

    Dieter meinte, es wär an der Zeit, mal die Biermarke zu wechseln. Ich konnt nicht mal drüber lachen, so seltsam ist die Sache mir langsam vorgekommen. In dem Augenblick bricht im Kriegszimmer ein Jodelwettstreit los, die Blasmusik verebbte mit ‘nem letzten Tubafurz, und drohend glotzte das Flakgeschütz mit stummem O-Mund zu uns herüber und schien irgendwie anzuschwellen. Aus dem Fernseher stieg ‘n dünnes Rauchwölkchen, die Kerzen im Schneewittchenzimmer fingen nervös an zu flackern; da haben wir uns umgedreht und zugesehn, dass wir‘s Wasser abgeschlagen kriegten.

    Kaum war‘n wir fertig - das Klo glich aufs Haar ‘ner echten Latrine -, kommt der Zwergengreis und holt uns ab.

    »Kommen Sie, meine Herren, folgen Sie mir. Ich will ihnen jetzt unsere Fabrikationsanlagen zeigen.«

    Wir latschten zu den Baracken.

    An langen Tischen werkelten die Mädchen, noch triefend vor Nässe und blutverschmiert. Jede hatte ‘nen Weidenkorb neben sich und ‘n scharfes Messerchen in der Hand. An der Seitenwand des Raumes bullerte ‘n mehrflammiger Herd, ein vorsintflutliches Ungetüm aus grauem Gusseisen. Drauf mehrere Kessel verteilt, in denen es wütend blubberte und schäumend überkochte. Überm Herd ‘n Spruch in ‘nem Goldrahmen:

           Solange der Schleim aus der Schnecke rinnt,

           bin ich dir grün, du liebes Kind.

Und neben dem Spruch hing noch ‘n Rahmen mit ‘nem weiteren Spruch:

           Schleimt die Schnecke bei Gewitter

           Bleib ich stets der eure Ritter!

    »Was Sie hier sehen«, sagt der Alte, indem er an seinem Knoblauch lutscht, »ist das Herz der nördlichen Weinbergschneckenmanufaktur. Für mich arbeiten ausschließlich weibliche Angestellte, weil nur sie in der Lage sind, mit ihren zarten Fingern die wertvollen Mollusken aus ihrer Behausung zu hakeln, ohne den sensiblen Fuß zu verletzen - Mein Patent!«, schmatzte Opa und zwinkerte uns listig zu. »Und das sind alles meine Töchter und Töchtertöchter - ein reiner Familienbetrieb, wenn Sie verstehen …«

    Während ich und Dieter Blicke tauschten, öffnete der Zwergengreis kichernd seinen Mantel - und da war nichts drunter!

    Ich muss ziemlich dämlich aus der Wäsche geguckt haben, denn die Schneewittchen stießen sich in die Seite und haben drauflosgekichert und wollten sich gar nicht mehr beruhigen.

    Der Alte verklickerte uns dann, wie die Viecher auf ihr Ende vorbereitet werden, führte uns zu den Kleiebetten und Salzkisten und all den Gerätschaften, die es braucht, so ‘ne Escargot fertig zu machen.

    Der Raum war angefüllt mit ‘nem Brodem aus Zwiebeln und Lorbeer, Thymian, Nelken und Weißwein. Aber dazwischen hing noch was anderes - ein Geruch, von dem einem schlecht werden konnt. Es stank nach saurem Spinat, kaltem Schleim und Kupfermünzen.

    Die sieben Schneewittchen machten sich wieder an die Arbeit, und der Zwerg stand da, mit ‘nem verklärten Lächeln unterm Helm, und knetete an seinen Fingern herum und nickte dazu, und sein Hals sah aus, als wollt er jeden Moment abbrechen. Die Schneewittchen hakelten die Unglückstiere aus ihren Eigenheimen und ließen die Messer blitzen. Die Tischplatten glänzten schleimbedeckt im Schein der Neonröhren, sogar an den Tischbeinen lief der Sabber runter. Neben dem Herd, auf ‘nem andern Tisch, füllten zwei Mädels mit ‘ner Schaumkelle die garen Schneckenfüße in Einmachgläser, deckelten zu, pappten Etiketten drauf und sortierten sie in hölzerne Versandkisten.

    Der Greisenzwerg wollt nun wissen, ob wir beeindruckt wär‘n?

    Na, und ob wir das war‘n.

Paris - ganz schön gefährlich

Die Sonne war schon so ziemlich am Wegsacken, als wir gemächlich über die Place de la Concorde tuckerten. Eine supergewaltige Sonnenuhr haben die da mitten ins Pflaster reingerammt, und gleich dahinter geht‘s achtspurig die Champs-Elysées hinauf.

    »Kann ‘n Mann ja richtig neidisch werden!«, staunte Dieter, als wir unsere Böcke an den Brunnen unterhalb der Sonnenuhr lehnten.

