Im Rhythmus des Laufens - Florian Jäger - E-Book

Im Rhythmus des Laufens E-Book

Florian Jäger

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Beschreibung

Im Rhythmus des Laufens. Eine Entdeckungsreise an die Grenzen des Alltags. Literarische Notizen zu Laufausflügen & Bergtouren, Marathontraining & Trailläufen, Laufen in der Natur und in der Stadt.

Die Welt erlaufen und zu sich selbst finden: ein Laufenthusiast erzählt

Bei einer Wandertour in Japan rennt Florian Jäger einfach los. 44 Kilometer, 3000 Höhenmeter, auf den Gipfel des Fuji und zurück. Ein Erweckungserlebnis, das ihn nicht mehr loslässt. Er etabliert das Laufen als sein alltägliches Fortbewegungsmittel in der Großstadt Berlin, begibt sich auf spontane Laufausflüge und abenteuerliche Trailrunning-Touren, trainiert sich zu einer Marathonzeit unter zweieinhalb Stunden. Im Rhythmus seiner eigenen Schritte findet er nicht nur immer neue Laufstrecken rund um die Welt, sondern auch einen Weg zu sich selbst.

  • Ein literarischer Blick auf das Laufen: Selbstfindung und Abenteuer zwischen Muskelkater und Atemnot
  • Authentischer Erfahrungsbericht eines erfolgreichen Marathonläufers und Laufenthusiasten, lebendig und kurzweilig geschrieben
  • Mit spannenden Einblicken in die Läuferszene und humorvollem Blick auf Herdendruck, Innovationsenthusiasmus und Traditionsverliebtheit
  • Laufen weltweit und direkt vor der Haustür: Unterhaltsame Laufgeschichten u. a. aus Berlin, München, New York, Sizilien, Amsterdam und Neapel

Mehr als ein Laufbuch: mit der Leichtigkeit des Laufens durch herausfordernde Zeiten

Florian Jäger bezeichnet sich selbst als Weltenbummler und Läufer aus Notwendigkeit. Seine Touren führen ihn auf den schönsten und herausforderndsten Laufstrecken rund um den Globus. In kurzweiligen Erzählungen gewährt er interessante Einblicke in das Innenleben eines Langstreckenläufers und blickt gleichzeitig aufmerksam und neugierig auf Orte, Menschen und Begegnungen. Im Vorbeilaufen bespricht er Menschheits- und Gegenwartsfragen und wirft den einen oder anderen schelmischen Blick auf das Laufmilieu.

Gehen Sie mit auf eine besondere Entdeckungsreise und fühlen Sie den mitreißenden Rhythmus des Laufens!

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2021

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FLORIAN JÄGER

IM

RHYTHMUS

DES

LAUFENS

Impressum

1. Auflage

© egoth Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers.

ISBN: 978-3-903183-32-2

ISBN E-Book: 978-3-903183-88-9

Lektorat: Dr. Rosemarie Konrad

Covergestaltung: Dipl. Ing. (FH) Ing. Clemens Toscani

Fotos: Privatarchiv Florian Jäger, außer anders angegeben

Grafische Gestaltung und Satz: Dipl. Ing. (FH) Ing. Clemens Toscani

Printed in the EU

Gesamtherstellung:

egoth Verlag GmbH

Untere Weißgerberstr. 63/12

1030 Wien

Österreich

www.egoth.at

FLORIAN JÄGER

IM

RHYTHMUS

DES

LAUFENS

EINE ENTDECKUNGSREISE AN DIE GRENZEN DES ALLTAGS

INHALT

EIN ANFANG

DAS TROSTVOLLE KNACKEN DES MÖHRENBRUCHS

ZWISCHENLÄUFE I

IM BRATWURSTDUNST

ZWISCHEN ALLTAG UND BETON

I’M STILL LEARNING HOW TO WALK

TRAININGSTAGEBUCH

ZWISCHENLÄUFE II

DIE MAGISCHE MARKE

VON NUN AN WIRD ES HART

ZWISCHENLÄUFE III

DIE WUNDERSAME WELT DES MARATHONS I

GOTTA LOVE YOUR FEET

DER ABSTURZ

DIE WUNDERSAME WELT DES MARATHONS II

ZWISCHENLÄUFE IV

IM RHYTHMUS DES LAUFENS

MEIN SCHATTEN

WARUM LÄUFT NIEMAND IN NEAPEL?

WIE SICH DIE ZEIT BEIM LAUFEN VERMEHRT

Ein Anfang

Fuji

„You won’t return the same person.“ Lässig winkt mich der glatzköpfige Hostelangestellte heran, zwinkert mir zu, steht da in Kranichmusterkimono und Ledersandalen, aus denen blanke Zehen lugen. „Are you sure you want to do this?“

Ich zucke mit den Schultern, woher soll ich das wissen.

Er kramt kurz, reicht mir zwei Wanderstöcke, Quechua, Eigenmarke Decathlon. „Take these at least then.“

Wieder zucke ich mit den Schultern, nicke ihm zu, nehme die Stöcke und lege sie auf den Boden neben das Doppelstockbett. Lege sie zu meinen anderen Utensilien für die Besteigung: eine Packung Cranberries für die schnelle Kohlenhydratversorgung, eine salzige Nussmischung für Fette und Mineralien, eine Wasserflasche und die Plastikpackung Udon-Nudeln vom 7-Eleven um die Ecke für das Mittagessen auf dem Gipfel.

Der Wecker ist auf 4 Uhr gestellt. Um 23 Uhr lege ich mich in die untere Ebene des Doppelstockbetts. Obwohl ich allein im Achterzimmer bin, ziehe ich den am Bett über mir befestigten dunkelblauen Vorhang zu. Wie immer, wenn ich weiß, wenig Schlaf liegt vor mir, habe ich eine unruhige Nacht.

Am Morgen stecke ich mir Kopfhörer in die Ohren und höre einen Radiobeitrag vom Deutschlandfunk, den ich mir vor zwei Tagen heruntergeladen habe, als ich beschloss, von Tokyo aus zum Fuji zu reisen.

„Mögen unsere sechs Sinne gereinigt und möge das Wetter an diesem ehrenwerten Berg schön sein“, klingt es beschwörend aus dem Lautsprecherwagen, der die Prozession zur alljährlichen Gipfeleröffnung des Fuji anführt.

Ich frühstücke hastig, Toastbrot, Tofu und salzig eingelegte Ume-Früchte, schnappe meinen Rucksack, trete aus der Hosteltür. Ich blinzle, als ein frischer Windhauch mich berührt.

