Ich und Ernst - Martin Strobl - E-Book

Ich und Ernst E-Book

Martin Strobl

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Beschreibung

Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie sich selbst daran hindern, unbeschwert und glücklich zu sein? Wenn Ihnen alles zur Last fällt und Sie nirgendwo mehr durchblicken, obwohl ein Teil von Ihnen eine unendliche Sehnsucht nach Klarheit, Wahrheit und Frieden hat? Haben Sie sich noch nie gefragt: Verdammt noch mal, was ist da los? Bin ich das wirklich? Das passt doch gar nicht zu mir! Wir alle haben ein Bild von uns - vor allem davon, wie wir uns gerne haben möchten. Und doch erfahren wir uns immer wieder in schmerzhaften Dualismen und nicht in lebendiger Einheit mit uns selbst. Hallooo! Ist da jemand? Ist da vielleicht noch ein ganz anderer in mir drin? Ein illegaler Untermieter? Ein innerer Schweinehund, Spaßkiller, Todernst, ein gefährlicher Schläfer, der Ihnen Ihr Glück nicht gönnt? Ich weiß nicht, ob es Ihnen hilft: Aber Sie sind nicht alleine mit dieser Befürchtung, eben nicht alleine zu sein. Aber keine Angst, wir sprechen nicht von Schizophrenie, sondern nur von dem ganz normalen Wahnsinn in unserem Inneren. ICH UND ERNST ist die Geschichte zweier verfeindeter Brüder, die langsam wieder zu Freunden werden. Es ist eine Hommage ans Leben und an die Liebe, aber auch an den Zwiespalt, der uns am Leben erhält. Dies sind die originalen Aufzeichnungen meiner Gespräche mit meinem inneren Ernst.

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Gewidmet allen Menschen, die noch Träume haben,

besonders aber jenen, die keine mehr haben.

Das Leben

Das Leben ist eine Chance, nutze sie.

Das Leben ist schön, bewundere es.

Das Leben ist ein Traum, verwirkliche ihn.

Das Leben ist eine Herausforderung, nimm sie an.

Das Leben ist kostbar, geh sorgsam damit um.

Das Leben ist ein Reichtum, bewahre ihn.

Das Leben ist ein Rätsel, löse es.

Das Leben ist ein Lied, singe es.

Das Leben ist ein Abenteuer, wage es.

Das Leben ist Liebe, genieße sie.

„Mutter Teresa“

INHALT

Vorwort

Kapitel 1 - Der Traum

Kapitel 2 - Über das Lachen

Kapitel 3 - Die Wahrheit über uns selbst

Kapitel 4 - Der Sinn des Lebens

Kapitel 5 - Ernst aus dem Hinterhalt

Kapitel 6 - Wahrer Erfolg

Kapitel 7 - Das Ego

Kapitel 8 - Die Liebe

Kapitel 9 - Die Angst

Kapitel 10 - Gibt es Gott?

Kapitel 11 - Rea und die Suche nach Gott

Danksagung

Vorwort

Kennen Sie sich selbst? Ja? Ihr ganzes inneres Ich?

Wenn sie jetzt ja sagen, dann sitzen Sie wahrscheinlich grad irgendeinem falschen Guru auf. Dann steht der momentane Grad Ihrer Selbsterkenntnis sicher in direktem Verhältnis zu Ihrem jetzigen Kontostand. Aber keine Sorge: Das wird nicht lange anhalten! Sie kommen schon wieder zur Besinnung. Blöd nur, wenn Sie immer wieder neue Versuche in diese Richtung starten … und das werden Sie, glauben Sie mir! Selbstfindungseifer hat nämlich Verselbständigungspotential, ganz zur Freude der einschlägigen Glücksexperten.

Aha: Sie gehören nicht zu diesen Leuten, die sich von anderen was einreden lassen. Selbst ist der Mann, die Frau! Auch Selbstbetrug ist für Sie persönlich kein Thema? Sehen Sie, ich verstehe Sie: Sie brauchen tatsächlich keinen, der Ihnen was vormacht. Das besorgen Sie schon selber.

