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Im Schatten von Bruder Martin Bei der Handlung des Romans handelt es sich um eine Fiktion, die sich um ein geschichtliches Ereignis dreht. Ich habe mich bemüht die Orte, die Gebräuche und die genannten historischen Personen, deren Lebens-und Gedankenwelten die oft mit dem Handlungsablauf verknüpft sind, möglichst korrekt darzustellen. Der Protagonist des Romans, Konrad, tritt als Ich-Erzähler auf und lässt den Leser an seinen erlebnisreichen Jahren, zwischen 1506 und 1525, lebhaft teilhaben.
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2017
Walter Trayser wurde 1947 in Bensheim an der Bergstraße geboren.
Neben dem Erwerb des Facharbeiterbriefes als Elektromechaniker, schloss er die Ausbildung zum Musisch-Technischen Fachlehrer ab.
Es folgte das Studium an der Johann Goethe Universität in Frankfurt.
Mit der Ersten Staatsprüfung erwarb er die Lehrbefähigung für die Sekundarstufe Eins.
Er unterrichtete lange Jahre an verschiedenen Schulen im Bundesland Hessen in den Fächern Geschichte, Deutsch und Sport.
Seit mehreren Jahren lebt er in Baden-Württemberg und erfüllt sich mit der Erarbeitung verschiedener Schriften einen lang gehegten Wunsch.
Walter Trayser
Historischer Roman
© 2017 Walter Trayser
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-8647-7
Hardcover:
978-3-7345-8648-4
e-Book:
978-3-7345-8649-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Im Schatten von Bruder Martin
Für meine Kinder
Glauben ist leichter als Denken ( Altes Sprichwort )
Nach dem Tode meiner Eltern wollte mich niemand im Dorf aufnehmen. Kinder bedeuteten Armut. Arm waren alle hier, weil sie kein eigenes Land besaßen. Wo sollte ich also hin? Ein Augustiner-Eremit der zufällig vorbeikam wurde gefragt, ob er das Waisenkind mitnehmen könne.
Der Mönch schaute mich misstrauisch an. „Warum kann er nicht im Dorf bleiben, wo er hingehört?“
„Der hat hier niemanden mehr“, sagten die Leute. „Soll er doch sehen, wo er bleibt.“
Der Augustiner erkannte meine missliche Lage und meinte mit bedenklicher Mine, „Gott schütze dich, na dann, komm mit mir.“
„Ich bin Bruder Conz“, stellte er sich vor, als wir uns von meinem Heimatdorf entfernt hatten. „Wie heißt du?“
„Konrad“, antwortete ich. „Lass mich noch einige Kräuter für die Klosterküche sammeln, danach laufen wir nach Alzey, wo ich herkomme.“ Der Mönch beachtete mich nicht weiter und ging seiner Arbeit nach.
Ich schaute ihm aus einiger Entfernung zu.
Als er mir winkte, folgte ich ihm, ohne zurück zu schauen.
Man schrieb das Jahr 1506, mein neuer Lebensabschnitt im Kloster begann.
Damals war ich zehn Jahre alt.
Die Mönche lebten nach den Ordensregeln des heiligen Augustinus von Hippo, wie sie mir erklärten.
Ohne sich ganz von der übrigen Welt abzukehren, nahmen sie das Armutsgebot besonders ernst. Daran war ich gewohnt. Meine Eltern besaßen in unserer armseligen
Hütte zu Lebzeiten auch nicht mehr, ohne ein Gelübde abgelegt zu haben. Was Keuschheit und Gehorsam vor Gott bedeuteten, verstand ich damals sowieso nicht. Mein neues Zuhause in der Oberstadt, mit dem großen Kräutergarten den Bruder Conz pflegte, bedeutete für mich in erster Linie Sicherheit.
Prior Jakob Alberich von Alzey nahm sich meiner als Lehrmeister an. Mit seinem gütigen Blick, schenkte er mir vom ersten Moment an väterliche Liebe und Achtsamkeit, wie ich es bisher nicht gekannt hatte.
