Im Paradies - Dorota Masłowska - E-Book

Im Paradies E-Book

Dorota Maslowska

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Beschreibung

Die Welt, in der wir leben, verändert sich rasend – gleichzeitig driften die Realitäten innerhalb einer Gesellschaft auseinander, nicht mal der einzelne Mensch lebt noch in einer kohärenten Welt. Mit Scharfzüngigkeit, aber auch viel Mitgefühl fängt Dorota Masłowska genau dies ein, komisch und gleichzeitig todernst. Ihre Figuren – ein Macho-Banker auf Aufreißtour, ein Werbefilmer im Koksrausch, ein angelnder Junge und eine Schwimmerin in Seenot, zwischen denen eine magische Verbindung entsteht, eine Frau, die in einem schäbigen Hotel in totaler Selbstentblößung zu sich findet – leben in einer Welt voller Schein und Einsamkeit, und doch werden sie im «Paradies» zu tiefen Charakteren. Kaum jemand beschreibt die Gegenwart so wie Dorota Masłowska: Alles ist ganz nah und zugleich unerreichbar und zersplittert. Auf einzigartige Weise spürt sie kulturellen Mustern und Klischees nach, die eine künstliche Welt erschaffen. Und zeigt diese Welt mit ihrer Sprache, erst schmerzhaft, dann tröstend erkenntnisreich.

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Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dorota Masłowska

Im Paradies

Roman

 

 

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl

 

Über dieses Buch

Die Welt, in der wir leben, verändert sich rasend – gleichzeitig driften die Realitäten innerhalb einer Gesellschaft auseinander, nicht mal der einzelne Mensch lebt noch in einer kohärenten Welt. Mit Scharfzüngigkeit, aber auch viel Mitgefühl fängt Dorota Masłowska genau dies ein, komisch und gleichzeitig todernst. Ihre Figuren – ein Macho-Banker auf Aufreißtour, ein Werbefilmer im Koksrausch, ein angelnder Junge und eine Schwimmerin in Seenot, zwischen denen eine magische Verbindung entsteht, eine Frau, die in einem schäbigen Hotel in totaler Selbstentblößung zu sich findet – leben in einer Welt voller Schein und Einsamkeit, und doch werden sie im «Paradies» zu tiefen Charakteren.

Kaum jemand beschreibt die Gegenwart so wie Dorota Masłowska: Alles ist ganz nah und zugleich unerreichbar und zersplittert. Auf einzigartige Weise spürt sie kulturellen Mustern und Klischees nach, die eine künstliche Welt erschaffen. Und zeigt diese Welt mit ihrer Sprache, erst schmerzhaft, dann tröstend erkenntnisreich.

Vita

Dorota Masłowska wurde 1983 in Wejherowo, Polen, geboren. Ihr Debütroman «Schneeweiß und Russenrot» wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. 2019 erschien ihr Roman «Andere Leute», 2022 folgte «Bowie in Warschau», «ein kurzweiliges, raffiniertes Buch voller Leidenschaft, Humor und Wahrheit über das ewig komplizierte Menschsein» (WDR). 2020 erhielt Masłowska den Samuel-Bogumił-Linde-Preis. Ihre Bühnenstücke werden auch in Deutschland aufgeführt. Masłowska, die auch als Rapperin reüssiert, lebt mit ihrer Tochter in Warschau.

Impressum

Die polnische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel «Magiczna rana» bei Wydawnictwo Karakter, Krakau.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2026

Copyright © 2026 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin

«Magiczna rana» Copyright © 2024 by Dorota Masłowska

Diese Veröffentlichung wurde gefördert vom © Poland Translation Program.

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Paul Rousteau

ISBN 978-3-644-02448-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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Inseln

Eigentlich ist das kein Vorname, sondern so ein Pseudonym, das mir Mamas Bekannter gegeben hat und das sich dann einbürgerte. Später fing sie selber an, mich so zu nennen, und vielleicht weiß sie gar nicht mehr, dass ich Damian heiße, so wie ihr Bruder, der schon tot ist, Oma geht immer raus, wenn man von ihm redet. Deshalb meidet jeder mich als Thema, so gut er kann, und vielleicht nennen sie mich deshalb in der Familie den Jungen, denn sobald Mama sagt: «Dam…», sieht sie die Oma und sagt sofort «damn», was auf Englisch so viel heißt wie fuck. Oder: «Dam… magst du fünf Zloty? Hier.»

