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1987 betrat die 23-jährige Deutsch-Britin Angela Findlay ein Gefängnis und fühlte sich sofort und auf unerklärliche Weise, als ob sie dorthin gehörte. Jahrelang hatte sie unter Schuldgefühlen gelitten und sich unbewusst selbst bestraft, weil sie sich für einen "schlechten Menschen" hielt. Doch nun begann sie, nach den Ursachen dafür zu forschen, und ihre Suche führte sie schließlich nach Nazi-Deutschland und in das Leben ihres toten Großvaters, des Wehrmachtsgenerals Karl von Graffen. In Im Schatten meines Großvaters erforscht die Autorin die Vererbbarkeit unbewältigter Erfahrungen, stellt tief verwurzelte Vorstellungen von Gut und Böse infrage und deckt die weniger bekannte Geschichte der Kriegsverlierer, eine Nachkriegskultur der Beschönigung und das bleibende Erbe der Schande auf. Anhand ihrer eigenen Familiengeschichte erforscht Findlay eine Episode der Geschichte, die nach wie vor erschüttert und fasziniert, und zeigt, dass es möglich ist, die Narben eines Traumas nicht nur über Generationen hinweg weiterzugeben, sondern auch zu heilen.
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Seitenzahl: 542
Veröffentlichungsjahr: 2023
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1. eBook-Ausgabe 2023
Das Original erschien unter dem Titel In My Grandfather’s Shadow
bei Bantam Press, London.
© 2022 by Angela Findlay
Die deutsche Ausgabe dieses Buchs wurde durch Vermittlungder Eulama Lit. Ag. möglich.
© der deutschsprachigen Ausgabe: 2023 Europa Verlag,
ein Imprint der Europa Verlage GmbH, München
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,
unter Verwendung eines Designs © by Richard Ogle/TW
und eines Motivs von © Neil Holden/Arcangel
Lektorat, Layout und Satz: Dr. Alex Klubertanz, Haßfurt
Konvertierung: Bookwire
ePub-ISBN: 978-395890-560-3
Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.
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Angela Findlay
Von Krieg,Trauma und demVermächtnisdes Schweigens
Aus dem Englischen von Herwig Engelmann
Die Vergangenheit ist niemals tot.Sie ist nicht einmal vergangen.
William Faulkner, Requiem für eine Nonne
Meiner Mutter, in Liebe
Gewidmet all jenen, die in ihrem Leben Diskriminierung,Unterdrückung oder Krieg erleiden
Anmerkungen der Autorin
Vorwort
1Eine glückliche Kindheit
2Eine Art Wissen
3Ein Herz hinter Gittern
4In der Falle der Vergangenheit
5Mächtig ist, was man nicht sieht
6Das Gefängnis und seine Verbrecher
7Das Unaussprechliche
8Herzensangelegenheiten
9Der Aschenbecher
10Wie der Großvater, so der Enkel
11Schattenreiche
12Schichten des Schweigens
13Ein »guter« Soldat?
14»Sie waren alle Mörder«
15Eine »saubere« Wehrmacht?
16Die Militärakte
17Verlorene Unschuld
18Die Geschichte der Verlierer
19Mein Großvater als Gefangener
20Sportpokale und Jo-Jos
21»Wir haben nichts gewusst«
22Niemals vergessen
23Mein Großvater vor Gericht
24Wann vergeht Vergangenheit?
25Den Nebel durchdringen
26In den Körper eingeschrieben
27Lasst uns darüber reden
28Licht am Ende des Tunnels
Nachwort
Danksagung
Weiterführende Lektüre und Quellen
Beim Schreiben dieses Buches hatte ich mehrmals das Gefühl, als schleuderte mich eine Flutwelle aus meinem tiefsten Innern hinaus in ein tiefschwarzes Meer. Während ich versuchte, mir einen Weg durch die dunkelste Zeit unserer Geschichte zu bahnen, orientierte ich mich hauptsächlich an den Erinnerungen von Familienmitgliedern. Von diesem subjektiven Ansatz erhoffte ich mir, tiefere Erkenntnisse zu gewinnen über eine mir bis dahin weitestgehend fremde Welt.
Während meiner Recherche lernte ich nicht nur viel über das Leben in einer Diktatur, sondern mindestens genauso viel über mich selbst. Obwohl es während der Entdeckungsreise zu meinem unbekannten Ich nicht wenige Erfahrungen gab, auf die ich hätte verzichten können, bereue ich im Rückblick auf mein bisheriges Leben nichts. Vielmehr empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit für all die Anregungen und Erweiterungen meines Horizonts, die mein doppeltes Erbe mir beschert haben – und sogar einen gewissen Triumph darüber, dass ich mir in all meinen Seelenschlachten treu geblieben bin.
Ich bin dankbar für die wertvollen Anstöße zu innerem Wachstum und Wandel, für die glückliche Heimkehr von einer Reise, zu der ich aufbrechen musste, um Schicht um Schicht meiner Blockaden abzutragen, damit ich endlich zu meinem wahren Kern durchdringen konnte. Ich bin dankbar für die wunderbaren Menschen und die schönen Orte, die ich kennenlernen durfte, und dankbar für eine neue Leichtigkeit und Freiheit, die mich erfüllt.
Heute kann ich sagen: Ich liebe mein Leben, obwohl es Zeiten gab, in denen es mich beinahe umgebracht hätte.
Nicht wissen, was vor unserer Geburt geschehen ist, heißt ewig Kind bleiben. Denn was ist das Leben der Menschen, wenn es nicht durch die Erinnerung an die alte Zeit mit dem Leben des Früheren zu einem Ganzen verwoben wird?
Marcus Tullius Cicero, Orator
IN DER BRANDENBURGISCHEN KLEINSTADT Jüterbog reißt eine Mutter ihre zehnjährige Tochter aus dem Schlaf. Es ist vier Uhr morgens. Das Mädchen, noch ganz benommen, soll sich schnell anziehen. Sie müssen sofort aufbrechen. Eine Puppe darf es sich zum Mitnehmen aussuchen. Die Tochter zögert. Soll sie ihre alte, heiß geliebt-abgenutzte Puppe mitnehmen oder die neue, die ihr der Vater aus Italien geschickt hat? In einem spontanen Entschluss, den sie später noch bereuen wird, schnappt sie die neue Puppe und wird im nächsten Moment zusammen mit ihrer achtjährigen Schwester ins Auto gepackt, Richtung Norden nach Berlin. Große Teile der Stadt liegen schon in Schutt und Asche.
Es ist noch dunkel, als sie am Bahnhof ankommen. Die Mutter sieht sich um, sucht das hektische Gedränge der Masse von Fremden in Mänteln nach einer bestimmten Person ab: einem Mann, der einen Rucksack mit sechs Taschen trägt. Er soll ihre Kinder zu Verwandten nach Norddeutschland in Sicherheit bringen.
Die jüngere Tochter hat Hunger und klagt, dass ihre Schuhe drücken. Die Frau sieht sich um, ob sie irgendwo Brot kaufen kann, als sie den Mann erspäht. Er drängt zur Eile und geht Richtung Bahnsteig. Die Mutter hält in der einen Hand einen kleinen Koffer, in der anderen die Hand der jüngeren Tochter. Dem älteren Mädchen schärft sie ein, sich an ihrem Mantelsaum festzuhalten, damit sie nur ja nicht verloren gehe. So trippeln die drei mitten in dem Geschiebe und Gedränge der Leute voran, denn alle wollen mit dem Zug raus aus der Stadt, und die Tochter klammert sich an den Mantelzipfel ihrer Mutter, als hänge ihr Leben davon ab.
Im Gasthof des verschlafenen italienischen Nests La Stanga am Südrand der Dolomiten starrt ein 52-jähriger Wehrmachtsgeneral in die Glut des Feuers vom Vorabend und saugt Zigarettenrauch tief in seine Lungen ein. Er hält ihn länger zurück als üblich, wirft dann die Kippe in die Asche und tritt hinaus in den kühlen Maimorgen. Er strafft seinen Mantel unterm Gürtel und zieht die Offiziersmütze tief ins Gesicht, um seine Augen zu beschatten. Hitler ist seit drei Tagen tot, und das deutsche Oberkommando in Italien hat eine bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. Heute um zwei Uhr Nachmittag werden die Kampfhandlungen eingestellt. Sein Krieg ist endlich vorbei, aber dem General ist klar, dass er und seine Männer noch lange nicht nach Hause kommen werden.
Zuerst wird er mit der etwas weiter westlich stationierten amerikanischen Infanterie die Übergabe der Waffen, Pferde und Soldaten aushandeln. Er wird darum bitten, dass seine Männer – acht Divisionen mit ungefähr 30 000 Soldaten – ihre Gewehre einstweilen behalten dürfen, um sich gegen italienische Partisanen zu wehren, die in den Bergen weiter auf sie schießen. Als Nächstes wird er den Transport, die Benzinzuteilung und Verpflegung organisieren.
Die Bergluft fühlt sich frisch an, doch weiter unten im Süden ist es bestimmt schon sehr viel wärmer. Seine bislang letzte Unterkunft war komfortabel, aber als Kriegsgefangener wird er einige Abstriche machen müssen. Nach Tausenden von Kilometern quer durch Russland, Polen und Italien macht er sich nun auf den Weg zu seinen neuen Befehlshabern.
