Im Garten der Sehnsucht - Dorothea Morgenroth - E-Book

Im Garten der Sehnsucht E-Book

Dorothea Morgenroth

5,0

Beschreibung

Die 25-jährige Natalie Breuer steht an einem Scheidepunkt ihres Lebens: Nach dem Tod der Mutter ruft sie ihr Pflichtbewusstsein zurück in den Job als Krankenschwester. Gleichzeitig erhält sie eine Einladung ins wunderschöne Irland. Dort lebt Matty, eine Jugendfreundin ihrer Mutter. Nach reiflicher Überlegung entscheidet sich Natalie schließlich für einen Kurzbesuch auf der Insel. Entgegen ihrer Erwartungen erweist sich ihre Gastgeberin als äußerst gesprächige, lebhafte und unternehmungslustige Frau, die Natalie kaum Gelegenheit gibt, Trübsal zu blasen. Es dauert nicht lange und Natalie kniet an Mattys Seite auf regennassem irischen Boden, um den vernachlässigten Garten des alten Cottages wieder auf Vordermann zu bringen. Sie genießt es, das verwilderte Stückchen Land zu neuem Leben zu erwecken - was nicht zuletzt an Mattys Nachbar Conor McGarvey liegt, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht ... Eine tiefgehende Geschichte vor der traumhaften Kulisse Irlands, die deutlich macht, dass ein Neuanfang immer möglich ist.

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Seitenzahl: 371

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Über die Autorin

Dorothea Morgenroth schreibt aus Leidenschaft und hat sich mit ihrem Debütroman Der den Himmel lenkt sowie etlichen weiteren Werken einen Namen als versierte Romanautorin gemacht. Sie ist Mutter von vier erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Mann, der jüngsten Tochter und einem kleinen Hund in Bayern.

Prolog

In makellosem Blau spannt sich der Himmel über mir. Ohne jede Begrenzung, ohne Anfang und Ende. Über dem Garten liegt das Licht eines frühen Morgens. Inseln aus Sonne und Schatten malt es auf das üppige Grün des Rasens.

Von Insel zu Insel schreite ich über den Rasen hinweg. Ein Ziel habe ich dabei nicht vor Augen, weiß nur, dass irgendetwas mich unwiderstehlich hineinlockt in die Tiefe dieses Gartens. Eine Sehnsucht, ein undefinierbares Verlangen ist es, das mein Herz erwartungsvoll höherschlagen lässt, als ich einen Busch umrunde.

Die Schatteninsel am Fuße des Busches ist gesprenkelt mit glühenden Funken. Aber nein, es sind keine Funken aus Feuer, es sind Funken aus Farbe. Tausend winzige, leuchtend rote Blüten umschmeicheln meine nackten Füße, während ich mir meinen Weg durch sie hindurchbahne. Sie kitzeln meine Sohlen, bringen mich zum Lachen.

Vergnügt gewahre ich den Baum, der sich am Ende des Gartens erhebt. Dort in der Ferne, wo die Konturen noch verschwommen sind und Licht und Schatten verschmelzen.

Ich vernehme ein Plätschern. Leise flüstert der lebendige Rhythmus eines Baches in mein Ohr und kitzelt es wie zuvor die Blüten meine Füße. Mein Lachen wandert tiefer. Von meinem Mund sinkt es hinab in meinen Bauch, wo es sich warm und wohlig ausbreitet, während ich dem Baum allmählich näher komme.

Schon erkenne ich seine ausladende Krone, übergossen mit den Strahlen der Morgensonne. Kaskadenförmig hängen Äste aus der Krone herab bis auf den Boden, und zwischen den Zweigen, ganz nah am Stamm des Baumes, steht eine Bank.

Ein Mann sitzt darauf. Er blickt mir entgegen. Ich gehe auf ihn zu und lasse mich stumm neben ihm nieder. Ich blicke auf die kräftigen, erdverkrusteten Finger des Mannes in der Gärtnerschürze. In seinem Haar rieche ich den Tau, der das Gras befeuchtet und den Boden fruchtbar macht.

Er ist derjenige, der mich hierhergelockt hat. Ich spüre es überdeutlich an dem Lachen, das in diesem Augenblick mein Herz erreicht. Eine unbändige Freude ist es, die den Krug meines Herzens bis zum Überlaufen füllt! Die Freude vereint mich mit dem schweigenden Mann an meiner Seite und lässt mich sehen, was er sieht: Einzigartigkeit in jedem einzelnen Blatt, das über unseren Köpfen im Wind wispert. Lebensspendende Schönheit in dem Wasser des Baches, der unmittelbar aus dem Baumstamm entspringt und dessen Gurgeln ich zuvor bereits vernommen habe. Makellose Vollkommenheit in jedem Bestandteil dieses Gartens – liebevolle Kreativität in jedem Detail Seiner Schöpfung.

Still genieße ich die Begegnung mit dem Gärtner-Künstler. Ich ruhe in der Gegenwart meines Schöpfers. Ich bin zu Hause …

Kapitel 1

Und Gott sprach: „Auf der Erde soll es grünen und blühen: Alle Arten von Pflanzen und Bäumen sollen wachsen und ihre Samen und Früchte tragen!“ So geschah es. Die Erde brachte Pflanzen und Bäume in ihrer ganzen Vielfalt hervor. Wieder sah er sich an, was er geschaffen hatte: Es war gut.

1. Mose 1,11–12

Kalt wie Eis spürte sie den Griff des schmiedeeisernen Tores unter ihren Fingern. Von einer feinen Eisschicht überzogen waren auch die Äste der alten Buche über ihrem Kopf und die Schneereste vor dem Eingang. Der hart gefrorene Kies auf dem Friedhofsweg knirschte unter ihren Sohlen.

Neben Natalie, und nicht minder zögerlich als sie selbst, schritt ihr Vater. Wegen des plötzlichen Wintereinbruchs hatten sie das Grab seit mittlerweile einer Woche nicht mehr besucht, und die Fünfundzwanzigjährige fragte sich, ob es ihrem Vater genauso schwerfiel wie ihr, sich dem Anblick der froststarren Erde und erfrorenen Blumenkränze auszusetzen. Solange die Erde noch halbwegs warm und braun gewesen war und die Blüten der feuchten Luft getrotzt hatten, hatte an diesem Ort wenigstens noch der Anschein von Leben geherrscht …

Im Gleichschritt umrundeten Vater und Tochter die efeuumrankte Gedenksäule für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs und bogen in den schmalen Weg ein, der sie zu ihrem Ziel führte: dem Grab ihrer geliebten Ehefrau und Mutter. Schon von Weitem erkannte Natalie den großen Kranz aus Tannengrün und weißen Lilien, der an dem alten Grabstein dahinter lehnte.

Erstarrt und braun gefärbt klammerten sich einige letzte Blütenblätter an die Lilienstängel; die übrigen sprenkelten ungleichmäßig das Tannengrün und die kleineren Gestecke auf dem Boden. Das steif gefrorene Schleifenband mit den letzten Grüßen der Familie ragte nahezu senkrecht aus dem Kranz heraus und schien direkt auf die Inschrift des Grabsteines zu weisen: Jesus spricht: Weil ich lebe, werdet auch ihr leben.

