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Francis Fukuyama

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Beschreibung

»Intelligent und klar – wir brauchen mehr Denker, die so weise sind wie Fukuyama.« The New York Times In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der demokratischen Staaten weltweit erschreckend schnell zurückgegangen. Erleben wir gerade das Ende der liberalen Demokratie? Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, Autor des Weltbestsellers Das Ende der Geschichte, sucht in seinem neuen Buch nach den Gründen, warum sich immer mehr Menschen antidemokratischen Strömungen zuwenden und den Liberalismus ablehnen. Er zeigt, warum die Politik der Stunde geprägt ist von Nationalismus und Wut, welche Rolle linke und rechte Parteien bei dieser Entwicklung spielen, und was wir tun können, um unsere gesellschaftliche Identität und damit die liberale Demokratie wieder zu beleben. »Einer der bedeutendsten Politikwissenschaftler der westlichen Welt.« Die Welt

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Francis Fukuyama

Identität

Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

Aus dem amerikanischen Englisch von Bernd Rullkötter

Hoffmann und Campe

Für Julia, David und John

Vorwort

Dieses Buch wäre nicht geschrieben worden, hätte man Donald J. Trump nicht im November 2016 zum Präsidenten gewählt. Wie viele Amerikaner war ich verblüfft über dieses Ergebnis und beunruhigt über seine Konsequenzen für die Vereinigten Staaten und die Welt. Es handelte sich um die zweite große Wahlüberraschung des Jahres – die erste war im Juni die Entscheidung Großbritanniens gewesen, aus der Europäischen Union auszutreten.

Ich hatte einen großen Teil der beiden letzten Jahrzehnte damit verbracht, über die Entwicklung moderner politischer Institutionen nachzudenken: darüber, wie der Staat, die Rechtsstaatlichkeit und die demokratische Verantwortlichkeit entstanden waren, wie sie sich entfaltet und einander beeinflusst hatten und wie sie schließlich verkümmern konnten. Lange vor Trumps Wahl hatte ich geschrieben, dass die Institutionen der Vereinigten Staaten verfallen, weil der Staat zunehmend von mächtigen Interessengruppen vereinnahmt und in eine starre Struktur gezwungen wird, die sich nicht reformieren kann.

Trump selbst war sowohl das Produkt dieses Verfalls als auch einer seiner Urheber. Die Verheißung seiner Kandidatur bestand darin, dass er als Außenseiter seinen Wählerauftrag nutzen wollte, um das System aufzurütteln und es wieder funktionsfähig zu machen. Die US-Amerikaner waren der parteipolitischen Stagnation überdrüssig und sehnten sich nach einem starken Anführer, der das Land wiedervereinigen konnte, indem er die von mir so genannte Vetokratie durchbrach, das heißt die Fähigkeit von Interessengruppen, kollektives Handeln zu blockieren. Ein derartiger populistischer Aufschwung hatte auch Franklin D. Roosevelt 1932 ins Weiße Haus befördert und die Politik der USA zwei Generationen lang umgestaltet.

Das Problem mit Trump war zwiefältig, denn es hatte sowohl mit seinen politischen Methoden als auch mit seinem Charakter zu tun. Sein Wirtschaftsnationalismus würde die Lage wahrscheinlich für genau die Wählerkreise verschlechtern, die ihn unterstützten, und seine offenbare Vorliebe für autoritäre Machthaber statt für demokratische Verbündete drohte die internationale Ordnung zu destabilisieren. Was seinen Charakter betraf, so war es schwierig, sich eine Person vorzustellen, die weniger für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten geeignet gewesen wäre. Die Tugenden, die man mit überragender Führerschaft assoziiert – fundamentale Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, nüchternes Urteilsvermögen, Hingabe an das öffentliche Interesse und eine eindeutige moralische Richtschnur –, gingen ihm völlig ab. Trumps Hauptaugenmerk hatte während seiner gesamten Karriere auf Selbstdarstellung gelegen, und es machte ihm nicht das Geringste aus, Menschen oder Regeln, die ihm im Weg standen, mit allen verfügbaren Mitteln zu überrollen.

Trump repräsentiert einen breiteren Trend der internationalen Politik in Richtung des populistischen Nationalismus.[1] Populistische Führer sind bemüht, ihre Macht durch die Legitimität zu konsolidieren, die sie aus demokratischen Wahlen beziehen. Sie wollen eine direkte charismatische Verbindung zum »Volk« herstellen, das oftmals nach sehr eingegrenzten, ethnischen Begriffen definiert wird, die große Teile der Bevölkerung ausschließen. Institutionen behagen ihnen nicht, und so sind sie stets versucht, die Gewaltenteilung zu untergraben, welche dafür sorgt, die persönliche Macht des Staatschefs in modernen liberalen Demokratien einzuschränken: die Gerichte, die Legislative, unabhängige Medien und eine unparteiische Bürokratie. Andere zeitgenössische Regierungschefs, die man dieser Kategorie zuordnen kann, sind Wladimir Putin in Russland, Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei, Viktor Orbán in Ungarn, Jarosław Kaczyński in Polen und Rodrigo Duterte auf den Philippinen.

Der globale Drang zur Demokratie, der Mitte der siebziger Jahre begann, ist, wie mein Kollege Larry Diamond schreibt, in eine globale Rezession übergegangen.[2] Im Jahr 1970 gab es nur rund 35 repräsentative Demokratien – eine Zahl, die in den folgenden drei Jahrzehnten stetig anstieg, bis sie Anfang des 21. Jahrhunderts fast 120 erreichte. Die stärkste Beschleunigung fand zwischen 1989 und 1991 statt, als der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und der UDSSR eine demokratische Welle in der gesamten Region auslöste. Seit Mitte der Nullerjahre hat sich der Trend jedoch umgekehrt, und die Anzahl der demokratischen Staaten ist wieder gesunken. Gleichzeitig sind autoritäre Länder wie China selbstbewusster geworden.

