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Seit Ewald Lienen bei Borussia Mönchengladbach legendärer Linksaußen war, weckt er extreme Gefühle bei Fans und Fachleuten. Als Spieler, Trainer und Fußballfunktionär ist er bis heute ein Querdenker, ein leidenschaftlicher Rebell auf und neben dem Platz. Für einen Sternmarsch ließ er als Spieler schon mal das Training ausfallen, seine politische Haltung kostete ihn die WM 1978, und als Trainer handelt er sich mit seiner Akribie den Beinamen »Zettel-Ewald« ein. Ewald Lienen ist eine einzigartige Gestalt im Profi-Fußball, in seiner Autobiografie erzählt er offen von sich, dem Fußball und seinem Leben, das in einfachen Verhältnissen begann und ihn national und international in die höchsten Fußballligen führte.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deFür Rosa,ohne die auch dieses Buch nicht möglich gewesen wäre© Piper Verlag GmbH, München 2019Litho: Lorenz & Zeller, Inning am AmmerseeCovergestaltung: Rothus & GablerCovermotiv: Markus TedeskinoSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.
Cover & Impressum
Prolog
»Da müsste mir schon ein Stein auf den Kopf fallen …«
Wie alles begann
Oktober 1965 – Die große Zäsur
»Was soll eigentlich mal aus Ihnen werden?«
»Nur Fußball reicht mir nicht«
Der Kulturschock
Das letzte Jahr auf der Alm
Der Wechsel auf den Bökelberg
Oktober 1978 – Die große Liebe
Der »linke Lienen«
»Eigentlich wollte ich immer aufhören …«
Die Rückkehr auf die Alm
Der nächste Wechsel zurück
Pläne, von denen ich nichts wusste
»Fußball ist dein Leben!«
Lehrjahre mit wenig Leerlauf
Tranquilo, tranquilo
Rückkehr nach Deutschland
Emotionen und Jeföhle
»Ungeplant, unerträglich, unglaublich!«
Ungeplante Intermezzi
Unerträgliche Machtspiele
Apistefto – unglaublich!
Eine Pause und drei kurze Zwischenspiele
Besetzt, betrogen und pleite
Welcome to the hell
Gestern, heute, morgen
Rückblicke und Einblicke
Die Zukunft des Fußballs
Epilog
Dank
Die wichtigsten Stationen meines Lebens
Bildteil
Bildnachweis
Und immer wieder dieses Foul
Bonavista, Portugal im Juni 2018. Unser Feriendomizil liegt auf einer Anhöhe in einem Wohngebiet, bestehend aus vielleicht achtzig Häusern. Geschmackvoll gestaltete Gebäude, denen man ansieht, dass sich ihre Eigentümer die absolute Ruhe, die hier zu finden ist, etwas haben kosten lassen. Hell getünchte Hauswände, handgeformte beige Dachziegel, adrett gepflegte Gärten mit Pool. Vormittags huschen Heerscharen von Domestiken und Handwerkern über die Grundstücke, um die betrauten Objekte instand zu halten. 20 Grad sind für diese Jahreszeit eigentlich zu kühl, aber wenn der bedeckte Himmel gelegentlich aufklart, dann brennt die Sonne unerbittlich. Ich habe einen gemütlichen Platz auf einer überdachten Terrasse eingerichtet und begebe mich auf die Reise in die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die das Leben schrieb, mein Leben.
Im November 2018 werde ich 65 Jahre alt. So weit bin ich also schon gekommen, immerhin. Kleinere und größere Narben auf Körper und Seele bezeugen, dass das Leben gelegentlich ein Kampf ist. Vor allem auf dem Platz. Der runde Ball und der grüne Rasen bestimmten und bestimmen mein Leben. Das ist eine Passion, gegen die ich mich nicht wehren konnte und wollte. Dabei hatte ich noch ganz andere Pläne.
Eine andere Sportart als Fußball kam für mich nie infrage. Mir hat es immer mehr Spaß gemacht, mit einem Team erfolgreich zu sein. Dieses erhebende Gefühl hätte mir eine Einzelsportart nie geben können. Das änderte sich auch nicht, als ich erwachsen wurde. Es war nie meine Intention, mit Fußball mein Geld zu verdienen. Eigentlich war eine Hochschulkarriere vorgesehen. Aber als die Angebote von verschiedenen namhaften Bundesligisten kamen, wollte ich wissen, wie weit ich kommen konnte, und mich mit anderen messen. Für ein paar Jahre. Aber dann kam alles ganz anders.
Auf der Terrasse in Portugal lasse ich meinen Gedanken freien Lauf, und in dem Film, der vor meinem inneren Auge abläuft, zeigen sich Bilder aus meiner Kindheit und Jugend. Ich sehe mich fußballspielend auf der Straße vor unserem Haus und auf dem Platz des VfB Schloß Holte, meines Heimatvereins. Meine Zeit als junger Spieler bei Arminia Bielefeld und Borussia Mönchengladbach taucht auf. Bei einem Bild stoppt der Film. Alte Gefühle steigen hoch. Ich befinde mich auf dem Rasen des Bremer Weserstadions, werfe einen Blick auf mein rechtes Bein und werde fast ohnmächtig. Ich spüre eine Wut in mir aufsteigen, die mich antreibt, noch immer.
Der Countdown zum Bundesligaspiel bei Werder Bremen am 14. August 1981 begann mit den üblichen Ritualen, die jeder Profifußballer zur Genüge kennt. Am vorherigen Tag fand das Abschlusstraining in Bielefeld statt, und nach einem Mittagessen machten wir uns mit unserem Mannschaftsbus auf den Weg nach Bremen zu unserem zweiten Saisonspiel. Ein paar Stunden später erreichten wir unser Hotel in der Hansestadt. Wir spielten mit Arminia Bielefeld zwar in der ersten Bundesliga, aber es war nicht die Zeit der Nobelhotels mit goldglänzenden Foyers. Wir stiegen in der Regel in Mittelklassehotels ab, normale Preise und zweckmäßig. Wir waren Fußballer und keine Diven. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, gab es zum Abendessen Hausmannskost, ein Rindersteak mit Sauce béarnaise, Dampfkartoffeln und Rosenkohl. Zumindest in Gladbach hatten wir uns immer auf diese »Bremsklötze« gefreut. Anschließend gingen wir mit unseren Spezis draußen noch eine Viertelstunde spazieren. Danach saßen einige Spieler in kleinen Gruppen im Hotel zusammen, der Rest zog sich in die Zimmer zurück. Meistens teilte ich meines mit meinem alten Freund Wolfgang »Latscher« Pohl. Wir redeten, schauten fern und telefonierten mit unseren Frauen, bevor wir gegen Mitternacht das Licht löschten und einschliefen. Es sollte für zwei Tage das letzte Telefonat mit Rosa sein, die mit unserem kleinen Joscha am nächsten Tag mit dem Auto in den Urlaub aufbrechen wollte. Ich würde sie erst wieder nach ihrer Ankunft in Seignosse-le-Penon südlich von Bordeaux erreichen können.
Der Freitag wurde lang bis zum Spiel, da der Anstoß erst um 20 Uhr war. Auch gut, dadurch würde die Sommerhitze noch ein wenig abkühlen. Am Morgen traf sich die Mannschaft zu einem gemeinsamen Frühstück. Was danach passierte, erinnere ich nicht mehr, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir uns unser Spielgerät schnappten und im nahe gelegenen Park »5 gegen 2« spielten. Leicht angeschwitzt trafen wir im Hotel ein, duschten und gingen zum Mittagessen. Es folgte ein obligatorischer Mittagsschlaf. Vor der Besprechung nahmen wir einen kleinen Snack zu uns. Unser Trainer Horst Franz verkündete die Aufstellung und gab einige Hinweise zu unseren Aufgaben auf dem Spielfeld, wozu auch die Standardsituationen gehörten. Dann machten wir uns auf den Weg ins Weserstadion. Den ganzen Tag über war es bewölkt, die Temperatur am Abend lag bei 20 Grad, hervorragende äußere Bedingungen für ein Flutlichtspiel.
Ich war in einer sehr guten Verfassung und freute mich auf die 90 Minuten. Während ich mich in der Umkleidekabine umzog, spürte ich die Art von Anspannung, die meiner Konzentration während des Spiels förderlich sein würde. Ein gutes Zeichen. Wir spielten wie so oft in unserer komplett blauen Adidas-Garnitur, in kurzärmeligen Sommertrikots, mit den unvermeidlichen drei weißen Streifen. Während meiner ganzen Karriere trug ich bei den Spielen Schienbeinschoner, oft auch im Training, die ich am unteren Rand auf den blauen Stutzen mit weißem Tapeband befestigte, damit sie nicht verrutschten. Wie immer achtete ich darauf, dass ich mir das Blut dabei nicht zu sehr abschnürte, zog meine »World Cup«-Stollenschuhe an, und dann ging es raus zum Aufwärmen.
In einem Vorraum vor dem Tunnel, der zum Spielfeld führte, trafen wir vor dem Anstoß auf unsere Gegenspieler. Es gab eine kurze, emotionslose Begrüßung, bevor wir Seite an Seite durch den dunklen Schlauch in die lichtdurchflutete Arena gingen. Der Weg bis dahin führte über einen dunkelgrauen, unansehnlich gewordenen Betonboden, auf dem man leicht das Gleichgewicht verlieren konnte, wenn man nicht aufpasste. Man hörte die lauten, klackernden Geräusche der Stollen auf dem Weg ins Stadioninnere. Manch ein Spieler mag den harten Boden auch dazu genutzt haben, die Alustollen durch Schaben am Boden etwas aufzurauen. Draußen erwartete uns das jubelnde und singende Publikum. Alles war angerichtet im Weserstadion, ich fühlte mich gut und war bereit.