    Hatte er recht. War wirklich die größte Sonnenuhr, die wir je gesehen hatten; und ganz vollgemeißelt war die - mit so kleinen Männchen und Piepmätzen und ‘ner Geheimschrift, aus der wir nicht schlau wurden. Na, ich denk mal, in so ‘ner Weltstadt wie Paris kann man sich natürlich nicht mit schepprigen Sprühdosen zufrieden geben, um die Kulisse nach seinem Geschmack ‘n bisschen zu verschönern; hier greifen die Kids gleich ganz solide zu Hammer und Meißel. Frag mich bloß, wie die da hochgeklettert sind? Jedenfalls kann sich ‘n Putzlappen an so was die Zähne dran ausbeißen.

    Dieter stiefelte gleich drauflos, quer übern Platz. Der wollt sich mal ‘n Pissoir aus der Nähe begucken. »Weil‘s typisch Paris is - genau wie Eiffelturm und Louvre. Das muss man einfach mitgemacht haben.«

    Ich hol ‘n Kochpott raus, tauch ihn in den Brunnen und zieh ihn halbvoll wieder raus und mach den Kocher startklar. Paris hat neben Pissoir und Eiffelturm den Vorzug, dass man‘s Wasser von überall raus bedenkenlos trinken kann. Ihr könnt euch bestimmt denken, von wem wir das gelernt hatten.

    Kaum dass ich die Nudeln drin hatte, war Dieter schon zurück, aber mit knallroter Birne und am Zittern wie ‘n Rochen. Keucht er: »Ich hatt Ihn eben rausgeholt, da greift so ‘n Bürschchen danach, und wollt sich ‘n Taschengeld verdienen. Hab‘s grad noch geschafft, die Fliege zu machen. Werd ich wohl nicht mehr reinschneien in so ‘ne Pissbude, da kannste Gift drauf nehmen. Glaubt denn der, wie ich ausseh?«

    »Na, denn nicht«, sag ich. »Hau dich hin - Nudeln sind gleich fertig.«

    Um uns herum brauste der Feierabendverkehr. Fürchterliches Gehupe, klaro, aber prima war‘s doch, so im Auge des Orkans sein Abendbrot zu verdrücken. Aufm Brunnenrand hockte allerlei Jungvolk und machte Musik mit allem, was Krach erzeugt. So ‘ne Bohnenstange mit Haaren bis zum Arsch runter war ihrem Saxophon einen am Ablutschen, da könnt‘s ‘nem langgedienten Eunuchen warm ums Herz werden. Dieter wollt seine Mundharmonika einblasen, aber ich sag: »Wart man damit, bis wir in der Wüste sind!«

    Als wir aufgefuttert hatten, haben wir uns leider ‘n anderes Plätzchen zum Übernachten suchen müssen; die Bullen ham uns weggejagt. Um nicht aufzufallen, haben wir das Maul gehalten und uns in Richtung Champs-Elysées verkrümelt. Die Böcke, die war‘n uns plötzlich ‘n Klotz am Bein - gern wär‘n wir da solo herumspaziert - aber wo abstellen, die Dinger?

    Da fiel uns der Triumphbogen ins Auge, der war hell angestrahlt wie ‘ne Schießbude, da würd keine Sau draufkommen, ‘nen Diebstahl zu riskieren. Brauchten wir nicht lang zu überlegen. Also rüber über die Straße, und die Böcke beim Olympischen Feuer angekettet.

    Vorm ersten Bistro warfen wir uns gleich in die Korbstühle; und das war toll, wie all die piekfeinen Leute so an einem vorbeiflaniert sind. Ich glaub, ich hab sogar Boris Becker aus ‘nem Hutladen rausstolzieren sehn, hab aber Dieter nix gesagt, sonst wär der gleich hin wegen Autogramm und so. Wir hockten da lässig herum und schluckten nun doch dieses trübe Absinthzeugs, das sie hier Pastis nennen. Gar nicht übel, die Brühe, ging ganz schön zügig in die Birne. All die knackigen Puppen war‘n am Vorüberwackeln, doch nicht ‘ne einzige hat uns ‘nen Blick zugeworfen. Nach‘m dritten Glas kriegte Dieter ‘nen Moralischen, wollte zu seiner Ollen, und wenn nicht zu seiner Ollen, doch wenigstens auf ‘ne Matratze plus Wärmflasche aus Fleisch und Blut.

    »Geh doch wieder runter an dein Pisshaus«, sag ich, »vielleicht ergibt sich da doch noch was!«

    Wir zahlten und marschierten in die Nacht hinein, Kurs Eiffelturm. Dieter hörte auf, von Betten zu quatschen und verschoss seinen Vorrat an Franzosenwitzen.