Vor dem Gefängnis Long Bay Gaoul in Sydney, Australien, steht eine zweiundzwanzigjährige Frau und hämmert an die wuchtige Tür. Sie trägt eine Mappe mit Fotos von Wandmalereien bei sich, und der schwarze Stoffeinband klebt an ihrem nackten Arm. Ein Guckloch öffnet sich, und ein Auge mustert die Frau von oben bis unten, bevor sich die Klappe wieder schließt. Die Tür klafft einen Spaltbreit auf, gerade weit genug, um ihre schmächtige Gestalt einzulassen. Im Inneren führt sie ein Wärter über einen gepflasterten Innenhof und durch mehrere verriegelte Tore. Jetzt kann sie die Männer auch schon riechen: ungewaschene Socken, ranzige Bartstoppel, Testosteron. Als der Wärter sie in einen weiteren Innenhof mit noch mehr vergitterten Fenstern führt, beginnt ihre Anspannung nachzulassen. Vier Häftlinge stehen dort vor einer riesigen kahlen Wand und blinzeln ins grelle Sonnenlicht. Die aufkommende Furcht wird von einem Gefühl der Erleichterung verdrängt – einer Erleichterung, als wenn man nach einem langen Fußmarsch die drückenden Wanderstiefel auszieht.
Seit Jahren sucht sie Abhilfe gegen dieses unerklärliche Gefühl ihrer Schlechtigkeit. Auf einmal spürt sie es ganz deutlich: »Das ist es!«
Weniger als eine Minute nachdem »Little Boy« über Hiroshima ausgeklinkt wurde, explodierte die erste Atombombe der Welt. »Um Gottes willen, was haben wir getan?«, schrieb einer der Besatzungsmitglieder der B-29, die sie abgeworfen hatte, ins Bordbuch, während eine Pilzwolke 80 000 Japaner auf der Stelle tötete. Drei Tage später ging »Fat Man« über Nagasaki nieder und versetzte dem Feind den letzten, vernichtenden Schlag. Keine fünf Wochen später war der Zweite Weltkrieg offiziell zu Ende.
Doch er war längst nicht vorbei.
In dem selben Maße wie der atomare Fallout weiter strahlte und seine Opfer forderte, dauerte auch der Krieg an: Nach außen nicht sichtbar verseuchte er die Körper und Seelen von Generationen, wie noch jeder gewaltsame Konflikt zuvor seine Spuren in Form von Traumata hinterlassen hat. Doch in diesem verheerendsten aller Kriege waren die Opfer unter der Zivilbevölkerung erstmals größer als bei den Streitkräften. Es waren Unbewaffnete, die ein nie da gewesenes Ausmaß an Verwüstung und Brutalität erlitten, ob Männer, Frauen oder Kinder. Viele von ihnen konnten später nie über das sprechen, was sie erlebt hatten.
Kaum hatte sich das Chaos der Kämpfe gelegt, schüttelten die Überlebenden den Staub ab und begannen, an den ständig drohenden plötzlichen Tod gewöhnt, aus den Trümmern ihrer Häuser und den in Schutt und Asche gelegten Städten wieder ein normales Leben aufzubauen. Dabei wurde der quälende Schmerz über die eigenen Verluste und die verwüstete Heimat in den europäischen Ländern der Alliierten teilweise vom Jubel über den Sieg betäubt. Die Menschen dort konnten den Opfern ihrer Angehörigen und Freunde eine Bedeutung abgewinnen, und ihre Regierungen gingen daran, diese Sinnstiftung in die Geschichtsbücher zu gravieren. Sie machten daraus eine Erzählung vom Triumph über das Böse, über ein Böses, wie man es bis dahin nicht gekannt hatte. Sie bemühten den Nationalstolz als Wappnung gegen die Härten des Lebens. So rechtfertigten sich auch taktische Entscheidungen, die Hunderttausende Zivilisten ums Leben gebracht hatten. All die Opfer waren es am Ende doch wert gewesen.
Für die Verluste und Opfer der Deutschen gab es keinen Balsam dieser Art – nur immer düsterere Färbungen von Wut und Verachtung, je mehr die Welt die grauenhafte Wahrheit über Hitlers Wirken erfuhr. Soldaten der Wehrmacht wurden in stacheldrahtbewehrten Lagern zusammengetrieben. Nazis schlüpften aus ihren verräterischen Uniformen und mischten sich unter die Massen ausgezehrter, nach Westen fliehender Menschen. Zivilisten wühlten in den Trümmern ihrer Städte nach Nahrung und allem, was sie verbrennen konnten, um sich warm zu halten. Mit dem Tod des »Führers« stürzten die NS-Ideologie und ihre Verheißung eines Tausendjährigen Reichs in sich zusammen. Die feindlichen Besatzer schossen nun nicht mehr mit Granaten, dafür aber mit Schuldvorwürfen wegen allzu willfährigen Gehorsams. Ein Nebel verstockten Schweigens senkte sich über die Gesellschaft und die Familien. Und da sich aufseiten der Sieger kaum jemand für das Leid der Feinde interessierte, lernten deutsche Männer, Frauen und Kinder, das Erlebte zu Bündeln zu schnüren, es sorgfältig zu verpacken und wegzulegen.
Jahre später fanden ihre Kinder und Enkel diese Bündel in den hintersten Winkeln der Familienkeller und fingen an, sie auszuwickeln.
Ich berichte hier von drei Generationen einer Familie, deren Leben eng verwoben sind mit dem schrecklichsten Kapitel unserer Geschichte. Das zehnjährige deutsche Mädchen, das vor den sowjetischen Armeen floh, war meine Mutter Jutta. Der General der Wehrmacht war mein Großvater Karl. Und die junge Frau, die erst in einem Gefängnis zu sich selbst fand, bin ich.
Ich habe meinen Großvater nie kennengelernt. Er starb eine Woche nach meiner Geburt. Dennoch hatte ich schon immer das Gefühl, dass es zwischen uns eine besondere Verbindung gibt. Es kam mir vor, als legte mein Großvater wie ein Staffelläufer nach seiner letzten Runde irgendetwas in meine Hände. Es dauerte jedoch mehr als vier Jahrzehnte, bis mir klar wurde, was das war – bis ich zu der Erkenntnis kam, dass wir nicht nur körperliche Merkmale oder Charakterzüge von unseren Vorfahren erben können, sondern auch unaufgelöste emotionale Konflikte und Traumata; dass all das sich nicht einfach verliert, sondern weiter an unseren Wurzeln schwärt und nur darauf wartet, in unsere Gegenwart zu platzen.
Meine Geschichte ist eine unter vielen aus dem langen Schatten dieses Krieges – eines Krieges, den ich nicht mehr erlebt habe, der aber seine prägende Macht über mein Leben behielt.
Erst um die Jahrtausendwende, als die Enkel der Kriegsgeneration schon in ihren Vierzigern waren, zeigten sich bei den Enkeln die verheerenden Folgen von verdrängter Schuld und erlittenen Traumata ihrer Vorfahren. Auch ich, eine in England geborene und aufgewachsene Frau, wandte mich in diesem Alter meiner deutschen Herkunft zu, um den mir rätselhaften Gefühlen und Krankheitssymptomen auf die Spur zu kommen, die mich seit meiner Jugend plagten.
Meine Suche nach der Ursache dieser mir total unerklärlichen Symptome führte mich zurück in eine andere Zeit, in ein anderes Land – in das Deutschland des Zweiten Weltkriegs. Es brachte mich in die verriegelten und vergitterten Anstalten von Schuld und Sühne und eröffnete mir die Kunst und Kultur des nationalen Gedenkens. Es zog mich hinein in eine Empfindung, die in dem am meisten gemiedenen oder vergessenen Winkel der Menschenseele und des Gemütslebens lauert: Scham.
Ich fand so meinen Zugang zur Geschichte und zu Erlebnissen meiner Mutter und meines Großvaters, die lange in allzu einfachen, schwarz-weißen Erzählungen von Gut und Böse, Täter und Opfer, Gewinner und Verlierer gehalten waren, sich nun aber zwangsläufig als umso vielschichtiger, belastender und nuancenreicher erwiesen, je eingehender ich sie erforschte. Mir wurde klar, dass wir alle in unterschiedlichem Maß unverarbeitete Traumata und Schuld aus der Vergangenheit in uns tragen – ob sie nun der eigenen Familie, dem gesellschaftlichen Umfeld oder dem historischen Geschehen entspringen. Es sind unerzählte Geschichten, die da in unserem Unbewussten lauern, die gehört und bereinigt werden wollen.
In den vergangenen Jahren ist es Psychologen, Genetikern und Neurobiologen gelungen, die Mechanismen potenzieller Weitergabe von vermeintlich rein seelischen Belastungen von einer Generation an die nächste nachzuweisen und zu erforschen. Es hat sich gezeigt, dass diese Belastungen Ursache von Suchterkrankungen, Depressionen und physischen Krankheiten sein können. Könnten demnach also vielleicht »ererbte« Schuldgefühle oder Traumata das Wüten nie anerkannten Leids auslösen, das sich zum Beispiel auch in Protesten und Krawallen auf unseren Straßen manifestiert? Handelt es sich hierbei vielleicht um verdrängte Schuldgefühle, die ihre Ursache in den lange zurückliegenden Grausamkeiten der Sklaverei und des Kolonialismus haben?
Und dann ist da noch eine besonders wichtige Frage: Können wir uns als Individuen überhaupt jemals ganz von einer Vergangenheit lösen, die uns so unerbittlich an die Leiden und Taten unserer Vorfahren kettet? Im Schatten meines Großvaters ist die Geschichte einer Frau, die sich auf den Weg gemacht hat, diese Frage zu beantworten.
Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder.
Eglantyne Jebb, Gründerin von Save the Children
Jutta von Graffen, meine Mutter, 1936
MIR FIEL AN MEINER Mutter nie Kummer oder auch nur ein leises Unbehagen auf, wenn sie von ihrer Kindheit sprach. Ab und zu erzählte sie uns Geschichten von früher und fügte unseren sonnigen Tagen verblasste Bilder aus einer vollkommen fremden Welt hinzu. Die Zeit blieb stehen, während meine Mutter sprach. Ich las ihr jedes Wort von den Lippen ab und erging mich in lebhaften Fantasien, versetzte mich immer tiefer in diese andere Zeit, an diese fernen Orte. Manchmal sah ich meine Mutter dabei an und versuchte, sie vor meinem inneren Auge zu dem kleinen blonden Mädchen von damals zu schrumpfen. Oder ich schlich mich in ihre Erzählungen ein und reihte ihre Erlebnisse vor meinem geistigen Auge auf und stellte sie auf ein imaginäres leeres Regal – wie kostbare Andenken aus einem fernen, fremden Land.