Tja, jetzt frage ich mich aber, wieso Sie überhaupt sowas wie das hier lesen?

Sie wissen doch schon Bescheid über sich selbst. Ich hab`s: Sie wollen sich bestätigen, dass Ihnen nichts davon neu ist! Und wissen Sie was: Sie haben vollkommen Recht! Nichts Neues steht in diesem Buch - genauso übrigens wie in keinem anderen Buch der Welt. Gratulation: Ihre sämtlichen Erkenntnisqualen, geistigspirituellen Übungen und Erleuchtungs-Maßnahmen haben gefruchtet, denn Sie haben das Wesentliche gecheckt: Nichts Neues unter der Sonne. Jawohl. Machen Sie sich doch lieber ran an die Wurst, ein erfülltes Leben im Einklang mit sich selbst, mit Gott und der Welt wartet nur auf Sie.

Gedacht ist dieses Buch auch gar nicht für Sie, die schon alles durchblicken, sondern für alle, die noch auf der Suche sind. Aber auf der Suche wonach? Wissen Sie es etwa schon oder sind Sie gerade erst auf der Suche, herauszufinden, wonach Sie auf der Suche sind?

Sie alle muss ich ebenfalls warnen: Versprechen Sie sich nur nicht zu viel! Dieses Buch wird Ihnen keine Gewissheiten bringen. Im Gegenteil: Es legt es fast schon darauf an, Ihnen Gewissheiten zu nehmen! Warum? Ganz einfach: Weil es sie nicht geben kann. Jedenfalls nicht in diesem Leben. Das wissen Sie bereits? Oh, da haben wir es mit einem/einer Experten/in zu tun. “Ich weiß, dass ich nichts weiß“... perfekt! Also, Sie könnten damit ebenfalls das Buch gleich wieder aus der Hand legen.

Es sei denn, Sie haben vielleicht das dumpfe Gefühl, dass man mit dieser ultimativen Erkenntnis, eigentlich nichts zu wissen, halt praktisch auch noch nicht viel anfangen kann? Dass mit dieser Weisheit letztem Schluss auch Schluss mit Nachdenken sein könnte, denn wer denkt schon nach, wenn er damit ohnehin auf keinen grünen Zweig kommt? Kurzum: Dieser Leitspruch kann den Geist genauso zur Stecke bringen wie die gegenteilige Gewissheit, alles zu wissen. Nur auf einem höheren geistigen Level eben – Holzweg für Superhirne oder viel erfahrene Selbsterfahrer – oder alle, die sich dafür halten.

Aber einmal realistisch betrachtet: Diese geistige Textur, liebe/r Leser/in, ist zugegeben eher selten, denn das Leben lässt ja keinen von uns mit all unseren glänzenden Deutungsmustern in Ruhe, sondern stellt unsere Interpretationen ständig auf harte Bewährungsproben.

Außerdem trifft diese Strategie-Variante offenbar auch nicht auf Ihre zu, denn sonst würden Sie sich diese Zeilen wohl nicht vor die Nase halten und jetzt bereits - sagen wir einmal: fünf Minuten …? lesen.

Warten Sie, es gibt eine weitere mögliche Erklärung: Finden Sie etwa amüsant, was ich da sage? Sie lesen weiter, weil sie sich Unterhaltung versprechen? Für diesen Fall seien auch Sie im Voraus gewarnt: Dieses Buch ist nicht als Lachfutter gedacht. Geht gar nicht. Tiefe Gedanken sind an sich nicht lustig. Also vergessen Sie es. Da müssen Sie sich schon eine andere Lektüre suchen, sorry.

So, nachdem der Schreiber jetzt die Spreu vom Weizen getrennt und alle möglichen falschen Erwartungen zunichte gemacht hat, schauen wir mal, was nach diesem Kahlschlag übrig bleibt. Dazu ist der Schreiber schon aus Eigeninteresse gezwungen, denn es ist als Autor äußerst unklug, einen großen Teil der Leserschaft bereits in der Einleitung abzuschießen.