Es ist kein Wunder, dass es potenziellen neuen Demokratien wie Tunesien, der Ukraine und Myanmar schwerfällt, tragfähige Institutionen aufzubauen, und dass es der liberalen Demokratie nicht gelang, in Afghanistan oder im Irak nach den dortigen US-Interventionen Fuß zu fassen. Es ist enttäuschend, wenn auch nicht allzu erstaunlich, dass Russland zu seinen autoritären Traditionen zurückgefunden hat. Viel unerwarteter war indes, dass sogar in Ländern mit etablierten freiheitlichen Systemen Bedrohungen der Demokratie auftauchten. Ungarn gehörte zu den ersten Staaten Osteuropas, die ihr kommunistisches Regime stürzten. Als es sich sowohl der NATO als auch der Europäischen Union anschloss, schien es, wie die Politologen meinten, als »konsolidierte« liberale Demokratie nach Europa zurückgekehrt zu sein. Doch unter Orbán und seiner Fidesz-Partei ist es inzwischen zu einem Paradebeispiel der (von Orbán so genannten) »illiberalen Demokratie« geworden. Eine noch viel größere Überraschung waren jedoch die Wahlergebnisse in Großbritannien und den Vereinigten Staaten für den Brexit und für Trump.

Dies betraf die beiden führenden Demokratien, welche die moderne liberale, internationale Ordnung errichtet hatten – Länder, die während der achtziger Jahre unter Reagan und Thatcher die Wegbereiter der »neoliberalen« Revolution gewesen waren. Doch auch sie schienen sich nun einem engeren Nationalismus zuzuwenden.

Damit gelange ich zu den Ursprüngen des vorliegenden Buches. Seit ich Mitte 1989 meinen Essay The End of History?1 sowie 1992 das Buch The End of History and the Last Man2 veröffentlichte,[3] werde ich regelmäßig gefragt, ob Ereignis X meine These nicht widerlege. X konnte ein Putsch in Peru sein, der Krieg auf dem Balkan, die Serie der Terroranschläge vom 11. September, die globale Finanzkrise oder, in jüngster Zeit, Donald Trumps Wahl und die oben beschriebene Welle des populistischen Nationalismus.

Die meisten dieser kritischen Äußerungen beruhten auf einem schlichten Missverständnis meiner These. Ich hatte das Wort Geschichte im hegelianisch-marxistischen Sinne verwendet, das heißt als langfristige evolutionäre Beschreibung menschlicher Institutionen, die man alternativ als »Entwicklung« oder »Modernisierung« hätte bezeichnen können. Das Wort Ende war nicht im Sinne von »Terminierung«, sondern von »Ziel« oder »Bestimmungsort« gemeint gewesen. Karl Marx hatte nahegelegt, dass das Ende der Geschichte eine kommunistische Utopie sein werde, und ich wies nur darauf hin, dass Hegels Version, in der die Entwicklung zu einem liberalen marktwirtschaftlichen Staat führt, plausibler sei.[4]

Dies bedeutet nicht, dass meine Ansichten im Lauf der Jahre unverändert geblieben wären. Die gründlichste Neuerwägung, die ich habe liefern können, ist in meinen beiden Büchern The Origins of Political Order und Political Order and Political Decay zu finden, die insgesamt als Bemühung gesehen werden können, Das Ende der Geschichte im Licht meines heutigen Verständnisses der Weltpolitik umzuschreiben.[5]

Die beiden wichtigsten Änderungen meines Denkens haben erstens mit der Schwierigkeit zu tun, einen modernen, unpersönlichen Staat aufzubauen – ich habe dieses Problem als »Weg nach Dänemark« bezeichnet –, und zweitens mit der Möglichkeit, dass eine zeitgenössische liberale Demokratie verfällt oder sich rückwärtsentwickelt.

Außerdem entgingen meinen Kritikern zwei weitere Details: Sie hatten nicht bemerkt, dass hinter dem Titel des ursprünglichen Artikels ein Fragezeichen stand, und sie hatten die Schlusskapitel des Buches Das Ende der Geschichte nicht gelesen, die sich mit dem Problem von Nietzsches letztem Menschen befassen.

In beiden Publikationen wies ich darauf hin, dass weder Nationalismus noch Religion demnächst als Kräfte der Weltpolitik verschwinden würden, und zwar deshalb, weil die zeitgenössischen liberalen Demokratien das Problem des »Thymos« noch nicht vollauf gelöst hätten. Thymos ist der Teil der Seele, der sich nach Anerkennung seiner Würde sehnt; »Isothymia« ist das Bedürfnis, anderen gegenüber als gleichwertig zu gelten, während »Megalothymia« den Wunsch darstellt, von anderen als überlegen betrachtet zu werden. Moderne liberale Demokratien versprechen und sorgen auch überwiegend für ein Minimum an einheitlichem Respekt, das in Individualrechten, der Herrschaft des Gesetzes und im Wahlrecht zum Ausdruck kommt. Allerdings garantiert dies nicht, dass die Bürger einer Demokratie in der Praxis alle in gleichem Maße respektiert werden, schon gar nicht Angehörige von Gruppen, die politisch oder gesellschaftlich marginalisiert worden sind. Ganze Länder können sich missachtet fühlen, was zuweilen einen aggressiven Nationalismus entfesselt, ebenso wie Anhänger einer Religion, die meinen, dass ihr Glaube geschmäht wird. Die Isothymia dürfte daher weiterhin Forderungen nach gleichheitlicher Anerkennung hervorrufen, die wahrscheinlich nie ganz erfüllt werden können.