Ich erinnere mich, dass ich einmal am Hintereingang unseres Hauses stand, als sie erzählte, wie es sich anfühlte, aus einem Flugzeug beschossen zu werden.
»Ich konnte das Weiße in den Augen des Piloten sehen«, sagte sie und riss, um die Wirkung zu steigern, ihre Augen weit auf, ließ sich dabei aber nichts von der Furcht anmerken, die sie damals ergriffen haben muss. »Er flog ganz dicht über mir, als ich allein auf dem Weg zur Schule war. Dann zielte er auf mich. Und ich musste in einen Graben springen.«
Mir stockte der Atem bei der Vorstellung, so etwas auf meinem Schulweg zu erleben. Ich wurde stets im Auto bis vors Schultor gebracht und dort wieder abgeholt.
»Zum Glück hat er danebengeschossen«, sagte sie gelassen, »und stattdessen ins Gewächshaus meiner Tante gefeuert.«
Ein andermal erzählte sie von nächtlichen Bombenangriffen und davon, wie sie mit ihren Geschwistern den dunklen Himmel nach grünen und roten Leuchtkörpern absuchte, die Ziele markierten – »Weihnachtsbäume« nannte man sie. Oft sprach sie auch übers Essen: das einzige gekochte Ei der Woche, das sich die Familie teilte, und die Saubohnen, riesengroß gewachsen und mehlig, die ordentlich satt machten. Besonders gern erinnerte sie sich, wie sie einmal heißhungrig aus der Schule kam – anscheinend nicht anders als wir – und eine Bulette in der Speisekammer fand. Sie wusste, dass es streng verboten war, einfach zuzugreifen, aber sie konnte der Versuchung nicht widerstehen. Zu ihrem Entsetzen schloss sich beim Hineinbeißen der Mund um einen Klumpen wimmelnder Maden.
Für uns Kinder waren ihre Geschichten einfach nur das – Geschichten, Abenteuer wie die, von denen wir auch in unseren Büchern lasen. Erst Jahrzehnte später begannen sich die dahinter versteckte Tragödie und das Trauma für mich echt anzufühlen, und mir fiel auf, dass meine Mutter beim Erzählen keinerlei Gefühlsregungen gezeigt hatte. Nicht einmal als sie schilderte, wie sie mit meiner Großmutter zum Bahnhof in der Nähe gegangen war, um den von der Ostfront kommenden verwundeten und sterbenden Soldaten Wasser und Kaffee zu bringen, ließ sie sich Betroffenheit oder Kummer anmerken. Sogar über das Stöhnen der Männer wurde mit seltsamer Gefühlskälte berichtet. Ich stellte mir die kleine achtjährige Jutta vor, wie sie zwischen den Reihen liegender Soldaten von einem zum anderen ging und sich über verbundene, blutverschmierte Leiber beugte, um jemandem einen Becher zum Mund zu führen. Als ich sie danach fragte, zuckte sie mit den Schultern und sagte: »So war das eben damals.«
Ihre aufregendste Geschichte war die der plötzlichen Abreise aus dem Haus der Familie in Jüterbog südlich von Berlin. Wir begriffen die Umstände nicht, sondern wussten nur, dass sie als Zehnjährige mit ihrer jüngeren Schwester Dorothee, unserer Tante Dörli, um vier Uhr morgens von ihrer Mutter geweckt und später mit dem Zug zum Bauernhof ihrer Großeltern nach Wildenhorst in Schleswig-Holstein geschickt worden war. Die Russen näherten sich rasch vom Osten her, und wer irgendwie konnte, ergriff die Flucht. Ihre Mutter und die ältere Schwester, unsere Tante Marlen, folgten einen Monat oder zwei später. Sie ließen das Haus mit all ihrer Habe zurück. Ihr fünfzehn Jahre alter Bruder Adolf musste bleiben, um irgendwo vor Berlin gegen die Russen zu kämpfen.
In Schleswig-Holstein nahm das Leben wieder einen Anschein von Normalität an – jedenfalls für die weiblichen Angehörigen der Familie. Ein Hauslehrer wurde angestellt, wegen unbotmäßigen Verhaltens aber bald wieder entlassen. Gegen ihre sonstige Neigung war die schüchterne, inzwischen elfjährige Jutta auf den Fenstersims geklettert und hatte zu springen gedroht, falls er sie auch nur anfasste. Danach besuchte sie eine Privatschule in Preetz. Die acht Kilometer dorthin ging sie zu Fuß – ebenden Weg, auf dem sie den Tieffliegerangriff erlebt hatte. Ein Jahr später zog sie mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern nach Grödersby in ein Haus an einer Ostseebucht, das sich seit 300 Jahren im Besitz der Familie befand. Dieses Haus war zuvor ebenso wie das meiner Großeltern beschlagnahmt worden, um Vertriebene unterzubringen, und voll mit Flüchtlingen. Immerhin erhielt die Familie darin drei Zimmer und eine Veranda zugewiesen. Und am wichtigsten: Die Mädchen konnten im Ort zur Schule gehen.
In den Jahren nach dem Krieg hieß Leben vor allem Überleben: Man sammelte Kräuter und Feuerholz und rang darum, alle einigermaßen satt zu kriegen. Die Winter waren besonders hart, doch mit einem Dach über dem Kopf gehörte die Familie schon zu denjenigen, die großes Glück hatten. Meine Mutter schloss die Schule ab und zog nach Hamburg, um Sprachen zu lernen, denn sie hatte sich in den Kopf gesetzt, als glamouröse Pan-Am-Stewardess die Welt zu bereisen. Am Ende beherrschte sie fünf Sprachen fließend, ging aber nicht zu Pan Am, sondern brach allein nach Spanien auf. Ein Abenteuerleben voller Sonne, Meer und Liebschaften endete jäh mit dem Angebot einer Stelle im Hauptquartier der eben gegründeten North Atlantic Treaty Organization – der NATO – im Château Fontainebleau bei Paris. Mit Mitte zwanzig hatte sie einen der angesehensten Sekretariatsposten im Zentrum der europäischen Nachkriegsordnung ergattert.
In diesem internationalen Umfeld lernten meine Eltern einander 1961 kennen. Jutta war zu einer wunderschönen, geselligen, eleganten jungen Frau aufgeblüht, die ihre Rolle als Chefsekretärin von General Hans Speidel, dem Oberkommandierenden der NATO-Landstreitkräfte in Mitteleuropa, selbstbewusst ausfüllte. Sie meisterte ihre Aufgaben souverän und hatte zahlreiche Verehrer. Einer derjenigen, die sich Hoffnungen auf sie machten, war ein schneidiger britischer Marineoffizier namens Jonathan mit einem breiten Lächeln und einem dunkelblauen Jaguar. Erst kürzlich vom Dienst an Bord der HMS Britannia und einer gemeinsamen Weltreise mit Prinz Philip zurückgekehrt, war der junge Offizier ebenso keck wie einfühlsam und gewann meine Mutter mit seinem Humor, seiner Lebensfreude und seinen tadellosen Manieren bald für sich.
Meine Eltern heirateten 1962 in einer kleinen Kirche in Norddeutschland unweit des Familiensitzes. Erst in späteren Jahren fiel mir auf, wie außergewöhnlich diese Hochzeit gewesen sein musste. In den Sechzigerjahren rückte Deutschlands jüngste Vergangenheit durch eine zweite Serie von Auschwitz-Prozessen erneut in grelles Licht, als immer mehr Einzelheiten über das gigantische Ausmaß der Naziverbrechen bekannt wurden. Zudem war Europa durch den Eisernen Vorhang in Ost und West geteilt. Die Spannungen zwischen den einstigen Alliierten eskalierten. Unbeeindruckt von alldem verliebten sich meine Eltern ineinander und überbrückten damit unbeabsichtigt zumindest einen dieser tiefen Gräben.
Für beider Eltern war diese Ehe anfangs eine große Herausforderung: Die Tochter eines ehemaligen Wehrmachtsgenerals und späteren britischen Kriegsgefangenen, dessen Frau vor alliierten Bombenangriffen und der vorrückenden Roten Armee hatte fliehen müssen, vermählte sich mit dem Sohn eines englischen Biobauern, der in seinem früheren Leben als Marineoffizier in beiden Weltkriegen gegen Deutschland gekämpft hatte, und einer Adeligen, deren einziger Bruder von Rommels Soldaten in Nordafrika getötet worden war. Und doch gelang es beiden Familien, ihre Vorbehalte zu überwinden und sich ehrlich über die Verbindung zu freuen.
Hochzeit meiner Eltern in Deutschland, 1962
Anfängliche Sprachbarrieren wurden beim ersten Familientreffen wild gestikulierend überwunden, wobei einige Kristallgläser vom Esstisch gefegt wurden. Meine beiden Großmütter schlossen sogar eine enge Freundschaft, die bis zu ihrer beider Tod im Alter von 96 Jahren anhielt.
Nach den Flitterwochen meiner Eltern auf Sizilien wurde meinem Vater das Kommando des Minenräumschiffs HMS Puncheston in Südostasien übergeben. Meine Mutter war bald mit meiner älteren Schwester Caroline schwanger und gab ihre Sekretärinnenstelle bei der NATO auf. Die frisch Verheirateten zogen nach Singapur und wurden dort Teil einer großen Exilgemeinde. Der Luxus einer Haushälterin, die sich um die Kinder kümmerte, ermöglichte ihnen ein erfülltes Sozialleben. Etliche der jungen Paare, denen sie dort begegneten, wurden zu Freunden fürs Leben und ließen sich nach dem Ausscheiden der Männer aus dem Dienst zur See in unmittelbarer Nähe zueinander in Südengland nieder.
