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Mit "Im Element" nimmt Martin Tschepe seine Leser mit auf ein paar Dutzend Schwimmreisen. 1975 hat er seinen ersten Wettkampf bestritten: 50 Meter Freistil. Heute schwimmt der Autor lieber deutlich längere Strecken. Der Exzess habe 2015 so richtig angefangen, sagt er augenzwinkernd. Mit der Neckarlängs- querung: 300 Kilometer in zwei Wochen und ohne Begleitteam. Zusammen mit seinem Freund Volker Heyn ist er von morgens bis abends gekrault, vorbei an idyllischen Landschaften und durch den Stuttgarter Industriehafen, mit einem Strahlen im Gesicht vorbei am Kernkraftwerk in Neckarwestheim, durch den Odenwald und bis nach Mannheim, wo der Neckar in den Rhein mündet. Martin Tschepe schwimmt seit Jahrzehnten durch alle möglichen und unmöglichen Gewässer. Er ist die ganze Sylter Westküste abgeschwommen und von Föhr nach Sylt gekrault. Viele Insulaner hatten ihn gewarnt: viel zu gefährlich, du ertrinkst. Er ist angekommen. Tschepe ist im Atlantik einmal um St. Mary`s herumgekrault, er hat die zehn größten und viele kleine Seen Deutschlands bezwungen. Er hat in der Regnitz und im Main-Do- nau-Kanal Bamberg umrundet. Für diese Aktion musste er 100 Euro Bußgeld bezahlen und sagt: Schwimmen in der Regnitz ist ziemlich teuer, aber man kann sein Geld schlechter anlegen.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Schreiben ist leicht.
Man muss nur die falschen Wörter weglassen.
Mark Twain
Schwimmen ist leicht.
Man muss nur die falschen Bewegungen weglassen.
Martin Tschepe
Über das Buch
Mit „Im Element“ nimmt Martin Tschepe seine Leser mit auf ein paar Dutzend Schwimmreisen. 1975 hat er seinen ersten Wettkampf bestritten: 50 Meter Freistil. Heute schwimmt der Autor lieber deutlich längere Strecken. Der Exzess habe 2015 so richtig angefangen, sagt er augenzwinkernd. Mit der Neckarlängsquerung: 300 Kilometer in zwei Wochen und ohne Begleitteam. Zusammen mit seinem Freund Volker Heyn ist er von morgens bis abends gekrault, vorbei an idyllischen Landschaften und durch den Stuttgarter Industriehafen, mit einem Strahlen im Gesicht vorbei am Kernkraftwerk in Neckarwestheim, durch den Odenwald und bis nach Mannheim, wo der Neckar in den Rhein mündet. Martin Tschepe schwimmt seit Jahrzehnten durch alle möglichen und unmöglichen Gewässer. Er ist die ganze Sylter Westküste abgeschwommen und von Föhr nach Sylt gekrault. Viele Insulaner hatten ihn gewarnt: viel zu gefährlich, du ertrinkst. Er ist angekommen. Tschepe ist im Atlantik einmal um St. Mary’s herumgekrault, er hat die zehn größten und viele kleine Seen Deutschlands bezwungen. Er hat in der Regnitz und im Main-Donau-Kanal Bamberg umrundet. Für diese Aktion musste er 100 Euro Bußgeld bezahlen und sagt: Schwimmen in der Regnitz ist ziemlich teuer, aber man kann sein Geld schlechter anlegen.
Über den Autor
Martin Tschepe ist 1965 in Berlin geboren. Er ist in Ludwigsburg am Neckar und in Hörnum/Sylt an der Nordsee aufgewachsen. Tschepe ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung, er schreibt als freier Autor auch für andere Medien, unter anderem für die Sylter Rundschau und für swim.de. Tschepe hat an der Dualen Hochschule in Stuttgart und in Jerusalem Sozialpädagogik studiert, anschließend Journalistik an der Uni Hohenheim. Er war drei Jahre lang Redakteur der Backnanger Kreiszeitung. Nach der Auszeichnung mit dem Lokaljournalisten-Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung ist er vom damaligen Lokalchef der Stuttgarter Zeitung, Martin Hohnecker, zur StZ geholt worden. Seit 2018 hat Tschepe auf eigenen Wunsch sein Pensum als fest angestellter Redakteur auf 50 Prozent reduziert. Mit seinen Sportaktionen sammelt er Geld für ein Schwimmprojekt, das sein SV Ludwigsburg für Menschen mit Behinderung gestartet hat.