Machen wir es so: Sie halten sich einfach drei grundsätzliche Möglichkeiten vor Augen.

Die beste ist die Variante A: Sie sagen: „Ja, ich will weiterlesen und der Sache auf den Grund gehen.“ Schlimmstenfalls haben Sie sich wieder einmal auf ein sinnloses Geschwafel in einem sinnlosen Buch eingelassen – es wäre ja nicht das erste Mal - das letzte wahrscheinlich auch nicht. Also nehmen Sie’s sportlich. Oder Sie nehmen die Abkürzung und greifen gleich zu Variante B: Sie sagen: „Was will der Clown? Dafür ist mir die Zeit zu schade.“ Sie legen das Buch zur Seite oder in den Papierkorb oder ins Holzfeuer. Sie können es natürlich auch zerreißen oder zerbeißen und darauf herumtrampeln wie das Rumpelstilzchen oder es jemanden in die Fresse hauen, wenn Ihnen gerade danach ist. Kann Frust abbauen. Falls Sie aber nachhaltig denken, dann recyceln Sie es lieber: Verschenken Sie es an jemanden, der es nötig hat oder verwenden Sie es als Unterlage für ihren wackeligen Wohnzimmertisch. Das lasse ich ganz bei Ihnen - könnte ich ohnehin nicht verhindern.

Last but not least Möglichkeit C: Sie sagen vielleicht! Diese dritte Variante ist allerdings keine echte Alternative, denn sie kommt in der Praxis der Variante B gleich: Wer sich nicht entscheiden kann, ob er ein Buch lesen will oder nicht, hat sich in dem Moment, wo er es mit einem „vielleicht?“ aus der Hand legt, eh schon dagegen entschieden es jemals zu lesen.

Jetzt aber einmal ernsthaft: Was erwartet Sie als Leser/ Leserin nun wirklich? Und was könnte dieses Buch gerade Ihnen bieten?

Zuerst nochmal die Kernfrage: Kennen Sie ihr „wahres Gesicht“? Ihr „wahres inneres Ich“? Wieweit, glauben Sie, sind Sie schon zu sich selbst vorgedrungen? Ich wage die Behauptung, dass Sie genau so weit sind, inwieweit Sie erkannt haben, dass es nicht einen einzigen, homogenen Kern Ihres inneren Wesens gibt! Sie müssten also die Erfahrung gemacht haben: Es gibt mehrere Versionen von Ihnen selbst! Und alle sind wahr.

Kennen Sie zum Beispiel Ihren inneren Optimisten, genauso wie den Pessimisten, Ihre mutige und Ihre ängstliche Seite, die emotionale und die rationale Seite, die unsichere und die selbstbewusste Seite, die falsche und die ehrliche Seite, Ihr inneres Kind und den Erwachsenen usw. Das könnte man natürlich ewig fortsetzen.

Ausgehend von dieser Erkenntnis dürfte es um die Frage gehen, wieweit es einem nur dann gutgehen kann, wenn man die vorgefundenen Gegensätze und Dissonanzen auflöst. Ob man einfach alle widersprüchlichen Teile seiner individuellen Persönlichkeit annehmen und sich mit dieser Spaltung abfinden soll und kann. Ob es am Ende gar gefährlich ist, sich überhaupt dieser inneren Gegensätze voll bewusst zu werden, indem man sie an die Oberfläche zerrt? Zerlegt man sich dabei nicht noch mehr in alle Einzelteile? Und nix ist mehr fix?

Eines steht jedenfalls fest: Sich in seiner multiplen Identität zu erleben, ist für uns oft schmerzhaft, denn jeder sehnt sich nach Ganzheit und Auflösung aller Widersprüche, Kanten und Ecken. Das ist einfach so. Für jeden eine Lebensgrunderfahrung.