Der Morgen ist verheißungsvoll: Über dem erst matt beleuchteten Himmel sind kaum Schleier zu erkennen. Der Fuji steht fest, klar sichtbar. Dabei heißt es, der Fuji sei schüchtern, lieber bedecke er sein Gesicht hinter Dunst und Wolken. Folgt man dem Bild – der Fuji-san als empfindsames Wesen –, gibt er sich heute offenherzig. „Komm“, sagt er, „worauf wartest du?“

Das Wetter ist schön.

44 Kilometer, 3000 Meter aufwärts, 3000 Meter abwärts. Zahlen, die ich vor mich hin wiederhole, um ihre Bedeutung zu erfassen. Normalerweise begeht man den Fuji von hier aus in zwei Tagen, am ersten bis zu einer der Unterkünfte an den oberen Bergstationen, am zweiten die letzten Meter zum Gipfel und wieder bergab. Ich nehme mir nur diesen einen Tag, mein Reisegepäck lasse ich im Hostel liegen. Vor mir der lächelnde Berg, unverrückbar.

Ich mache die ersten Schritte. Bald schon merke ich: Auf zwei leichte, wie verflogene, folgt ein schwerer, hinkender. Etwas hängt noch an mir, bedrückt mich. Aus dem Alltag ist es mir bis an den Fuß des Fuji gefolgt: Die Arbeit an meiner Dissertation drückt auf meine Schultern; sie ist ein Ungeheuer, übergroß und wabernd, ich bekomme es nicht zu fassen; nicht zu zähmen, nicht abzuwerfen.

Es wird nicht leichter dadurch, dass ich es selbst gewählt habe. Motiviert hatte mich das Ziel, durch meine Forschung einen Unterschied zu machen. Doch auch nach Jahren Arbeit ist wenig konkret von diesem Unterschied zu merken. Mir ist mein Ziel abhandengekommen.

Im Wissenschaftsbetrieb fühle ich mich fehl am Platz, ich denke, spreche, fühle anders als meine Kolleginnen und Kollegen. Ich gehöre dort nicht hin. Das muss man mir nicht sagen, das spüre ich. Und dennoch komme ich nicht weg von all dem – ich wüsste nicht, wohin.

Wie soll ich ändern, wenn ich nicht weiß, zu was ich ändern soll?

Bewegen muss ich mich, in irgendeine Richtung muss ich gehen.

Die ersten Schritte gehe ich geduckt. Um mich die klare Luft des morgendlichen Bergortes Yamanashi.

Der Fuji liegt da, nah. Konkret und eindeutig hebt sich seine Bergspitze ab, das breite Plateau, das von hier unten den innenliegenden Krater nur vermuten lässt. Ich stehe auf dem Fußweg einer Stadtbrücke, links von mir die flachen Absperrpoller zur Schnellstraße, rechts ein dreigliedriges Geländer. Die Ampel leuchtet Grün auf die leere Straße; japanische Schriftzeichen, die Wege für andere weisen. Vor mir liegt als einzige Erhebung weit und breit, freistehend, der Vulkan. Davor nur ein paar Häuser, ein brauner Kastenwagen, ein Hund, der mich von seiner Hütte wie vom Thron anschaut, und eine Reihe an Strommasten, in gleichmäßigem Abstand. Ich zähle, 13 Kabel. So viel Energie.

Das Ziel liegt klar vor mir, ich muss nur darauf zugehen. Aufrechter nun, beschleunige ich meinen Schritt.

Immer besser gelaunt lasse ich die noch schlaftrunkene Kleinstadt hinter mir und setze die ersten Schritte in den Wald. Der Pfad, den ich betrete, stammt aus der Edo-Zeit, in der die Tokugawa-Shogune die Insel vom Rest der Welt abschotteten. Im 17., 18. und 19. Jahrhundert war der Yoshidaguchi-Weg ein vielgenutzter Pilgerpfad.

Eine Allee führt mich zum roten Tor des Sengen-Schreins. Ein steinerner Junge mit platter Mütze, der mir wahlweise frech oder ermutigend zulächelt; meine Ausrüstung auf dem Boden zur ersten Pinkelpause.

Im Shinto-Glauben ist der Fuji ein heiliger Berg, Wohnort zahlreicher Gottheiten, über allen die Konohanasakuya-hime, „die wie Baumblüten herrlich-blühende Prinzessin“. Ihr Symbol ist die Kirschblüte, das Feinfühlige und Süße des Lebens. Es ist gut, dass sie hier ist, aufmerksam, dass sie die verschwitzten und verschmierten Wanderer empfängt.

Es gibt eine Glaubensgemeinschaft, die sich einzig der Anbetung des Fuji verschrieben hat, die Fujiko. Einmal im Jahr besteigen sie gemeinsam ihren Berg. Auf Saibokus, Holztafeln, schreiben sie ihre Wünsche auf, Gesundheit, beruflicher Erfolg, Liebesbeziehungen. Dann werfen sie die Tafeln in ein großes Feuer, aus dem das schnell brennende Holz in grauen Schwaden fortsteigt; die Pilger hinterher. Der Yoshidaguchi-Pfad ist gesäumt von Schreinen, die kontemplativ und nach festen Riten begangen werden.

Warum begibt sich jemand auf Pilgertour?

Reinigung. Läuterung. Hoffnung.

Loswerden, Annehmen, Wunsch zur Änderung.

Der Weg vor mir ist verwachsen, Blättergrün, unter dem ich mich wegbeuge, manchmal nur mühsam erkennbare Spur. Der Pfad scheint von der Zeit abgelöst, ausgetauscht durch moderne Moden. Die ab und zu auftauchenden bemoosten Steinfiguren und Torbögen verstärken den Eindruck. Es ist mein Glück: Die Einsamkeit und das Unwegsame werden für mich zum Wert, der mich in meiner Bewegung trägt.

Ich weiß sehr wohl: Über mir, in etwa 2300 Metern, warten Scharen an Wanderern, die bis zur Baumgrenze, der vierten Station, in Bussen hochgekarrt werden, über eine befestigte Straße; die das Loslaufen aussparen. Von dort schlängeln sie sich die Vulkanpfade hinauf, in Strömen. Eine andere Art von Energie, eine andere Art des Pilgerns. Mittlerweile hat mich hoher Wald verschluckt, zwischen 20 bis 30 Meter hochragenden Bäumen bin ich selbst noch keinen Meter in die Höhe gegangen.

Der Fuji-san hat viele Übersetzungen, „endloser Berg“, „reicher Krieger“, „Blume“, „Regenbogen“. Wie kann etwas, mit nur einem Wort bedacht, so viele unterschiedliche Namen haben?

