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Zehntausende Menschen folgen jedes Jahr einer jahrhundertealten Tradition und wandern auf dem Jakobsweg von der französischen-spanischen Grenze durch den Norden Spaniens nach Santiago de Compostela. Ein Grund mehr für den Autor, seine Pilgerfahrt auf dem Camino Francés im tiefsten Winter zu unternehmen, wenn nur noch vereinzelt Pilger unterwegs sind. Es sollte eigentlich nur eine weitere einsame Langstreckenwanderung werden, aber auf den Spuren von Pilgern aus mehreren Jahrhunderten in einem weiten und kalten Land mit viel Geschichte und noch mehr Geschichten wurde es am Ende eine Begegnung mit einzigartigen Menschen und mit sich selbst.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2015
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In den einsamen Stunden, wenn der Gedanke an das Umdrehen, an das Aufhören fast übermächtig wird, dann begegnen sie den Pilgern.
Es sind diejenigen, die vor ihnen diesen Weg gegangen sind. Sie haben tiefe Furchen in den Boden getreten. Hohlwege, oft metertief und vom Ginster ganz verwachsen.
Diese Spur, diese Narbe, getränkt von Schweiß und Tränen, zieht sich schnurgerade über Berg und Tal ohne Umschweife nach Westen.
Es sind Tausende, ja Abertausende gewesen, die hier gegangen sind. Wo so viel gebetet, geflucht, gehofft und gefürchtet wurde, da bleibt etwas hängen. Da ist etwas im Rascheln der Blätter, im Wispern des Windes. Da ist ihr Geist zu spüren.
Detlef Willand
Vorwort
Vor der Reise
Pamplona
Lorca
Los Arcos
Logroño
Azofra
Belorado
Atapuerca
Tardajos
Itero de la Vega
Carrión de los Condes
Sahagün
Mansilla de las Mullas
León
Hospital del Orbigo
Rabanal del Camino
Ponferrada
Ruitelán
Triacastela
Portomarín
Mato-Casanova
Santa Irene
Santiago de Compostela
Negreira
Olveiroa
Cabo Finisterre
Etappenübersicht
Jedes Jahr laufen Tausende Menschen auf den Jakobswegen nach Santiago de Compostela. Manche starten wie vor hunderten Jahren an ihrer Haustür tausende Kilometer von Santiago entfernt, viele erst in Sarria, von wo es nur noch 100km bis dorthin sind. Buchhandlungen, Bibliotheken und das Internet beherbergen eine Unzahl von Büchern und Berichten über diese Pfade. Somit stellt sich eine Frage: Was hat mich dazu veranlasst, dieser Sammlung noch ein Buch hinzuzufügen?
Nun, normalerweise werden Reiseberichte von Menschen verfasst, die das Begehen extremer Pfade zu ihrem Beruf gemacht haben. Herauskommen dann Reiseberichte über Weltumsegelungen, über die Durchquerung des grönländischen Inlandeises oder über die Eroberung des afrikanischen Kontinents mit dem Fahrrad. So inspirierend, anschaulich und unterhaltsam diese Reiseberichte sein mögen und wie gerne ich sie lese, so entstammen sie doch der Feder von Menschen, die dieses Leben zu ihrem Beruf gemacht haben: Sie leben davon, durch die Welt zu streifen und anschließend anderen davon zu berichten.
Die Leser ihrer Bücher hingegen gehen ganz alltäglichen Berufen nach. Sie gehen werktags zur Arbeit, sind Krankenschwester, Architekt oder Schreiner, spielen mit ihren Freunden abends im Sportverein Handball, gehen mit ihnen in Cafés und plaudern dort stundenlang und machen an den Wochenenden eine Hüttenwanderung in den Alpen, eine Radtour entlang der Elbe oder einfach nur täglich einen längeren Spaziergang mit ihrem Labrador.