Und was alles tun wir, um diese Widersprüche und Risse zuzukleistern! Und wenn es nur darum geht, sie vor unseren Mitmenschen zu kaschieren und ein rundes Bild abzugeben. Keiner liebt Widersprüche, weder am anderen, noch an sich selbst. Und obwohl jeder um seine ungeliebten Seiten weiß - und sie noch viel leichter am anderen erkennt - hält jeder an diesem Rollenspiel fest, als wäre das Leben ein grandioses Theaterspektakel. Aber dieser Selbst- und Fremdbetrug rächt sich für jeden der Akteure! Es mögen sich Mitmenschen für eine gewisse Zeit betrügen lassen: Unser inneres Ich ist unbestechlich! Die Wahrheit über uns selbst liegt ständig auf der Lauer und lässt uns höchstens zu einer Scheinruhe kommen. Unter der mühsam geglätteten Oberfläche führen unsere verdrängten Seiten und Teilpersönlichkeiten ein Eigenleben, welches wir niemals völlig kontrollieren und bewusst steuern können – allen falschen Glücksexperten und verschiedensten Betäubungsstrategien zum Trotz. Und je mehr man die eigenen Gaga-Seiten verleugnet und verdrängt, desto mächtiger und unkontrollierbarer werden sie und sabotieren unser Leben. Sie sind sogar im Stande, Koalitionen zu bilden und in unserem Inneren heftige Kämpfe gegeneinander auszutragen, um Macht über die andere Seite zu gewinnen.

Nun, das ist natürlich der schlechteste Weg, denn das bindet gewaltig viel Energie, die dann für die lustvollen Lebensseiten nicht mehr zur Verfügung steht. Außerdem festigt sich durch Kampf auch jede Gegnerschaft, und so kann eine Persönlichkeit immer weiter auseinanderreißen.

Genau diese Kämpfe habe ich jahrelang in meinem Inneren ausgefochten.

Ich war, ohne es zu wissen, in einen Konflikt mit mir und der Welt geraten, gleichzeitig aber sehnte ich mich nach Frieden und Harmonie. Ich sah mich immer wieder als Opfer meiner Umstände - leider nicht meiner Selbst. Ich war mir sicher, dass es das Leben doch gut mit mir meinen musste, so ein liebes Kerlchen, wie ich doch war! Und wenn sich die Ereignisse in meinem Leben positiv gestalteten, hatte ich mir das selbstverständlich verdient und rief dem Leben mein herrlichstes „Ja!“ entgegen. So sollte es sein. Und gefälligst bleiben. Sobald mir das Leben aber dann wieder mit harten Anforderungen kam und mir unangenehme Notwendigkeiten vor die Nase knallte, ging meine Glückskurve wieder rasant nach unten. Es brauchte oft sogar nur einen problematischen Anstoß, einen enttäuschenden Augenblick und …wusch! – schon fühlte ich mich wieder auf die andere Seite gerissen und brachte mich selbst zu Fall. Da war dann nichts mehr von meinem inneren Wonnepfropfen zu spüren, im Gegenteil: Ein Moloch von Negativität mit vielen Angst– und Sorgententakeln legte sich auf mein Gemüt und erstickte jede Zuversicht in seinem Würgegriff, so heftig ich mich auch dagegen wehrte. Dieses Gefühl der Zerrissenheit stellte eine echte Glücksbremse in meinem Leben dar. Irgendjemand oder irgendetwas in mir selbst wollte offenbar nicht, dass es mir gutging.

Aber ich trug aus heutiger Sicht auch nichts Entscheidendes zur Verbesserung meiner Lage bei. Mich ärgern und beklagen über alles und jeden – natürlich auch über das garstige Sorgenkind in mir selbst – das tat ich zur Genüge. Und wie gerne! Dabei stand ich mir schlicht und einfach nur selbst im Weg.

Weil ich mich nur zur Hälfte annehmen konnte.

Und das Leben in seiner vollen Bandbreite noch weniger.

Es brauchte viele Jahre, bis auch mir, dem Liebling der Götter und Arschloch zugleich, langsam dämmerte, dass sich die Welt wohl bis an mein Lebensende hartnäckig weigern würde, sich für mich zu ändern.

Also kam mir notgedrungen der Verdacht, dass wohl ich an mir selbst Hand anlegen musste.