Ich selbst kam zwei Jahre später als paus- und rotbäckiger Säugling in Kent auf die Welt, mein Bruder Christopher folgte zweieinhalb Jahre danach. Unsere ersten Jahre waren ein Nomadenleben, das sich zwischen einer Wohnung in London und etlichen Verwandten überall in England, Deutschland und Kanada abspielte, während mein Vater am anderen Ende der Welt auf Schiffen seinen Dienst tat. Als er 1969 an Land zurückkehrte, bezogen wir ein Haus in einem kleinen Dorf im südenglischen Hampshire.
Die ersten zehn Jahre meines Lebens verliefen beschaulich. Bleibende Erinnerungen an diese idyllische Kindheit sind vermeintlich endlose Sommer, in denen wir in den Schatten spendenden Ästen einer alten Eibe in unserem Garten herumkletterten oder »echt römische« Keramik zwischen ihren Wurzeln ausgruben, auf dem Rasen Handstand übten oder in den ordentlichen Reihen des väterlichen Gemüsebeets Bohnen und Salat ernteten.
Unter Führung meiner Mutter begingen wir Feste mit einer eigenwilligen Mischung aus traditionellen englischen und deutschen Bräuchen. Geburtstage prägten sich ein – wegen der Torten und des Auswickelspiels Pass the Parcel, aber auch wegen der Blumenkränze rund um den Frühstücksteller des Geburtstagskinds. Weihnachten verbrachten wir oft bei der Verwandtschaft in Deutschland, aber eigentlich begann es schon in Hampshire mit den Adventsonntagen, an denen wir alle Lichter im Haus löschten und Kerzen anzündeten, nachdem sich das Wohnzimmer in eine Galerie bemalter Holzengel aus der Kindheitssammlung meiner Mutter verwandelt hatte. Am Kaminfeuer labten wir uns an Stollen, Lebkuchen und Spekulatius, die in braunen Paketen aus Deutschland bei uns anlangten.
Ostern feierten wir meist auf dem Bauernhof meiner englischen Großeltern, umgeben von Lämmern, Kühen und Narzissen. Mein Großvater, ein großer, weißhaariger Herr mit riesigen Händen, hatte einen Schuppen im Garten, der nach frisch gemähtem Gras roch, und eine Holzkiste voller Mandeln in rosarotem und weißem Zuckerguss. Oma, deutlich kleiner als er, rödelte meist in Tweedröcken und stets mit Taschentuch im Bund vor sich hin. Wir fütterten die Hühner und rannten mit den beiden Spaniels über die Schafweiden, lachten und blökten die herumtollenden Lämmer an.
Als ich elf Jahre alt war, im langen heißen Sommer von 1976, wurde ich zu meiner großen Aufregung früher aus der Schule genommen und fuhr allein für sechs Wochen zu meiner anderen Großmutter nach Hamburg, um mein Deutsch zu verbessern. Sie wohnte in einer Zweizimmerwohnung mit hohen Decken im ersten Obergeschoss eines dreistöckigen Hauses in einem üppig grünen Außenbezirk. Das Haus war außen dunkelgrau gestrichen; der vordere Balkon ging auf eine stille Pflasterstraße, der hofseitige auf einen üppigen Garten mit Vogelgesang.
Ihr Tag folgte einer festgelegten Routine. »Mummygroß« (meine Schwester hatte als Kind das Englische und Deutsche durcheinandergebracht, und diese Verballhornung von »Großmami« blieb ihr zeitlebens erhalten) stand früh auf, trank an einem wunderschön angerichteten Frühstückstisch mit weißer Tischdecke erst einmal mehrere Tassen starken schwarzen Kaffee und las die Zeitung. Ich setzte mich zu ihr und aß Mohnbrötchen frisch vom Bäcker. An den Vormittagen gingen wir zum Markt unter einer Eisenbahnbrücke, um Erdbeeren und weißen Spargel einzukaufen. An Nachmittagen spazierten wir an der Alster entlang und bewunderten die prächtigen weißen Villen mit dem untadeligen Rasen in den angrenzenden Wohnstraßen.
Ich staunte über den seltsamen kohlrabenschwarzen Kirchturm hoch über den Dächern der Innenstadt, der in schroffem Gegensatz zum gepflegten Äußeren der Neubauten in seiner Umgebung stand. »Das ist die Nikolaikirche«, erklärte mir Mummygroß. »Sie wurde im Krieg schwer von Bomben getroffen.«
Dann lenkte sie meine Aufmerksamkeit behutsam auf etwas anderes.
Ich konnte mit Mummygroß über alles reden – außer über den Krieg. Wann immer ich darüber etwas wissen wollte, wechselte sie unauffällig das Thema und schob meine Frage zwischen die Falten ihrer gestärkten Leinenserviette, die durch einen silbernen Ring gezogen in einer Schublade verschwand. Ihre Vergangenheit blieb verhüllt hinter einem Schleier des Schweigens. Sie wurde weder grimmig verbannt, noch schlich sie sich spürbar ins Hier und Jetzt ein. Sie blieb einfach hinter den Büchern verborgen, die ihre reinweißen Regale im Wohnzimmer füllten, oder unter dem Fußhebel ihrer elektrischen Nähmaschine oder im Kühlschrank, wo über Nacht gezuckerte Brombeeren auftauchten.
Ich erinnere mich an eine Autofahrt durch Deutschland mit meiner Familie im folgenden Jahr, auf der die Vergangenheit für einige Augenblicke in die Gegenwart hereinbrach. Zwischen Sehenswürdigkeiten und Verwandtenbesuchen machten wir halt in einem großen Wald. Ein Streifen Brachland mit Stacheldrahtzaun erstreckte sich an einer Seite der Straße in beide Richtungen, so weit wir sehen konnten, in regelmäßigen Abständen durchsetzt von Wachtürmen, auf denen ostdeutsche Soldaten mit Gewehren standen. Meine Großmutter und meine Mutter stiegen aus und betrachteten die Szenerie traurig und stumm. Christopher und ich – gelangweilt und ohne jeden Sinn für die Bedeutung dieses Ortes – blödelten herum und stachelten einander zu Mutproben an, indem wir ins Niemandsland und wieder zurück hüpften, die Wächter frech auf uns aufmerksam machten und über unseren großen Heldenmut kicherten. Dann richtete einer von ihnen sein Gewehr auf uns. Die beiden Erwachsenen erwachten jäh aus ihrer gramvollen Traumverlorenheit und schalten uns für unseren dummen Leichtsinn.
Mummygroß war es, die uns die deutsche Kultur nahebrachte. Sie las uns Gedichte von Rilke und Goethe vor. Sie ging mit uns ins Theater und in Ausstellungen, wie sie es vor dem Krieg in Berlin so gern mit ihrem Mann gemacht hatte. Nach dessen Tod hatte sie das Landgut der Familie verkauft und war, um wieder in das in jungen Jahren genossene Stadtleben einzutauchen, nach Hamburg gezogen.
Ganz selten und nur in Andeutungen erzählte meine Mutter von ihrem verstorbenen Vater. Er war ein überragender Athlet gewesen und hatte im Hochsprung, Weitsprung, Schwimmen, Tennis, Reiten, Tauchen zahlreiche Preise gewonnen. Eine Qualifizierung für die Olympischen Spiele von 1936 hatte er nur knapp verpasst. Er war auch ein begabter Kunsthandwerker gewesen. Die alten Holzreliefs mit Hänsel und Gretel und anderen Märchenfiguren, die an den Wänden unserer Schlafzimmer hingen, hatte er selbst geschnitzt und bemalt. Er hatte außerdem ein beneidenswertes Talent zum Aufspüren vierblättriger Kleeblätter besessen und noch an seinem 60. Geburtstag einen Handstand geschafft. Ich wusste auch, dass er im Krieg gekämpft und den größten Teil seiner letzten zwanzig Jahre als »gebrochener Mann« verbracht, nur noch Tomaten gezogen und in seinem Sessel mit Blick auf den Garten täglich siebzig Zigaretten Kette geraucht hatte.
Ansonsten existierte der Großvater für mich nur als Gesicht eines uniformierten Mannes in einem gerahmten Schwarz-Weiß-Foto auf dem Schreibtisch meiner Mutter. Es kam mir nie merkwürdig vor, dass ein deutscher Soldat das Regiment über Schreibmaschine, Umschläge und Briefmarken meiner Mutter führte – bis eines Abends meine Eltern eine ihrer vielen Gesellschaften gaben. Meine Geschwister und ich warteten herausgeputzt in unseren besten Kleidern im Vorzimmer und sprangen bei jedem Schlag des Messingtürklopfers aufgeregt in Aktion. Christopher hatte die Aufgabe, den Gästen die Tür zu öffnen. Ich nahm ihnen die Mäntel ab, und Caroline reichte ihnen ein Glas Sekt. Das Prozedere war gut eingespielt. Doch an diesem einen Abend folgte mir eine Frau in das Arbeitszimmer meiner Mutter, wo wir die Mäntel ablegten. Als sie meinen Großvater sah, wurde sie bleich im Gesicht.
Der Schreibtisch meiner Mutter mit einem Foto meines Großvaters von 1942
»Schon etwas taktlos von Jutta, sich einen Nazi auf den Schreibtisch zu stellen«, murmelte sie zu ihrem Mann, bevor sie ein breites Lächeln aufsetzte und sich unter die anderen Gäste mischte.