Dieses Buch ist nicht von einem der oben beschriebenen Autoren. Es ist von einem dieser Leser. Als ich zu dieser Wanderung aufgebrochen bin, habe ich mit einer Wanderung gerechnet, wie ich sie schon häufig unternommen habe. Zwar sollte diese deutlich länger werden als alle vorherigen, aber davon mal abgesehen, erwartete ich nichts anderes als auf den Touren vergangener Jahre in Schweden, Irland oder den europäischen Alpen. Das war ein Irrtum.
Da waren so viele kleine Geschichten, so verschiedene Charaktere, so interessante Begegnungen, dass sich mein Tagebuch unterwegs mehr und mehr füllte. Während einer kalten Nacht in den Bergen von León beschloss ich, eines Tages die Geschichte dieser Reise in einem Buch zu erzählen.
Dies ist eine Geschichte darüber, dass das Außergewöhnliche nicht nur Abenteurern vorbehalten ist, sondern von jedem erfahren werden kann. Dies ist eine Einladung, von Zeit zu Zeit das alltägliche Leben für einige Wochen zu verlassen und Träume zu verwirklichen.
Deswegen habe ich das Buch geschrieben. Dies ist meine Geschichte.
Wie jede Reise, so fing auch diese weit in der Vergangenheit an. Mehrtageswanderungen, auf neudeutsch Trekking genannt, waren kein Neuland für mich, sondern sind in meinen Augen die intensivste Art zu reisen. So war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich von den Jakobswegen hörte. Pilgerpfade, über tausend Jahre alt und noch immer begangen.
Ich kaufte mir Bücher über diese Wege und begann zu lesen. Die Pfade führen auch heute noch durch dünn besiedeltes Gebiet. Herbergen bieten dem Wanderer ein Dach über dem Kopf, ein Bett, eine Kochgelegenheit, eine Dusche. Meine bisherigen Pfade brachten es problemlos fertig, für Wochen Duschen weiträumig zu umgehen, und begnügten sich auch mal mit Lagerstätten unter freiem Sternenhimmel anstatt mit solide gemauerten Herbergen. Die Beschreibung der Etappen auf dem Jakobsweg las sich für mich wie der pure Luxus.
Und wie meine eigene, ganz private Hölle: In den Sommermonaten sollte der Weg schlicht und ergreifend überlaufen sein. Pilger, die bereits um vier Uhr morgens aufbrechen. Herbergen, die ab Mittag aus allen Nähten platzen. Lärm in den Schlafsälen, Unrat auf den Wegen. Diese Seite der Jakobswege ist fernab von jenem Erlebnis, das ich sonst suche: Die einsame Begegnung zwischen mir und der Landschaft. Das tagelange Treibenlassen meiner Gedanken, weil niemand in der Nähe ist, der sie beim Herumtollen stören könnte. Somit ergab sich nur eine Möglichkeit: Wenn ich den Jakobsweg laufen wollte, dann müsste es im Winter sein. Wenn viele der Herbergen geschlossen sind, nur wenige Pilger auf dem Camino unterwegs sind, und der Winter das kastilische Hochland in den Kälteschlaf versetzt.
Frühere Reisen in Südeuropa hatten mir einprägsam demonstriert, dass es schwer ist, sich dort ohne Kenntnisse der Landessprache zu verständigen. Somit würde eine Wanderung auf dem Jakobsweg nur möglich sein, wenn ich zumindest rudimentäre Kenntnisse der spanischen Sprache hätte. Ich begann also, mich an der örtlichen Volkshochschule einzuschreiben und freiwillig das zu tun, was ich zuletzt und nur unter Widerwillen in der Schule getan habe: Eine Sprache zu lernen.
Die Monate und Jahre gingen ins Land, doch die Idee, eines Tages den Camino Francés, den Jakobsweg von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela und darüber hinaus bis zum Kap Finisterre zu laufen, blieb am Leben. Sie schlich sich in meine freien Stunden und ließ mich in Karten schmökern, Tagesetappen abstecken, Bus- und Flugpläne durchforsten. Meine nicht existierenden Französischkenntnisse empfahlen mir, nicht wie eigentlich üblich im französischen St. Jean Pied de Port zu starten, sondern erst auf der spanischen Seite der Pyrenäen auf den Weg zu stoßen. Pamplona bot sich an, dessen winziger Flughafen nur zwei Kilometer abseits des Navarrischen Weges liegt.
