Im Nebel der Entscheidung - René Burkhard - E-Book

Im Nebel der Entscheidung E-Book

René Burkhard

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Beschreibung

Peter steht an einem Wendepunkt seines Lebens. Nach einem Burnout, der ihn aus der Bahn geworfen hat, beginnt er, seine Geschichte aufzuschreiben; um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Zwischen Zürich und Neu Delhi, zwischen einer langjährigen Ehe und einer neuen Liebe, zwischen familiärer Verantwortung und persönlicher Sehnsucht beginnt eine Reise, die ihn verändert. Die Nähe zu Andrea bringt Hoffnung und neue Kraft. Doch die Liebe zu seiner Frau ist noch da , ebenso wie die tiefe Bindung zu seinen Kindern Melanie und Silvio. Ihre Wärme, ihre ehrlichen Fragen und ihr Wunsch nach Zusammenhalt machen Peters Entscheidung nicht leichter. Im Nebel seiner Erschöpfung fällt es ihm schwer, den richtigen Weg zu erkennen. Erst als wieder Licht sichtbar wird, beginnt er zu verstehen, was es heißt, wirklich anzukommen. Die erste Ausgabe dieses Romans unter dem Titel Peter sucht das Glück erschien 2022. Durch persönliche Erfahrungen, neue Einsichten und die Weiterentwicklung der Geschichte ist nun eine überarbeitete Neuauflage mit den Namen Im Nebel der Entscheidung entstanden, tiefgründiger, klarer und noch näher am Leben. Es ist ein lebensnaher Roman über innere Zerrissenheit, über das Ringen mit Entscheidungen und über die stille Hoffnung, dass ein neues Zuhause dort entstehen kann, wo man sich wirklich gesehen fühlt. ist ein lebensnaher Roman über innere Zerrissenheit, über das Ringen mit Entscheidungen und über die stille Hoffnung, dass ein neues Zuhause dort entstehen kann, wo man sich wirklich gesehen fühlt.

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Seitenzahl: 677

Veröffentlichungsjahr: 2025

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René Burkhard

René Burkhard, geboren am 13. Februar 1958 in der sanft-hügeligen Landschaft des Zürcher Unterlands, ist ein Geschichtenerzähler mit Gespür für das Leise, das Menschliche, das Wesentliche. Seine Kindheit im ländlichen Raum hat ihn früh geprägt – nicht durch große Gesten, sondern durch die kleinen Beobachtungen am Rand: das Flüstern des Windes über den Feldern, das Schweigen zwischen zwei Sätzen, das Vergehen der Jahreszeiten als innerer Rhythmus.

Viele Jahre lang war René Burkhard als Lehrer tätig – ein aufmerksamer Begleiter Jugendlicher auf ihrem Weg in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Welt. Er unterrichtete im Bereich Wirtschaft und Gesellschaft, vermittelte nicht nur Wissen, sondern Haltung – mit wachem Blick und einem Gespür für Zwischentöne.

In den herausfordernden Jahren der Pandemie wagte er einen Neuanfang: Er folgte dem Ruf seiner inneren Stimme, wandte sich konsequent der Literatur zu und eröffnete ein neues Kapitel – nicht nur als Autor, sondern als Erzähler, der Menschen dort berührt, wo Worte bleiben.

Sein literarisches Debüt Peter sucht das Glück war ein einfühlsamer Liebesroman, der die Zerbrechlichkeit menschlicher Nähe mit feiner Sprache und psychologischer Tiefe erkundete. Mit den folgenden Werken – einem leisen Familienroman über generationsübergreifende Bindungen, dem psychologisch dichten Thriller Alpen Tod, und der poetischen Sammlung Leises Sternenflüstern – zeigte Burkhard seine Vielseitigkeit und sein wachsendes literarisches Spektrum.

Doch Peter sucht das Glück ließ ihn nicht los. Mit dem Abstand neuer Erfahrungen und dem Reichtum gewachsener Sprache entschied er sich zu einer Neuauflage – wesentlich tiefsinniger, literarisch gereifter, und emotional noch näher an den Figuren. Die überarbeitete Fassung ist nicht nur eine Rückkehr zum Ursprung, sondern ein neuer Anfang: ein stilles, ehrliches Buch über das Ringen mit Entscheidungen, über das Schreiben als Erkenntnisweg und über die Hoffnung, dass Glück nicht gefunden, sondern gestaltet werden kann.

René Burkhard schreibt mit einer Sprache, die trägt – klar, menschlich, berührbar. Seine Figuren leben nicht auf dem Papier, sie atmen zwischen den Zeilen. Er ist kein Autor, der belehrt, sondern einer, der begleitet. Einer, der nicht laut wird – aber nachhallt.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Am Ende des Weges?

Nicht um zu erklären, sondern um zu überleben

Ein Schritt zu viel – oder genau richtig?

Die Beförderung – und ihre Schatten

Die Stimme, die etwas berührt

Noida und ein Zwinkern

Zwischen Rosen und Schweigen

Ein Kuss, ein Blick, ein Zweifel

Wenn Lehrer verletzen

Ich wollte nur Gerechtigkeit

Ein Duft, ein Geheimnis, ein Versprechen

Nicht verliebt – aber berührt

Was Ehe bedeutet – und was nicht

Die blauen Flecken unter der Haut

Ein Kuss, ein Strauß, ein Zweifel

Vielleicht mehr, als wir wollen

Kein Zurück mehr

Eine Wolke über dem Frühstück

Ein Abschied mit Folgen

Im Herzen des Gewimmels – eine Fahrt ins Unbekannte

Die Nacht die alles veränderte

Zwischen Kuss und Konferenzraum

Ein Ring für die Ruhe

Ein Tag für Begegnungen

Ein Tee, ein Gespräch, ein Zweifel

Indien ist nicht mein Zuhause

Zwischen Verlobungsring und Ehering

Shubhkamnayein – Ein Fest der Begegnung

Vielleicht haben wir etwas falsch gemacht

Zwischen Marmor und Staub

Die Frau meiner Träume, die Mutter ihrer Zweifel

Der Tempel, der uns schweigen ließ

Die Firma, die mich hält – die Liebe, die mich ruft

Das Haus ist leer, obwohl Menschen darin leben

Ich funktioniere, aber ich lebe nicht

Ein Band, das nicht zerreißt

Ich liebe dich, aber du musst gehen

Ein Zuhause, das keines mehr ist

Ein Herz, ein Kind, ein Zuhause

Ich kann nicht zurück, weil ich schon gegangen bin

Ein Abschied, der Raum für Begegnung lässt

Ein Haus voller Licht

Du hast uns wehgetan – und wir wollten dich vergessen

Ein Haus voller Stimmen, ein Herz voller Freude

Zwei Mädchen, zwei Welten, ein Zuhause

Willkommen, Donia & Anja

Weihnachten mit allen Kindern

Nachwort

Vorwort

Peter sucht das Glück erschien erstmals im Jahr 2022 – als mein literarisches Debüt und als Versuch, eine Geschichte zu erzählen, die mich lange innerlich begleitet hatte: die Suche nach Klarheit inmitten von Gefühlen, die sich nicht einfach ordnen lassen. Die Geschichte von Peter, Gisela und Andrea ist keine klassische Dreiecksgeschichte. Sie ist ein stilles Ringen um Nähe, Verantwortung und Sehnsucht. Ein Versuch, das Unausgesprochene in Sprache zu fassen – das Zögern, das Hoffen, das innere Schwanken zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Drei Jahre später, im Herbst 2025, erscheint nun diese überarbeitete Neufassung. Sie ist nicht nur sprachlich gereifter, sondern auch emotional vertiefter. Die Figuren haben sich weiterentwickelt, die Zwischentöne sind klarer geworden, und das Schreiben selbst hat mir geholfen, die inneren Bewegungen besser zu verstehen. Es war mir ein Bedürfnis, dieses Buch noch einmal neu zu erzählen – mit mehr Ruhe, mehr Tiefe und mehr Wahrhaftigkeit.

Beim Schreiben habe ich gelernt, wie kraftvoll Worte sein können, wenn sie nicht nur erzählen, sondern auch tragen. Ich habe erfahren, wie Figuren sich entwickeln, wenn man ihnen Raum gibt – und wie sich zwischen den Zeilen eine Wahrheit zeigt, die manchmal mehr sagt als jede 7. Die Arbeit an diesem Buch war für mich nicht nur ein kreativer Prozess, sondern eine literarische Reifung. Ich habe gelernt, mit Spannung und Stille zu arbeiten, mit Dialog und innerem Monolog, mit Atmosphäre und Struktur.

Diese Geschichte ist nicht autobiografisch, aber sie ist ehrlich. Sie entstand aus dem Wunsch, komplexe Beziehungen mit Respekt und Tiefe darzustellen – ohne Urteil, aber mit Gefühl. Sie ist der Beginn einer literarischen Reise, die ich mit großer Freude fortsetzen möchte.

Ich danke allen, die mich auf diesem Weg begleitet haben – und lade Sie ein, in die Welt von Peter einzutauchen. Eine Welt, in der Glück und Unglück nicht Gegensätze sind, sondern zwei Seiten derselben Wahrheit.

Peter sucht das Glück erzählt von einem Mann, der sich in einer Phase tiefer innerer Zerrissenheit wiederfindet. Zwischen der vertrauten Liebe zu Gisela und der neuen Nähe zu Andrea beginnt er, seine Geschichte aufzuschreiben – nicht als Rückblick, sondern als Versuch, sich selbst zu verstehen. Es ist ein stilles, ehrliches Buch über das Ringen mit Entscheidungen, über das Schreiben als Erkenntnisweg und über die Hoffnung, dass Glück nicht gefunden, sondern gestaltet werden kann

Am Ende des Weges?

