Im ersten Licht des Morgens - Virginia Baily - E-Book
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Im ersten Licht des Morgens E-Book

Virginia Baily

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Beschreibung

Kraftvoll und berührend erzählt Virginia Baily von Liebe und Rettung, Schuld und Verantwortung vor der atmosphärischen Kulisse Roms

Bevor an einem Morgen im Jahr 1943 die Sonne aufgeht, tritt Chiara im besetzten Rom auf die Straße. Noch ahnt sie nicht, dass sie an diesem Tag einem kleinen Jungen das Leben retten wird. Doch als sie Daniele begegnet, verbinden sich ihre Schicksale unwiderruflich miteinander. Chiara nimmt ihn allen Widrigkeiten zum Trotz an wie einen Sohn. Aus Liebe tut sie fortan alles, um ihn zu schützen – und aus Liebe begeht sie nach Kriegsende einen folgenschweren Verrat …

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Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Zum Buch

Chiara Ravello arbeitet als Übersetzerin in Rom und führt nach außen ein erfülltes Leben. Nur wenig erinnert an Daniele, den sie aufzog und liebte wie einen eigenen Sohn. Kaum jemand weiß von dem Schmerz, den sein Verlust für sie bedeutet. Erst als eine junge Frau aus Wales in Rom auftaucht und behauptet, Danieles Tochter zu sein, beginnt Chiaras Fassade zu bröckeln. Marias Ankunft führt Chiara weit zurück in ihre Vergangenheit, ins Kriegsjahr 1943, und weckt in ihr eine lang vergrabene Sehnsucht nach Versöhnung.

»Ein Roman über die langen Schatten, die Krieg wirft, wunderschön geschrieben und voller Rom-Flair.«   The Observer

»Virginia Baily ist eine große Erzählerin. Auch wenn sie ihren Figuren immense Verluste abverlangt, setzt sie diesen Kraft und Hoffnung entgegen.«   The Guardian

»Die bewegende Geschichte einer Frau, deren Liebe zu einem Kind auch die größten Hindernisse überwindet.«   Sunday Times

Zur Autorin

Virginia Baily studierte Italienisch, Französisch und Englisch und leitet eine Zeitschrift für Kurzgeschichten, die sie mitbegründete. Neben dem Schreiben gilt ihre Leidenschaft Reisen nach Afrika und Italien. Im ersten Licht des Morgens schrieb sie während eines langen Aufenthalts in Rom. Der Roman wurde in England zum Bestseller und erscheint in zwölf Ländern. Heute lebt die Autorin im südenglischen Exeter.

VIRGINIA BAILY

IM ERSTEN LICHT

DES MORGENS

ROMAN

Aus dem Englischen von

Christiane Burkhardt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Deutsche Erstausgabe 01/2017

Copyright © 2015 by Virginia Baily

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel Early One Morning bei Little, Brown Book Group Ltd., a Division of HLUK Ltd., London

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Claudia Krader

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München, nach einer Originalgestaltung von Nico Taylor © LBBG

Umschlagmotiv: © Arcangel/Plainpicture

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-17008-0V002

www.diana-verlag.de

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Zum Gedenken an meinen Vater, Peter Baily

1

ROM, OKTOBER 1943

Eine junge Frau marschiert mit energischen Schritten die Straße entlang. Ihr Mantel ist eng gegürtet, sie hat einen Schal um den Kopf geschlungen und trägt eine große Stoffumhängetasche. An ihrem Arm baumelt eine kleinere Tasche, die ihren Geldbeutel mit ein paar Lira und ihren Dokumenten enthält, ihren Ausweis und ihre Lebensmittelkarte. Chiara Ravello, ledig, Via dei Cappellari 147, Wohnung Nummer 5 steht in ihren Papieren. Kein Schirm schützt sie vor dem strömenden Regen aus pechschwarzem Himmel. Es schüttet gnadenlos und das seit Stunden, als hätte sich das Wetter mit den Ereignissen dieses Tages gegen sie verbündet.

Keine Viertelstunde nach dem Anruf hat sie das Haus verlassen. »Mamma ist krank«, hatte Gennaro gesagt. Wenn man weiß, wie eilig sie es hat, grenzt es an ein Wunder, dass sie überhaupt einigermaßen anständig angezogen ist. Noch dazu war ihre Schwester Cecilia ihr ständig nachgerannt, hatte ihr im Weg gestanden und ermüdende Fragen gestellt.

»Wer hat angerufen?«, wollte sie an der Badezimmertür wissen, als Chiara sich gerade Wasser ins Gesicht spritzte. »Warum ziehst du dich an? Es ist erst Viertel vor sechs«, als Chiara ihre Strümpfe vom Ofengriff nahm und die feuchten, starren Dinger über ihre kalten Beine streifte.

Der Regen war in die Wohnung gedrungen, ein leichter Nebel schien in der Küche zu hängen.

»Du kannst nicht ohne Unterrock vor die Tür«, als sie sich das rote Wollkleid über den Kopf zog und den Gürtel schloss. Um dann fürsorglich hinzuzufügen: »Soll ich dir einen Kaffee machen?«

Als Cecilia die Kanne an der Spüle auswusch, hatte Chiara endlich kurz Zeit zu überlegen, worauf es im Augenblick ankam: Mantel und Schal anziehen und nach der extragroßen Tasche suchen. Für den Fall, dass noch etwas zu retten war. Sie fragte sich, ob sie das Rad nehmen sollte, verwarf die Idee aber, weil es zu lange dauerte, es die Treppe hinunterzutragen. Laufen ging schneller. Bis zu Gennaros Bar an der Via del Portico d’Ottavia waren es keine tausend Meter.

An der Küchentür drehte sie sich um und sagte, sie müsse jetzt los. Cecilia hielt mit offenem Mund inne, die Kaffeekanne in der schlaff herabhängenden Hand.

Chiara begriff, was Cecilia gerade eingefallen war. Es war kein Kaffee im Haus. Schon seit über zwei Monaten gab es keinen Kaffee mehr. Sie begriff auch, dass diese Erkenntnis sämtliche damit verbundene Erinnerungen wieder wachrief. Die Bomben, das Sterben, die Besetzung durch die Nationalsozialisten. Alles, was Chiara im Stillen als »Trümmerhaufen« bezeichnete. An jedem anderen Tag hätte sie ihre Schwester getröstet, aber nicht heute.

»Ich bin gleich wieder da.«

»Nicht fortgehen«, flehte Cecilia mit ihrer Kleinmädchenstimme.

»Also bitte!«, rief Chiara und war schon aus der Tür. Ihre Stiefel stapften über die steinernen Stufen, allerdings nicht laut genug, um das Weinen ihrer Schwester zu übertönen.

Unten auf der Straße überlegte sie es sich anders und rannte die zwei Stockwerke wieder nach oben. »Zieh dich an. Pack eine Tasche mit warmen Sachen.«

Cecilias schönes rehäugiges Gesicht nahm einen ängstlich-leidenden Ausdruck an, sodass Chiara ihr am liebsten eine Ohrfeige verpasst hätte, um sie zur Besinnung zu bringen. »Fahren wir in Urlaub?«, fragte ihre Schwester.

»Ja. Wir fahren weg. Pack auch einen Koffer für mich. Ich werde in wenigen Stunden wieder zurück sein.« Sie zeigte auf die Uhr. »Ich bring dir eine Überraschung mit.«

»Soll ich meine Nähsachen mitnehmen?«

»Alles, was reinpasst. Nur nicht die Nähmaschine.«

»Ich stecke für jeden von uns eine Decke ein.«

»Entschuldige, dass ich dich vorhin so angeschrien habe.«

»Ich sag’s nicht weiter.«

Wem Cecilia etwas weitersagen sollte, ist ihr ein Rätsel.

Draußen auf der Straße ist es dunkel. Es herrscht Ausgangssperre, und die Straßenbeleuchtung ist ausgeschaltet. Chiara hat nasse Füße. Die Stiefel sind undicht, und sie rutscht auf den nassen Pflastersteinen aus. Als sie den Campo dei Fiori erreicht, bleibt sie stehen. Das erste Licht der Morgendämmerung, die noch nicht bis in den schmalen Schacht der Via dei Cappellari vorgedrungen ist, erhellt einen verlassenen Platz. Es ist sechs Uhr früh an einem Samstagmorgen. Normalerweise würde hier gerade der Markt aufgebaut. Die Statue von Bruno Giordano ist die einzige menschliche Gestalt weit und breit. Sie schaut zu ihm auf, zu dem ernsten, Unheil verkündenden Kapuzenmann, als könnte er sie trösten. Sie fröstelt.

Sie überquert den Platz, bleibt dabei aber an seinen Rändern im Schutz der Gebäude. Die Straßen sind leerer, seit die Nationalsozialisten an der Macht sind. Wie bei einer Warnung vor Unwetter, Schnee oder einem Erdbeben bleiben die Römer in ihren Häusern und verlassen sie nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Nachts sind ab und zu einzelne Schüsse zu hören. Man erzählt sich von Leuten, die willkürlich angehalten, an die Wand gestellt und abgeführt werden. Dann verhört man sie in besetzten, entsprechend umgebauten Gebäuden, aus denen Schreie nach draußen dringen. Später bestellt man ihre Angehörigen ein, sie sollen die verstümmelten Leichen abholen. Neu ist das nicht, das war schon während des gesamten Faschismus so, hat aber jetzt, wo Rom zur offenen Stadt erklärt wurde, beängstigende Dimensionen angenommen. Es genügt nicht mehr, den Kopf einzuziehen, um sich zu schützen. Niemand weiß mehr, wer auf welcher Seite steht, wer mit wem verbündet ist.