Fotos: Tanja Engels, Anna Fischer, Reiner Koch, Claudia Regemann, Michael Schmidt, Claudia Tschepe, Eberhard Tschepe, Martin Tschepe Vielen Dank an: Eberhard Tschepe für den technischen Support, Sabine Bobsien, Sabine Jakob, Meike Tschepe für das Korrekturlesen, Fania Tschepe, Lektorat
Sie können dem Autor auf facebook folgen oder eine E-Mail schreiben: [email protected]
Einschwimmen
an Stelle eines Vorworts
Alles im Fluss
SeenSucht
Meerwert
Eiskalt erwischt
Schwimmverrückt
Ausschwimmen Krault euch frei!
Anstelle eines Vorworts
Es ist ein Skandal. Über den zwar gelegentlich gesprochen wird. Trotzdem tut sich fast nichts. Weit mehr als die Hälfte aller Viertklässler in Deutschland können beim Wechsel auf eine weiterführende Schule nicht oder nicht gut genug schwimmen. Seit Jahren ist das schon so. Obwohl in den Lehrplänen doch steht: Nach der Grundschule müssen alle Mädchen und Buben sichere Schwimmer sein. Wasser verpflichtet - Eltern, Lehrer, Politiker, jeden.
Alle müssen mehr dafür tun, dass künftig weniger Menschen ertrinken. Die Zahlen sind alarmierend. Jahr für Jahr ertrinken in Deutschland einige hundert Menschen, die meisten in unbewachten Seen und Flüssen. Kommunen schließen ihre Bäder oder eröffnen Spaßbäder, in denen man nicht wirklich schwimmen (lernen) kann. Städte und Gemeinden locken die Menschen aber in die Seen auf ihren Markungen. Sie müssen garantieren, dass zumindest alle offiziell genehmigten Badeplätze von Rettungsschwimmern überwacht werden. Sicher, das kostet viel Geld. Aufsichtspersonal an jedem Badegewässer? Wer, bitte schön, soll das denn bezahlen, fragen nicht nur die Bürgermeister der oft kleinen, mitunter finanzschwachen Gemeinden. Vorschlag: Jede Kommune lässt pro Einwohner und Jahr einen Euro springen. Allein in Baden-Württemberg zum Beispiel kämen gut zehn Millionen Euro zusammen. Mit dieser Summe könnten viele Wasserretter bezahlt werden. Nehmt euch die Tourismusorte an der Nord- und der Ostsee als Vorbild! In meiner zweiten Heimat, auf Sylt, und auf den anderen Inseln in Schleswig-Holstein und in Niedersachsen ertrinken vergleichsweise wenig Menschen, weil die hauptamtlichen Lebensretter während der Saison so gut aufpassen.
Noch wichtiger ist indes, dass wirklich alle Kinder gut schwimmen lernen. Öffnet und saniert Schwimmbäder! Reine Spaßbäder sollten nur private Unternehmen betreiben. Schwimmen lernen können Kinder (und Erwachsene) auch in kleinen, vergleichsweise preiswert zu unterhaltenden Lehrschwimmbecken. Bestenfalls schon vor dem Schulbeginn bei den eigenen Eltern oder im Schwimmclub. Spätestens aber im Unterricht. Wer schwimmen kann, ertrinkt nicht. Schwimmen ist das einzige wirklich lebensnotwendige Schulfach. Oder ist schon mal jemand gestorben, weil er nicht so gut rechnen konnte? Oder lesen? Oder turnen? Das Seepferdchen-Abzeichen kann nur der Anfang sein. Kinder, die sich mit Ach und Krach 25 Meter weit über Wasser halten, sind keine sicheren Schwimmer. Das Deutsche Schwimmabzeichen in Bronze muss es mindestens sein: 200 Meter weit schwimmen in höchstens 20 Minuten, ein Sprung vom Startblock, zwei Meter tief tauchen, Kenntnis der Baderegeln.