Ende des Jahres 2006 war es dann so weit: Mein aktuelles berufliches Projekt gönnte sich einen ausgiebigen Winterschlaf. Dies bot mir die Möglichkeit, meinen fälligen Urlaub zu nehmen und mich den Dezember über bis in die Nachweihnachtszeit hinein dem Jakobsweg zu widmen. Ich buchte einen Flug via Madrid nach Pamplona. Langjährige Erfahrung sorgte dafür, dass mein Rucksack diesmal verhältnismäßig klein und leicht ausfiel. (Auch wenn ich - wie auf jeder anderen Tour auch - wieder ein paar hundert Gramm identifizieren würde, die beim nächsten Mal nicht mehr mitkommen würden.) Ich fuhr an einem Samstagmorgen lange vor Sonnenaufgang zum Flughafen und machte mich auf den Weg nach Spanien.
Für mich sind Flugzeuge ein hervorragendes Schlafmittel. Die beiden Turbopropeller der DeHaviland Dash-8, in der ich von Madrid nach Pamplona flog, brummten zuverlässig und monoton vor sich hin. Die letzten Vorbereitungen und mein früher Aufbruch hatten dazu geführt, dass ich die Nacht über nicht viel Schlaf gefunden hatte, den ich jetzt im Flugzeug nachholte.
Ich wurde wach, als das Flugzeug mit seinem Sinkflug auf Pamplona begann. Die Löcher in der Wolkendecke waren größer geworden und boten Ausblick auf eine bewölkte und regenfeuchte Landschaft. Unser Kurs führte uns westlich des Puerto del Perdón nach Norden; jener Passhöhe, die ich am nächsten Tag überschreiten würde. Dann rollte das Flugzeug nach rechts und bot mir die Vogelperspektive auf die kurze Wegstrecke des heutigen Tages: Der Flughafen von Pamplona, die Straßen durch den Süden der Stadt hin zur Zitadella, die Wege nach Südwesten in den kleinen Ort Cizur Menor, in dem ich übernachten wollte. Im Geiste legte ich die Kartenskizzen in meinem Gepäck über diese Landschaft und freute mich, dass die Kundschaftermission im Internet erfolgreich gewesen war und alle Wege auch tatsächlich dort waren, wo sie sein sollten.
Das Flugzeug setzte auf, bremste und rollte zum Terminal. Pamplona hat nur einen kleinen Flughafen: Das Flugzeug stoppte vor dem kleinen Flughafengebäude, und die Passagiere liefen die letzten paar Meter, die in etwa der Spannweite unseres kleinen Flugzeuges entsprachen, zur Gepäckausgabe. Von dort aus schaute ich dann mit gespanntem Blick zu, ob es mein Rucksack ebenfalls geschafft hatte, in Madrid das Anschlussflugzeug zu erreichen. Das Ladepersonal kroch bereits tief in den kleinen Laderaum, um die letzten Gepäckstücke aus den Eingeweiden des Flugzeugs nach draußen zu befördern, als endlich auch jener knallrote Sack auf den Gepäckwagen geworfen wurde, der seit Jahren zuverlässig meine Rucksäcke vor der Unbarmherzigkeit automatischer Gepäcktransportbänder beschützt. Etwa fünf Minuten später hob ich eben diesen Sack vom Gepäckband und begann damit, all den Kleinkram, den ich nicht dem Laderaum anvertrauen wollte, aus meinen Hosentaschen in die Außentaschen meines Rucksacks umzuräumen.
Der Regionalflughafen von Pamplona war nicht größer als ein Supermarkt und bot einen ähnlich großen Parkplatz vor dem Terminal. Die nächste Bushaltestelle war 700m von ihm entfernt, das Stadtzentrum Pamplonas nur etwa 3km Luftlinie. Ich schulterte meinen Rucksack und lief den Zubringer hinunter zur mehrspurigen Straße, die der Stadt Autos nach Süden hin entzog und wieder zuführte.