Ich kannte die Nazis als Bösewichter aus The Sound of Music, aber von meinen Eltern wusste ich auch, dass nicht alle Deutschen Nazis waren und dass auch mein Großvater kein Nazi, sondern nur ein deutscher Soldat gewesen war. Von diesem Moment an begannen mir dennoch die gelegentlichen diskret-entsetzten Blickwechsel aufzufallen, wenn manche Uneingeweihten herausfanden, dass wir eine gemischt englisch-deutsche Familie waren.
Für die meisten Kinder, die im England der Sechziger- und Siebzigerjahre aufwuchsen, war der Zweite Weltkrieg eine gefühlte Ewigkeit weit weg. Nur rund um Familien, denen ehemalige Feinde angehörten, ließ sich manchmal noch ein fernes Kriegsgrollen vernehmen. Oft teilte es sich nur in verhaltenen Knuffen oder einer leisen Verwünschung mit, die älteren Leuten entfuhr. Aber es war jedenfalls da, ein leises Hintergrundgeräusch, das kleine Fragezeichen in meinem Denken hinterließ.
Meine Mutter, die ein wunderschönes und fast akzentfreies Englisch sprach, erzählte mir, wie einmal ein Mann sich mitten im Gespräch bei einer Gesellschaft auf der Stelle von ihr abgewandt hatte und davongegangen war, nachdem sie erwähnt hatte, dass sie Deutsche sei. Ein andermal kam sie tief getroffen nach Hause. Mein Vater erklärte uns im Flüsterton, jemand habe verkündet: »Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher.« Ein Mitschüler meines Bruders höhnte diesem gegenüber: »Deine Mutter ist Frau Hitler.« Als ich einmal bei einer Freundin zum Mittagessen eingeladen war, setzte sich deren Großmutter nicht mit an den Tisch, weil ich Deutsche war. Und als meine Mutter in den Frühjahrsund Sommerferien Englischkurse anbot und damit deutsche Studenten in Scharen anzog, unzählige Leute aus dem Dorf als Gastgeber und uns Kinder als Englischlehrer und Freizeitbegleiter in Vollzeit beschäftigte, murrte eine Ladenverkäuferin im Dorf über die »verdammten Deutschen«, obwohl die in den Unterrichtspausen für reißenden Absatz von Chips und Schokoriegeln bei ihr sorgten.
All das bedrückte mich. Besonders ein Zwischenfall hat sich in meiner Erinnerung festgesetzt. Es war das erste Mal, dass ich die Schande meiner Herkunft wahrnahm, dass ich mich andersartig, ausgeschlossen, zur Fremden gemacht fühlte.
Ich muss damals zehn oder elf Jahre alt gewesen sein. Ich hatte mir eine Eiterflechte zugezogen, und meine Mutter hatte die geröteten Stellen mit einer rosaroten, kalkigen Galmeisalbe bestrichen – rund um die Nasenlöcher, die Oberlippe und das Kinn. Mein Gesicht sah aus wie ein missraten glasiertes Törtchen. Einfach peinlich. Erst war ich erleichtert, als ich meine Freunde vor dem Dorfladen traf und niemand ein Wort über die unansehnlichen Flecken verlor. Beinahe hätte ich mich selbst davon überzeugt, dass sie den anderen gar nicht auffielen. Dann aber brachte mich irgendwer zum Lachen, und die rosa Kruste über meiner Lippe sprang auf. Da zeigte einer der älteren Jungen, als er Blut aus den Rissen austreten sah, mit dem Finger auf mich: »Schaut her«, rief er, »sie blutet!« Und setzte mit lautem Gewieher nach: »Bloody Kraut!«
Die anderen drehten sich zu mir und lachten. Ich lachte mit, während ich mit dem Handrücken meinen Mund abtupfte und versuchte, das innere Aufwallen der Scham in mir niederzuhalten. Ich verstand die Beleidigung nicht ganz. Das englische Wort »Kraut« kannte ich bis dahin nur im Sinn von Sauerkraut. Aber mir war sofort klar, dass es auf meine deutsche Herkunft zielen musste.
Eine stumme Verwirrung begann sich in mir einzunisten. In meinem ersten Jahr im Internat – eigentlich ein Privileg, das größtenteils die Marine bezahlte, das aber für meine Mutter ein vollkommenes Unding war, weil sie nicht verstehen konnte, warum Eltern ihre Kinder schon in jungen Jahren aus dem Haus haben wollten – galt ich noch als klug, fleißig, beliebt und »angesagt«. Doch schon im zweiten Jahr beschrieben mich die Zeugnisse als hochfahrend, aufmüpfig und unter meinen schulischen Möglichkeiten bleibend. Ich rebellierte gegen die elitäre Bevorzugung, die von der Schule wie ein Rohrstab benutzt wurde, um uns ein unverdientes Gefühl der Überlegenheit einzubläuen. Ich übertrat demonstrativ Regeln und widersetzte mich lautstark den Forderungen der Lehrer nach Respekt und Gehorsam. Ich war auch eingebildet genug, die meisten Schulfächer als unbrauchbar für das Leben nach der Schule zu verwerfen. Es war, als sei ein Fremder in die Idylle meiner Kindheit eingebrochen, um sie gründlich zu verwüsten. Dieses Gefühl ließ bald nicht mehr los. Es nährte in mir die Überzeugung, dass ich nirgendwo hingehörte: nicht zu meiner geliebten Familie, nicht zum elitären Kreis der Internatsschüler, nicht zu den Menschen um mich herum und noch nicht einmal zu mir selbst. Etwa um diese Zeit hatte ich zum ersten Mal einen Albtraum, der mich in den folgenden dreißig Jahren wieder und wieder einholte. Es war jedes Mal derselbe Traum:
Die Sonne scheint. Ich bin Teil einer Lacrosse-Mädchenmannschaft. Ein kräftiger Pass, und der Ball fliegt hoch über unsere Köpfe in einen Rhododendrenwald, dessen Betreten strengstens verboten ist. Ich renne Hals über Kopf mit mehreren anderen Mädchen in das Gestrüpp, um den Ball zu holen. Dabei nutze ich den Schläger, um mir einen Weg durch das Blattwerk zu bahnen. Ich gerate tiefer und tiefer in das finstere Unterholz. Eine ferne Stimme ruft: »Ich hab ihn!«, und ich versuche, meinen Weg zurückzuverfolgen, finde ihn aber nicht mehr. Ich kann das grüne Gras in der Sonne durch ein Geflecht aus Zweigen und Stängeln leuchten sehen. Ich kann das Geschnatter und Lachen meiner Mitschülerinnen hören. Aber ich dringe nicht zu ihnen durch. Plötzlich stolpere ich in ein Erdloch mit steilen Wänden und voll vermoderndem Herbstlaub. Jedes Mal, wenn ich hinauszuklettern versuche, erscheint ein Fuchs und treibt mich zurück ins Loch. Jahrein, jahraus versuche ich den Fuchs zu überlisten, aber es gelingt mir nie. Und nie fällt irgendjemandem auf, dass ich nicht da bin.
Als Jugendliche wurde ich mir der Deutschfeindlichkeit rundherum zunehmend bewusst und merkte auch, wie sie mich ausgrenzte. Nicht so sehr wegen des Geschichtsunterrichts, der Hitler und den Zweiten Weltkrieg anscheinend auf eine Serie von den Engländern gewonnener Luftschlachten reduzierte. Ohnehin verblassten diese angesichts der tief fliegenden Bücher, vor denen wir uns ducken mussten, weil unser jähzorniger Geschichtslehrer keinerlei Nachsicht für Unaufmerksamkeit hatte und sie quer durch das Klassenzimmer nach uns warf. Die allgemeine Antipathie rührte mehr von dem steten Strom der Kriegsfilme im Fernsehen und in den Kinos her. Und dann kam in der Serie Fawlty Towers die Folge »The Germans«. Sie machte es sehr einfach und womöglich unbeabsichtigt gesellschaftsfähig, die Deutschen gnadenlos zu verspotten. Man musste nur zu passenden Gelegenheiten Basils berühmte Bemerkung »Don’t mention the war« fallen lassen.
Die Deutschen wurden ausgelacht, weil sie diszipliniert, pünktlich, gestelzt, verkrampft und so über die Maßen gesetzestreu waren, dass sie an roten Fußgängerampeln sogar dann stehen blieben, wenn kein Auto kam. Sie galten als vollkommen humorfrei und unfähig zu beiläufigem Plaudern, sodass sich ihr Verhalten stets hart an der Grenze zur Grobheit und Herablassung bewegte. Und natürlich liebten sie alle Bockwurst und Bier. Effizienz, Genauigkeit und Ordnungssinn – Charakterzüge, die meine Mutter besaß und auf die sie nichts kommen ließ – gerieten zu klischeehaft abgewerteten Stereotypen. Die Witze darüber machten mich traurig, wenn ich an meine Mutter und ihre Familie und an deren unendliche Liebenswürdigkeit dachte. Gleichzeitig sehnte ich mich danach, nicht diesem nach allgemeiner Ansicht unerträglichen Menschenschlag anzugehören.
Diese noch spielerische Verachtung wich 1979 einer tiefen Erschütterung, als die amerikanische Kurzserie Holocaust in Europas Wohnzimmern ankam. Mit der jungen Meryl Streep in der Hauptrolle erzählte sie vom fiktiven Schicksal eines jüdischen Arztes und seiner Familie in Berlin. Erneut ging eine Welle des Entsetzens um die Welt. Die Sendung hinterließ einen tiefen Eindruck durch nichts entschuldbarer grausamer Verbrechen. Von da an wurde es meinen Mitschülern zur täglichen Gewohnheit, laut und leidenschaftlich kundzutun, wie sehr sie die Deutschen verachteten. Deutsche Schüler, die ihre Ferien an der Sprachschule meiner Mutter verbrachten, fragten sie hinter vorgehaltener Hand, ob ihre Gastfamilien sie hassten. Die Deutschen zu verteidigen und darauf zu beharren, dass nicht alle Nazis gewesen waren, wie ich es bis dahin stets getan hatte, war jetzt schlicht unmöglich.
