Ich war wie deine Puppe - Lena Halbarth-Engl - E-Book

Ich war wie deine Puppe E-Book

Lena Halbarth-Engl

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Beschreibung

Es geht um die Auswirkungen der Macht einer innerlich abwesenden Mutter, welche durch das Verschweigen der wahren Vaterschaft ihres Kindes das Leben und die Wahrnehmung ihres Kindes manipuliert und durch diese Lüge sowohl die Entwicklung einer authentischen Identität ihrer Tochter verhindert als auch deren Persönlichkeit und Wehrhaftigkeit grundlegend schwächt. Die Frau ist im Kontakt zu ihrem Kind emotional abwesend, so dass sie nicht bemerkt, dass ihre Tochter Missbrauchsopfer ihres Ehemannes wird. Das Kind glaubt, durch sein „Opfer“ den Vater – es hält den Stiefvater für den leiblichen Vater – und die Mutter gleichzeitig zu lieben und ist in diesem wahnhaften Liebesgefühl doppelt gefangen und doppelt abhängig: sowohl in der Lüge der Mutter als auch im Opferschicksal. Kindesmissbrauch wird hier als eine mögliche Folge von mangelnder Mutterpräsenz, gepaart mit falscher und daher instabiler Kindesidentität, aufgezeigt. Als roter Faden zieht sich die Frage durch das Buch: wie kann die – natürlicherweise selbstverständlich fließende – Liebe zwischen Mutter und Kind vor diesem Hintergrund in Fluss kommen, solange die Mutter das Schicksal ihres Kindes ignoriert?

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Vorwort

1. Wie es begann

2. Mutters ganzer Stolz

3. Ein Unglück

4. Kriegsjahre

5. Junge Familie

6. Ende einer Kindheit

7. Es muss weiter gehen

8. Das erste Bad

9. Der seidene Faden zwischen Vater und Kind

10. Es kann nicht sein

11. Eine Zuflucht

12. Die Zeichenmappe

13. Erste Liebe

14. Die Reise

15. Ein Sieg

16. Familienleben

17. Die Heilung

18. Wie es endet

Vorwort

Es gibt vermutlich kaum eine Kultur, in welcher die Mutterliebe nicht als eine gute starke Kraft, selbstlos und aufopferungsbereit, oftmals sogar als höchster Ausdruck menschlicher Liebe gewürdigt wird. Wem eine solche Liebe tatsächlich geschenkt wurde und für wen sie unerfüllte Sehnsucht bleibt, dies unterscheidet aus meiner Sicht Menschen grundlegend voneinander. Denn wie die Erfahrung zeigt, ist das mütterliche Liebesgefühl, wie andere Gefühle und Liebesformen auch, durchaus von menschlichen Unzulänglichkeiten, Zumutungen, Irrtümern und schuldhaftem Verhalten durchmischt. Dies kann eine schwere Belastung bis hin zu einem Trauma für das Kind sein, wenn es die Mutter als innerlich abwesend erlebt, wenn die Mutter für ihr Kind nicht wirklich ansprechbar, „da“ ist - aus welchen Gründen auch immer.

So schlimm die Wirkung einer solchen „abwesenden“ Mutterliebe für das Kind im einen Fall mehr im anderen weniger, je nach Ausmaß und den Lebensumständen, auch sein mag, so stellt sich für das Kind darüber hinaus die Frage, wie es seine Mutter lieben kann, wenn diese gefühlsmäßig nicht erreichbar ist. Die Kindesliebe sucht sich dann ein Ersatzverhalten als Liebesäußerung: Das oft lebenslange Bemühen, für die Mutter eine Last zu tragen, oder sich von frühester Kindheit an um sie zu kümmern, als sei sie Kind und nicht Mutter oder durch Wohlverhalten der Mutter eine Freude zu bereiten, sind nur einige Beispiele für den Erfindungsreichtum kindlicher Liebe, um auf sich aufmerksam zu machen und angenommen zu werden.

Solches Verhalten kann sich im Erwachsenenalter zu einem Lebensmuster, zu einem unbewusst ablaufenden Programm festigen, welches sich auf andere Beziehungen überträgt und authentisches Lieben behindert.

Die folgende Geschichte möchte am Beispiel eines Einzelschicksals veranschaulichen, welche Folgen die Liebe einer gefühlsmäßig abwesenden Mutter auf ihr Kind und auf das Leben ihres Kindes haben kann und wie sich die unheilvolle Verstrickung zwischen einer solchen Mutter und ihrem Kind löst.