An der Bushaltestelle angekommen verriet mir der dort aushängende Fahrplan, dass ich nun fünfzehn Minuten auf den nächsten Bus stadteinwärts zu warten hätte. Ich bin noch nie ein sehr geduldiger Mensch gewesen, wenn es darum ging, auf öffentliche Verkehrsmittel zu warten, und außerdem war ich schließlich hier, um zu laufen. Ich ließ die Bushaltestelle hinter mir, passierte das Nordende der Startbahn und betrat von Süden her Pamplona über die Calle de Esquiroz.
Am Stadtrand kramte ich die Jakobsmuschel aus meinem Rucksack, die ich mir für diese Reise beschafft hatte und befestigte sie an einem der Riemen. Der Legende nach hatten Anhänger des Santiago seinen Leichnam in Palästina geraubt, um ihn nach seinem Märtyrertod dorthin zu bringen, wo er zu Lebzeiten gewirkt hatte: In den Nordwesten der Iberischen Halbinsel. Per Schiff erreichten sie die Küste Galiciens und trugen den Leichnam durch die Brandung an Land. Als sie aus dem Atlantik stiegen, war ihre Kleidung bedeckt mit Muscheln. Ursprünglich waren diese Muscheln der Beweis, dass es ein Pilger tatsächlich bis nach Santiago de Compostela oder besser gesagt bis ans Kap Finisterre geschafft hatte. Im Laufe der Zeit wurde es aber mehr und mehr Brauch, diese Muschel bereits von Anfang an als Zeichen der Pilgerfahrt an der Kleidung zu tragen. Ich wollte dieser Tradition folgen.
Dem ersten Eindruck nach schien die Stadt sich im Tiefschlaf zu befinden: Die Geschäfte waren geschlossen, nur wenige Menschen liefen durch die Straßen. Im Laufe meiner Reise sollte ich lernen, dass sich das öffentliche Leben Spaniens zwischen zwei und fünf Uhr am Nachmittag eine ausgiebige Pause gönnt.
Die Zitadelle, eine mittelalterliche Festung im Zentrum der Stadt, nutzte den touristenarmen Spätherbst für Strukturerhalt und kosmetische Maßnahmen. Baugerüste verbargen Teile der alten Mauern, vereinzelt beseitigten Arbeiter Wunden und Narben an den Gebäuden und stellten das alte Mauerwerk wieder her. Seitdem ich in meiner Jugend so ziemlich jedes Jugendbuch von Enid Blyton verschlungen habe, das die kleine Gemeindebibliothek meines Heimatortes zu bieten hatte, habe ich ein Faible für Ruinen, Burgen und sonstige mittelalterliche Festungsanlagen. Das stattfindende Facelifting dieser Gemäuer beraubte sie allerdings ihres historischen Charmes. Ich machte ein Foto von mir als Erinnerungen für den Aufbruch; mein Gesichtsausdruck auf diesem Bild wirkte griesgrämig und alles andere als enthusiastisch, passte aber hervorragend zum grauen Winterhimmel. Bis zum Sonnenuntergang war es nur noch weniger als eine Stunde, also machte ich mich auf den Weg nach Cizur Menor.
Der aus Internetfundstücken zusammengesetzte Stadtplan führte mich zuverlässig zur (meiner) ersten Markierung des Jakobsweges: Ein gelber Pfeil an einem Laternenpfahl in der Calle Fuente del Hierro. Ich wusste es damals noch nicht, aber diese gelben Pfeile würden mich bis ans Ende der Welt begleiten. Keine zweihundert Meter später fand sich auch ein Hinweisschild mit einer stilisierten Jakobsmuschel. Ich war auf dem richtigen Weg.