Auch ich selbst war angewidert. Aber für mich war es nicht so einfach, die Deutschen zu verachten. Ich musste dafür einen Teil meiner Familie hassen.
Und einen Teil meiner selbst.
Später … war es mir immer, als ginge jemand anderer neben mir her oder als hätte mich etwas gestreift.
W. G. Sebald, Austerlitz
ALS KIND EMPFAND ICH meine Mutter wie eine Erweiterung meiner selbst. Von ihr auch nur über Nacht getrennt zu sein löste in mir heftiges Heimweh aus, heilbar nur durch die schnelle Rückkehr an das rettende Ufer, das sie für mich darstellte. Für sie war es genauso. Wir waren durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden. Allen drei Kindern war sie eine hingebungsvolle und zugewandte Mutter, die uns die Liebe zur englischen Kultur und Musik, zu den Gärten und Landschaften ihrer neuen Heimat mitgab. Sie war herzensgut, aufmerksam und ernsthaft an anderen Menschen interessiert. Sie konnte auch draufgängerisch sein, raste wild mit ihrem Auto herum und verachtete Autoritäten, was uns diebische Freude machte und dafür sorgte, dass sie unter unseren Freunden hoch im Kurs stand.
Als Jugendliche begannen wir dann aber, uns selbst an ihren hohen Ansprüchen zu messen. Es gab unausgesprochene Leitlinien, wie man zu sein hatte, nämlich stark, erfolgreich und folgsam. Das ließ uns Kindern wenig Raum für Fehler und bot stattdessen reichlich Gelegenheit, unsere Mutter zu enttäuschen. Ihr Vater war, wie wir wussten, ein Anhänger von Zucht und Ordnung gewesen, ihre eigene Strenge schien dagegen mehr von dem Bedürfnis getrieben, alles unter Kontrolle zu haben. Während sie selbst Konventionen missachtete, drang sie in uns, die Normen der Gesellschaft, in der unsere Familie ihr Zuhause gefunden hatte, nicht nur zu respektieren, sondern auch zu verinnerlichen.
Als wir uns so langsam aus dem Schoß der Familie lösten und erste eigene Schritte in die Welt hinaus wagten, mussten wir etliche Gräben überwinden und Kämpfe bestehen. Das Auftreten meiner Mutter war auf ungesunde Art gebieterisch. Ein einziger besorgter Seitenblick von ihr zu unserem Vater konnte Zweifel in uns auslösen, die an unserem Selbstvertrauen fraßen wie der Holzwurm an einem Stuhlbein. Anfangs entzündeten sich die Scharmützel an Kleinigkeiten – etwa an ihrem sanften Tadel unseres albernen Verhaltens, an unserer Kleiderwahl oder unseren Schulnoten. Doch mit der Zeit kam es zu heftigeren Auseinandersetzungen.
Ich war als Kind immer dünn gewesen, und die ersten Anzeichen von Teenagerspeck fielen mir selbst zunächst gar nicht auf. Die deutsche Linie meiner Familie kochte zwar hervorragend, duldete aber keinerlei Gewichtszunahme. Mit der Zeit fürchteten Caroline und ich schon die Sekunden-Musterung auf dem Parkplatz der Schule, wenn meine Mutter uns für das ersehnte Wochenende zu Hause abholte. Bei einem anerkennenden »Du bist schlanker geworden« erfüllte uns eine Aufwallung von Stolz, die rhetorisch fragende Anklage »Hast du zugenommen?« ließ unsere Selbstachtung in sich zusammenfallen. Angestachelt von der Fettleibigkeitsphobie meiner Mutter und ihren kritischen Blicken, hatten wir nur noch das Diäthalten im Kopf und schwankten zwischen Hunger- und Völlegefühlen, fühlten uns schuldig, wenn wir einem so primitiven Bedürfnis wie unserem Appetit nachgaben, oder triumphierten, wenn wir uns dagegen behaupteten.
Im Spannungsfeld zwischen deutscher und englischer Kultur aufzuwachsen hieß für uns zwangsläufig, dass wir divergenten Ansprüchen ausgesetzt waren. Meine Mutter stritt für die Vorzüge der Geradlinigkeit: Man nahm sich etwas vor und schoss darauf los wie ein Pfeil zur Zielscheibe. Das beinhaltete, ohne Aufhebens und Umschweife zu sagen, was man dachte. Es war ihr deshalb unmöglich, etwa zu verschweigen, dass ein Hintern »fett wirkt«. Im Gegensatz dazu war mein Vater der Inbegriff englischer Diplomatie. Er lehrte uns die Vorzüge des Umwegs und die Kunst, ein heikles Thema auf Zehenspitzen einzukreisen, bis man am Ende – oder, wie es oft vorkam, auch überhaupt nie – dahin gelangte, Ja zu sagen, wenn man Nein meinte oder umgekehrt.
Ein Ausflug ins Restaurant mit meiner Mutter ließ uns regelmäßig vor Scham in unseren Stühlen versinken, nämlich wenn meine Mutter auf die pflichtschuldige Frage eines Kellners »War alles in Ordnung?« mit ihrer fatalen Mischung aus hohen Ansprüchen und Aufrichtigkeit antwortete. Mein Vater lächelte unterdessen meist peinlich berührt und sagte, »Ja, danke«, und zwar selbst dann, wenn sein Kaffee als Tee und seine Fischpastete noch tiefgekühlt aufgetragen worden war. Uns Kinder stellte das vor die Aufgabe, mit verschiedenen Situationen umgehen zu lernen und uns für die am ehesten passende Reaktion zu entscheiden.
Ich zweifelte nie daran, dass meine Mutter uns liebte. Doch wir mussten zu Hause immer peinlich genau darauf achten, heikle Bereiche zu umgehen und Grenzen zu wahren, deren Übertretung sie völlig aus der Fassung zu bringen drohte. Saßen wir rund um den Esstisch und war ich etwa versucht, Streit mit ihr anzufangen, so mahnten mich die eindringlichen Blicke meiner Geschwister, meinen Mund zu halten. Wir durften Mami nicht verärgern. Sie konnte sehr energisch werden, aber schon im nächsten Moment halt- und hilflos in Tränen ausbrechen. Meine beiden Geschwister fanden ihre Mittel und Wege, damit umzugehen. Caroline geriet mit ihr aneinander und ging dann trotzig ihrer Wege. Sie hatte von Geburt an ein dickeres Fell und eine robustere seelische Verfassung. Christopher tat meist so, als hörte er zu, schaltete dabei aber die Ohren auf Durchzug. Er gab diplomatisch klein bei und zog sich so aus allen Affären. Ich dagegen fühlte mich fortwährend zum Schweigen gebracht und schluckte die Spannungen hinunter, bis ich nicht mehr konnte und entweder mit meiner Mutter in einen sinnlosen Streit geriet oder in Niedergeschlagenheit versank.
Hin und wieder konnte ich ihr für Momente eine gewisse Abgeschlagenheit ansehen. Dann wieder wirkte sie verloren und schien sich in ihrer Haut unwohl zu fühlen. Sie hatte ein wunderschönes Heim und einen großen Freundeskreis. Sie leitete eine sehr erfolgreiche Sprachschule, die sie selbst gegründet hatte. Aber etwas fehlte. Rastlose Geschäftigkeit diente ihr als Ablenkung von einer inneren Leere, die sie weder zur Sprache bringen noch füllen konnte. Erfolg war der Gradmesser ihres Selbstwerts. Momente der Entspannung betrachtete sie als Faulheit, und das schöne Gefühl, eine Sache zufriedenstellend abgeschlossen zu haben, wich schon bald dem Druck, die nächste Aufgabe abarbeiten zu müssen. Es war ein ewiges Rennen im Kreis, und wir alle wurden davon mitgerissen.
Wie andere ehrgeizige Eltern legte meine Mutter großen Wert darauf, dass wir unter den Klassenbesten waren. Aber mir wurde nie so richtig klar, ob sie das für uns wollte oder es nötig hatte, sich im Glanz unserer schulischen Bestleistungen zu sonnen, um den Mangel an eigenen akademischen Würden zu kompensieren. Fühlte sie sich eingezwängt in die traditionelle Rolle der Ehefrau und Mutter in einem Dorf, wie es englischer nicht sein hätte können, mit schlammverkrusteten Hunden und Kindern wie Kletten? Weinte sie trotz ihres florierenden Unternehmens der früh abgebrochenen, vielversprechend begonnenen Karriere nach? Und tat sie sich so schwer damit, uns erwachsen werden zu lassen, weil dahinter eine uneingestandene Sehnsucht oder Trauer über Freiheiten und Chancen stand, die sie selbst als Kind nicht gehabt hatte? Oder fürchtete sie einfach, verlassen zu werden?
Ihre französischen und italienischen Freunde galten unter den Einheimischen als bezaubernd – inklusive ihres entzückenden Akzents und ihrer nationalen Eigenheiten. Einer deutschen Frau wurde kein solcher Exotikbonus zuteil. Wie es die Opfer solcher Ausgrenzung oft tun, kompensierte meine Mutter diese Ablehnung, indem sie britische Verhaltensregeln peinlich genau einhielt. Sie wurde englischer als die Engländer selbst.
Meine Mutter bei der Verlobung mit meinem Vater, 1961
Als Jugendliche betrachtete ich oft das große Schwarz-Weiß-Porträt meiner Mutter in seinem roten Lederrahmen auf einem der Regale in meinem Zimmer. Es stammte von ihrer Verlobung. Sie muss damals 26 oder 27 Jahre alt gewesen sein. Sie wirkte darauf so wunderschön, so glücklich, so unbeschwert. So ganz anders als die Frau, die ich kannte.