Natalies Mutter selbst hatte diese Worte ausgewählt, als vor Jahren ihre Eltern gestorben waren, um sich damit stets daran zu erinnern, dass der Tod eines geliebten Menschen nicht das Ende war, sondern vielmehr der Beginn eines Lebens in der unmittelbaren Nähe von Jesus. So zumindest hatte sie es ihrer kleinen Tochter damals erklärt.

Heute, siebzehn Jahre später, war es Natalie, die sich an diese Worte klammerte; die sich an dem Wissen festhielt, dass ihre Mutter endlich frei war von den quälenden körperlichen Schmerzen und glücklich darüber, bei ihrem Herrn zu sein. Dennoch – oder gerade deshalb – erschien ihr die Art und Weise, wie dieses steife, leblose Band den Bibelvers unterstrich, fast wie Hohn. Mit einem unwilligen Schnauben beugte sie sich hinunter und drückte das Band zurück in seine ursprüngliche Position.

„Lass gut sein, Natalie.“ Beruhigend legte ihr Vater seine Hand auf ihren Arm. Wie so oft in den letzten Wochen schien er genau zu wissen, was in ihr vorging. „Egal, wie die äußeren Umstände sind, ist es doch wahr. Ohnehin denke ich“, er schluckte schwer, ehe er fortfuhr, „es ist allmählich an der Zeit, die Gestecke zu entsorgen. Ich werde die Friedhofsverwaltung anrufen und darum bitten, sobald wir wieder zu Hause sind.“

„Denkst du nicht, es ist noch ein wenig zu früh dafür? Seit Mamas … Mamas Beerdigung ist gerade mal ein Monat vergangen!“

„Das ist wahr! Aber es muss nun einmal sein, und du siehst ja selbst, in welchem Zustand die Blumen sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mama noch Freude daran hätte.“

„Hm.“ Natalies Stimme zitterte. Wie konnte ihr Vater – ein Mann, der nach fünfunddreißig Jahren Ehe seine Frau verloren hatte – nur derart nüchtern und pragmatisch denken? Aber natürlich hatte er recht: Die erfrorenen Blumen auf dem Grab boten nicht gerade einen erfreulichen Anblick.

„Na gut, tu das“, stimmte sie deshalb zu. Dann kniete sie auf dem vereisten Schnee am Grabesrand nieder, zupfte behutsam einen der noch am Stängel hängenden Lilienblütenköpfe ab und verstaute ihn in ihrer Tasche.

„Ein schönes Andenken“, bemerkte ihr Vater, nun mit ebenfalls bebender Stimme. Mehrere Minuten lang standen Vater und Tochter in gemeinsames Schweigen versunken an der Grabstelle, ehe sie sich wieder auf den Heimweg machten.

„Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich zu Fuß nach Hause gehe, Papa?“, fragte Natalie, als das Friedhofstor hinter ihnen ins Schloss fiel. „Ich glaube, ich brauche ein wenig Zeit für mich.“

„Natürlich, geh nur!“ Ihr Vater öffnete die Wagentür, lehnte sich über die Rückbank und griff nach seinen Handschuhen. „Hier, nimm meine Handschuhe, es ist wirklich unangenehm heute.“

„In Ordnung, danke. Dann bis später.“ Natalie streifte sich die Handschuhe über und winkte ihrem Vater nach, während er den alten Audi vom Parkplatz zurück auf die Straße rangierte. Sobald er außer Sichtweite war, zog sie ihre Wollmütze tiefer in die Stirn und den Schal so weit nach oben, dass er einen Großteil ihres Gesichtes vor dem eisigen Ostwind schützte, und schritt zügig aus.

Ein Ziel hatte sie nicht. Was sie antrieb, war lediglich das Gefühl, einmal etwas anderes sehen zu müssen als das Innere des Hauses, in dem sie ihre Mutter gepflegt und das sie während der letzten Woche aufgrund von Kälte und Schnee gefangen gehalten hatte. Oder die ewig gleiche Strecke zwischen besagtem Zuhause und dem Friedhof.

Bereits nach wenigen Minuten hatte sie die letzten Häuser der Kleinstadt hinter sich gelassen und befand sich auf freiem Feld.

Ein heiseres Krächzen über ihrem Kopf veranlasste sie, den Blick zum Himmel zu heben. Ein Schwarm Saatkrähen kreiste über ihr, ließ sich vom Wind treiben und landete schließlich in geringer Entfernung auf einem Acker.

Natalie hielt einen Augenblick inne, um das Schauspiel zu beobachten. Flügel an Flügel, ein schwarzer Körper am anderen, trippelten die Vögel über den gefrorenen Boden, flatterten unter unablässigem Krächzen wieder auf, nur um sich eine Sekunde später wieder auf dem Boden niederzulassen und diesen energisch mit dem Schnabel zu bearbeiten. Einer der Vögel zeigte sich ausgesprochen aggressiv gegenüber seinen Kameraden: Immer wieder stürzte er sich auf genau den Fleck Erdboden, auf dem eben ein anderer gelandet war, und vertrieb diesen durch kräftige Schnabelhiebe, um sich dann selbst über den Boden herzumachen. Was erhoffte er sich wohl davon? Was erhofften sie alle sich nur von diesem Kreisen umeinander und um sich selbst, vom hoffnungsvollen Einhacken auf den hoffnungslos gefrorenen Erdboden?

Der Anblick der Krähen erschien Natalie plötzlich wie ein Sinnbild für ihren derzeitigen Zustand. Der Boden ihres Herzens war nicht minder gefroren als die Erde hier auf dem Feld oder auf dem Friedhof – kalt, trostlos und fruchtleer fühlte er sich an. Jeglicher Rest von Lebensfreude war, sofern er noch irgendwo im tiefsten Boden ihrer Seele steckte, vom Frost erstarrt. Seit dem endgültigen Abschied von ihrer Mutter erschien ihr die Vorstellung, dass der Frost irgendwann nachlassen und neuer Same von Hoffnung und Freude keimen würde, geradezu absurd.

Dabei war dieser Abschied nicht unerwartet gekommen, sondern hatte ihr reichlich Zeit gelassen, sich darauf vorzubereiten. Zwei Jahre lang hatte ihre Mutter an Krebs gelitten. Nach der Erstdiagnose, Operation und anschließender Therapie hatte es zunächst den Anschein gehabt, als wäre er besiegt, doch er war zurückgekommen. Mit einem heimtückischen Überraschungsangriff schlug die Krankheit noch einmal zu und ließ Natalies Mutter diesmal nicht mehr aus ihren Fängen. Lange und mit aller Kraft kämpfte sie dagegen an, doch schließlich waren alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft. Ab diesem Zeitpunkt blieb Natalie, als examinierte Krankenpflegerin, zu Hause, um sich ausschließlich um ihre Mutter zu kümmern. Jede Minute des Tages und auch etliche wache Stunden in der Nacht verbrachten sie miteinander und führten, sofern sich ihre Mutter gut genug fühlte, ungezählte Gespräche.

Natalie war ihrer Mutter während dieser letzten Monate wahrscheinlich nähergekommen, als sie es jemals zuvor gewesen war. Umso schmerzhafter spürte sie nun diese Lücke, die durch deren Tod entstanden war.