Da war aber guter Rat teuer, denn der Feind steckte ja in mir selber und feierte immer wieder seine schändlichen Siege über meine Lebensfreude und meine Lebenserfolge. Aber wie Siegesfeiern fühlte sich das freilich überhaupt nicht an in meinem Inneren! Was da am Laufen war, hatte mehr Beerdigungscharakter. Wie wenn ich mir selbst ein Grab geschaufelt hätte und gleich die Radieschen von unten sehen müsste.

Nun, man sagt ja immer, man müsse seine Feinde noch besser kennen als seine Freunde – um sie besiegen zu können natürlich. Also wollte ich es einmal damit versuchen, diesen tiefen Ernst, ja Todernst, Grabesernst in mir auf die Schliche zu kommen, der mir ständig Sand ins Getriebe meiner Glücksgefühle streute, ja, ganze Felsbrocken in den Weg legte, wenn ich gerade gut in Fahrt war.

Also hörte, sah, fühlte ich in mich hinein. Wo war er? Was tat er? Worauf wollte er hinaus? Ich beobachtete ihn, verfolgte ihn. Es wurde fast zu einem Zwang.

Und genau da passierte etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte und heute noch kaum glauben kann!

Ob Sie, lieber/e Leser/in das für bare Münze halten, überlasse ich wieder ganz Ihrer freien Entscheidung, in der ich Sie weder von der einen noch von der anderen Seite beeinflussen möchte.

Verraten will ich Ihnen nur so viel: Ich erzähle Ihnen im Folgenden eine Geschichte, wie zwei verfeindete Brüder langsam zu Freunden wurden, nachdem sie seit ihrer Kindheit getrennt waren. Und das, obwohl sie kurioserweise immer unter einem Dach gelebt hatten.

Es ist die Geschichte des neuen Kennenlernens und des Zusammenraufens der beiden im Rahmen harter, aber humoristisch–herzlicher Friedensgespräche, dessen Wort-Protokoll ich Ihnen, lieber/e Leser/in hiermit ans Herz lege.

Dies sind die originalen Aufzeichnungen, meiner Gespräche mit Ernst. Sie werden vielleicht das ein oder andere in diesem Dialog nicht in sich selbst wiederfinden können, dazu sind wir alle zu verschieden. Und doch wird Ihnen einiges recht bekannt vorkommen und Sie dürfen sich auch auf das eine oder andere Lichtlein, das Ihnen aufgehen wird, freuen. Ich wünsche Ihnen recht viele davon. Aber erwarten Sie nichts, sonst werden Sie am Ende doch wieder enttäuscht sein. Seien Sie einfach offen – auch zu sich selbst. Glauben Sie mir, es lohnt sich.

Kapitel 1

Der Traum

Alles begann mit einem Traum:

Am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen. Strahlendes Blau … und ich ganz allein auf der Welt, grenzenlos frei...

Beseelt schlenderte ich durch eine Art Stadtpark. Alles stand in voller Blüte. Das Grün platzte förmlich aus allen Ecken. Ein leichter Windhauch versetzte das Ganze in eine sanfte, wiegende Bewegung und machte die Szenerie perfekt. Das ist genau mein Ding, dachte ich noch, als mein Blick eine knallrote Bank streifte und dort hängen blieb. Denn die stand zwar wie hingemalt unter einem uralten Baum, doch die Bank war nicht leer.

War das eine menschliche Gestalt? Das passte jetzt aber gar nicht ins Bild! Wer oder was wagte es, diesen magischen Moment zu vermasseln? Ach nö!

Missmutig, aber zugleich neugierig näherte ich mich der Bank und erkannte einen in sich zusammengesunkenen Mann. Der Kopf hing ihm schwer nach unten, bis fast in den Schoss. Die dürren Schultern standen spitz nach oben und der Körper teilte sich von den Knien abwärts in ein umgedrehtes, breites V. Die nach unten durchhängenden Arme verstärkten den Eindruck einer unheimlichen Gedrücktheit und Schwere, die wie eine graue, dunkle Wolke unwillkürlich auf mich übergriff. Und plobb ... zerplatzte meine wunderschöne Gefühls-Seifenblase. Wusste ich`s doch: Zu schön, um wahr zu sein!