Um kurz nach acht gibt der Schiedsrichter den Ball frei. Das Spiel nimmt recht schnell an Tempo auf, es wird um jeden Zentimeter und Ball gekämpft. Die Zuschauer toben. Um die 18. Spielminute herum spitzelt ein Bremer Abwehrspieler einen Steilpass weg. Mein Sturmpartner Gerd-Volker Schock leitet den abgewehrten Ball zu mir auf halb links weiter, ich nehme ihn nach vorne mit und will gerade Tempo aufnehmen – da kommt Norbert Siegmann von halb rechts, fast frontal auf mich zu, springt mit gestrecktem Bein in mich hinein und trifft mich am rechten Oberschenkel. Durch den Aufprall gehe ich zu Boden und drehe mich instinktiv zur Seite, um auf mein Bein schauen zu können. Dabei sehe ich sofort, dass es seitlich über eine Länge von 25 Zentimetern aufgeschlitzt ist. Ich starre in meinen offenen Oberschenkel, erkenne etwas Weißes, das aussieht wie eine eingelegte Ananasscheibe, und erleide einen Schock.
Ich habe keine Ahnung, ob das die korrekte Beschreibung meiner Reaktion auf die Szene ist, die so viele Fußballfans bis heute als Erstes mit meinem Namen verbinden und auf die ich seither so oft angesprochen wurde, dass es mit Zahlen nicht mehr auszudrücken ist. Jedenfalls kam ich mir vor wie im Schlachthaus. Ich wälzte mich hin und her, schaute immer wieder ungläubig auf die Wunde und gestikulierte mit den Armen. Inzwischen hatte Schiedsrichter Medardus Luca aus Völklingen Norbert eine Gelbe Karte gezeigt, nicht ohne heftige Proteste von den Werder-Spielern Klaus Fichtel und Karl-Heinz Kamp, die selbst das noch ungerecht fanden. Der Schiedsrichter rechtfertigte sich später damit, dass er das Foul, nicht die Folgen bewerten müsse. Wie sich herausstellte, hatten er und sein Team weder vor dem Spiel noch bei Einwechslungen die Stollen der Spieler kontrolliert. Ich rappelte mich auf, humpelte ein, zwei Schritte weiter, ließ mich zurück auf den Boden fallen. Wieder schaute ich auf das Bein, fasste mir mit beiden Händen an den Kopf und schrie. Ich war entsetzt, schockiert, außer mir. Und ich hatte Angst. Mir gingen tausend Dinge auf einmal durch den Kopf. Was ist das für eine Verletzung? Wie lange muss ich aussetzen? Werde ich überhaupt wieder Fußball spielen können?
Und noch etwas anderes schoss mir durch den Kopf. Ich hatte kurz vorher aus den Augenwinkeln eine Szene am Spielfeldrand beobachtet: Werder-Trainer Otto Rehhagel hatte Norbert zu sich herangewinkt, mit dem Kopf in meine Richtung gedeutet, auf ihn eingeredet und dabei unmissverständlich mit seiner Faust in die offene Hand geschlagen. Ich brachte diese Szene sofort mit dem Geschehen in Zusammenhang. In der ersten Viertelstunde hatte sich Norbert mir gegenüber absolut fair verhalten; obwohl ich schon die eine oder andere gute Szene gehabt hatte und ein, zwei Mal an ihm hatte vorbeigehen können, hatte er mich nicht ein einziges Mal gefoult. Blitzartig wurde mir klar, dass Otto mit seiner Intervention zu dem Foul beigetragen hatte.
Ich rappelte mich erneut auf, lief humpelnd Richtung Außenlinie. Aber diesmal hatte ich ein Ziel. Unserem Masseur Pitti Bromby, der mir entgegenstürzte, zeigte ich im Vorbeihinken wie zur Rechtfertigung die Wunde, war aber längst auf dem Weg zu Otto, der mitten auf der Tartanbahn stand. Dabei zeigte ich mit dem ausgestreckten Arm auf ihn und rief: »Du hast ihn aufgefordert, was zu machen!« Ich ließ mich auch nicht von unserem Co-Trainer Schorsch Stürz aufhalten. Wie von Sinnen lief ich weiter auf Otto zu, vorbei am Bremer Vereinsarzt Dr. Wiedemann, der mich mit dem linken Arm aufhalten wollte, während er in der rechten Hand seinen Arztkoffer hielt. Ich stieß Otto, der mit auf dem Rücken verschränkten Armen mutig auf mich gewartet hatte, mit beiden Händen gegen die Brust.
Mein irrer Lauf Richtung Otto hatte auch andere dazu animiert, sich in Bewegung zu setzen, und so weitete sich das Ganze innerhalb von Sekunden zu einem veritablen Tumult aus. Die Ärzte beider Mannschaften waren bereits direkt neben mir, danach folgten Pitti und ein Sanitäter. Ein Fotograf begann, Bilder zu schießen, und wurde fast von Horst Franz umgerannt, der mit bemerkenswerter Behändigkeit in die Szene sprang, wild entschlossen, mich davon abzuhalten, Otto etwas anzutun. Er hatte keine Ahnung, was genau passiert war. Als sein Blick direkt auf meine Wunde fiel, die ich gerade unserem Arzt zeigte, erlosch seine Motivation, mich von irgendetwas abzuhalten, augenblicklich. Entsetzt fasste er sich an den Kopf und wandte sich ab. Genauso erging es Schorsch, der als ehemaliger Abwehrspieler alles andere als zartbesaitet war. Erst als Horst merkte, dass ich schon wieder auf Otto losging, zog er mich gemeinsam mit Schorsch weg.
Mittlerweile war die Rudelbildung perfekt. Jens Steffensen und Detlef Schnier von unserer Bank, Hannes Riedl vom Spielfeld und weitere Fotografen waren dazugekommen. Ich ließ mich auf die Tartanbahn sinken, wo unser Arzt mit der Versorgung begann. Horst und Schorsch gingen nun wirklich zur Bank zurück, um meine Auswechslung zu regeln. Die Geste, die Horst dabei machte, ein enttäuschtes Abwinken, signalisierte Betroffenheit, aber auch Wut darüber, dass so etwas möglich war. Unser Arzt deckte die Wunde mit sterilen Tüchern ab und legte einen großen Verband an. Ich wurde auf eine Trage gehoben, und ab ging es Richtung Stadionecke zum Ausgang. Dabei saß ich halb aufgerichtet und schüttelte wutentbrannt die erhobene Faust in Richtung Otto.
In der Arena war es ruhiger geworden. Langsam kam ich zu mir und begann zu realisieren, was passiert war. Ich schaute auf meinen bandagierten Oberschenkel, hatte aber noch keine Vorstellung von den Folgen. Die darunter befindliche Wunde sollte weltberühmt werden, und mein Name fortan mit einem aufgeschlitzten Oberschenkel verbunden bleiben. Bis heute, 38 Jahre nach dem Foul ...
Kindheit und Jugend, 1953 bis 1974
Wann genau mein Vetter Heinz mit einem braunen Lederball unterm Arm bei uns in der Hintertür stand, um mich zum Fußballspielen abzuholen, kann ich nicht sagen. Aber es war der Beginn meiner Leidenschaft für ein Spiel, das mich mein Leben lang begleiten sollte.
Es handelte sich mit Sicherheit um einen jener Bälle mit dicken Nähten, wie man sie in den Fünfzigern nicht anders kannte. Ich muss ungefähr vier Jahre alt gewesen sein, klein und schmächtig. Meine kurzen Haare akkurat zum Seitenscheitel gezogen, mit einem Kamm aus Horn und unter Zuhilfenahme von »Haarfit«, um das dichte dunkelbraune Haar zu bändigen. Meine dünnen Beinchen steckten in kurzen, speckigen Lederhosen mit Latz und grünen Applikationen, die Art von Kleidung, wie sie die meisten Jungen meines Alters in dieser Zeit trugen.
»Na, Kleiner, wollen wir ’ne Runde spielen?«
Heinz war sechzehn Jahre älter, um die zwanzig, lang und schlaksig. Wahrscheinlich trug er noch seine Arbeitskleidung, den blauen Overall eines Elektrikers. Er wohnte zwei Häuser weiter, doch meist führte sein Heimweg zu uns, ins »Große Haus«, in dem die Großfamilie Lienen lebte. Die wurde nach strengen Regeln von meiner Großmutter Katharina geführt. Es gab eine unausgesprochene, aber bereits für uns Kinder deutlich spürbare Hierarchie im Haus: Meine beiden Tanten Christine und Theresia, die älteren Schwestern meines Vaters, waren nach Feierabend in der Hemdenfabrik Dornbusch in Bielefeld die ersten »Helfershelfer« der Großmutter. Mein Vater Josef, der damals sein Geld als Pförtner des Landmaschinenherstellers Claas verdiente, war zwar der Mann im Haus, behielt aber als jüngster der fünf Geschwister immer die Rolle des Nesthäkchens. Er hielt sich im Haushalt und in sonstigen Familienangelegenheiten meist zurück und machte stattdessen lieber sein eigenes Ding. Ganz hinten in der Rangordnung befanden sich meine Mutter Walburga, mein anderthalb Jahre älterer Bruder Bruno und ich, der Jüngste von allen.
