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Das sechste Werk der Erfolgsserie IDENTOMANIE behandelt alltägliche gesellschaftliche Fragen sowie Rechtsruck und Umwelt. Auf humoristische und philosophische Art nähert sich der Autor diversen Fragen der Zeit mit 11 Texten des in den USA entstandenen Genre "very short novel"
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Seitenzahl: 35
Veröffentlichungsjahr: 2022
Gregor Kücmesch
IDENTOMANIE 6
Umwelt, Rechtsruck und Gesellschaft
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Ausgetretene Pfade
Zweifel
Investment Banker
Geteiltes Land
Evolution
Rassismus-Dämmerung
Antifaschistischer Schutzwall
Geschwister-Scholl-Syndrom
Recyclinghof
Luxus des guten Gewissens
Kopernikus
Impressum neobooks
„Vereinsamen“, hatte sie gesagt. Das Wort hing in seinem Kopf wie Kaugummi.
„Wenn du so weiter machst, wirst du vereinsamen.“ So waren ihre Worte gewesen. Er hatte ihr natürlich widersprochen.
„So ein Quatsch. Ich habe viele Kontakte“, hatte er geantwortet.
„Zum Beispiel?“, hatte sie gefragt.
„Ich habe dich. Und Frau Gomer.“ Er hatte gezögert. „Dann ist da noch Herr Habig und Frau Steinbrecher“
„Genau das meine ich. Deine Putzfrau, der Postbote und die Frau vom Anzeiger, an den du deine Leserbriefe schickst, sind deine sozialen Kontakte. Weil du immer engstirniger wirst.“
„Ich habe Freude auf Facebook“, hatte er trotzig entgegnet. Wieso musste er sich für die Anzahl seiner Freunde rechtfertigen. Aber er wollte nicht nachgeben. Wollte er nie.
„Das sind keine Freunde, das sind Bekannte, bei denen du mitbekommst, was sich an ihrem Status ändert, so dass du nicht fragen musst, wie es ihnen geht und daher nicht merkst, dass du sie seit 10 Jahren nicht gesprochen hast.“
„Ich brauche sie nicht zu sprechen. Ich weiß ja, was los ist. Steht ja auf Facebook.“ Er hob Nase und Augenbrauen.
„Ja, da steht irgendwann „der User ist verstorben“. Dann wird dir einfallen, dass es zu spät ist, mit ihm zu reden.“
„Ich habe halt zu viel zu tun. Und Facebook macht das mit dem Kontakthalten einfacher.“
„Was hast du zu viel zu tun? Was musst du tun? Keine Zeit, um Hans oder Karl anzurufen?“
„Du hast ja keine Ahnung. Ich muss einkaufen, Essen machen, mich waschen, anziehen, nachdenken, Leserbriefe schreiben, Papierkram erledigen und, ja, auch mal einen Mittagsschlaf machen, und abends schaue ich Nachrichten.“
„Und da bleibt dir keine Zeit zu telefonieren?“
„Nein. So ein Tag ist herum wie nichts. Werde du erst mal so alt wie ich, dann wirst du sehen, wie schnell die Zeit vergeht. Du denkst tief, richtig tief, über ein Thema nach, machst die Augen auf und es ist Zeit für den Nachmittagstee.“ Er nickte überzeugt und griff nach seinem Tee.
„Und über was denkst du nach?“, fragte sie, obwohl sie es eigentlich wissen musste.
„Über all das, worüber sich die Politiker und Beamten anscheinend keine Gedanken machen. Was alles schief läuft in diesem Land. Einer muss das ja tun. Das scheint ja sonst keiner zu merken, dass alles vor die Hunde geht. Ich habe, nein, ich hatte eine Professur. Ich war bekannt für meine klaren Ansichten und meine scharfe Zunge. Und mein Verstand funktioniert immer noch sehr gut. Meinen Blog lesen immer noch hunderte.“ Er merkte am Blick seiner Tochter, dass er laut geworden war.
„Ich meine es doch nur gut mit dir“, hatte sie geantwortet und war kurze Zeit später gegangen.
Nun war er sauer auf sich selbst. Wenn er so weiter machte, würde sie sonntags nicht mehr kommen. Diese Nachmittage, auf die er sich immer freute und die dann so oft in die falsche Richtung liefen, weil sie beide nicht aus ihren Rollen herauskonnten. Sie wollte, dass er agil und offen blieb wie früher, und er wusste, dass er nicht die Kraft dazu hatte, aber zu stolz war, es sich und ihr einzugestehen. Also war die Konfrontation eine natürliche Folge divergierender Erwartungshaltungen. Auch wenn er Probleme korrekt analysieren und formulieren konnte und sein Sinn für Begrifflichkeiten noch einwandfrei war, gelang es ihm nicht, neue Wege zu gehen oder sich zu ändern.