Es heißt, die Aussprache japanischer Schriftzeichen wandelt sich, und mit ihr die Bedeutung der Zeichen. Es ist nur ein kleiner Schritt zu dem Gedanken, dass sich mit der Bedeutung der Zeichen auch das Wesen des Bezeichneten ändert. Vielleicht entwickeln sich die Namen von etwas zu etwas anderem. Vielleicht haben sie nie etwas Konkretes gemeint. Vielleicht erscheinen sie dem Betrachter als Kippfigur, die spontan ihre Gestalt wechselt, werden zu einem „Mal so, mal so“.

Meine Haare schon nass von der hohen Luftfeuchtigkeit wird der Wald dichter. Er nimmt mich auf. Ein paar zaghafte Schritte, ein Schnuppern: der Geruch von japanischen Rotkiefern. Zuletzt ein kurzer Blick auf den Weg hinter mir. Dann laufe ich los. Laufe einfach los, Waldwege hinauf, enge Kurven entlang, über Wurzeln, unter Ästen, an wuchernden Sträuchern vorbei; meine Beine, die unentwegt durch die Luft schwingen. Es läuft sich gut.

Mischwald nun, mal heller, mal dunkler, eine Aussicht taucht vor mir auf, zwingt mich zum Stehenbleiben. Ich schaue hinunter, ohne zurückzuschauen – so gewunden sind die Wege, dass ich längst den geografischen Überblick verloren habe, nicht mehr weiß, wo ich gestartet bin. Wanderer begegnen mir, eine Kindergruppe, die wohl kaum heute zum Gipfel steigt; sie grüßen herzlich, „Konnichiwa“, mit leichter Verbeugung, auch ich, selbst in der Bewegung. Wir lassen die Zeit gegeneinander laufen: Die Beine bewegen sich voran, der Oberkörper beugt sich herüber.

Ich laufe einfach immer weiter.

Nach etwa vier Stunden erreiche ich die vierte Station – den größten Teil der horizontalen Wegstrecke habe ich geschafft, dazu 1500 Höhenmeter. Ich stehe nun auf 2300 Metern, warte auf den hinterherhinkenden Atem und schaue auf Menschen, die aus Bussen steigen, die sich in feinporiger Funktionskleidung aneinanderreihen; dicke Handschuhe, Selfies vor den ersten Wanderschildern. Für einen Moment werde ich Teil ihres wattegebauschten Aufbruchs. Wie Wattebäusche legen sich auch die Schleierwolken um uns, nicht unschön. Sanft stupsen sie uns auf das Wesentliche. Da geht’s lang.

Keine Sorge, das hatte ich nicht vergessen. Weiterlaufen.

Unterwegs begegne ich Kraxelnden, 60-, 70-, 80-jährig. Einmal im Leben auf den Fuji. Seit der Busstation tragen viele der Wanderer Sauerstoffgeräte, die aussehen wie auf den Rücken geschnallte Wasserkocher; auch Jüngere, die ihrer Ausdauer nicht trauen, eine Frau, die für eine andere die Sauerstoffflasche trägt, ein Schlauch, der von ihrem Rücken hinüber zum Mund der anderen reicht. Drumherum Kinder, die die Aufregung der Erwachsenen spüren, die mehr zu ihnen als hoch zum Gipfel schauen. Die Menschenmenge verdichtet sich auf dem schmalen Weg.

Die Japaner sagen: „Wer einmal auf den Berg Fuji steigt, ist weise. Wer ihn zweimal besteigt, ist ein Narr.“ Vielleicht ist es gut so, diese sprichwörtliche Reglementierung, vielleicht müssten sie sonst weitere Wege in den Vulkan hauen.

Die größten Schlangen sind am Fuji-san nachts zu erwarten: Der Sonnenaufgang vom Fuji betrachtet gilt als „legendär“, als „einmalig“. Ich stelle mir das vor wie in den Tempeln von Angkor Wat, in Machu Picchu oder an der Golden Gate Bridge: Du reckst den Kopf hinter den Menschenmassen und stimmst ein in das sich jeden Tag wiederholende kollektive „Ah“, einfach, weil du hier bist, weil du früh aufgestanden bist, weil du gelesen hast, wie besonders es ist. Hinterher beschreibst du es dann selbst als toll, weil du fürchtest, durch Zweifel deine Erfahrung zu schmälern. Vielleicht kommt daher die nebelumwundene Schüchternheit des Fuji – eine Provokation, eine Zumutung an das störungsfreie Erleben.

In der Schlange zu gehen, fühlt sich an wie Stillstehen. Mich hält es nicht lange in der artigen Reihe, auf die Stöcke gestützt, stoße ich mich ab vom Boden und an den anderen vorbei. In großen, breiten Schritten ziehe ich mich in Richtung Spitze.

Die Koordination der Körperteile klappt immer besser, auch hier, wo es vulkansteiniger, gerölliger und steiler wird. Mein Atem geht schwer, der Puls schnell; der Kopf schwirrt leise – doch das Dauerlächeln überzeichnet alles. Je schneller ich werde, umso stiller wird es. Ich rausche im Sinne des Berges.

Als ich die Wolkengrenze erreiche, entlädt sich mein Glück in Tränen. Es hinterlässt Schlieren auf meiner von Schweiß und Staub angebräunten Haut.

Der Fuji ist ein Anfang. Das ahne ich im Hochschwingen.

Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass ich laufe – aber Loslaufen ist anders als Laufen. Loslaufen ist Lustgewinn, der das Weiterlaufen zur Notwendigkeit macht.

Ich will mehr davon.

Der Weg schlängelt sich weiter den Gipfel empor. Nicht besonders schön, nicht besonders anspruchsvoll; dunkelbraunes Vulkangestein, straffe Seile als Halt und Grenze. Gerade der richtige Schwierigkeitsgrad. An den Hütten, die den Weg alle paar Hundert Meter aufwärts säumen, liegen kleine Plateaustücke. Ich halte nur kurz an. Zwischen Wasserkocherträgern balancierend schiebe ich mir abwechselnd Cranberries und Salznüsse in den Mund, aus halb vollen Händen, immer das, was mein Körper gerade braucht. Das spüre ich jetzt genau.

Nach sechseinhalb Stunden Wandern und Laufen erreiche ich den Gipfel. Natürlich erkenne ich ihn daran, dass keine Wege mehr höher führen, nur noch im Kreis. Aber sicher auch daran, dass direkt vor mir ein Kaffeeautomat steht, einfach so, am Rand des Vulkankraters; mit Kabeln, die im Nichts verschwinden.

Es ist gut so. Nach den Stunden anstrengender Besteigung habe ich tatsächlich unglaubliche Lust auf Kaffee. Woher wussten die das? Warmer Dampf steigt aus dem braunen Plastikbecher.

