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Joseph Deiss, ehemaliger Bundesrat und passionierter Wanderer, erkundet die elf Kantone, die er als «innere Schweiz» bezeichnet: UR, SZ, OW, NW, LU, ZG, GL, BE, FR, AI und AR. Diese Kantone, die nicht an das Ausland grenzen, gehören zu den ältesten Mitgliedern der Eidgenossenschaft und bilden das geografische Zentrum des Landes. Zu Fuss verbindet Deiss auf seiner Route den Moléson (2002 m), den Napf (1406 m) und den Säntis (2502 m) – symbolträchtige Gipfel der Voralpen. Dabei stellt er spannende Überlegungen an: Sind diese Kantone besonders authen tisch? Fördert ihre Abgeschiedenheit die Bewahrung von Tradition und Identität? Oder ist es an der Zeit, alte Klischees neu zu betrachten? Begleiten Sie Joseph Deiss auf einer inspirierenden Entdeckungsreise durch das Herz der Schweiz, bei der Geschichte, Legenden und moderne Sichtweisen zu einem einzigartigen Panorama verschmelzen.
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Cover
Karte der Wanderroute
Impressum
Titel
Im Bann der inneren Schweiz
Vom Moléson via Napf auf den Säntis
1. Marktflecken und Bauernhöfe
La Brévine NE – Bulle FR (93 km)
Freiburg – La Brévine NE (23. April 2023)
La Brévine NE – Couvet NE (24. April 2023, 14 km)
Couvet NE – Grandson VD (25. April 2023, 24 km)
Grandson VD – Moudon VD (26. April 2023, 28 km)
Moudon VD – Bulle FR (27. April 2023, 27 km)
2. Hüpfer über Saane und Aare
Bulle FR – Konolfingen BE (124 km)
Bulle FR – Moléson-sur-Gruyères FR (15. Mai 2023, 11 km)
Moléson-sur-Gruyères FR – Moléson (2002 m) – Neirivue FR (9. Juni 2023, 19 km)
Neirivue FR – Charmey FR (26. Juni 2023, 25 km)
Charmey FR – Sangernboden BE (27. Juni 2023, 25 km)
Sangernboden BE – Rüeggisberg BE (28. Juni 2023, 22 km)
Rüeggisberg BE – Konolfingen BE (29. Juni 2023, 22 km)
3. Auf den Spuren der Wiedertäufer, Lenins und von Bruder Klaus
Konolfingen BE – Sachseln OW (105 km)
Konolfingen BE – Trubschachen BE (12. Juli 2023, 25 km)
Trubschachen BE – Napf BE (1406 m) (8.–9. September 2023, 20 km)
Napf BE – Schüpfheim LU (10. September 2023, 14 km)
Schüpfheim LU – Sörenberg LU (2. August 2023, 20 km)
Sörenberg LU – Sachseln OW (3. August 2023, 26 km)
4. Ein Tummelfeld für Patrioten
Sachseln OW – Muotathal SZ (154 km)
Sachseln OW – Stans NW (7. November 2023, 21 km)
Stans NW – Seelisberg UR (8. November 2023, 20 km)
Seelisberg UR – Flüelen UR (9. November 2023, 16 km)
Luzern – Arth SZ (5. Februar 2024, 24 km)
Arth SZ – Morgarten ZG (6. Februar 2024, 15 km)
Morgarten ZG – Einsiedeln SZ (14. März 2024, 14 km)
Einsiedeln SZ – Schwyz SZ (15. März 2024, 28 km)
Schwyz SZ – Muotathal SZ (16. März 2024, 16 km)
5. Auf ins Wanderparadies Alpstein
Muotathal SZ – Schwägalp AR (85 km)
Muotathal SZ – Pragelpass – Richisau GL (6. Juni 2024, 18 km)
Richisau GL – Glarus (7. Juni 2024, 16 km)
Glarus – Amden SG (1. Mai 2024, 22 km)
Amden SG – Stein SG (5. August 2024, 14 km)
Stein SG – Schwägalp AR (6. August 2024, 15 km)
6. Krönung auf dem Drei-Kantone-Gipfel
Schwägalp AR – Rüthi SG (38 km)
Schwägalp AR – Säntis AR, AI, SG (3. Juli 2024, 5 km)
Säntis AR, AI, SG – Bollenwees AI (4. Juli 2024, 10 km)
Bollenwees AI – Plattenbödeli AI (5. Juli 2024, 10 km)
Plattenbödeli AI – Hoher Kasten – Rüthi SG (6. Juli 2024, 13 km)
7. Kurzer Abstecher nach Quinten SG und St. Georgen Kapelle SG, um sich etwas Aussergewöhnliches zu gönnen
Weesen SG – Sargans SG (35 km)
Weesen SG – Walenstadt SG (28. August 2024, 16 km)
Walenstadt SG – Sargans SG (29. August 2024, 19 km)
8. Allein auf der Welt, im unbewohnten Saminatal
Sargans SG – Frastanz-Feldkirch A (43 km)
Sargans SG – Balzers FL (13. November 2024, 7 km)
Balzers FL – Steg FL und Malbun FL (14. November 2024, 16 km)
Malbun FL – Frastanz-Feldkirch A (15. November 2024, 20 km)
Die innere Schweiz, eine Fantasie?