Als Vertrauensperson war er sogar für die gesamte Provinz als Rektor gewählt worden.
Bruder Conz erzählte mir, dass der Prior vor einigen Jahren im italienischen Perugia zum Studium weilte. Dort promovierte er zum Lektor. Dafür würden ihn alle bewundern. In seinem Studierzimmer bewahre er Schriften auf, die aus Italien stammten. Über deren Inhalt schwieg er sich allerdings aus. Niemand bekam sie bisher zu Gesicht.
Das Kloster bezog seine Einkünfte von fünfundzwanzig Orten aus der Umgebung. Unterstützt durch diese mildtätigen und großzügigen Gaben, war es vielen Mönchen möglich, sich der Wissenschaft und dem kirchlichen Schulwesen zu widmen. Wieder andere konnten als Prediger unterwegs sein.
Der Prior unterrichtete mich im Lesen und Schreiben. Ich las sehr gerne, weil es mir neue Horizonte eröffnete. Die Gespräche mit ihm über das Gelesene, eröffneten mir bisher unbekannte Sichtweisen.
Je älter ich wurde, desto länger dauerten unsere anregenden Unterhaltungen, je tiefgründiger wurden meine Gedankenwelten. Ich näherte mich meinem zwanzigsten Lebensjahr, als ich Veränderungen bei ihm bemerkte. Jakob Alberich äußerte zuerst vorsichtig, später ganz offen, Bedenken an der strikten Einhaltung der Ordensregeln.
Zu meiner großen Überraschung rief er alsbald eine Versammlung ein, um mit den Mönchen über Abweichungen von den strengen Geboten zu sprechen. Die Mehrheit der Anwesenden schloss sich der Meinung des Priors an, der forderte, auch Kirchenmänner können in ihrem Handeln eine gewisse Eigenverantwortung übernehmen.
Daraufhin verließen mehrere Mönche Alzey, um in ein anderes Kloster zu wechseln. Der Prior wurde anschließend nach Worms zum Bischof beordert, wo er Rede und Antwort stehen musste. „Der Kirchenobere nannte uns danach abwertend Konventuale. Er hätte auch gleich Ketzer sagen können“, ließ Jakob Alberichverlauten.
Bruder Conz beaufsichtigte mich bei der Gartenarbeit. Er hatte die Beete so bepflanzt, dasszwischen den Nutzpflanzen Wildpflanzen wuchsen. In guter Nachbarschaft konnten sie sich so beim Wuchs unterstützten. In seinem bisherigen Leben war der Pflanzenliebhaber weit herumgekommen und hatte gelernt, auch aus Wildkräutern wohlschmeckende Speisen anzurichten. In einem kleinen Bereich des Gartens zog er Heilkräutern auf, die wir besonders pflegten und schützten. Für mich bedeutete das Kennenlernen dieser Kräuter und ihre Anwendung eine große Bereicherung meines Wissens und Könnens. Ich wurde häufig Zeuge, wie er unsere Brüder von allen möglichen Beschwerden befreien konnte. Dabei durfte ich tatkräftig zur Hand gehen.
Da Conz schon etwas in die Jahre gekommen war, nahm er meine Hilfe gerne in Anspruch. „Die Gartenarbeit lässt dich groß und stark werden“, meinte er manchmal, mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
„Gott sei Dank, sieht man deine starken Muskeln nicht unter der Ordenstracht. Die Brüder würden mir bestimmt Vorwürfe machen.“ „Wer weiß, wo mich das Leben noch hinführt“, antwortete ich unter Lachen. Die Kräfte des Körpers sind auch von Gott gegeben.“ „Du scheinst mir bei Bruder Jakob Alberich gut aufzupassen“, grinste er. Im Herbst wanderte er mit mir in die nähere Umgebung. Wir sammelten Kräuter an Wasserstellen, Hecken, Wegrändern und Böschungen. Im Kloster banden wir dann kleine Sträuße und hängten sie zum Trocknen in der Scheune auf. Bruder Conz war davon überzeugt, dass der Mensch von dem leben könne, was in Gottes schöner Natur von alleine wächst und lebte tagaus tagein von diesen Gaben.