Das andere große Dilemma ist das der Megalothymia. Liberale Demokratien verstehen sich ziemlich gut darauf, für Frieden und Wohlstand zu sorgen (wenn auch mit Einschränkungen in den letzten Jahren). Diese vermögenden, ungefährdeten Gesellschaften sind die Domäne von Nietzsches letztem Menschen oder von C. S. Lewis’ »Menschen ohne Brust«, die ihr Leben mit der endlosen Suche nach Konsumbefriedigung verbringen, jedoch nichts in ihrem Innern aufweisen, keine höheren Ziele oder Ideale, die sie anstreben und für die sie Opfer bringen können. Ein solches Leben wird nicht jedem genügen. Megalothymia gedeiht durch Besonderheit: durch hohe Risiken, imposante Kämpfe und große Effekte, denn all das bewirkt, dass jemand im Vergleich mit anderen als überlegen anerkannt wird. In manchen Fällen kann sie heroische Führer wie Lincoln, Churchill oder Nelson Mandela hervorbringen, doch in anderen mag sie Tyrannen wie Cäsar, Hitler oder Mao schaffen, die ihre Gesellschaft in Diktatur und Katastrophen stürzen.

Da Megalothymia, historisch gesehen, in allen Gesellschaften existiert hat, kann sie nicht ausgeschaltet, sondern nur umgelenkt oder gemäßigt werden. Die Frage, die ich im letzten Kapitel von Das Ende der Geschichte aufwarf, lautete, ob das moderne System einer liberalen, marktwirtschaftlichen Demokratie genug Betätigungsmöglichkeiten für die Megalothymia bereitstellen kann. Dieser Umstand wurde von den Gründervätern der Vereinigten Staaten vollauf zur Kenntnis genommen. Bei ihrem Bemühen, in Nordamerika eine republikanische Regierungsform aufzubauen, waren sie sich der Geschichte des Falls der Römischen Republik bewusst und machten sich Sorgen um das Problem des Cäsarismus. Ihre Lösung war das Verfassungssystem der »Checks and Balances«, das die Macht verteilt und ihre Konzentration auf einen einzigen Führer verhindert. 1992 bemerkte ich, dass eine Marktwirtschaft ebenfalls Aktivitäten für die Megalothymia bietet. So kann ein Unternehmer märchenhaft reich werden und gleichzeitig zum allgemeinen Wohlstand beitragen. Oder vielleicht wird er an Ironman-Wettbewerben teilnehmen, Rekorde für die Anzahl bestiegener Himalaya-Gipfel aufstellen oder das profitabelste Internetunternehmen der Welt entwickeln.

Übrigens erwähnte ich Donald Trump in Das Ende der Geschichte als Beispiel eines unglaublich ehrgeizigen Individuums, dessen Wunsch nach Anerkennung erfolgreich in eine Geschäftskarriere (und später ins Showbusiness) umgelenkt worden ist. Damals hätte ich kaum ahnen können, dass er 25 Jahre später nicht mit seinem unternehmerischen Erfolg und seiner Prominenz zufrieden sein, sondern in die Politik gehen und zum Präsidenten gewählt werden würde. Aber das steht keineswegs im Widerspruch zu meinen allgemeineren Ausführungen über potenzielle Gefahren für die liberale Demokratie und über das zentrale Problem des Thymos in einer liberalen Gesellschaft.[6] Solche Gestalten – Cäsar, Hitler oder Perón – hatten ihre Gesellschaften in der Vergangenheit auf einem katastrophalen Pfad in den Krieg oder in den wirtschaftlichen Verfall geführt. Um sich selbst voranzubringen, machten sie sich den Unmut gewöhnlicher Menschen zunutze, die der Ansicht waren, dass ihre Nation oder Religion oder Lebensweise nicht respektiert werde. So fügten sich Megalothymia und Isothymia zusammen.

Im vorliegenden Buch kehre ich zu Themen zurück, die ich 1992 aufgenommen und seitdem immer wieder behandelt habe: Thymos, Anerkennung, Würde, Identität, Einwanderung, Nationalismus, Religion und Kultur. In erster Linie beziehe ich mich auf meine Lipset Memorial Lecture über Einwanderung und Identität von 2005 sowie auf meinen Vortrag vor der Latsis Foundation über Einwanderung und europäische Identität, den ich 2011 in Genf hielt.[7] An manchen Stellen dieses Buches werden Passagen aus früheren Schriften mehr oder weniger wörtlich zitiert. Ich muss mich entschuldigen, wenn dies repetitiv anmutet, aber ich bin recht sicher, dass sich kaum jemand die Zeit genommen hat, dieser spezifischen Argumentation zu folgen und sie als zusammenhängende Erklärung für in die Gegenwart reichende Entwicklungen zu betrachten.

Das Verlangen nach Anerkennung der eigenen Identität vereint als Leitmotiv vieles von dem, was sich heutzutage in der Weltpolitik abspielt. Es beschränkt sich nicht auf die Identitätspolitik, wie sie an Universitäten praktiziert wird, oder auf den weißen Nationalismus, den es erzeugt hat, sondern es erstreckt sich auch auf breitere Phänomene wie den Aufschwung des altmodischen Nationalismus und des politisierten Islam. Ein großer Teil dessen, was als wirtschaftliche Motivation gilt, ist, wie ich darlegen werde, in Wirklichkeit in dem Verlangen nach Anerkennung verwurzelt und kann deshalb nicht einfach mit wirtschaftlichen Mitteln befriedigt werden. Dies hat direkte Konsequenzen dafür, wie wir gegenwärtig mit dem Populismus umgehen sollten.