Lediglich der Gedanke, dass ihr Vater den Verlust mindestens ebenso tief empfand wie sie, verschaffte Natalie etwas Trost. Schweigend, wie es dem Charakter ihres Vaters entsprach, besuchten sie miteinander das Grab, schweigend lebten sie zu Hause ihr Leben als Vater-Tochter-Duo, und nur ganz selten, wenn die sachlich-nüchterne Art ihres Vaters durchbrach, wie eben am Friedhof, zweifelte Natalie an der Tiefe seines Kummers. Wie konnte er aber auch so kurz nach der Beerdigung schon alle äußeren Anzeichen davon entfernen wollen? Die Gestecke mit den liebevollen letzten Grüßen beseitigen?

Natalie schlüpfte aus ihrem Handschuh und tastete nach der Lilie in ihrer Tasche. Da war sie. Nach wie vor starr vom Frost, hatte sie nur ein weiteres Blütenblatt verloren. Natalie würde die gerettete Blume zu Hause auftauen und sorgfältig trocknen, damit dieses letzte Andenken ihr so lange wie möglich erhalten blieb!

Entschlossen machte sie kehrt und marschierte, vorbei an den randalierenden Krähen, in strammem Tempo nach Hause.

Behutsam klappte Natalie den Kalender zu, den sie auch als Tagebuch benutzte, und schloss das Gummiband darum. Sie durfte auf keinen Fall die Lilienblütenblätter verlieren, die sie zwischen diesen Seiten presste. Trotz aller Vorsicht war die Blüte nämlich nach dem Auftauen in ihre Einzelteile zerfallen, sodass Natalie sich dazu entschieden hatte, in diesem Fall einfach die einzelnen Blätter aufzubewahren. Jeden Tag, wenn sie eine neue Seite ihres Kalenders aufschlug, wanderten die Blütenblätter mit zum aktuellen Datum. Unterdessen steckten sie beim zweiten März.

Damit waren seit Mamas Tod genau sechs Wochen vergangen – und gut fünf Monate seit dem Tag, an dem Natalie sich die Auszeit vom Krankenhaus genommen hatte. In dem kleinen Einfamilienhaus am Birkenweg war eine neue Routine eingekehrt, seit die Nachbarn und zahlreichen Bekannten ihrer Mutter ihre wohlmeinenden „Hallo-ihr-Lieben-wollte-nur-mal-nachsehen-wie-es-euch-geht“-Besuche eingestellt hatten: Vormittags, wenn ihr Vater sich in sein Büro zurückgezogen hatte, besorgte Natalie den Haushalt, ging einkaufen und kochte, und nachmittags gingen sie gemeinsam auf den Friedhof. Doch je mehr Zeit verstrich, desto länger wurden Natalie die unausgefüllten Stunden zwischen diesen Aktivitäten. Vielleicht war es allmählich Zeit für sie, ihre Arbeit im Krankenhaus wieder aufzunehmen. Zeit, ihre ausgedehnte und ausschließliche Trauerphase zu beenden und sich wieder vermehrt den Problemen der „Außenwelt“ zu widmen. Allerdings war ihr mehr als unwohl bei dem Gedanken, wieder Tag für Tag von Unfallopfern, Krankheit und Leiden umgeben zu sein …

Tief in derlei Gedanken versunken, starrte Natalie aus ihrem Zimmerfenster in den Garten. Eine schwache Frühjahrssonne hatte dem Dauerfrost ein Ende gemacht und die letzten Schneereste auf dem Rasen in kleine Pfützen verwandelt, in denen sie sich nun spiegelte. Am hinteren Gartenzaun klappte Natalies Vater die lange Stehleiter auseinander, auf dem Boden daneben erkannte sie Säge und Astschere. Er machte sich also daran, den alten Apfelbaum zu beschneiden.

Wenn er dabei nur nicht von der Leiter stürzte oder sich mit der Säge verletzte! Immerhin war ihr Vater mit seinen einundsechzig Jahren nicht mehr der Jüngste, und Natalie erschauerte allein bei dem Gedanken, dass ihm etwas zustoßen könnte.

Sie sprang auf, hämmerte ans Fenster und rief: „Warte auf mich, Papa, ich komme raus und helfe dir!“

Auf dem Weg nach draußen griff Natalie nach ihrem Handy. Sie hatte eine Nachricht bekommen. Hallo Natalie, ich hoffe, dir geht’s so weit gut. Wollen wir uns morgen mal auf eine Tasse Kaffee treffen? Haben schon viel zu lange nichts mehr voneinander gehört! Hab dich lieb, bis bald!

Laura, ihre Arbeitskollegin und beste Freundin. Natalie lächelte. Laura hatte vollkommen recht: Natalie hatte sich schon viel zu lange keine Zeit mehr für ihre Freundin genommen. Es war höchste Zeit für ein Treffen – selbst wenn dabei unweigerlich die Frage nach Natalies Rückkehr an die Klinik aufkommen würde. Doch darüber würde sie sich morgen Gedanken machen, wenn es so weit war. Heute benötigte ihr Vater ihre Hilfe. Natalie schlüpfte in Jacke und Stiefel und eilte in den Garten.

Vierundzwanzig Stunden später betrat sie das „MacCoffee“, das Natalie und Laura bereits zu Beginn ihrer Ausbildung zu ihrem Lieblingstreffpunkt erkoren hatten.

Fröhlich winkte Laura ihr zu. Sie hatte ihren Stammplatz am Fenster eingenommen und wartete vermutlich schon eine ganze Weile auf Natalie, die mindestens fünfzehn Minuten lang vor ihrem Kleiderschrank gestanden hatte. Seit sie begonnen hatte, ihre Mutter zu pflegen, war dies das erste Mal, dass sie zu einem anderen Zweck als zum Einkaufen, zum Gottesdienst- oder Friedhofsbesuch aus dem Haus ging, und Natalie hatte gewisse Probleme mit der Wahl ihrer Kleidung gehabt. Wahrscheinlich würde Laura, die großen Wert auf ein passendes Outfit legte, Natalies schwarze Jeans und das graue Strickoberteil, das plötzlich viel weiter und formloser an ihr herunterhing als früher, sehr kritisch unter die Lupe nehmen.

Doch Natalies Befürchtungen waren umsonst. Laura begrüßte ihre Freundin mit einer stürmischen Umarmung, ohne deren Äußeres zu beachten. „Wie schön, dich zu sehen, Natalie, ich hab schon befürchtet, du hast es dir noch mal anders überlegt und bleibst zu Hause! Wie geht’s dir denn, Süße? Blass siehst du aus – viel zu blass!“

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Laura!“ Lächelnd befreite sich Natalie aus der Umarmung, um aus ihrem Mantel zu schlüpfen und Platz zu nehmen. „Hast du schon bestellt?“

„Wo denkst du hin?!“, empörte sich Laura. „Ich kann hier doch unmöglich ohne dich Kaffee trinken! Obwohl, wenn ich’s mir recht überlege, hätte ich es vielleicht getan, wenn du mich noch länger hättest warten lassen. Nun erzähl mal: Wie geht es dir? Und keine Ausflüchte – du kennst mich und weißt, ich werde keine Ruhe geben, ehe du deiner allerbesten Freundin alles erzählt hast.“