An den Tag, als der Prior mir vor dem Nachtgebet zuflüsterte, „komm morgen früh ungesehen in mein Studierzimmer“, erinnere ich mich noch ganz genau. „Was hatte das zu bedeuten?“, dachte ich. Vor Aufregung fand ich nur schwer in den Schlaf.
Mit dem ersten Sonnenlicht stand ich auf. Der Prior erwartete mich schon, zermürbt undunausgeschlafen stand er in der Tür.
„Setz dich“, bat er mich herein.
Ich tat wie mir geheißen. Jakob Alberich nahm ein Buch aus einem kleinen Wandschrank hervor und hielt es mir hin. Ich berührte zuerst einmal mit den Fingerspitzen den Einband. Der Prior legte es mir in die Hände. Der angenehme Geruch nahm mich gefangen.
Ich betrachtete das Buch von allen Seiten. „Kennst du den Verfasser?“, wollte er wissen. „Ist mir unbekannt“, schüttelte ich den Kopf. Wie würdest du den Namen aussprechen?“ „Desiderius Erasmus“, murmelte ich zögerlich. „Sprich auch deutlich aus, was darunter steht.“ Ich wollte es zuerst nicht glauben, aber da stand wirklich geschrieben: Lob der Torheit.
„Das kann ich nicht verstehen, sagte ich erstaunt“, wie kann jemand die Torheit loben?“ „Ja, das dachte ich zuerstauch“, erwidertemein Lehrmeister. „Man muss das Buch natürlich lesen, um es zu verstehen. Ich habe dir bisher nur etwas von den Schriften unseres Glaubens erzählt. Dabei versäumte ich dir zu erklären, was man unter Philosophie versteht. Ich sehe sehr schwierige Zeiten auf unser Kloster zukommen, deshalb will ich das Versäumte nun nachholen.
Erasmus ist ein holländischer Priester, den ich in Italien kennen lernen durfte. Er war fast überall in Europa unterwegs und hat in fast vergessenen, aber auch in neuen Schriften geforscht. Der Priester hat sich vorgenommen, zwischen der christlichen Heiligen Schrift und den Philosophen des Altertums ausgleichend zu vermitteln. Viele Kirchenfürsten verdammen das Gedankengut der Philosophen unter dem Vorwand, es sei nicht von Gott gegeben. Diese Philosophien wenden sich gegen den Charakter der göttlichen Inspiration des heiligen Schrifttums und wollen nur der menschlichen Vernunft vertrauen. Erasmus versucht mit seinen Schriften einen gewissen Ausgleich herbeizuführen. Wohlüberlegt prangert er die Sitten unserer Zeit an, was ich sehr gut finde. Besonders dem Klerus und den Kirchenfürsten hält er bewusst den Spiegel vor, mit dem Versuch, sie zu einer Meinungsänderung zu bewegen. Den Ton den er wählt, um sich mit der Kirche und den Mächtigen anzulegen, kennst du aus der Sprache der Satiren die wir gelesen haben. Damit wir Leser besser verstehen was Erasmus meint, hat er die Torheit als Person in Szene gesetzt. Die Schwierigkeit für uns Augustiner-Eremiten besteht darin, dass alle Lehren und Schriften, die von der Kirchenmeinung abweichen, Häresie bedeuten. Also schlicht und ergreifend Ketzerei. Was ist nun christlich – und was ist nicht mehr christlich?
Ich habe mich mit meiner Sympathie für das Gedankengut von Erasmus lange genug im Hintergrund gehalten. Jetzt ist es an der Zeit, auf die Defizite im Leben und in der Lehre hinzuweisen, die alle Dogmen der Kirche offenbaren. Von Seiten der Kirchenführer sind aber Bestrebungen zu erkennen, die befürchten lassen, dass diese bevorstehende Auseinandersetzung mit erbarmungsloser Härte geführt wird. Eine Härte, die der Liebe im Christentum Hohn spricht.