1. Wie es begann

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich, Mama, oberhalb meines Blickfeldes reglos in einem Eisblock eingefroren, mit dem Rücken zu mir, dem Himmel zugewandt. Immer wieder habe ich seit deinem Tod vor 28 Jahren darauf gewartet, dass du dich mir mit offenem Herzen zuwendest, damit ich dir sagen kann, was ich dir sagen möchte, aber jedes Mal, wenn du zu mir sahst, empfand ich deinen Blick wie eine Schablone, in die ich hinein passen musste, und ich verstummte.

Endlich habe ich verstanden, dass du mich gar nicht anschauen musst, um mich hören zu können!

Und so rufe ich dir meine Botschaft auf deinen Rücken nach, werfe meine Schallwellen an deinen Eisblock hin mit der Kraft einer großen Wut und dem Wunsch, dass diese Wut dich weiter weg stößt von mir.

Was du suchst, Mama, habe ich nicht. Ich habe es nie besessen, auch wenn mein Leben von dem Bestreben angetrieben war, das Gesuchte für dich zu finden, um es dir geben zu können. Die Erfüllung dieses Wunsches war mein größtes Ziel, es war der Ausdruck meiner mühevollen Liebe zu dir, denn ich fühlte mich verantwortlich für dein Glück.

Jetzt fordere ich dich auf, Mama, meine Geschichte zu hören!

Eines Tages im Jahre 1954, die Sonne schien von einem freundlichen Märzhimmel zum Fenster herein, erblickte ein Mädchen morgens um 15 Minuten nach 10 Uhr das Licht der Welt. Es befand sich im Krankenhaus eines kleinen Ortes am Möhnesee im Sauerland in Westfalen. Nach Art der Neugeborenen begrüßte es die Welt mit kräftigem Geschrei und wurde von der Hebamme mit den Worten empfangen, es werde einmal groß werden, da es lange Beine habe. Dann wurde es von der Nabelschnur getrennt, gewaschen und schließlich der Mutter ins Bett gegeben, in deren Armen es erschöpft einschlief.

Die Mutter fühlte sich trotz des kleinen Wesens, dem sie eben das Leben geschenkt hatte, allein. Sie konnte sich nicht so recht freuen und war bekümmert darüber. Schließlich gehört es zu einer Mutter dazu, dass sie sich über ihr Neugeborenes freut!

Ihre Gefühle waren jedoch gemischt. Die Wehen und das Gebären unter großen Schmerzen hatte sie wie eine Bedrohung ihres eigenen Lebens empfunden, der sie wehrlos ausgeliefert gewesen war.

Außerdem war sie voller Sorge über die Zukunft ihres Kindes. Wenn sie an ihre eigene unbeschwerte Kindheit dachte, würde sie der Kleinen nur ein armseliges Leben bieten können. Sie seufzte.

Prüfend schaute Margit auf das kleine rote faltige Gesichtchen in ihrem linken Arm und war erleichtert darüber, keine augenfällige Ähnlichkeit zum Vater ihrer Tochter zu erkennen. Inständig hoffte sie, dass dies ein Leben lang so bleiben würde. Ihre Entscheidung war in dem Moment gefallen, als sie sich ihrer Schwangerschaft endlich sicher gewesen war: niemals würde jemand, nicht ihr Ehemann Michael, nicht der Vater des Kindes Paul und schon gar nicht das Kind selber erfahren, dass Paul und nicht Michael sein Vater war.

Du hast mich, Mama, um meinen Vater betrogen! Ich fasse es nicht!

Warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt, die Wahrheit über meine Herkunft? Spätestens, als du deinen Tod nahen fühltest, während ich dich umsorgte und an deinem Bett saß!

Von früher Kindheit an fühlte ich etwas zwischen uns stehen, und es verstörte mich. Jetzt weiß ich, dass es dein Tabu, meine wahre Herkunft, war!

Ich aber dachte in Unkenntnis der Wahrheit, so müsste es sein zwischen zwei Menschen, die wie du und ich in Liebe verbunden sind: dass immer etwas zwischen ihnen steht.

Kannst du dir vorstellen, Mama, was es bedeutet, in einer falschen Identität zu leben? Das Gefühl zu haben, dass irgendetwas nicht stimmt?

Nein, du kannst es vermutlich nicht.

Du hast mich zum Narren gehalten!

Wie es der Zufall wollte, fiel auf jenen Tag der Rosenmontag, welcher mit einem kleinen Karnevalszug durch die anliegenden Dörfer gefeiert wurde. Und so war der Karnevalsprinz auf seinem närrischen Gang durch die Entbindungsstation der erste Besucher, der Margit zu ihrer kleinen Tochter beglückwünschte und die neue Erdenbürgerin willkommen hieß.