Abbildungsverzeichnis
Joseph Deiss auf dem Widderalpsattel AI | 1855 m
Über das Buch
Über den Autor
JOSEPH DEISS
IM BANN DER INNEREN SCHWEIZ
© 2025 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Angelia SchwallerKorrektorat: Baer & Wendel, BerlinFotografien: Joseph Deiss
Joseph Deiss
IM BANN DER INNEREN SCHWEIZ
Vom Moléson via Napf auf den Säntis
Die Tatsache ist allgemein bekannt: Die Schweiz befindet sich eingeschlossen in der Mitte Kontinentaleuropas. Sie hat keinen direkten Zugang zum Meer. Ihre Grenzen verlaufen grösstenteils entlang der Gebirgsketten und Berggipfel oder schlummern auf dem Grund von Seen und Flüssen. Für Normalsterbliche sind diese oft unzugänglich. Diese relative Enge und das Fehlen des offenen Meeres mögen einige Charakterzüge ihrer Bewohner erklären. Der Rückzug in sich selbst, die Rücksicht auf die Nachbarn, Diskretion, aber auch eine gewisse Empfänglichkeit für populistische Impulse, welche die Autarkie preisen, sind Eigenschaften, die oft als Klischees dargestellt werden.
Genauso viele Richtigstellungen zielen darauf ab, diesen Mangel an Offenheit zu verneinen. Sind wir nicht eine Handelsnation, sowohl im Export als auch im Import, überzeugter Anhänger des Freihandels also? Als Herkunftsland grosser Reisender und Entdecker mangelt es der Schweiz nicht an Zeugnissen, die beweisen, dass ihre Staatsangehörigen nicht davor zurückschrecken, sich mit Ausländern anzulegen. Obschon das Heimweh eines der häufigsten Leiden der Söldner war, die dazu verurteilt waren, ihren Unterhalt im Sold der grossen Kriegernationen zu verdienen.
Dasselbe gilt auf regionaler Ebene für jene Kantone, die ich «innere Schweiz» oder «Binnenschweiz» nenne. Jene, die keinen physischen Kontakt zum Ausland besitzen, sondern nur andere Miteidgenossen als Nachbarn haben. Nachdem ich unter dem Motto In alle Himmelsrichtungen – Wanderungen in verborgene Winkel der Schweiz1 zu den vier geografischen Extrempunkten der Schweizer Landesgrenzen gewandert bin und so die äusseren Kantone und Halbkantone, also jene, die eine gemeinsame Grenze mit einem Nachbarland besitzen – insgesamt derer fünfzehn –, besucht habe, ist es nun an der Zeit, mich auf die elf «inneren» Kantone zu konzentrieren, jene, die von den Grenzkantonen umschlossen werden.
Aus der Aufzählung – UR, SZ, OW, NW, LU, ZG, GL, BE, FR, AI und AR – wird deutlich, dass es sich um die ältesten Kantone oder zumindest um solche handelt, die spätestens 1513 der Eidgenossenschaft beigetreten sind. Unter diesem Gesichtspunkt hat die getroffene Auswahl eine metaphorische und historische Dimension, und man könnte auch vom Kern oder Herzen des Landes sprechen. Diese elf Binnenkantone bilden jedoch nicht allein die «Dreizehn Alten Orte» – oder sechzehn, wenn man berücksichtigt, dass drei davon in Halbkantone aufgeteilt sind (Unterwalden seit Anbeginn, Appenzell seit 1597 und Basel seit 1833). Aber sie gehören alle zur Alten Eidgenossenschaft, die von Marignano (1515) bis zum Einmarsch der französischen Truppen in die Schweiz im Jahr 1798 währte.