Die Toilette ist am äußeren Kraterrand gebaut, unmittelbar neben dem Weg. Die einzelnen Kabinen sind durch dünne Holzwände unterteilt und mit Stroh ausgelegt; zwischen Dach und Kabinenkante kann man ein Stück Himmel erkennen. Dreimal komme ich wieder, dreimal zahle ich brav bei der älteren Dame im Kassenhäuschen.

Es ist kalt und windig hier oben. Die modernen Pilger ziehen sich die nächste Schicht Funktionskleidung über.

Auch längst nachdem ich den Becher in einem der Mülleimer versenkt habe, lässt mich der Kaffeeautomat nicht los. Überall in Japan sind diese Maschinen zu finden, überall, wo auch nur ein wenig Vorstellung besteht, dass ein Mensch sich einmal an diesen Ort vorwagen könnte; überall. Die Vending Machines sind ein Symbol der Freiheit: Jeder kann sich so einen Automaten als eigene kleine Unternehmung anschaffen. In Tokyo sind allerdings mittlerweile wohl alle – bereits ständig erweiterten – Plätze belegt. Hier auf dem Fuji könnte ich mir noch zwei oder drei Örtchen vorstellen. Und sicherlich auch reges Interesse am typischen Sortiment, Elektrolytgetränke, Regencapes und Leberwurst-KitKats.

Wie wach ich bin, meine Beine tänzeln am Kraterrand, als wäre ich Drahtseilartist, und sie sind geübt in dem, was sie da tun. Ich verzichte auf eigentlich obligatorische Gipfelfotos, drehe eine Runde mit Blick abwechselnd auf das rot-schwarze Kratergestein mit den dazwischen schimmernden gelben Blüten und in die mir mittlerweile hoch gefolgten Wolken. Der Fuji-san bedeckt sein Gesicht, fast frigide; wo wir uns nun schon so gut kennen. Vielleicht will er Raum schaffen für die nächsten Ankommenden, vielleicht ist es Zeit für einen Abschied. So laufe ich den Berg wieder hinab.

Es gibt zwei Wege am Fuji, einen für den Aufstieg, einen für den Abstieg; Berührungen Entgegenkommender sind ausgeschlossen. Bei näherer Betrachtung ergibt auch die Wahl der Wege ästhetisch und psychologisch Sinn: der Aufstieg mit kürzeren Wegen und Wenden, steilerem Gefälle; einige Unwegsamkeit, Felsbrocken, so belassen, womöglich künstlich angereichert. Der Abstieg zwar länger, aber auf breitem Weg und mit geringem Gefälle: hochgradig unspektakulär. Er zeigt an: Du hast dein Abenteuer schon hinter dir, es geht nach Hause, in aller Gemütlichkeit.

Wäre man über diesen Pfad schon hinaufgestiegen, das Gipfelerlebnis wäre blass geblieben: zu gering die Herausforderung, zu wenig wäre die Besteigungslust entfacht.

Ich verweigere mich dieser Unterscheidung von Hin- und Rückweg. Ich beginne, bergab zu laufen, ich renne, bei jedem Schritt beide Füße für einen langen Moment in der Luft.

Die Stöcke, die beim Aufstieg meinen Körper stützten, mir Auftrieb und Tempo verliehen, schützen mich nun vor allzu hoher Geschwindigkeit und Kontrollverlust. In den Kurven ramme ich den äußeren Stock in die Erde und stoße mich seitlich zurück in die Bahn. Staub wirbelt auf. Es raschelt laut. Kleine Steinchen, die größere anstoßen, rollen meinen Füßen nebenher, der Klang aneinanderstoßender Hartkörper, ab und zu einer, der meinen Knöchel trifft. Kleine Kiesel fallen in den Abgrund; japanische Paare, die sich erschrocken wegducken.

Ich habe keine Angst vor Überschwang – ich will ja da runter.

Auf 2300 Metern verabschiede ich mich von den Massen, und mit der Nachmittagssonne geht es in den Wald. Ich rechne: Halte ich mein Tempo, schaffe ich es gerade vor Einbruch der Dunkelheit zurück in meine Bergkleinstadt.

Ein letzter Blick von oben auf die Baumwipfel. Woran erkennt man, dass etwas Neues beginnt?

Der Weg wird immer anstrengender, er zieht sich; Müdigkeit schlägt durch, das Auf und Ab, beinahe 3000 Meter rauf und runter; nicht spurlos, nicht spurlos. Ich löse mich auf: Ich kann meinen Sinnen nicht mehr trauen, es ist windstill, und alles bewegt sich im Wald, die Baumstämme beginnen zu wandern, unbekanntes Etwas zischt durch das Gebüsch. Meine Rezeptoren stehen unter Dauerfeuer, es dauert, bis die Verarbeitung gelingt, und ich denke, das kann ja gar nicht sein. In meinen Ohren herrscht Negativrauschen, hohler Nacheffekt der Höhe; ab und zu das Fiepen der Zikaden, deren Geburtsrufe auch ihre Todesschreie sind.

Vielleicht bewege nicht ich mich durch den Wald, sondern der Wald sich an mir vorbei, durch mich hindurch.

Gerade bricht die Dunkelheit an, als ich von hinten durch das rote Tor des Sengen-Schreins auf die Allee mit den hohen Bäumen trete; dahinter die flimmernde Kleinstadt mit ihren flachen beigen Häusern, den hellen Straßen und Stromleitungen. Mein Blick gewinnt an Festigkeit. Es ist nicht mehr weit.

Ich bin so erschöpft, dass ich nichts will. 44 Kilometer, 3000 Höhenmeter; zwölf Stunden unterwegs, beinahe ununterbrochen.

Als ich am Hostel ankomme, steht dort der Glatzköpfige auf der Türschwelle, die Arme in die Seiten seines Kimonos gestemmt. Aufmerksam schaut er mich an. Ich reiche ihm die Stöcke. Er nickt bloß. Zufrieden, wie mir scheinen will.

Ich habe keinen Hunger. Ich bin so erfüllt, dass ich nichts will. Ich lege mich in die untere Ebene des Doppelstockbetts. Es ist 19 Uhr.

Am nächsten Morgen sitze ich mit dem Glatzköpfigen am Frühstückstisch. Wir essen Reis mit Eiern und Natto, einer klebrigen Masse aus fermentierten Sojabohnen. Wir spülen nach mit pechschwarzem Kaffee.

Der Glatzköpfige schaut mich an, kneift ein Auge zusammen: „Running up mountains, eh. Must be exhausting. And kind of dangerous, I’d assume.“

Ich schüttle den Kopf, lächle ihm zu.

Was soll ich sagen, er weiß es ja schon.