In der Mitte der Via dei Giubbonari biegt Chiara in eine noch schmalere Gasse ein und wählt damit einen Weg weit abseits der Hauptstraße. Sie weiß nicht, was sie erwartet, nur, dass ihre Hilfe gebraucht wird, und dass sich das neue Problem, was immer es sein mag, im alten jüdischen Viertel abspielt. Gäbe es nicht die Goldabgabe, die die deutsche Kommandantur der jüdischen Gemeinde Roms vor ein paar Tagen auferlegt hat, wäre sie sich jetzt nicht so sicher, dass der Ort, an dem sich Gennaros Bar befindet, nämlich an der Hauptdurchgangsstraße des Gettos, eine wichtige Rolle dabei spielt.

Fünfzig Kilo Gold. Chiara hat beim Organisieren und Sammeln der Spenden geholfen – Ringe, Medaillons, alte Münzen und Manschettenknöpfe. Sie hätte sogar den Siegelring ihres Vaters gespendet, aber der lag nicht in der Schmuckschatulle, in der sie ihn aufbewahrt hatte. Nachdem die Beamten das Gold gewogen und für ausreichend befunden hatten, hatte sie den Ring in einer Ritze ihres Schminktischs entdeckt. Sie war froh, den Ring nicht hergegeben zu haben, der ihrem vor fünf Jahren gestorbenen, geliebten Vater gehört hatte.

Babbo, denkt sie und sucht in ihrem Gedächtnis nach einem tröstlichen Erlebnis mit ihm. Doch stattdessen sieht sie Carlo vor sich, ihren Verlobten, der nur einen Monat später ums Leben gekommen ist. Trauer steigt in ihr auf, die so stark ist, dass sich ihr ein Wimmern entringt. Einsamkeit geht ihr wie die Kälte durch Mark und Bein. Sie schüttelt den Kopf, spürt den klatschnassen Schal im Nacken.

Sie hatten gehofft, mithilfe der Goldkollekte weiteren Ärger abwenden, den Juden Roms eine Verschnaufpause erkaufen zu können. Was, wenn wir uns verrechnet haben, denkt sie, während sie ihre Schritte wegen des strömenden Regens verlangsamt. Was, wenn die Nazibeute zehn Gramm zu wenig wiegt, genau um einen Ring zu wenig?

Sie beschleunigt ihre Schritte wieder. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, vielleicht sind ihre Sorgen völlig unbegründet. Auf jeden Fall wird sie bei Gennaro einen anständigen Kaffee bekommen.

Sie erreicht eine kleine Kreuzung mit einer Rasenfläche, auf der eine kleine Platane steht. Sie überlegt, sich dort unterzustellen und noch einmal nachzudenken. Aber da gibt es nichts zu überlegen, beziehungsweise mit Überlegen allein ist ihr auch nicht geholfen. Die Hauptstraße, Via Arenula, liegt still und menschenleer vor ihr. Sie bleibt unter dem Baum stehen, will seinen Schutz nicht verlassen. Sie befindet sich nach wie vor auf »ihrer« Seite. Wenn sie den Bürgersteig verlässt und die Straße überquert, betritt sie eine andere Welt. Es ist, als hätte man erneut die Mauern hochgezogen, die das Getto bis vor einem halben Jahrhundert umgeben haben. Sie sind unsichtbar, aber es gibt sie trotzdem.

Noch hat sie die Möglichkeit kehrtzumachen.

Sie denkt an Cecilia, stellt sich vor, wie ihre Schwester leichte Musik im Radio hört, während sie packt, und es wieder ausstellt, wenn die üblichen behördlichen Durchsagen kommen. Wie sie stattdessen das Grammophon einschaltet und ihre Koffer zum Lied der Stunde füllt, das von ihrem neusten Leinwandhelden Gino Bechi gesungen wird. Sie haben sich den Film mit ihm dreimal angeschaut, als er im März in die Kinos kam. La strada del bosco heißt das Lied, das überall in Rom gespielt wird, während die Leute ihre Koffer packen, ihre Häuser verriegeln und aus der Stadt fliehen. Warum sollten Cecilia und sie es anders halten? Sie haben es besser als viele andere. Ihre Nonna lebt in den umliegenden Hügeln.

Ein fernes Donnern wird lauter. Sie bleibt bei dem Baum und entdeckt ein Militärfahrzeug. Dann fährt ein Bus mit beschlagenen Fenstern vorbei, der bis auf den Fahrer leer zu sein scheint. Ein Hund trottet die Straße entlang und bleibt stehen, um an dem seltsam geformten, durchweichten Müllberg im Rinnstein zu schnuppern. Die Stadtverwaltung funktioniert nicht mehr, und die Straßen sind seit Wochen nicht gereinigt worden. Der Hund läuft auf den Bürgerstein und hebt sein Bein am Baum.

Chiara versucht sich einen Reim auf all das zu machen, auf das Fehlen von Passanten und die Tatsache, dass der öffentliche Nahverkehr funktioniert. Auf die Art, wie die hellen Flecken auf der Platanenrinde im frühen Morgenlicht schimmern und der Regen von den gelb werdenden Blättern tropft. Auf den Hund, der sich ausgerechnet diesen Baum zum Anpinkeln aussucht. Sie schwankt zwischen zwei Extremen: Entweder die Botschaft war falsch oder sie wurde von ihr falsch verstanden. Vielleicht ist es sogar falscher Alarm und ein Tag wie jeder andere in Rom. Oder aber es geschieht gerade etwas Unfassbares.

Ein Vogel zwitschert in den Zweigen, ein kalter Regentropfen landet auf ihrer Nase. Sie ist vollkommen durchweicht, das Wasser ist in ihre Stiefel gelaufen und durch ihren Schal gesickert, hat die ebenso berührungs- wie kälteempfindliche Stelle zwischen ihren Schulterblättern benetzt. Der Regen gurgelt in den Gullis, und sie ist genauso gelähmt wie Giordano, wie zu Stein erstarrt. Sie will nur noch nach Hause, sieht eine Blaumeise auf der Fensterbank vor sich, den Kopf zurückgeworfen und den Schnabel weit aufgerissen, den Turm von San Lorenzo von ihrem Fenster aus und die Kiefern auf dem Friedhof dahinter. Das Zuhause ihrer Kindheit.

Ein Trümmerhaufen.

Gegenüber tut sich etwas. Ein Mann in Uniform ist aus dem Schatten einer der Straßen getreten, die zum Getto führen. Sein Anblick ruft ihr die Gefahr in Erinnerung, und sie zögert nicht länger. Sie löst sich von dem Baum und betritt den Bürgersteig.

Mamma ist krank, denkt sie. Genau das hat Gennaro am Telefon gesagt. Das ist ihr Code, für den Fall, dass die Leitung angezapft wird. Wie es danach weitergehen soll, haben sie allerdings nicht besprochen.

Während sie die Straße überquert, überlegt sie, was sie sagen soll, wenn man sie anhält. Sie kann nur sagen, dass sie ihre Mutter besuchen geht, die allerdings vor drei Monaten bei den Bombardements von San Lorenzo ums Leben gekommen ist und ohnehin nicht im Getto wohnen würde. Eine alte Frau, die im Getto lebt, fällt Chiara ein. Sie kennt ihren richtigen Namen nicht, aber alle nennen sie nonna torta, was sowohl »Torten-Oma« als auch »falsche Oma« heißen kann. Beides passt zu ihr. Sie hat früher Brot und Gebäck für die Bäckerei auf der Piazza Giudia ausgeliefert: ungesäuertes Matzebrot, das zu Pessach gegessen wird. Roggenbrot mit Kümmel. Zum Zopf geflochtenes mit Mohnsamen bestreutes Challa. Mit Trockenfrüchten, Feigen und Pflaumenmus gefüllte Hamantaschen. Priester und Nonnen standen bekanntermaßen Schlange für ihre Wildkirschtorte, und es ging das Gerücht, sogar der Papst hätte davon gekostet.

Sollte Chiara angehalten werden, wird sie einfach sagen, nonna torta, eine alte Freundin ihrer Großmutter, sei krank. Sie wolle sich erkundigen, ob sie etwas für sie tun könne. Vielleicht ist ihr die alte Frau deshalb eingefallen, weil sie ihre Adresse kennt. Sie ist Stammkundin in Gennaros Bar und wohnt gleich dahinter in der Via di Sant’Ambrogio. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass es nonna torta tatsächlich nicht gut geht – nicht körperlich, sondern geistig.

Der Soldat hat neben dem Gebäude Posten bezogen. Er beachtet Chiara nicht weiter, als sie an ihm vorbeigeht. Da begreift sie, dass er nicht da steht, um die Leute am Betreten des Jüdischen Gettos zu hindern, sondern daran, es zu verlassen. Sie sieht das Adlersymbol mit den ausgebreiteten Schwingen auf seiner Kappe.

Kaum hat sie das Getto betreten, bricht furchtbarer Lärm über sie herein: Schreie, Gebell, auf Stein schlagendes Metall. Während sie sich weiter vorwagt, lässt Chiara Revue passieren, was sie über nonna torta weiß. Das hindert sie daran laut aufzuschreien oder davonzulaufen, auf den Anblick der deutschen Soldaten zu reagieren, die an allen Ecken postiert sind und an die Haustüren klopfen. Auf den Anblick der verängstigten Gesichter hinter den Fenstern. Aus den obersten Stockwerken hallen spitze Schreie.