In den folgenden Seiten erzählt Peter seine persönliche Geschichte – wie alles begann und welche Wege sie gegangen sind. Seine Erzählung ist zur besseren Unterscheidung kursiv dargestellt.

9. November 2022

Mein Zimmer fühlt sich heute besonders eng an – als würde mich die kleine Zwei-Zimmerwohnung erdrücken. Ich brauche Luft, Abstand, einen Moment für mich. Deshalb bin ich zum Waldrand oberhalb des Waidspitals gegangen, um spazieren zu gehen. Die Bäume stehen kahl da, so leer und verletzlich, wie ich mich fühle. November – der Monat, in dem alles zu sterben scheint. Die Gefühle, die Hoffnung, manchmal sogar das Leben selbst.

Der Nebel legt sich wie ein schwerer Schleier über die Wiese, die Dämmerung schleicht sich heran. Das Licht wird diffus, geisterhaft. Autos wirken plötzlich bedrohlich, wenn sie durch den Nebel brechen. Der Weg vor mir verschwindet langsam, wird unsichtbar. Meine Familie ist zerbrochen, und die Liebe, die ich so dringend brauche, ist weit weg. Wie soll das enden?

Die Kälte beißt in meine Haut, doch sie bringt meinen Körper in Bewegung, lässt mich spüren, dass ich noch lebe. Der Nebel wird dichter, eine Wand aus Grau, die mich umgibt. Schneeflocken fallen sanft auf meine Hände, zerschmelzen sofort – so zerbrechlich wie meine Gefühle. Ich erinnere mich an Indien, an Andrea, wie sie mich in den Arm nahm und küsste. Diese Wärme scheint jetzt so fern.

Der Wind bläst mir die Flocken ins Gesicht, ich sehe nichts mehr – weder vor noch hinter mir. Welchen Weg soll ich wählen? Was ist richtig? Traurigkeit zieht in mir auf, schwer und dunkel. Ich fühle mich zerrissen, verloren in einem Meer aus Gefühlen. Die Ausweglosigkeit schmerzt, weil ich nicht bei der Frau bin, die mir ihre Liebe geschenkt hat. Ist es der richtige Weg, unsere Ehe zu retten? Zweifel nagen an mir.

Der Spaziergang hinterlässt ein unangenehmes Gefühl, als müsste ich mich entscheiden – und doch weiß ich nicht wie. Ich mache mich auf den Rückweg zu meiner kleinen Wohnung an der Rosengartenstraße. Im Kalender sehe ich den Eintrag der letzten Sitzung bei der Eheberatung.

Vor sechs Tagen habe ich mit Gisela telefoniert. Sie sagte, sie brauche Klarheit – warum unsere Ehe am Ende zu sein scheint. Ob Fehler gemacht wurden, die man noch ausbessern kann. Ob wir es schaffen, wieder zueinanderzufinden. Die reformierte Kirche bietet diese Beratung an.

Der Raum war kahl, nur ein Strauß Herbstblumen auf dem Tisch brachte Farbe hinein. Drei Stühle, ein Pult. Frau Huber, die Beraterin, schätze ich auf etwa sechzig Jahre. Ihre grauen Haare und grünen Augen strahlten Ruhe aus. Sie sprach klar: „Herr Sommerhalder, Sie haben Ihre Frau betrogen. Jetzt darf sie sagen, was sie fühlt. Bitte hören Sie zu, ohne zu unterbrechen.“Gisela saß zwei Meter von mir entfernt. Ihre Stimme zitterte, als sie sagte: „Peter hat mir wehgetan, mein Vertrauen gebrochen. Seine Untreue hat tiefe Wunden hinterlassen. Es fühlt sich an, als wäre ein Haus über mir eingestürzt, und ich weiß nicht, ob ich es mit dir wieder aufbauen kann. Mein Wunsch nach einer Familie ist zerbrochen.“

Wut und Sorge kämpften in mir. Fühlte Gisela so? War ich selbst zu sehr in meinem eigenen Schmerz gefangen? Worte fanden sich kaum. Mit leiser, gepresster Stimme antwortete ich: „Es tut mir unendlich leid. Ich kann es mir selbst nicht verzeihen. In mir war so viel Unglück und Enge. Dein Klammern hat mich erdrückt, die Angst, dich zu verlieren, hat mich erstickt. Und ich hatte das Gefühl, die Kinder seien wichtiger als ich.“

Gisela sah mich mit tränengefüllten Augen an: „Das ist nicht so gemeint. Du musst wissen, dass ich Angst hatte, dich zu verlieren. Aber das rechtfertigt nicht, dass du mich betrogen hast. Warum hast du nicht mit mir gesprochen?“

Sie hatte recht. Ich stand da, verloren im Nebel, ohne Pfad. Der Druck auf meiner Brust wurde unerträglich. Ich wollte schweigen, doch ich musste ehrlich sein: „Ja, ich hätte mit dir reden sollen. Es war nicht geplant. Ich habe mich in Andrea verliebt.“

Gisela fand keine Antwort. Frau Huber sagte: „Wir wissen, dass Sie beide daran arbeiten wollen. Lassen wir die Probleme für heute ruhen und sehen uns in zwei Wochen wieder.“

Wir verließen das Gemeindehaus. Draußen war es kühl und neblig. Ich blickte auf den Zürichsee, vermisste die Heimat, die Ruhe, die ich dort fand. Der Blick auf das Wasser war immer ein Moment des Friedens – bevor ich zurückkehrte in die Realität, in die kleine Wohnung an der Rosengartenstraße.

Gisela umarmte mich zum Abschied, legte mir einen Kuss auf die Wange: „Ich wünsche dir gute Besserung. Ich hoffe, es wird bald leichter für dich.

Nicht um zu erklären, sondern um zu überleben

Ich werde mich heute mit Herrn Dr. Keller, meinem Psychiater, treffen. Mein Hausarzt hat mich an ihn überwiesen. Er sagte, er könne mir nicht weiterhelfen und dürfe mir auch keine Antidepressiva verschreiben. Nach der Diagnose, dass ich in einem Burn-out stecke, bestätigte er, was Andrea mir schon gesagt hatte. Zu einem Psychiater zu gehen, war für mich ein Schock. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in so einer Situation landen würde.

Jetzt stehe ich am 2. November vor der Tür seiner Praxis und drücke die Klingel. Ich bin gespannt, wie er sein wird und wie so ein Termin abläuft. Der Mann, der mir die Tür öffnet, ist etwa fünfzig Jahre alt, schlank, mit hellbraunen Haaren und einem freundlichen Gesicht. Er bittet mich herein, bietet mir einen Platz an und setzt sich mir gegenüber. Dann beginnt er mit seinen Fragen. Seine Stimme klingt sympathisch, seine Wortwahl wirkt vertrauenerweckend.

Wer ich bin, was ich bisher gemacht habe, wie es um meine Familie steht – ich erzähle ihm von meiner beruflichen Laufbahn und meiner schwierigen Familiensituation, erläutere die Hintergründe. Danach stellt er mir weitere Fragen, um einzuschätzen, wie stark meine psychische Belastung ist. Er sagt, es sei mehr als ein Burn-out, ich habe eine mittelstarke Depression.

Dann fragt er, ob es noch andere belastende Ereignisse in meinem Leben gibt. Da gibt es einiges, am meisten schmerzt mich der Tod meiner Eltern. Und natürlich meine Ehe, die kurz vor dem Zerbrechen steht. Ich erzähle ihm, was der Grund dafür ist. Er macht sich Notizen und meint, mein Leben sei nicht immer einfach gewesen.

Für mich sei eine Therapie mit Antidepressiva die beste Lösung, sagt er. Er verschreibt mir ein Medikament, das nicht abhängig macht, aber mir helfen soll, mich besser zu fühlen. Ich frage, wie die Tabletten wirken und ob sie Nebenwirkungen haben. Er erklärt, dass bei einer Depression ein Ungleichgewicht oder Mangel an Botenstoffen im Gehirn wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin vorliegt. Das Medikament bringt diese wieder ins Gleichgewicht. Nebenwirkungen könnten leichte Gewichtszunahme und Potenzstörungen sein. Er fragt, ob ich damit Probleme hätte. Ich verneine, da ich gerade keinen sexuellen Kontakt habe.

Er gibt mir das Rezept und sagt, dass die Tabletten allein nicht ausreichen werden, um meine Depression zu lindern. Ich brauche einen geregelten Tagesablauf und tägliche Spaziergänge, um meine Gedanken zu ordnen. Außerdem empfiehlt er mir, einen Bericht über die Geschehnisse zu schreiben. Ich frage, was er damit meint.

„Eine Beschreibung der Ereignisse“, antwortet er.

Ich frage zurück, ob ich nicht lieber eine Geschichte darüber schreiben könne.

Er schaut mich fragend an: „Eine Geschichte dient dazu, jemanden zu unterhalten. Das ist hier nicht das Ziel.“ „Als Kind und Jugendlicher habe ich immer gerne Kurzgeschichten geschrieben. Es hat mir Spaß gemacht. Außerdem führe ich schon lange ein Tagebuch, das wird es mir erleichtern. Ich werde Sie mit meiner Geschichte unterhalten.“

Er lacht und sagt: „Mir ist es egal, wenn Sie lieber eine Geschichte schreiben wollen. Nur wird das viel Zeit kosten. Bringen Sie mir einfach immer den Teil, den Sie geschrieben haben, dann können wir darüber sprechen.“

Wir vereinbaren den nächsten Termin. Ich bin überrascht, wie gut mir das Gespräch getan hat.