Laut Hegel wurde die Menschheitsgeschichte durch das Ringen um Anerkennung vorangetrieben. Er führte aus, dass die einzig rationale Lösung für das Verlangen nach Anerkennung universaler Art sei, was nichts anderes heißt, als dass die Würde jedes Menschen akzeptiert werden müsse. Seitdem wird die universale Anerkennung immer wieder in Frage gestellt durch partielle Varianten der Anerkennung, die auf Nation, Religion, Sektenzugehörigkeit, Rasse, Ethnizität oder Gender beruhen, oder durch Individuen, die als überlegen anerkannt werden wollen. Die Zunahme der Identitätspolitik in modernen liberalen Demokratien ist eine ihrer Hauptbedrohungen. Wenn es uns nicht gelingt, zu einem universalen Verständnis der menschlichen Würde zurückzukehren, werden wir zu ständigen Konflikten verurteilt sein.

1Die Politik der Würde

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein dramatischer Wandel in der Weltpolitik vollzogen.

Zwischen den frühen siebziger Jahren und der Mitte der ersten Dekade dieses Jahrhunderts fand das statt, was Samuel Huntington die »dritte Demokratisierungswelle« nannte: Die Anzahl der repräsentativen Demokratien erhöhte sich weltweit von rund 35 auf über 110. In diesem Zeitraum wurde die liberale Demokratie zum Regierungsstandard für erhebliche Teile der Welt, jedenfalls dem Bestreben nach, wenn auch nicht unbedingt in der Realität.[8]

Parallel zu diesem Wandel politischer Institutionen wuchs die wirtschaftliche Interdependenz zwischen den Staaten, also das, was wir als Globalisierung bezeichnen. Die Letztere wurde von liberalen Wirtschaftsstrukturen wie dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen und der sich daran anschließenden Welthandelsorganisation untermauert. Als Ergänzungen dienten regionale Handelsvereinbarungen in Form der Europäischen Union und des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens. Während dieser Periode übertraf die Wachstumsrate des internationalen Handels und der internationalen Investitionen jene des globalen Bruttosozialprodukts. Sie galt allgemein als Hauptantriebskraft des Wohlstands. Zwischen 1970 und 2008 vervierfachte sich der weltweite Ertrag an Gütern und Dienstleistungen. Das Wachstum erstreckte sich auf praktisch alle Regionen, während sich der Anteil der unter extremer Armut leidenden Menschen in den Entwicklungsländern von 42 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 1993 auf 17 Prozent im Jahr 2011 verringerte. Der Anteil der Kinder, die vor ihrem fünften Geburtstag starben, ging von 22 Prozent im Jahr 1960 auf weniger als 5 Prozent im Jahr 2016 zurück.[9]

Die liberale Weltordnung kam jedoch nicht allen zugute. In vielen Ländern, besonders in den wohlhabenden Demokratien, nahm die Ungleichheit erheblich zu, was bedeutete, dass etliche Vorteile des Aufschwungs in erster Linie einer durch ihre Ausbildung definierten Elite zufielen.[10] Mit dem wirtschaftlichen Wachstum wurden viele Güter leichter verfügbar, es war mehr Geld im Umlauf, und die Mobilität der Bevölkerung erhöhte sich – all das stiftete auch Unruhe. In Entwicklungsländern fanden sich Dorfbewohner, die zuvor nicht einmal einen Stromanschluss gehabt hatten, plötzlich in großen Städten wieder, wo sie fernsehen konnten und durch die allgegenwärtigen Mobiltelefone mit dem Internet verbunden waren. Die Arbeitsmärkte passten sich den neuen Gegebenheiten an und zwangen Abermillionen Menschen, auf der Suche nach besseren Chancen für sich selbst und ihre Angehörigen oder auf der Flucht vor unerträglichen Verhältnissen in der Heimat internationale Grenzen zu überqueren. In Ländern wie China und Indien entstanden riesige neue Mittelschichten, doch deren Tätigkeit ersetzte die Arbeit, die zuvor die etablierten Mittelschichten in der entwickelten Welt verrichtet hatten. Die Fertigungsindustrie verlagerte sich kontinuierlich aus Europa und den Vereinigten Staaten nach Ostasien und in andere Niedriglohnregionen. Gleichzeitig wurden Männer in der zunehmend dienstleistungsorientierten neuen Wirtschaft von Frauen verdrängt, ebenso wie gering qualifizierte Arbeiter von intelligenten Maschinen.

Mitte des letzten Jahrzehnts begann der Trend in Richtung einer immer offeneren und liberaleren Weltordnung zu stocken und kehrte sich schließlich um. Dieser Wechsel fiel mit zwei Finanzkrisen zusammen: Die erste, 2008 verursacht vom US-amerikanischen Subprime-Markt, führte zu der sich anschließenden Großen Rezession. Die zweite war die Eurokrise nach der drohenden Staatspleite Griechenlands. In beiden Fällen verursachten elitäre politische Maßnahmen weltweit heftige Konjunkturrückgänge, hohe Arbeitslosenquoten und Einkommensverluste für Millionen gewöhnlicher Beschäftigter. Da es sich bei den Vereinigten Staaten und der Europäische Union um führende Vertreter des Systems handelte, schadeten die Krisen dem Ruf der liberalen Demokratie als Ganzem.