Unserer Kirche werfe ich vor, sich von den Idealen des Evangeliums abzuwenden, die sie bei ihrer Gründung geleitet haben. Damit meine ich die Einfachheit und Reinheit des Ursprungs, als Jesus mit seinen Jüngern zusammen war und sie aufgefordert hat alles aufzugeben, damit sie ihm folgen können. Was aber ist aus Rom geworden? Ich konnte mich selbst davon überzeugen. Ein Ort der Macht, der Korruption, sexueller Ausschweifungen und der Geldgier. In den vergangenen Wochen wurde mir von Ablasspredigern berichtet, die durch Alzey und Worms ziehen. Es heißt, wer einen Ablassbrief kauft, wird von seinen Sünden befreit, muss also vor dem Fegefeuer keine Angst mehr haben. Was aber geschieht mit dem Geld?“, frage ich mich.
Wo fließt es hin? Wer hat einen Nutzen davon? Kann man mit materiellen Reichtümern Gott zur Ehre gereichen? “
„Können wir denn nicht in der Bibel oder bei Jesus nachlesen, wie diese Fragen zu beantworten sind?“, wollte ich wissen.
„Leider gibt es keine nachweisbaren Schriften von Jesus.
Der eigentliche Begründer der christlichen Lehre, ist der Jünger Paulus. Paulus erklärt ausführlich in seinen Briefen die Unterweisungen durch Jesus. Für Paulus war seit dem Kommen Christi, der Mensch vor Gott nicht mehr gerecht durch das Befolgen der Gebote des Gesetzes, sondern allein durch seinen Glauben an Jesus Christus, den Retter der Menschheit.“ „Allein der Glaube an Jesus genügt, um die Menschen vor Gott zu Gerechten zu machen? “, fragte ich erstaunt. „Paulus war davon überzeugt, dass die Ankunft Christi für jeden Menschen gedacht war“, sprach der Prior weiter. „Unabhängig von der Hautfarbe und Sprache, so dass er das ewige Leben durch denGlauben an Jesus Christus erlangt.
Die ersten christlichen Denker waren davon überzeugt, dass es den Menschen frei steht, die Heilsgaben von Jesus anzunehmen oder eben auch abzulehnen. Der Mensch muss durch gerechte Taten seine Zugehörigkeit zum christlichen Glauben zum Ausdruck bringen. Unsere heutigen Kirchenlehrer verneinen den freien Willen des Menschen. Sie behaupten felsenfest, der Mensch werde ausschließlich durch die göttliche Gnade und durch seinen Glauben an Jesus Christus gerettet.
Aufgrund dieser Lehren fühlen sie sich verpflichtet zu bestimmen: Gott habe gewisse Menschen ausgewählt im Besitz des Glaubens zu sein, um gerettet zu werden, unabhängig von ihren Werken.“
„Aber Prior“, meldete ich mich zu Wort, „das würde ja bedeuten, unser ganz und gar lieber Gott trifft die Wahl, manche Menschen zu retten und andere zu verdammen, ohne die Taten und Werke und vor allen Dingen die Freiheit eines jeden zu berücksichtigen.“ „Ja, so muss man es verstehen. Nach der derzeitigen Lehre bedeutet das, dass sich Gott dem einen annimmt, die anderen aber der Macht des Teufels ausliefert. So gesehen, ist der Mensch ohne Macht, Gott dagegen allmächtig! Und hier muss ich wieder auf Erasmus zurückkommen. Erasmus ist vom freien Willen des Menschen überzeugt! Er sieht die Größe Gottes darin, einen freien Menschen erschaffen zu haben. Der Mensch zeigt seine Größe, indem er Gott aus freien Stücken annimmt, um an seinem Heil durch den Glauben aber auch durch seine Taten, mitwirken zu können. Die kirchliche Macht der Päpste will den Glauben aller bevormunden und verbündet sich mit der weltlichen Macht. Beide Mächte zusammen setzen diese Bevormundung gnadenlos durch.