Ich komme zurück vom Psychiater. Die Straßen sind grau, mein Kopf leer, mein Körper schwer. Zu Hause stelle ich den Wasserkocher an, greife mechanisch zur Teedose, und während der Dampf langsam aufsteigt, spüre ich zum ersten Mal seit Wochen einen Hauch von Bewegung in mir. Keine Energie – aber ein Impuls.

Ich setze mich ans Fenster. Draußen zieht der November durch die Gassen, aber ich sehe ihn kaum. Ich sehe nur das leere Blatt vor mir. Und plötzlich weiß ich: Ich muss schreiben. Nicht weil ich es will, sondern weil ich es muss.

Das Drama begann am Montag, dem 6. Juni 2022. Ich erinnere mich genau. Es war der Tag, an dem etwas in mir zerbrach – leise, aber endgültig. Sechs Monate sind vergangen, und ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde. Dass ich mich selbst verlieren könnte, obwohl alles um mich herum weiterlief.

Jetzt sitze ich hier, noch mitten im Burnout, noch ohne Klarheit – aber mit einem Stift in der Hand. Also fange ich an zu schreiben. Nicht um zu erklären, sondern um zu überleben

Montag, 6. Juni 2022

Ein normaler Morgen, wie viele andere auch. Ich starre an die weiße Decke, während meine Gedanken unaufhörlich kreisen. Gisela schläft neben mir. Ich sehe sie an und denke an die glücklichen Zeiten, die wir miteinander hatten. Meine Lage fühlt sich an wie ein Gefängnis, ich bin gefangen in einem Räderwerk.

Die letzten zwei Jahre waren geprägt von Schwierigkeiten. Die Corona-Maßnahmen haben unseren Lebensrhythmus durcheinandergebracht. Die Streitereien wurden immer häufiger. Die Arbeit in der Firma wurde stressiger, der neue Chef machte alles noch komplizierter. Auch die Kinder stritten öfter. Seit über zwanzig Jahren sind wir verheiratet. Die Kinder, die Arbeit, das Geld, Covid – all das belastete unsere Beziehung. Die Motivation, den Tag zu beginnen, schwand.

An diesem Morgen denke ich an meinen neuen Chef, der mir das Leben schwer macht. Ich trete aufs Gas, beschleunige den Wagen. Wie sollte es anders sein? Heute wird erstmals eine Radarkontrolle durchgeführt. Ich werde mit zwanzig km/h zu schnell erwischt, und meine Fahrerlaubnis wird sofort entzogen.

Ich rufe Gisela an und bitte sie, mich zur Arbeit zu fahren. Sie hat keine Zeit, will ins Fitnesscenter. Ich weiß, dass es erst um zehn Uhr losgeht und beschließe, es nicht zu erwähnen. Stattdessen gehe ich zur Bushaltestelle, fünfhundert Meter entfernt. Es regnet, und der Wind peitscht mir ins Gesicht. Ich habe keinen Schirm und bin bis auf die Haut nass, als ich in den Bus steige.

Einige Fahrgäste sehen mich amüsiert an. Eine Frau mittleren Alters lächelt und bietet mir ihren Sitzplatz an. Ich nehme dankbar an. Es stellt sich heraus, dass wir in derselben Firma arbeiten. Sie heißt Heidi Keller und ist seit zwei Wochen am Empfang. Ich schäme mich, dass ich sie nie bemerkt habe, entschuldige mich. Sie lächelt nur und sagt, ich hätte sie wohl immer in Gedanken übersehen.

Ich sehe auf die Uhr und merke, dass ich zu spät zum Meeting mit Herrn Meier komme. Ich frage Heidi, wann wir ankommen werden. Sie sagt um 8:15 Uhr. Ich rufe Herrn Meier an. Er ist verärgert, weil er Informationen zum Projekt braucht und um 8:30 Uhr eine Sitzung mit der Geschäftsleitung hat. Ich verspreche, um 8:15 Uhr da zu sein. Er fordert mich auf, mich zu beeilen und beendet das Gespräch.

Heidi erschrickt: „Ist das Ihr Chef, Erich Meier?“

„Ja.“

„Ich hoffe, seine Art wird besser. Ich habe wegen ihm meine letzte Stelle gekündigt.“

„Wie das?“

„Ich war in der letzten Firma für Marketing verantwortlich. Herr Meier hatte mit einem neuen Produkt keinen Erfolg. Ich sagte ihm, es wird schwer, das Produkt zu vermarkten. In der Geschäftsleitung machte man mich für den Misserfolg verantwortlich. Man glaubte ihm, und ich kündigte.“

„Ich heiße Heidi. Es ist schwer, in meinem Alter eine gleichwertige Stelle zu finden. Ich will nicht untätig sein, deshalb habe ich diesen Job angenommen. Hoffentlich finde ich bald etwas Passenderes.“

„Ich bewundere dich. Das würden nicht viele tun. Danke für den Hinweis zu Herrn Meier. Ich muss aufpassen, dass es mir nicht genauso geht.“

Wir unterhalten uns noch über die Arbeit. Kurz darauf kommen wir an.

Ich gehe zu Herrn Meier.

Er beginnt sofort mit Vorwürfen: „Ich habe mir das Projekt angesehen. Einige wichtige Aspekte fehlen. Der Bezahlvorgang ist abgeschlossen, aber die Kontrolle, ob der Kunde bezahlt hat, fehlt. Die Schnittstelle zur Zentrale ist unklar. Wie soll ich das der Geschäftsleitung präsentieren?“

Mein Blut kocht, meine Hände zittern. Zornig sage ich: „Herr Meier, alles ist vorhanden. Die Abläufe sind im Schema ersichtlich, alle Programmierschritte detailliert beschrieben. Wir hatten einen Testlauf, der Kunde war beteiligt. Ihre Vorwürfe sind unbegründet und zeugen von Inkompetenz. Ich habe Ihnen gestern vorgeschlagen, mich zur Sitzung mitzunehmen. Sie hielten das für unnötig. Es ist jetzt 8:30 Uhr, Sie sollten zum Meeting!“

Sein Gesicht wird rot. Er schreit: „Wie kommen Sie dazu, mich inkompetent zu nennen? Das wird Folgen haben!“

Ich sage kein Wort mehr und verlasse das Büro.

An meinem Arbeitsplatz bespreche ich mit den Mitarbeitern den Testlauf. Wir sind uns einig, dass alles in Ordnung ist. Mein Chef meldet sich nicht mehr an diesem Tag. Wir arbeiten noch an der Verknüpfung zur Marktforschung, dann ist der Tag vorbei.

Zu Hause erwarten mich die Kinder. Silvio sagt aufgeregt: „Papa, ein Paket für dich liegt auf dem Tisch.“

Ich nehme es später in die Hand. Der Absender: Glücksfactory in Zürich. Ich habe nichts bestellt. Im Paket sind ein Brief und ein Tütchen mit Pulver. Im Brief steht, ich gehöre zu einer Zielgruppe, die an einem Versuch teilnehmen kann. Das Pulver soll vor dem Schlafen auf die Kopfhaut aufgetragen werden und ein Glücksgefühl hervorrufen.

Ich rieche daran. Der Geruch ist unangenehm. Silvio schaut gespannt, wie ich reagiere. Es wird mir sofort klar, dass die Kinder das Paket für mich gemacht haben. Es ist lieb gemeint, aber es macht mich auch traurig. Haben sie schon gemerkt, wie sehr ich mit meinem Leben kämpfe?

Später kommt Gisela von der Arbeit. Sie lächelt, als sie das Paket sieht. Sie hat das Begleitschreiben gelesen und hofft, das Pulver hilft. Ich antworte: „Es wäre gut, wenn es auch ein Mittel gäbe, das meinen Chef verschwinden lässt.“

Gisela sieht mich verwundert an und will wissen, was los ist. Ich erzähle ihr vom Morgen und wie ich meinen Zorn nicht zügeln konnte. Er hat mir Konsequenzen angedroht. Sie sagt, wir werden das schon schaffen und dass es Schlimmeres gibt.

Ich frage sie, wie ihr Tag war. Sie erzählt, dass sie viele Scheidungsanträge bearbeiten muss und oft morgens arbeitet, um alles zu schaffen.

Nach dem Abendessen sehen wir eine Quizshow im Fernsehen. Es ist 22 Uhr, wir bereiten uns auf die Nacht vor. Im Bad bringt mir Silvio das Pulver und sagt, ich soll es nicht vergessen einzureiben. Ich tue ihm den Gefallen und reibe es in die Haare.

Der Geruch ist nicht nur unangenehm, sondern es juckt auch auf der Kopfhaut. Ich höre die Kinder flüstern: „Hoffentlich wird Papa bald wieder so wie früher.“

Ich liebe meine Kinder. Wie konnte ich nur so unzufrieden sein?

Kaum liege ich neben Gisela im Bett, sagt sie: „Hast du dir WC-Reiniger in die Haare geschmiert? Das stinkt ekelhaft.“

„Die Kinder sind schuld.“

„Wenn das so ist, solltest du dir Gedanken machen, warum sie so etwas tun.“

Sie hat recht. Ich bin zu traurig, um darüber zu reden. Ich will nur schlafen, obwohl mein Kopf vom Pulver kribbelt.

Hätte ich damals gewusst, was ich im Traum erleben würde, wäre ich besser wach geblieben.