Vorbild für viele andere Kommunen können die Stadt Ludwigsburg und mein Schwimmverein Ludwigsburg sein. Im Rahmen eines Kooperationsprojekts, das von der Stadt finanziert wird, bekommen viele Schulkassen einen zweiten Lehrer im Schwimmunterricht bezahlt. Der eine Pädagoge kümmert sich um die Kinder, die schon schwimmen können, der andere betreut jene, die erst noch schwimmen lernen müssen. Nur so haben wirklich alle Kinder die Möglichkeit, im Schulunterricht schwimmen zu lernen.
Wasser verführt - alle, die gut schwimmen können. Also krault euch frei! Wer in der Schule oder im Verein oder wo auch immer, gelernt hat, wie das geht, gut und sicher zu schwimmen: springt in die Gewässer. In Deutschland und im europäischen Ausland kann man in ungezählten Seen, in Flüssen und im Meer toll kraulen.
In diesem Buch erzähle ich von meinen coolen und manchmal ziemlich kühlen Schwimmausflügen. Wer sich frech und ohne zu fragen in die Gewässer wagt, der gewinnt: jede Menge Spaß und Fitness, neue Freunde und tolle Erkenntnisse. Ich wünsche allen Lesern und Schwimmern immer mindestens eine Handbreit Wasser unterm Kiel.
Manche nennen uns Extremschwimmer. Andere sagen breit grinsend: Richtig, Jungs, ihr zwei seid echt extrem, extrem bescheuert. Vermutlich stimmt beides. Ganz bestimmt werden wir uns noch selbst verfluchen wegen dieser Schnapsidee, die seit Jahren in unseren Köpfen herumspukt: Jetzt wird es für uns in Sulz am Neckar bierernst. Dann gibt es kein Zurück mehr.
Mein Freund Volker Heyn und ich wollen den Neckar bezwingen. Nicht zu Fuß oder auf dem Radsattel immer am Ufer entlang. Auch nicht in einem Kanu oder einem Ruderboot. Wir wollen schwimmen, gut 300 Kilometer weit kraulen. Bis zur Mündung des Flusses in den Rhein. Wir werden in Sulz starten. Zwischen der Neckarquelle bei Schwenningen und Sulz ist der Fluss leider nicht viel mehr als ein trauriges Rinnsal. Diesen Abschnitt werden wir notgedrungen auf unseren Rädern zurücklegen, der Neckar ist hier beim besten Willen nicht schwimmbar.
Am ersten Tag wollen wir die Bikes gegen Mittag nach etwa 60 Kilometern in Sulz im Rathaus abstellen, ins Wasser steigen und dann täglich im Durchschnitt geschätzt knapp 30 Kilometer zurücklegen. Unser Minimalgepäck ziehen wir in wasserfesten Säcken hinter uns her: T-Shirt, Hose, Handy, Handtuch, Zahnbürste, Kreditkarte und ein bisschen Bargeld, viel mehr wird nicht reinpassen. Wir haben keine Begleiter an Land, würden aber gerne bei Privatleuten unterkommen, die wir größtenteils bis dato noch nicht kennen. Wo wir essen? Keine Ahnung. Wir werden am Ufer schon alle paar Stunden ein Gasthaus oder zumindest eine Imbissbude finden. Oder nette Menschen, die uns etwas zustecken, vielleicht eine Banane oder ein belegtes Brötchen oder eine Cola.
Die ersten Stationen haben wir grob ins Visier genommen, wissen aber nicht, ob der ehrgeizige Zeitplan einzuhalten ist. Am ersten Tag haben wir vor, nach der Radtour noch bis nach Horb zu kraulen - rund 15 Kilometer - und im Gasthof Zum Schiff abzusteigen. Der Name passt doch ganz gut zu so einem Flussprojekt. Dann die längste Etappe, fast 40 Kilometer bis Tübingen, allerdings mit ordentlich Rückenwind. Bis Plochingen dürfte uns die Strömung des Neckars beim Vorankommen ein bisschen helfen. Später ist der Fluss schiffbar, die vielen Schleusen bremsen seine Fließgeschwindigkeit fast auf null.