Innerhalb dieser Schweiz, die vor dem 19. Jahrhundert bestand, sind fünf Kantone – nämlich ZH, SO, BS, BL und SH – Teil der heutigen Peripherie. Sie haben weiterhin gemeinsame Grenzen mit den ausländischen Nachbarn. Im 19. Jahrhundert – der Jura erst im 20. Jahrhundert – kamen zehn neue Kantone hinzu, die alle peripher an der Landesgrenze liegen, als ob die sogenannten «Urkantone» sich mit einem «entmilitarisierten» Gürtel umgeben wollten, der sie von den Nachbarländern trennt.
Von La Brévine aus startend ist also mein unmittelbares Ziel die von mir bezeichnete «innere Schweiz». Das Scharnier, an dem ich mich orientieren werde, hat an seinem westlichen Ende den Kanton Neuenburg, der die Grenze mit Frankreich teilt. Das östliche Ende bildet der Kanton St. Gallen, der Österreich und Liechtenstein und indirekt über den Bodensee auch Deutschland berührt. Zusätzlich umschliesst er vollständig die beiden Appenzell. Letztere entpuppen sich daher als doppelt gefangen.
Aus physischer Sicht ist es die Achse, die den Freiburger Moléson (2002 m) und den dreiteilig gipfelnden Säntis (2502 m) verbindet, an dessen Spitze sich die Kantone AI, AR und SG gleichzeitig berühren und der auch den höchsten Punkt des Alpsteinmassivs darstellt. Eines Tages versuchte mir ein Freund aus dieser Gegend zu erklären, was der Säntis für die Ostschweizer bedeutet:
– Die Appenzeller Alpen, als Untergruppe des Alpen- und Voralpenmassivs, nehmen eine nördliche Vorpostenposition ein, nur 30 Kilometer vom Bodensee entfernt. Der Säntis spielt die Rolle einer Vorhut. Kurz gesagt, er ist der Moléson der Ostschweiz.
– Ich füge hinzu, dass er mit einem ungefähren Breitengrad von 47° 15´ N noch näher am Nordpol liegt als der Moléson, der nur 46° 33´ N anzeigt.
– Hervorzuheben gäbe es noch eine andere, eher geometrische Besonderheit, die zeigt, wie sehr diese beiden Gipfel wie die Nadel eines Kompasses nach Norden ausgerichtet sind. Wenn wir nämlich eine Gerade ziehen, welche die beiden Gipfel durch die ganze Schweiz hindurch verbindet, sehen wir, dass es in den Voralpen nur wenige Bergspitzen über 2000 Meter gibt, die nördlich dieser Achse liegen. Die bekanntesten sind der Pilatus (2128 m) in der Zentralschweiz (46° 58´ N), sehr knapp, sowie der Gantrisch (2176 m) in den Berner Voralpen (46° 42´) und die Kaiseregg (2185 m) in den Freiburger Voralpen (46° 39´). Dazu kommen noch einige Nachbargipfel der Freiburger und Berner Voralpen, zum Beispiel die Mähre (2091 m), der Ochsen (2188 m) oder die Hohmad (2076 m), alle im Massiv Kaiseregg-Gantrisch gelegen.
Auf halbem Weg zwischen diesen beiden für die Voralpen emblematischen Gipfel liegt der Napf (1406 m, 47° 00´ N), der, ohne vulkanischen Ursprungs zu sein, als Massif central der Schweiz fungieren kann und aus Konglomeratgestein (Nagelfluh) besteht. Seine Besteigung kann von allen vier Himmelsrichtungen erfolgen, jedoch nur zu Fuss, den Graten des Berner Emmentals oder des Luzerner Entlebuchs folgend.
Der Bezug auf die beiden Linien Moléson-Napf und Napf-Säntis verdeutlicht, dass es nördlich dieser virtuellen Grenzen keine weiteren Wipfel über 2000 Meter mehr gibt, sodass Moléson, Napf und Säntis die drei am meisten vorgeschobenen Wächter des Alpenmassivs in Richtung Mittelland und Deutschland darstellen. Interessant ist schliesslich, dass sich der Napf auf der linearen Verlängerung der Salève-Moléson-Achse befindet. Tatsächlich wird meine Reise durch die innere Schweiz, manchmal nach Norden, manchmal nach Süden, von dieser Luftlinie abweichen, die imaginär zwischen den beiden berühmten Gipfeln gezogen werden kann. Realistischer wäre es daher, von der Achse La Brévine-Feldkirch zu sprechen, welche die beiden Enden der Reise mitsamt Liechtenstein einschliesst.