Heinz war ein ambitionierter Fußballspieler, konnte dieses Talent aber nicht ausleben. Sein Vater Franz, der älteste Bruder meines Vaters, hatte es ihm schon in der Schulzeit verboten, und zwar rigoros und ohne Zugeständnisse, weil die Verletzungsgefahr zu groß sei. Und so kam es, dass der geborene Dribbler Heinz nie im Verein Fußball spielte. Als er jedoch entdeckte, dass ich mich nicht dumm mit dem Ball anstellte, entwickelte sich etwas ganz Besonderes zwischen uns: Aus zwei Vettern wurden Brüder im Geiste. Heinz wollte mich um jeden Preis fördern und verhindern, dass es mir genauso erging wie ihm.
Seit jenem denkwürdigen Tag, als Heinz mit dem runden Leder unterm Arm unser Haus betrat, sollte der Ball ein ständiger Begleiter meiner Kindheit und Jugend bleiben. Jeden Tag wurde gedribbelt, in endlosen Wiederholungen gegen eine Wand gepasst, in die Luft geschossen und wieder kontrolliert. Ich liebte es, den Ball im Lauf mit der Schuhsohle zu streicheln. Es war herrlich und aufregend, und ich ging voll und ganz im Spielen auf.
Gelegentlich brachte Heinz noch einen gleichaltrigen Freund mit, der gemeinsam mit ihm versuchte, mir den Ball abzunehmen. Wer weiß, vielleicht war die Herausforderung, mich gleich gegen zwei Erwachsene durchsetzen zu müssen, ja schon ein erster Schritt hin zu meinem späteren Drang zum Einzelspiel. Wenn es mir gelang, war ich jedenfalls überglücklich.
Mein erstes Fußballfeld war die Grasfläche hinter dem Großen Haus, gleich neben den Gemüse-, Kartoffel- und Erdbeerfeldern. Die Fläche von vielleicht fünfzehn auf dreißig Metern war für mich als Kind von schier endloser Weite und ein großes Geschenk: mein eigenes Fußballstadion. Hier jagte ich in den kommenden Jahren, wann immer ich Lust und Heinz Zeit hatte, mit unendlicher Begeisterung und ohne jedes Zeitgefühl dem Ball hinterher. Heinz hatte kleine Tore aus Lattenresten zusammengebastelt, auf die wir spielten. Ich erinnere mich an eine Szene, in der er mich ziemlich breitbeinig attackierte. Ich nahm die Einladung an, verpasste ihm einen Beinschuss und wollte ihn gerade umkurven, als Heinz mich plötzlich mit beiden Händen festhielt. Ich zappelte, versuchte verzweifelt, mich loszureißen, wurde fuchsteufelswild und fing an, ihn nach allen Regeln der Kunst zu beschimpfen. Heinz behauptete später: »Das gehörte doch nur zu meinem Aufbauprogramm, um dich auf die Fouls deiner Gegner vorzubereiten.«
Mein Elternhaus lag am Schwalbenweg, einer kleinen, lange noch unbefestigten Siedlungsstraße, die in unser Viertel führte. Das Grundstück mit dem zweigeschossigen Großen Haus befand sich direkt hinter einem kleinen Wäldchen. Die Grauthoffsiedlung bestand fast überwiegend aus Einfamilienhäusern und lag etwas abseits des Dorfkerns unseres Heimatortes Schloß Holte, in dem ein paar Tausend Menschen lebten. Natürlich spielte ich nicht nur mit Heinz, denn ich war längst nicht der einzige Junge zwanzig Kilometer südöstlich von Bielefeld, der gerne dem Ball hinterherrannte. Gut acht Monate nach meiner Geburt hatte das »Wunder von Bern« stattgefunden, der Fußball hatte seinen langen Siegeszug in Deutschland schon begonnen. In den kommenden Jahren spielten meine Freunde und ich täglich Fußball, entweder auf der Straße – auf kleine Steintore und nur selten gestört von einem der wenigen Autos, die sich in unser Viertel verirrten – oder auf einem selbst angelegten Platz auf einer Lichtung unseres Wäldchens. Die Tore hatten wir von einem Zimmermann aus der Nachbarschaft aus alten Vierkanthölzern zusammennageln lassen und im Boden versenkt. Jetzt konnte ich im heimischen Gartenstadion oder im gemeinschaftlichen Waldstadion spielen – was für ein Luxus.
Wir Jungens aus der Nachbarschaft waren auch abseits des Fußballs ideenreich und ständig auf Achse. Wir kletterten auf hohe Bäume, bauten Höhlen, spielten Verstecken im Wald. Auf meinem Fußballfeld hinterm Haus organisierten wir Wettbewerbsparcours mit verschiedenen Stationen, die durchlaufen werden mussten. Abends kam ich oft völlig verschwitzt, verdreckt und halb verhungert von unseren kindlichen Streifzügen nach Hause. Dort wartete meine Mutter, steckte mich in den Bottich und schrubbte mir liebevoll den Dreck vom Leib, bevor es zum Abendessen geschmierte Butterbrote oder aufgekochte Haferflocken gab. Dann brachte sie mich ins Bett, vor dem selbstredend mein Fußball lag, wo ich beruhigt und behütet einschlief. Ich war ein glücklicher kleiner Junge und hatte auch allen Grund dazu.
Mein Leben mit dem Fußball hatte also schon früh begonnen. Aber es drehte sich längst nicht alles um den Ball. Ohne dass es dafür eines Anstoßes von außen bedurfte – durch einen Lehrer oder wie beim Fußball durch einen Bruder im Geiste wie Heinz –, wurde das Lernen meine zweite große, bis heute anhaltende Leidenschaft.
Als ich im Frühjahr 1960 mit sechseinhalb Jahren eingeschult wurde, hatte ich meinen ersten Schultag bereits lange herbeigesehnt. Schon ein, zwei Jahre zuvor wollte ich unbedingt Lesen und Schreiben lernen. In den Wochen vor der Einschulung ging meine Mutter mit mir zum Schreibwarengeschäft Brinktrine, direkt gegenüber der katholischen Pfarrkirche St. Ursula, wo es den notwendigen Schulbedarf zu kaufen gab. Die Kirchschule, in der es wenig später endlich losgehen sollte, lag direkt neben der Kirche. Ich liebte den Geruch des frischen Leders meines neuen Tornisters und der Schreibmappe und konnte gar nicht genug davon bekommen.
Der Impuls zum Lernen war einfach da, auch bei meinem Bruder. Und er entstand mit ziemlicher Sicherheit nicht aus dem Bildungsambiente unseres Elternhauses, in dem Bücher Seltenheitswert besaßen und bis auf das konservative Kreisblatt Die Glocke keine Zeitung gelesen wurde. Einzig unsere Mutter förderte unsere Lesefreude. Ich tastete mich mit derselben Begeisterung und Unermüdlichkeit in die Welt der Buchstaben und Wörter, wie ich es mit Heinz und meinen Freunden beim Fußballspielen tat.
1961 zog ein Teil der Schule von der alten Kirch- in die neu gebaute Grauthoffschule um. Nun musste ich nicht mehr ans andere Ende des Dorfes gehen, sondern war in kaum fünf Minuten im Klassenzimmer. Im Laufe des zweiten Schuljahres fing ich auch an, mir Bücher aus der Schulbibliothek auszuleihen: Indianer- und Abenteuerromane wie Tecumseh oder Fußballbücher wie Sammy Drechsels Elf Freunde müsst ihr sein. Gerade diese Geschichten über Jungen, die sich in Straßen, Vierteln, Schulen oder Vereinen zu Mannschaften zusammenfanden und längst verloren geglaubte Spiele noch herumrissen, regten meine Fantasie an – natürlich wollte ich sein wie sie. Aber auch Atlanten und Sachbücher über Geografie und Geschichte öffneten mir den Blick in andere Welten. Während ich Seite für Seite umblätterte, liefen ganze Filme in meinem Kopf ab – ohne dass ich damals schon gewusst hätte, was Filme sind, geschweige denn schon welche gesehen hätte. Ich stellte mir vor, ferne Länder und fremde Kulturen kennenzulernen, und wollte am liebsten selbst mit dem Flugzeug dorthin reisen. Ein kleiner Junge aus Schloß Holte träumte von Amerika und Afrika, von wilden Tieren in den Steppen und im Dschungel, nicht ahnend, dass das Leben ihn später tatsächlich zu einigen dieser Orte bringen sollte.
Lesen und Lernen sind für mich bis heute Antrieb und Inspiration zugleich. Den unzähligen Fachbüchern habe ich es zu verdanken, dass ich wissenschaftlich immer auf dem neuesten Stand geblieben bin, zumindest was die Themen Fußball, Ernährung und die Arbeit mit Menschen betrifft.
Wenn ich auf meine ersten Schuljahre zurückblicke, dann waren das herrlich aufregende und wunderbar spannende Zeiten. Ein Fernsehgerät besaßen wir nicht, nicht einmal ein Telefon. Das Leben war analog, Gespräche fanden live statt, und aus der »Cloud« hat es noch geregnet. Fritz-Walter-Wetter, hätte Heinz wohl gesagt. Wenn wir etwas erleben wollten, dann mussten wir es tun, statt anderen dabei zuzusehen.
Als ich am 28. November 1953 auf die Welt kam, hieß mein Geburtsort noch Liemke, erst 1964 wurde der Name in Schloß Holte geändert. In meinem Geburtsjahr wurde Königin Elisabeth II. in London gekrönt, Eisenhower zum neuen Präsidenten der USA ernannt und Nikita Chruschtschow zum Vorsitzenden der KPdSU. Der Aufstand am 17. Juni in der noch jungen DDR wurde mithilfe des sowjetischen Militärs blutig niedergeschlagen, Konrad Adenauer war Kanzler und Theodor Heuss Präsident der jungen Bundesrepublik. Eine Bundeswehr gab es noch nicht, ebenso wenig die EU. Die Familien Tausender Kriegsgefangener warteten noch immer auf die Rückkehr ihrer Söhne, Ehemänner und Väter, während sich Deutschland längst im Neuaufbau zu einer Demokratie nach westlichem Vorbild befand, allerdings mit vielen Ex-Nazis in allen gesellschaftlichen Bereichen.