Der Soziologe Larry Diamond charakterisiert die Jahre nach den Krisen als Periode einer »demokratischen Rezession«, in der die Gesamtzahl demokratischer Staaten in praktisch allen Gebieten der Welt zurückging.[11] Eine Reihe autoritärer Länder, angeführt von China und Russland, ist seitdem viel selbstbewusster und energischer geworden: Das Erstere propagierte sein »China-Modell« als eindeutig undemokratischen Pfad zu Entwicklung und Reichtum, während Russland die liberale Dekadenz der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten attackierte. Etliche Länder, die in den neunziger Jahren den Eindruck erfolgreicher liberaler Demokratien gemacht hatten, glitten ab in autoritärere Regierungsformen, darunter Ungarn, die Türkei, Thailand und Polen. Der Arabische Frühling von 2011 zerrüttete Diktaturen überall im Nahen Osten, nur um dann die Hoffnungen auf mehr Demokratie in der Region zu enttäuschen, als Libyen, der Jemen, der Irak und Syrien in Bürgerkriegen versanken. Die terroristische Aufwallung, welche die Attentate vom 11. September entfesselte, wurde durch den US-Einmarsch in Afghanistan und den Irak nicht niedergeschlagen, im Gegenteil: Sie mutierte zum Islamischen Staat, der überall auf der Welt als Fanal für illiberale und gewalttätige Islamisten diente. So bemerkenswert wie die Widerstandskraft des IS war die Tatsache, dass so viele junge Muslime ein relativ sicheres Leben anderswo im Nahen Osten oder in Europa hinter sich ließen, um nach Syrien zu reisen und dort für die Terrororganisation zu kämpfen.

Vielleicht noch bedeutsamer waren die beiden großen Wahlüberraschungen von 2016: die Entscheidung Großbritanniens, aus der Europäischen Union auszutreten, und die Wahl von Donald J. Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. In beiden Fällen waren die Wähler an der Lösung wirtschaftlicher Fragen interessiert, insbesondere jene Lohnempfänger, die Arbeitsplatzverluste und die Deindustrialisierung ihrer Region hatten hinnehmen müssen. Doch genauso wichtig war die Ablehnung einer fortgesetzten Massenimmigration, von der angenommen wurde, dass sie einheimische Arbeitsplätze kostete und seit langem etablierte kulturelle Identitäten untergrub. Parteien, die sich gegen Einwanderung und die EU aussprachen, wurden auch in vielen anderen Ländern stärker, vornehmlich der Front National in Frankreich, die Partei für die Freiheit in den Niederlanden, die Alternative für Deutschland und die Freiheitliche Partei Österreichs. Überall auf dem Kontinent empfand man einerseits Ängste vor islamistischem Terrorismus und führte andererseits Debatten über Verbote muslimischer Identitätsbekundungen, etwa das Tragen von Burka, Niqab und Burkini.

Im 20. Jahrhundert hatte sich die Politik an einem Links-rechts-Spektrum orientiert, das durch Wirtschaftsthemen definiert wurde, wobei die Linke mehr Gleichheit und die Rechte größere Freiheit verlangte. Die linke Politik konzentrierte sich auf Arbeiter, Gewerkschaften und sozialdemokratische Parteien, die sich um bessere gesellschaftliche Schutzmechanismen und wirtschaftliche Umverteilung bemühten. Die Rechte dagegen interessierte sich hauptsächlich dafür, die Verwaltung zu reduzieren und den Privatsektor auszubauen. Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts scheint dieses Spektrum in vielen Ländern von einem durch Identität definierten Angebot verdrängt zu werden. Die Linke richtet ihr Augenmerk nicht mehr primär darauf, weitestmögliche ökonomische Gleichheit herzustellen. Stattdessen geht es ihr darum, die Interessen einer Vielfalt von benachteiligten Gruppen zu unterstützen, wie etwa von Schwarzen, Einwanderern, Frauen, Hispanics, der LGBT-Community und Flüchtlingen. Unterdessen liegt der Rechten vor allem der Patriotismus am Herzen, der Schutz der traditionellen nationalen Identität, die häufig explizit mit Rasse, Ethnizität oder Religion verknüpft wird.

Einer langen Tradition gemäß, die mindestens bis zu Karl Marx zurückreicht, werden politische Kämpfe als Reflexion wirtschaftlicher Konflikte betrachtet, im Wesentlichen als Ringen um die Stücke des Wohlstandskuchens. Tatsächlich erklärt dies einen Teil des Geschehens nach 2010, denn die Globalisierung schloss erhebliche Bevölkerungsanteile vom weltweiten Wachstum aus. Zwischen 2000 und 2016 erlebte die Hälfte der US-Amerikaner keine Erhöhung ihres Realeinkommens. Der Anteil des Bruttoinlandsprodukts, der auf das obere Bevölkerungsprozent entfiel, stieg hingegen zwischen 1974 und 2008 von 9 auf 24 Prozent.[12]

Aber so maßgeblich das materielle Eigeninteresse auch sein mag, Menschen werden zudem von anderen Dingen motiviert, durch welche sich die disparaten Ereignisse der Gegenwart vielleicht besser erklären lassen. Diese Entwicklungen könnten als Politik des Unmuts bezeichnet werden. In zahlreichen Fällen gelingt es politischen Führern, ihre Anhänger mit Hilfe der Vorstellung zu mobilisieren, dass die Würde der Gruppe beleidigt, herabgesetzt oder sonst wie missachtet worden sei. So erklingen Rufe danach, die Würde der betreffenden Gemeinschaft öffentlich anzuerkennen. Eine erniedrigte Gruppe, die ihre Würde wiederherstellen will, verfügt über weit mehr emotionales Gewicht als eine, die nur ihren wirtschaftlichen Vorteil verfolgt.