Nach dem Einschlafen beginnt mein Albtraum – ein seltsamer Traum.

Ich bin allein in einer Wohnung an der Langstraße. Sie ist nach meinen Wünschen eingerichtet. Im Wohnzimmer steht eine geniale Stereoanlage mit meinen Lieblingsplatten. Das Schlafzimmer hat ein großes Wasserbett.

Eine dünn bekleidete Frau mit langen braunen Haaren erscheint. Sie wirkt merkwürdig.

Sie sagt: „Das war eine heiße Nacht mit dir.“

Ich antworte: „Ich erinnere mich nicht daran.“

Sie sagt: „Du hast ständig Koks genommen und konntest nicht aufhören. Der Preis beträgt fünfhundert Franken.“

Alles wirkt seltsam. Gisela und die Kinder sind spurlos verschwunden. Ein Brief auf dem Tisch stammt von der Glücksfactory. Sie sagen, ich kann jetzt glücklich sein, weil meine Frau, die Kinder und mein Job weg sind.

Ich weiß nicht, ob das Traum oder Realität ist, und schreie: „Ich will nicht alles verlieren!“

Die Szene wechselt. Ich stehe in einem Tunnel, umgeben von qualmendem Rauch. Es ist heiß, ich schwitze. Das Feuer brennt um mich herum.

Ich sehe meine Mutter und meinen Vater in einem Auto eingesperrt. Das Feuer kommt näher. Meine Mutter hat den Mund aufgerissen, mein Vater hält sie fest und weint. Ich kann ihnen nicht helfen.

Meine Eltern verbrennen vor meinen Augen. Ich schreie laut auf.

Gisela weckt mich, nimmt mich in ihre Arme und küsst mich liebevoll: „Was hast du geträumt? Niemand wird dir verloren gehen.“

Ihre Umarmung tut gut.

Am Morgen nehme ich meine Kinder in den Arm, sage ihnen, dass ich sie liebe und entschuldige mich, dass ich mich verändert habe.

Beim Frühstück sage ich, dass ich kündigen werde, wenn es im Geschäft nicht besser wird.

Gisela freut sich und sagt, es sei schön, wenn ich mehr an die Familie denke.

Was wir nicht ahnen: An diesem Morgen wird sich alles ändern.

Ich unterbreche meine Arbeit für einen Moment. Meine Augen sind feucht, und ich verliere schnell die Kontrolle über meine Gefühle. Welche Gründe haben mich so verändert? Warum habe ich mich auf die Suche gemacht? Habe ich nur an mich gedacht und die Bedürfnisse anderer vernachlässigt?

Ich betrachte die Seite, die ich geschrieben habe. Es tut weh in meiner Seele, und ich fühle mich traurig. Was soll ich tun? Ich kann nicht noch tiefer fallen. Es ist Zeit, den richtigen Weg zu finden.

Ich spüre, wie sich etwas in mir regt – nicht Hoffnung, noch nicht. Aber vielleicht ein leiser Wille, nicht aufzugeben. Ich habe Fehler gemacht, ja. Ich habe Menschen verletzt, die mir wichtig sind. Doch ich bin nicht nur das, was ich falsch gemacht habe. Ich bin auch der, der bereit ist, hinzusehen.

Die Geschichte, die ich schreibe, ist nicht nur ein Rückblick. Sie ist ein Spiegel. Und ich beginne zu erkennen, dass ich mich nicht nur erinnern muss – ich muss verstehen.

Vielleicht ist das der erste Schritt.

Ein Schritt zu viel – oder genau richtig?

Dienstag, 7. Juni 2022

Der Tag nach dem Vorfall mit Herrn Meier. Zweifel nagen an mir – welche Konsequenzen wird das haben? Gisela merkt sofort, dass meine Stimmung gedrückt ist. Sie bringt mich morgens zur Arbeit, drückt mir einen Kuss auf die Wange und sagt: „Egal, was passiert, wir schaffen das.“ Ihre Worte geben mir Halt, und ich bin dankbar, dass sie in dieser Situation an meiner Seite ist.

Draußen scheint die Sonne, und ich bleibe kurz stehen. Früher war das hier das Zentrum für Maschinen- und Turbinenbau, ein bedeutendes Industriegebiet. Heute? Modernisiert, umbenannt in „Züri-West“. So wie sich dieses Viertel verändert hat, so müsste auch ich mich verändern. Das Gefühl der Unsicherheit wird ein wenig leichter.

Ich schaue auf das Bürogebäude mit seinen zwölf Stockwerken und stelle mir vor, dass ich es heute zum letzten Mal betrete – bevor ich meine Kündigung bekomme. Doch irgendwie fühlt sich das auch befreiend an. Vielleicht ist es das Beste für uns alle.

Im Empfangsbereich begrüßt mich Heidi mit einem warmen Lächeln. Sie sitzt am Schalter, das Telefon klingelt leise im Hintergrund. „Du solltest sofort zum Direktor“, sagt sie mit sorgenvoller Stirn. „Ich habe dich heute Morgen nicht im Bus gesehen. Was ist bei deinem Chef gestern passiert? Ich hoffe, es war nichts Schlimmes.“ Ich überlege kurz und gebe zu: „Ich habe Herrn Meier ziemlich deutlich meine Meinung gesagt. Die Rechnung dafür wird jetzt fällig. Ich gehe davon aus, dass ich gekündigt werde.“ Heidi schüttelt den Kopf: „Ich hoffe nicht. Bei Meier weiß man nie, was er vorhat.“ Ich lache und antworte: „Wenn ich in ein paar Minuten wieder hier bin, wirst du es wissen.“

Der Aufzug bringt mich in den 12. Stock. Die Büros der Geschäftsleitung sind modern, der graue Teppichboden wirkt kühl, an den Wänden hängen Fotos vom Bau des Gebäudes. Jeder hat sein eigenes Büro, der Direktor sitzt ganz hinten. Ich kenne ihn kaum, außer von den Weihnachtsessen, bei denen er mir immer schöne Feiertage wünschte. Er ist eher klein, trägt eine dicke schwarze Hornbrille und einen grauen Maßanzug. Seine tiefe Stimme überrascht, wenn man ihn sieht.

Trotz aller Lockerheit wächst die Angst in mir. Meine Hände werden feucht, ein unangenehmes Gefühl breitet sich in meinem Magen aus. Am liebsten würde ich umdrehen und nach Hause gehen. Aber Gisela hat recht: Wir schaffen das zusammen.

Ich klopfe an die Tür und trete ein. Der Raum ist hell, mit großen Fenstern, die auf die Rosengartenbrücke blicken. Sonnenlicht flutet den Raum, eine Ledercouch steht hinten, der Schreibtisch ist modern und mit zwei großen Monitoren ausgestattet. Der Direktor lächelt: „Guten Morgen, Herr Sommerhalder. Schön, Sie persönlich kennenzulernen.“ Ich bin überrascht und frage: „Ich freue mich auch, Herr Markwalder. Was führt mich zu Ihnen?“

Er spricht vom Projekt im Detailhandel und bemüht sich, freundlich zu sein, als er mir die Kündigung meines Chefs mitteilt: „Herr Meier hat gestern seine Kündigung erhalten. Er arbeitet nicht mehr für uns. Die Sitzung war ein Desaster. Wir erwarten mehr von einem Leiter der Softwareentwicklung.“ Mein erster Gedanke: „Endlich ist der Arsch weg!“ Rückblickend hätte ich wohl anders reagieren sollen und nachfragen, was schiefgelaufen ist.

Der Direktor fährt fort: „Sie haben sich damals für diese Stelle beworben. Wegen der besseren Ausbildung von Herrn Meier hatten wir Sie nicht berücksichtigt.“ Er zieht mein Dossier hervor. „Wir haben uns gestern in der Geschäftsleitung über Sie unterhalten. Ihr Team hat in den letzten Jahren hervorragende Arbeit geleistet. Nach reiflicher Überlegung möchten wir Ihnen diese Position anbieten.“

Verwirrung macht sich breit. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Herr Meier vor der Nase – das fühlt sich komisch an. Meine Gedanken rasen. Ich habe meiner Familie versprochen, mich zu bessern. Aber schaffe ich das? Bin ich nur der Lückenbüßer oder habe ich wirklich eine Chance?

Der Direktor fragt: „Sind Sie bereit für diese Aufgabe? Wir bieten Ihnen 50.000 Franken mehr, allerdings sind darin Mehrleistungen enthalten. Wie sehen Sie das?“ Mein Gewissen gerät in Konflikt. Ich starre aus dem Fenster auf die Autos, die vorbeifahren. Von einer Kündigung zur Beförderung – das ist viel auf einmal. Ich bin überfordert und unsicher. Gisela wurde nicht einbezogen. In meinem Alter muss ich solche Chancen nutzen, um nicht zurückzufallen.

Ich atme tief durch und sage: „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen und bin bereit, die Leitung der Abteilung zu übernehmen.“ Er lächelt: „Ich habe mit dieser Antwort gerechnet.“

Es fällt mir schwer, von Hand zu schreiben. Ich lege den Stift weg und massiere meine schmerzende Hand. Draußen ist Nebel, es ist fast Mitternacht. Am 6. Juni ist noch mehr passiert, das ich erzählen werde. Schlaf ist für mich keine Flucht mehr, sondern eine Qual. Immer wieder träume ich, dass ich meine Eltern und meine Familie verliere und mich einsam fühle.