Nonna torta trägt immer eine Schürze, außer am Sabbat. Sie hat krumme Beine. Ihr Haar ist so weiß wie das Gefieder einer Taube. Sie ist eine geborene Geschichtenerzählerin, auch wenn sie sich oft wiederholt. Chiara tut sich schwer, sie zu verstehen, weil sie jüdisch-römischen Dialekt spricht. Sie hat ihr ganzes Leben im Getto verbracht und ist vor der Einigung Italiens geboren worden. Sie kann sich daran erinnern, wie die Gettomauern abgerissen wurden, als sie ein junges Mädchen war. Wie das Viertel geöffnet wurde. Daraufhin zogen die Leute auf die andere Seite des Tibers nach Trastevere, was vorher unerhört gewesen wäre. Dort hatte man die Juden alle zusammengepfercht, alle auf einen Haufen, getrennt von den anderen. Keine Veränderung vollzieht sich, ohne dass im Gegenzug etwas verloren geht.

Bei dem Gedanken an nonna torta verspürt Chiara einen Funken Hoffnung. Sie denkt an deren langes Leben, an ein Leben, dem man seinen Lauf lässt, damit es bis zuletzt gelebt werden kann.

Als sie in die Via del Portico d’Ottavia einbiegt, zögert sie. Eine Wand aus grau gekleideten Soldaten ragt vor ihr auf, in strategischen Abständen wurden Offiziere platziert. Einer von ihnen spricht zu den Soldaten, gibt ihnen Anweisungen. Gennaros Bar ist geschlossen, geradezu verrammelt. Die Jalousien hinter der Scheibe sind heruntergelassen. Dahinter parken drei Lastwagen, genau dort, wo das massive antike Marcellus-Theater aufragt, als wäre es unantastbar. Plötzlich beginnen alle Soldaten zu schreien, ein furchtbares Bellen, bei dem sich ihr alle Haare gleichzeitig aufstellen. Die feuchte Stelle zwischen ihren Schulterblättern beginnt zu pochen. Genauso plötzlich hören sie wieder damit auf. Dann teilen sie sich in je zwei, drei Mann starke Gruppen auf und verschwinden in den verschiedenen Straßen des Gettos. Die wenigen, die bleiben, postieren sich vor den Lastwagen oder an den auf sie zuführenden Straßen.

Chiara klopft an die Tür der Bar.

»Ich bin’s«, flüstert sie durchs Schlüsselloch.

Die Jalousie wird ein winziges Stück hochgezogen, und Gennaros Gesicht ist zu sehen. Seine Augen funkeln schwarz, und seine Wangen sind rußverschmiert. Er öffnet die Tür einen Spalt, zieht sie hinein und führt sie zu einem Lagerraum hinter der Bar, in dem ein vollgestopfter, dickbäuchiger Ofen qualmt. Das ist einer der Orte, an denen sie die antifaschistischen Flugblätter lagern. Eine Gruppe von Freiwilligen verteilt sie in der ganzen Stadt, schnell und unauffällig, als würden sie ihrem ganz normalen Alltag nachgehen. Es gibt diverse Lagerplätze an verschiedenen Orten in Rom und eine Druckerpresse in einer schalldichten Kammer hinter dem Kühlraum eines Metzgers im Testaccio-Viertel.

Gennaro ist gerade dabei, Beweismaterial zu verbrennen.

»Kannst du hier weitermachen?« Er zeigt auf den Ofen und den Haufen Broschüren, die danebenliegen oder überall auf dem Boden verstreut sind. Anscheinend hat er sie soeben aus den Regalen gerissen. »Ich muss die Bar aufmachen.« Er stößt eine Art Lachen aus. »Das Leben geht weiter, zumindest nach außen hin.«

»Sie sind nicht unseretwegen hier«, sagt Chiara.

»Nein. Trotzdem – wir wollen doch nicht, dass sie das finden oder?«

»Sie treiben die Juden zusammen.«

In diesem Moment fällt ihr Blick auf den Leitartikel des neuesten Flugblatts, der von einem berühmten jüdischen Intellektuellen verfasst wurde. Wie so viele war auch er nach Rom zurückgekehrt, nachdem Mussolini im Juli vertrieben und im September der Waffenstillstand ausgehandelt worden war. In der kurzen Zeit, in der sie zum ersten Mal seit zwanzig Jahren glaubten, alles sagen zu können, was sie wollten, hat er eine Flut von Artikeln produziert. Sie fragt sich, wo er steckt, und hofft, dass er die Stadt verlassen hat.

»Du hast Ruß im Gesicht«, sagt sie zu Gennaro.

Er wischt ihn mit dem Ärmel ab und schneidet eine genervte Grimasse, als hätte sie ihn gerügt. Es fällt schwer, freundlich zu bleiben, wenn man Angst hat.

»Los, geh schon«, sagt sie und lächelt. Ein Lächeln, das eher an eine Grimasse erinnert.

Gennaro hat den Ofen viel zu voll gestopft. Chiara hat ihre Tasche dabei, weil sie Flugblätter für bessere Zeiten retten wollte oder für die Nachwelt oder aus irgendeinem anderen Grund, der ihr vorhin in der Küche noch zwingend vorgekommen ist. Was das war, ist ihr entfallen, jetzt wo sie genau wie Gennaro sämtliche Spuren vernichten will. Sie nimmt ein, langes, schmales Holzscheit aus dem Sack mit dem Anzünd- und Feuerholz und stochert damit in dem harten Knäuel aus rauchenden Zeitungen herum. Es fällt mit einem lauten Knacken auseinander.

Sie sieht sich nach einem besseren Werkzeug um, reißt die halb offene Tür eines Schranks auf und sieht eine Metallschaufel samt Besen und eine große Flasche mit einer rosa Flüssigkeit, vermutlich ein Putzmittel oder Paraffin. Soll sie sie ins Feuer gießen? Oder wird daraufhin das ganze Gebäude in Flammen aufgehen? Außerdem entdeckt sie einen weiteren Stapel Flugblätter, vier Monate alt und zu Beginn des Sommers verfasst. Sie zeigen ein Foto von Mussolini, der auf der Piazza Venezia zu den Massen spricht. Auf dem Platz wimmelt es von Leuten, und unter dem Bild steht ein Text, den sie nicht mehr entziffern kann. Ein überwältigender, widerlicher Gestank kommt aus dem Schrank. Sie wirft die Tür zu, kehrt mit der Metallschaufel zum Ofen zurück und stochert energisch in dem Papierknäuel, versucht, es zu zerteilen. Der Ofen benimmt sich wie ein kleines Tier, das zwangsernährt wird: Er beginnt zu ersticken.

Sie sieht Cecilia als Kind vor sich. Sie sitzt Chiara am Küchentisch gegenüber, in ihrem früheren Zuhause in San Lorenzo. Ein Trümmerhaufen, denkt Chiara automatisch. Ein dampfender Teller mit trippa steht unberührt auf dem rot-gelb karierten Tischtuch. Cecilia ekelt sich vor Fleisch, aber noch mehr vor Innereien wie diesen Kutteln. Schinken und Mortadella, die in Scheiben serviert werden, lässt sie verstohlen in ihren Schoß fallen, damit sie sie anschließend wegwerfen oder für Chiara zurücklegen kann. Erst nachdem ihre versteckten Vorräte verwesenden Fleisches hinter dem Sofa entdeckt worden sind, schaut ihre Mutter bei den Mahlzeiten genauer hin. Trippa in Tomatensoße kann man nicht so leicht in den Schoß fallen lassen, das gäbe eine große Sauerei. Aber da ihre Mutter mit im Zimmer sitzt beziehungsweise kommt und geht, kann Chiara ihr nicht helfen, das Kuttelgericht verschwinden zu lassen. »Iss deinen Teller leer, Cecilia, sonst wirst du nicht groß und stark«, sagt ihre Mutter zum hundertsten Mal.

Cecilia wird ständig ermahnt. Sie muss ungefähr neun oder zehn Jahre alt gewesen sein. Es war kurz nach ihrer Erkrankung, aber noch vor dem Sommer, in dem mehrere unkontrollierbare Anfälle ihr Gehirn unwiderruflich geschädigt haben. Als ihre Mutter an den Tisch kommt, greift Cecilia nach einem Stück Brot und steckt es sich auf einmal in den Mund, vermutlich um ihren guten Willen zu zeigen. Ihr Kiefer erstarrt. Sie kann ihn nicht bewegen, kann nicht mehr kauen und schafft es nicht, den großen Brocken hinunterzuschlucken. Die Augen quellen ihr aus dem Kopf, und sie läuft rot an. Wäre sie eine Schlange mit einem Kaninchen, würde sie den Kopf in den Nacken werfen, und ihre kräftige Halsmuskulatur würde das Schlucken übernehmen. Aber Cecilia ist keine Schlange. Ihr dünner Hals kann sich nicht dehnen. Dann kommt Mamma, klopft Cecilia auf den Rücken, was allerdings nichts hilft, woraufhin sie ihre Finger in Cecilias Mund steckt, sie krümmt und den Brei herausholt. Das hilft.

Chiara benutzt den Schaufelgriff, um die Dokumente aus dem Ofen zu holen. Sie breitet sie auf dem Boden aus, nimmt den Stapel auseinander und beginnt von vorn, reißt die Blätter in kleine Fetzen und facht das Feuer an.

Ihre Mutter war einfach unglaublich, wenn es bei Krankheiten darum ging, körperlich einzugreifen. Bei Verstopfung gab es eingeölte Finger in den Po, bei Erkältungen kräftige Brustmassagen, bei Schnittwunden Jodtinktur und bei Halsschmerzen Methylenblau. Wenn auch das Stochern und Einreiben, das Auftragen von Salben, Ölen und Breipackungen nicht half, hieß das, man simulierte. Und wenn die Erkrankung länger anhielt oder sich eindeutig verschlimmerte, musste man zum Priester. Sie glaubte nicht an Ärzte.