Was ist denn mit dem los? Schläft der oder ist er tot? Blödsinn, in dieser Position weder das eine noch das andere. Aber vielleicht fühlt er sich nicht wohl und braucht Hilfe? Verwahrlost, mit kaputten Schuhen und einer schäbigen Jacke... Er sah aus wie jemand, der schon lange kein Zuhause mehr hatte.

Na los, sprich ihn an! Ich setzte mich vorsichtig neben ihn und fragte ihn von der Seite: „Guten Tag! Ist alles in Ordnung, brauchen Sie Hilfe?“ Der Mann reagierte nicht. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen, ist Ihnen schlecht?“ Wieder keine Antwort. Der Mann gab überhaupt kein Lebenszeichen von sich und mich beschlich zunehmend ein seltsames Gefühl. Mir war, als müsste ich diesen Mann dazu bringen, mit mir zu sprechen. Also stupste ich ihn leicht an der Schulter. „Hallo!“, sagte ich erneut, „ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Keine Regung. Ungeduldig begann ich ihn an der Schulter zu rütteln. „Hallooo! Ist da jemand?“ Da erwachte er plötzlich aus seiner Apathie, hob seinen Kopf und drehte ihn ganz langsam in meine Richtung. Schon beim Halbprofil erschrak ich. Mein Gott, war der alt! Und hässlich! Was für ein Leben hinterlässt so schreckliche Spuren in einem Gesicht? Der Hammer aber kam in dem Moment, als ich ihm voll ins Gesicht sehen konnte! Mein Atem setzte aus und ein heftiger Adrenalinstoß schoss durch meinen Körper, als meine Augen die seinen trafen. Der leere, dennoch bohrende Blick schnitt durch meine Augen tief in meine Seele wie ein Messer in die Butter! Das Schlimmste aber: Starr vor Entsetzen erkannte ich, dass ich nicht in fremde, sondern in meine eigenen Augen, in mein eigenes Gesicht, sah! Mein eigenes Gesicht! Aber alt und verbraucht, traurig, teilnahmslos – wie tot!!

Schockiert schoss ich hoch und stieß mir den Kopf am Holzbalken über meinem Bett. Aua! Jetzt war ich wach! Gott sei Dank! Alles bloß ein Traum! Ein schrecklicher, fürchterlicher Traum! Was für einen Mist doch mein Gehirn produziert, wenn es sich selbst überlassen ist. Für solche Träume bedanke ich mich aber. Dabei hatte der Traum so schön begonnen und ich hatte mich endlich einmal so richtig unbeschwert gefühlt, wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr… Nun, die Realität hatte mich also wieder.

Kaltes, weißes Licht von einer Straßenlaterne fiel durch das Fenster. Es war erst halb zwei Uhr morgens. Ich fühlte mich noch ganz erledigt. Benommen torkelte ich dennoch ins Bad, um in den Spiegel zu sehen. Zum Glück sah ich in mein vertrautes Gesicht. Auch nicht vom Allerfeinsten, aber im Vergleich zu der Visage im Traum durchaus passabel.

Kaum hatte ich das gedacht, verwandelte sich mein Spiegelbild plötzlich wieder in diese verdammte Fratze! Nein! Ein Traum, bloß ein Traum! Träume sind Schäume, geh weg, du hast hier nichts mehr verloren, ich bin wach! Oder doch nicht? Ich fasste mir mit der Hand ins Gesicht und zwickte mir in die Nase. Es fühlte sich normal an und auch mein Spiegelbild passte plötzlich wieder.

Aber leider nur für ein paar Sekunden. Denn bevor ich noch beginnen konnte, wieder zu mir selbst zu kommen, musste ich hilflos mit ansehen, wie sich das Zerrgesicht langsam, aber sicher, erneut über meines schob, bis mein gewohntes Antlitz wieder ganz aufgefressen war.

Ja hörte denn dieser Alptraum nie mehr auf?? Wie weiß man eigentlich, ob man wach ist oder schläft?