Auf dem Weg in die Stadt hatte ich den Ostrand der Universität gestreift, nun passierte ich den Westrand. Ein großes Schild verwies Pilger zum Sekretariat, wo sie ihren Pilgerpass stempeln lassen konnten. Dieser Pilgerpass (eigentlich Credential genannt) weist den Pilger als solchen aus und erlaubt ihm, in den Herbergen entlang des Jakobsweges zu übernachten. Meinen hatte ich mir im Zuge meiner Reisevorbereitungen von einer Jakobusgesellschaft ausstellen lassen, die sich freundlicherweise auch nicht an der Tatsache störte, dass ich als Agnostiker nicht aus religiösen Gründen nach Santiago de Compostela laufen wollte. Es begann zu nieseln. Ich befragte meinen Wanderführer, ob dieser Umweg von bestimmt fünfhundert Metern denn wirklich nötig wäre. Er beruhigte mich mit dem Hinweis, dass der Pilgerpass üblicherweise in den Herbergen gestempelt wird und der Besuch zusätzlicher Stempelstellen optional ist.
Der Regen nahm zu und veranlasste mich, meinen Rucksack erstmal mit seiner Regenhülle vor dem Durchnässtwerden zu schützen. Der Weg nach Cizur Menor führte über einen Fußweg neben einer wenig befahrenen Landstraße. Ich brauchte etwa dreißig Minuten für die zwei Kilometer. Die Regenwolken verbargen auch den Sonnenuntergang, so dass sich das Ende des Tages nur durch das immer schwächer werdende Tageslicht ankündigte. Als ich den Ortsrand von Cizur Menor erreichte, war es bereits dunkel.
Im Ort gibt es zwei Pilgerherbergen: Eine wird vom Malteserorden betrieben und öffnet nur im Sommer ihre Türen, die andere ist privat und unter der Obhut von Doña Maribel. Sie hatte mir zuvor auf meine Anfrage per e-Mail bestätigt, dass ihre Herberge auch geöffnet sein würde. Das war mein Ziel für die Nacht.
Im Ortszentrum verwies ein Schild auf die alte Dorfkirche und ein weiteres in gleicher Richtung auf eine der beiden Herbergen, erkennbar war aber nicht, auf welche. Nach der Beschreibung meines Wanderführers lag "meine" Herberge irgendwo rechts der Hauptstraße. Nachdem ich in dieser Richtung bis zur Kirche gelaufen war, stand fest, dass ich die Herberge bereits unerkannter Weise passiert hatte.
Eine ältere Dame kam mit Tüten beladen die Steigung hinauf. Sie fing meinen fragenden Blick ein und fragte mich, ob ich ein Pilger sei und die Herberge suchen würde. So hatte ich mein erstes linguistisches Erfolgserlebnis: Ich konnte die Einheimischen verstehen. Zumindest teilweise. Aber zumindest genügend Teile, um mir aus diesem Puzzle den Sinn ihrer Rede zu erschließen. Innerlich zufrieden grinsend beantwortete ich ihre Frage mit einem "Si, soy un peregrino." Ja, ich bin ein Pilger. Sie zeigte daraufhin auf ein etwa 100 Meter entferntes, unbeleuchtetes Gebäude und erklärte mir, dass dies die Herberge sei und der Eingang auf der Rückseite zu finden sei.
Ich bedankte mich artig und machte mich auf den Weg. Ich hatte dieses Gebäude passiert, ohne es als Herberge zu erkennen. Beim zweiten Versuch fand ich allerdings auch das Schild an der Wand, das auf die Berufung dieses Hauses als Pilgerherberge hinwies. Der Haupteingang erwies sich als ein großes, zweiflügeliges Tor, das in einen Windfang führte. Ich rief ein zaghaftes "¿Hola? ¿Buenos tardes?" in die Dunkelheit und wartete.