Von alldem ahnte ich natürlich nichts, auch wenn es mich genauso beeinflussen sollte wie meine ganze Generation. Ich erinnere mich, dass ich manchmal als kleiner Junge im Hof auf dem Boden herumgekrochen bin, um »Kriech« zu spielen. Das Wort »Krieg« hatte ich aufgeschnappt, es fiel relativ häufig, wurde aber von den Erwachsenen in ihrem ostwestfälischen Plattdeutsch immer »Kriech« ausgesprochen.
Ich wuchs damals, was normal und üblich war, in einem Mehrgenerationenhaus auf. Mein Vater hatte das Haus nach dem Krieg schon einmal umgebaut und erweitert. Ursprünglich hatten es meine Großeltern 1909 auf dem neu erworbenen Grundstück von drei Morgen hinter dem Wäldchen gebaut. Die Familie war gerade aus der Gegend um Münster in die Heimat zurückgekehrt, wo mein Großvater eine Arbeitsstelle als Schlosser bekommen hatte. Da hatten sie schon vier Kinder – Christine, Thea, Franz und Gerhard –, mein Vater Josef kam dann 1914 noch dazu.
Meine Großmutter war eine geborene Potthoff und entstammte dem alten Liemker »Schlosseradel«, ihr Vater arbeitete in der bekannten Holter Eisenhütte als Schlosser, ein in der damaligen Zeit sehr ehrbarer und gut bezahlter Beruf. Ihr Mann Heinrich Lienen war ein Bauernsohn aus der östlichen Nachbargemeinde Stukenbrock.
Als ich geboren wurde, war mein Großvater schon lange tot, nicht einmal mein Vater hatte ihn kennengelernt. Er fiel im Ersten Weltkrieg, im Februar 1915 an der Westfront. Das Einzige, was wir von ihm kannten, war – außer ein paar Hochzeits- und Familienfotos – ein Soldatenfoto im »Kaiser-Wilhelm-Stil«: stolz in der feldgrauen Uniform, den Pickelhelm unterm Arm und mit einem gigantischen, hochgezwirbelten Oberlippenbart. Am Ende blieb ein Bild von seinem Grab irgendwo in Belgien, mit einem kleinen metallenen Kreuz.
Mein Vater wuchs also als jüngstes von fünf Kindern ohne Vater auf, dafür mit einer sehr resoluten Mutter, die sich in der Männerwelt des frühen 20. Jahrhunderts durchsetzen musste. Durch den Verlust des Ernährers lebte die Familie in ärmlichen Verhältnissen. Mein Vater wurde fast bis zu seinem fünften Lebensjahr gestillt, da Lebensmittel knapp und teuer waren. Das große Grundstück warf zwar einiges an Nahrungsmitteln ab, musste aber auch entsprechend bearbeitet werden.
In den Dreißigern verdingte sich mein Vater als Viehhändler, ohne eine spezielle Ausbildung genossen zu haben, bevor er seinen Militärdienst absolvieren musste und der Zweite Weltkrieg kam. Mein Vater brachte sein Leben lang allen staatlichen und behördlichen Regulierungen eine gesunde Skepsis entgegen und gestaltete sein Leben nach seinem eigenen Gutdünken. So verdankte er, eigenen Erzählungen zufolge, sein Überleben im Zweiten Weltkrieg eben diesem unkonventionellen Hang zu einsamen, aber für ihn überlebensnotwendigen Entscheidungen. Oftmals gedeckt von guten Freunden auf höheren Befehlsebenen, schelmisch forsch wie der brave Soldat Schwejk oder anmaßend wie der Hauptmann von Köpenick die Schwächen der Befehlshierarchien ausnutzend, bewegte sich mein Vater »zwischen den internen Linien«, wie er sagte. Durchaus mit Erfolg: Er überlebte die tödliche Westfront in Frankreich. Nach der Rückkehr in die Heimat versuchte er mit Tricks und kleinen Schwindeleien, vom Militärdienst freigestellt zu werden. Das misslang gründlich: Man schickte ihn nach Stalingrad. Über diese Zeit sprach er nicht gerne, zu groß waren die Schmerzen der Erinnerung und das Entsetzen über die dortigen Vorkommnisse. Doch zum Glück konnte er Russland mit dem letzten Urlaubszug vor der großen Schlacht verlassen.
Man schickte ihn als Fahrer für die Offiziere in das besetzte Norwegen. Wie genau er Kontakt zu der dortigen Widerstandsbewegung fand, blieb unklar, aber es fiel ihm sicher nicht schwer, wichtige Informationen an seine neuen Freunde weiterzugeben. Jedenfalls verliebte er sich in eine norwegische Krankenschwester. Eine Liebe, der er lange nachhing. Doch die Briefe seiner Angebeteten wurden ihm vorenthalten: Seine Mutter hatte sie abgefangen und vor ihm versteckt. Erst nach ihrem Tod 1959 wurden sie gefunden, da war er längst glücklich mit meiner Mutter verheiratet.
Die Familie meiner Mutter stammte aus Ostpreußen und wurde durch den Zweiten Weltkrieg nach Ostdeutschland verschlagen. Als die Alliierten im Februar 1945 die vier verheerenden Luftangriffe auf Dresden flogen, befand sich meine Mutter mit ihrer Familie inmitten des Feuerinfernos. Ihr Vater starb ein halbes Jahr später an den Folgen einer Rauchvergiftung. Ein Bildband der zerstörten historischen Innenstadt lag immer auf dem Nachttisch meiner Mutter. Der Buchdeckel zeigte ein Foto der ausgebombten Frauenkirche.
Meine Eltern lernten sich nach dem Krieg in der russischen Besatzungszone in Halle an der Saale kennen. Gerd, der zweite Bruder meines Vaters, betrieb einen kleinen Kunstgewerbehandel, unter anderem mit Postkarten, die mit verschiedenen Motiven bedruckt waren. Reste dieser Postkarten fanden wir Kinder später in übrig gebliebenen Kartons auf unserem staubigen Dachboden. Mein Vater unterstützte Gerd bei seinem Handel, und beide wickelten nebenher im halb legalen Grenzverkehr kleinere Geschäfte ab. Bei einem seiner Aufenthalte in Halle lief ihm dann meine Mutter über den Weg, die es mittlerweile dort hinverschlagen hatte. Ebenso halblegal wie die Nebengeschäfte nahm er sie später über die sogenannte Zonengrenze mit zu sich nach Liemke, um sie zu heiraten.
An sich keine überraschende Aktion meines Vaters. Doch sein Vorhaben stand unter keinem guten Stern, wofür er diesmal allerdings selbst wenig konnte. Etwa zur selben Zeit lernte auch Gerd eine Frau in Halle kennen. Gerd, der aufgrund seiner Kriegsuntauglichkeit nicht die Militärjahre verloren hatte, war aber bereits in Paderborn verheiratet und hatte fünf Kinder. Jetzt trennte er sich tatsächlich von seiner Frau und der Familie – ein für sich schon besonderer, in der damaligen Zeit aber skandalöser Vorgang, der die Großfamilie Lienen vor eine Zerreißprobe stellte, der sie nicht gewachsen war.
Besonders meine Mutter hatte unter der Situation zu leiden. Meine Großmutter und meine beiden Tanten nahmen sie alles andere als wohlwollend in die Familie auf. Großmutter Katharina blieb bis an ihr Lebensende ohne neuen Ehemann, vierundvierzig Jahre Witwendasein, und stand in all dieser Zeit einer möglichen Verbindung ihrer Töchter mit einem Mann immer äußerst kritisch und ablehnend gegenüber. Auch bei ihren Söhnen ließ sie es sich oft nicht nehmen, bei Rendezvous aufzutauchen, um regulierend einzugreifen. Misstrauen wurde bei ihr also großgeschrieben – und nun das. Zu allem Überfluss hieß die Neue von Gerd auch noch Walli, was dem Namen meiner Mutter, Walburga, mehr als ähnlich war.
An eine entspannte Hochzeit war in diesem Umfeld und unter diesen Umständen nicht zu denken. Zum Glück gab es in Hannover eine eng mit meiner Mutter verwandte Familie Zimmermann, die bereit war, ihre Hochzeit auszurichten. Und so kam es, dass meine Eltern 1951 in Hannover heirateten, bevor meine Mutter nach Liemke in die Höhle der Löwinnen zurückkehren musste.
Dass mein Vater seine Frau dieser Situation aussetzte, anstatt einfach umzuziehen, hatte vor allem wirtschaftliche Gründe. Andererseits dachte er wohl auch, dass derartige Konflikte zum Leben einer Familie einfach dazugehörten. Vielleicht machte er sich auch gar nicht so viele Gedanken darüber. Von seinem Auftreten her war mein Vater eh nicht der »Herr im Hause«, der mit klaren Ansagen für klare Verhältnisse gesorgt hätte.
