14,99 €
Sandra Hunke ist Sanitär- und Anlagenmechanikerin. Sie verlegt Leitungen, baut Heizungen ein und tauscht kaputte Duschwannen aus. Schon als Kind war es ihr größter Wunsch, Handwerkerin zu werden, doch der Weg dorthin war steinig: In der Berufsschule behandelte man sie wie einen Fremdkörper, sie wurde ausgegrenzt und im Unterricht nicht ernst genommen. Abwertung und Kritik von Kollegen, Kunden und Fremden machten es ihr schwer, an sich und ihre Fähigkeiten zu glauben. Doch Sandra ist ihrer Leidenschaft treu geblieben und hat sich durchgebissen.
Bis heute hat sich die Lage für Frauen im Handwerk kaum verbessert. In ihrem Buch „Ich zeig' euch, wo der Hammer hängt“ zeigt sie die noch immer bestehenden Hürden für Frauen im Handwerk auf und macht Mut, sich gegen Diskriminierung und unberechtigter Kritik zu behaupten. Denn Sandra brennt für ihren Beruf und ist davon überzeugt, dass auch Frauen ins Handwerk gehören. Mit dieser Leidenschaft setzt sich Sandra auch täglich dafür ein, das Handwerk in Deutschland für Frauen nachhaltig zum Positiven zu verändern.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ich zeig' Euch, wo der Hammer hängt!
Schluss mit alten Vorurteilen. Für mehr starke Frauen im Handwerk.
Alle in diesem Buch veröffentlichten Aussagen und Ratschläge wurden von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden, ebenso ist die Haftung der Autorin bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.
Für die Inhalte der in dieser Publikation enthaltenen Links auf die Webseiten Dritter übernehmen wir keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall aufgrund der schlechten Quellenlage leider nicht möglich gewesen sein, werden wir begründete Ansprüche selbstverständlich erfüllen.
Die Ereignisse in diesem Buch sind größtenteils so geschehen wie hier wiedergegeben. Für den dramatischen Effekt und aus Gründen des Personenschutzes sind jedoch einige Namen und Ereignisse so verfremdet worden, dass die darin handelnden Personen nicht erkennbar sind.
Bei der Verwendung im Unterricht ist auf dieses Buch hinzuweisen.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
EMF ist eine Marke der Edition Michael Fischer
1. Auflage
Originalausgabe
© 2025 Edition Michael Fischer GmbH, Donnersbergstr. 7, 86859 Igling
Covergestaltung: Meritt Hettwer, unter Verwendung eines Motivs von Anuar Hammo, Make-up Artist: Melda Temiz
Redaktion: Marie von Benken, Veronika Weiß
Bildnachweis: Vordere Innenklappe: Foto: Sebastian Reuter/Getty for Nowadays; Style: Rebekka Ruétz, Autumn/Summer 2022 Kollektion „rewritten_IDENTITY“
Hintere Innenklappe: Foto/Style: Sandra Hunke
Layout und Satz: Meritt Hettwer
Herstellung: Vivienne Koehn
ISBN 978-3-7459-2808-2
www.emf-verlag.de
Mein Name ist Sandra Hunke. Ich bin Anfang 30, Handwerkerin, Model, Autorin, Content Creatorin und baue gerade ein Mehrfamilienhaus mit fünf Wohneinheiten. Ich baue das Haus in Eigenregie, ausschließlich mit weiblichen Handwerkerinnen, und habe nebenbei deutlich über 700.000 Follower auf Instagram und TikTok.
Hätte das jemand meinem 14-jährigen Ich erzählt, hätte ich ihm wohl den Vogel gezeigt. Damals habe ich mich regelmäßig vor meinen Mitschülern auf der Hauptschule auf der Toilette versteckt; ich weiß genau, was Mobbing ist. Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn einem von verschiedenen Seiten eingeredet wird, man würde nie eine vernünftige Karriere machen. Man wäre zu untalentiert oder einfach unfähig, über die Hauptschule hinaus irgendeinen Erfolg zu haben. Dass man Städte wie Paris, London, Hongkong, New York oder Barcelona höchstens im Fernsehen bewundern wird.