Wie gern hätte ich mehr über ihr jüngeres Selbst, über diese freisinnige, multikulturelle Frau erfahren, die Konventionen durchbrach und der nachfolgenden Generation ihren Weg bereitete! Stets hatte ich das merkwürdige Gefühl, diese Person beschützen zu müssen. Aber wann immer ich meiner Mutter Mut machte, sich diesem Teil von sich selbst wieder mehr zuzuwenden, sich die alten Träume vom Reisen zu erfüllen und uns Kinder uns selbst zu überlassen, gerieten wir in Streit und fühlten uns danach beide elend.
Hin- und hergerissen zwischen meiner innigen Liebe zu meiner Mutter und dem vergeblichen Aufbäumen gegen ihre so erstickende wie lähmende, ängstliche Anpassung und Zurechtweisung, tat ich ebenso vergeblich alles, was ich konnte, um es ihr recht zu machen. Ich wollte mich losreißen, aber ein Gefühl der Verantwortung für ihren unergründlichen emotionalen Schmerz nötigte mich, entweder meinen eigenen Willen zu unterdrücken oder erbittert gegen ihren zu kämpfen.
Ein Gefühl der Schuld – oder der Scham? – schlich sich unmerklich in meine Seele. Anfangs machte es sich kaum mehr als durch ein gelegentliches Auflodern bemerkbar und verdüsterte nur für Momente die bunte Welt rundherum. Bald aber bemächtigte es sich meines Innenlebens, löschte darin für immer längere Zeiträume alles Licht und ließ mich im Dunkeln tappen. Ich fühlte mich schuldig, weil ich so viele Vorteile anderen gegenüber hatte; schuldig dafür, dass ich die gut gemeinten Angebote und Chancen verwarf, die meine Eltern und mein wohlbehütetes Aufwachsen mir verschafft hatten; und schuldig auch für die wachsende Entfremdung zwischen mir und meiner Mutter.
Schuldgefühle sind bekanntlich eine von mehreren Begleiterscheinungen eines Traumas. Ich konnte meine Schuldgefühle mit keinem eigenen Trauma in Verbindung bringen. Dennoch waren sie da, steuerten mein Handeln, bildeten und verbildeten mitunter meinen heranwachsenden Charakter.
Das Wort »Trauma« stammt vom griechischen traumatikos und bezeichnet eine Wunde im Sinne einer durch äußere Gewalteinwirkung hervorgerufenen Verletzung. In der Chirurgie und in anderen Bereichen der Medizin wird es nach wie vor in diesem Sinn verwendet. Es bezeichnet heute aber auch ein vergangenes Ereignis oder andauerndes Geschehen, das in erheblichem Maß Furcht, Verwirrung, Kontrollverlust, Schmerzen, Verlust des Selbstwertes und/oder Hilflosigkeit auslöst – etwas, das uns so überwältigt, dass wir nicht wissen, wie wir damit fertigwerden sollen. Traumata können die verschiedensten Ursachen haben: Scheidung, Gewaltverbrechen, tiefe Trauer über Verletzungen, Vergewaltigungen und Verluste von Angehörigen, sei es durch Naturkatastrophen oder in Kriegen. Doch weder das Ereignis selbst noch das Ausmaß an Gewalt oder Gefahr bestimmen die Schwere des Traumas, sondern die subjektive Reaktion des Betroffenen. Ausschlaggebend dafür ist weniger, was uns widerfahren ist, als vielmehr das, was sich infolgedessen in unserem Inneren abspielt.
Seit Anfang der 1990er-Jahre können Bildgebungsverfahren zeigen, was in den Gehirnen traumatisierter Menschen vorgeht. Sie veranschaulichen, dass wichtige Synapsenverbindungen durch Traumata gestört werden und dies bei den Betroffenen zu einer grundlegenden Umordnung des Denkens führt – also nicht nur der Inhalte ihres Denkens, sondern ihrer eigentlichen Befähigung zum Denken. Der präfrontale Kortex, der für eine Vielzahl von Funktionen wie komplexe Denkabläufe, Gefühls- und Stressregulierung, Entscheidungen und Verhaltenssteuerung zuständig ist, kann dadurch Funktionsstörungen erleiden. Ebenso kann der Prozess der Erinnerungsbildung im Hippocampus durch Flashbacks – Episoden spontanen und eindringlichen Wiedererlebens – beeinträchtigt werden. Das betreffende Ereignis entschwindet so nicht in den Hintergrund, sondern bleibt ständig gegenwärtig und kann jederzeit in die Wirklichkeit hereinbrechen. Die Amygdala, die Kampfbereitschaft, Fluchtimpuls und Angststarre in Gefahrensituationen auslöst, reagiert dann auf manche Erinnerungen und Gedanken, als handelte es sich um tatsächliche Ereignisse im Hier und Jetzt, und versetzt die traumatisierte Person mitunter in ein anhaltendes Gefühl akuter Bedrohtheit. Das steigert die Aktivität des Hypothalamus und bewirkt so schwankende Hormonspiegel, erhöhten Stress und Angst.
Als ich mich in meinen Vierzigern eingehend mit Traumata zu beschäftigen begann, fiel mir rückblickend auf, dass die Erinnerungen meiner Mutter anders als die ihrer Geschwister nicht geradlinig verliefen. Sie hatten mehr den Charakter von traumähnlichen Inseln isolierter einzelner Zwischenfälle und waren emotional so sehr abgedämpft, dass ihnen jegliche scharfen Ränder, intensiven Farben oder echten Formen fehlten. Welchen Eindruck der Krieg tatsächlich auf sie gemacht hatte, war mir immer ein Rätsel geblieben.
War meine Mutter als sensibles Kind vielleicht mehr als ihre Geschwister von den furchtbaren Umständen der gemeinsamen Kindheit geprägt? Oder hatte sie Dinge erlebt, die den anderen erspart geblieben waren? Von allem, was sie erzählte, hatte mich die Geschichte ihrer Flucht aus dem Haus der Familie am meisten und nachhaltigsten beeindruckt. Ich kam immer wieder und aus verschiedenen Blickwinkeln darauf zurück, versuchte mich in die Lage meiner Mutter im Alter von zehn Jahren zu versetzen, jeden Moment zu erspüren.
Ich stellte mir vor, wie die russischen Soldaten aus dem Südosten näher kamen. Sie stehen schon in Cottbus, gerade einmal 100 Kilometer von Jüterbog entfernt. Ihrem unabwendbaren Einmarsch voraus eilen furchtbare Gerüchte und Berichte von Vergewaltigungen und anderen Grausamkeiten, sodass sich meine Großmutter entschließt, die beiden jüngsten Töchter eiligst zu ihren Eltern zu schicken.
Jutta muss ihren geliebten Kanarienvogel Hansi bei ihrer besten Freundin und Nachbarin zurücklassen. Später wird sie sich fragen, warum die Mutter ihr erlaubt hat, eine Puppe mitzunehmen, anstatt ihr Silber oder einen anderen nützlichen Gegenstand mit Tauschwert einzupacken. Dass sie sich für die scheußliche neue, vor Kurzem vom Vater geschickte Puppe entschieden hat und nicht für ihre alte Lieblingspuppe, scheint sie von allem am meisten umzutreiben. Am Bahnhof in Berlin, mitten in der brennenden Stadt, werden die beiden Mädchen durch wogende Menschenmassen gelotst. Sie sind zu klein, um zu sehen, wohin sie gehen. Dorothee erinnert sich später deutlich, dass man sie hochhob und durch ein Fenster in den Zug schob. Sie wissen nicht, wann oder ob sie ihre Mutter je wiedersehen.
Jahrzehnte später, als ich mit meiner Mutter die Schränke durchging und Kleider für den örtlichen Wohltätigkeitsbasar aussortierte, fragte ich sie in einem Anfall von Neugier: »Was war der schrecklichste Moment in deinem Leben?«
Ohne Zögern nannte sie dieses Erlebnis und berichtete weitere Einzelheiten, als schwebte ihr all das direkt vor Augen. Auf dem Bahnhof sagte meine Großmutter, die mit der einen Hand Dorothees Hand hielt und in der anderen ihr Reisegepäck trug, zu meiner Mutter, sie solle sich an einem der kleinen, für den besseren Sitz des Mantels in den Saum eingenähten Bleigewichte festhalten. Meine Mutter fasste nach dem knopfähnlichen Gegenstand und schlurfte durch die Menge hinter ihr in Richtung des Zuges her. Auf einmal entglitt das Gewicht ihren kleinen Fingern.
Ihre Stimme bebte.
Sie verlor den Kontakt zu ihrer Mutter und wurde hin- und hergeworfen in der Menschenflut, ein ertrinkendes Kind. In diesem Augenblick fühlte sie sich furchtbar allein, vielleicht für immer verloren.
Wie in einer Trance legte meine Mutter die Kleider hin, die sie eben noch gefaltet hatte, verließ das Zimmer und ging die Treppe hinunter. Ich folgte ihr, erschüttert von der Winzigkeit dieses einen Augenblicks und den unabsehbaren Folgen, die er für sie haben mochte. Nach einigem Wühlen ganz hinten in einem getäfelten Schrank zog sie ein kleines Buch mit festem Einband hervor. Das Papier war vor Alter vergilbt. Den Einband zierten ein handgemalter Grünspecht auf einem rosarot blühenden Hundsrosenzweig und das Wort »Tagebuch« in schwarzen Großbuchstaben.