Klar ist es gefährlich, sich zu ändern.

Ich sitze im Bus zurück nach Tokyo, spüre die Erschöpfung körperlich wie geistig. Die Leere ist angenehm.

Als ich vom Dach der Tokyo Busstation einen Blick auf den 150 Kilometer entfernten Gipfel des Fuji werfe, kommt es mir unglaublich vor: Unglaublich, dass ich einmal einer gewesen bin, der nicht dort oben war, der nicht spontan dort hinauf- und hinuntergelaufen ist.

Ich koste den stärker werdenden Muskelkater aus, ich habe ihn liebgewonnen, er bezeugt das Erreichte. Schief lächelnd kaufe ich mir im 7-Eleven auf dem schmalen Grünstreifen zwischen zwei verkehrsreichen Straßen eine Zwölferpackung Maki-Sushi. Ich esse den rohen Fisch zwischen Gedanken an den nächsten Lauf und Abgasdämpfen wartender Toyotas.

Das trostvolle Knacken des Möhrenbruchs

Berlin

In der achten Runde senken sich meine Augen dem Boden zu, wie um der trügerischen Hoffnung zu entgehen, die ein aufrecht gerichteter Blick birgt. Der Körper trägt den Kopf dabei, so gut er kann. Gedanklich gehe ich schon die nächste Runde durch, immer das Gleiche: der enge Durchgang zwischen Säulen und Treppe des Sportheims, der begraste Weg am Metallzaun, über mir aufragend die Flutlichter.

In der Peripherie meines linken Auges nehme ich die schwarz-grünen Salming-Schuhe meines Trainers wahr, Egidijus; darüber blonde Härchen, eine rote Adidas-Hose. Die Oberkante meines Blickfelds endet an Egidijus’ Hand, in der in natürlicher Verlängerung die Stoppuhr erscheint, ein längliches Sechseck mit unzähligen Knöpfen und Funktionen, mit denen Egidijus die Zeiten unserer ganzen Trainingsgruppe gleichzeitig und für jede Runde einzeln aufnimmt.

„Jawoll, sieht gut aus.“

Ich nicke so kraftsparend wie möglich, laufe weiter. Den Blick habe ich starr auf einen imaginären Punkt etwa 20 Meter vor mir gelegt; ich folge ihm wie der konditionierte Hund dem fahrenden Lichtpunkt in einem nächtlichen Hunderennen.

42 Runden liegen noch vor mir, insgesamt 50-mal soll ich das Oval des Mommsenstadions in Berlin-Grunewald umrunden – nicht unten auf der 400-Meter-Tartanbahn, wie man es eigentlich tut, nein, auf dem schmalen Stück außen um die Tribünen, als wäre dies eine anerkannte Strecke für besondere Läufe. Egidijus sagt, außen herum sei besser. Auf dem Oval der Tartanbahn würde man ja auf Dauer verrückt werden. Ich laufe die 500 Meter der Außenbahn, 50 Mal. Ob ich verrückt dabei werde, kann ich nicht beurteilen.

Bis Runde 25 zähle ich aufwärts. Danach arbeite ich die Runden im Countdown ab. Ich schaue hinunter ins Stadion. Filip, Matt und Nikolai bewegen sich nicht. Was machen die denn, haben die schon Feierabend? Ich laufe weiter. Nachdem wir letzte Woche in der späten Dämmerung beinahe im Dunkeln liefen, zeigt sich der Platzwart heute kooperativ: Die großen Stadionlichter gehen an, erst als schwacher Schein, dann als immer helleres Leuchten.

Alle paar Runden wartet mein Trainer Egidijus auf den obersten Stufen der Tribüne, unbarmherzig, wirft mir irgendeine Zahl zu, die ich auf den nächsten 300 Metern einzuordnen versuche. Wenigstens habe ich dadurch etwas zu tun.

Ich versuche, gleichmäßig weiterzulaufen, versuche, das Vergehen der Zeit zu beschleunigen: Jede Runde schaue ich an der Einbiegung zur Haupttribüne einmal auf die große Stadionuhr. Der Zeiger dreht sich ähnlich langsam wie die Rundenzahl sich reduziert.

Von oben sehe ich, wie die anderen sich umziehen, Matt und Nikolai verabschieden sich. Filip bleibt noch ein paar Runden.

Er ruft mir etwas zu: „Come on, Flo, don’t give up.“

Ich ärgere mich, weil ich das nicht vorhatte.

Glücklicher Nebeneffekt: Das Ärgern gibt mir Energie. Je näher ich der letzten Runde komme, desto deutlicher spürbar wird der benötigte Energieaufwand. Er bewegt sich nicht linear, viel eher ist es so, als würde er sich von Runde zu Runde potenzieren. Der Körper baut ab, er schreit nach Nährstoffen, nach Sauerstoff, nach Erholung. Jetzt trägt der Kopf den Körper, bis ins Ziel. Ich stoppe, erleichtert.

Egidijus, der verzögert aufschaut und fragt: „Waren das schon 50?“

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Ich erlebe kaum mehr Unmittelbarkeit als in den letzten Momenten eines anstrengenden Trainings oder eines Wettkampfs: Ich muss bloß laufen, sonst nichts, jede Aktion ruft eine Reaktion hervor. Das Weiterrollen meiner Beine bestimmt über die Zeit: Sie wird angehalten, konserviert, sobald ich die Ziellinie erreiche. Zeit wird zu etwas sehr Konkretem, wenn sie auf einer Stoppuhr festgehalten wird; im Training und Wettkampf bekommt sie eine fassbare Bedeutung.

Die auf der Uhr festgehaltene Zeit ist – im besten Fall – ein Gradmesser des Erfolgs. Weitere sind, überhaupt Zeit zum Laufen gefunden zu haben und dadurch die Zeit zum Laufen gebracht zu haben.

An manchen Tagen schleppe ich mich zum Training, angezählt vom Arbeitstag, bin schon vor dem Warmlaufen erschöpft. Dann ist der erste Erfolg, auf die Bahn zu treten, der zweite durchzuhalten und der dritte, mich einem übergeordneten Ziel anzunähern. Durch Wettkämpfe, Zeitträume, sozialen Ansporn bildet sich ein feingliedriges Zielkonstrukt, das bis in die kleinste Ebene eines Trainings reicht und Wirkung aus ihr zieht.

Die Unmittelbarkeit: Der Erfolg ist genauso greifbar wie die Qual auf dem Weg dorthin.

Und manchmal ist auch die Qual selbst schon Erfolg, an Tagen, die in spröder Belanglosigkeit dahingegangen sind, an denen sich die Existenz abgenutzt anfühlt. Dann ist der maßvolle Schmerz eine willkommene Empfindung – er fühlt sich bedeutungsvoll an.