Ich hab’s: Aufwachen geht offenbar nicht, vielleicht klappt es ja mit Schlafengehen... Genau! Ab ins Bett… So, Licht aus, Decke über den Kopf. Morgen ist alles wieder gut… Zwar ist mein wirkliches Leben auch nicht das Gelbe vom Ei und das Morgen wird auch nicht erhebend sein, aber immerhin kann ich es selbstbestimmt meistern und muss nicht das hilflose Opfer meines offenbar kranken Unterbewusstseins spielen. Schlafen…

……

Hatte ich in diesem Traum tatsächlich mich selbst als eine solche Jammerfigur auf einer Bank sitzen sehen? So ein Quatsch!

Jetzt wird geschlafen!

……

Verdammt, ich kann nicht einschlafen! Oder aufwachen? Moment: Kann man sich denn im Traum Gedanken über die Bedeutung von Träumen machen? Wohl eher nicht! Ich bin also definitiv wach!

……

Aber vorher muss ich doch zumindest kurz geschlafen haben … ein grässlicher Traum…

Man sagt, dass Träume immer eine tiefere Bedeutung haben…

Aus! Darüber kannst du morgen noch genauso nachdenken! Oder auch nicht, wenn du nicht willst.

……

Was in Gottes Namen sollte dieses garstige Spiegelbild mir sagen wollen? Dass ich so enden werde? Dass ich in Wahrheit so bin? Dass ich einen unbekannten Untermieter, ein zweites Ich, habe?

……

Hatten sich im Traum womöglich meine unbewussten, dunklen Abgründe offenbart? Ach was, davon müsste ich wohl etwas wissen… Nein, müsste ich natürlich nicht! Wozu heißt es denn das „Unbewusste“, du Vollpfosten.

……

Allerdings … wenn ich so nachdenke, ist mir eine solche dunkle Seite an mir gar nicht so unbekannt. Wenn ich ehrlich bin, hat mich dieses Gefühl, wie ich es in der Begegnung mit diesem abgewrackten Typ aus dem Traum empfunden habe, schon öfter einmal befallen, nur nicht so stark und überfallsartig. Es hat mich eher als Hintergrundmusik begleitet – meist fast unmerklich leise, teilweise aber hat die Tonart auch ganz schön schrille Misstöne in meine Sinfonie gebracht, das ist nicht zu leugnen. Und die habe ich mir noch selber reingehaut? Dödel, wer denn sonst?

……

War denn dieser Traum womöglich ein Hinweis, dass etwas in mir drinsteckt, das sich getrieben und geschunden vom Leben fühlt und nur mehr deprimiert herumhängt? Oder war es mein zukünftiger innerer Tod, der auf dieser Parkbank saß? Führte mir dieser Traum vielleicht auf erschreckende Weise vor Augen, wie es mir eines Tages ergehen würde, wenn ich mich nicht endlich für ein glücklicheres Leben entscheiden würde?

……

Ach was, ich hatte diese Missstimmung an mir immer ganz gut im Griff. Jeder hat seine dunklen Seiten. Das ist völlig normal.

Ob es aber normal ist, dass man ihnen so lebendig begegnet?

Und während ich mich ganz unruhig wie eine Waschmaschinentrommel von einer Seite auf die andere drehte, wurde mir immer klarer: Ich war wach, vielleicht schon die ganze Zeit! Auf jeden Fall musste ich ihn ernst nehmen, diesen schauerlichen Ernst, diese trübselige Kreatur wiederfinden, die mir so ähnlich war – und sei es nur im Traum.

Und so fürchterlich er auch gewesen war, ich hoffte diesen Alptraum jetzt noch einmal zu träumen, „mir“ - oder „ihm“? - noch einmal in die Augen sehen … mit ihm reden … ihn fragen…

Aber es klappte nicht die Bohne! Ich bekam die ganze Nacht kein Auge mehr zu.

Am nächsten Morgen ging ich total k.o meinem Alltag nach, aber die Bank, der Mann und mein abstoßendes Gesicht gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.