„Stimmt!“ Natalie lächelte erneut. Lauras unverblümte Art, die ein Außenstehender mit mangelnder Einfühlsamkeit verwechseln mochte, hatte ihr schon immer gefallen und war vielleicht genau das, was sie momentan brauchte. Vor allem aber wusste Natalie, dass ihre Freundin auch mit der Antwort umgehen konnte, die Natalie ihren Nachbarn und anderen Bekannten nicht zu geben wagte. „Ehrlich gesagt kann ich diese Frage nicht mehr hören, so lieb sie auch gemeint sein mag, und ich will erst recht nicht über dieses Thema sprechen! Wie soll es mir denn schon gehen, nachdem ich meiner Mutter monatelang beim Sterben zugesehen habe? Selbstverständlich bin ich froh darüber, dass sie jetzt von allem erlöst ist, aber im Moment überwiegt einfach nur der Schmerz über ihren Verlust. Also lass uns bittedas Thema wechseln und erzähl mir stattdessen von dir!“

„Natürlich, wie du meinst.“ Beruhigend streichelte Laura Natalies Hand, da in diesem Augenblick die Bedienung an ihren Tisch trat, um ihre Bestellung aufzunehmen. Doch sobald die dampfenden Kaffeebecher vor ihnen standen, bemerkte sie: „Natalie, ich verstehe dich. Zumindest ansatzweise. Irgendwann kann man diese Frage wahrscheinlich nicht mehr hören, so lieb sie auch gemeint sein mag. Also, dann lass mich mal überlegen, was dich interessieren könnte. Ach ja, du erinnerst dich doch an Katha aus unserem Kurs? Stell dir vor, sie heiratet im Mai und hat uns alle zu ihrer Hochzeit in Österreich eingeladen! Und …“

In den folgenden zwanzig Minuten lauschte Natalie Lauras Berichten, die sich vor allem um das Krankenhauspersonal drehten, genoss dabei ihren Kaffee und stellte hin und wieder eine Frage.

„Weißt du eigentlich, wer jede Woche zu uns auf Station kommt und nach dir fragt?“, endete Laura schließlich. „Fabian, der Pflegeschüler aus dem Oberkurs. Und jedes Mal, wenn er dich nicht antrifft, zieht er ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Das erkenne ich trotz des süßen Bärtchens, das er sich neuerdings stehen lässt, vermutlich, um älter zu wirken und mehr Chancen bei dir zu haben. Er vermisst dich wirklich schwer! Genau wie der Rest der Truppe übrigens, allen voran ich.“

Bedeutungsschwer hingen diese letzten Worte in der Luft. Natalie nickte. „Das tut mir leid, Laura. Nicht gerade wegen Fabian – ich meine, ich habe ihm doch niemals Hoffnungen gemacht, oder? –, aber deinetwegen. Und wegen der Station. Ihr wartet darauf, dass ich wieder zu arbeiten beginne, nicht?“

„Na ja, ich möchte es mal so ausdrücken: Wir würden dich definitiv nicht wegschicken, wenn du plötzlich vor der Tür stehst.“ Laura grinste. „Ich glaube sogar, Schwester Rita würde dich hineinzerren, in deine Arbeitskluft stecken, die Stationstür hinter dir absperren und die Schlüssel erst wieder rausrücken, wenn diese furchtbare Grippewelle endgültig vorbei ist!“

„Aber“, ihr Gesicht wurde wieder ernst, „das ist natürlich deine Entscheidung. Du musst wissen, ob du dich dazu schon wieder in der Lage fühlst.“

„Das ist es ja gerade: Ich weiß es nicht!Ich meine, ich bin sicher, es würde mir guttun, wieder mal zu Hause rauszukommen – aber ausgerechnet in die Klinik, wo ich erneut umgeben bin von –“

Den Rest des Satzes verschluckte Natalie. Laura nickte verständnisvoll. „Schon klar, Süße. Aber das ist nun mal unser Beruf. Der Beruf, den du dir selbst ausgesucht hast. Und du weißt so gut wie ich: Die Patienten lieben dich und deine einfühlsame Art. Du fehlst auch ihnen!“

„Lieb, dass du das sagst, Laura. Also gut, ich verspreche dir, ernsthaft über meine Rückkehr in die Klinik nachzudenken und dir als Erste Bescheid zu geben, sobald ich einen Entschluss gefasst habe. Ist das in Ordnung für euch?“

„Selbstverständlich, Natalie. Lass dich nicht von uns drängen, sondern nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.“ Noch einmal streckte Laura ihre Hand über den Tisch und drückte ermutigend die ihrer Freundin. Die ältere Dame am Nachbartisch musterte die beiden halb mitfühlend, halb missbilligend.

„Okay, dann gehe ich jetzt mal.“ Natalie erhob sich abrupt. Für heute war ihr Gesprächsbedarf gedeckt, ebenso wie ihr Bedarf an fremden Gesichtern. Sie sehnte sich nach ihrem Zuhause und der schweigenden Gesellschaft ihres Vaters. „Ich möchte nicht, dass mein Vater den Friedhof ohne mich besucht, das verstehst du sicher.“

„Natürlich!“, nickte Laura, schloss Natalie zum Abschied fest in ihre Arme und beobachtete, wie diese eilig das Café verließ.

Zu Natalies Erleichterung war ihr Vater noch nicht allein zum Friedhof aufgebrochen, als sie zu Hause die Tür aufschloss. Noch hingen sein Mantel an der Garderobe und sein Schlüsselbund am Haken.

„Ich bin wieder da, Papa!“, rief sie ins Hausinnere. „Wie wäre es, wenn wir jetzt gleich aufbrechen, ehe ich meine Jacke ausziehe?“

„Nein, Liebes, bitte komm erst mal herein. Ich will dir etwas zeigen.“ Die Antwort ihres Vaters schien aus seinem Arbeitszimmer zu kommen. Natalie schlüpfte aus Mantel und Stiefeln und machte sich verwundert auf den Weg dorthin. Was in aller Welt hielt ihn von ihrem um diese Tageszeit üblichen Grabbesuch ab?

Ihr Vater saß an seinem Schreibtisch, dessen Lampe mit dem altmodischen grünen Schirm die einzige Lichtquelle in dem dämmrigen Raum bildete. Vor ihm lagen ein geöffneter Briefumschlag und mehrere Bogen handbeschriebenen Papiers.

„Sieh mal, was ich heute zwischen meinen Unterlagen gefunden habe: einen persönlichen Brief an deine Mutter! Irgendwie muss der Umschlag nach seiner Ankunft vor etwa drei Wochen zwischen meine Rechnungen gerutscht sein, sodass ich ihn eben erst geöffnet habe. Aber wirklich schlau werde ich aus dem Brief nicht.“

Er hielt Natalie die eng beschriebenen Seiten entgegen: „Hier, lies selbst.“

Liebe Gitte, entzifferte Natalie die ungleichmäßige Handschrift und hielt inne. Kein Mensch hatte ihre Mutter Brigitte mit Gitte angesprochen, jedenfalls nicht in ihrer Gegenwart. Ihr Blick glitt ans Ende des Schriftstückes, doch auch mit den Worten In Liebe, deine Freundin (?) Matty konnte sie nicht das Geringste anfangen.