Chiara macht Fortschritte. Der Ofen brennt mit voller Kraft, und langsam wird ihr warm. Dampf steigt von ihren Kleidern auf. Sie konzentriert sich darauf, einen Rhythmus beim Zerreißen, Schreddern, Verbrennen und Stochern zu finden. So kann sie das ständige Gebrüll und das verdrängen, was draußen vor sich gehen dürfte. Sie ist eine Art Maschinist, der seinen kleinen Zug mit Kohlen füttert und die morschen Gleise entlangdonnert. Sie muss ihr Ziel erreichen, nur darum geht es.

Sie lässt die Stapel verschwinden, kehrt den Dreck auf und schüttet ihn ebenfalls in den Ofen, sieht zu, wie die letzten Fetzen verzehrt werden, als ihr der Stapel im Schrank einfällt. Als sie seine Tür öffnet, wird sie erneut von Gestank überwältigt. Sie hebt die Dokumente an, die in ihren Händen zu Brei werden. Als sie sie in den Ofen schiebt, quillt dicker, giftiger Rauch hervor. Sie legt den Schal vor Mund und Nase, feuchte Druckerschwärze bleibt an ihren Fingern und Handgelenken hängen, während sie die klebrige Masse mit ihrem improvisierten Schüreisen bearbeitet, sie zwingt zu zerfallen. Eine Flamme lodert auf, dann noch eine. Die Masse fängt Feuer.

Chiara kontrolliert, ob sie den Schrank vollständig ausgeräumt hat. Sie nimmt ein Blatt vom Boden des Schranks und glaubt für den Bruchteil einer Sekunde zwei kleine grüne Lichter zu sehen, die gleich wieder ausgehen. Sie beugt sich vor, hält sich den Schal vor die Nase, und die Lichter gehen erneut an. Es sind die Augen einer Katze, einer schwarzen Katze mit weißen Pfoten, die ganz hinten im Schrank liegt, vier oder fünf winzige Kätzchen an ihrem Gesäuge. Am Rand liegt steif und leblos der Kümmerling, der Kleinste von ihnen. Chiara begreift, dass sie das Zeitungslager der Katze zerstört hat, ihren Rückzugsort – das Zuhause, das sie für sich und ihren Nachwuchs gefunden hat. Sie zieht die letzten Flugblätter unter der Familie hervor und raubt ihr das Bett. Die ausgezehrte Katze gibt einen Laut von sich, versucht aufzustehen, doch ihr fehlt die Kraft.

Chiara nimmt mit dem letzten Flugblatt den Kadaver des Kümmerlings und schiebt ihn in den Ofen. Sie kehrt zurück, um sich die Katze anzusehen, nimmt sich die Zeit, über deren Leben nachzudenken. Wie sie vor Hunden geflohen, durch die Ruinen der Stadt geschlichen ist, um nach Essensresten zu suchen. Sie versucht, sich den kurzen, leidenschaftlichen Moment vorzustellen, in dem diese Jungen gezeugt worden sind, und überlegt, ihre Stofftasche als Tierlager zurückzulassen. Die Katze ist eindeutig am Verhungern.

Menschen hungern.

Es ist bloß eine Katze.

Sie wischt sich Gesicht und Hände mit einem Ende ihres Schals ab und betritt die Bar. Es gibt keine Kunden. Gennaro hat die Rollläden hochgezogen und einige Tische und Stühle hinaus in den Regen gestellt. Chiara schaut auf die Straße. Sie hat noch nie zuvor gesehen, wie Menschen zusammengetrieben werden.

»Kaffee?«, fragt Gennaro.

Chiara möchte gehen, doch eine Welle der Übelkeit steigt in ihr auf. Ihr zittern die Beine. Sie sucht am Tresen Halt und wendet sich von der Szene jenseits des Fensters ab.

»Bitte«, sagt sie.

Sie rührt Zucker in die Tasse, drei ganze Löffel, und merkt, dass Gennaro mit ihr redet, ihr etwas erzählt. Er sagt, er habe nichts Ungewöhnliches bemerkt, als er um fünf Uhr morgens zur Bar gekommen sei, wie immer mit dem Rad von seiner Wohnung auf der anderen Seite des Flusses. Den ganzen Weg über sei ihm nichts Ungewöhnliches aufgefallen – nur, dass der Fluss wegen des Regens viel Wasser führt. Auf der Garibaldi-Brücke sei der Regen stärker geworden, und er sei kurz stehen geblieben, um seine Kapuze aufzusetzen und die Fahrradlampe neu einzustellen. Er sei langsam gefahren, da seine Bremsen nicht gut funktionierten.

Er habe angehalten, um ein paar Kohlen zu kaufen, und der Typ, den Gennaro bereits seit Jahren kenne, ein echtes Schlitzohr, das überall mitmische, habe erzählt, er hätte heute Nacht großen Lärm aus dem Getto gehört. Schüsse und Explosionen, immer wieder. Geschrei und Gebrüll, genau wie vorhin auf der Straße, als Chiara gekommen sei. Dann sei es gegen vier Uhr früh wieder still geworden.

Wie dem auch sei, dieser Kerl, Federico mit Namen, habe ihm gesagt, es gebe keine Kohle, er wisse auch nicht, wann wieder welche komme. Deshalb habe er, Gennaro, stattdessen einen Stoß Feuerholz gekauft. Es sei nass geworden, weil er es hinten auf dem Gepäckträger hatte, deshalb habe der Ofen nach dem Anheizen so stark geraucht. Außerdem sei das Holz nicht richtig durchgetrocknet gewesen, aber heutzutage müsse man eben nehmen, was man kriege.

»Wo kaufst du deine Kohle?«, entwischt es Chiara, als wäre das trotz des nächtlichen Lärms oder dem, was sich da gerade draußen auf der Straße abspielt, ein drängendes Thema. »Gehst du zu dem Kerl beim Viale Trastevere?« Sie redet sich kurz ein, dass sie sich aufrichtig für die Antwort interessiert, dass sie den Kohlelieferanten wechseln wird.

Ein junger Mann betritt die Bar. Ein Soldat begleitet ihn, bleibt aber auf der Schwelle stehen. Er kommt weder herein, noch bleibt er draußen. Gennaro begrüßt den Kunden mit Namen. Alberto. Der stellt seinen Stoffkoffer neben sich ab und bestellt einen Espresso. Der Koffer ist mit einem blauen Bademantelgürtel verschnürt. Albertos schwarzer Schal wurde ordentlich über der Brust gekreuzt und in den aufgestellten Kragen seines schäbigen Mantels gesteckt. Das Haar des Mannes ist platt vom Regen, sein Gesicht blass, breit und unrasiert. Die Wangen sind schlaff, der Mund mit den dicken Lippen steht leicht offen. Während Gennaro das Getränk des Mannes zubereitet, kommt es zu keinem Gespräch. Die Tasse klirrt auf der Untertasse, als der Kunde sie hebt, dazu braucht er beide Hände. Seine Fingernägel sind schwarz gerändert, von Öl oder Dreck.

Chiaras Gedanken fahren Karussell. Sie denkt an die Überraschung, die sie Cecilia versprochen hat und fragt sich, ob Gennaro vielleicht etwas zur Seite legen konnte, das sie ihm abschwatzen kann. Ein paar Kekse vielleicht. Oder ob sie, falls die Busse nicht ausfallen, bis Tor di Nona zu den Schwarzmarkthändlern fahren soll, um dort vielleicht Käse, eine Dose Thunfisch oder Bohnen zu ergattern.

Sie versucht, sich auf diese tröstlichen Gedanken zu konzentrieren. Dann sieht sie die Flammen vor sich, die am Fell des Kätzchens geleckt haben und fragt sich, ob es tatsächlich tot war. Auf einmal steht sie zu ihrem Entsetzen wieder im Lagerraum. Es ist, als wäre die feuchte Stelle, die sie trotz der Flammenhitze weiterhin im Nacken spürt, kein Regenwasser, sondern etwas anderes, der Rest einer tiefen Lache aus menschlichem Schmerz. Sie ist gewaltsam hineingetunkt worden und wird von ihr durchdrungen.

Der Mann trinkt mit lauten Schlucken, stellt seine Tasse zurück auf den Tresen und fährt mit der Hand darüber. Er beugt sich vor und stellt Gennaro leise eine Frage. »Was haben sie mit uns vor?«

Gennaro schüttelt den Kopf.

Der Mann sieht sich um, sein Blick bleibt an den Tischen und Stühlen hängen. Chiara spürt ihn, schafft es jedoch nicht, ihn zu erwidern. Der Soldat an der Tür ruft nach ihm, er nimmt seinen Koffer und geht.

Chiara folgt ihm bis zur Schwelle und sieht, wie er in die Schar der Menschen zurückeskortiert wird, die durch die Straße zu den wartenden Lastern getrieben werden. Die Bevölkerung des Gettos – Alte und Junge, mit Babys im Arm, Menschen an Krücken, Frauen und Kinder – läuft in einer fast stummen Prozession auf die Lastwagen zu. Die Kleinsten weinen und wimmern wie Babys. Die Erwachsenen und die größeren Kinder, die schon sprechen können, schweigen. Es sind ein paar junge Männer dabei wie der aus der Bar, aber nicht sehr viele.

»Wo sind die Männer?«, fragt sie.