Meine Mutter hatte in unserem Dreigenerationenhaushalt jedenfalls einen schweren Stand, und das nicht nur aufgrund der Umstände ihres Erscheinens, sondern auch, weil sie mit drei Frauen zusammenleben musste, die alle ältere Rechte hatten und ihren Platz im Haus beanspruchten. Für mich als Kind zeigten sich diese Konflikte in erster Linie in der Küche, dem Mittelpunkt unseres Familienlebens. Bevor es einen Elektroherd gab, wurde dort noch lange an einem alten gusseisernen, blau-weiß emaillierten Küchenherd aus der Produktion der Holter Eisenhütte gekocht, mit den typischen herausnehmbaren Ofenringen über dem Feuer und dem großen Backofen. In der Küche war es immer sehr beengt, was sich erst viel später nach einer der vielen Umbaumaßnahmen meines Vaters ändern sollte. Ich habe des Öfteren mit ansehen müssen, wie meine Mutter weinend aus der Küche lief, um sich Luft zum Atmen zu verschaffen. Für mich als Kind waren das immer bedrohliche Situationen, aber Streitereien, Zurechtweisungen bis hin zu Schreiereien gehörten zur Realität im Großen Haus.
Mein Onkel Franz hatte als ältester Sohn bereits in den Dreißigern den äußeren rechten Streifen des Grundstücks, ein Drittel der Gesamtfläche, überschrieben bekommen und sich dort mit seiner Familie niedergelassen. Doch das Große Haus blieb die Anlaufstelle für alle Lienens, hier wurde diskutiert, gestritten, gegessen. Die Söhne von Onkel Franz, mein Vetter Heinz und sein Bruder Antonius, schauten des Öfteren bei uns zum Essen oder zum Spielen mit uns Kindern vorbei. Immer mal wieder auch Franz selbst, der als Schlossermeister (!) in der Maschinenfabrik August Göricke angestellt war, dem großen Fahrradhersteller in Bielefeld. Als ältester Bruder und top ausgebildeter Handwerker hatte er für meinen handwerklich weniger begabten Vater regelmäßig – gefragt oder ungefragt – gute Ratschläge parat, an die sich mein Vater entweder nicht hielt oder mangels Fertigkeit nicht halten konnte. Diese Zusammentreffen endeten in der Regel in lautstarken Auseinandersetzungen, bei denen der Klügere nachgab und Franz wütend davoneilte.
Mit der Zeit gelang es meiner Mutter, sich ihren Platz im Haus zu erkämpfen und immer mehr respektiert zu werden. Sie war eine ausgezeichnete Köchin, außerdem konnte sie nach Schnittmustern, die sie mitgebracht hatte, die hübschesten Kleider für Familienangehörige und Nachbarn nähen. Und sie brachte Ordnung ins Haus und ins Leben der Familie, vor allem in die Baumaßnahmen ihres Mannes. Nach dem Tod ihrer Schwiegermutter und acht Jahre nach der Hochzeit in Hannover hatte sie das Kommando in Liemke übernommen.
Mein Bruder Bruno war jedermanns Liebling. Alle fanden ihn unfassbar süß. Er marschierte mit einem für seine Größe überdimensionalen Regenschirm über den Hof, und die Tanten und Nachbarn brachen in Entzückungsschreie aus. Auch seine legendäre Klettertour auf eine hohe Leiter an der Hauswand blieb ungeahndet und festigte seinen Ruf, besonders gewitzt zu sein. Ihm gehörte auch nach meiner Geburt die Aufmerksamkeit in der Familie. Alles, was Bruno machte, war toll, und das begriff natürlich auch er selbst sehr schnell.
In der Schule änderte sich das Bild für ihn: Er verbrachte die ersten drei Schuljahre in der erzkonservativen Kirchschule, in der »Pädagogen« wie sein Klassenlehrer Birke mit einem roten Rohrstock, den er »Roter Onkel« nannte, ihr Unwesen trieben und Schüler unterschiedslos und nach Belieben schlugen. Im Abschlusszeugnis des ersten Schuljahres stand: »Bruno hat einen ausreichenden Anfang gemacht.« Während ich später mit einer makellosen Schönschrift aufwarten konnte und allein schon damit viele Pluspunkte sammelte, hatte seine Schrift etwas Krakeliges und Unleserliches. Er war Linkshänder, man hatte ihn aber mit Gewalt gezwungen, den Kreidestift für die damals übliche Schiefertafel in die rechte Hand zu nehmen.
Nach dem erwähnten Schulumzug 1961 – für Bruno war das in seinem vierten Schuljahr – hatte er weniger als ein Jahr Zeit, die ersten Eindrücke zu revidieren. Er war ein hochsensibler und intelligenter Schüler, ließ aber etwas Ehrgeiz vermissen, denn schließlich feierte man ihn zu Hause auch so ab, was ihn letzten Endes die weiterführende Schule kostete. Gegen den Wunsch unserer Mutter verhinderten seine Lehrer, unter anderem Rektor Gürtler, seine Aufnahme ins Gymnasium und ließen ihn bis zum Ende des achten Schuljahres auf der Volksschule sitzen, wo er hoffnungslos unterfordert war.
Zu Hause änderte sich für ihn und mich dadurch nichts, es blieb bei der Rangfolge Bruno vor Ewald. Bei seiner Kommunion im Frühjahr 1961 wurde ein großes Fest mit vielen Geschenken gefeiert. Alle Verwandten gaben sich die Ehre, und Bruno wurde auch mit Geldgaben überhäuft. Zudem tauchte Klempnermeister Heinz Fiekens, der Mann von Heinz’ älterer Schwester Annelore, aus der Nachbarschaft auf und schoss etliche Fotos. Zwei Jahre später, bei meiner Erstkommunion, nahmen nicht halb so viele Gäste Notiz von dem Ereignis. Auch die Anzahl meiner Geschenke war überschaubar, Fotos wurden erst recht nicht geschossen. Wie ich mich dabei fühlte, weiß ich nicht mehr, ich habe es wie andere unerfreuliche Ereignisse der Kindheit verdrängt. Unser neuer Nachbar Dirks, der eine Drogerie im Dorf betrieb, bei der man auch Fotos machen und entwickeln lassen konnte, nahm sich der Sache an. Als er zwei Tage später bemerkte, dass das Ereignis nicht festgehalten worden war, forderte er mich auf, meinen Kommunionsanzug noch einmal anzuziehen. Ich wählte die Variante »kurze Hose«, stellte mich mit der Kommunionkerze in Position und versuchte nicht nur, meine derangierten Haare irgendwie zu bändigen, sondern auch, ein glückliches Gesicht zu machen. So entstanden im Garten eines Nachbarn meine einzigen Kommunionbilder.
In der Grauthoffschule ging unsere Odyssee inzwischen weiter. Den Religionsunterricht von Brunos Klasse hatte der in Theologie promovierte Vikar Dr. Intorp übernommen, der auch in der St. Ursulakirche wirkte. Der Doktortitel hielt ihn keineswegs davon ab, miteinander quatschende Schüler im Vorbeigehen mit einer Rechts-links-Kombination ins Gesicht zu schlagen. Auch ich wurde nicht verschont, ungeachtet meiner guten Leistungen. Als sich Frau Hermsmeier, meine Klassenlehrerin, im Vorbeigehen einen blauen Tintenstreifen durch meinen Füllfederhalter auf ihrem gelben Rock einhandelte, bedachte sie diese unabsichtliche Aktion mit einer absichtlichen Ohrfeige. Schläge verschiedener Lehrer auf Gesäß, Hände und ins Gesicht von uns Schülern waren an der Tagesordnung.
Die strikte Trennung des Schulsystems nach gesellschaftlichen Klassen war in den Sechzigern noch allgegenwärtig. Für die Arbeiterklasse war die Volksschule vorgesehen, wo die Fähigkeit zu selbstständigem Denken nicht im Vordergrund der Förderung stand. Entsprechend machten einige Lehrer auch nicht viel Federlesens. Wenn ein Kind aus einfachen Verhältnissen aufs Gymnasium wollte, musste es sich schon mit außergewöhnlichen Leistungen hervortun. Bei meinem Bruder reichten das offensichtliche Talent und seine Kreativität nicht aus. Die Realschule war für die Mittelklasse, die Techniker und Meister reserviert, die gut ihre Arbeit organisieren konnten, aber auch nicht zu viel denken sollten. Zum Gymnasium schließlich gingen unsere angehenden Führungskräfte, die das System mit seinen Ungerechtigkeiten aufrechterhalten sollten. Zum Glück ging der Plan nicht auf – doch das geschah erst später.
Als sich Bruno einmal bei Frau Hermsmeier Ärger eingehandelt hatte, baute sich tags drauf Rektor Gürtler vor ihm auf und schlug ihn mit den Worten »Was hast du gemacht?« rechts und links ins Gesicht. Viele Jahre später, mein Bruder stand mittlerweile kurz vor seiner Promotion als Historiker, bekam er den Versuch einer heimatkundlichen Dokumentation seines Ex-Rektors zur Begutachtung auf den Schreibtisch. Bruno war bereits ein Experte der bäuerlichen und wirtschaftlichen Entwicklung unserer Region ab dem Mittelalter und widerstand dem Impuls zu später Rache, zeigte sich stattdessen gnädig und attestierte dem vorgelegten Material zumindest seine Verwendbarkeit zu weiteren Untersuchungen.
Zum Glück gab es ab Mitte der Sechziger erste Ansätze, die Durchlässigkeit des alten Bildungssystems zu erhöhen und die strikte Trennung aufzuheben. Und Bruno erwarb über Aufbaurealschule und -gymnasium in Paderborn doch noch bravourös sein Abitur. Er war zwei Jahre vor mir gestartet und hielt sein Zeugnis ein Jahr vor mir in der Hand, also trotz Umweg fast ohne Zeitverlust. Nach dem Ende meiner Schulzeit besuchte ich ihn mehrfach in Göttingen, wo er Chemie und Geschichte studierte. Ich war unfassbar stolz auf meinen großen Bruder. Er wohnte zwar nur in einem winzigen Hinterhofzimmer mit Toilette auf dem Flur, aber es war eine echte Studentenbude! Das Ambiente der klassischen Universitätsstadt Göttingen und das Flair des Studierens und Lernens wirkten auch auf mich äußerst verlockend.