«Wirklich?», freue ich mich. Und obwohl sie in echt nur drei siebzig, eine Karpfenschuppe und ein halbes britisches Pfund im Portemonnaie hat, gehen die drei siebzig an mich, Oma ist sowieso schon weg, nur noch Stille, dabei weiß jeder, dass sie heimlich im Bad weint, damit niemand es merkt. Und Mama und sonst niemand sie anschreit.

«Na ja», sagt da dieser andere Bruder von Mama, der am Leben ist und lange Haare hat, und zieht eine Schachtel Marlboro unter seinem Hintern hervor, die ihm aus der Tasche gerutscht ist, «wie läuft’s denn, was macht die Schule, Junge?»

Bevor ich etwas antworten kann …

«Er geht nicht zur Schule», sagt Mama automatisch.

«Wie jetzt?»

«Er hat doch Einzelunterricht.»

«Aber wie, sitzt er da allein?»

«Er hat Freunde», sagt Mama.

«Hab ich nicht!», sage ich.

«Du hast eine Freundin.»

«Welche?»

«Niki.»

Doch bevor ich sagen kann, was ich davon halte, kommt Oma schon ganz rot und aufgelöst aus dem Bad und sagt schniefend zu Mamas Bruder so was wie: «Und du, du rauchst wieder?», und zu mir: «Na komm zu mir, komm zur Omma», als hoffte sie, mich durch diesen Zauberspruch in einen Hosenmatz zurückzuverwandeln, die Zeit zurückzudrehen, und alles wäre wieder, wie es war. Das gelingt aber nicht, alles bleibt, wie es ist: Das sieht man meinem Gesicht an, doch ich bekomme Mitleid mit der Oma, die so alt und erwachsen und doch so kindisch ist; ich rieche ihren Puder, ihr Parfüm, den Lippenstift, die Verzweiflung und versinke schon in ihren auf- und abwogenden Dutten wie in einem warmen, lebendigen Morast.

So alt ist sie dann vielleicht doch nicht, geht ganz normal überallhin, in den Auchan-Supermarkt, ins Einkaufszentrum und zum Nordic Walking, aber oft sagt sie so was wie: «Ohhh, die Beine machen’s nicht mehr, das sind die Jahre.» Oder: «Guck mal hier für mich, mit deinen jungen Augen», hält mir ihr zersplittertes Smartphone hin und rückt die fettverschmierte Goldrandbrille mal näher, mal weiter weg.

Mama stochert mit ihrer Gabel in unseren Tellern. Sie trennt den Eierkuchen von dem, was da drin ist, für sich und mich. Irgendein Tomatenmatsch. Sieht alles aus wie die von Geiern im Kolosseum verteilten Innereien der Gladiatoren, mir bleibt also nur die Hoffnung auf einen süßen Nachtisch.

«Keine Süßigkeiten», sagt Mama.

«Was stocherst du da rum?», fragt Oma. «Da ist kein Fleisch.»

«Tausendfünfhundertmal hab ich dir gesagt, dass wir so was nicht essen.»

«Und wieso jetzt nicht?»

Mama geht mit klapperndem Besteck ab, ihre Brauen wollen weg aus dem Gesicht, irgendwohin, wo die Leute weniger bescheuert sind. Worauf Oma ihr Weinglas nimmt, es einen Moment lang zweifelnd ansieht und dann, statt sich weiter zu verzetteln, einen Schluck nimmt und es leer wieder absetzt. Dann steht sie auf und schiebt mich zu so einer Frau im Rollstuhl, die die ganze Zeit neben uns allen sitzt.

«Tante! Tante, sag Guten Tag, das ist Wikis Sohn.»

«Wer?»

«Wiktorias Sohn, kennst du doch!»

«Dieser Anormale?», ruft die Tante unerwartet und geht für einen Augenblick aus sich heraus. Von der Anstrengung fällt ihre kahle Birne zwischen die Schultern zurück, als wäre das der Gipfel ihrer Möglichkeiten gewesen und sie bräuchte nach diesem Ausbruch rasch ein Nickerchen.

«Möchte Tante Kuchen?», ruft ihr die Mama ins Ohr und klappert laut mit den Tellern, als könnte sie das alles rückwirkend übertönen.