Ich denke an Gisela, bevor wir verheiratet waren. Sie erzählte mir, wie sie ihre Mutter verloren hat:

„Ich war neun, als meine Mutter ins Krankenhaus kam. Niemand sagte mir, was los war. Es war ein Donnerstag, die Schulleiterin sprach mit meiner Lehrerin, dann musste ich zu ihnen raus. Meine Lehrerin sah mich besorgt an und sagte, wir müssten ins Spital, meine Mutter brauche meine Unterstützung. Ich zitterte vor Angst. Zwei Tage zuvor war sie zu Hause zusammengebrochen, der Notarzt beatmete sie sofort. Im Krankenhaus lag sie still im Bett, viele Schläuche an ihr. Das Geräusch des Herzschlags kam von einem weißen Gerät. Sie weinte und hielt meine Hand. Flüsternd sagte sie: ‚Kleiner Schatz, ich muss jetzt zu den Engeln. Ich werde immer bei dir sein und dich beschützen.‘ Ich hielt ihre Hand, sagte ängstlich: ‚Bitte bleib bei mir.‘ Ihre Hände wurden kalt, und das Herzschlag-Geräusch verstummte. Ich hatte alles verloren. Am selben Tag brachte mich die Fürsorge in ein Waisenhaus außerhalb der Stadt.“

Ich erinnere mich, wie ich Gisela in die Arme nahm und ihr versprach, dass sie nie wieder allein sein wird. Jetzt sitze ich hier und schreibe, wie ich dieses Versprechen gebrochen habe. Ich habe sie betrogen. Ich habe ihr Vertrauen zerstört. Und ich weiß, dass sie mich verlassen wird.

Ich will nicht weiterschreiben, aber ich suche im Schlaf den Frieden. Meine Gedanken kreisen: War es mein Ego, der Wunsch nach Erfolg, der mich so verändert hat? Oder war es die Angst, nicht zu genügen – als Vater, als Ehemann, als Mensch?

Ich spüre, wie sich die Dunkelheit in mir ausbreitet. Nicht die Nacht draußen, sondern die Nacht in mir. Ich habe alles riskiert, und ich werde alles verlieren. Vielleicht ist das der Preis für meine Flucht – für die Sehnsucht nach etwas, das ich selbst nicht benennen konnte.

Ich sehe Giselas Gesicht vor mir. Ihre Augen, die einst volles Vertrauen waren, sind jetzt müde und verletzt. Ich habe sie enttäuscht. Und ich weiß: Es gibt keinen Weg zurück, nur einen Weg durch den Schmerz hindurch.

Ich frage mich, ob sie sich an unser Versprechen erinnert – an die stillen Momente, in denen wir uns gegenseitig Halt gaben. Ob sie noch spürt, dass ich sie liebe, trotz allem. Aber Liebe allein reicht nicht, wenn Vertrauen zerbricht. Ich habe ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, und nun sitze ich hier, unfähig, ihn zurückzugeben.

Die Stille im Raum ist laut. Mein Herz pocht, nicht aus Hoffnung, sondern aus Angst. Ich weiß, dass ich mich ändern muss. Nicht für einen Neuanfang – vielleicht ist der gar nicht möglich – sondern um nicht ganz zu verschwinden in dem Menschen, der ich geworden bin.

Der Wecker klingelt. 6:30 Uhr. Die Fenster meiner Wohnung sind schlecht isoliert, der Verkehrslärm weckt mich jeden Morgen. Mein kleines Schlafzimmer ist gerade mal zwölf Quadratmeter groß. Ich liege da und starre die blassblumige Tapete an, die langsam abblättert. Wer hat hier früher gelebt? Was würde mir das über die Bewohner erzählen?

Mein Rücken schmerzt, das Bett hat bessere Zeiten gesehen. Der Vormieter hat es mir überlassen – ein Eichenholzrahmen, rechts steht ein Schrank mit zwei Türen, die sich kaum schließen lassen. Die Luft ist trocken und stickig, die Heizung macht die Luft nicht besser. Das Zimmer ist so eng, dass Liegenbleiben zur Qual wird. Ein Druck liegt auf meiner Brust, als würden Steine darauf lasten. Im Hintergrund läuten die Kirchenglocken siebenmal.

Ich stehe auf und gehe duschen. Trotz der sauberen Fliesen sehen die verkalkten Fugen schmutzig aus. Die Lüftung brummt unangenehm. Das Bad ist klein, mit WC, Badewanne und einem kleinen Spiegel mit Einbaumöbeln. Ich sehe das Badezimmer in meinem Haus vor mir: groß, mit einer Badewanne, die Düsen hat, 20 Quadratmeter, elegant grün verziert.

Nass und frustriert stehe ich da. Ich will schreien, aber es ist hellhörig. Die Nachbarn hören alles – ihre laute Musik, den Fernseher. Ich will nicht, dass die Polizei vor meiner Tür steht. Also mache ich mir lieber einen Kaffee.

Das Auto steht beim Gasthof Waid, ich gehe den vom Psychiater empfohlenen Spaziergang im Wald. Das Restaurant öffnet erst um zehn, der Parkplatz ist um halb neun noch leer. Die Stadt liegt unter einer Nebeldecke, die mich unheimlich berührt. Erst aus der Nähe erkenne ich die Menschen. Die Bäume sind kahl, der kalte Wind beißt mir ins Gesicht. Die Schafe grasen unten auf der Wiese, ihr dickes Fell schützt sie vor der Kälte. Diese Ruhe, die sie ausstrahlen, fehlt mir gerade.

Mein Psychiater ist überzeugt, dass der Spaziergang den Druck mindert. Im dichten Nebel meinte er das bestimmt nicht.

Als Melanie anruft, spüre ich eine feuchte Kälte im Körper. Sie klingt traurig, weiß, dass ich krank bin. Sie fragt, ob es mir schwerfällt, allein zu sein, wie es mir geht. Ich sage, ich mache Fortschritte und freue mich, dass sie sich meldet. Lieber wäre ich bei ihnen als allein im Wald.

Sie sagt, sie vermisst mich und hofft, dass alles wieder gut wird. Erzählt von Schule und Familie, dass Mama nicht mehr in die Fitness geht. Der Schulleiter hat angerufen: Silvio schlägt grundlos andere Schüler, stört ständig im Unterricht. Sie vermissen mich und wünschen sich, dass wir uns bald wiedersehen.

Der kalte Wind wird stärker, als ich auflege. Mir wird klar: Egal welchen Weg ich wähle, ich werde jemanden enttäuschen. Also gehe ich zurück in meine warme Wohnung.

Ich sitze in meiner trostlosen Wohnung, die Möbel alt und aus dem Brockenhaus. Man sieht ihnen die Jahre an. Ich koche Tee, stelle ihn auf den Tisch. Gestern habe ich den Küchentisch repariert – ein Bein war locker, die Stühle wackeln. Ich setze mich ans Fenster, schaue auf die Straße. Ein Bus fährt vorbei, Autos stauen sich, obwohl es schon zehn ist.

Wenn ich hinausschaue, fühle ich mich bedrückt. Die Häuser gegenüber sind im Nebel, nur vereinzelt brennt Licht. Die Menschen darin sind nicht mehr zu erkennen. Die triste Umgebung spiegelt meine Stimmung wider.

Ich frage mich, ob ich überhaupt noch Teil dieser Welt bin – oder nur ein Beobachter, der sich langsam aus dem Leben zurückzieht. Alles wirkt grau, nicht nur draußen, sondern auch in mir. Ich habe mich selbst verloren, irgendwo zwischen Schuld und Sehnsucht. Und doch: Vielleicht ist dieser Tee, dieser Blick aus dem Fenster, dieser Moment der Stille ein Anfang. Kein Neuanfang. Aber ein ehrlicher.

Früher war das Viertel eine der schönsten Gegenden Zürichs. Die Straße wurde 1965 gebaut, eine wichtige Verbindung zur Autobahn ins Tessin. Die Menschen feierten damals. Heute bröckelt die Fassade des Hauses nebenan, die Fenster sind undicht. Ich fand kürzlich eine Geschichte über diese Straße: „Von der Idylle zum Schandfleck in 90 Jahren“. Die Häuser verfallen, werden nicht renoviert.

Bei mir ging es schneller – ich habe in kurzer Zeit vieles kaputt gemacht. Ich habe eine Partnerin, die ich liebe, zwei Kinder, die ich liebe. Und dann Andrea, die mich aufs Äußerste liebt. Und ich? Ich bin traurig, weil ich nicht wusste, was wirklich wichtig ist.

Ich habe geglaubt, Liebe sei etwas, das sich von selbst trägt – wie ein Haus, das einmal gebaut wurde und dann einfach steht. Aber ich habe nicht gepflegt, nicht geschützt, nicht repariert. Ich habe zugesehen, wie Risse entstanden, und bin geflüchtet, statt zu bleiben.

Jetzt stehe ich zwischen drei Leben. Das eine ist mein altes Zuhause, das ich zerstört habe. Das zweite ist die Sehnsucht nach etwas Neuem, das mich überfordert. Und das dritte ist das Leben meiner Kinder, das ich nicht verlieren darf.

Ich frage mich, ob man Liebe neu bauen kann – nicht wie ein modernes Hochhaus, sondern wie ein altes Haus, das man mit Geduld und Hingabe restauriert. Vielleicht ist es zu spät. Vielleicht ist Gisela schon auf dem Weg, sich selbst zu retten. Und vielleicht muss ich das auch tun – nicht für sie, sondern für mich.

Die Straße draußen ist leer. Ein Windstoß wirbelt Staub auf, der sich in den Ritzen der alten Mauern festsetzt. Ich sehe mein Spiegelbild im Fensterglas. Es ist müde, aber nicht ganz verschwunden.