Sie hatten meinen Bruder zu Hause verhätschelt, auf seine und meine Kosten, und das hatte für uns beide spürbare Folgen. Gut möglich, dass ich mich deshalb von Anfang an etwas mehr dem Äußeren zuwendete, um mir genügend Aufmerksamkeit und Lob zu verschaffen. Trotz oder gerade wegen dieser Konflikte um Zuneigung und Anerkennung war meine Mutter die wichtigste Person meiner Kindheit. Sie gab mir Halt und Sicherheit, viel Wärme und Liebe, und sie wies mir die Richtung in meinem Leben. Sie war der Rettungsanker in einer rückwärtsgewandten, teilweise lebensfeindlichen Familie und stieß eine ganze Reihe von Aktivitäten an, die ohne sie völlig unvorstellbar gewesen wären. Einmal fuhren wir zum Beispiel zu viert ins nahe liegende Lippische Bergland und machten Familienurlaub auf einem Bauernhof, besuchten noch weitere Höfe und kehrten mit Unmengen von Obst nach Hause zurück. Wir bekamen Visa für die DDR und besuchten die Familie der Schwester meiner Mutter, Tante Hilla und Onkel Jorg, der auch mein Patenonkel war, unsere Cousins sowie Oma Bargel, die alle in Halle an der Saale lebten. Außerdem bauten meine Eltern auf unserem großen Grundstück ein Vierfamilienhaus als sozialen Wohnungsbau – angesichts der zukünftigen Aktivitäten meines Vaters die letzte sinnvolle und koordinierte, weil von meiner Mutter begleitete Baumaßnahme.
Meinen Vater bekam ich weder auf dem Fußballplatz noch in der Schule jemals zu Gesicht. Er sah mich nie Fußball spielen und erkundigte sich auch nicht nach der Schule oder Hausaufgaben. Ob ich darunter litt, kann ich gar nicht sagen, es war normal für mich, weil ich es gar nicht anders kannte. Auch andere Väter erlebte ich in diesen Zusammenhängen nur selten. Bei meinem Vater kam erschwerend hinzu, dass er kein eigenes Vaterbild hatte entwickeln können und folgerichtig das tat, was andere auch taten: nichts. Immerhin ermahnte er mich, nicht »rumzujachtern« – also ziellos durch die Gegend zu rennen – oder mir bei diesem blöden Spiel die Knochen kaputt treten zu lassen. Viele Jahre später, als ich als Spieler des Zweitligisten Arminia Bielefeld mit dem ersten Gehaltsbogen nach Hause kam, ließ er erstmals so etwas wie Anerkennung durchblicken. Nichtsdestotrotz liebte ich meinen Vater, weil er so war, wie er war. Er beobachtete unsere Entwicklung, griff aber nie aktiv ein. Er kümmerte sich nie um meine Schulkarriere, ließ mir aber auch freie Hand. Auch Taschengeld gab es nicht. Mein Vater erhob niemals die Hand gegen uns, das gab es in unserem Haus nicht. Es ist ihm anzurechnen, dass wir Kinder genügend Raum für unsere eigene Entwicklung hatten und unseren eigenen Weg finden konnten.
Sein einziges Laster bestand im Rauchen dicker Zigarren, die er genüsslich paffend in fast allen Lebenslagen konsumierte. Selbst wenn die Glut erloschen war, klemmten die abgebrannten Stumpen zwischen seinen Lippen. »Hol mir mal ’ne Kiste Zicharren vom Bahnhof«, wie er sich ausdrückte, »und zwar die Fehlfarben.« Ich liebte es, ihn rauchen zu sehen, er strahlte dann eine große innere und äußere Gelassenheit aus. Wenn er so gemütlich qualmend dasaß, erzählte er eine Vielzahl von interessanten Geschichten aus seinem Leben. Bis heute verbinde ich mit dem Geruch von Zigarren die besten Erinnerungen an meinen Vater.
Direkt hinter unserem Bolzplatz in den sogenannten Mersch-Fichten befand sich die Spielstätte des VfB Schloß Holte. Man musste nur noch eine kleine Wiese sowie die Falkenstraße überqueren, schon stand man direkt vor einem mannshohen Maschendrahtzaun, der den Blick freigab auf den großen Fußballplatz des Vereins. An diesem Zaun hatte ich schon oft gestanden und den Erwachsenen beim Training und am Wochenende beim Spiel zugesehen. Mein Held war der große, bullige Mittelstürmer Hansi Ottenstroer, der aus jeder Lage und Entfernung Tore erzielte. Endgültigen Legendenstatus erhielt er bei mir, als er aus gut 25 Metern den Ball an die Unterkante der Querlatte jagte. Der Ball sprang auf der Linie auf, prallte wieder gegen die Latte, schlug erneut am Boden auf, um danach oben im Netz hinter der Latte im Tor zu landen.
Um hinter den Zaun zu gelangen, fehlte mir das nötige Kleingeld für den Eintritt. Was ich dort Ende der Fünfziger aber immerhin durch den Zaun zu sehen bekam, waren nicht mehr und nicht weniger als meine absoluten Vorbilder. Andere kannte ich nicht. Die Bundesliga wurde erst 1963 gegründet, die Oberliga West war mir nicht bekannt, und einen Fernseher besaßen wir nicht. Heinz war bis jetzt mein Mentor und Förderer gewesen, spielte aber selbst in keiner Mannschaft. Hier zeigten nun die besten Spieler unseres Ortes auf dem Platz, was Sache war, und das halbe Dorf war auf den Beinen – das wollte ich auch irgendwann erleben.
Quer zum Hauptplatz gab es einen zweiten Platz, auf dem trainiert wurde und die Jugendspiele ausgetragen wurden. Irgendwann im Frühjahr 1961, ein paar Monate nach meinem siebten Geburtstag, schaute ich dort am späteren Nachmittag dem Training einiger Jungen zu. Plötzlich sprach mich ein riesiger, mindestens 1,90 Meter großer Mann mit braunen, lockigen Haaren an, der sich aus der Gruppe auf dem Platz gelöst hatte. »Junge, willste nich’ mitspielen?«, fragte er mich, und: »Wie heißt du denn?« Freudestrahlend antwortete ich und reihte mich in die Gruppe ein.
Der Riese hieß Manfred Schomburg und war der Jugendtrainer. Manfred war Mitte zwanzig, aus dem Osten in unsere Region gekommen, arbeitete als Küchenbauer und hatte mit Maria, einer großartigen Frau, eine Familie gegründet. Sie lebten mit ihren beiden kleinen Kindern Thomas und Birgit in einem Häuschen am Grünen Weg, direkt neben dem Fußballplatz der Jugendmannschaften. Manfred war einer jener Menschen, für die es nichts Größeres gibt, als Kindern und Jugendlichen etwas beizubringen und sie einige Jahre in ihrer Entwicklung zu begleiten. Dauernd sprach er neue Kinder an, beim VfB mitzumachen, und so war seine Gruppe von Sieben- bis Vierzehnjährigen auf annähernd vierzig Jungs angewachsen. Mit Dieter Voßhans hatte er einen treuen Helfer an seiner Seite. Dieter war höchstens zwanzig Jahre alt und hatte selbst zwei Jahre in der Jugend beim VfB gespielt. Er wohnte unmittelbar neben Manfred an der Längsseite des Platzes und war allgegenwärtig.
Manfred kam nach ein paar Trainingseinheiten zu der Erkenntnis, dass ich in den Verein gehörte. Als es im Frühsommer 1961 irgendwann an unserer Haustür klingelte, wusste ich noch nicht, dass dieser Besuch wahrscheinlich mein ganzes Leben prägen würde. Mein Vater war gegen den Vereinseintritt, vielleicht auch nur, um sich bei Franz nicht unbeliebt zu machen. Doch am Ende gaben meine Eltern dem Drängen von Manfred nach, und ich konnte ins Fotostudio der Drogerie Dirks gehen, um ein Bild für meinen Spielerpass anfertigen zu lassen. Es wurde eines der wenigen Fotos meiner Kindheit. Friseur Schmelter, der sein Geschäft quasi direkt an der Eckfahne des Hauptsportplatzes betrieb, hatte ganze Arbeit geleistet: Ich sah aus wie ein amerikanischer GI, nur in sehr jungen Jahren. Die Haare rund um den Schädel total abrasiert, lediglich oben auf dem Kopf war eine Kurzhaarfrisur verblieben. Das sollte sich später noch gehörig ändern, aber fest stand schon jetzt: Zur Saison 1961/62 war ich im Alter von siebeneinhalb Jahren Jugendspieler des Vereins für Bewegungsspiele Schloß Holte 1919 e. V.
Zur Schule gehen zu dürfen und kein kleines Kind mehr zu sein war einfach toll. Nun aber plötzlich Teil einer Mannschaft zu sein und dafür in den Verein einzutreten war für mich fast noch schöner. Keine Frage, ich liebte es weiterhin, mit den Kumpels meiner Nachbarschaft auf der Straße oder unserem Bolzplatz zu spielen. Aber hier gab es noch etwas anderes. Lange hatte ich mit den Händen in den großen Maschen des Zaunes gehangen und anderen beim Training oder bei den Spielen zugesehen – doch ich war außen vor. Nun war ich auf der anderen Seite des Zaunes, konnte mittrainieren, schon bald mitspielen, alle in den gleichen Trikots, mit den anderen zusammenhalten und ein Team sein – jetzt gehörte ich dazu und fühlte mich großartig.