«Nu lasst doch den Jungen in Ruhe», sagt der Onkel. «Nicht ganz dicht zu sein, ist heutzutage Mode. Stimmt’s, Junge? Hauptsache, er sagt nicht, er sei ein Mädchen. Was denn? Von Bekannten der Sohn macht im Kleid rum. Und lässt sich Leto nennen.»

«Soll rummachen, wenn er will.»

«Der Bekannte ist, gelinde gesagt, fix und alle.»

Doch das war gestern. Heute ist schon ein ganz anderer Tag, heute ist heute.

«Reich mal die Blättchen, Junge», sagt Mamas Bekannter, der gerade zu uns gekommen ist. «Nicht die langen, die kurzen.»

Er dreht aus zweien, ein Blättchen hält er sorgsam an der Zunge fest und rollt geschickt mit den Händen, zwinkert mir dabei zu. Doch aus der Küche kommt Mama und nimmt ihm das alles mit einer flinken Bewegung aus den Lippen.

«Willst du schon Mittag?», fragt sie mich, an die Kücheninsel gelehnt, dabei war gerade erst Frühstück, und zieht seitlich die Augenbraue zu diesem Bekannten hoch. So wie damals, als ich im Auchan einen Buzz Lightyear eingesteckt hatte und sie die Brauen hochzog und mit diesen Brauen meine Hand nahm, damit den Buzz Lightyear aus der Tasche zog und ihn ins Regal zurückstellte, so nimmt sie auch jetzt unsichtbar mit ihren Brauen die Hände des Bekannten, legt alles in die Dose, dreht sie zu und legt sie mit dem Feuerzeug auf die Arbeitsfläche, neben das Kochbuch.

«Heute spielt Siano im Kokos. Ich kann euch auf die Liste setzen», sagt er.

«Hörst du, was ich sage? Willst du Mittag?»

«Nein», antworte ich und höre im Kopf das «Nein danke, sagt man».

«Nein danke, sagt man wohl», sagt Mama wie ein stotternder Mama-Automat mit mir als Kind-Automat und setzt zum tausendzweihundertsiebenundfünfzigsten Mal Wasser für den Tee auf, den sie dann nie macht, weil dazu fehlt ihr der Nerv, die Kraft und die Lust. Es ist einer jener Tage, an denen sie in bester Laune erwacht, doch schon zum Frühstück hin, wenn sie Ketchup und Mayonnaise aus dem Kühlschrank holt, ahnt sie, dass alles, aber auch alles ein einziger Fehler war, in den sie abrutscht wie in einen endlosen Sumpf, und beim Brotschneiden ist sie schon so gedunsen wie die Algen auf dem Grund. Doch bald darauf klingelte dieser Bekannte von ihr an der Haussprechanlage; das brachte sie dazu, für einen Augenblick aufzutauchen, ja sogar rasch, während er die Treppe hochstieg, ein Deodorant zu benutzen.

Er brachte uns ein Viererpack Bier als Geschenk mit, Mama warf nicht mal einen Blick darauf, sondern tat es sofort in den Kühlschrank.

«Möchtest du heute bei Niki übernachten?»

Das galt wohl mir, woher hätte er Niki kennen sollen? Ehrlich jetzt, Nikis einziger Vorteil ist, dass sie eine Playstation hat, aber ihre Eltern ließen mich, als ich das letzte Mal im Garten in Hundescheiße getreten war, vor der Terrasse stehen und nicht ins Haus, bis es von selbst abgegangen ist, während alle anderen schon ihre Ramennudeln löffelten. Es regnete leider, und ich bekam Nebenhöhlen. Mama war stinksauer und sagte, no way, nie wieder lässt sie mich dorthin, die seien ja wohl völlig daneben.

Der Bekannte legt sich derweil die Hand aufs Haar, als wollte er sich die Schuppen ausklopfen, und greift mit der anderen dorthin, wo Mamas Jeans anfangen, wo sie das Tattoo mit der Fliege hat, wo ihre Haut aussieht wie lebendes Glas, von dort verbreiten sich bläuliche und hellgrüne Äderchen wie die Strahlen der Wunde von diesem Jesus auf dem Bildchen, das Oma in ihr Kreuzworträtselheft legt. Diese Strahlen stehen für die Liebe unseres Herrn, heißt es, aber ich weiß nicht, was für ein Herr das sein soll: Ich möchte nicht, dass irgendein Typ mich liebt; Mama ist dabei so oft schlecht weggekommen. Dann sagt Oma, Mama ist selbst schuld, weil sie sich immer welche aussucht, die kein Geld haben, keine Arbeit oder überhaupt gar nichts, auch bei dem hier soll sie sich keine Illusionen machen, der sei keinen Deut besser.