Gennaro tritt neben sie. »Heute wird Tabak ausgegeben« sagt er. »Sie sind Zigaretten holen.«

Chiaras Kopf fährt herum. »Wie bitte?«

Gennaro verzieht keine Miene. Ruß hat sich in seinen Wangenfalten abgesetzt und betont sein langes Gesicht, er sieht aus wie ein trauriger Clown. Kann ein Leben wirklich von so einer Kleinigkeit abhängen? Von einer Packung Zigaretten?

»Ja«, sagt Gennaro, als hätte sie laut gedacht. »So sieht’s aus.«

Manche Leute tragen Nachthemd oder Schlafanzug unter dem Mantel. Die meisten haben Taschen dabei oder Bündel auf den Rücken geschnallt. Man stößt sie mit Gewehrläufen vorwärts. Auf der anderen Seite der Schlange lehnen zwei Offiziere an der Wand, plaudern und rauchen.

»Was wird aus ihnen?«

»Man bringt sie vermutlich in ein Arbeitslager im Norden«, sagt Gennaro.

»Babys und alte Frauen? In ein Arbeitslager?«, fragt Chiara.

Gennaro fängt an, etwas von seiner Mutter zu erzählen, die ihn gewarnt habe, eine Bar im Getto zu eröffnen, in einem ehemaligen Leihhaus. »Wer wird jetzt noch herkommen? Alles wird den Bach runtergehen!« Doch dann verstummt er mitten im Satz und steht einfach nur beschämt da. Um anschließend zu wiederholen, dass er nichts Ungewöhnliches bemerkt habe, vorhin. Schweigen.

»Eines Tages werden sie zurückkommen«, sagt er schließlich. »Wenn dieser Krieg endlich vorbei ist.«

Sie sehen zu, wie die Letzte in der Schlange vorbeigeht. Es ist nonna torta, die das Schlusslicht bildet, schwankend und laut vor sich hin plappernd. Sie trägt ihr Nachthemd und ihre Pantoffeln, darüber die Schürze, und hat keinerlei Gepäck bei sich.

Die beiden Nazi-Offiziere auf der anderen Straßenseite unterhalten sich immer noch, sie lehnen mit dem Rücken an der Mauer und haben beide die Sohlen ihrer kniehohen Stiefel in die Wand gedrückt – eine beunruhigende Symmetrie, die gleichzeitig etwas sehr Beruhigendes hat.

Gennaro weint.

»Wusstest du eigentlich, dass eine verhungernde Katze und ihre Jungen im Lagerraumschrank liegen?«, sagt Chiara.

»Eine Katze?«, erwidert er. »Ich werde ihr etwas Milch bringen.« Er geht zurück zum Tresen, beugt sich vor und wühlt etwas herum. »Ich hab ein paar Kekse, die wird sie mögen.« Mit diesen Worten verschwindet er.

Chiara tritt hinaus auf die Straße und gesellt sich zu den Umstehenden. Sie stellt sich hinter eine Frau mit ungekämmtem, grauem Haar, die beiden Hände auf die Wangen gelegt hat, als müsste sie sich zwingen, sich nicht die Augen zuzuhalten. Chiara weiß, dass sie dieser Szene ebenfalls beiwohnen muss. Sie muss sie bezeugen können, denn wenn sie sie bezeugt hat, kann sie vielleicht gehen und ihr Leben fortsetzen. Ihre Schwester abholen, ein paar Lebensmittelrationen und Kleider einpacken und diese Stadt verlassen. Sich in das Haus ihrer Großmutter in den Bergen flüchten und warten, bis die Alliierten kommen.

Ihre Gedanken eilen zu den Schafen auf der Weide hinterm Haus. Immer schon ist ihr dieses Stück Land ein Trost gewesen: der Duft nach Gras und wildem Oregano. Die frische Luft, die noch frischer und klarer ist als die Luft im Tal. Der Blick auf die anderen Hügel, die sich wellenförmig in alle Himmelsrichtungen ausbreiten. Sie sehnt sich nach der Unberührtheit und Sicherheit der Hügel.

Die Einwohner des Gettos werden in eine Straßensenke vor dem Marcellus-Theater getrieben, dorthin, wo Ausgrabungen gemacht wurden. Vom Fluss hallen Schreie und ein Schuss herüber, aber diese Menschen, die zwischen Säulenruinen warten, machen keinen Mucks.

Die Planen an den Seiten der Laster sind hochgerollt, und die jetzt Obdachlosen werden gezwungen, auf die Ladefläche zu klettern. Die Kluft zwischen den Zeugen und den zusammengetriebenen Juden wird immer größer. Es ist, als würden sie durch einen Hochwasser führenden Fluss getrennt.

Eine junge Familie erregt Chiaras Aufmerksamkeit. Sie befindet sich bereits an Bord eines der Laster und hat es geschafft zusammenzubleiben. Der Vater macht ein ernstes Gesicht. Er sieht gut aus in Hemd, Krawatte, Anzug und Mantel. Er hat eine hohe Stirn, sein lockiges Haar ist vom Regen geglättet. Bestimmt ein Pfeifenraucher wie mein Vater, denkt Chiara. Der sie sich in den Mund steckt, nachdenklich daran saugt und dann eine Lösung verkündet. Ein Mann, der keine übereilten Entscheidungen fällt. Im Moment sucht er nach einer Möglichkeit, das Familienoberhaupt zu bleiben, seine Würde zu bewahren. In den Armen hält er ein Mädchen mit lockigem Haar, Pausbäckchen und Patschhändchen. Letztere ragen aus den Ärmeln ihres bis obenhin zugeknöpften Mantels hervor. Ihre Augen funkeln, als wäre das Ganze nur ein Abenteuer. Zwischen Mann und Frau steht ein größeres Kind, ein vielleicht sieben- oder achtjähriger Junge. Er klammert sich an den Ärmel seiner Mutter.

Es ist die Frau, die Chiaras Blicke auf sich zieht. Sie hat ein Kleinkind auf dem Arm, dessen Mundwinkel nach unten zeigen, so als ahmte es die Gesichter der Erwachsenen in seiner Umgebung nach. Die Frau ist besser angezogen als die meisten. Man könnte meinen, sie hätte ihre Kleidung sorgfältig ausgewählt und nicht hastig das übergestreift, was sie in den hektischen Minuten finden konnte, bevor man sie aus dem Haus trieb. Diese Frau trägt Perlenohrringe und einen dunkelgrünen Hut. Ihr Mantel ist ebenfalls dunkelgrün und eng gegürtet, eindeutig Ausgehgarderobe.

Vielleicht hat sie sich, als morgens um vier Uhr der furchtbare Tumult losbrach, nicht in ihrer Wohnung verkrochen oder sich die Decke über den Kopf gezogen, sondern es gewagt, aus dem Fenster zu schauen, auf die Amok laufenden Nazis. Und hat, als diese vorübergehend aufhörten zu lärmen, nicht gedacht, der Spuk wäre vorbei und sie könnte zurück ins Bett, sondern ihre Familie geweckt und sie gedrängt, sich anzuziehen. Sie hat ihnen Brote und heiße Getränke gemacht, für jeden einen Koffer gepackt. Diese Familie, so denkt sich Chiara, hat versucht zu fliehen, war aber nicht schnell genug.

Die Augen der Frau huschen hin und her, durchforschen die Menge. Jetzt, wo der Strom zwischen Zuschauern und Juden breiter geworden ist, sucht diese Frau nach einer Brücke, einem Floß, einem Anker.

Chiara starrt die Frau an, und deren ruheloser Blick erfasst sie. Ohne ihn von Chiara abzuwenden, beugt sich die Frau vor und löst die Hand des Jungen von ihrem Ärmel, schiebt ihn von sich. Chiara schaut zwischen Kind und Frau hin und her, die sie nach wie vor nicht aus den Augen lässt, dann erneut zu dem Jungen, der sich an ein anderes Stück Stoff klammert. Chiara konzentriert sich auf die Finger der Mutter, die die Finger des Kindes mit Gewalt öffnen, es erneut wegschieben. Wieder huscht Chiaras Blick zwischen Mutter und Sohn hin und her, aber die Frau wendet ihren nicht ab. Sie packt den Jungen an der Schulter und sagt etwas. Der Junge lässt sie los, und seine Hände hängen seitlich herab. Der Junge hat als Einziger der Familie glatte Haare. Er ist gut angezogen – graue kurze Hose, hochgezogene Strümpfe, ein aufgeschlagenes Knie.

Als Nächstes drängt sich Chiara schreiend vor zu der kleinen Gruppe, wehrt eine Hand ab, die sie am Arm packt und zurückhalten will.

»Mein Neffe«, schreit sie. »Das ist mein Neffe.« Sie zeigt auf den Jungen.

»Das Kind gehört zu Ihnen?«, fragt der deutsche Soldat, der den Einsatz auf dem Lastwagen leitet, auf Italienisch mit starkem Akzent.

»Ja«, sagt sie. »Es ist der Sohn meiner Schwester.«

Der Junge schwankt am Rande der Ladefläche, sein Gesicht ist angespannt, der Blick aufmerksam, aber in weite Ferne gerichtet. Wie ein Kind, das man zwingt, sich vor der ganzen Klasse auf einen Stuhl zu stellen, um es zu bestrafen.

»Reicht ihn mir runter. Komm zu Tantchen, mein Schatz«, ruft Chiara.