Ich will nicht mehr fliehen. Ich will verstehen, was ich getan habe – und was ich noch tun kann.

Dienstag, 7. Juni 2022

Ich beziehe mein Büro im 12. Stock. Der Blick auf die Limmat ist schön, im Hintergrund sieht man den Üetliberg, Zürichs Hausberg. Ich bin stolz, es in die Geschäftsleitung geschafft zu haben. Auf meinem Schreibtisch steht ein Foto von Giselas 40. Geburtstag, den wir im Mai gefeiert haben. Darauf sind unsere Kinder Melanie, 16, und Silvio, bald 12.

In diesem Moment ruft Gisela an. Sie fragt, wie es mir geht und ob Herr Meier mich in Ruhe lässt. Ich finde es aufmerksam, dass sie sich sorgt, weiß aber nicht, wie ich antworten soll. Also sage ich ausweichend: „Meier ist heute nicht da, ich habe meine Ruhe. Danke, dass du fragst.“

Das war mein erster Fehler – ich habe nicht die Wahrheit gesagt. Wir sprechen normalerweise über solche Dinge. Warum nicht diesmal?

Gisela hätte sicher gefragt, ob ich überfordert bin, ob ich noch Zeit für sie und die Kinder habe. Ich wollte die Diskussion vermeiden.

Im Nachhinein frage ich mich: Schaffe ich das überhaupt? Wer nichts riskiert, gewinnt nichts. Warum also nicht die Chance nutzen? Gisela legt immer großen Wert darauf, bei wichtigen Entscheidungen einbezogen zu werden.

Meine Gedanken springen von einem Thema zum nächsten. Ich sehe die unerledigten Aufgaben von Herrn Meier. „Außenstelle Indien“ steht auf dem Dossier. Mir wird schwindlig, als ich erfahre, dass die Firma plant, die Softwareentwicklung teilweise nach Indien auszulagern. 50 Prozent der Stellen in der Schweiz sollen wegfallen, 1,5 Millionen eingespart werden.

In der Ablage liegt mein Antrag auf Lohnerhöhung. Nachdem ich die neue Stelle übernommen habe und sehe, was auf mich zukommt, habe ich Zweifel, ob ich das schaffe. Die Verantwortung, der Stellenabbau – das alles überfordert mich.

Nach dem Gespräch mit Herrn Markwalder erfahren die Mitarbeiter von meiner Beförderung. Es ist zu spät, das Rad zurückzudrehen. Das Mittagessen in der Kantine ist unangenehm. Die Kollegen, jetzt meine Mitarbeiter, wirken erleichtert. Sie kommen mit Wünschen nach mehr Lohn, besseren Monitoren, ergonomischen Stühlen. Ich weiß, dass Stellen abgebaut werden. Ich teile ihnen mit, dass ich das zur Kenntnis genommen habe.

Danach richte ich meinen Arbeitsplatz ein und beschäftige mich mit den Unterlagen zur Auslagerung nach Indien.

Der Abend mit Gisela und den Kindern ist schön. Wir spielen mehrere Runden „UNO“ und haben viel Spaß. Silvio und Gisela gewinnen immer, Melanie und ich wissen, dass sie schummeln. Aber wir können uns nicht vorstellen, wie sie das so geschickt anstellen. Sie genießen es, uns zu verwirren.

An diesem Abend überrascht mich Gisela. Die Kinder schlafen, sie kommt in einem fast durchsichtigen Negligé ins Wohnzimmer. Sie sieht verführerisch aus, setzt sich zu mir, lächelt und nimmt mich in den Arm. Ihre Lippen finden meine, wir küssen uns leidenschaftlich. Sie flüstert, dass sie Sex mit mir will. Sie nimmt meine Hand und führt mich ins Schlafzimmer.

Wir sind zärtlich und leidenschaftlich, werden immer erregter. Dieses Gefühl habe ich lange vermisst. Es ist eine fabelhafte Liebesnacht, und wir sind beide glücklich, uns so nah zu sein. Gisela sagt, sie hat das vermisst und fragt, ob ich sie liebe. Ich antworte automatisch mit „Ja“. Danach liegen wir eng umschlungen und schlafen ein.

Am Morgen hätte ich fast verschlafen, wenn Melanie nicht gekommen wäre, um mich zu wecken.

Die Beförderung – und ihre Schatten

Mittwoch, 8. Juni 2022

An diesem Morgen brachte mich Gisela wieder zur Arbeit. Während der Fahrt erzählte sie mir von ihrer Freundin Vera. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Mann sie zu Hause misshandelte – blaue Flecken am Oberarm waren ihr aufgefallen. Vielleicht war das auch der Grund, warum Vera auf einer Dating-Plattform nach einer Affäre suchte.

Doch wir waren schon an meinem Arbeitsplatz angekommen, und es blieb keine Zeit, weiter darüber zu sprechen.

Ich gab Gisela einen Kuss und ging in mein Büro. Der Tag war vollgepackt, ich arbeitete am Dossier zur Auslagerung von Arbeitsplätzen nach Indien. Plötzlich klopfte es an der Tür, und eine Frau trat ein. Sie war ungefähr so groß wie Gisela, sportlich, trug eine bunte Bluse und dunkle Hose. Ihr Gesicht wirkte lieblich, die schwarzen mittellangen Haare umrahmten braune Augen, die mich sofort sympathisch stimmten.

„Ich bin die Personalleiterin, Andrea Vollenweider“, stellte sie sich vor, lächelte freundlich. „Haben Sie einen Moment?“ Ich nickte, und wir setzten uns an den Tisch. Sie betrachtete das Foto auf meinem Pult, fragte nach dem Alter meiner Kinder. Ich erzählte von Melanie und Silvio, die gerade in einem Alter sind, das nicht immer einfach ist. Andrea erzählte mir, dass sie sich auch eine Familie wünsche, lange einen Freund gehabt habe, aber momentan allein sei.

Sie war über die Pläne zur Verlagerung der Arbeitsplätze informiert und berichtete, dass ihre Mutter aus Indien stamme und sie jedes Jahr Verwandte dort besuche. Ihre warme Stimme zog mich in den Bann, ich hörte ihr gerne zu. Das Gespräch wurde unterbrochen, als mein Telefon klingelte. Andrea reichte mir meinen Arbeitsvertrag und verabschiedete sich.

Am anderen Ende war Herr Markwalder, der Direktor. Er teilte mir mit, dass ich in 30 Minuten eine Besprechung mit ihm hätte. Im Gespräch forderte er mich auf, bis zum nächsten Dienstag ein Konzept für die Außenstelle in Indien zu erstellen – inklusive Arbeitsbedingungen, Mentalität, Kostenschätzung und Zeitplan. Das Problem: Gisela wusste nichts von meiner Beförderung, und ich musste nun am Wochenende zu Hause arbeiten. Ich ärgerte mich, dass ich es ihr nicht schon gestern gesagt hatte. Es waren keine optimalen Voraussetzungen, sie und die Kinder erst nachträglich zu informieren.

Wir hatten damals schon darüber gesprochen, als ich mich beworben hatte. Ich überlegte, wie ich es ihr am besten beibringen könnte. Wir waren lange nicht mehr zusammen essen gegangen, also reservierte ich vier Plätze im Gasthof Löwen in Küsnacht. Ich schrieb Gisela, dass ich sie und die Kinder zum Essen einlade. Kurz darauf rief sie an und fragte nach dem Grund. Ich antwortete ausweichend: „Lass dich überraschen.“ Das kam nicht gut an.

Der Mittag war fast vorbei, als Andrea mir mitteilte, dass die Personaldossiers meiner Mitarbeiter bei ihr lägen. Ich holte die Unterlagen ab. Sie wirkte sichtlich erfreut, als ich ihr Büro betrat. Ein Frühlingsstrauß stand auf dem Besprechungstisch, ihr Parfüm lag angenehm inder Luft. Andrea war eine interessante Frau – eine nette Kollegin in der Geschäftsleitung zu haben, war für mich eine Freude.

Ich stellte mich vor: „Ich heiße Peter, wenn das okay ist.“

„Ich bin Andrea.“

Ich fragte, ob wir morgen zusammen in der Pizzeria essen gehen könnten. Sie fand die Idee gut – ich wollte nicht wieder in der Kantine über Arbeit sprechen. Sie reservierte zwei Plätze für 12 Uhr. Ich bedankte mich und verabschiedete mich, denn die Zeit drängte. In Gedanken hoffte ich, dass Gisela Verständnis für meine Beförderung zeigen würde – obwohl ich Bedenken hatte.

Zu Hause machte ich mir Sorgen, wie sie reagieren würde. Von Kündigung zu Geschäftsleitung an einem Tag – das war viel. Ich wollte ihr einen Strauß roter Rosen mitbringen, den ich auf dem Heimweg kaufte. Gisela rief an, entschuldigte sich, dass sie länger arbeiten müsse und mich nicht abholen konnte. Sie freute sich, dass wir auswärts essen würden und sie sich das Kochen sparen könne. Ich war froh, mit dem öffentlichen Verkehr nach Hause fahren zu können.

Die Kinder staunten über die Rosen und fragten sofort, warum ich sie gekauft hatte. Ich sagte: „Blumen sind immer eine Freude für eine Frau.“ Melanie lächelte: „Das ist lieb von dir, Papa.“ Ich hoffte, dass das Abendessen so einfacher werden würde.