Später wollen wir in Neckarhausen bei Nürtingen ankommen, wo uns mein Redakteurskollege Thomas Faltin für die Nacht aufnimmt. Ganz dick im Kalender markiert ist der Tag genau in der Mitte unseres Schwimmtrips: Wir wollen gerne in Ludwigsburg Station machen, auf dem Gelände unseres Schwimmvereins direkt am Neckarufer, inklusive Fest für alle, die uns treffen wollen. Am folgenden Tag nehmen uns Freunde in Kirchheim auf. Alles Weitere wird sich schon ergeben. Wir sind und bleiben optimistisch. Ein paar andere Schwimmer wollen uns abschnittsweise im Neckar begleiten. Gerne. Am allerliebsten wären uns freilich Mitschwimmer, die uns nach der Tagesetappe für die kommende Nacht gleich zu sich nach Hause einladen.
Wir haben mehrere Sponsoren. Einer dieser Gönner hat versprochen, alle Übernachtungen am Neckarufer zu bezahlen. Das Geld, das wir sparen, falls wir privat unterkommen sollten, fließt komplett in unsere Spendenkasse. Wir sammeln für ein Schwimmangebot für behinderte Menschen in Ludwigsburg.
„Bahn9“ haben wir unser Neckar-Projekt getauft. Denn von „Bahn neun“ hat der Bademeister im Freibad in Ludwigsburg-Hoheneck, das direkt am Neckar liegt, früher immer kurz vor Badeschluss gesprochen. Wer jetzt noch schwimmen wolle, nach der Schließung der acht Bahnen des 50-Meter-Sportbeckens, so der Mann in Weiß augenzwinkernd über die Lautsprecheranlage, der könne gerne auf die Bahn daneben ausweichen. Sprich: im Neckar weiterschwimmen. Lange her.
Damals, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, war der Fluss noch richtig dreckig, meterhohe Schaumkronen vor den Schleusentoren schreckten uns ab. In dieses Wasser wollte ganz bestimmt niemand freiwillig reinspringen. Wir haben das Angebot des Bademeisters deshalb auch lieber nicht angenommen und doch gelegentlich darüber gesprochen, wie es wohl wäre, wenn wir im Neckar schwimmen würden. Die Idee war also seit langem im Kopf, und irgendwann muss so eine Idee halt mal raus aus dem Schädel.
Jahre später war es dann so weit. 2008 feierte unser Schwimmverein Ludwigsburg seinen 100. Geburtstag und richtete erstmals ein Neckarschwimmen aus, war meine Idee, als Reminiszenz an die guten alten Zeiten. Denn in den Anfangsjahren des Vereins haben die Schwimmer im Neckar trainiert und auch so manchen Wettkampf in dem Fluss bestritten. Seit 2008 geht jeden Sommer ein Neckarschwimmen über die Bühne, für Leistungssportler und Hobbyschwimmer, mit Start und Ziel beim Bootssteg unserer SVL-Kanuten. Volker und ich trainieren seither oft im Neckar, gelegentlich sogar im tiefsten Winter.
Im Herbst 2013 haben wird uns zusammen mit Reiner Koch, dem Enkel von einem der Gründer des Ludwigsburger Schwimmvereins, am landesweiten Neckaraktionstag beteiligt. Wir sind vom Freibad aus fast durch den ganzen Kreis Ludwigsburg gekrault, vorbei an Marbach und Benningen, Mundelsheim und Besigheim bis nach Kirchheim, 30 Kilometer weit. Wir waren begeistert. Volker damals: „Das war voll geil, viel besser als in einem See, weil: Es scheint nie aufzuhören.“ Dann der spontane Vorschlag: „Das nächste Mal schwimmen wir den ganzen Neckar.“
Jetzt also beginnt dieses nächste Mal. Wir wollen mit der Aktion zeigen, dass es möglich ist, verrückte Ideen zu verwirklichen. Dass man kein Profischwimmer sein muss, um bis Mannheim zu kraulen. Dass viele sportliche Leistungen reine Kopfsache sind. Unser langjähriger Trainer Hans Trippel hat uns früher immer beherzt zugerufen: „Ich kann, ich will, ich muss.“ „Bahn9“ ist auch eine Hommage an diesen Ludwigsburger Trainer - und an unseren Fluss, an dessen Ufer wir groß geworden sind.