Ich habe dir heute diese Probleme ausführlich dargestellt, weil durch mein offenes Bekenntnis zu einer Glaubenserneuerung, die Tage unseres Klosters bald gezählt sein werden“, meinte der Prior vielsagend. „Dir, mein junger Bruder empfehle ich, im nächsten Frühjahr das Kloster zu verlassen und dich auf hessischem Gebiet aufzuhalten. Den Winter über schicken wir dich nach Worms, wo wir eine Herberge betreiben. Dort in der Stadt, wirst du viel Neues erfahren. Das kann dir für dein weiteres Leben nur nützlich sein. Du triffst auf Handwerksgesellen, Fuhrleute, Kuriere, Viehtreiber, Bootsleute und vor allen Dingen Ordensbrüder, die dir die neuesten Nachrichten übermitteln können. Halte Augen und Ohren offen, nutze dein Wissen für dich, es kommen unruhige Zeiten auf uns zu. Nun aber geh, denke zuerst einmal in Ruhe darüber nach, was ich dir heute berichtet habe.“
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich in Glaubensfragen keine Zweifel gehegt. Es gab nichts, was ich in Frage gestellt hätte. Doch jetzt, wo Jakob Alberich fest daran glaubte, der Mensch verdanke sein Heil zwar Gott, doch er wirkt durch seinen freien Willen und seine guten Taten mit, geriet ich ins Nachdenken. Mir wurde klar, dass ich nicht mehr genau wusste, was ich glauben sollte. Und je länger ich darüber nachdachte, fühlte ich mich den Ausführungen des Priors viel näher, als so manchem Bibelwort. Oftmals blieb mir der Sinn des geschriebenen Wortes sowieso im Dunkeln.
Vielleicht sollte ich meinen Ziehvater bitten, mir die betreffenden Bücher einmal auszuleihen. Die Vorfreude, Worms mit seiner Geschäftigkeit zu erleben, ließ das Gespräch und die Vorahnungen des Priors, etwas in Vergessenheit geraten.
An einem schönen Herbsttag machte ich mich also auf den Weg. Ich trug unsere schwarze Ordenstracht mit dem Ledergürtel um die Hüfte, dem großen Schulterkragen und der tief in die Stirn reichenden Kapuze. Bruder Conz hatte mir ein Bündel mit allerlei nützlichen Kräutern gepackt, damit ich den langen Winter unbeschadet überstehen konnte. Einen Brief von Jakob Alberich an Bruder Heinrich, der der Herberge vorstand, fand sich zudem in meinem Beutel.
Der Fußweg durch die hügelige Landschaft nach Eppelsheim war mir bekannt. Ich schritt kräftig voran. Das Laub der Weinreben begann sich schon zu färben. Danach folgte ich dem ausgetretenen Pfad nach Gundersheim. Unterwegs ließ ich mir ein paar reife Weintrauben auf der Zunge zergehen. Ein Weinbauer bat mich, auf seinem Hof einzukehren. An dem runden Ziehbrunnen konnte ich rasten und mich erfrischen. Die Bäuerin überreichte mir zum Abschied Leberwurstbrote als Wegzehrung. Ihr Mann begleitete mich noch ein Stück des Weges, bis der Fußweg entlang des Seebachs erreicht war. So konnte ich bequem hinunter zum Rhein gelangen.
Um die Mittagszeit sah ich in der Ferne das silberne Band des Flusses schimmern.
Der goldene Herbsttag zeigte mir die Schönheit der Landschaft.
Schon bald stand ich am Ufer des Rheins. Ich brauchte nur dem Flusslauf zu folgen, um in die Stadt Worms zu gelangen.
Kurz darauf gesellten sich weitere Wanderer hinzu, die von Seitenpfaden auf den Uferweg einbogen.