Das ist der Grund, warum der russische Präsident Wladimir Putin den Zusammenbruch der Sowjetunion eine Tragödie nennt und warum er Europa und den Vereinigten Staaten vorwirft, die Verwundbarkeit Russlands in den neunziger Jahren ausgenutzt zu haben, um die NATO an seine Grenzen vorzuschieben. Er verabscheut die zur Schau getragene Überlegenheit westlicher Politiker und verlangt, dass Russland nicht, wie Präsident Obama es einmal formulierte, als schwacher regionaler Akteur, sondern als Großmacht behandelt wird. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán erklärte 2017, seine Rückkehr an die Macht im Jahr 2010 markiere den Zeitpunkt, an dem »wir Ungarn überdies beschlossen, dass wir unser Land, unsere Selbstachtung und unsere Zukunft zurückgewinnen wollen«.[13] Die chinesische Regierung unter Xi Jinping geht ausführlich auf Chinas »Jahrhundert der Demütigung« ein und behauptet, die Vereinigten Staaten, Japan und andere Länder bemühten sich, seine Rückkehr zu dem Großmachtstatus, den es in den vergangenen Jahrtausenden genossen habe, zu verhindern. Als der Al-Qaida-Gründer Osama bin Laden 14 Jahre alt war, stellte seine Mutter fest, wie sehr ihn das Schicksal Palästinas fesselte: »Tränen strömten ihm über die Wangen, während er in ihrem Heim in Saudi-Arabien fernsah.«[14] Sein Zorn über die Kränkung von Muslimen wurde später von seinen jungen Glaubensgenossen nachvollzogen, was dazu führte, dass sie freiwillig in Syrien für eine Religion kämpften, die ihrer Meinung nach überall auf der Welt angegriffen und unterdrückt worden war. Sie hofften, im Islamischen Staat die Herrlichkeit einer früheren muslimischen Zivilisation neu erstehen lassen zu können.

Die Wut über Erniedrigungen war auch in demokratischen Ländern ein mächtiger Faktor. Die Black-Lives-Matter-Bewegung entsprang einer Reihe gut dokumentierter Erschießungen von Afroamerikanern durch Polizisten in Ferguson, Baltimore, New York und anderen Städten. Sie wollte die Außenwelt zwingen, den Erfahrungen von Opfern beiläufig wirkender Polizeigewalt Beachtung zu schenken. An Universitäten und in Büros im ganzen Land galten sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigungen als Beweis dafür, dass Männer Studentinnen oder weibliche Arbeitskräfte nicht als gleichberechtigt ansahen. Plötzliche Aufmerksamkeit wurde Transgendern zuteil, die man früher nicht als eindeutige Diskriminierungsziele identifiziert hatte. Viele derjenigen, die für Donald Trump stimmten, erinnerten sich an bessere Zeiten, als ihr Platz in der eigenen Gesellschaft vermeintlich sicherer gewesen war. Ihre Sorgen hat Trump zielsicher in einen seiner Slogans einfließen lassen: »Make America Great Again!« Obwohl Putins Anhänger zeitlich und geographisch weit von ihnen entfernt waren, ähnelten ihre Empfindungen in Bezug auf die Arroganz und Verachtung westlicher Eliten denen der ländlichen Wähler in den Vereinigten Staaten, die das Gefühl hatten, dass die städtischen Oberschichten beider Küsten und die mit ihnen verbündeten Medien sie und ihre Probleme ignorierten.

Die Praktiker der Politik des Unmuts erkennen einander. Die Sympathie zwischen Wladimir Putin und Donald Trump ist nicht bloß persönlicher Art, sondern auch in ihrem gemeinsamen Nationalismus verwurzelt. Viktor Orbán erklärte: »Gewisse Theorien beschreiben die Umwälzungen, die sich nun in der westlichen Welt abspielen, sowie das Erscheinen eines neuen amerikanischen Präsidenten auf der Bühne als weltpolitisches Ringen zwischen der transnationalen Auslese – die als ›global‹ bezeichnet wird – und patriotischen nationalen Eliten«, zu deren frühen Vertretern Orbán sich selbst zählte.[15]

Sei es in Gestalt von Großmächten wie Russland und China oder der Wähler in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, überall glauben Gruppen, dass ihrer Identität unzureichende Anerkennung gezollt wird – entweder, im Fall einer Nation, durch die Außenwelt oder andernfalls durch andere Mitglieder derselben Gesellschaft. Solche Identitäten können unglaublich vielfältig sein. Sie mögen geprägt sein durch Nation, Religion, Ethnizität, sexuelle Orientierung oder Gender. Doch in allen manifestiert sich ein gemeinsames Phänomen: das der Identitätspolitik.

Die Begriffe Identität und Identitätspolitik sind recht jungen Ursprungs. Der eine wurde in den fünfziger Jahren von dem Psychologen Erik Eriksson populär gemacht, der andere trat erst in der Kulturpolitik der achtziger und neunziger Jahre in den Vordergrund. Identität hat heute eine große Zahl von Bedeutungen und bezieht sich in manchen Fällen nur auf gesellschaftliche Kategorien oder Rollen, während sie in anderen grundlegende Informationen über jemanden liefert (wie in dem Satz »Meine Identität wurde gestohlen«). So gesehen haben Identitäten schon immer existiert.[16]

Im vorliegenden Buch werde ich Identität in einem spezifischen Sinne verwenden, der uns zu verstehen hilft, weshalb sie für die gegenwärtige Politik so wichtig ist. Identität erwächst vor allem aus einer Unterscheidung zwischen dem wahren inneren Selbst und einer Außenwelt mit gesellschaftlichen Regeln und Normen, die den Wert oder die Würde des inneren Selbst nicht adäquat anerkennt. Während der gesamten Menschheitsgeschichte hat es Individuen gegeben, die im Konflikt mit ihrer Gesellschaft standen, doch erst in der Neuzeit hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass das authentische innere Selbst essenziell wertvoll sei und dass die äußere Gesellschaft es systematisch falsch und unfair bewerte. Nicht das innere Selbst habe sich den sozialen Regeln anzupassen, sondern die Gesellschaft müsse sich ändern.

Das innere Selbst ist die Grundlage der menschlichen Würde, doch diese ist ihrem Wesen nach variabel und hat sich im Lauf der Zeit gewandelt. In vielen Frühkulturen wird Würde nur ein paar wenigen Menschen zugeordnet, häufig Kriegern, die bereit sind, ihr Leben in der Schlacht zu riskieren. In anderen Gesellschaften ist Würde ein Attribut aller Menschen, die ihren immanenten Wert aus der Fähigkeit beziehen, nach eigenen Entscheidungen zu handeln. In noch anderen Fällen wird Würde von der Mitgliedschaft in einer größeren Gruppe mit gemeinsamen Erinnerungen und Erfahrungen abgeleitet.