Ich gebe zu, dass das von mir gewählte Abgrenzungskriterium, also das Fehlen einer gemeinsamen Grenze mit dem Ausland, nicht das gängigste ist. Es mangelt ihm daher nicht an Originalität, aber auch nicht an Willkür – Elemente, die den Charme von Ausnahmen ausmachen. Es wird sie geben, diese Sonderfälle. Ich verspreche es. Zu den gebräuchlichsten Methoden der Abgrenzung gehören nämlich die Sprachen – mit dem unausweichlichen «Röstigraben» –, das Relief – unterteilt in Jura, Plateau und Alpen –, die Religionen – mit den Zeugen aus der Zeit der Reformation und den Konfessionskriegen –, aber auch die «Stadt-Land»-Konfrontation – in einem Land, das eher einer grossen Urbanisierung auf dem Land gleicht. Der so implizit präsente Verweis auf die nationale geopolitische Aufteilung vermittelt eine interessante Möglichkeit des Vergleichs, da er die räumliche Dimension der Geografie und die zeitliche Optik der Geschichte miteinander verbindet. Es ist diese Verknüpfung, die am getreusten die Entwicklung der nationalen rechtlichen und politischen Organisation erklärt.
Bevor ich mich endgültig auf den Weg mache, wird meine Neugier vor allem von einer Frage angetrieben: Wird mir der Rundgang durch diese innere Schweiz ein anderes Land als das der geografischen Extrempunkte offenbaren? Wird die Erfahrung des Hinterlandes, die sich der Wanderer im Zeitlupentempo auferlegt, anders ausfallen als das, was ich an der Landesgrenze erlebt habe? Wird sich diese Erwartung einer authentischeren Art von Helvetia erfüllen oder bin ich dabei, neue Klischees zu fabrizieren, die unter der Lupe dieses indiskreten Wanderers, der ich bin, verwässert werden?
Unmittelbar erfolgt der Start zunächst im Neuenburger Jura, von wo aus man durch den Kanton Freiburg in die innere Schweiz vordringt, nicht ohne kurz den Kanton Waadt in seinem nördlichen Teil am Ufer des Neuenburgersees, oberhalb Grandson und Yverdon-les-Bains, zu berühren. Die Wahl von La Brévine liegt daran, dass es der dem Moléson am nächsten gelegene Punkt der Landesgrenze darstellt. Und Freiburg ist der westlichste der «eingeschlossenen» Kantone, der einzige in der Westschweiz.
1Joseph Deiss, In alle Himmelsrichtungen, Wanderungen in verborgene Winkel der Schweiz, Zytglogge, Basel, 2024.
Zweieinhalb Stunden Fahrt mit Bahn und Bus reichen aus, um von Freiburg nach La Brévine zu gelangen. An diesem Sonntagnachmittag bin ich mir über das neue Wanderprojekt noch immer unschlüssig. Ausser, dass es Richtung Osten gehen soll, ist noch nichts klar definiert. Ich habe ein Zimmer im Hôtel-de-Ville gebucht und hoffe, den Chef Jean-Daniel Oppliger und seine Frau Inna zu treffen.
Während der Anreise beschäftigt mich das tragische Schicksal von Jeannette und Antonio. François Hainard2 hat das Drama ihrer aussichtslosen Liebe in seinem Roman Le vent et le silence feinfühlig und taktvoll beschrieben. Übrigens stelle ich beim Vorbeifahren fest, dass die Natur im Val de Travers einen Vorsprung hat. Buchen sowie andere Bäume und Sträucher sind bereits mit dem zarten Grün des Frühlings geschmückt.
Meine erste Sorge beim Aussteigen aus dem Bus besteht darin, an der Fassade des Gemeindehauses zu überprüfen, ob der nationale Kälterekord von –41,8 °C, gemessen am 12. Januar 1987, immer noch gilt und angezeigt wird. In diesem Winter machte ich mir nämlich Sorgen um die Nachhaltigkeit des «Schweizer Sibiriens». Am Sägitalsee BE wurden neuerdings –42,3 °C gemessen. Dies könnte La Brévine den Titel der Kältehauptstadt kosten.
– Nein, nein, beschwichtigen zwar die Meteorologen. Dies ist kein neuer Rekord, denn es handelt sich um eine private Beobachtungsstation, welche die Bedingungen für eine Zertifizierung nicht erfüllt. Zusätzlich liegt der Sägitalsee auf 1935 Meter über dem Meeresspiegel, während La Brévine nur auf 1043 Meter liegt. Vergleichen wir doch Vergleichbares.