Das Stadion ist ein Ort des Wissens. Ich lerne bei Egidijus mehr, als ich überhaupt an existentem Wissen erahne, die elementaren Unterschiede der Trainingssysteme in Ost- und Westeuropa, Gemeinsamkeiten von Marathonlaufen und Balletttanzen. Egidijus hat mir eine Reihe virtueller Trainer und Betreuer abgelöst, denen beinahe jeder recherchefreudige Laufanfänger einmal begegnet: dem berüchtigten „Countdownplan“ von Peter Greif, „[Der Plan] ist hart, fordert viel und ist extrem gefährlich – vor allem für Ihre Bestzeit“; der „Laufbibel“, dem „Standardwerk zum gesunden Laufen“; und Herbert Steffnys „Großem Laufbuch“, samt den Fotos von Steffnys unvergleichlichen Wuschellocken. Mit Egidijus habe ich endlich einen Trainer aus Fleisch und Blut gefunden. Nebeneffekt: jemanden, der bemerkt, wenn ich mal etwas abkürzen möchte, der darauf reagiert.

Eigentlich hatte ich nach Erreichen einer neuen Bestzeit beim Berlin-Marathon, 2:39:46, mit dem intensiven Laufen aufhören wollen.

Egidijus tippte sich bloß mit dem Zeigefinger an die Stirn: „Einmal Läufer, immer Läufer.“

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Mir bleiben 10,5 Wochen bis zum Marathon. Eng bemessen für einen, der gerade erst wieder ins Training einsteigt – und für einen, der sich einredet: Ich habe Großes vor. Immerhin nichts Neues: Für meinen ersten Marathon, im Herbst nach der Fuji-Belaufung, habe ich sechs Wochen trainiert, für die folgenden acht und zehn. Zwischendurch mehrmonatige Laufabstinenzen. Meine Laufroutine besteht aus dem totalitären Diktat eines „Ganz oder gar nicht“. Während ich beides will, ertrage ich weder das eine noch das andere als Dauerzustand.

Aus dem „Gar nicht“ heraus ist es dann jedes Mal irgendein nicht vorherzubestimmender Impuls, ein Zufall, eine Unzufriedenheit, eine attraktive Möglichkeit, und es heißt: Jetzt ist Marathonzeit.

Filip, der schlaksige Belgier und unverzichtbare Laufkamerad, fragt nach jedem Marathon: „Na, Flo, wie lang geht’s dieses Mal in den Winterschlaf?“

Wie er das sagt, in seinem flämischen Akzent, klingt das wie die süßeste Verlockung, die auf der Welt vorstellbar ist.

„There is a time for everything.“ Alles hat seine Zeit.

Natürlich gibt es da dieses immerwährende Ziel, das auch da ist, wenn ich nicht trainiere: irgendwann den Marathon unter 2:30 laufen. Die magische Marke.

Die Wiederholungen des Trainings sind selbstverordnete Zwangshandlung, das Laufen ein Wahn, von dem ich nicht lassen kann. Das Gefühl, einen Sinn zu haben, die konkrete Ahnung, wie ich diesem zutragen kann. Marathonmonate sind Sucht, sie bestimmen mein Leben vollumfänglich; sie sind Therapie: Sie geben mir einen klaren Fokus; nicht zuletzt Illusion: das Gefühl von Plan und Kontrolle.

Der Wahn wird sichtbar, wenn meine Ziele und der Weg dorthin sich sehr von denen anderer unterscheiden. Indem ich abweiche, meine Zeit und Mühen nicht in den nächsten Karriereschritt oder materielle Anschaffungen investiere.

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Als ich mich nach dem 50-Runden-Dauerlauf auf mein Fahrrad schwinge, krampfen meine Waden. Ich strecke die Beine durch. Geduldig warte ich auf den Moment, wenn sich die Verhärtungen lösen, und radle dann in fixem Tempo am Grunewald entlang durch den Tunnel der S-Bahn-Station; vorbei an den Botschaften von Kuwait, Katar und Benin, Villen von Familiendynastien, die ihr Geld in Industrie oder Anwaltschaft gemacht haben; kreuze die Straßen am Wilden Eber – der kleinen Bronzestatue, die Paul Gruson in den 1920er-Jahren schuf; heute markanter Punkt während des Berlin-Marathons: ein Gewusel an Menschen, herausgeputzt in Grunewald-Schick und mit Weinglas-Armen; Kinder, die mit Glücksgesichtern kleine Hände zum Abklatschen ausstrecken. Die letzte Steigung meines Nachhausewegs, vom Friedrich-Wilhelm-Platz zur Feuerbachstraße, ziehe ich noch einmal an, plötzlich energetisiert vom nahen Ziel. Als ich ins Treppenhaus trete, krampfen meine Waden erneut. Alles hat seine Zeit. Jetzt ist die Zeit für Salz.

Weil ich zu faul bin, meinen Schlüssel herauszuholen, klopfe ich an die Tür.

Lydia, mit der ich seit einem Jahr in der kleinen Wohnung in Berlin-Friedenau wohne, öffnet verspielt die Tür nur einen Spalt.

„Na, hast du dich verlaufen?“ Sie zwinkert mir zu.

Ich weiß nicht, was ich antworten soll, und bin sehr froh, als sie die Tür komplett aufzieht.

Ich stürze geradeaus in die Küche und trinke drei volle Ladungen Wasser aus einem bunt beklebten Weizenglas, eine Erinnerung an den Mittelrhein-Marathon. Eine davon versetze ich mit einem Viertel Teelöffel Kochsalz.

Wir essen Lachsfilet mit Rosmarinkartoffeln und Salat, Romana, Tomaten, Karotten und Rote Beete für die Eisenzufuhr. Bei jedem Bissen Lachs fühle ich nicht nur die Zartheit des Fischfleisches, ich spüre regelrecht, wie die Regeneration in meinem Körper voranschreitet; wie die Eiweiße und Fettsäuren mich dabei unterstützen, schon am nächsten Tag wieder alles geben zu können. Für einen Moment schließe ich genüsslich die Augen.

Lachs-Luxus. Eine Ausnahme, die ich mir angesichts des hohen Fettanteils nur nach wirklich harten Einheiten erlaube. Ich tanze Tango mit meiner Psyche, in wechselnder Führungsrolle. Manchmal tragen die sehnsuchtsvollen Gedanken an das Essen durch ein gesamtes Training. Lachs, wahlweise auch Kaiserschmarrn. Nie schmeckt mir Essen besser als nach einem fordernden Training.