Ermutigt vom Klang ihrer eigenen Stimme – schrill, mütterlich, aufgebracht – schreit sie weiter und breitet die Arme für ihn aus. Einige Leute fallen mit ein. »Reicht den Jungen runter.« – »Das ist seine Tante.« Irgendwo in der Menge sagt eine Männerstimme sogar: »Dieser Junge ist kein Jude.«

Ein hochrangiger Soldat taucht auf und will Chiaras Papiere sehen. Sie erkennt in ihm einen der beiden Soldaten, die gegenüber von Gennaros Bar an der Wand gelehnt haben. Während sie ihren Ausweis aufklappt, wird der Junge hinuntergereicht. Er ist steif und schwer. Sie stellt ihn neben sich ab, zieht ihn fest an sich und packt seine Hand. Sie spürt, wie angespannt er ist.

Sie vermeidet es, zu seiner Mutter hinüberzusehen. Sie darf keinerlei Zweifel schüren. Stattdessen schaut sie dem Offizier in sein schmales, sauber rasiertes Gesicht, lässt den Blick zu seiner Mütze schweifen, zur Mündung seines Revolvers und zum Totenkopfsymbol an seinem Kragen. Sie sieht den Goldfaden in seinen Epauletten, sieht, dass die Stickerei gerissen ist und schlampig mit einem anderen Garn ausgebessert wurde. Der feuchte Fleck zwischen ihren Schulterblättern beginnt erneut zu pochen, als wartete er auf eine Kugel. Sie wird sie bestimmt direkt ins Herz treffen.

»Meine Schwester«, sagt Chiara und starrt auf den Faden. »Sie ist Schneiderin. Hätte sie das ausgebessert, würde man nichts mehr davon sehen.«

Sie weiß, dass er sie nicht versteht. Es sind bloß Worte, die sie sich abringt, um die Stille zu durchdringen, die sich über sie gesenkt hat wie eine Glasglocke. Auf einmal wird ihr Kopf ganz leer, und sie hat das Gefühl, ohnmächtig zu werden.

»Ledig«, sagt der Offizier und zeigt mit seiner unbehandschuhten Hand auf das Wort.

»Er ist der Sohn meiner Schwester«, erwidert sie.

Er mustert sie und das Kind. Genügt es nicht, dass die Worte »jüdische Rasse« in ihrem Ausweis fehlen? Chiara hat noch nie den Faschistengruß benutzt. Sogar in der Schule hat sie es geschafft, ihn stets zu vermeiden und war stolz auf diesen kleinen Akt stummen Widerstands. Doch nun fragt sie sich, ob der Moment dafür gekommen ist, ob das die Angelegenheit klären könnte.

Der Motor des Lastwagens wird angelassen, und der Junge neben ihr stößt einen Schrei aus. »Mamma«, schreit er. Chiara nimmt ihn auf den Arm, drückt ihn an ihre Brust.

Er fängt an, nach ihr zu treten.

»Mamma, Mamma«, schreit er immer wieder. Sie kann nicht mehr tun, als ihn festhalten.

Sie zischt ihm ins Ohr: »Sei still, sonst erschießt dich der Soldat.« Daraufhin wird er ganz schlaff, eine tote Last. »Würden Sie mir bitte meinen Ausweis zurückgeben?«, fragt sie mit fester Stimme. »Ich muss den Kleinen dringend nach Hause bringen.«

Der Fahrer des zweiten Wagens ruft etwas. Er ist bereit zur Abfahrt. Der SS-Offizier schaut kurz zu ihm hinüber, sein Blick schweift über die Leute auf der Ladefläche. Dann beugt er sich vor und zerzaust das Haar des Jungen.

»Sei lieb zu deiner Tante«, sagt er und lässt Chiaras Ausweis in die Stofftasche fallen, die sie umgehängt hat.

Aus den Augenwinkeln sieht sie den kleinen Koffer des Jungen. Seine Kleidung, seine Besitztümer, ein Spielzeug vielleicht oder ein Buch mit Gutenachtgeschichten. Etwas, das ihm gehört hat. Nichts davon kann sie haben, nicht das Geringste. Kein Foto, kein Hemdchen.

Der Laster fährt los.

Chiara steht da wie betäubt, den Jungen im Arm, der sein Gesicht in ihrem Mantel verbirgt.

»Los, los«, sagt der Offizier und wirft ihr einen Blick zu, den sie nicht versteht. Er wird laut und wendet sich an die ganze Gruppe. »Geht jetzt«, bellt er und klatscht in die Hände. Das Schauspiel ist vorüber.

Chiara geht so schnell sie kann, das reglose Kind an ihrer Brust, dessen Füße ihr bei jedem Schritt gegen die Knie knallen. Hat sie es etwa erstickt? Sie nimmt die Straße zum Fluss, taumelt unter den Platanen den Tiber entlang, und als sie die Garibaldi-Brücke passiert, setzt sie den Jungen ab. Er hat Rotzspuren auf ihrem Mantel hinterlassen.

»Ich will zu meiner Mamma.«

Sie sieht ihn an. Er ist so klein und trotzig. Ein Waisenkind. Ihre Knie geben nach, und sie muss sich am Brückengeländer abstützen. Zum ersten Mal an diesem Tag kommt die Sonne hervor und taucht die Blätter über ihren Köpfen in ein goldenes Licht. Unter ihnen treibt ein abgebrochener Zweig im schäumenden Fluss. Sie reißt sich zusammen.

»Ich nehme dich mit zu mir«, will Chiara sagen, verstummt aber und hält ihn an seiner Kleidung fest, da er gerade die Flucht ergreifen will. Sie zieht ihn an sich, geht hinter ihm in die Hocke, hält seine um sich schlagenden Arme fest und beruhigt ihn. Ein Etikett ragt aus seinem Mantelkragen. Daniele Levi. Das muss sofort weg. Sie umarmt das Kind auf dem Bürgersteig, hält es fest, fesselt es. Mit den Zähnen reißt sie das Etikett ab.

Den ganzen Heimweg über zerrt Chiara den um sich tretenden Jungen hinter sich her, der nach seiner Mamma ruft, bis er heiser ist. Ginge es darum, wer der Willensstärkere von ihnen beiden ist, hätte er vermutlich gewonnen. Seine Entschlossenheit zu fliehen ist genauso groß wie ihre, ihn festzuhalten. Aber es ist eine Frage der Körperkraft, und da hat er keine Chance.

Als sie die Via dei Cappellari erreichen, ist er still.

Zwei gepackte Koffer stehen im Flur. Cecilia sitzt im Wohnzimmer an der Nähmaschine. Sie schaut nicht gleich auf. Sie säumt ein pflaumenblaues Stück Stoff. Der Stoff fließt über die Tischkante, beinahe bis zum Boden, und fängt das wässrige Sonnenlicht ein, das durchs Fenster fällt. Sie schneidet den Faden mit der Schere ab und richtet sich auf.

»Fertig«, sagt sie und schaut sie über ihre runde Lesebrille hinweg an. Sie starrt auf das erschöpfte, tränenüberströmte Kind

»Ist das meine Überraschung?«, fragt sie Chiara. Und dann, bevor diese etwas erwidern kann. »Gab es keine Mädchen?«

2

CARDIFF, APRIL 1973

Es gab ein Davor – eine Zeit, bevor Maria den Brief fand und seine Tragweite begriff. Eine unbeschwerte, sonnige Zeit, die sie damals nicht zu schätzen wusste, aber im Nachhinein umso mehr, als sie unwiederbringlich vorbei war. Und damit alles, was so glänzende, klar umrissene Konturen hatte. Und es gab ein Danach, nachdem sich der Nebel herabgesenkt hatte, die Luft schwer machte und Maria das Gefühl gab, beim bloßen Einatmen langsam zu ertrinken.

Dazwischen, um halb sechs Uhr abends, stürzte sie ins Bodenlose. Darüber nachzudenken bedeutete, ins Leere zu fallen. Nicht darüber nachzudenken, es sich nicht unablässig ins Gedächtnis zu rufen, es nicht am ganzen Körper zu spüren, als wäre sie von Stroboskoplicht erfasst worden, das weiß glühenden Schmerz aussendet, lag außerhalb ihrer Macht.

Zum Davor gehörte ihre kleine Schwester Nel, die auf Marias Schoß saß, um sich die Haare flechten zu lassen. Ihr Bruder Patrick, der auf gelben Staubtüchern durch den Flur schlitterte und so das Parkett bohnerte, um sein Taschengeld aufzubessern. Tabitha, die Katze von nebenan, die sie versorgte, wenn die Nachbarn in Urlaub waren, und die unter dem Fliederbusch Jagd auf Schmetterlinge machte. Der Zeitungskiosk an der Seepromenade, bei dem sie für ihren Dad den Telegraph und für sich und die Kinder Eiscreme kaufte. Der Flirt mit dem Jungen vom Eisstand. Und Brian. Er gehörte auch zum Davor. Der arme Brian! Die ganze Familie, die sich Doctor Who im Fernsehen anschaute – Maria im Schneidersitz auf dem Fußboden, an die Beine ihres Vaters gelehnt. Wie tröstlich diese Beine in der braunen Cordhose gewesen waren, die er zum Gärtnern trug! Alles aus und vorbei.

Maria hatte auf Brians Anruf gewartet. Er war der erste Junge, den sie richtig geküsst hatte. Die Erfahrung, ihn zu küssen beziehungsweise von ihm geküsst zu werden, war mit viel Zahnkontakt und Speichelaustausch verbunden gewesen. Sie fragte sich, ob das wirklich so sein musste oder ob es nicht vielmehr etwas mit Brians vorstehenden Zähnen zu tun hatte. Ihre Unterlippe wies dort, wo er zugebissen hatte, einen dicken Knubbel auf, und sie fuhr wiederholt mit der Zunge darüber.