    Dann ‘ne dicke Überraschung: Gegenüber vom Eiffelturm, auf der andern Seite vom Fluss, begann Afrika, und damit war‘n wir teilweise schon am Ziel. Die Afrikaner hockten da im Dunkeln herum, hockten auf den Treppenstufen und oben auf der Mauer aus klotzigen Steinquadern. Dieter konnt‘s nicht abwarten und wollt gleich drauflosknipsen. Wer weiß, was passiert wär, hätt ich ihm nicht die Pocket aus der Hand geschlagen. Denn so viel hatte ich auch schon in der Glotze gesehn: dass mit dieser Sorte Herrschaften nicht gut Kirschen essen ist - besonders nachts. Bestenfalls knöpfen sie dir die Moneten ab, im schlimmsten Fall kannste deine Knochen als tausendteiliges Puzzle im nächsten Krankenhaus abliefern. Diese Brüder hier schienen mir sogar Wilddiebe und Elfenbeinhändler zu sein. Immense Werte hatten die um sich herumdrapiert: ‘n ganzer Garten aus meterlangen Stoßzähnen war da gepflanzt, reichlich verziert mit Schnitzwerk; und ganze Elefantenfamilien marschierten über die Bastmatten; und von Kleiderständern baumelten Ledergürtel herunter wie geräucherte Baumschlangen. Als ob‘s nicht reichte, lag da, wüst übereinandergestapelt, außerdem noch ‘n kunterbunter Querschnitt durchs gesamte Washingtoner Artenschutzprogramm: Schildkrötenpanzer und halbe Korallenriffe und ausgestopfte Krokodile und Paradiesvögel, Zebrafelle, Antilopenbeine, getrocknete Affenbälger - und ich bin mir sicher: ich hab da sogar ‘nen blondhaarigen Schrumpfkopf gesehn!

    Die Wilddiebe hockten da und schwiegen düster vor sich hin. Das Mondlicht muss denen mächtig in den Augen gestochen haben, deshalb schützten die sich mit Sonnenbrillen; und zusätzlich hatten sie dicke Pudelmützen über die Krausköppe gestülpt oder wenigstens Baseballkappen, damit sie keinen Mondstich abbekamen.

    Dieter stand staunend wie ‘n Kind vorm Spielzeugladen und war am Flüstern: »Afrika! - dunkel-lockende Welt …« Und greift sich ‘nen Stoßzahn und wiegt ihn hin und her und malt mit den Fingern die Verzierungen nach. Lass die Pfoten davon, will ich noch sagen, da war‘s schon zu spät. Einen satten Hunni hat er hingeblättert und sich noch unterwürfig herumbedankt und dabei eingebildet, er hätt das Schnäppchen seines Lebens gemacht. Nun fing der Händler das Grinsen an und hat seine Sparkasse aufblitzen lassen - die ganze Fressluke die reinste Goldmine.

    Ich konnt die Freude von Dieter nicht die Spur teilen, weil ich keine Lust hatte, mit Elfenbein erwischt zu werden. Bin ich also bisschen sauer gewesen und hab nix mehr geredet und auch die nächsten Stunden nicht viel.

    Hätt ich damals geahnt, was dieser Stoßzahn uns noch für ‘n Glück bringen würde, wär ich ‘n bisschen weniger ruppig mit Dieter umgegangen. Später hat‘s mir leid getan, aber erst mal hab ich den Dieter vor mir her geschubst durch die halbe Stadt, bis wir ganz fußlahm wurden und hundsmüde und ich nichts dagegen hatte, dass wir uns unter ‘ne Brücke hauten.

    Ging nicht, weil da schon die Clochards herumpennten und null Bock hatten auf unsere Gesellschaft. Die haben uns Beine gemacht und mit Flaschen geschmissen. Sind wir rüber auf die andere Seite gedackelt und bei Notre Dame vorstellig geworden, aber die alte Lady hat nicht aufgemacht - da konnten wir noch so laut an die Pforte pochen. Sind wir noch ‘n Weilchen rumgestanden, und die Zähne haben uns zu Klappern angefangen, denn inzwischen war‘s ziemlich frisch geworden. Dieter stand bibbernd und umarmte seinen Stoßzahn, und sagt er: »Hätten doch bei dem Schneckenzwerg bleiben sollen die Nacht über, dann würden uns jetzt die sieben Schneewittchen das Blut zum Kochen bringen. Überleg mal, Kurti: das wär‘n dreieinhalb für jeden gewesen und …«

    »Und schön schleimig vor allem - und du hättest die hundert Mäuse nicht ins Klo runtergespült, und ich hätt nicht die ganze Zeit die Schnauze halten müssen, weil ich nicht sauer gewesen wär mit deiner Schnapsidee - aber nu isses zu spät, nu müssen wir die Suppe auslöffeln.«

War sträflich behämmert von uns gewesen, so einfach drauflos zu marschieren ohne die Böcke, wo doch der Dümmste weiß, dass ‘n Cowboy sich niemals von seinem Zossen trennt, besonders auf feindlichem Territorium. Haben uns lärmig ‘nen Schwall an Unfreundlichkeiten an die Köpfe geworfen, bis mir nichts mehr einfallen wollt, nur noch dem Dieter. Sagt er: »Da häng ich hier rum in ‘nem fremden Kaff, nix zu fressen, nix zum Saufen, kann mich kaum noch auf den Beinen halten, und in den Satteltaschen verdunsten Madame Rum und Mademoiselle Doppelkorn - Trösterinnen der Nacht, Kameradinnen unter fremden Sternen …«