Margits Mann Michael reiste an diesem besonderen Tag auf Arbeitssuche im Land umher. Da Margit ihr Kind erst Mitte März erwartet hatte, wollte er bis dahin zurück sein. Ein Flüchtling aus der „Ostzone“, einer von 12 Millionen, die nach dem Krieg aus Mittel- und Osteuropa nach Westdeutschland gekommen waren, hatte er noch keine feste Anstellung finden können. Dabei sah er sich, ein gebürtiger Kölner, durchaus nicht als Flüchtling an, sondern eher als ein in die Heimat Zurückgekehrter. Dank der Unterstützung seiner Verwandten sowie seiner Gelegenheitsbeschäftigungen und Margits Verdienst als Sekretärin in einem Botschaftsbüro in Bonn hatten die beiden ein knappes Auskommen.

Doch nun würde alles anders werden: mit einem Kind würde Margit nicht mehr arbeiten können! Denn es gab niemanden, der ihr die Sorge um ihr Kind hätte abnehmen oder sie darin unterstützen können. Warum nur hatte ihre Tochter ausgerechnet jetzt kommen müssen, das fragte sich Margit selbst in dieser Stunde, während sie, hin und her gerissen zwischen Selbstzweifeln und Freude, Angst und Dankbarkeit das kleine Wesen betrachtete.

Die Hebamme hatte ihr das Kind inzwischen an die Brust gelegt, wo es zu saugen begann, doch der Milchfluss ließ noch auf sich warten. Da spürte Margit plötzlich ein zartes Liebesgefühl zu dem kleinen hilflosen Wesen in ihren Armen. Sie merkte, wie ihre Liebe zu fließen begann, ganz langsam und verhalten, ohne dass sie etwas dafür oder dagegen tun konnte.

Gleichzeitig mit Margits Liebe zu ihrem Kind brach auch ihre Sehnsucht nach ihrer eigenen Mutter durch. Wie gerne hätte Margit ihrer Mutter die kleine Tochter gezeigt! Wie sehr brauchte sie gerade jetzt, da sie selber Mutter geworden war, ihre Mutter! Warum hatte die Mutter so früh gehen müssen, als sie, Margit, gerade vierzehn Jahre alt gewesen war!

Es war schlimm für mich, Mama, wenn du mir von deiner Mutter und deiner glücklichen Kindheit erzähltest. Es klang wehmütig und schwer. Ich kam mir dann so vor, als hörte ich ein anderes Kind vom Paradies reden, und ich spürte deinen tiefen Schmerz darüber, aus diesem Paradies gewaltsam vertrieben worden zu sein. Dieser Schmerz, Mama, war für mich unerträglich. Ich empfand ihn so stark, als sei mir selber widerfahren, was du erlebt hattest, und ich schwor, mein Leben lang alles zu tun und nur das zu tun, was dich erfreuen würde, selbst, wenn es meine Kräfte übersteigen sollte.

Ich glaubte, je größer meine Anstrengung, umso größer meine Liebe.

Erreichen dich meine Worte?

2. Mutters ganzer Stolz

Margit und ihr Mann Michael hatten sich 1946 auf einer Geburtstagsfeier in Magdeburg kennen gelernt, wo Michael sich als Gründungsmitglied einer politischen Partei engagierte. Er war achtundvierzig Jahre alt und seit zehn Jahren mit seiner zweiten Frau Fanny verheiratet. Aus seiner ersten geschiedenen Ehe stammte eine zwanzigjährige Tochter. 1947 wurde er von der sowjetischen Besatzungsmacht zum Minister für Landwirtschaft und Forsten von Sachsen-Anhalt ernannt.

Margit, die 1943 von Berlin in die Nähe von Magdeburg evakuiert worden war, begann ein Verhältnis mit Michael. Als dieser 1949 seines Amtes enthoben wurde und mit seiner Frau nach Westfalen floh, verließ auch Margit ein Dreivierteljahr später Sachsen-Anhalt und fand eine Anstellung in Bonn.

Unter dem Vorwand, in Bonn, der vorüber gehenden Hauptstadt Westdeutschlands, wegen eines politischen Amtes vorzusprechen, traf sich Michael weiterhin mit Margit. Im Frühling 1952 starb Fanny an Darmkrebs, während ihr Mann mit Margit zusammen war.