«Bei wem, diesem Jesus?»

Oma wird böse. Es geht nicht um diese Art Liebe, sondern darum, dass Jesus durch unsere Sünden am Kreuz erledigt wurde und er und seine Mutter namens Maria kommen und den Leuten helfen, wenn man schön bittet, auch mir könnten sie helfen, wenn Mama das wollte. Aber Mama will das kategorisch nicht, sie schreit: «Bist du verrückt geworden?» – «Kann schon sein», sagt Oma stolz. Denn der Tochter von Omas Bekannten hat der Exorzismus angeblich ganz, ganz viel geholfen. Mit ihrer schweren Migräne.

Also Jesus wird mir nicht helfen und auch niemand sonst, sie schicken mich einfach nur weg, damit ich nicht hier bin, zu Niki, und holen mich dann wieder zu spät ab, und Nikis Mama wird fünfmal in der Nacht wütend anrufen.

«Ich will nicht», sage ich beim Gedanken an diese nette Familie und den mit Hundehaufen verminten Garten am Trampolin. Zum Glück sagen auch Nikis Eltern, es geht heute nicht, weil sie mit ihr in den Aquapark fahren. Und als Mama sagt, ich sei ein großer Fan von Aquapark und könnte mitkommen, sagen sie, sorry, Bruno kommt schon mit, eine Sławojka, Milunia und Bibunia, das ganze Auto ist voll.

«Könnt ihr nicht den Van nehmen?», fragt Mama völlig daneben und sucht mit dem Blick ihren Bekannten, der an seinem Handy fitzelt, sich die Fingernagelhaut blutig knabbert und sie nicht anguckt, und die sagen, der Van sei zur Reinigung der Klimaanlage.

«Alles klar», sagt Mama und tut so, als wäre das völlig in Ordnung für sie, und der Bekannte, als er das hört, fährt plötzlich vom Sofa hoch, als wäre ihm gerade etwas Dringendes eingefallen, doch gleich darauf signalisiert seine Miene, dass er vergessen hat, was das war. Er geht zur Insel, greift nach einer Dose, liest den Namen ab, die Inhaltsstoffe und die Grammatur von dem Kakao, der da mal drin war, dann jongliert er mit dem Feuerzeug, was keine große Kunst ist, ist ja nur eins.

«Erfülltes Leben ohne Gluten?», fragt er, als er das Kochbuch an-hebt.

Mama nimmt es ihm aus der Hand und legt es wieder hin. Auf seiner Hand ist so was eintätowiert wie «Wirklichkeit – versinkt – Wirklichkeit» oder so ähnlich; aber Papa, als ich letzten Monat bei ihm war und das erzählt habe, hat gesagt, das heißt wahrscheinlich in Geheimsprache «Ich rauche viel Gras und habe Scheiße im Hirn, you madafakas», aber Mama sagt, das war nur Spaß und stimmt überhaupt nicht.

Sie kann kochen, ich würde nur sagen, was sie kocht, ist meistens nicht sehr gut, und nach dem Kochen stellt sie es manchmal einfach in den Kühlschrank und bestellt eine Pizza bei Tricolori, und das Gluten killt unsere Körperzellen, macht unsere Mägen, Schilddrüsen und Gehirne kaputt, auch wenn das angeblich noch immer ein himmelweiter Unterschied zu dem ist, wie schlecht und ungesund man auf den Inseln isst. Vielleicht ist Onkel Damian daran gestorben.

«Nicht daran», sagt Mama.

«Woran denn?»

«Nicht am schlechten Essen.»

«Woran denn?»

«Weil er diverse Probleme hatte.»

«Welche?»

«Diverse, klar?»