Meine ersten, kindlichen Schritte aus der Enge der Familie in die große, weite Welt hinaus setzten sich also fort. In der Schule konnte ich meinen Wissensdurst, meinen Lernwillen sowie mein Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit befriedigen. Auch im Verein war ich auf der Suche nach Anerkennung meiner Leistungen, aber es ging noch um viel mehr. In der Schule war jeder am Ende auf sich alleine gestellt, in meiner Fußballmannschaft hingegen konnten wir unsere Ziele nur gemeinsam erreichen, als Team. Lange Jahre sollte der VfB Schloß Holte meine sportliche Heimat bleiben, und wie alle Gruppen, in denen ich mich wohlfühlte, erfüllte er stellvertretend auch viele Familienfunktionen.
Nachdem ich in den Verein eintreten durfte, landete ich zuerst in der Mannschaft der »Knaben«. Das waren alle Spieler von zehn bis zwölf Jahren und darunter, eine andere Einteilung für Jüngere gab es nicht. Darüber waren die »Schüler« von zwölf bis vierzehn, danach kamen die B-Jugend von vierzehn bis sechzehn und schließlich die A-Jugend von sechzehn bis achtzehn. Manfred Schomburg und Dieter Voßhans teilten sich die Arbeit mit uns Knaben und waren zunächst auch noch für alle anderen Mannschaften zuständig. Dienstags und donnerstags war nacheinander das Training der Knaben und Schüler, während mittwochs und freitags die B- und A-Jugend dran waren. Wenn Manfred nicht konnte, leitete Dieter das Training alleine. Er war kein großer Fußballer, kannte aber die Übungen. »Ewald, mach du mal vor«, lautete sein Standardsatz, wenn er von uns bestimmte individuelle Übungen verlangte, etwa den Ball hochzuhalten oder eine Lauffinte beim Dribbling einzuüben. Und dann machte ich es vor.
Ich blieb drei Jahre lang in der Knabenmannschaft, bis zum Ende meiner Grundschulzeit 1964. Auch wenn es im Laufe meines Lebens noch auf viele Jahre zutreffen sollte, drehte sich mein Leben in diesen Jahren fast nur um den Fußball. Zu den zwei Trainingseinheiten pro Woche im Verein kam unser ausgiebiger Freizeitfußball auf Wiesen, Straßen oder unserer Lichtung. Wir lernten spielerisch, mit dem Ball umzugehen, und wir taten auch ohne Anleitung etwas für unsere Koordination, unsere Fitness, unsere Kraft, indem wir rannten, sprangen und kletterten.
Mein Bruder war kein bisschen fußballverrückt und hatte daher nicht die Außenkontakte wie ich durch einen Verein. Außerdem musste er ja auf der Volksschule bleiben, statt außerhalb des Dorfes aufs Gymnasium gehen zu können, und lebte quasi in symbiotischer Verbundenheit mit unserer Mutter. Er war nach eigener Aussage »ein verwöhntes und vorlautes Balg«.
Am Wochenende gehörte es auch bei uns dazu, zur Kirche zu gehen, natürlich im Sonntagsstaat. Meine Tanten spielten dann immer »feine Dame« und schleppten uns in jungen Jahren mit. Wir kannten schon bald die Abläufe, und zumindest an Weihnachten und Ostern übten die Vorgänge auch auf mich eine gewisse Faszination aus. Es war aber mehr ein Ritual als Ausdruck religiöser Überzeugung, denn ansonsten spielte die Religion in unserer Erziehung kaum eine Rolle.
Nach seiner Erstkommunion trat Bruno in die Messdienerschaft der Kirchengemeinde St. Ursula ein. Der Eintritt, für den die Kommunion Voraussetzung war, bedeutete für ihn eine Möglichkeit, sich auch mal außerhalb der Familie zu betätigen. Er bereitete sich gut vor, lernte alle Abläufe in der Liturgie und konnte das »Confiteor«, das lateinische Schuldbekenntnis, das sowohl vom Priester als auch vom Messdiener aufgesagt werden musste, vorwärts und rückwärts. Bei der Pfingstprozession wurde eine Gruppe von Jungen ausgewählt, die den Marsch begleiten sollten, bewaffnet mit langen, von einem Glasschirm geschützten Kerzen. Bruno war nicht darunter und erklärte dem verdutzten Pastor tags darauf seinen vorzeitigen Rücktritt. Er war es gewohnt, seinen Willen zu bekommen, und er war auch nicht dazu bereit, um etwas zu kämpfen.
Zwei Jahre später, nach meiner Erstkommunion, trat ich ebenfalls den Messdienern bei und machte meine ganz eigenen Erfahrungen. Messdiener zu sein gehörte in den ländlichen katholischen Gemeinden irgendwie dazu, und so traf ich dort auch viele von den Jungs wieder, mit denen ich in der Freizeit oder im Verein Fußball spielte. Es war ein bisschen wie in der Schule, man musste funktionieren, und das hieß: dem Pastor die richtige Kleidung in der Sakristei hinhalten, während der Messe an den richtigen Stellen aufstehen, hinknien oder mit den Schellen läuten und natürlich während der Liturgie Wasser und Wein in die vorgesehenen Kännchen füllen. Der unsympathische Pastor, der Bruno seinerzeit nicht berücksichtigt hatte, herrschte uns in der Regel mit den Worten »Mehr Wein!« an und war natürlich unser Lieblingsfeind.
Etwas Abwechslung boten außerplanmäßige Ereignisse wie Taufen, Beerdigungen oder Hochzeiten. Bei einem dieser Traugottesdienste steckte mir jemand 5 DM als Dankeschön zu. Für jemanden, der kein Taschengeld kannte, waren 5 DM ein unvorstellbarer Luxus. Neben unserem Dienst machten wir gelegentlich Tagesausflüge mit der Gruppe, und natürlich wurde auch eine Messdienermannschaft aufgestellt, mit der wir hin und wieder gegen Messdiener anderer Gemeinden Spiele austrugen. Bei einem dieser Treffen war ich dazu vorgesehen, einen Elfmeter zu schießen, sollte es dazu kommen. Prompt verschoss ich den Strafstoß, den wir bekamen, und wir verloren das Spiel. Es sollte für sehr lange Zeit der letzte Elfmeter bleiben, den ich schoss. Ich traute mich erst wieder in den Achtzigern beim Elfmeterschießen eines kleinen Freundschaftsturniers mit Borussia Mönchengladbach bei AJ Auxerre und verwandelte nur mit großem Glück. In Pflichtspielen trat ich bis zum Ende meiner Laufbahn weder bei einem Strafstoß noch bei einem einzelnen Elfer im Elfmeterschießen an. Nun wäre es zu einfach, die katholische Kirche dafür verantwortlich zu machen – ich war einfach kein guter Schütze. Der liebe Gott hatte mir offensichtlich andere Qualitäten in die Wiege gelegt. Jedenfalls war das nicht der Grund dafür, dass ich ein paar Jahre später die Messdiener wieder verließ und auch nicht mehr zur Kirche ging.
Meine Karriere in der katholischen Kirche war deutlich kürzer als die beim VfB. Nach den ersten drei Jahren in der Knabenmannschaft ging der Fußball im Verein erst richtig los. Manfred zog mich mit zehn Jahren bereits in die Schülerelf hoch und stellte ein Team zusammen, das einige Jahre zusammenbleiben sollte. Es wurde meine erste richtige Mannschaft, mit einigen Kumpels aus meinem Viertel, aber auch mit guten Jungs aus anderen Ecken des Dorfes. Bis heute kann ich fast alle Namen aus dieser Mannschaft aufsagen: Hubert »Beppo« Oesterwalbesloh, der mal Torwart, mal Mittelstürmer spielte und am Ende unserer Straße wohnte; Helmut Freitag, ein knochiger und eisenharter Verteidiger, der zweihundert Meter von Beppo entfernt wohnte; Karl-Heinz Brok, ein sehr schneller und geradliniger Außenstürmer, an dessen Elternhaus ich jeden Tag auf dem Weg zur Grauthoffschule vorbeigegangen war. Dazu kam Ferdi, ein kleiner, unglaublich lauf- und kampfstarker, bissiger Mittelfeldspieler, den man lieber in seiner Mannschaft als beim Gegner haben wollte. Unser Libero war Gerhard Oberteicher, dessen Vater die Bahnhofsgaststätte betrieb, in der ich immer die Zigarren für meinen Vater besorgte. Er war gut im Spielaufbau, ging oft mit Ball ins Mittelfeld und spielte zwischen den beiden Innenverteidigern Klaus Bostelmann und Günther, die beide sehr lang waren. Klaus war robust und ein echter Schrank, Jürgen drahtig und schnell. Zur langjährigen Stammformation gehörten auch die Zwillingsbrüder Bruno und Karl-Josef Brinktrine, deren Eltern das Schreibwarengeschäft betrieben und die mir in späteren Jahren immer wieder in Mönchengladbach und anderswo als Fans der Borussia begegneten. Zu guter Letzt unser Bester zu dem Zeitpunkt, Manfred Schellert, groß wie unsere Innenverteidiger, dabei sehr schnell und torgefährlich, der uns natürlich als Erster wieder verließ, um in die nächsthöhere Altersklasse zu wechseln. Mit mir waren wir zu elft, auswechseln konnte man ja noch nicht. Manfred ließ ein Mannschaftsfoto von uns allen mit ihm als Trainer daneben machen und gab uns Abzüge davon. Dieses Foto hat meine Frau vor langen Jahren auf ein weißes T-Shirt aufziehen lassen, das mich immer an diese Mannschaft erinnert. Ich besitze es bis heute.