Unbedingt wollen wir auch unser zweites Ziel erreichen: das Startkapital für das Behinderten-Schwimmprojekt beschaffen. Zunächst aber müssen wir weit schwimmen und in Mannheim ankommen. Wir haben ordentlich trainiert, in den vergangenen Wochen täglich, oft im Neckar. Zur Vorbereitung sind wir bei ungewöhnlichen Wettbewerben gestartet, zum Beispiel bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Wildwasserschwimmen auf einer Kajakstrecke im tosenden Inn. Die ersten Ice Swimming German Open in Bayern waren eine ganz besondere Herausforderung: nur mit einer Badehose und einer Kappe bekleidet bei fünf Grad Wassertemperatur im Wöhrsee.
Während der Neckarlängsquerung warten einige Unannehmlichkeiten auf uns. Wir müssen alle Wehre und Schleusen im Fluss frühzeitig erkennen und umgehen. Dafür haben wir einen Kanuführer im Gepäck, der jeden Meter beschreibt. Wir müssen auf den Schiffsverkehr achten und immer nah am Ufer bleiben. Die Transportschiffe können nämlich nicht ausweichen. Und die Kapitäne der Sportboote erwarten vermutlich auch keine Schwimmer im Neckar. Ob wir den Fluss zwischen Heidelberg und Mannheim, wo der Fluss sehr schmal und das Verkehrsaufkommen besonders hoch ist, tatsächlich schwimmend bezwingen können, auch das muss sich noch zeigen. Wenn alles nach Plan läuft, dann sind wir nach etwa zwei Wochen am Ziel. Und wenn es ein bisschen länger dauern sollte: egal. Es kommt auf den einen oder anderen Tag zusätzlich im Neckar nicht an. Also los, let’s rock the River! Ich freue mich extrem. Extremschwimmer halt.
Der symbolische Start in Schwenningen ist geglückt. Das war aber auch kein größeres Problem. Wir sind Punkt 17 Uhr in den Tümpel neben der Neckarquelle gestiegen und ein paar Mal hin und her gekrault. Temperatur des knietiefen Gewässers: geschätzt rund 25 Grad. Den Boden kann man nicht sehen. Ziemlich braun ist die Brühe. Macht nix. Trotzdem ein schönes kleines Training für die nächste Etappe. Am nächsten Tag wollen wir von Schwenningen bis nach Sulz biken, weil der Neckar zu flach ist - und dann noch von Sulz bis nach Horb schwimmen. Gut möglich, dass das Wasser im Neckar hinter Sulz kaum tiefer ist als in dem Schwenninger Tümpel bei der Quelle. Dafür haben wir also schon ein bisschen geübt.
Kälter ist der Fluss aber ganz bestimmt, und das Wasser dürfte klarer sein. Volker hat das Tümpelwasser nicht so gut gefallen, moosig, sagt er. Ich finde, es riecht ganz angenehm. Geschmackssache halt. Ein paar Einheimische, die uns beobachtet haben, sagten, dass bis dato vermutlich noch nie jemand in dem flachen Gewässer am Stadtrand geschwommen sei. Jetzt gehen wir zünftig essen, trinken ein oder zwei Bier und dann ab in die Falle.
Ein grandioser Schwimmnachmittag ist zu Ende. Nach dem Empfang im Rathaus in Sulz inklusive der Ansprache eines sportbegeisterten Bürgermeisters sind wir nach Plan um 14 Uhr mitten in Sulz in den Neckar gestiegen und losgekrault. Zum Start unseres Neckarschwimmens waren ein paar Dutzend Bürger gekommen. Der Neckar zwischen Sulz und Horb ist an einigen Stellen ein reißender (und reizender) kleiner Fluss. Stellenweise sind wir mit geschätzt acht Kilometern in der Stunde durch die Täler geschossen. Manchmal indes mussten wir waten oder beim Schwimmen höllisch aufpassen, der Fluss ist mitunter nur wenige Zentimeter tief. Das Neckarwasser dürfte etwa 16 bis 18 Grad haben. Aber meistens hat uns die Sonne ein bisschen gewärmt. Der dunkle Neoprenanzug wirkt zudem wie ein Sonnenmagnet.