Entgegen meiner Erwartung öffnete sich nicht die Tür im Windfang, sondern die Gartentür links neben mir und entließ eine Frau mittleren Alters. Etwas aus der Fassung gebracht stammelte ich mein bereitgelegtes Sprüchlein: "Soy un peregrino. QuerÍa una cama por la noche, por favour." Ich bin ein Pilger. Ich möchte bitte ein Bett für die Nacht. Sie nickte und bedeutete mir, ihr zu folgen. Dann fragte sie nach meiner Herkunft. Ich offenbarte mich als Deutscher, sie fragte mich nach meinen Spanischkenntnissen. Ich stufte sie bestenfalls als rudimentär ein ("Hablo un pocito español."), worauf sie sich erst in fließendem Englisch dafür entschuldigte, leider kein Deutsch zu sprechen, und mich dann um mein Credential bat. So bekam ich erstmal meinen ersten Stempel in den Pilgerausweis, anschließend führte sie mich zu den Herbergsräumen. Damit hatte ich nicht gerechnet: Zwei Jahre lang hatte ich Spanisch gebüffelt, und nun parlierte ich mit Doña Maribel in fließendem Englisch anstatt in holprigem Castillano.
Dieses große, scheinbar unbewohnte Haus entpuppte sich als ein alter Bauernhof. Meine Herbergsmutter bewohnte das Haupthaus, in einem Nebenflügel befand sich die Pilgerherberge. Es gab einen Getränkeautomaten, einen Kaffeeautomaten und einen Automaten für kleine Snacks. Außerdem würde das Restaurant am Dorfplatz preiswerte Pilgermenüs anbieten, erzählte sie mir. Um die ersten Tage autark sein zu können, hatte ich Proviant für drei Tage mitgenommen, vom Hungertod war ich augenblicklich also nicht bedroht. Außerdem war ich nass und müde.
Zu meiner Überraschung war die Herberge bei weitem nicht so leer, wie ich erwartet hatte: Ein Pärchen aus Spanien und ein weiteres aus Frankreich waren bereits dort, des Weiteren ein Kanadier und ein US-Amerikaner. Nasse Kleidung hing an Kleiderständern und Dachsparren, durchnässte Wanderschuhe kuschelten sich an ein gasbetriebenes Heizgerät. Die Herberge war nahezu voll, und im Laufe des Abends sollten noch später eintreffende Pilger die noch leeren Betten belegen.
Ich suchte für meine nasse Fleecejacke einen freien Dachsparren zum Trocknen und dann die Dusche auf. Offensichtlich hatte diese seit längerer Zeit nicht mehr Bekanntschaft mit einem Anfall von Putzwut gemacht; ein Eindruck, der sich nicht mit dem Kommentar in meinem Herbergsverzeichnis deckte, dass dies eine besonders saubere Herberge sei. Ich hoffte einfach mal, dass dieses Etablissement einen Ausreißer nach unten darstellte und genoss eine heiße Dusche.
Auch um die Küche hatten Putzmittel seit längerer Zeit einen Umweg gemacht. Entweder das, oder der Brauch des Abspülens von schmutzigem Geschirr war nicht allen Pilgern geläufig. Ich bearbeitete erstmal eine Pfanne mit Stahlwolle und begann mit der Zubereitung meines bevorzugten Reiseessens: Nudeln mit Soße. Wasser in die Pfanne, Nudeln und Soßenpulver hinzu, Kochen bis die Nudeln bissfest sind und die Soße sämig ist und das Ganze gelegentlich umrühren. Das "gelegentlich umrühren" erforderte erstmal einen Abstecher zu meinem Rucksack, der im Gegensatz zur Küche einen Löffel vorweisen konnte.
Die beiden dem nordamerikanischen Kontinent entstammenden Pilger hatten einen Satz Schachfiguren aufgetrieben. Das fehlende Brett wurde kurzerhand auf einem Blatt Papier abgesteckt, das Fehlen schwarzer Felder als besondere Herausforderung der beiden Kontrahenten ausgelegt. Ich füllte meinen Magen und beobachtete die beiden Hobby-Kasparovs bei ihren Eröffnungen.