Die Abschlussprüfungen standen kurz bevor, Leben und Lernen ließ sich kaum noch voneinander trennen. Sogar jetzt, an einem Samstagnachmittag am Fuß der Treppe unweit des Telefons, wo sie sich in ihrem Sitzsack rekelte, hatte sie ein Buch aufgeschlagen.

Lift me with thee to some starry sphere.

Sie beschäftigte sich gerade mit Keats und den englischen Dichtern der Romantik und versuchte sich vorzustellen, wie Brian sie in eine gestirnte Atmosphäre entführte. Da beschlich sie ein Gedanke, den sie nicht abschütteln konnte, nämlich dass jede gestirnte Atmosphäre, zu der Brian Zugang hatte, eindeutig nichts für sie wäre.

Patrick sauste vorüber.

»O Brian«, rief er und fasste sich theatralisch an die Brust. Er war acht und hielt sich für wahnsinnig geistreich.

»Halt’s Maul und verschwinde,« konterte Maria. Ihr Bruder rutschte bis zur Haustür, entledigte sich der Staubtücher und donnerte die Treppe hoch.

Sie hatte Brian auf der Schulparty kennengelernt, auf die sie am Abend ihres sechzehnten Geburtstags mit ihrem Freund Ed gegangen war. Mit der Folge, dass Ed nicht mehr mit ihr sprach. Die Band hatte aus ein paar Jungs aus der Sechsten bestanden, die Songs von Led Zeppelin und Deep Purple spielten. Der Gitarrist hatte sich angewöhnt, auf den Knien bis zum Bühnenrand zu schlittern, und der Sänger schüttelte wild den Kopf, als hätte er eine genauso blonde Mähne wie Robert Plant. Doch an dieser Schule durften sich Jungs die Haare nicht lang wachsen lassen.

Maria, in neuen lila Schlaghosen und einem eng anliegenden Ringelpulli, sah den Jungen aus den Augenwinkeln und starrte ihn an, bis er zu ihr hersah. Die Band spielte gerade Black Dog. Der Junge, der einen Fransenschnitt trug wie Rod Stewart, konnte den Blick nicht mehr abwenden. Sie war wie die Frau in dem Lied, nämlich »honigsüß«. Sie hypnotisierte ihn, indem sie den Kopf leicht schräg hielt und ihm einen Schlafzimmerblick zuwarf, bevor sie zu Boden sah. Er kam zu ihr herüber und beugte sich vor, damit sie ihn trotz der lauten Musik verstehen konnte. Ein heißes Kitzeln im Ohr. Er müsse hinter die Bühne, sagte er, da er die Band aufnehme. Warum, war ihr nicht ganz klar.

»Nicht weggehen«, flüsterte er.

Er verschwand durch eine Tür links von der Bühne. Maria blieb in der Nähe, wiegte sich erwartungsvoll zur Musik, ohne die Tür, durch die der Junge verschwunden war, auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Als er wieder herauskam, wartete ihre Mitfahrgelegenheit bereits, und sie musste los. Selbstbewusst drückte sie ihm ihre Telefonnummer in die Hand.

Es dauerte drei Tage, bis er anrief.

»Brian«, sagte sie zu ihrer Mutter, als es endlich so weit war. »Warum muss er ausgerechnet Brian heißen? Das ist genauso schlimm wie Trevor.«

»Ein prächtiger irischer Name«, erwiderte ihre Mutter. »Und vergiss Brian Boru nicht, den irischen Hochkönig.«

Marias Vater war Ire.

Während sie im knirschenden Sitzsack lümmelte und Keats aufgeschlagen in ihrem Schoß lag, musste Maria daran denken, wie gut ihr Brian in den ersten drei Tagen gefallen hatte. Damals hatte sie es kaum ausgehalten vor lauter Vorfreude und Sehnsucht. Sie hatte in ihrem Zimmer Mums alte Jazzplatten gespielt, denn sie besaß keine eigenen LPs – auf dem Stereoplattenspieler, den sie zum Geburtstag bekommen hatte. Dabei übte sie das Küssen an ihrem eigenen Handrücken und hatte noch nicht wissen können, dass er Romane für Papierverschwendung hielt, Leute, die über Monty Python lachten, für Idioten, dass er im ersten Semester war und noch dazu Chemie studierte.

In diesen drei Tagen war das kompakte grüne Telefon im Regal unter der Treppe seltsam präsent gewesen. Ständig hatte sie den Hörer abgenommen, um zu überprüfen, ob es noch funktionierte, und dann ganz schnell aufgelegt. Für den Fall, dass er ausgerechnet jetzt anrief, die Leitung besetzt vorfand und es endgültig aufgab. Sie hatte also ihre ganze Ausgeglichenheit und gute Laune einem Wildfremden geopfert, den sie auf einer Schulparty kennengelernt hatte. So wie es im Davor eben so üblich gewesen war.

»Kostümprobe«, rief Nel von oben.

Die Kinder studierten gerade eine Show ein, die am Ostersonntag nach dem Eiersuchen aufgeführt werden sollte. Maria war die Moderatorin.

Das Telefon klingelte. »Kannst du mich zurückrufen?«, bat Brian. »Ich bin in einer Telefonzelle.«

»Kann mir jemand einen Stift und einen Zettel bringen?«, rief Maria.

»Wollen wir heute Abend ins Kino gehen?«, fragte Brian. Er wollte sich noch einmal die Eroberung vom Planet der Affen ansehen.

Nel kam die Treppe hinuntergerannt. »Pat macht Kacka«, sagte sie.

Nel war sechs. Sie sprach gerne über Popos, Pupsen, Kacka und hatte gerade gelernt, Furzgeräusche mit der Hand zu erzeugen. Sie brach in schallendes Gelächter aus.

»Los, schnell, einen Stift und einen Zettel«, sagte Maria.

»Wo?«

»Auf Mums Schreibtisch.«

Maria prägte sich die Nummer ein und hörte Brian zu, der ihr gerade die Anfangszeiten nannte. Nel brauchte eine Ewigkeit.

»Los, beeil dich«, schrie Maria.

Die Leitung war tot. Am anderen Ende des Zimmers war ein ohrenbetäubendes Klirren zu hören. Maria erhob sich mühsam aus dem Sitzsack, um nachzuschauen, was los war, wobei sie die Telefonnummer vor sich hinmurmelte.

Nel stand neben einer umgedrehten Schublade, braune Umschläge und Zettel ragten daraus hervor. »Sie ist nicht aufgegangen«, erklärte sie. »Die Schublade hat geklemmt.«

»Das ist die, die immer abgeschlossen ist«, sagte Maria. »Die mit den wichtigen Unterlagen.«

»Ich sollte mich beeilen!«

»Sie muss schon vorher kaputt gewesen sein«, sagte Maria. »Oder Mum hat sie nicht richtig abgeschlossen. Außer du hast übernatürliche Kräfte.« Sie kniff zärtlich in Nels winzigen Bizeps.

Nel wand sich quietschend.

»Egal. Lass mich schnell Brian zurückrufen, anschließend mache ich hier Ordnung.«

Sie gingen zurück in den Flur, und Maria wählte die Nummer, die sie sich gemerkt hatte. »Es funktioniert nicht«, verkündete sie.

»Am Schluss kam eine Sieben«, sagte Nel hilfsbereit.

Maria war nicht überzeugt, änderte aber trotzdem die letzte Ziffer. Diesmal läutete es durch, aber niemand ging dran.

»Die stimmt auch nicht.«

Sie stellte sich vor, wie Brian in der Telefonzelle auf ihren Anruf wartete, den Kragen seiner Samtjacke hochschlug und der wütenden Schlange davor den Rücken zukehrte. Wie eine Schreckschraube mit Haarnetz gegen die Scheibe klopfte. Die Eroberung vom Planet der Affen, dachte sie erneut. Wie unromantisch.

»Macht nichts«, sagte sie. »Ich hab’s versucht. Er wird schon wieder anrufen.«

Nel rannte zurück nach oben.

Maria schob die Hand unter die Schublade und drehte sie um, räumte den Inhalt wieder ein. Lauter beschriftete braune Umschläge. Verträge stand auf dem ganz zuoberst. Sie ging sie der Reihe nach durch. Urkunden, Zertifikate, Garantiescheine, Versicherungen. Sie nahm die Schublade und schob sie zurück in den Schreibtisch. Als sie sich umdrehte, fiel ihr ein dünnes Blatt Luftpostbriefpapier auf. Sie bückte sich und wendete es. Es war ein mit Schreibmaschine geschriebener Brief, gerade mal eine Woche alt, mit einem handschriftlichen P. S.

Via dei Cappellari 147

Int. 5, Rom, Italien

Signora Edna Kelly

41 Buttermere Avenue,

Cardiff

17. März 1973

Liebe Mrs. Kelly,

hiermit beantworte ich Ihren Brief an den Bewohner oben genannter Adresse. Ich kann Ihre Korrespondenz leider nicht an Daniele Levi weiterleiten, da ich seinen Verbleib nicht kenne. Er ist vor langer Zeit fortgezogen und hat keinen Nachsendeantrag gestellt.

Mit freundlichen Grüßen,

Signora Chiara Ravello

Wer schrieb ihrer Mutter aus Rom? Sie wusste, dass ihre Mutter eine Art Brieffreundin in Rom hatte, seit sie dort als Au-pair gearbeitet hatte. Hatte es etwas damit zu tun? Aber ihre Mutter hatte eine Brieffreundin, und dieser Brief bezog sich auf einen Mann. Sie versuchte sich zu erinnern, was ihre Mutter ihr erzählt hatte. Helen hieß die Freundin in Italien. Sie hatte einen Italiener geheiratet und war geblieben, wohingegen ihre Mutter zurückgekehrt war und Marias Vater geheiratet hatte, ihre Jugendliebe.