Ich weiß allerdings auch, wie es sich anfühlt, wenn man all den Hassrednern und Zweiflern der ersten 15 bis 20 Jahre seines Lebens sagen kann: Ich hoffe, ihr habt nicht zu viel Geld darauf verwettet, dass die kleine Sandra es nie zu etwas bringen würde, denn – Überraschung – das Geld ist weg!
Heute bin ich nicht mehr die Sandra Hunke, die man auf dem Schulhof belächelt und ausgelacht hat. Ich bin die Sandra Hunke, die man als DAS BAUMÄDCHEN kennt. Die Sandra Hunke, die jetzt gemütlich mit ihrer Tochter in einem schnittigen Premium-SUV zu unserem Pferd fahren und in der Sonne chillen könnte. Ich erwähne das Auto nicht, weil es irgendwas Besonderes wäre, ein schönes Auto zu besitzen. Man wird kein besserer Mensch durch einen Porsche oder einen Ferrari. Ich erwähne es, um all denen, die gerade vielleicht Ähnliches erleben wie ich damals, zu sagen: Wenn jemand dir prophezeit, statt Mercedes gebe es für dich später höchstens ein rostiges Damenrad, sagt das mehr über ihn als über dich aus. Genau darum sitze ich jetzt auch nicht da, schaue meinem Pferd beim Grasen zu und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen, sondern schreibe dieses Buch. Ich mache das nicht, um mir demnächst auch noch eine Jacht kaufen zu können. Denn eins kann ich euch verraten: Reich wird man mit einem Sachbuch in der Regel nicht, es sei denn, ein Regisseur erkennt den Charme dieser Geschichte und es wird mit Elyas M´Barek und Emilia Schüle in den Hauptrollen als Kino-Blockbuster verfilmt.
Der Grund, aus dem ich hier sitze, ist vielleicht ungewöhnlich, aber für mich ganz klar: Weil ich finde, dass ich es allen Menschen da draußen, die gerade nicht richtig wissen, was sie mit sich anfangen sollen, schuldig bin. Ich will eine Geschichte erzählen, die Mut machen soll und vielleicht sogar einen Weg aus der Unsicherheit über die berufliche Zukunft aufzeigt. Eine Geschichte, die ich selbst gerne gehört hätte, als ich 16 Jahre alt war. Denn mit 16 ging ich nicht mehr zur Schule, war chronisch pleite und ziemlich orientierungslos. Blutjung, tausend Herausforderungen, keine Lösungen. Unsicherheit, Angst, Einsamkeit. So stand ich da und sollte mein Leben planen. Nicht die allerbesten Voraussetzungen, so viel ist klar. Aber unzählige andere sind in ähnlichen oder schwierigeren Situationen, also hilft es nicht, zu meckern oder sich über die Ungerechtigkeit des Schicksals aufzuregen, weil ich nicht in eine wohlhabende Familie geboren wurde, wo jedes Kind schon bei der Geburt einen Treuhandfonds bekommt, durch den es theoretisch nie wirklich arbeiten müsste.
Auf dem Dorf fährt man mit dem Bus zur Schule. In diesem Bus saß ich jahrelang immer in der ersten Reihe, weit weg von den „coolen Kids“. Die Kapuze meines Hoodies über dem Kopf, schaute ich aus dem Fenster, wo meine kleine Welt an mir vorbeizog, tagein, tagaus. Meine Augen fixierten die Straße vor mir. Ich hoffte, so wäre ich wenigstens unsichtbar für meine Mitschüler. Bald kannte ich jedes Schlagloch und jede Straßenlaterne, aber Freunde, die mich bedingungslos unterstützten, wie man es unter Freunden macht, saßen nicht in diesem Bus. Auch nicht in meiner Klasse oder auf dem Schulhof. Ich war isoliert in meiner Welt und war ratlos, wie ich mein Leben bestreiten sollte. Resignieren und einfach nichts für meine Zukunft zu tun, das stand bei mir nie zur Debatte. Was hatte ich zu verlieren? Aber damals, noch ohne Internet auf jedem Handy und 24/7-Google-Möglichkeit, da war es schwierig, seinen Weg zu finden, wenn man sich so verloren vorkam.