Meine Mutter gab mir das Tagebuch, ohne auch nur flüchtig hineinzusehen. Ich öffnete es und erkannte in der ordentlichen Mädchenschrift auf den ersten Blick ihre eigene. Der erste Eintrag stammte von 1945, als sie knapp elf Jahre alt war – genauso alt wie ich selbst, als ich mit dem Schreiben meines eigenen Tagebuchs begann. Ich sah sie ungläubig an und brachte kein Wort heraus, so überrascht war ich vom unverhofften Auftauchen dieses Schatzes und von dem völligen Fehlen jeder rührseliger Anwandlung bei ihr. Was genau ging in ihr vor? Einfach nur Desinteresse? Oder hatte sie sich von ihrem elfjährigen Selbst abgespalten?
Tagebuch meiner Mutter, 1945
Die ersten Seiten waren mit Erinnerungen an Ereignisse des vergangenen Jahres ausgefüllt: eine Harzreise, auf der sie Erdbeeren gesammelt und Verwandte besucht hatte; der Tod ihres heiß geliebten Großvaters und wie sein Sarg auf ein Fuhrwerk geladen und von 25 Spalier stehenden russischen Kriegsgefangenen, die auf seinem Landgut arbeiteten, feierlich verabschiedet worden war; Geschenke, die der Vater ihr zu Weihnachten 1944 aus Italien geschickt hatte, nachdem er keinen Urlaub erhalten hatte. Und dann dieser Tag, an dem alles anders wurde als zuvor: der 1. Februar 1945.
Als nun der Russe immer näher kam und plötzlich in Cottbus war, fand Mutti es doch richtiger, daß wir schon nach Wildenhorst führen. Die Verwandten aus Holstein schrieben auch immer, daß wir bloß kommen sollten. Nun ging alles furchtbar schnell, denn wir hatten Bescheid bekommen, daß wir mit einem bekannten Herrn von den Bredeneekern nach Preetz fahren könnten. Am Abend bekamen wir Bescheid und am nächsten Morgen sollten wir schon losfahren. Marlen und Mutti gingen noch ganz schnell in die Stadt, denn wir hatten ja noch gar keine Reisegenehmigung. Auf Grund ›kränklicher Kinder‹ bekamen wir dann Erlaubnis. Am 1. Februar 1945 fuhren wir dann am Morgen um 4 Uhr aus Jüterbog. Es fiel uns, Dorothee und mir sehr schwer, denn wir sollten Jüterbog und unsere schöne Wohnung und die Sachen zum Spielen die Möbel und all die anderen schönen Sachen nie wieder sehen. Der Abschied fiel uns nicht leicht. Mutti und Alexandra brachten uns nach Berlin. Mutti besorgte noch einige Sachen, während Dorothee, Alexa und ich im Hotel Excelsior aßen und dann auf Mutti warten mußten. Als Mutti gekommen war, aß Mutti noch schnell eine Schnitte Brot und dazu einen Teller Suppe und dann gingen wir zum Lehrter Bahnhof. Wir gingen erst mit Alexandra, unserer Russin, auf den Lehrter Bahnhof, wo sie mit dem Gepäck wartete. Dorothee wartete auch auf dem Bahnhof, denn sie konnte nicht in ihren Schuhen laufen. So gingen Mutti und ich zu Herrn Kröbels, so hieß der Mann, mit welchem wir fahren sollten, Büro. Dummerweise war er schon zum Bahnhof gegangen. Seine Sekretärin sagte uns, daß er einen Rucksack auf dem Rücken trüge, mit ungefähr 6 Taschen … Mutti fragte einen Bahnbeamten, ob man seinen Name nicht ausrufen könnte. Der Mann sagte aber nein und fragte einen Herrn mit einem Rucksack, ob er der Dr. Kröbel wäre. Er sagte ja und so hatten wir den Richtigen gefunden. Dann stiegen wir in den Zug, denn es wurde höchste Zeit. Wir sagten Mutti auf Wiedersehen und konnten gar nicht mehr ans Fenster kommen, denn der Zug war überfüllt gewesen.
Das Bleigewicht im Mantelsaum war darin mit keinem Wort erwähnt. Auch nicht das Entsetzen, als sie von ihrer Mutter getrennt wurde, obwohl sie sich daran Jahrzehnte später noch erinnern sollte.
Eine der ersten Folgen eines Traumas ist, dass es einem die Sprache verschlägt: Unfähigkeit, dem Erlebten Ausdruck zu verleihen. Ursache dafür ist ein Außerkraftsetzen der linken Gehirnhälfte – der das Sprachverstehen und das mathematisch-logische Denken zugeordnet wird – während eines Schockerlebnisses, weshalb die Betroffenen unter Umständen schreien, jammern, wild fluchen oder vor Angst heulen. Die Unfähigkeit zur Artikulation kann danach für unbegrenzte Zeit fortwirken.
Weil die Traumatisierung oft in einer Situation geschieht, in der ein Mensch entscheidungs- und handlungsunfähig war, wird mitunter das Selbstgefühl beschädigt. Damit einher geht ein Autonomieverlust, der es den Betroffenen später schwer machen kann, Entscheidungen zu treffen oder ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, weshalb sie Halt bei anderen suchen. Die Kampf-, Fluchtoder Angststarre-Reaktion, ursprünglich überlebenswichtige Taktiken in akuter Bedrohung, kann sich verstetigen und den Körper in einem anhaltenden Zustand gesteigerter Wachsamkeit gefangen halten oder zu plötzlicher Abstumpfung führen, was im ersten Fall jede Entspannung und im zweiten den Bezug zu eigenen Gefühlen und Empfindungen verhindert. Zornausbrüche, Kontrollverlust, gesteigertes Misstrauen und geringes Selbstwertgefühl können daraus entstehen und in den Betroffenen ein Empfinden von Verletzlichkeit sowie ein Misstrauen gegenüber den eigenen Gefühlen bewirken. Eine Angst vor emotionaler Nähe und Verbundenheit mit anderen kann sie dazu nötigen, in unglücklicher Einsamkeit Zuflucht zu suchen.
Einige dieser Folgeerscheinungen eines Traumas erkannte ich bei meiner Mutter wieder. Schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl und mangelndes Selbstvertrauen verbargen sich hinter manchen ihrer Verhaltensweisen. Da war ihre Abneigung gegen jedes Innehalten und Entspannen. Auch rang sie bisweilen sehr um die Zustimmung anderer Menschen. Dann wieder trieb ihre Direktheit und leidenschaftliche Empörung über die Beamtenmentalität sie zu erstaunlichen – und unterhaltsamen – Extremen wilder Entschlossenheit. Beispielsweise brachte sie uns bei, wie man sich gegen Autoritäten und vermeintliches Unrecht behauptete, indem man sich den Menschen in der Machtposition splitternackt vorstellte. Ihr Ansatz war äußerst effektiv, beispielsweise als ich einmal beinahe vom Internat geflogen wäre.
Für dessen neue Direktorin, eine ausgesprochen leistungsgetriebene Feministin, waren mein immer ungebührlicheres Verhalten und meine rebellische Einstellung nicht länger hinnehmbar. Nach einigem Ärger wegen eines Paars verbotener Stöckelschuhe und fluchender Widerworte gegenüber einer Lehrerin rief sie an einem Wochenende, das ich zu Hause verbrachte, meine Eltern an und teilte ihnen mit, dass man mich in der Schule nicht mehr sehen wolle. Darauf antwortete meine Mutter, die diese verkrachte Schulgören-Version meiner selbst nicht in Übereinstimmung mit der Tochter bringen konnte, die sie kannte: »Kommt überhaupt nicht infrage!«, und erklärte unmissverständlich, dass sie mich eine Woche später zurück zur Schule bringen und keine Widerrede dulden werde. Und sie stand zu ihrem Wort.
Doch nicht einmal sie konnte meinen späteren Rausschmiss aus dem Kolleg verhindern, für das ich mich nach dem Abgang vom Internat ab der 10. Klasse entschieden hatte, um dort mein Abitur zu machen. Diese Schule war erfrischend liberal, aber mein häufiges Schwänzen und unverhohlenes Desinteresse an den gewählten Fächern ließ den lange duldsamen Lehrern keine andere Möglichkeit. Ich wurde von der Schule relegiert – und durfte sie nur noch betreten, um Prüfungen abzulegen. Es war mir egal. Inzwischen hatte ich herausgefunden, dass allein die Kunst mit ihrer verrückten Vernunft mir irgendetwas zu sagen hatte. Sobald ich das farbverschmierte Schulatelier mit den klapprigen Staffeleien und dem Geruch nach Ölfarben betrat, wichen alle Selbstzweifel von mir. Dort durften und sollten sogar die Gedanken wandern, Horizonte dehnten sich, und Gefühle fanden zu einer Form mit Konturen und Farben. Die Kunsterzieher erkannten etwas in mir, das niemandem zuvor aufgefallen war. Ermutigt von ihrer Anregung und Unterstützung, arbeitete ich kühn und mit großer Geste und entdeckte meine Kraft.
Außerhalb des Ateliers fühlte ich mich wie ein Sonderling. Missverstanden und kritisch gegenüber den Wertvorstellungen meines Umfelds suchte ich mehr und mehr die Nähe von Rebellen und Antihelden, die mit dem Gesetz in Konflikt gerieten. Eine düstere Stimmung überkam mich, als das glückliche Mädchen meiner Kindheit verschwand. Mit sechzehn Jahren fiel ich in der Einsamkeit meines Jugendzimmers zu Hause in meine erste tiefe Depression.
Die Welt verblasste zu matten Grautönen, meine Gefühle waren wie betäubt. Nichts hatte noch irgendeine Bedeutung oder einen Wert. Ich spürte deutlich, welche Art Mensch ich sein konnte, aber etwas stand mir im Weg, hielt mich zurück, zerrte mich nieder. Mir war, als verhärtete ein Teil von mir zu einem undurchdringlichen Klotz, an dem die verliebten Avancen der Jungs ebenso abprallten wie die Sorgen derjenigen, die mir am nächsten standen. Hinter der steinernen Fassade rang ich schwer mit mir selbst.