Als ich im Hotel ankomme, setzt plötzlich der Regen ein. Inna steht am Eingang und heisst mich willkommen. In der Nacht sollte es noch einmal einen Guss geben, sagt sie besorgt und reicht mir einen Regenschirm.
Der Schauer hält mich nicht davon ab, eine weitere Runde durch das Dorf zu drehen. Ich komme an der mythischen Bäckerei vorbei, in der sich Jeannette und Antonio bei der Arbeit kennengelernt haben. Der Brunnen, der aus einem massiven Steinblock im Hinterhof gehauen wurde, wo sie mit ihren Kollegen zu pausieren pflegten, sprudelt und murmelt noch immer, leise und unbeirrt. Die Wetterstation verkündet stolz, dass La Brévine eine Städtepartnerschaft mit der Gemeinde Grono GR unterhält, die mit +41,5 °C den Hitzerekord des Landes innehat. Eine aufmerksame und originelle Idee, gerade in Zeiten der globalen Erwärmung.
Am Abend gesellen sich Jean-Daniel und Inna zu mir an den Tisch, sobald ich meine Rösti mit Spiegeleiern vertilgt habe. Wir tauschen die neuesten Nachrichten aus. Inna, die ukrainischer Abstammung ist, kehrte mehrfach in ihre Heimat zurück. In den Medien verfolgte die ganze Westschweiz Jean-Daniels mutiges Handeln, als er während der russischen Invasion nach Lwiw fuhr, um Inna und ihre Angehörigen zurück in die Schweiz zu bringen.
Am Montagmorgen stehe ich um 6:30 Uhr auf. Inna hatte recht. In der Nacht hat es geregnet und es sind 4 °C. Die Strasse nach Couvet führt unter dem «grossen Kreuz hindurch, das der Pfarrer René aus irgendeinem Grund errichten liess, weil es in einem protestantischen Land ja keine Kreuze in der Landschaft gibt» (Hainard, S. 162). Es dominiert das ganze Tal und nicht weit von hier steht die mächtige Tanne, unter der sich die beiden jungen Liebenden den Tod gaben. Der Himmel ist stürmisch, dunkel und bedrohlich. Die schwarzen Silhouetten der hohen Tannen und des Kruzifixes verheissen etwas Beklemmendes – genau so, wie es an jenem verhängnisvollen Sonntagmorgen, dem 18. Februar 1945, gewesen sein muss.
Trotz des zu erwartenden Schlamms entscheide ich mich für den Wanderweg. Ich möchte nicht bis nach Couvet auf der asphaltierten Strasse bleiben, entlang welcher gestern Abend der Bus gefahren ist. Die Wegweiser folgen sich am Band und lenken den Wanderer längs den Höhen mit Blick auf den Lac des Taillères. Hier gilt es, die Kurve vor dem Aufstieg nach Les Bans und La Calame nicht zu verpassen, die mit 1224 Metern den Höhepunkt des Tages darstellen. Ich halte diese Höhe eine Weile, passiere die Petite Charbonnière und das Signal des Français, wandere durch eine Vielzahl gefällter Baumstämme und vorbei an einigen hübschen Narzissenfeldern. Bei der Zitadelle oberhalb von Môtiers NE angelangt, muss man leicht nach Nordosten abbiegen, um auf Couvet, dem Etappenort des Tages, abzusteigen.
Nach einem Abstecher mit Bahn und Bus nach Les Verrières NE lande ich schliesslich im Salt & Pepper bei meinem Freund Riaz und seiner Frau in Fleurier NE. Auf dem Kopf trägt er immer noch seinen Borsalino, aber seine schwarz-weissen Schuhe hat er aufgegeben. Sein Innovationsgeist ist jedoch ungebrochen. Er schuf sogar eine Jurte, um seine Nachbildung des Luzerner Bourbaki-Panoramas als Wanderausstellung quer durchs Land zu zeigen. Die letzte öffentliche Präsentation fand vor ein paar Wochen während des Kältefestivals von La Brévine statt. Ein unglaublicher Publikumserfolg, wie es scheint und wie seine Clips mit den Greyerzer Sennen (Armaillis) beweisen, die munter und laut das Lioba-Lied singen.