Wie einen Wink des Schicksals sah ich aus genau diesem Bus eines Tages ein neues Plakat. Wo vorher noch für irgendwelche Supermärkte in der Nähe geworben worden war, stand plötzlich gestochen scharf am Wegesrand: „Niemand ist talentfrei, finde dein Talent!“ Und wenn ich ein Talent hatte, dann war es werkeln. Dinge bauen, reparieren, tüfteln.
Ich bin schon als Kind immer gleich nach der Schule zu meinem Vater und meinem Bruder in die Werkstatt geflüchtet. Raus aus der kalten Isolation meiner Schulbubble, rein in die Sicherheit und Wärme der Familie. Mit einem Werkzeug in der Hand fühlte ich mich schon immer wohler als mit einem Algebra-Buch. Ich weiß nicht, ob die Liebe zum Handwerk genetisch in mir veranlagt ist. Vielleicht. Vielleicht war es aber auch die Anerkennung meines Bruders und Vaters, die mich immer wieder zum Handwerk hingezogen hat. Wenn ich in der Werkstatt war, konnte ich alles um mich herum vergessen. Mein Bruder und mein Vater brachten mir alles bei. Das war mein Bereich, in dem ich alles andere als talentfrei war.
Als ich dieses Plakat sah, wusste ich: Ich hatte mein Talent bereits gefunden. Ich war nur zu blind gewesen, es zu erkennen. Handwerk faszinierte mich. Selbst etwas zu erschaffen. Ich lernte alles in ziemlich kurzer Zeit: Wie schneidet man ein Brett zu? Wie mischt man Beton? Wie bohrt man ein Loch in Metall oder Stein? Ich entwickelte meine handwerklichen Fähigkeiten immer weiter. Liebevoll nannte mich meine Mutter deshalb schon als Kind „BAUMÄDCHEN“. Es war also keine große Überraschung, als ich beschloss, Handwerkerin zu werden.
In diesem Buch möchte ich euch alles über das Handwerk erzählen. Darüber, was daran so reizvoll ist, wie ich in einer Männerdomäne Fuß gefasst habe und wie sich proportional zu meinem Können auch mein Selbstbewusstsein gesteigert hat. Durch meine Leidenschaft zum Handwerk konnte ich völlig neue Fähigkeiten entwickeln: Mut, Selbstliebe, Vertrauen! Das veränderte mein Leben von Grund auf. Das schlaksige, zu große Mädchen, über deren rote Haare und Tausende Sommersprossen auf dem Schulhof gelacht wurde, ist eine erfolgreiche Handwerkerin, ein international gefragtes Model und Autorin geworden. In den sozialen Medien folgen mir inzwischen eine Dreiviertelmillion Menschen, die mir beim Schrauben und Hämmern zusehen. Viele davon haben über Jahre miterlebt und teilweise mitgefiebert, wie aus einem unsicheren Mädchen eine selbstbewusste Frau geworden ist. Ich nenne sie liebevoll meine Rabauken. Doch eigentlich sind sie viel mehr für mich. Sie sind meine Freunde, meine Wegbegleiter, meine Zuhörer und meine konstruktiven Kritiker. Alles das, was ich in der Schulzeit nie hatte. Und so, wie mein Instagram-Kanal aussieht, so liest sich auch dieses Buch: Es geht um mich und das Handwerk. Eine junge Frau, die mal eben ein Bad saniert, das ist leider noch lange keine Normalität. Und ich möchte euch von Anfang an mitnehmen, um zu zeigen, wie sich bei mir Handwerk und Privatleben die Klinke in die Hand geben. Mein Vater ist Handwerker, mein Bruder ist Handwerker. Gut, mein Mann kann keine drei Nägel gerade in die Wand hämmern, aber er hat viele andere Talente. Ihr werdet nach der Lektüre dieses Buches spüren: Handwerk ist mein Leben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich ohne meine Leidenschaft fürs Handwerk wirklich da gelandet wäre, wo die Hassprediger meiner Jugendzeit mich gesehen haben, einfach schon deshalb, weil mir irgendwann die Kraft gefehlt hätte.