„Wer ist diese Matty, Papa? Kennst du sie? Und wie kommt sie darauf, Mama Gitte zu nennen?“

„Ich kann dir weder das eine noch das andere sagen, Natalie. Kann mich nicht daran erinnern, dass Mama jemals von einer Matty gesprochen hätte. Falls doch, muss das eine Ewigkeit her sein.“ Ihr Vater klang nicht weniger erstaunt als Natalie. „Eigentlich wollte ich dir eben die gleichen Fragen stellen.“

„Vielleicht gibt ja der Rest des Briefes Aufschluss darüber. Hast du ihn schon ganz gelesen?“

„Ich war gerade dabei, als du kamst, bin aber noch nicht fertig. Lies einfach mit, dann werden wir das Rätsel schon lösen.“

„Okay!“ Natalie hielt die beiden Seiten so, dass sie gemeinsam daraufblicken konnten, und las:

Liebe Gitte,

ich weiß, es ist viele Jahre her … Dennoch bezweifle ich nicht, dass Du Dich noch an mich erinnerst. Und ich hoffe, nicht nur voller Ärger oder Bedauern, sondern – vielleicht, manchmal, hoffentlich! – auch in Zuneigung. Ich bin’s, Matty. Deine Schulfreundin (und jahrelang sogar beste Freundin) Mathilde.

Aus irgendeinem Grund muss ich seit Weihnachten immer wieder an Dich denken und nehme dies jetzt zum Anlass, Dir zu schreiben.

Sag, wie geht es Dir? Ich hoffe sehr, Du bist wohlauf und noch nicht allzu sehr geplagt von den Zipperlein unseres zunehmenden Alters. Vielleicht erfreust Du Dich ja auch schon an ersten Enkelkindern? Ich zumindest bin Großmutter (zweifache, das dritte Enkelkind hat sich gerade angekündigt), sehe die Kleinen aber längst nicht so oft, wie ich es gern hätte. Meine beiden Kinder leben sozusagen am anderen Ende Irlands, und seit knapp einem Jahr lebt auch Jonathan nicht mehr zu Hause. Nach einem Schlaganfall braucht er ständige Pflege, die ich ihm daheim zu meinem größten Bedauern nicht bieten kann, und wohnt deshalb im Pflegeheim. Ein Zustand, der hoffentlich nicht mehr von langer Dauer sein wird …

Aber hier plappere ich Dir schon wieder die Ohren voll mit meinen Problemen – genau wie früher, als ich Dich oft kaum zu Wort kommen ließ –, obwohl mir eigentlich etwas ganz anderes auf dem Herzen liegt: Ich würde unsere alte Freundschaft gerne „zu neuem Leben erwecken“. In unseren Teenie-Jahren haben wir alles miteinander geteilt – und damit meine ich nicht nur Freud und Leid und erste Schwärmereien, sondern auch die Hausaufgaben, den Inhalt unserer Kleiderschränke, ganze Tafeln Schokolade und ungezählte Nachtstunden, die wir mit Quasseln statt Schlafen verbrachten … Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir ganz warm ums Herz, und ich kann einfach nicht begreifen, wie ich den Kontakt zu Dir derart vernachlässigen konnte.

Egal, was damals vorgefallen ist – wir haben uns doch ausgesprochen, so gut das möglich war, oder? Wir haben unseren Zwist beigelegt und dennoch schon bald darauf den Kontakt wieder aufgegeben. Ich glaube, es war kurz nach Deiner Hochzeit, als wir das letzte Mal voneinander hörten.

Aus heutiger Sicht bedaure ich das von ganzem Herzen und bitte Dich inständig: Können wir diese „mageren Jahre“ ab sofort hinter uns lassen und unsere Freundschaft wieder neu beleben? Können wir – schriftlich oder noch besser persönlich – miteinander kommunizieren und wieder teilhaben am Leben der jeweils anderen?

Ich würde mich unsagbar freuen, wenn Du auf diesen Vorschlag eingehst, Gitte, und erwarte voll Sehnsucht Deine Antwort! Hier noch meine E-Mail-Adresse, damit ich nicht allzu lange darauf warten muss: [email protected]

In Liebe, Deine Freundin (?) Matty

Schweigend ließ Natalie sich in den Sessel in der Zimmerecke sinken. Was für ein Brief – wenn man bedachte, dass seine Empfängerin vor ein paar Wochen gestorben war!

Ihr Vater räusperte sich, ehe er bedächtig anmerkte: „Ich glaube, jetzt erinnere ich mich: Mama hat gelegentlich zwar nicht von einer Matty, aber doch von einer Mathilde gesprochen. Allerdings ist das Jahre her. Könnte durchaus sein, dass es kurz nach unserer Hochzeit war und damit genau so, wie Mathilde schreibt. Wie traurig, dass der Brief erst jetzt eintrifft!“

„Denkst du denn, Mama wäre darauf eingegangen? Meinst du, ihr lag noch etwas an dieser Freundschaft?“

„Ich vermute schon. Du weißt doch, sie lebte am liebsten mit allen Menschen in Frieden. Gewiss hätte sie niemandem eine solche Bitte abgeschlagen.“

„Richtig.“ Natalie überlegte. „Hast du denn auch eine Ahnung, um was es sich bei diesem Streit – oder Zwist, wie Mathilde es nennt – handelte?“

„Keine Ahnung. Falls Brigitte das je erwähnt hat, habe ich es wohl vergessen.“ Müde fuhr sich Michael Breuer mit der Hand über die Stirn, und Natalie bemerkte die tiefen Furchen, die sich im Lauf der letzten Wochen dort eingegraben hatten. Konnte es sein, dass ihr Vater mit einem Mal so sichtbar gealtert war? Auch sein Haar war nicht länger silbrig-grau, sondern richtiggehend weiß …

„Nun ja, jetzt brauchst du dir jedenfalls nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen“, tröstete Natalie. „Und ich meine, du brauchst dich auch nicht verpflichtet zu fühlen, diese Nachricht zu beantworten. Nicht nach all den Jahren.“

„Das tue ich aber, im Sinn deiner Mutter!“

„Dann lass mich das für dich erledigen, ja? Ich möchte nicht, dass du dich auch noch damit belastest.“ Mühsam wendete Natalie ihren Blick vom bekümmerten Gesicht ihres Vaters ab.

„Das weiß ich zu schätzen, Liebes. Danke!“

„Schon gut, Papa. Und jetzt lass uns aufbrechen, ehe es ganz dunkel ist.“

„In Ordnung.“ Mit einem unterdrückten Seufzer reichte Natalies Vater ihr den Brief und löschte seine Schreibtischlampe. Seite an Seite verließen die beiden den Raum.

Noch am selben Abend schickte Natalie per Mail ihre Antwort an Mathilde, die vor vielen Jahren mit ihrer Mutter zur Schule gegangen war, diese Gitte genannt hatte und heute offenbar in Irland lebte.

Kapitel 2

Ich wünsche dir die zärtliche Ungeduld des Frühlings,

das milde Wachstum des Sommers,

die stille Reife des Herbstes

und die Weisheit des erhabenen Winters.

Irischer Segen

Was für ein Morgen!

Sonnenschein durchdrang die grün gemusterten Vorhänge ihres Schlafzimmers, und eine milde Brise strich durch das Fenster, das eine Handbreit offen stand. Matty gähnte und streckte sich wohlig. Dank des milden Golfstroms hier im Süden Irlands konnte sie sogar in einer Winternacht bei offenem Fenster schlafen, ohne sich eine Erkältung einzufangen. Wobei es mit dem Winter für dieses Jahr endgültig vorbei zu sein schien: Die Märzluft war nicht nur salzhaltig und mild, sondern roch nach feuchter Erde, nach Wachstum, Frühling und Sonnenschein über dem glitzernden Wasser der Bucht …

Gut gelaunt tastete die Vierundfünfzigjährige nach dem Wecker auf ihrem Nachttischchen, griff stattdessen aber in das warme, wollige Fell ihres Hundes. Wie immer hatte der Neufundländer auf dem Bettvorleger geschlafen und war, als sein Frauchen sich regte, schwanzwedelnd aufgesprungen. Nun legte er seinen großen runden Kopf auf die Bettkante und hechelte Matty auffordernd an.