– Ich habe Ihnen doch bereits erzählt, dass der beste Gruyère AOP in La Brévine hergestellt wird!3
Ich nutze meinen Nachmittag, um das hübsche Städtchen Fleurier zu erkunden. Zusammen mit Couvet handelt es sich um zwei grosse wohlhabende Dörfer, deren behäbige Gebäude an die glorreichen Zeiten der Uhren- und Metallindustrie erinnern. Umbauten und Neuorientierungen waren jedoch nötig und die Erneuerung nimmt allmählich Gestalt an. Das ganze Tal strahlt eine gewisse Ruhe aus. Auch der Absinth markiert hier seine Präsenz, ebenso wie das berühmte Couvet-Viadukt aus dem Jahr 1911, dessen Ursprung auf die Dampfeisenbahn von Neuenburg nach Pontarlier zurückgeht.
Für den Abend hat mir Riaz einen Tisch in seinem Salt & Pepper reserviert. Er erzählt mir von seiner Jurte und dem Bourbaki-Panorama, aber auch von den gelben Mangos aus Indien und von seinem Hotel sowie vom Staunen all jener, die überrascht sind, dass sich ein Inder zum Schweizer Erbe bekennt. Sein Traum wäre es, mit seiner Jurte durch die ganze Schweiz zu streifen.
Die Etappe von Couvet nach Grandson erweist sich als mühevoll. Nach den 14 Kilometern «Sonntagsspaziergang» des Vortages konfrontieren mich die 24 Kilometer und +500/–800 Höhenmeter der Etappe des Tages wieder mit der üblichen Anstrengung eines Durchschnittspensums.
In der Nacht hat es wieder geregnet und der ganze Tag verspricht kühles Wetter. 5:40 Uhr ist nicht zu früh zum Aufstehen, wenn man bedenkt, dass ich zuerst mit dem Zug von Fleurier nach Couvet fahren muss, die Temperatur bei 4 °C liegt und die Wetterprognosen sogar Schnee auf den Höhen ankündigen. Ich rüste mich entsprechend mit der wasserdichten Hülle für den Rucksack und dem Landi-Regenschutz für den Oberkörper aus.
Während der schönen Jahreszeit startet die kürzeste Route über den Berg eigentlich in Fleurier. Aber bis Ende April ist der Wanderweg durch Pouetta-Raisse für Fussgänger gesperrt. Es ist daher zwingend, die geteerte Strasse von Couvet nach Mauborget VD zu benutzen. Sicherheit geht vor. Der Aufstieg durch Les Ruillères und Le Couvent bis auf 1113 Meter Höhe ist anspruchsvoll. Entlang der Ebene zwischen Vers-chez Pillot und Sur le Crêt passiert man bereits zweimal Waadtländer Boden, bevor man sich endgültig im bevölkerungsreichsten der französischsprachigen Kantone befindet. Ich folge der Strasse, die Vuissens VD umgeht und auf 1253 Meter gipfelt.
An diesem Ort werde ich von einer Windböe und einem Wirbel von Schneeflocken überrascht, ein Unwetter, das mich bis nach Mauborget begleiten wird. Zum Glück bin ich warm eingepackt! Trotzdem frieren meine Finger, denn ich habe nur die leichte Version meiner Handschuhe mitgenommen. Manchmal ist die Sicht eingeschränkt und der Schnee beginnt sich auf den Wiesen anzusammeln. Aber meine Regenweste schützt mich gut und die wasserdichte Hülle der Coop-Tasche ist sehr nützlich und ersetzt gleichzeitig die gelbe Weste. Was anfangs wie ein leichtes Gestöber aussah, verwandelt sich fortschreitend in einen kleinen Schneesturm. Auffällig ist die grosse Menge an gefälltem Holz. Tannenstämme von beeindruckender Länge stapeln sich am Strassenrand und bieten die ersten Oberflächen, auf denen sich die weissen Flocken niederlassen.
Mauborget liegt auf einer Terrasse in 1200 Metern Höhe mit Blick auf den Neuenburgersee. Endlich ein Sonnenstrahl, um mich während der Pause aufzuwärmen. Ich setze mich auf die Mauer eines malerischen, kleinen Friedhofs und geniesse die herrliche Aussicht auf den grössten, gänzlich in der Schweiz gelegenen See. Von hier aus wartet ein langer Abstieg von 800 Metern Höhenunterschied bis auf das Niveau dieses ausgedehnten Gewässers in Grandson. Die Route erstreckt sich von Fontaines nach Fiez und in die Senke, welche diese beiden Orte vom See trennt.