Wenn ich in diese Zeit eintauche und versuche, mir die damit verbundenen Gefühle und Gedanken wieder bewusst zu machen, öffnet sich mir eine Welt, in der wohl die Grundlagen meiner ganzen Karriere liegen. Zunächst einmal spüre ich ein sehr wohliges, warmes und heimeliges Gefühl. Es hat etwas von Zu-Hause-Sein, von Heimat und Dazugehören – so wie es in Elf Freunde müsst ihr sein sehr romantisch rüberkam. Ich war irgendwie angekommen, die Mannschaft war ein bisschen wie meine Ersatzfamilie, Manfred und Maria, auch Dieter, waren zu Ersatzeltern geworden. Ich suchte nach dem, was ich brauchte, und fand es: die Geborgenheit in einer Gruppe und die Anerkennung durch Leistung und Erfolge. Ich hatte begonnen, das Spiel meines Lebens zu spielen, auch wenn ich das damals nie so formuliert hätte.
Es kommt auch ein weniger wohliges Gefühl hoch, ein Gefühl, das mich als Spieler und Trainer noch all die Jahre begleiten sollte, insbesondere wenn es auf ein Spiel zuging: ein ambivalentes Gefühl, das mich auch etwas frösteln lässt, mit Anteilen von Angst und Unsicherheit, gleichzeitig aber auch von Stärke und Entschlossenheit. Es ist die Spannung, bevor es losgeht, das Nichtwissen darüber, was passieren wird. Einerseits ist da die Chance, gemeinsam einen Sieg zu erringen, verbunden mit Glücksgefühlen und Bestätigung, und andererseits die Angst, individuell oder als Team zu versagen, zumindest nicht erfolgreich zu sein, und dann eine Woche warten zu müssen, bis sich die nächste Chance ergibt.
Mit dieser Mischung aus Ängstlichkeit und Entschlossenheit ging ich schon mit dieser ersten Mannschaft in unsere Spiele. Die mit der Ängstlichkeit einhergehende Nervosität war notwendig für mich, um meine Leistung voll und ganz abrufen zu können. Sie hielt mich wach und bereit und beugte der Überheblichkeit vor, wenn es tatsächlich gut lief. Sie durfte nur nicht in echte Angst und Unsicherheit ausarten. Gleichzeitig war da die absolute Entschlossenheit, alles dafür zu geben, das Spiel zu gewinnen. Ich wollte jeden ausspielen, ich wollte Tore schießen, ich wollte jedes Spiel gewinnen – dieser Anspruch und Ehrgeiz gehörten für mich schon immer dazu.
In der gleichen Zeit stand auch die Entscheidung über meine weitere Schullaufbahn an. Mein bester Kumpel Ottmar, der um die Ecke im Finkenweg wohnte, war von seinen Eltern an der Realschule in Hövelhof angemeldet worden, zehn Kilometer entfernt, Richtung Paderborn. Meine Eltern hatten für mich den gleichen Weg vorgesehen. Nun war es so, dass einige Schüler unserer Klasse im Gymnasium in Bielefeld-Sennestadt angemeldet und dort auch genommen wurden. Daraufhin intervenierte meine Grundschule in Person meiner Klassenlehrerin Frau Hermsmeier und sorgte dafür, dass ich als einer der Notenbesten auch dorthin kam.
So begann ich im Frühjahr 1964 an der Hans-Ehrenberg-Schule im Bielefelder Vorort Sennestadt, nur fünf, sechs Kilometer von zu Hause entfernt. Die Schule war in privater Trägerschaft der evangelischen Landeskirche von Nordrhein-Westfalen, die in der neu gegründeten Satellitenstadt Sennestadt zur Bildung der vielen Flüchtlinge aus osteuropäischen Ländern beitragen wollte. Ende 1962 hatten die Bauarbeiten der Schule begonnen, in die wir nun einzogen. Wenn der VfB Schloß Holte zu einer Art Ersatzfamilie wurde, dann wurden Sennestadt und die Hans-Ehrenberg-Schule zu so etwas wie meiner zweiten Heimat. Dort fühlte ich mich wohl und sicher, dort konnte ich mir mehr und mehr Anerkennung für meine Leistungen verschaffen. Im Gegensatz zu unserem Dorf handelte es sich bei Sennestadt bereits um eine Kleinstadt, für mich der erste Schritt aus der beschaulichen, aber auch engen Dorfatmosphäre. Der Übergang aufs Gymnasium öffnete für mich ein weiteres Tor, äußerlich und innerlich. Zu Hause hatte ich meinen geliebten Fußball und meinen Verein, nur wenige Kilometer entfernt stand mir nun äußerlich eine neue Umgebung offen, die mich auch innerlich inspirierte, mich in neuen Sphären zu bewegen.
Sprachen wie Latein und Englisch sowie Naturwissenschaften wie Physik und Chemie weckten mein Interesse, vor allem aber die Mathematik. Es bereitete mir große Freude, mich in diesen neuen Welten zu bewegen, sie zu verstehen, zu ordnen und zu gliedern. Natürlich waren diese Welten von der Schule vorgegeben, ich konnte nur auswählen, was mich aus diesen Angeboten besonders ansprach, und nicht über etwas ganz Neues entscheiden. Für mich spielte das aber keine Rolle. Ich wollte alles verstehen, gut sein, alles richtig wiedergeben, einfach den Anforderungen genügen und möglichst weit darüber hinaus. Ich richtete mich in meinen verschiedenen Gedanken- und Wissenspalästen ein und baute mir so eine eigene Welt, in der ich mich zu Hause fühlen konnte. Für mich hätte es ewig so weitergehen können.
Der Tod meiner Mutter war ein absoluter Schock. Nicht nur für mich, er brachte das ganze Gefüge unserer Familie fast zum Einstürzen. Meine Mutter starb im Oktober 1965 auf elendigliche Art und Weise an Brustkrebs, der Körper nicht nur von Metastasen zerfressen, sondern auch von der alles zerstörenden Bestrahlung jener Zeit. Im gesamten letzten Jahr war sie wegen ihrer Erkrankung kaum noch bei uns zu Hause und ließ am Ende ihren Mann und uns Kinder traumatisiert zurück.
Zwei Jahre vor ihrem Tod hatte ich schon einmal große Angst um sie, als ich vom anwesenden Hausarzt und meinen Tanten in heller Aufregung zur Arbeitsstelle meines Vaters geschickt wurde, um ihn nach Hause zu holen. Ich rannte um das Haus herum, betend, dass alles gut ginge. Es stellte sich dann als die Geburt meiner zehn Jahre jüngeren Schwester Gabriele heraus. Unfassbar, dass wir auf dieses Ereignis nicht vorbereitet wurden, und auch, dass wir die Schwangerschaft gar nicht mitbekommen hatten. Aber ich war natürlich erleichtert und freute mich riesig über unseren Familienzuwachs.
Zur bitteren Wahrheit des Todes meiner Mutter gehörte auch die Tatsache, dass sie schon lange vor ihrem letzten Jahr unseren Hausarzt auf Knoten in ihrer Brust aufmerksam gemacht, dieser sie jedoch immer wieder vertröstet und hingehalten hatte. Er hatte behauptet, es handele sich dabei nicht um Krebs, sondern um Milchdrüsen wegen der kürzlich geborenen Tochter. Ein fataler Fehler, durch den wertvolle Zeit verloren ging und der bei mir als Kind einen großen Hass auf diesen Arzt auslöste. In meiner Hilflosigkeit warf ich nach dem Tod meiner Mutter des Öfteren Steine und Dreck hinter dem vorbeifahrenden Auto des Arztes her.
Im sonst so diskussionsfreudigen Großen Haus herrschte in der Zeit nach Mutters Tod die totale Sprachlosigkeit. Niemand redete mit uns Kindern über unseren Verlust, unsere Mutter war einfach nicht mehr. Ich hatte in diesem letzten Jahr immer neben meinem Vater im leeren Bett meiner Mutter geschlafen, und dort bekam ich auch eines Morgens die traurige Nachricht übermittelt. Mein Vater war nicht da, er war zu ihr ins »Klösterchen« gegangen, wie das Franziskus Hospital in Bielefeld genannt wurde. Tante Thea, die uns Kinder während Mutters Abwesenheit hauptsächlich versorgte, betrat an jenem Morgen weit vor der üblichen Aufstehenszeit mit Tränen in den Augen das Zimmer und teilte mir mit, dass meine Mutter in der Nacht verstorben sei. Es war total unwirklich. Ich lag noch in ihrem Bett und war wie paralysiert. Natürlich wusste ich, dass sie sterben konnte. Aber diesen Gedanken hatte ich nicht an mich herangelassen und stattdessen immer mit der Hoffnung gelebt, dass sie bald wieder bei uns sein würde. Den Tod meiner Großmutter hatte ich schon erlebt, aber hier handelte es sich um meine geliebte Mutter, die im Alter von 46 Jahren mitten aus dem Leben gerissen wurde und eine Lücke hinterließ, die nicht zu schließen war.
Wie in jener Zeit üblich, wurde meine Mutter vom Bestatter zurechtgemacht und lag Tage aufgebahrt auf ihrem Totenbett im früheren Zimmer meiner Großmutter, die dort auch schon gelegen hatte. Sie sah seltsam normal aus, als ob sie schliefe, bekleidet mit einem schönen weißen Totenhemd mit Spitzen und Rüschen, in einem schweren Holzsarg, von Blumen umgeben. Auch wenn es mich Überwindung kostete, war ich einige Male in diesem Zimmer, immer allein, und versuchte, das Unfassbare zu verstehen und mich von meiner Mutter zu verabschieden.