Maria las das Postskriptum. Die Schrift war eckig und steif, mit schwarzer Tinte geschrieben, nicht mit Kuli – altmodisch und irgendwie exotisch. Die Buchstaben waren nicht miteinander verbunden, irgendwie abgehackt, so als hätte die Verfasserin nie gelernt, anders zu schreiben. Nur die R in der Mitte von Sorry waren miteinander verbunden. Sie klammerten sich mit einem Schnörkel und einem Querstrich aneinander und an das Y wie kleine Brücken, die das Wort zusammenhielten.

»Sorry.«

P. S. Es tut mir so leid. Niemand weiß, ob Daniele noch lebt. Sorry.

Sie legte den Brief auf den Umschlag mit den Verträgen und schloss die Schublade.

*

Pat und Nel thronten zu beiden Seiten ihres Dads auf dem Sofa, damit sie über die Rückenlehne klettern und sich dahinter verstecken konnten, wenn es zu aufregend wurde. Maria saß auf dem Boden zu seinen Füßen und Mum im Sessel. Samstags lief stets Doctor Who, das war ein festes Ritual. Jeder mit einer Papierserviette und einem kleinen Teller auf dem Schoß. Eine auf dem Teppich ausgebreitete Tischdecke mit einem »Picknick« aus Sandwiches mit Schinken und Senf, Eiersalat und Kresse. Daneben Gläser mit eingelegtem Gemüse, eine Riesentüte Kartoffelchips, die herumgereicht wurde, ein Apfel und eine Orange für jeden sowie eine Kanne Tee.

Maria liebte Doctor Who, seit die Serie vor zehn Jahren begonnen hatte. Sie war damals sechs Jahre alt gewesen, Pat und Nel waren noch nicht einmal geboren. Ihr allererster Fernseher war schwarz-weiß, heute hatten sie einen Farbfernseher. Die Spiridons, dürre Geschöpfe, die von den Daleks versklavt worden waren, wurden nur sichtbar, wenn sie starben. Erst dann konnte man ihre plüschigen und bodenlangen lila Umhänge sehen, die dieselbe Farbe hatten wie Marias Maximantel aus Knittersamt.

»Was wär dir lieber? Unsichtbar sein oder Zeitreisen machen?«, fragte sie ihre Mutter anschließend in der Küche, als sie gemeinsam das Geschirr spülten.

»Zeitreisen machen«, erwiderte ihre Mutter wie aus der Pistole geschossen.

»Und wohin würdest du reisen?« Maria verteilte Spülmittel im Wasser, um für Schaum zu sorgen.

»In welche Zeit würdest du reisen, müsste die Frage korrekt lauten«, erwiderte ihre Mutter. »In welche Epoche?« Sie stellte sich kurz neben Maria, die zusammengeknüllte Tischdecke in der Hand und den Blick in die Ferne gerichtet.

»Ich würde ins Rom des Jahres 1821 reisen«, sagte Maria. »Zum Haus von Keats. Und ich würde moderne Medikamente gegen Tuberkulose mitnehmen. Dann wäre er wieder gesund geworden und hätte noch mehr Gedichte geschrieben.«

»Dann müsstest du aber auch eine Krankenschwester mitnehmen – mich.« Ihre Mutter trommelte sich auf die Brust, um zu verdeutlichen, dass nur sie dafür infrage käme.

Maria sah ihrer Mutter dabei zu, wie sie die Krümel in den Garten schüttete. Sie trug den rosa gestreiften Nylonhauskittel, den sie stets über ihre normale Kleidung zog, wenn sie Hausarbeit verrichtete. Sie kehrte zurück, verschloss die Chipstüte mit einer Wäscheklammer, damit der Inhalt knusprig blieb, und ging in die Speisekammer.

»Und du? Würdest du auch nach Rom gehen, Mum?«, fragte Maria. »Um Daniele Levi zu besuchen?«

Der Name war ihr gerade eingefallen, aber kaum hatte sie ihn ausgesprochen, wollte sie ihn erneut sagen. Sie musste ihre Stimme erheben, da das Klappern von Einmachgläsern und Dosen lauter geworden war.

»Daniele Levi – wer ist das überhaupt, Mum?«

Schweigen. Stille, sodass Maria den Fernseher und ihren kichernden Bruder hören konnte, der gerade gekitzelt wurde.

»Mum?«, wiederholte Maria und drehte sich halb zu ihr um, die Hände im warmen Seifenwasser.

Der Patchworkvorhang der Speisekammer bewegte sich nicht. Die Stille fühlte sich an, als würde die Welt den Atem anhalten. Maria kam es so vor, als würde ihre Mutter eine Szene aus Doctor Who nachspielen und so tun, als hätte man sie in eine andere Zeitdimension transportiert. Fast musste sie lachen. Sie zog die Hand aus dem Spülbecken und wischte sie an ihrer Latzhose ab.

»Mum?«, wiederholte sie.

Ihre Mutter kam hinter dem Vorhang hervor. »Wo ist dein Vater?«, sagte sie. »Ich hab ganz vergessen, ihm zu sagen … Ich muss nur schnell … Wir müssen …«

Sie hatte das Gesicht zu einer Art Lächeln verzogen, das aber kein richtiges Lächeln war, sondern eher eine Grimasse. Rasch ging sie hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Maria beobachtete ihre Eltern durch die Milchglasscheibe. Das Glas verzerrte ihre Umrisse und ließ ihre Bewegungen zerfließen, als befänden sie sich unter Wasser. Ihre Mutter sagte etwas, packte das Hemd ihres Vaters und verbarg das Gesicht an seiner Brust. Er legte die Arme um sie, klopfte ihr auf den Rücken und schaute dabei zu Maria hinüber.

Die musste an ihren Großvater denken, daran, dass er nach seinem Tod ständig in ihren Träumen aufgetaucht war. Nicht als Hauptfigur, sondern als stummer Beobachter, blass und kaum wahrnehmbar. Wenn sie anschließend aufwachte, war sie froh, ihn gesehen zu haben, aber gleichzeitig traurig, weil sie es selbst im Traum nicht geschafft hatte, ihn wieder lebendig zu machen. Doch es gab keine Zeitreisemaschine und damit keinen Weg zurück.

Sie öffnete die Küchentür. Auf einmal war ihr übel.

»Komm ins Arbeitszimmer, Maria«, sagte ihr Vater leise. »Wir müssen mit dir reden.«

»Los, Schatz«, sagte er zu ihrer Mutter und schob sie vor sich her. »Ich sorge dafür, dass uns die Kinder die nächsten Minuten allein lassen.«

Was sechzehn Jahre und einen Monat lang ungesagt geblieben war, konnte plötzlich keine Minute mehr warten. Ihre Mutter platzte förmlich damit heraus, wartete nicht einmal, bis Marias Vater zurückkam.

Sie sagte Maria, dass Daniele Levi ihr Vater war, ihr leiblicher Vater. Als sie das Wort »Vater« in den Mund nahm, kam gerade Marias Dad herein.

Maria verspürte so etwas wie einen elektrischen Schlag, wie einen Hieb mit der Peitsche.

»Nein«, sagte sie und schaute ihren Dad an.

»Es tut mir leid«, sagte er. »Wir hätten es dir früher sagen sollen.«

»Nein«, wiederholte Maria.

Sie saß auf der Kante des Drehstuhls, die schmerzhaft in ihre Schenkel schnitt. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Ihr Rücken bog sich durch, und ihre Beine zuckten, als machte sie gerade einen Rückwärtssalto.

Sie erzählten ihr vollkommen absurde Sachen und hielten dabei Händchen.

Er liebe sie ganz genauso wie Pat und Nel, sagte er. Das sei so gewesen, seit er sie im Alter von drei Jahren zum ersten Mal gesehen habe. Er hätte es ihr sagen wollen, sie hätten es ihr sagen wollen, immer schon, aber irgendwie sei nie der richtige Moment dafür gewesen. Sie liebten sie so sehr, sie sei ihr Ein und Alles.

»Nein«, sagte Maria erneut und stürzte nach hinten in die Tiefe, befand sich in freiem Fall.

Plötzlich klingelte das Telefon im Flur, aber sie ließen es läuten. Irgendwann ging Pat dran und rief, Brian sei am Apparat.

»Soll ich mit ihm reden?«, fragte Marias Mutter. »Ich kann ihm sagen, dir geht’s grad nicht gut und du rufst ihn später zurück.«

»Nein«, sagte Maria. Sie ging in den Flur.

»Du hast mich nicht zurückgerufen«, beschwerte sich Brian.

»Nein.«

»Alles in Ordnung?«

»Nein«, wiederholte sie.

»Was ist los?«, fragte er. »Willst du Eroberung vom Planet der Affen sehen?«

»Nein« sagte sie und legte auf.

Ihre Eltern warteten auf ihre Rückkehr. Doch sie ging nach oben auf ihr Zimmer, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Spürte das bemalte Holz unter ihren Händen und vergrub das Gesicht in ihrem Bademantel, der dort an einem Haken hing. Sie wollte überall sein, nur nicht hier. Aber wo dann?

Das Telefon klingelte erneut. Ihre Kehle schmerzte und war wie zugeschnürt, gleichzeitig hatte sie Magenkrämpfe. Sie kletterte aufs Bett und riss das Fenster auf, steckte den Kopf hinaus und erbrach sich auf den Gartenweg. Sie konnte nirgendwohin.