Als Gisela nach Hause kam und die Rosen sah, blickte sie mich liebevoll an: „Sind die für mich? Ich bin überrascht, dass du mir Rosen schenkst.“ Ich küsste sie und sagte: „Ich liebe dich, weil du so verständnisvoll bist.“ Sie freute sich, wir umarmten uns.

Wir fuhren zum Gasthof Löwen, dessen rustikales Ambiente ich mochte – Holzvertäfelungen, Eichentische und Stühle mit Schnitzereien, Kerzenlicht auf den Tischen. Nach der Bestellung brachte der Kellner Sekt. Ich hob mein Glas: „Ich freue mich, euch mitzuteilen, dass ich Herrn Meier ersetzt habe, der entlassen wurde – ich bin befördert worden.“

Gisela schaute mich mit großen Augen an: „Habe ich richtig gehört? Du bist jetzt in der Geschäftsleitung?“ Ich erwartete ihre Reaktion und hatte Schwierigkeiten, mich zu rechtfertigen. Stattdessen kam die sonst so sanfte Stimme hart und ernst. Ich musste mich beherrschen, um nicht wütend zu werden – vor den Kindern.

Ich hätte gern gesagt: „Entschuldige, dass ich nicht um Erlaubnis gefragt habe.“ Aber das hätte Streit gegeben. Also antwortete ich: „Ja, ich hatte keine Wahl. Der Direktor verlangte eine sofortige Entscheidung. Ich habe zugesagt, weil ich eine Chance sehe. Ich hatte mich schon einmal beworben und wir hatten darüber gesprochen. Jetzt verdiene ich mehr, und wir können uns den Urlaub in der Karibik leisten.“

Die Kinder freuten sich, Gisela war erst die Spaßbremse: „Freut euch nicht zu sehr. Im Juli wird es für Papa schwer, Urlaub zu bekommen.“ Ich versicherte den Kindern, dass ich mich darum kümmern würde.

Gisela wurde wieder freundlicher und gratulierte mir. Das Essen schmeckte allen, die Kinder sprachen mit ihr über die Ferien.

Gegen 23 Uhr waren wir zu Hause. Ich erzählte Gisela von der Beförderung, und sie fand es schade, dass ich sie am Telefon belogen hatte. Sie wollte solche Vorfälle in Zukunft nicht mehr erleben. Ich entschuldigte mich und erklärte, dass am Telefon nur eine sinnlose Diskussion entstanden wäre.

Sie nahm das persönlich und sagte: „Bist du so feige? Warum sagst du Herrn Markwalder nicht, dass du es mit mir besprechen willst?“ Das verletzte mich tief. Was hätte ich sagen sollen, ohne dass es wieder eskaliert und die Kinder es mitbekommen?

Es war nicht überraschend, dass wir streiten mussten. Sie warf mir Feigheit vor. Ich sagte: „Es ist nicht nötig zu streiten. Ich sah es als Chance und deshalb habe ich sofort zugesagt.“ Ich verschwieg, dass ich am Wochenende zu Hause arbeiten würde. Gisela sagte: „Es ist eine Chance, aber du musst nicht lügen. Du wirst weniger Zeit für uns haben, weil du mehr Verantwortung hast. Ich wäre nicht überrascht, wenn du auch am Wochenende arbeitest.“

Sie hatte recht. Ich gab zu: „Ja, ich werde das Konzept am Samstag zu Hause fertigstellen. Aber es soll kein Dauerzustand sein.“

Sie neckte: „Ich hatte schon befürchtet, dass du auch zu Hause arbeitest!“

Ich war genervt. Am Vorabend hatten wir eine wundervolle Zeit, und jetzt zeigte Gisela wieder ihre distanzierte Seite. Persönliche Angriffe und schnippische Bemerkungen waren unnötig.

Wir gingen ins Bett. Sie wollte Sex, was mich überraschte. Ich hatte keine Lust und sagte, ich müsse schlafen. Wenn ich ehrlich bin, war ich müde und fühlte mich nicht danach. Sie fragte nur: „Warum jetzt so? Na gut, dann schlaf.“ Ich vermied Nachfragen und sagte nur: „Ich fühle mich müde, das ist alles.“

Ich lege meine Mappe beiseite, gehe in die Küche und stelle den Wasserkocher an. Ich greife zur Dose mit grünem Tee, öffne sie langsam, als würde ich einen Gedanken freilegen. Das Wasser beginnt zu blubbern, kleine Luftblasen steigen auf, werden größer – wie die Geschichte, die ich schreibe. Sie wächst, leise, aber stetig. Ich spüre, wie sie sich in mir ausbreitet, wie sie mich fordert.

Ich gieße den Tee auf, der Duft steigt auf, mild und beruhigend. Ich halte die Tasse in der Hand, spüre die Wärme, die sich in meinen Fingern ausbreitet. Für einen Moment ist alles still. Kein Streit, kein Druck, keine Erwartungen. Nur ich, der Tee, und die Gedanken, die sich sortieren.

Ich setze mich wieder an den Tisch. Der Stuhl knarrt, das Papier liegt vor mir, der Stift daneben. Ich atme tief durch. Ich schreibe nicht nur eine Geschichte – ich schreibe mich selbst. Ich schreibe, um zu verstehen, was war, was ist, und vielleicht, was noch kommen kann.

Ich nehme den Stift in die Hand. Die Tinte fließt. Ich schreibe weiter.

Die Stimme, die etwas berührt

Donnerstag, 9. Juni 2022

Gisela brachte mich heute nicht zur Arbeit. Es war mir egal, den öffentlichen Verkehr zu nutzen – ich hoffte nur, Heidi zu treffen. Ihre fürsorgliche, fast mütterliche Art tat mir gut. Glücklicherweise war sie im Bus, und ich setzte mich zu ihr.

Heidi war mir sofort sympathisch. Sie lachte herzlich, als ich ihr auf ihre Frage antwortete: „Ich bin 42, 1,85 groß, 92 Kilo – sonst noch Fragen?“ Sie erwiderte: „Ich bin 53, und nein, ich suche keinen neuen Partner.“ Ihre humorvolle Art hellte meine Stimmung auf.

Sie erzählte von ihrer Scheidung, die schon eine Weile zurückliegt, und von ihren drei erwachsenen Kindern, die längst ihr eigenes Leben führen. Ich sprach von meinen beiden Kindern, die gerade mitten in der Pubertät stecken. Heidi lächelte und meinte, das gehe schneller vorbei, als man denkt.

Auf der Fahrt zum Escher-Wyss-Platz sah sie mich plötzlich ernst an: „Peter, was bedrückt dich?“ Ich fühlte, dass ich ihr vertrauen konnte, und öffnete mich: „Du hast recht. Gisela ist nicht glücklich über meine Beförderung. Ich erzähle dir später mehr.“ Sie bot mir an, jederzeit für mich da zu sein.

Der Vormittag verging schnell. Das Computerprogramm für den Detailhandelsbetrieb war fertig, der Probelauf erfolgreich. Ich freute mich auf das Mittagessen mit Andrea, die mir mit ihrem Wissen über Indien helfen konnte.

Sie trug ein rotes Seidenkleid mit gestickten Blumen und schwarze Hose – eine Kombination, die zu ihr passte. Wir begrüßten uns mit einem Kuss auf die Wange. Nach den Spannungen mit Gisela tat es gut, sie zu sehen.

In der Pizzeria fragte Andrea besorgt: „Peter, geht es dir nicht gut?“ Ich wollte das Mittagessen genießen, nicht über Probleme sprechen, und antwortete ausweichend: „Alles in Ordnung. Das Projekt Indien beschäftigt mich, die Auswirkungen auf die Mitarbeiter machen mir Sorgen.“

Ich lenkte das Gespräch auf sie und fragte, warum sie gestern so traurig war, als sie von Indien sprach. Sie war überrascht, dass ich es bemerkt hatte, und nannte mich einen guten Zuhörer. Ihre Familie lebt fast komplett in Indien, nur ihre Mutter ist hier. Obwohl sie hier aufgewachsen ist, fühlt sie sich in Indien immer heimisch. Ihr Vater war vor einem Jahr gestorben, und ihre Mutter fühlt sich jetzt einsam und möchte zurückkehren.

Ich konnte das gut nachvollziehen. Andrea hatte mir schon erzählt, dass sie sich von ihrem langjährigen Freund getrennt hatte. Wenn ihre Mutter nun zurückgeht, wäre sie ganz allein. Ich sah ihre traurigen Augen und wechselte das Thema.

Sie erzählte von den kulturellen Unterschieden: In Indien steht die Familie im Mittelpunkt, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Ich meinte, das kenne man hier auch. Sie lächelte: „Ja, aber hier ist alles individueller. Bei uns zählt das ‚Wir‘ mehr als das ‚Ich‘. In Großstädten wie Neu-Delhi ändert sich das langsam, was ich nicht gut finde.“

Sie erklärte, dass man oft in großen Familiengruppen reist und viel Zeit miteinander verbringt – das vermisse ihre Mutter hier. Während ihrer Ehe fühlte sie sich glücklich, doch das Thema Indien schien sie zu bewegen.

Als die Mittagszeit fast vorbei war, gestand sie: „Ich habe dir viel erzählt, aber wer bist du eigentlich?“ Ich entschuldigte mich, dass ich wenig von mir preisgegeben hatte. Andrea sprach mit so viel Leidenschaft, ihre Stimme faszinierte mich. Ich schlug vor, die Mittagspausen öfter gemeinsam zu verbringen. Sie stimmte zu, denn die Kantine mochte sie nicht – dort gebe es oft unangemessene Sprüche.