Bei diesen Worten driften Mamas Augen ab. Als würde sie diese Probleme irgendwie tief in ihrem Innern sehen und im Hintergrund die fernen und schrecklichen Inseln, vom Hurrikan gepeitscht, voll von quietschend ertrinkenden Ratten, mit den Wurzeln ausgerissenen stachligen schwarzen Palmen und nassen, bösen Affen, zerbrochenen Schirmen; unberechenbar und feindselig. Sie merkt sofort, dass auch ich dorthin gucke, und löscht rasch das Bild, damit ich es nicht sehe. Aber sie selbst hat es vermutlich immer vor Augen, denn als die vom Konsulat anriefen, sie hätten die Leiche aus dem Wasser gefischt, und jemand von der Familie müsse zum Identifizieren kommen, da soll Oma den Rappel gekriegt haben und durch die ganze Wohnung gerannt sein, als wollte sie einen Ball fangen, den tausend tobende betrunkene rote Briten über ihrem Kopf hin und her warfen. Sie war nicht mehr ansprechbar, der Notarzt musste kommen und Mama schließlich allein auf die Inseln fahren, weil ihr anderer Bruder, der noch lebt, nicht auf der Arbeit freibekam.

Und ich musste bleiben und die ganze Zeit mit der Glatzköpfigen sitzen und elend viele Folgen der Serie Die Piasten gucken, wo so gut wie nichts passiert, die Piasten stehen da nur rum, verkleidet mit Kronen und solchen Vorhängen, und reden zueinander, während Oma angeblich sehr gute Tabletten bekommen hat und sich nicht mehr aufregte. Das nahm ein böses Ende, aber Mama sagt, das Unglück hat sie selbst auf sich gezogen, wenn sie ihre Streichhölzer nicht ordentlich weglegt und einfach so schlafen geht.

Ich gehe aufs Klo und beginne zu scheißen. Die trockene Scheiße bleibt mir im Arsch stecken; ich muss lange sitzen und warten, bis sie sich löst, und höre, dass im Zimmer peinliche Stille herrscht. Als ich reinkomme, sitzen Mama und ihr Bekannter nebeneinander auf der Couch, hüstelnd vom Rauch, und Mama hat einen roten Fleck am Hals und eine Miene, als wäre sie auf dem Klodeckel ins Nirgendwo abgetrieben, aber okay, wenn sich kein anderer meldet, dann nimmt sie diesen Typ mit auf die Reise.

«Du darfst noch bis fünf Uhr spielen, dann ist Pause», sagt sie blödsinnig zu mir, mit halb geschlossenen Augen, als wollte sie schnell beweisen, dass sie noch sie selbst ist.

«Wer hat mein Handy angefasst?»

«Niemand.»

«Es lag anders. Nicht so, sondern so.»

«Dam… Damian, ruhig. Geschrien wird nicht», sagt Mama.

«Weil nämlich neueste Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Störungen, die er hat, mit der Gluten-Unverträglichkeit zusammenhängen, verstehst du?», höre ich aus der Ferne, als würde sie mit gedämpfter Stimme reden. Es klingelt an der Tür. Panik.

Und Mama ruft aus dem Hausflur, sie hat kein Trinkgeld für den Typen von Tricolori, schließlich hat sie mir gestern alles Kleingeld gegeben, höchstens ein halbes Pound oder eine Karpfenschuppe hätte sie, es sei denn …

«Hast du Dollar?», fragt sie plötzlich.

«Wer?», fragt der Bekannte, hüstelnd.

Ich bestimmt nicht.

«Damian, langsam! Du versaust gleich dein ganzes Hemd. Das Gluten macht ihn zappelig, dann benimmt er sich so. Vielleicht müsste er all diese Pillen nicht nehmen, wenn er so was nicht essen würde.»

«Bisschen spät dafür.»

«Woher hast du hundert Dollar? Nein, echt jetzt. Sag mal.»

«Ehrlich? Gefunden.»

Ein Klecks heißer Käse fällt mir unters Hemd, brennt erst, verbreitet dann angenehm fette Wärme.

«Das sind starke Medikamente», sagt Mama. «Ich will nicht, dass er sie nimmt. Die bringen ihn auf komische Ideen.»

«Komische Ideen hab ich auch», sagt der Bekannte, als hätte er was im Mund, und im Augenwinkel sehe ich, es ist ihr Ohr. Die Pizzakartons dampfen. Er drängt sie an die Insel, Mama ziert sich erst, dann streckt sie die Arme aus und wickelt sich um ihn herum wie um einen Pfosten oder einen Pfahl. Vielleicht gehen sie jetzt unter, doch im letzten Augenblick retten sie sich aufeinander, wer auf wen, weiß man nicht, und schaffen es irgendwie, diesen Sturm abzuwarten. Der Bekannte packt Mamas Brust, sie hält sich mit den Lippen an seinem Hals fest, die Wogen tragen sie auf und ab, hoch und nieder.