Letztlich ist es das innere Gefühl der Würde, das nach Anerkennung drängt. Es genügt nicht, dass ich über ein Selbstwertgefühl verfüge, wenn andere Menschen es nicht öffentlich anerkennen oder, schlimmer noch, wenn sie mich herabsetzen oder meine Existenz nicht zur Kenntnis nehmen. Selbstachtung geht aus der Achtung durch andere hervor. Da sich Menschen von Natur aus nach Anerkennung sehnen, schlägt das moderne Identitätsgefühl rasch in Identitätspolitik um, die es Individuen ermöglicht, die öffentliche Bestätigung ihres Stellenwerts zu verlangen. Die Identitätspolitik umfasst mithin einen großen Teil des politischen Ringens der zeitgenössischen Welt: von demokratischen Revolutionen bis hin zu neuen sozialen Bewegungen, von Nationalismus und Islamismus zur heutigen Universitätspolitik. Mehr noch, der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel führte aus, dass der Kampf um Anerkennung die höchste Antriebskraft der Menschheitsgeschichte sei – ein Faktor, der den Schlüssel zum Verständnis des Ursprungs der zeitgenössischen Welt liefere.

Während die wirtschaftlichen Ungleichheiten, die aus rund 50 Jahren der Globalisierung herrühren, wesentlich zur Erklärung der aktuellen Politik beitragen, werden ökonomische Ärgernisse noch weitaus intensiver empfunden, wenn sie mit Gefühlen der Erniedrigung und Missachtung verbunden sind. Vieles von dem, was wir als wirtschaftliche Motivation ansehen, reflektiert in Wirklichkeit nicht den unkomplizierten Wunsch nach Vermögen und Ressourcen, sondern die Auffassung, dass Geld ein Statussymbol ist und Respekt erkaufen kann. Die moderne Wirtschaftstheorie stützt sich auf die Annahme, dass Menschen rationale Individuen seien, die ausnahmslos ihre »Nützlichkeit« – das heißt ihr materielles Wohlbefinden – maximieren wollen. Die Politik stellt dabei bloß eine Fortsetzung dieser Handlungsweise dar. Um das Verhalten realer Personen in der heutigen Welt jedoch korrekt interpretieren zu können, müssen wir unser Verständnis der menschlichen Motivation über dieses einfache Wirtschaftsmodell hinaus erweitern, das unseren Diskurs so sehr dominiert. Niemand bestreitet, dass Menschen zu rationalem Verhalten fähig oder dass sie eigennützige Individuen sind, die nach mehr Reichtum und wirtschaftlichen Ressourcen streben. Aber die menschliche Psyche ist viel komplexer, als es dieses recht naive Wirtschaftsmodell vermuten lässt. Bevor wir die zeitgenössische Identitätspolitik verstehen können, müssen wir eine tiefere und gründlichere Einsicht in die Motivation und das Benehmen der Menschen gewinnen. Mit anderen Worten, wir benötigen eine bessere Theorie der menschlichen Seele.

2Der dritte Teil der Seele

Politische Theorien bauen typischerweise auf Theorien über das menschliche Verhalten auf. Diese arbeiten Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Handelns aus der Menge empirischer Informationen heraus, die wir über unsere Umgebung gewinnen, und stellen – das hoffen wir zumindest – Kausalverbindungen zwischen solchen Handlungen und der Umwelt her. Die Fähigkeit zu theoretisieren ist ein wichtiger Faktor für den evolutionären Erfolg der Gattung Mensch. Viele praktisch veranlagte Individuen lehnen diese Meinung ab, handeln jedoch ebenfalls stets im Einklang mit unausgesprochenen Theorien, deren Existenz sie schlicht leugnen.

Die moderne Wirtschaftswissenschaft beruht auf einer Theorie, nach der Menschen »rationale Nützlichkeitsmaximierer« sind, also Individuen, die ihre beeindruckenden kognitiven Fähigkeiten für ihr Eigeninteresse einsetzen. Mit dieser Theorie sind mehrere zusätzliche Annahmen verknüpft. Eine besagt, dass das Individuum maßgeblich ist – im Gegensatz zu einer Familie, einem Stamm, einer Nation oder einer sonstigen sozialen Gruppe. Wenn Menschen miteinander kooperieren, dann nur, weil sie sich ausrechnen, dass Zusammenarbeit ihrem Eigeninteresse eher dient als individuelles Handeln.

Die zweite Annahme betrifft den Charakter der »Nützlichkeit«, das heißt, die individuellen Präferenzen – ein neues Auto, sexuelle Befriedigung, ein erholsamer Urlaub –, die laut Ökonomen die »Nützlichkeitsfunktion« einer Person ausmachen. Viele Ökonomen beharren darauf, dass ihre Theorien nichts über die letztlich von Menschen gewählten Präferenzen oder Nützlichkeiten aussagen, denn die Entscheidung treffe stets der Einzelne. Die Ökonomik widme sich nur den Methoden, mit denen Präferenzen rational verfolgt würden. Folglich maximieren ein Hedgefonds-Manager, der sich bemüht, eine weitere Milliarde zu verdienen, und ein Soldat, der sich auf eine Granate fallen lässt, um seine Kameraden zu retten, jeweils ihre unterschiedlichen Präferenzen. Mutmaßlich versuchen Selbstmordattentäter, die unglücklicherweise zu einem Teil der politischen Landschaft des 21. Jahrhunderts geworden sind, also nur, die Zahl der Jungfrauen zu maximieren, denen sie im Himmel begegnen werden.