Als Nachtisch gibt es Magerquark mit Banane und Walnuss – nicht zu viel, auch wenn es die guten Fette sind. Ich überlege, noch ein Stück Schokolade zu essen, vertage das aber aufs Wochenende.

„Super“, sagt Lydia, „nun habe ich ein schlechtes Gewissen, mir ein Stück zu nehmen.“

Zum Glück tut sie es trotzdem.

Aus dem Ratgebersatz „Marathon muss nicht nur Verzicht sein“ höre ich als zentrale Botschaft: „Marathon ist Verzicht.“ In jeder Trainingsphase stürze ich mich in eine Gladiator-Attitüde und Verzichts-Heroismus. Morgens Haferflocken, Obst, streng rationierte Krümel Knuspermüsli; mittags ein Sonderdeal mit der Kantine: Kartoffeln, zweierlei Gemüse, keine Sauce, manchmal Couscous-Salat, mit ein, zwei Bröckchen Schafskäse; abends nicht selten Brot – aber nicht zu viel, kurz vorm Schlafengehen brauche ich die Energie der Kohlenhydrate kaum – oder Linsen-, Tofu-, Eiergerichte. Beinahe immer dabei: Magerquark und Rohkost.

Das Essen von rohen Karotten hat sich mittlerweile zur Antwort auf alle möglichen Herausforderungen des Lebens entwickelt. Es ist wahr, wenig spendet mir so viel Trost wie das Knacken des Möhrenbruchs.

Das Ziel dabei ist es, möglichst schnell zu einem fitten Körper zu kommen, fit gleich fettarm und funktionstüchtig – Phänotyp hager und sehnig. Dazu versuche ich, auf Genussmittel zu verzichten, konzentriere mich auf die entscheidenden Nährstoffe.

Ich lese von einer Studie, in der Ratten die Einnahme ihrer gewohnten Nahrungsmittel entzogen wurde, ihnen stattdessen die Nährstoffe in Rohform gespritzt wurden. Alle Versuchsratten starben.

Manchmal gehe ich abends noch mit einem kleinen Resthunger ins Bett, verlasse mich darauf, dass die Träume ihre Rolle als Hüter des Schlafs erfüllen und ich, um nicht aufzuwachen, in meinen Träumen die fehlende Nahrung aufnehme.

Was ich mittlerweile merke, selbst Essbedürfnisse und -gewohnheiten sind spiralenförmig angelegt, wirbeln in die eine oder andere Richtung. Mache ich keinen Sport, spüre ich automatisch ein erhöhtes Bedürfnis, mich ungesund zu ernähren. Ich habe dann nicht nur mehr Lust auf Süßes und Fettiges, ich finde auch, eine Tüte Chips, Bier und ein paar Kekse auf der Couch passen einfach gut zu dem Lebensstil, den ich da gerade führe. Beginne ich dann – aus welchem Anlass auch immer – damit, wieder Sport zu treiben, ändern sich meine physiologischen Bedürfnisse automatisch mit. Ich habe wieder mehr Lust auf Kartoffeln und Quark, Gemüse, Tofu, Linsen, Fisch, logisch, ich brauche schlicht mehr Nährstoffe, etwas Reales. Der Körper merkt das, er fordert das ein; innere Prozesse, die den Appetit steuern. Und plötzlich ist auch der Lifestyle einer gesunden Ernährung wieder verdammt attraktiv, Fett, Zucker, all das Klebrig-Gemütliche hingegen verpönt.

So einfach ist das.

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Wir räumen die Teller ab und lassen uns auf die Couch fallen: erstmal runterkommen. Ich hänge da, völlig erschöpft, aber auch irgendwie leutselig, stolz auf das Durchgestandene, entrückt optimistisch. Als ob ich gerade eine große Prüfung bestanden hätte und das Glück darüber mitsamt dem Im-Mittelpunkt-Stehen noch weiter auskosten wollte. Rein aus Vernunftgründen geht’s dennoch ins Bett. Einer der wichtigsten Faktoren für eine gute Regeneration: viel und gut schlafen.

Schnell findet Lydias Atem einen gleichmäßigen und ruhigen Rhythmus. Ich liege da, müde, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Das Adrenalin wirkt nach, die körpereigenen Hormone, die mich warnen: Bleib wachsam, die Gefahr ist nicht gebannt, irgendetwas kommt da noch. Ja klar, aber doch sicher nicht mehr heute. Oder? Dazu die Britzelbeine, etwas Wunderbares, weil Lebendiges: Es arbeitet in meinen Waden, alienhaft bewegen sich Muskelstränge, drängen unter der Hautoberfläche hervor, kleine Delfine, die springend und spielend Touristen auf einem Ausflugsboot unterhalten. Ich schaue ihnen gerne zu, wie sie kommen, gehen, überraschend auf- und abtauchen, merke, wie sie ihre sanften Sprünge unter meiner Haut vollziehen. Die Muskeln versuchen, sich nachträglich an die eben geforderten Leistungen anzupassen. Unbedingt wollen sie es beim nächsten Mal richtig machen, besser.

Irgendwann schlafe ich ein. Im Schlafen werde ich dann selbst zum Delfin: Ein Auge und eine Gehirnhälfte bleiben wach, stets bereit. Das ist der Kompromiss.

Ich wache dreimal auf in der Nacht, um mich, durchgespült durch das späte und wiederholte Wasserhumpen-Stürzen, zu entleeren. Am nächsten Morgen bin ich gerädert. Nur mühsam komme ich in Tritt auf meinem Zehn-Kilometer-Regenerationslauf zur Staatsbibliothek Ost nahe der Friedrichstraße.

Ich zwinge mich dazu, aufmerksam an der Dissertation zu arbeiten, bedränge mich, zu schreiben, zu lesen, zu denken. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab. Durch die Müdigkeit gnädig gebe ich den Abschweifungen jede Stunde ein bis zwei Minuten nach. Ich spüre den Körper, das Körperrumpeln nicht, bis ich aufstehe und sich mein Körper in Einzelteilen zur Treppe aufmacht. Die Treppe der Bibliothek ist das zentral im Raum angelegte Portal, jeder, der sich zu ihr hin oder von ihr fort bewegt, wird von den anderen aufmerksam beäugt. Dichtes Arenaflimmern: Für die soziale Akzeptanz ist es unablässig, hier eine gute Figur zu machen. Ich greife nach dem Geländer und frage mich, ob die anderen das Heroische in meinen kantigen Bewegungen erkennen.

Oder bloß einen Humpelnden sehen. Einen vorschnell Gealterten.

Meine Dehnübungen am Tisch verschleiere ich durch das Fallenlassen und Aufheben einer Papierseite.

Die Verabredung zum Mittagessen sage ich ab. Zu anstrengend.