Da gehe ich dann mal. Weiß noch nicht, wohin. Irgendwohin. Vermutlich in mein Lieblingszimmer, das Klo, mache die Tür fest zu und schließe das Schloss. Stinkt ein bisschen, aber dort gibt es Wände, und man hört dieses ständige Schmatzen und Stöhnen nicht. Ich sitze da ziemlich lange.

«Damian?», kommt schließlich Mamas besorgte Stimme aus ziemlich großer Entfernung. Man hört sie klopfen, dann die Klinke runterdrücken, aber ich kann nicht aufmachen, ich bin beschäftigt. Ich setze einen Fuß in die Schüssel.

«Damian!», schreit sie und hämmert mit den Fäusten gegen die Tür.

Aber ich setze schon den anderen Fuß rein. Das Wasser im Klo rauscht und wirbelt.

«Mit der Ruhe», sagt der Bekannte, und man hört, wie er sich wichtigtuerisch am Schloss zu schaffen macht. «Gib mal ein Messer.»

Viel Erfolg. Ich warte, bis sie es aufkriegen, dann im letzten Moment betätige ich die Spülung und lasse geräuschvoll den Deckel hinter mir zufallen. Mama kommt angerannt, doch in dem Moment zieht mich das Spülwasser schon runter und durchs Rohr.

Das brausende Rauschen ist das letzte Zeichen dafür, dass ich einmal ich selbst gewesen bin. Die aber rasen im Kreis durchs ganze Badezimmer, in hellem Aufruhr, hauptsächlich Mama, der Bekannte weniger, denn er hat auf den Kacheln gerade Muster entdeckt, die sich so hübsch bewegen. Währenddessen flutsche ich durch die Rohre im ganzen Block nach unten, schneller als auf der Rutschbahn im Aquapark, weil Nikis Schwester, dieser Schleimpfropf, ist nicht dabei, oder ihre Mama, die mit ihrem schwammigen Hintern samt Kind das Rohr verstopft und zur Sicherheit mit den Beinen strampelt, und alle, die auf sie raufrutschen, rufen: «Hau ab, fette Sau, du steckst in der Bahn!», und sie tritt sie mit ihren Fersen und beschimpft sie als bescheuerte Landtrottel und Sozialempfänger.

Auf diese Weise erreiche ich das Meer und treibe noch weiter. Die Reise dauert schon ziemlich lang, aber allmählich wird es immer klarer in dem trüben Wasser, und schließlich tauche ich dort auf, am anderen Ufer. Überall Palmen, aber zerknickt, als hätte jemand ihnen einen Bauchtritt versetzt. Man hört das Kreischen der Möwen und Schiffssirenen. Der Hurrikan scheint vorüber, das Wetter ist heiter. Jemand rempelt mich von der Seite an.

«Onkel!», rufe ich aus Leibeskräften, ich freue mich riesig.

Onkel Damian freut sich auch. Er sieht fast so ähnlich aus wie auf dem Foto in Mamas Portemonnaie: South-Park-Shirt, Tattoos, gegeltes Haar, Aknekrater, nur an einem Auge hat er eine komische Beule, und die ganze Nase ist irgendwie nur auf einer Hälfte des Gesichts, auf der anderen nichts. Der Onkel ist ein bisschen gräulich, feucht gedunsen und ziemlich breit vom Wasser, kein Wunder bei jemand, der schon einige Zeit auf den Inseln ist; an seinen Sachen hängen allerlei Müll, Abfall, Wasserpflanzen. Aber so schlecht sieht er nun auch wieder nicht aus. Ich verstehe nicht, warum Mama gekotzt hat, als sie ihn bei dieser Leichenidentifizierung sah, und eine ganze Woche nicht aus dem Bett kam, nachdem sie von den Inseln zurück war.

Der Onkel weiß vermutlich gar nichts davon und freut sich, dass ihn endlich jemand von der Familie hier besucht, er hüpft fröhlich herum. Mit den Augen und durch dumpfe Laute gibt er mir zu verstehen, dass ich ihm das Klebeband abziehen soll, das er auf dem Mund hat, denn seine Hände und Beine sind gefesselt.