Meine ersten Eindrücke von Grandson sind eher enttäuschend. Es ist nicht mehr das charmante Dorf, das ich wiederentdecken wollte, eingebettet rings um sein mächtiges Schloss. Die Bewohner und Behörden der heutigen Zeit tragen dafür keine Schuld. Dennoch teilt die Bahn die Agglomeration entlang ihrer gesamten Strecke in zwei Teile. Schlimmer noch, die Züge fahren sogar durch eine Öffnung, die in die Burgmauer gebohrt wurde! Hinzu kommt, dass der enge Landstreifen zwischen Bahn und See komplett bis an den Rand des Wassers überbaut und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Die Stadt scheint sich bewusst zu sein, dass die exklusive Nutzung der Ufer durch einige wenige Privateigentümer doch zu weit geht. Die Behörden haben mit Humor versucht, dies teilweise zu mildern, indem sie einige drei oder vier Meter breite Öffnungen geschaffen haben, die als Ministrände dienen. Doch was wohlweislich Kleiner Sandstrand, A. Jufer Beach oder Kleiner Steinstrand genannt wird, ist eben eher ein Witz oder dient als Ablenkungsmanöver.
Der einzige Gasthof in der Altstadt ist dienstags geschlossen, sodass nur das Restaurant les Quais und das Cercle de la voile, beide am See gelegen, übrig bleiben. Sie befinden sich auf einer schönen Grünfläche, die unterhalb des Bahnhofs angelegt wurde. Der mit grossen Glasfenstern hell beleuchtete Speisesaal, der angenehme Service und die gute Küche des Quais versöhnen mich schliesslich mit diesem Städtchen, dessen Name stolz die Schweizer Geschichtsbücher ziert, in Erinnerung an die berühmte Schlacht vom 2. März 1476, in der die Eidgenossen die Beute der von Karl dem Kühnen angeführten Burgunder beschlagnahmten.
Ich übernachte im Hôtel du Lac, das im Widerspruch zu seinem Namen keinen Blick auf den See bietet. An der Rue Basse, der Hauptverkehrsachse des Ortes gelegen, ist es dennoch komfortabel und hindert mich nicht daran, einen gesunden und tiefen Schlaf zu finden.
Die 28 Kilometer des Pensums durch das hügelige Gros-de-Vaud, die mich von Grandson nach Moudon führen, zwingen mich, bei sieben Stunden Fussmarsch wieder zu meiner üblichen Form zurückzufinden. Um 6:30 Uhr ist das Frühstück bereits serviert. Man wähnt sich in der Deutschschweiz! Und auch die Sonne ist wieder da. Das Morgenlicht ist wunderschön, um die angenehme Route nach Yverdon-les-Bains VD anzutreten. Ich durchquere eine abwechslungsreiche Seeuferlandschaft: Wildes, teils unwegsames Gelände wechselt sich ab mit Campingplätzen, Wohngebieten, Werften und Sportplätzen, die urbanere Gebiete ankündigen. Ich bin beeindruckt von der Menge gefällter riesiger Bäume, die überall herumliegen. Ist es das Ergebnis eines Tornados? Oder sollen die Ufer von Grund auf neu gestaltet werden? Ich komme gut voran, ohne auf die Karte oder das GPS zurückgreifen zu müssen, da ich weiss, dass die Metropole des nördlichen Waadtlands, die entschlossen ihre Berufung als Badekurort verkündet, am südlichen Ende des Sees liegt.
Ich wähle den Moment der Überquerung der Brücke über die Thièle, um ein erstes Mal den Stadtplan zu konsultieren. Mein Ziel ist es, Yverdon-les-Bains auf dem kürzesten Weg in Richtung Pomy VD zu durchqueren. Das hindert mich nicht daran, am Schloss, der Rue de la Plaine und der Avenue des Bains vorbeizugehen. Die Stadt strahlt Geschichte, Eleganz und Grossräumigkeit aus. Es ist ein Moment der Entspannung, vor dem anspruchsvollen Aufstieg, der mich nach Pomy führt.
Wer zu Fuss unterwegs ist, wird sich der Hunderten von Höhenmetern bewusst, die es zu erklimmen gilt, um in die Region des Gros-de-Vaud zu gelangen. Ausgehend von der Höhe des Neuenburgersees auf 429 Metern hat der Wanderer genügend Zeit zu schwitzen, bevor er kurz nach Thierrens, in Le Marchât, den höchsten Punkt des Tages auf 806 Metern erreicht. All das erinnert daran, dass der Kanton Waadt mit seinen grossen Ländereien, ausgedehnten Feldern, stattlichen Herden und zahlreichen Nebenerwerbsbetrieben wie der Zucht von Kleintieren und Pferden eine der wichtigsten Landwirtschaftsregionen der Schweiz darstellt.