„Schon gut, Captain Noah, ich hab ja verstanden: Du musst raus. Aber bitte behalte deinen morgenfrischen Atem für dich und lass mich stattdessen die Frühlingsluft genießen. Ist schließlich der erste sonnige Morgen seit Wochen!“

Noch während sie sprach, verdrehte Matty die Augen über sich selbst. Da redete sie nun mit ihrem Hund, als erwarte sie ernsthaft eine Erwiderung von ihm! Sie lebte einfach schon zu lange allein in ihrem Cottage – und selbst nach zehn Monaten im Pflegeheim war noch nicht abzusehen, ob Jonathan jemals wieder bei ihr zu Hause leben konnte. Doch von dieser Ungewissheit würde sie sich ganz gewiss nicht den ersten richtigen Frühlingstag verderben lassen!

Mit wenigen Schritten war Matty am Fenster, schob die Vorhänge beiseite und genoss den Ausblick: Nur vereinzelt zierten Wolken den Himmel und unterstrichen damit sein makelloses Blau sowie das frisch aufkeimende Grün auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht. In der Ferne grüßten dort die Gipfel der Macgillycuddy Reeks, nachdem sich die Bergkette wochenlang im Dunst verborgen hatte, und unmittelbar unterhalb des Schlafzimmerfensters entrollte ein riesiger verwilderter Farn die ersten zartgrünen Triebe. Verborgen im immergrünen Laub der Stechpalme, der Namensgeberin von Holly Cottage, flötete eine Amsel. Bestimmt sang sie ein Loblied auf den Schöpfer dieses wundervollen Frühlingstages!

Auch Matty hatte ein fröhliches Lied auf den Lippen, als sie schließlich Captain Noahs Drängen nachgab, mit ihm nach unten ging und ihn durch die Küchentür in den Garten entließ. Doch ehe sie ihre erste Tasse Tee gekocht hatte, stand der Hund schon wieder vor ihr und schaute sie mit großen Augen an. Bittend zupfte er an ihrem Hosenbein, lief weiter in den Flur und setzte sich schwanzwedelnd vor die Garderobe, an der Mattys Neoprenanzug hing.

„Du hast es aber eilig, ins Wasser zu kommen. Aber ich warne dich, Captain: Noch ist es eisig!“, neckte Matty lachend. Und vergeblich, denn natürlich würde sich der junge Neufundländer auch heute voller Freude in die Wogen stürzen, wie er es bereits den ganzen Winter über getan hatte – und wie auch sie selbst es wieder tun würde, sobald die Wassertemperatur um zwei, drei Grad angestiegen war. Schon gleich zu Beginn ihrer Ehe mit Jonathan war ihr gemeinsames morgendliches Schwimmen in der Bucht zu einem Ritual geworden, mit dem sie nur für wenige Wochen im Winter auszusetzen pflegten und das Matty auch nach Jonathans Schlaganfall weiter ausübte. Begleitet von Captain Noah selbstverständlich. In Anbetracht des Sonnenscheins heute Morgen konnte sie es tatsächlich kaum erwarten, selbst wieder zu spüren, wie die kalten Fluten sie umspülten und davontrugen …

Eine halbe Stunde später, nachdem Matty ihr Frühstück genossen und sich umgezogen hatte, machten sie und Captain Noah sich endlich auf den Weg zum Strand. Von dem Wintergarten aus, den Jonathan und Matty erst vor zehn Jahren hatten anbauen lassen, zog sich die Hauszufahrt in Serpentinen durch den verwilderten Hanggarten. Matty passierte das ehemalige Hühnergehege, unbeschnittene Büsche und Grünflächen, die mehr aus Moos denn aus Rasen bestanden. Am unteren Ende des Hanges traf der Schotterweg auf die Straße, wo soeben ein Geländewagen angerollt kam.

Der Fahrer, Conor McGarvey, war Redakteur der kleinen Lokalzeitung und gleichzeitig ihr Nachbar: Sein Cottage befand sich ein Stück die Straße hinunter, unmittelbar an Mattys Grundstücksgrenze. Dem Zustand seines Wagens nach zu urteilen – Schlammspritzer bis hinauf zur Heckscheibe – hatte Conor den gestrigen Sonntag wieder einmal irgendwo in den Hügeln verbracht, vermutlich mit einer Angel in der Hand am Ufer eines sprudelnden Baches.

„Guten Morgen, Conor“, grüßte Matty, als der Wagen neben ihr anhielt. Wie üblich ließ der Redakteur das Fenster hinunter, um den Gruß zu erwidern, und wie üblich warf Captain Noah sich übermütig gegen die Wagentür, stemmte seine Pfoten in die Fensteröffnung und leckte genüsslich Conors gebräunte Hand.

„Aber Captain Noah, willst du wohl … ab mit dir!“, schimpfte Matty. „Entschuldige, Conor, mein Riesenbaby von Hund ist heute noch ungestümer als üblich. Wahrscheinlich ist ihm die Frühlingssonne zu Kopf gestiegen. Moment, ich befreie dich von dem Ungeheuer.“

Sie griff nach dem Halsband ihres Hundes, den ihre Schelte herzlich wenig kümmerte. Statt seine Pfoten aus dem Fenster zu nehmen, ließ er sich von Conor ausgiebig hinter dem Ohr kraulen. „Schon gut, Matty, lass ihn nur!“, wehrte Conor ab. „Ich verstehe ihn nur allzu gut. An einem Tag wie heute tut es ja fast körperlich weh, wie ein vernünftiger, pflichtbewusster Mensch an die Arbeit zu gehen. Am Schreibtisch in einem dumpfen Raum zu sitzen, statt sich den Frühlingswind um die Nase wehen zu lassen.“

„Wie wahr! Aber dafür hattest du ein vergnügliches Wochenende in der Natur, wie es scheint.“ Lächelnd deutete Matty auf das Heck seines Wagens.

„Stimmt. Ich war oben am Healy Pass und am Lough Cloonee zum Angeln.“ Conor deutete auf die Hügel hinter Mattys Haus. Sie wusste, dass er sich nicht weiter zu diesem Thema äußern würde. Was sein Privatleben anging, war Conor McGarvey stets sparsam mit Informationen. Wo Matty nun berichtet hätte, wie das Wetter dort oben gewesen war oder wie viele Fische sie tatsächlich an der Angel gehabt hatte, schwieg Conor sich beharrlich aus.

„Und du bist schon wieder unterwegs zum Schwimmen?“, gab er stattdessen die Frage zurück.