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Der Marathon ist immer da: Er hockt im Halbschatten des Unbewussten, geiernd auf den richtigen Moment, ins Licht zu rücken; eine kleine Nachlässigkeit, eine Lücke zwischen zwei Konzentrationszügen, und er überspringt die Gleise hinüber zur Seite des Bewussten, seine Gegenwärtigkeit umso deutlicher machend, als er es direkt ausschreit: „Ich bin da, ständig.“

Manchmal erscheint er auch als der blinde Passagier, den man, einmal entdeckt und akzeptiert, aus den Gedanken ziehen lässt – der sich jedoch bei jeder Fahrkartenkontrolle wieder in die Erinnerung drängt.

Es hat etwas Teuflisches, wie sich der Marathon in verschiedenen Wesen äußert: als Gedanke an das gestrige Training, als plötzlicher Schmerz, als wundervolles fernes Ziel, als wundervolles nahes Ziel, als Druck, als Aufgabe, als gedankliche Vorstellung eines körperlichen Aktes, als etwas, das nach Optimierung verlangt.

An manchen Tagen schaffe ich es, die Gedanken in den Abend zu schieben, auf das Aufwärmen für das Tempotraining oder einen regenerativen Lauf.

Filip sagt, es kann kaum etwas Besseres passieren, zwei große Projekte, intensive Arbeit und Marathon, zur selben Zeit.

„Es ist doch ganz einfach, Flo, du kannst die Disziplin und die Konzentration aus dem einen ins andere mitnehmen. Schau mal, so bist du darauf eingestellt, die Sachen aktiv voranzutreiben. Gleichzeitig hast du wenig Raum und Zeit, zu hinterfragen. Optimal. Du bist doppelt diszipliniert, die Rhythmen stabilisieren sich gegenseitig. Ist doch geweldig, Flo, voller Fokus.“

Ich weiß nicht.

Es ist schwer, gegen diese Logik zu argumentieren. Trotzdem will ich schreien, Filip, ich bin erschöpft, doppelt erschöpft und nur halb anwesend; weder beim Laufen noch beim Arbeiten bin ich voll da.

„Eh, Flo, du bist doch hier, läufst, verbesserst dich – was jammerst du.“

Im Grunde hat Filip recht, voller Fokus: Wenn ich eh schon beim Training bin, kann ich dort auch alles geben. Und genauso: Wenn ich eh in der Bibliothek bin, kann ich mich dort auch auf das konzentrieren, was dort für mich zählt. Es sind die Gedanken an das jeweils andere, die mich abwesend sein lassen – nicht der Umstand, dass das andere auch existiert. Es kommt darauf an, beides auseinanderzuhalten, jeweils nur eins zu sein: Wenn ich trainiere, bin ich Läufer, wenn ich in der Bibliothek bin, dann als Wissenschaftler und Schreiber.

Bin ich im „Weder noch“ – im Bett, beim Essen, auf Wegen, mit Freunden –, schwirrt mein Geist im Zwischenraum. Oft greift er sich dann an den Vorstellungen fest, die ihm am meisten Halt versprechen: Träume von schnellen Läufen und weiten Strecken. Vorstellungen, die sich real anfühlen, weil nur das Training, ein paar Wochen Zeit, mich noch von ihnen trennt.

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Ganz abstreifen lassen sich die Zweifel nicht. Brutal ist es, wenn ich merke, dass die Arbeit meine Laufleistung einschränkt. Wenn ich nicht im Maximum trainieren kann – wofür das Ganze? Es fühlt sich an wie Selbstsabotage. Für Momente erliege ich wehrlos dem „Ganz oder gar nicht“-Druck. Und schon habe ich nicht zwei große Projekte, die einander ergänzen, sondern zwei, die sich gegenseitig bedrohen. Ist es wirklich so kompliziert?

Profiläufer haben das Problem nicht, bei ihnen sind Arbeit und Laufen eins. Nachdem Filip von einem Höhentraining in Äthiopien zurückgekehrt ist, erzählt er schelmische Geschichten von westweltlichen Aussteigern, die günstig wohnen, von Tag zu Tag leben, von Tag zu Tag laufen; er erzählt von Amateuren und Profis, die sich gezielt sechs, acht, zwölf Wochen vorbereiten, um im nächsten Lauf noch eine Minute rauszuholen; er erzählt von dem niederländischen Profiläufer, der in der achten Woche das Laufen gründlich satt hat, ständig meckernd längst nicht mehr einem eigenen Ziel zuläuft; der weitertrainiert, Tag für Tag, zwei- bis dreimal; der trainiert, weil es sein Job ist.

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Durch das Laufen lerne ich, dass es vier verschiedene Arten von Müdigkeit gibt: eine des Kopfes, auf den Körper bezogen: „Ich kann nicht mehr“; eine des Kopfes, um sich selbst kreisend: „Ich will nicht mehr“; eine des Körpers, auf den Kopf bezogen: „Ich werde nicht mehr“; und eine des Körpers, auf sich selbst bezogen: „Es geht nichts mehr“. Beinahe in jedem Lauf meldet sich eine von ihnen zu Wort.

Kreist der Kopf willensentleert um sich selbst, trösten ihn die Beine, die einfach weiterlaufen; der stummgestellte Kopf verliert seine Wirkkraft, die monotonen Körperbewegungen dröhnen laut. Droht der Körper dem Kopf mit Kündigung, ist es am Kopf, zu trösten: „Gleich geschafft, nur noch ein kleines Stück, wirklich.“ Der Körper ist naiv, er lässt sich besäuseln, ausbeuten, bis der Kopf sein Ziel erreicht.

Manchmal ist der Kopf stur und der Körper erschöpft. Einer spricht sein Missfallen laut aus, der andere fühlt sich ermutigt. Sie verbünden sich, rebellieren, steigern sich in eine Kaskade, an deren Ende ich langsam laufe oder stehe. Was bleibt denn da überhaupt noch, das weiterlaufen will?

An manchen Tagen bin ich dem Marathon machtlos ausgeliefert.

Lydia, die sich am Frühstückstisch beschwert: „Wann reden wir einmal über etwas anderes als den Marathon und dein Training?“

Die Marathonvorbereitung beeinflusst auch das Sexleben: Ständig zwickt irgendetwas, der Körper ist angespannt, oder ich bin erschöpft. Anfangs hadern wir noch, wagen zarte Versuche; im Laufe der Vorbereitung gewöhnen wir uns daran und peilen insgeheim die Zeit nach dem Marathon an.

An manchen Tagen wache ich mit kaltem Schweiß am ganzen Körper auf; an den Oberschenkelinnenseiten und den Waden verdichtet er sich zu einer Art fettem Talg.

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