Die durchquerten Dörfer strahlen soliden Wohlstand aus. Man ist nicht umsonst Calvinist und hat die Gewohnheiten der reichen Berner Bauern bewahrt: fleissig arbeiten, um ein gutes Auskommen zu haben, ohne es jedoch zur Schau zu stellen.
Zu dieser Jahreszeit beginnen die Weizenfelder entlang des «Weges des Brotes» zu keimen und Echallens VD mit seinem Musée du Blé et du Pain ist nicht weit entfernt. Es ist auch die Jahreszeit der weiten gelben Rapsfelder, deren Blüte langsam einsetzt. All dies atmet das sakrosankte Terroir, ein Begriff, den man mit «Heimat» oder «Scholle» übersetzen könnte. Die Dörfer sind sauber, geschmückt, aber auch menschenleer. In Prahins VD gibt es zwei prächtige überdachte Brunnen im Comtois-Stil. Sie funktionieren noch immer, obwohl die Spuren menschlichen Lebens nur marginal sind, wenn einmal die Kinder in der Schule und die Aktiven bei der Arbeit sind, in Lausanne oder Yverdon-les-Bains.
Im Sektor Pomy überquert man die Autobahn, ohne es zu bemerken. Sie verläuft nämlich unterirdisch und nutzt den Tunnel, der den Namen des Ortes trägt.
Eines der Dörfer mit bester Lage an der Sonne ist Cronay VD. An seiner Südflanke thront es über Donneloye VD, das tief in die Schlucht eingebettet ist. Aber wir sind noch nicht am höchsten Punkt angelangt. Vorerst gilt es, nach Prahins und Chanéaz VD, auf 780 Meter Höhe aufzusteigen. Ganz in der Nähe liegt die Freiburger Enklave Vuissens FR. Dennoch wäre es zu früh, den ersten der «inneren» Kantone von Westen her zu betreten. Freiburg ist in der Tat der einzige französischsprachige Kanton, der nicht an ein fremdes Land grenzt. Vorausgesetzt, man zählt Bern nicht zu den Westschweizer Kantonen. Doch auch Bern gehört mittlerweile zur Gruppe der «inneren» Kantone, hat er doch seit der Gründung des Kantons Jura keinen direkten physischen Berührungspunkt mit Frankreich mehr.
Dann folgt Thierrens, das heute in der grossen fusionierten Gemeinde Montanaire VD aufgegangen ist. Nördlich des ausgedehnten Joratwaldes befinden wir uns noch im Einzugsgebiet des Neuenburgersees (Mentue) und des Murtensees (Broye), was für Regenwasser ein Schicksal im Rhein und dann in der Nordsee bedeutet. Das gilt auch für Moudon, das von der Broye durchflossen wird.
Wie die meisten Städte dieser Grösse hat auch Moudon im Laufe der Zeit ein paar Falten bekommen. Während Grandson vom Zug in zwei Teile geschnitten wird, ist Moudon von der Kantonsstrasse in zwei Hälften geteilt. Dieses regionale und landwirtschaftliche Zentrum hat jedoch ein bedeutendes architektonisches Erbe, das an die Blütezeit einer wohlhabenden «Landbourgeoisie» erinnert. Abgesehen von den nationalen Verkaufsketten ist die Altstadt reich an verlassenen Schaufenstern und Geschäftsräumen, trotz florierender neuer Dienstleistungen im Bereich der Körperpflege, von Hörgeräten über künstliche Fingernägel bis hin zu Wellness und Tätowierungen.
Während ich die Route für den nächsten Tag vorbereite, entdecke ich Fromart, die Reifekeller von Gruyère AOP. Da ist kein Zweifel am Platz: Wir befinden uns in einem Ort mit rustikaler und solider Bodenhaftung. Moudon hat sogar eine Vergangenheit, die ihm eine kulinarische Berufung hätte verleihen können. Im Jahr 1792 suchte der berühmte französische Politiker, Violinist und Gastronom Jean-Anthelme Brillat-Savarin (1755–1826) für einige Zeit Zuflucht in der Stadt. Ihm zu Ehren tragen der weiche und luftige Savarin-Kuchen (Baba au Rhum) (1850) sowie der Triple-Crème-Frischkäse Brillat-Savarin (1930) seinen Namen. Doch es ist der Gruyère AOP, der dem von der Broye umspülten Städtchen zu Ruhm verhalf, wie die vom Markeninhaber Emmi aufgestellten Schilder stolz bezeugen.