Ich habe früher sehr häufig Schach gespielt und mich auch für einen ganz brauchbaren Spieler gehalten. Zumindest solange, bis ich während meiner Schulzeit an einem Schüleraustausch mit unserer russischen Partnerstadt Sergiev Posad teilnahm und dort eine Einladung zum Schachspiel gegen meinen Gastvater annahm. Zehn Minuten und viel zu viele verlorene Figuren später stellte ich damals fest, dass man als Nichtrusse nicht gegen Russen Schach spielen sollte. Es sei denn, man verliert gerne. Es war für mich trotzdem entspannend, dem schweigenden Duell der beiden Pilger zuzusehen.
Es wurde nur durch das Auftauchen von Doña Maribel kurz unterbrochen. Der Kanadier hatte sich über die nachlassende Dämpfung seiner Wanderschuhe beklagt und geschildert, wie schmerzhaft dies für seine Füße sei. Unsere Herbergsmutter hatte die Lösung in der Hand, und zwar zwei dicke Damenbinden. Sie bemächtigte sich der kanadischen Einlegesohlen, klebte je eine Binde darauf und schlug deren Flügel unter die Sohle um. Nachdem mir mal jemand erklärt hat, wie man nur mit einem Tampon und ein wenig Asche ein Lagerfeuer entzündet, hätte mich eigentlich nichts mehr verwundern sollen; ich musste aber trotzdem schmunzeln. Doña Maribel zeigte das typische Grinsen pragmatischer Menschen, gab dem Kanadier seine nun deutlich besser gepolsterten Sohlen zurück, wünschte uns eine gute Nacht und zog sich wieder in ihre Gemächer zurück.
Nachdem ich nun mein Bedürfnis nach einer heißen Dusche und einem gefüllten Magen gestillt hatte, kam ich meinem Bedürfnis nach Schlaf nach. Ich kroch in meinen Schlafsack, zog die Kapuze über den Kopf und wachte erst elf Stunden später wieder auf.
Es war deutlich vor Sonnenaufgang, als ich aus dem Schlafsack kroch. Auch die anderen Pilger erwachten langsam und begannen, ihre Rucksäcke zu packen.
Ich finde, es ist eine eigene Kunst, einen Rucksack zu füllen. Evolutionär entwickelt jeder sein eigenes System, seinen Reisegefährten zu befüllen. So, dass die Regenkleidung jederzeit erreichbar ist, der Tagesproviant schnell herausgezogen ist und man selbst im Stockfinsteren mit einem Griff die Stirnlampe finden kann. Ich verbrachte vor einer Tour immer Stunden damit, mein ganz eigenes System den individuellen Anforderungen einer Reise anzupassen. Wenn dieses System erstmal existiert, muss man es nur noch bewahren.
Die Sandalen und der Schlafsack verschwanden im Bodenfach, Kleidung und Proviant im Hauptfach. Meine Tasche für Krimskrams wie die Zahnbürste, Medikamente, Nähzeug, Verbandsmaterial und Wäscheklammern verkrümelten sich ins Deckelfach. Die Bars im Dorf würden erst später am Tag öffnen, das Frühaufstehen ist definitiv nicht von den Spaniern erfunden worden. Ich steckte mir eine Packung trockene Kekse als Frühstück in die Oberschenkeltasche meiner Trekkinghose, wünschte den anderen Pilgern noch ein "¡Buen camino!" und brach auf.
Die Dämmerung war gerade so weit fortgeschritten, dass die Sonne knapp unter dem Horizont stand. Als ich einige hundert Meter außerhalb von Cizur Menor auf den Bergkamm im Westen zulief, hievte sie sich über den Horizont. Die Regenwolken des gestrigen Tages waren nicht verschwunden, sie hatten sich nur besser verteilt und bildeten eine geschlossene Wolkendecke etwa 200 Meter über der Landschaft. Der Weg stieg sanft an und erreichte entlang weiter Felder eine Kreuzung kurz vor Zaraquiegui. Die Wegmarkierungen wiesen mich an, geradeaus weiterzugehen; ich ignorierte sie und bog links ab. Diese Abzweigung endete nach etwa einhundert Metern an einem umzäunten Grundstück auf einer kleinen Kuppe, und zwar vor dem Ortsfriedhof.