Ich glaube, Mama, dass ich dich nur ein einziges Mal gefragt habe, wie du und dein Mann euch kennen gelernt habt. Da war ich neun Jahre alt. In der Wirtschaftsgruppe in Berlin, während des Kriegs, war deine Antwort. Ich konnte mir nicht vorstellen, was eine Wirtschaftsgruppe war, obwohl du es mir erklärtest. Vielleicht, weil ich das Wort: „Wirtschaft“ im Zusammenhang mit deinem Mann mit Gaststätte assoziierte.

Dann, so fuhrst du fort, seid ihr euch nach vielen Jahren zufällig in Bonn auf der Straße wieder über den Weg gelaufen.

Ich fand dies äußerst seltsam, und wie sehr ich mich auch darum bemühte, mir eure Begegnung vorzustellen, kam ich mir wie in einer Sackgasse vor. Und ich habe nicht weiter gefragt, auch nicht nach dem Wann und Wie eurer Hochzeit. Denn ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Nicht im Geringsten, Mama, dachte ich, dass du mich belügen würdest, eher gab ich mir die Schuld, nach etwas gefragt zu haben, das mich vielleicht nichts anging und welches ich zu verstehen wohl noch zu klein war.

Ein Jahr später beschlossen Michael und Margit, sich im September trauen zu lassen. Deshalb machte Margit sich Anfang Juni auf den Weg nach Berlin, wo ihr Vater lebte. Sie wollte ihn, mit dem sie ein zwiespältiges Verhältnis verband, von ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Michael unterrichten. In einem Brief an Margit - scherzhaft formuliert, doch nicht ohne einen intuitiven Ernst - hatte Michael seiner Verlobten zuvor „ein letztes Mal“ die „Freiheit, alleine zu verreisen“ gewährt.

Es war der 17. Juni 1953, der Tag des Arbeiteraufstands in Berlin, als Margit nach einem Umweg über Magdeburg dort eintraf und mitten in die Unruhen geriet, die von Panzern der Roten Armee und bewaffneten Soldaten niedergeschlagen wurden.

Zuvor hatte sie in Magdeburg Paul heimlich besucht und war von ihm schwanger geworden.

Als ihre Periode im Juli ausblieb, dachte Margit sich zunächst nichts dabei, sondern vermutete eine Unregelmäßigkeit aufgrund ihrer Sorgen um Michaels Arbeitslosigkeit und die Aufregungen anlässlich der bevorstehenden Hochzeit. Doch nach sechs Wochen bekam sie es mit der Angst zu tun. Fieberhaft rechnete sie die Tage hin und her, zählte eins und eins zusammen - Michael kam als Vater nicht in Frage, aber Paul? Nein, es konnte, es durfte nicht sein! Paul war bereits neunundsiebzig Jahre alt! Eine Woche lang glaubte Margit, den Verstand zu verlieren, bis ihr zur Gewissheit wurde, dass sie schwanger war. Aber ein Kind zu diesem Zeitpunkt war ganz und gar unmöglich, es würde ihre Zukunft mit Michael zerstören!

Schon einmal war sie von Paul schwanger gewesen, damals, 1947, da kannte sie bereits Michael. Sie ließ das Kind, einen Jungen, abtreiben, ohne Paul, geschweige denn Michael, je davon erzählt zu haben. Nur ihre beste Freundin, bei der sie in Berlin vor dem Eingriff übernachtet hatte, wusste davon. Seitdem war allerdings kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihren kleinen Sohn dachte.

Margit unternahm auch jetzt wieder einen Abtreibungsversuch, der sich durch die ausgelöste Blutung als offensichtlich erfolgreich erwies. Nicht im Geringsten ahnte sie, dass sie zwar ein Kind verloren hatte, die Zwillingsschwester eines Mädchens, mit welchem sie weiterhin schwanger war. Als im Oktober die Regelblutung immer noch ausblieb, suchte sie beunruhigt den Arzt auf. Dieser konnte eine Schwangerschaft nicht mit Sicherheit ausschließen aber auch nicht verlässlich erkennen. Der Nachweis nur aus dem Urin war nicht zwingend. Auch war der Tastbefund von Bauch und Gebärmutter nicht eindeutig, so dass Margit, im vierten Monat schwanger, über ihre Schwangerschaft keine Sicherheit besaß.

Der Gedanke, ein Kind unter ihrem Herzen zu tragen, versetzte sie immer noch in Angst und Schrecken, umso mehr, als dieses Kind ihren Abtreibungsversuch dann offenbar überlebt haben musste! Sie sah sich außerstande, der Herausforderung, die ein Kind bedeuten würde, gewachsen zu sein.