„Offen gestanden, ich habe mit dem Gedanken gespielt, ihn aber doch wieder verworfen. Zwei, drei Tage gebe ich dem Frühling noch Zeit, das Wasser zu erwärmen, und lasse den Captain bis dahin lieber allein baden gehen. Im Alter wird man eben doch empfindlicher, daran ändert auch der beste Neoprenanzug nichts!“ Matty grinste und fügte erklärend hinzu: „Es reicht schon, dass im Pflegeheim die Grippe umgeht, da will ich nicht auch noch eine Erkältung oder Ähnliches riskieren.“

„Verstehe“, nickte Conor. „Aber Jonathan ist noch davon verschont geblieben?“

„Das ist er – und ich hoffe und bete, dass es auch so bleibt.“

„Dann hoffe ich mit dir. Und richte ihm bitte herzliche Grüße von mir aus, wenn du ihn nachher siehst.“

Einen Augenblick lang spürte Matty Conors mitfühlenden Blick auf sich ruhen. Was er wohl in ihr sah? Eine von Wind, Wetter und den Jahren faltig gewordene, rundliche Mittfünfzigerin, deren Kummer um ihren Mann ihre einst schwarzen Locken silbergrau gefärbt und zusätzliche Falten in ihr Gesicht gegraben hatte und die nun ein einsames, untätiges Leben fristete? Vor seinem Schlaganfall war ihr Mann ein engagiertes Mitglied der Dorfgemeinschaft gewesen, und sein Schicksal – seine absolute Pflegebedürftigkeit – ließ kaum jemanden unberührt. Ihn, den kräftigen, vor Gesundheit strotzenden Iren, der bei nahezu jeder Witterung und Temperatur im Atlantik geschwommen war, im Rollstuhl zu wissen, war harter Tobak für die Menschen in seinem Umfeld. Selten verging ein Tag, an dem Matty nicht eine besorgte Frage nach seinem Wohlergehen beantworten musste oder vielsagende, mitleidige Blicke auf sich zog.

„Nun denn – hab einen schönen Tag, Matty!“, bemerkte Conor abschließend und schob Captain Noahs Pfoten aus dem Wagenfenster, um weiterzufahren.

Auch Matty setzte ihren Weg fort. Sie überquerte die schmale, von knospenden Fuchsienbüschen gesäumte Straße und nahm den steilen Trampelpfad direkt hinunter zum Wasser. Schon wichen die Büsche und Bäume feuchtem, mit Tang überzogenem Felsgestein, und schließlich eröffnete sich vor ihr die See.

Mit einem liebevollen Blick umfasste Matty das vertraute Bild: Kenmare Bay, eine tief eingeschnittene Bucht, im Süden gesäumt von der Beara-Halbinsel, zu der auch Mattys Anwesen Holly Cottage gehörte, und im Norden von der Halbinsel Iveragh. Im östlichen Scheitelpunkt der Bucht schmiegten sich die bunten Häuser des Städtchens Kenmare an die grünen Hügel, und im Westen erstreckte sich der offene Atlantik. Ebenfalls im Westen, aber keine zwanzig Meter von Matty entfernt, lag das Bootshaus mit seinem gemauerten Pier samt Anlegestelle, das sich seit Generationen im Besitz von Jonathans Familie befand. Ebenso wie die kleine Insel in der Mitte der Bucht, die aus nichts als Wald und Fels zu bestehen schien und doch so viele wunderschöne, geheimnisumwitterte Plätze in sich barg. Fairy Island, die Feeninsel, hatten ihre Kinder das winzige Eiland genannt, als sie noch klein gewesen waren und nichts Vergnüglicheres kannten, als sich zwischen Eichenwurzeln und Rhododendronbüschen kleine Behausungen zu bauen.

In messerscharfer Klarheit zeichnete sich jede dieser Einzelheiten in der hellen Frühlingssonne ab – von den steilen grünen Berghängen auf Iveragh über die knospenden Baumspitzen und Felsbrocken der Feeninsel bis hin zur spiegelglatten blaugrauen Wasserfläche der Bay.

Matty blinzelte. Seit mehr als dreißig Jahren lebte sie nun in der Bucht, und noch immer gab es Tage, an denen die Schönheit dieses Ortes sie schlicht überwältigte.

„Glücklich ist die Seele, die von einem Blick auf Gottes Größe in Staunen versetzt worden ist“ – dieses Zitat von A. W. Pink hatte sie neulich gelesen, und genau diese Art von Glück durchdrang sie heute. Daneben verblasste selbst die Angst davor, dass Jonathan zusätzlich an Grippe erkranken könnte. Hatte ihr großer Gott nicht schon so oft in ihrem Leben eingegriffen? Trotz seines Schlaganfalls war Jon, ihr Gefährte seit so vielen Jahren, noch an ihrer Seite. Sie konnte ihn täglich sehen, berühren und – in begrenztem Maße – auch mit ihm sprechen …

Unfassbare Dankbarkeit durchströmte Matty, bis ein lautes Platschen sie in die Gegenwart zurückholte. Captain Noah. In Windeseile war er über die bei Ebbe freiliegenden Felsen geschlittert und ins Wasser gesprungen. Auffordernd bellte er nun in Mattys Richtung.

„Auf mich kannst du lange warten, Captain“, rief sie ihm lachend zu. „Hier, nimm das!“

Schwungvoll warf sie ihrem Hund ein Stück Treibholz zu, und dieser ließ sich nicht lange bitten. Voller Begeisterung nahm er Kurs auf das Treibgut, um es aus dem Meer zu „retten“.

Das Pflegeheim lag etwas außerhalb von Kenmare, umgeben von Rasenflächen und einem kleinen Park. Jetzt, am frühen Nachmittag, waren die Wege und Bänke des Parks noch wie ausgestorben, aber bei diesem Sonnenschein würden sie vermutlich schon bald bevölkert sein von den Heimbewohnern und deren Besuchern.

Auch Jonathan liebte es, wenn Matty seinen Rollstuhl durch den Park schob, möglichst bis zu der Bank unter dem hundert Jahre alten Lebensbaum. Der Baum war ein Riese mit rotbrauner, borkiger Rinde, und auf Kopfhöhe teilte sich sein gewaltiger Stamm in zwei schmalere Stämme – kurzum, er war der bemerkenswerte Hauptdarsteller in dem eher bescheidenen kleinen Park. Anfangs, als es ihrem Mann noch etwas schlechter gegangen war als heute, hatte dieser oft seinen Kopf in den Nacken gelegt, soweit die Lähmung es zuließ, und düster schweigend in das Immergrün der Zweige über sich gestarrt. Matty hatte mit ihm geschwiegen, so schwer es ihr auch gefallen war.

Jonathan litt nach seiner Hirnblutung nicht nur unter einer halbseitigen Lähmung, sondern auch unter massiven Sprach- und Schluckstörungen. Letztere waren der Grund dafür, dass er sich nicht mehr auf natürliche Weise ernähren konnte und dass man ihm eine Magensonde gelegt hatte, die wiederum der Hauptgrund für seine Unterbringung im Pflegeheim war. Jonathan weigerte sich rundheraus, mit seiner Frau zusammenzuleben, solange er auf so drastische Weise eingeschränkt und auf fachkundige Hilfe angewiesen war. Matty blieb nichts anderes übrig, als ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Als Ausgleich verbrachte sie so viel Zeit wie möglich bei ihm im St.-Brigid-Pflegeheim, im Hinterkopf stets die Hoffnung, dass Jonathans Zustand nicht von Dauer sein würde. Immerhin waren die Lähmungserscheinungen inzwischen minimal zurückgegangen und er konnte ein paar Worte sprechen.