Nach ein paar umwanderten Wehren und einigen Treffen mit Kanufahrern sind wir gegen 18 Uhr in Horb angekommen, nach etwa 17 Kilometern im Wasser. Die Nacht verbringen wir im Gasthaus Zum Schiff. Nach der warmen Dusche serviert uns die Chefin demnächst einen Rostbraten und Spätzle - obwohl die Küche an diesem Tag eigentlich kalt bleibt. Aber für die zwei Neckarschwimmer wird mal eine Ausnahme gemacht. Vielen Dank.
Die meisten Leute, die wir unterwegs treffen, sind begeistert von unserer Schwimmaktion. Manche erklären uns für verrückt. Schwimmverrückt eben. Von den Behörden haben wir kontroverse E-Mails erhalten: Das Landratsamt Esslingen hat die aller größten Bedenken wegen des angeblich so dreckigen Neckarwassers. Schwimmen sei keine gute Idee. Ein leitender Mitarbeiter der Stadt Esslingen indes hat telefonisch erklärt, dass er uns in Esslingen am Neckarufer in Empfang nehmen und mit uns feiern wolle.
Am Abend sind wir in Tübingen angekommen - nach etwa 37 Kilometern im Neckar und neun Stunden Schwimmzeit. Die Arme sind schwer, die Mägen knurren. Aber wir sind happy. Ich bin noch nie mehr als 30 Kilometer weit gekrault, Volkers Rekord dürfte bei rund 15 Kilometern liegen. Der Flussabschnitt zwischen Horb und Rottenburg ist wild-romantisch, das hat für manche Qual entschädigt. Und wir haben uns zu wahren Flachwasserspezialisten entwickelt. Mittlerweile können wir selbst bei lediglich 30 Zentimetern Tiefe fast einwandfrei kraulen. Unser alter Ludwigsburger Schwimmtrainer Hans Trippel wäre begeistert . Oder auch nicht. Gut möglich, dass er zum Neckarschwimmen bis nach Mannheim kurz und knapp sagen würde: „Des isch an Scheiß.“ Still und heimlich wäre er aber trotzdem stolz auf seine zwei Buben im Fluss, die Schlagzeilen in den Lokalzeitungen machen.
Die ungezählten Schaulustigen, die uns immer wieder vom Ufer und von den Brücken aus anfeuern, strahlen. Oft fragen sie: „Seid ihr die Zwei aus der Zeitung?“ Viele Lokalblätter haben schon vor dem Start von unserem Schwimmen berichtet.
Die letzten paar Kilometer bis nach Tübingen hat uns ein Stocherkahn begleitet, angeheuert von unserem Freund, dem Videofilmer Mario Raster. Wir freuen uns schon auf seine Bilder. Mittlerweile sind wir auf Einladung des Landestheaters in netten Zimmen in Tübingen abgestiegen. Eigentlich übernachten hier Künstler. Aber wir sind zurzeit ja auch irgendwie Künstler, Lebenskünstler.
Rund zwei Stunden früher als am Vortag: Ankunft am Etappenziel Nummer drei, Neckarhausen. Es gibt wohl kaum einen passenderen Ortsnamen für den Stopp, wenn man im Neckar unterwegs ist. Heute Morgen hinter Tübingen war unser Fluss sehr gut schwimmbar, viel besser als erwartet. Wir hatten eigentlich mit vielen Flachstellen gerechnet. Knapp zehn Kilometer weit sind wir flott vorangekommen. Doch dann mussten wir immer wieder laufen, mal im Neckar, mal draußen am Ufer. Von den insgesamt rund 26 Kilometern waren wir bestimmt zwei per pedes unterwegs: swim and hike. An einigen Stellen sind wir wieder blitzschnell gewesen. Volkers GPS-Uhr hat errechnet, dass wir einmal einen Kilometer lang mit einer Schnittgeschwindigkeit von 53 Sekunden auf 100 Meter durch den Neckar gepflügt sind. Trotzdem haben wir wieder „nur“ einen Schnitt von vier Kilometern pro Stunde geschafft. Gegessen haben wir in Mittelstadt, nicht unbedingt die klassische Sportlernahrung: Pommes, Currywurst, Cola, Kaffee. Lag uns schwer im Magen. Aber die Akkus waren wieder voll. Am Ende des Tages zwickt die Schulter, bei mir die rechte, bei Volker die linke. Sonst ist alles gut. Darauf und auf die nächste Etappe bis nach Esslingen trinken wir jetzt erstmal ein Weizenbier, vielleicht auch zwei. Prost.