Im November endlich diagnostizierte ihr Arzt, irrtümlicherweise, wie sich bald heraus stellen sollte, dass Margit an einer hormonellen Störung litt. Erleichtert schrieb die Frau ihrer Freundin, dass sie nicht schwanger sei, um im Januar, als sie sichtbar an Bauchumfang zugenommen hatte und an ihrer Schwangerschaft kein Zweifel mehr bestand, in einem weiteren Brief unter Schock der Freundin die Wahrheit mitzuteilen.

Deine Freundin, Mama, hat mir nach deinem Tod von deiner ersten Abtreibung erzählt. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn sich mir nicht durch diese Wahrheit viele Gefühle, unter denen ich damals litt, erschlossen hätten: mein Gefühl, für zwei leben zu müssen, mein Minderwertigkeitsgefühl, weniger wert als ein Junge zu sein, mein Gefühl, mir mein Leben verdienen zu müssen, meine Sehnsucht nach einem Bruder, mit dem ich in meiner Phantasie laute Selbstgespräche führte.

Oft ruhten deine Blicke nachdenklich und fragend auf mir, und ich hatte das Gefühl, sie galten eigentlich jemand anderem.

Erst als ich von der Abreibung deines ersten Kindes erfuhr, wusste ich plötzlich im Nachhinein diese Blicke zu deuten: du hast mich angeschaut und dich dabei gefragt, ob dein getötetes Kind mir wohl ähnelte, hast es dir an meiner Statt vorgestellt.

Habe ich mich deshalb in deinem Bauch so sehr versteckt gehalten, weil ich mein Leben bedroht fühlte? Nahm ich in deinem Leib Informationen aus dem Schicksal meines vor mir abgetriebenen Bruders wahr, befand mich im Schockzustand wegen meiner abgegangenen Zwillingsschwester?

Es war für Margit schwer genug, sich mit ihrer Schwangerschaft anzufreunden, hingegen auch noch zu bekennen, dass dieses Kind von Paul war, schien ihr ganz und gar unmöglich. Michael würde sie verlassen, und sie würde mit dem Kind allein und mittellos dastehen! Zu Paul zu gehen, dem Witwer, der in der DDR bei der Familie seines Sohnes lebte, war ausgeschlossen. Obwohl - Paul würde sich zu ihr und dem Kind bekennen, da war sie sicher, aber sie glaubte nicht, dass er sie heiraten oder mit ihr zusammen leben würde. Dafür fehlte das Geld.

Um die Wahrheit zu tarnen, würde Margit weiterhin ihre Behauptung aufrecht erhalten, das Kind sei zu früh geboren, so dass Zweifel an Michaels Vaterschaft nicht entstehen konnten. Niemand konnte das Gegenteil beweisen. So legte sie es sich zurecht.

Die Botschaft, die du mir dadurch vermitteltest, Mama, lautete: du bist nicht in Ordnung so, wie du bist, du bist nicht gut genug, darum muss eine Grund legende Veränderung an deinem Leben vorgenommen werden: du brauchst einen anderen Vater!

Mama! Weißt du denn nicht, dass ein Kind im Mutterleib die Gefühle seiner Mutter spürt, ihre Freude und ihr Glück ebenso wie ihre Sorgen und Ängste? Hast du tatsächlich nie versucht, dich in den kleinen Embryo, den du in dir trugst, hinein zu versetzen? In jeder einzelnen Körperzelle eines im Mutterleib heranwachsenden Kindes wird die mütterliche Gefühlsinformation gespeichert!

Erst am dritten Tag nach Helgas Geburt begann unter den geduldigen Anleitungen der Hebamme Margits Milch für ihr Kind zu fließen. Die Stillzeiten waren besondere Momente. Denn da die Neugeborenen im Säuglingszimmer von ihren Müttern getrennt schliefen, war die Zeit der körperlichen Nähe zwischen Mutter und Kind beim Stillen knapp bemessen.

Während der Lebenssaft von Mutter zu Kind strömte, stellte sich endlich ein friedliches Gefühl von Einheit zwischen den beiden ein, und auch Margit, ihrer Tochter Geborgenheit spendend, fühlte sich bei ihrem Kind geborgen, während sie sanft und behutsam das dunkel behaarte Köpfchen streichelte.

Mehr und mehr während ihrer Tage auf der Wöchnerinnenstation wurde Margit mit ihrer kleinen Tochter vertraut. Wer weiß, so ging es ihr durch den Kopf, vielleicht konnte dieses Kind in dem großen Durcheinander ihres Lebens für sie ein Halt sein, vielleicht einen Wendepunkt markieren?