Handschrift, in einer Fantaflasche gefunden

Mein Herz war immer eine latente Bombe gewesen, und in jenem Herbst ist sie mit besonderer Grausamkeit explodiert. Verletzt hat sie dabei vor allem mich selbst. Liebe, dieser Begriff ist heutzutage entwertet und kompromittiert, aber ich schwöre, damals, in jenem Herbst, hat sich etwas in diesem Stil in mir ereignet, als wir in dem dunklen Zimmer des billigsten Hotels im Zentrum miteinander schliefen, man kann sich leicht vorstellen, was das für ein Hotel war … Dafür sehr preisgünstig, und im Geld schwamm keiner von uns. Wir gingen auch so ineinander auf, dass die Atmosphäre von zwangloser Ärmlichkeit und Untergang uns nicht störte.

Es gab dort keine Magnetkarten, keine KI und keine Smart-Home-Technologie, nur kaputte Faxgeräte und Telefone mit Antenne, der Empfang brach immer wieder ab, und das Internet tröpfelte wie Nasenbluten. In den zahlreichen Schäden an den Geräten, den Schmutzspuren an den Wänden und dem Verzicht auf jede Art von Reparatur manifestierte sich ein ansteckender Todestrieb, der übrigens in der ganzen Gegend zu spüren war.

Die Straßen um das Gebäude herum waren aufgerissen, gerade erst hatte man ein altes Konzentrationslager freigelegt, dort sollten ein großes Einkaufszentrum, eine gehobene Wohnsiedlung und ein atemberaubendes Multiparking für fünftausend Autos entstehen, auf das die Stadt sehr stolz war; das Interesse daran sollte riesig sein, Menschen aus ganz Polen sollten dort parken. Es sollte eine wahnsinnige Attraktion europäischen Maßstabs für diese verarmte, in Stagnation versumpfende Region werden.

Bislang aber lief die Investition nicht gut. Gehäufte Terminüberschreitungen und Unstimmigkeiten verzögerten die Realisierung; das dafür bereitgestellte Geld in der Stadtkasse war teilweise schon zum Zeitpunkt der Ausschreibung verprasst, doch konnte niemand sagen, wo und wie das geschehen war. Zur Aufklärung des Mittelabflusses wurde ein unabhängiger Ausschuss einberufen, doch dessen Zusammenkunft und die Untersuchung verzögerten sich aus unklaren Gründen; in all das war auch noch die Kurie verstrickt; dazu kam ein Verfahren um die Dienstbarkeit der anliegenden Straße, und folglich vegetierte das Zentrum seit über einem Jahr dahin, gelähmt von chaotischen Bauarbeiten.

Zu den leeren, minimalistischen Läden mit nachhaltiger Mode, jungem Design und normfreiem Gemüse aus ökologischem Anbau gelangte man über Euro-Paletten und Kartons, die man zwischen den Halden ausgehobenen Erdreichs in den Dreck geworfen hatte, zwischen Knochen, Zigarettenstummel, Ziegelsteine, Schuhe, Schädel, Fotografien und sonstigen wertlosen Erinnerungen. Von Zeit zu Zeit konnte man ausgehungerte ältere Bewohner der nahe gelegenen Mietshäuser an Krücken oder am Stock dort entlangirren sehen. Nicht selten stolperten sie und rutschten in den Schlamm. Auf Hilfe durften sie nicht zählen. Wer Zeuge dieser Unfälle wurde, zückte unverzüglich sein Handy und filmte die hilflosen Verrenkungen, die demütigenden Aufnahmen gelangten sofort ins Netz. (youtube/html/osjoureij329njl/OpasKreuzweg), (youtube/082dd300h589/Krüppel:)) indieHockezumLecken666). Die Jugend war sichtlich froh über jede Abwechslung, sie wollte Spaß – abends leerte sich die Gegend, nur von Zeit zu Zeit raste der Sprössling eines lokalen Geschäftsmanns oder Disco-Polo-Künstlers in einem obszön teuren Auto vorbei, bei der halsbrecherischen Geschwindigkeit sprühten die Funken, und nur das Wummern der Bässe und satanisches Reifenquietschen blieben zurück.