Toller Empfang in Esslingen bei den Kanuten. Max Pickl, der stellvertretende Leiter des Sportamts der Stadt, überreicht uns unmittelbar nach der Ankunft zwei Flaschen Esslinger Kesslersekt und erklärt breit grinsend: „Wie ihr die nach Ludwigsburg transportiert, ist euer Problem.“ Der Tag hat nach Neckarhausen mit schönen Schwimmstrecken begonnen. Wir mussten aber wieder mehrmals raus aus dem Fluss, denn das Wasser war selbst für uns, die mittlerweile geübten Flachwasserkrauler, zu seicht. In Plochingen haben wir eine längere Mittagspause eingelegt und mal wieder zünftig gespeist: Im Biergarten wurden Schnitzel und wilde Kartoffeln aufgetischt, dazu Cola und danach Espresso. Dann gleich wieder rein in den Fluss, den wir längst lieb gewonnen haben.
Kurz vor Plochingen verändert sich der Neckar radikal: Aus einer Art Bergbach wird eine Bundeswasserstraße. Der Neckar ist nun nicht mehr schmal und reißend, sondern breit, er fließt gemächlich dahin. Wir teilen uns den Neckar nun nicht mehr mit ein paar Kanuten, sondern auch mit riesigen Lastkähnen. Die Schleusen müssen (und wollen) wir umlaufen. Das geht in den nächsten Tagen so weiter. Bis Mannheim warten rund zwei Dutzend weitere Staustufen. Das Neckarwasser schmeckt nun gar nicht mehr nach Gebirge und Natur, sondern ein bisschen ölig. Aber das Beschwimmen des Hafens in Plochingen war ein tolles Erlebnis. Wir sind vorbeigekrault an großen Schiffen und an staunenden Hafenarbeitern.
Morgen wollen wir gegen 9 Uhr starten, wieder bei den Kanuten. Und wieder will Herr Pickl vorbeischauen. Für diese Nacht hat uns ein Esslinger aufgenommen, er hatte in der Stuttgarter Zeitung meine Geschichte über unser geplantes Neckarschwimmen gelesen, dass wir spenden Sammeln für ein Schwimmprojekt für behinderte Menschen, dass wir gerne privat unterkommen würden. Vielen Dank. Weitere Angebote sind willkommen, speziell für die letzten Etappen hinter Kirchheim.
Angekommen in Stuttgart-Hofen, ein grandioser Empfang, organisiert vom Ruderclub und vom Netzwerk Neckarfreude. Am Morgen sind wir mitten in Esslingen von Herrn Pickl von der Stadtverwaltung verabschiedet worden. Ein paar Stunden lang hat uns dann ein SWR-Team begleitet und ein bisschen vom Schwimmen abgehalten. Aber wir freuen uns auf den Film, der am Tag nach unserer Ankunft in Mannheim im dritten Programm gesendet wird. Auch deshalb sollen wir ankommen am Ziel. Das Umlaufen der Schleusen klappt immer besser. Oft bekommen wir von den Mitarbeitern, die die Schleusen beaufsichtigen,Tipps. Auch die Männer der Wasserschutzpolizei sind freundlich. Auch das Durchschwimmen des Stuttgarter Hafes war ein tolles Erlebnis, wie in Plochingen. Wer kann schon von sich behaupten, dass er direkt am Gaskessel vorbeigekrault ist? Jetzt sitzen wir auf der Terrasse unserer Gastgeberin Alex, direkt am Neckar mit Blick auf den Fluss. In keinem Hotel würde es uns besser gefallen. Neckarfreunde unter sich. Alex ist leidenschaftliche Kanufahrerin, sie schwimmt gerne im Fluss. Morgen werden wir wohl etwas früher starten als sonst, wir sollten gegen 12.30 Uhr bei der Schleuse in Poppenweiler sein. Dort treffen wir ein paar Ludwigsburger Neckarguides, die uns an Bord eines Schiffes der weißen Flotte begleiten wollen. Gegen 13 Uhr will uns ein Vertreter der Stadt Ludwigsburg empfangen.