Zurück im Büro widmete ich mich zufrieden meiner Arbeit. Andrea war eine Bereicherung, ihre Offenheit und Herzlichkeit hatte ich lange nicht erlebt. Ich vertiefte mich in die Recherche zu Indien, lernte über gesellschaftliche Umgangsformen und Verhaltensweisen. Die Arbeit machte mir Freude – auch dank Andrea.

Ich spüre, wie sich etwas in mir verändert. Nicht abrupt, nicht laut – aber spürbar. Andrea berührt etwas in mir, das lange still war. Vielleicht ist es das Gefühl, gesehen zu werden. Vielleicht ist es nur Wärme. Ich weiß nicht, wohin das führt. Aber ich weiß, dass ich mich darauf freue, sie morgen wiederzusehen.

Ich stehe in meiner kleinen, alten Küche. Die Möbel stammen aus den Fünfzigern, der Elektroherd mit seinen schwarzen Platten glüht rot vor Hitze. Der Tisch, ein Erbstück des Vormieters, wackelt, die Stühle sind alt und gefährlich instabil. Der Kühlschrank surrt leise, als würde er bald aufgeben. Im Tiefkühlfach liegt eine Pizza, die ich im Ofen aufwärme – 15 Minuten bei 220 Grad, aber sie schmeckt hart und fahl. Ich kaue mechanisch, während die Sonne durch das Fenster scheint und mir Hoffnung schenkt.

Im Wohnzimmer, das 18 Quadratmeter misst, stehen vergilbte Wände und eine kleine Stereoanlage. Ich lege eine CD ein und betrachte den roten Relaxstuhl, den ich günstig gekauft habe. Die künstlichen Blumen auf dem Tisch möchte ich am liebsten wegwerfen. Der Drucker spuckt die letzten Seiten meines Berichts aus, während ich das Loch in der Decke für die Lampe betrachte. Im dunklen Zimmer schalte ich die Stehlampe an und setze mich an den Schreibtisch, um weiterzuschreiben.

Ich habe gelernt, dass man in Indien keine direkte Kritik übt, das Wort „Nein“ wohlwollend verpackt, Respektspersonen nicht widerspricht. Man zieht die Schuhe aus, wenn man eingeladen wird, lehnt Getränke beim ersten Mal ab, spricht nicht über Politik. Ein Nicken kann „Ja“ oder „Nein“ bedeuten, je nach Kopfbewegung. Man muss sich erst kennen, bevor man Geschäfte macht, und immer geduldig bleiben. Als Gastgeber achtet man darauf, dass viele vegetarisch essen, und man benutzt nicht die linke Hand zum Essen.

Ein Sonnenstrahl fällt auf meine Notizen, ich lege den Stift weg und blicke aus dem Fenster. Der Himmel ist strahlend blau, ungewöhnlich für den 9. November. Die wenigen Bäume nebenan tragen Schnee.

Ich will raus, fahre mit dem Tram zum Bellevue und setze mich an den Zürichsee. Die Ruhe des Wassers beruhigt mich.

Am Bürkliplatz sehe ich, wie das Kursschiff nach Rapperswil ablegt. Mein Blick schweift über die schneebedeckten Berge, die mich immer wieder faszinieren. Die Tauben neben mir schauen mich vorwurfsvoll an – ich habe kein Brot für sie.

Mein Elternhaus liegt auf der anderen Seite des Sees, von der Sonne beschienen. Die Wärme auf meinem Gesicht gibt mir ein Stück von dem zurück, was mir fehlt. Ich erinnere mich an die Zeit, als wir die Liebe im Herzen hatten, uns jede Sekunde vermissten und die Minuten nicht vergehen wollten, bis wir uns wieder in die Arme schließen konnten.

In diesem Moment ruft Heidi an. Nicht der beste Zeitpunkt, doch ich nehme das Gespräch an. Sie fragt, wie es mir geht, dass ich vermisst werde – von ihr und den Mitarbeitenden. Ich erzähle von meinen Ängsten, die langsam weniger werden, und dass ich mit den Tabletten besser schlafe. Sie lädt mich zu einem Abendessen ein, was mich überrascht und zugleich ängstigt. Ich sage zu, und wir vereinbaren, uns um 18.30 Uhr zu treffen.

Nach dem Gespräch beobachte ich die Menschen in der Innenstadt, viele mit Einkaufstüten, in Eile. Wenn die Sonne untergeht, werde ich nach Hause fahren. Ich bin dankbar für die Zeit am See, doch der Gedanke an meine kleine Wohnung macht mich traurig.

Ich bin wieder zurück. Die Wohnung ist still. Ich setze mich an den Schreibtisch, nehme den Stift zur Hand und schreibe weiter – über diesen Tag, den ich begonnen habe festzuhalten.

Gegen 15 Uhr kam am Donnerstag Herr Markwalder ins Büro. Er teilte mit, dass sein Geschäftspartner aus Indien, Herr Singh, morgen Abend zum Dinner im Hilton erwartet werde. Ich sollte bis dahin ein Grobkonzept und Fragen vorbereiten und mich um 18 Uhr an der Bar mit Herrn Singh treffen. Noch bevor ich antworten konnte, verließ er den Raum.

Andrea kam herein, sah mich verwirrt an und fragte: „Peter, hast du einen Geist gesehen? Du wirkst blass und verwirrt.“ Ich sah in ihre Augen und sagte: „Du bist wie ein Geschenk vom Himmel. Kannst du mir helfen? Ich muss bis morgen ein Konzept für Indien erstellen und komme nicht weiter.“

Sie lächelte: „Ich helfe dir gern. Herr Markwalder hat mich gebeten, mit dir die personelle Planung zu besprechen. Wir haben hier unsere Sitten, und in Indien gibt es andere. Hast du Schwierigkeiten mit fremden Kulturen?“

Ich gestand, dass ich mich nie damit beschäftigt hatte, aber gespannt war, daran zu arbeiten. Sie erzählte von ihrem Interesse an Kulturen, doch nun sei Zeit zum Arbeiten. Sie schlug vor, zwei junge Wirtschaftsinformatiker aus meiner Abteilung für ein MBA-Studium in Indien zu schicken – eine Chance, die Kultur und Sprache besser kennenzulernen und später Führungspositionen zu übernehmen.

Ich sah aus dem Fenster auf die Limmat und war dankbar für ihre Unterstützung. Sie bemerkte meine Nachdenklichkeit und fragte, ob etwas sei. Ihr Blick war schwer zu deuten. Sie sagte, sie freue sich auf die Zusammenarbeit, wir würden schnell Lösungen finden, und ich sei ihr sympathisch. Das war ein Lichtblick in meinem Alltag.

Ich sagte, dass es mir gut gehe und ich mich auf die Zusammenarbeit freue. Sie lächelte.

Ich spüre, wie sich etwas in mir öffnet – nicht nur beruflich, sondern auch menschlich. Andrea bringt eine Wärme in mein Leben, die ich lange vermisst habe. Ich weiß nicht, was das bedeutet, noch nicht. Aber ich weiß, dass ich mich ihr gegenüber nicht verstellen muss.

Ich legte den Stift weg, massierte meine schmerzende Hand und betrachtete die trostlose Decke. Kleine Risse zogen sich über die Wände – ein Sinnbild für mein Leben. Draußen rauschten die Fahrzeuge, während leise Schneeflocken fielen.

Ich dachte an den Tag, als ich Gisela kennenlernte – wie die Schneeflocken, die jetzt auf die Erde sanken. Silvester 1999 auf der Quai-Brücke in Zürich. Ich war allein, als eine Frau mit lustiger Zipfelmütze neben mir stand. Sie stammelte verlegen, verschüttete Glühwein auf meine Jacke. So begann unsere Geschichte.

Wir lachten, erzählten uns von unseren Leben, fanden sofort zueinander. Es war Liebe auf den ersten Blick. Am nächsten Tag trafen wir uns wieder, erfüllt von Sehnsucht und Glück.

Ich blickte aus dem Fenster, Nebelschwaden stiegen auf. Das Schreiben fiel schwer. Alles, was wir hatten, war zerbrochen. Ich kochte Tee, fühlte mich müde und antriebslos. Die Depression hatte mich verändert.

Mein Handy klingelte erneut – Heidi. Sie fragte nach einem gemeinsamen Abendessen. Ich war zögerlich, doch sagte zu. Sie freute sich, und wir verabredeten uns.

Ich war dankbar für ihre Nähe und Offenheit. Sie war die einzige, bei der ich ehrlich sein konnte. Sie sagte: „Du musst dir klar werden, was du brauchst, um glücklich zu sein.“

Ich sah auf die Straße, wo Autos im Schnee ruckelten. Ich hatte schon oft Niederlagen erlebt und war wieder aufgestanden. Noch war Zeit, meine Geschichte zu schreiben.

Und dann denke ich an Andrea. An den Moment, als sie zum ersten Mal mein Büro betrat – mit dieser bunten Bluse, den ruhigen Augen, der Stimme, die sofort etwas in mir berührte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand wie sie mir begegnet. Nicht in dieser Phase meines Lebens, nicht inmitten von Chaos und Schuld.

Sie war anders. Direkt, aber sanft. Klug, aber nicht überheblich. Ich erinnere mich, wie sie sich setzte, wie sie das Foto meiner Kinder betrachtete, wie sie fragte, ob ich Schwierigkeiten mit fremden Kulturen hätte. Ich hatte keine Antwort, nur das Gefühl, dass ich ihr zuhören wollte. Dass ich ihr vertrauen konnte.