Ich möchte euch mit diesem Buch Mut machen, euren Weg zu finden. Finde dein Talent, finde deine Leidenschaft und stürz dich mit vollem Einsatz, vollem Elan und voller Freude darauf. Nicht jeder von euch wird, nachdem er das Buch gelesen hat, unbedingt ins Handwerk gehen wollen. Aber eines verspreche ich: Jeder von euch weiß nach diesem Buch, dass man erfolgreich sein kann, wenn man sein Talent entdeckt und an sich glaubt. Denn selbst ich habe es geschafft, die unscheinbare, unbeliebte Einzelgängerin, die ohne das Asyl der Schultoilette mit noch viel mehr Häme und Beleidigungen hätte umgehen müssen. Und die jetzt DAS BAUMÄDCHEN ist.
Viel Spaß beim Lesen wünscht euch
Eure Sandra Hunke
03. Juli 1992. Eine laue Sommernacht. Angenehme Wärme und friedlich vor sich hin plätscherndes, wohliges Wasser bilden dieses fast romantische Hitzeflimmern überall. Fast kann man von der Ferne ein paar gut gebaute Beach-Boys und hübsche Surfer-Girls in ihren Bikinis um ein Lagerfeuer sitzen und „Sweet Home Alabama“ auf der Gitarre spielen hören.
Statt lieblichem Gesang der Strand-Taylor-Swifts gibt es für mich aber nur ohrenbetäubendes Geschrei, Panik und eine Sturzflut. Das ganze schöne Wasser um mich herum presst sich in Sekundenschnelle durch den Abfluss unter mir - und ich einfach automatisch hinterher. Vor Angst reiße ich meine Augen auf. Kein Meer weit und breit. Keine Stimmungsmusik. Und diese Frauen in grünen und blauen Kitteln sehen auch nicht aus wie Taylor Swift. Dazu gibt es fies grelles Neonlicht statt Lagerfeuer und Ärzte statt Beach-Boys. Irgendwie enttäuschend. Der Mietvertrag meiner Einraumwohnung im Bauch meiner Mutter scheint ausgelaufen zu sein. Genau wie ich. Und als ob das nicht schon verwirrend genug ist, bin ich auch noch vollkommen nackt. Ich bekomme einen Klaps auf den Po und dann wickeln sie mich wenigstens schon mal provisorisch in ein paar Handtücher ein. Gut, das mit dem Klaps auf den Po begleitet mich bis heute. Das hat wohl jede Frau schon mal erlebt. Heute bin ich dabei aber zumeist nicht nackt und kann sprechen. Das geht dann nicht so gut aus. Jedenfalls für den, der dachte: Ach komm, der Kleinen kann man doch ruhig mal auf ihren süßen Po klatschen. Die freut sich bestimmt!
Nachdem ich so grob der fast schon kitschigen Idylle entrissen wurde, kommen ein paar medizinische Tests, und dann werde ich schon weitergereicht. In die Arme meiner Zukunft. Ich rieche es sofort: einen Geruch, der mich den Rest meines Lebens begleiten, prägen und (ja, das kann man wohl so sagen) auf gewisse Weise auch retten wird. Der Geruch von Baustelle. Eine bodenständige Symbiose aus nassem Beton, Abrieb von Fliesen, Trennscheiben und Händen, die sich für keine Arbeit zu fein sind. Noch bevor ich richtig gucken und hören kann, rieche ich es. Mein Leben.
Es mag Babys geben, die in ein Geruchsparadies aus Chanel-Parfums und feinsten Seidenlaken geboren werden. Bei mir sind es eher feuchter Estrich und Fugenkleber. Das Bouquet ehrlicher Arbeit.
Das alles löst sofort ein diffuses Wohlbefinden in mir aus. Ich bin angekommen. In vielerlei Hinsicht. In einem grell beleuchteten, unpersönlich eingerichteten und zweckmäßig verkachelten Raum irgendwo in einem Krankenhaus - und trotzdem zu Hause. In den Armen dieses Mannes, der zwischen all den umherschwirrenden Ärzten und Krankenschwestern einfach mitten im Raum steht, in seinen Arbeitsschuhen und seiner Arbeitshose, und mich an sich drückt: „Ich bin dein Papa!“
Das ist der erste Satz, den ich in meinem Leben höre. Ich liege in den Armen meines Vaters und zappele aufgeregt und vor Freude mit meinen Beinen hin und her.
„Haha, die hat ja so lange Beine, die können Sie schon mal gleich als Model anmelden“, scherzt der Arzt.