Mit einem eiligen Gruß passierte Matty die Eingangspforte. Sie wollte bei ihrem Mann sein, wenn er vom Mittagsschlaf erwachte, um den Rest des Tages mit ihm zu verbringen. Wider Erwarten lächelte Jon ihr schon vom Rollstuhl aus entgegen, als sie sein Zimmer betrat.

Matty erwiderte sein Lächeln, das eigentlich nur noch ein halbes war. War es möglich, dass sich heute der Mundwinkel der gelähmten linken Gesichtshälfte mit angehoben hatte, oder war das pures Wunschdenken? Sie beugte sich zu ihm hinab und küsste ihn liebevoll.

„Was hältst du davon, gleich in den Park zu gehen, Jon? Die Sonne scheint so warm, dass ich heute Morgen am Strand schon richtige Frühlingsgefühle bekommen habe. Und den Captain musste ich geradezu aus dem Wasser zerren, sonst würde er vermutlich jetzt noch darin herumpaddeln.“

„Ger-ne!“, gab Jonathan mühsam zurück. Dann deutete er mit einer kaum merklichen Kopfbewegung auf den Tablet-PC auf seinem Tisch.

„Du willst ihn mitnehmen? Okay!“, deutete Matty seine Geste. Sie half ihrem Mann in die Jacke, setzte die Tweedkappe auf sein spärlich gewordenes rotblondes Haar und verstaute das Tablet in ihrer Handtasche.

„Dann mal los!“ Schwungvoll schob sie den Rollstuhl zum Aufzug und kurz darauf ins Freie. An Jons Lieblingsplatz unter dem Lebensbaum machte sie Halt. Sie platzierte das Tablet behutsam in seinem Schoß und blickte ihn erwartungsvoll an. Seit Neuestem waren die beiden dazu übergegangen, längere Unterhaltungen mithilfe des Tablets zu führen. Das hieß, Matty sprach und Jonathan tippte seine Gesprächsbeiträge einhändig auf den Bildschirm. Auf diese Weise musste Matty nicht länger allein die Unterhaltung bestreiten, und Jonathan besaß trotz seiner sprachlichen Einschränkungen wieder die Möglichkeit, seine Gedanken – und damit ein gutes Stück Leben – mit ihr zu teilen.

Hast du mittlerweile von Gitte gehört?, tippte er. Sein Zeigefinger zitterte leicht und landete gelegentlich auf dem falschen Buchstaben. Dennoch hörte Jonathan erst auf zu schreiben, als seine Frage fehlerfrei auf dem Bildschirm stand.

„Nein, leider nicht. Dabei habe ich den Brief bereits vor drei Wochen abgeschickt. Meinst du, sie ist mir immer noch böse?“

Das glaube ich kaum. Sie war doch immer so gutmütig, deine Gitte!

„Schon. Nichtsdestotrotz mache ich mir so meine Gedanken. Irgendeinen Grund für ihr Schweigen muss es doch geben.“

Sicher, und zwar einen ganz banalen. Vielleicht hat sie einfach noch keine Zeit gefunden, deinen ellenlangen Brief entsprechend zu beantworten. Denn so, wie ich meine gesprächige Frau kenne, war er das mit Sicherheit …

„Mag sein.“ Ohne auf seine Neckerei einzugehen, runzelte Matty die Stirn. Dieser Gedanke war ihr noch gar nicht gekommen, aber sicher hatte Jonathan recht: Es gab keinen Anlass, tiefere Gründe in Gittes bisheriges Schweigen hineinzuinterpretieren.

Halbwegs beruhigt wechselte Matty das Thema. „Heute Morgen bin ich Conor McGarvey über den Weg gelaufen. Er hat doch tatsächlich vermutet, ich gehe zum Schwimmen, kannst du dir das vorstellen?“

Vielleicht wollte er dich nur aufziehen. Du weißt doch, dass unsere lieben Mitbürger sich schon immer ein wenig darüber lustig gemacht haben. Jedenfalls ist es fürs Schwimmen selbst für dich noch etwas zu früh im Jahr!

„Keine Sorge, dessen bin ich mir bewusst. Vor allem, nachdem ich vorhin – probeweise, versteht sich – mit den Füßen schon mal die Wassertemperatur gemessen habe.“

Du bist wahrhaft unverbesserlich, Matty!

„Ich weiß. Gerade deshalb liebst du mich ja so sehr.“ Matty lächelte. Es war eine echte Wohltat, sich wieder vernünftig mit ihrem Mann unterhalten zu können, nachdem sie sich monatelang mit (oft buchstäblich) einsilbigen Antworten hatte begnügen müssen. Und noch besser war es, dabei zu spüren, dass Jonathan bei allen körperlichen Einschränkungen immer mehr zurück zu seinem alten, humorvollen Wesen fand.

Natürlich, mein Schatz! J Aber ernsthaft, Matty: Du solltest dir noch ein anderes Hobby zulegen als nur das Schwimmen. Es gefällt mir nicht, dass du ständig nur untätig mit mir herumsitzt!

„Mir gefällt es aber!“, widersprach Matty, „ich bin nun mal am liebsten hier bei dir.“

Doch Jonathan tippte unbeirrt weiter: Trotzdem brauchst du noch eine andere sinnvolle Beschäftigung. Irgendeine Tätigkeit, in die du deine ungenutzten Energien steckst. Wie wäre es mit Handarbeiten – Stricken zum Beispiel?

„Stricken?“, echote Matty düster. „Du wirst es kaum glauben, aber das habe ich tatsächlich schon einmal versucht. Siehst du Mrs Donovan dort drüben auf der Bank? Und den seltsamen bunten Lappen, der in ihrem Schoß liegt und eigentlich mal eine Decke werden sollte? Daskommt dabei heraus, wenn deine Frau strickt, mein lieber Jon – und wenn die gute Mrs Donovan nur ein wenig besser sehen könnte, würde sie sich hüten, den scheußlichen Lappen überhaupt zu benutzen!“

Jonathans Blick folgte Mattys hinüber zu seiner Mitbewohnerin Mrs Donovan. Ein unmissverständliches „O weia“ kam über seine Lippen, und seine Mundwinkel zuckten synchron in die Höhe.

„Lach du nur!“, beschwerte sich Matty. „Ich sage doch, dass ich bei Handarbeiten zwei linke Hände habe.“

In dem Fall muss ich dir wohl recht geben, Schatz! Aber es gibt noch so viele andere Möglichkeiten: segeln, surfen, wandern, Kuchen backen für wohltätige Zwecke … Du könntest dir auch einen Teilzeitjob suchen. Vielleicht würde Conor McGarvey dich ja stundenweise für Schreibarbeiten einstellen.

„Ich fürchte, mit einem Job hätte ich viel zu wenig Zeit für dich, Jon.“ Matty nahm Jonathans gelähmte Hand in ihre und streichelte sie liebevoll.

Nein, das denke ich nicht. Versprich mir wenigstens, ernsthaft darüber nachzudenken, Matty, in Ordnung? Und jetzt fahr mich bitte hinüber zu Mrs Donovan. Gegen ein Schwätzchen mit dir hat sie sicher nichts einzuwenden – und ich kann unterdessen in aller Ruhe dein Meisterwerk bewundern!

Mit einem schicksalsergebenen Seufzer erfüllte Matty den Wunsch ihres Mannes. Das war in der Tat ihr alter Jon …