Das Problem ist, dass solch eine Wirtschaftstheorie kaum eine Vorhersagekraft besitzt, wenn die Präferenzen nicht auf ein materielles Eigeninteresse wie das Streben nach Einnahmen oder Wohlstand begrenzt sind. Erweitert man die Idee der Nützlichkeit auf Extreme sowohl egoistischen als auch altruistischen Benehmens, bringt man kaum mehr als die Tautologie zum Ausdruck, dass Menschen genau das anstreben, was sie sich vorgenommen haben. In Wirklichkeit benötigen wir aber eine Theorie, die erklärt, weshalb manche Menschen nach Geld und Sicherheit trachten, während andere bereit sind, für eine Sache zu sterben, oder Zeit und Geld aufwenden, um ihre Mitbürger zu unterstützen. Die Aussage, dass Mutter Teresa und ein Hedgefonds-Manager jeweils schlicht ihre Nützlichkeit maximieren, lässt einen wichtigen Teil ihrer Motivation außer Acht.

In der Praxis setzen die meisten Ökonomen tatsächlich voraus, dass Nützlichkeit auf irgendeiner Art des materiellen Eigeninteresses basiert, die andere Motivationen übertrumpft. Diese Ansicht wird von zeitgenössischen Verfechtern der Marktwirtschaft und klassischen Marxisten geteilt, wobei die Letzteren behaupteten, dass die Geschichte von gesellschaftlichen Klassen gestaltet werde, die ihr wirtschaftliches Eigeninteresse verfolgen. Die Ökonomik ist heute zu einer dominierenden und renommierten Sozialwissenschaft geworden, da die Menschen ihr Verhalten oftmals tatsächlich an der von ihr vertretenen restriktiveren Variante der menschlichen Motivation ausrichten. Materielle Anreize sind durchaus von Belang. Im kommunistischen China war die Agrarproduktivität auf Staatsgütern stets niedrig, da die Bauern den von ihnen erwirtschafteten Überschuss nicht behalten durften. Also drückten sie sich lieber vor der Arbeit, als sich abzurackern. Ein bekannter Ausspruch in der kommunistischen Welt lautete: »Sie tun so, als würden sie uns bezahlen, und wir tun so, als würden wir arbeiten.« Als man die Anreize in den späten siebziger Jahren änderte und den Bauern gestattete, ihren Überschuss zu behalten, verdoppelte sich der Agrarertrag innerhalb von vier Jahren. Eine der Ursachen der Finanzkrise von 2008 bestand darin, dass Investmentbanker für kurzfristige Profite belohnt, doch nicht dafür bestraft wurden, wenn ihre riskanten Anlagen ein paar Jahre später platzten. Um das Problem zu lösen, müsste man die Anreize ändern.

Während das herkömmliche Wirtschaftsmodell unzweifelhaft ein Gutteil des menschlichen Verhaltens erklärt, weist es auch etliche Schwächen auf. Im Laufe der beiden vergangenen Jahrzehnte haben Verhaltensökonomen und -psychologen wie Daniel Kahneman und Amos Tversky die Grundvoraussetzungen des Modells attackiert, indem sie aufzeigten, dass Menschen in der Praxis nicht rational sind, sondern zum Beispiel Standardverhaltensweisen den Vorzug gegenüber geeigneteren Strategien geben oder sich die schwere Arbeit des Nachdenkens ersparen, indem sie die Aktivitäten anderer in ihrer Umgebung nachahmen.[17]

Zwar macht die Verhaltensökonomik die Schwächen des Modells der rationalen Entscheidung deutlich, doch bietet sie kein klares Alternativmodell des menschlichen Verhaltens an. Insbesondere sagt sie nicht viel über die Beschaffenheit der tieferliegenden menschlichen Präferenzen aus. Die Wirtschaftstheorie liefert keine zufriedenstellende Erklärung für die Motivation des Soldaten, der sich auf die Granate fallen lässt, noch für die des Selbstmordattentäters, noch für eine Vielzahl anderer Fälle, in denen mehr als materielles Eigeninteresse im Spiel zu sein scheint. Es ist keine überzeugende Aussage, dass wir Dinge, die schmerzhaft, gefährlich oder aufwendig sind, genauso »begehren« wie Lebensmittel oder Geld auf dem Konto. Wir müssen folglich andere Darstellungen des menschlichen Verhaltens betrachten, die über die heute vorherrschenden wirtschaftlichen Interpretationen hinausgehen. Dieses breitere Verständnis ist stets vorhanden gewesen, doch häufig vergessen wir Dinge, die uns einmal geläufig waren.

Theorien des menschlichen Verhaltens stützen sich auf die der menschlichen Natur: auf Regelmäßigkeiten, die sich aus der universalen menschlichen Biologie ergeben, im Gegensatz zu denen, die in den Normen oder Bräuchen der verschiedenen menschlichen Gemeinschaften wurzeln. Die Grenzlinie zwischen Anlage und Umwelt ist heutzutage stark umstritten, doch kaum jemand würde leugnen, dass diese beiden gegensätzlichen Pole existieren. Zum Glück braucht die Grenze nicht exakt gezogen zu werden, wenn wir eine Theorie entwickeln wollen, die uns nützliche Einsichten in die menschliche Motivation liefert.

Frühneuzeitliche Denker wie Thomas Hobbes, John Locke und Jean-Jacques Rousseau grübelten intensiv über den »Naturzustand«, eine Urzeit vor dem Aufkommen der menschlichen Gesellschaft. Der Naturzustand ist jedoch bloß eine Metapher für die menschliche Natur, das heißt für unsere grundlegenden Merkmale, die unabhängig von spezifischen Gesellschaften oder Kulturen existieren. In der westlichen philosophischen Tradition reichen solche Erörterungen der menschlichen Natur weit zurück, mindestens bis zu Platons Staat.

Der Staat