Wir verfolgten alle ein gemeinsames Ziel, von dem aber noch nichts zu sehen war. Auf dem Fluss überholten uns Lastkähne. Freundlich winkten die Schiffsleute zu uns herüber. „Wohin des Wegs?“, riefen sie. „Nach Worms“, schallte es zurück. „An der nächsten Biegung könnt ihr die Stadt schon sehen“, taten sie uns kund. Es dauerte auch nicht lange, als einer der Wanderer mit dem Finger nach vorne zeigte: „Seht, zwischen den Bäumen könnt ihr die Türme des Doms St. Peter zu Worms sehen.“ Mein Herz schlug vor Freude. Jetzt sah ich sie auch, die Türme der Bischofskathedrale, die uns aus der Ferne grüßten. Die Müdigkeit verschwand sofort aus den Beinen, den Rest des Weges legten sie von alleine zurück.
Wir betraten die Stadt durch das südliche Stadttor und verabschiedeten uns fröhlich voneinander. „Ob ich den ein- oder anderen Wandergesellen wiedertreffen würde?“, ging es mir durch den Kopf.
„Eher unwahrscheinlich“, dachte ich bei mir, „dafür sahen alle zu unterschiedlich aus.“ Die Herberge der Augustiner-Eremiten befand sich in der Stephangasse. Ich fragte einen Jungen der vor einem Haus fegte nach dem Weg. Er gab mir bereitwillig Auskunft.
Damals wusste ich noch nicht, wie wichtig die Zeit in Worms für mich werden würde. Ortskenntnis, Gebräuche, wer wo in welcher Gasse wohnte.
Vor allem, was sich rund um den Bischofssitz abspielte.
In unserer Herberge ging es zu wie in einem Taubenschlag. Ein ständiges Kommen undGehen. Tagsüber kam ich kaum zum Luftholen. Das Haus rein halten und die vielen Botengänge zwischendurch, hielten mich auf Trapp. Schon wegen der zusätzlichen Arbeitskraft, war ich dem Herbergsleiter herzlich willkommen. Bruder Heinrich, ein Mann Mitte fünfzig, mit flinken Augen und einem verschmitzten Lächeln aufden Lippen, lernte mich geduldig an. Mit seinem vorstehenden Bauch, den die Ordenstracht nicht verbergen konnte, hielt er sich lieber hinter dem Kochtopf auf, als in den Gassen der Stadt.
Bei uns kamen alle unter, die ohne Pferd und Gefolge unterwegs waren. Zu den Landreisenden gesellten sich jene, die mit größeren oder kleineren Transport-Booten auf dem Rhein ihren Unterhalt verdienten.
Von Anfang an legte Heinrich großen Wert darauf, mir Menschenkenntnis zu vermitteln. Unter die Reisenden mischten sich natürlich auch Betrüger und Diebe. Ganz schwer auszumachen die vielen Spitzel, die für alle möglichen Herren gegen Bezahlung herumschnüffelten. In einem Handelszentrum wie Worms, begegnete ich zudem Köchen, Handwerkern, Kaufleuten, Stallknechten, Würfelspielern, Wahrsagern und Spielleuten. Warum manche Frauen ein gelbes Band am Arm trugen, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Heinrich lehrte mich, wohin ich den ersten Blick auf einen Menschen lenken sollte und was ich daraus schließen konnte.
Er hielt mich immer wieder an zwischen den Zeilen zu lesen, wenn jemand etwas zu Erzählen hatte.
Damit nicht genug. Ihm war besonders wichtig, die Berichte der Zeitgenossen kritisch zu überdenken. So mancher Aufschneider fand sich unter den Gästen.
Heinrich ließ mich die Menschen genau beobachten. Ihre Haltung, den Gang, die Gestik, ihre Physiognomie. „Auf diesem Gebiet, lernt man nie aus“, nickte er vielsagend.
„Schon mein Großvater sagte: Man wird so alt wie eine Kuh und lernt immer nach dazu.“ „Ein schöner Spruch“, meinte ich, „mir bleibt noch genügend Zeit um ihn zu überprüfen.“
Die Gaststube der Herberge konnte als einziger Raum beheizt werden. Hier pulsierte amTag das Leben. Heinrichs gute Stube war sorgfältig gebaut. Der Ofen stand mitten im Raum. Schwitzend hantierte er dort mit seinen Töpfen. Meistens gab es Suppe oder Brei, manchmal auch Gemüseauflauf. Mit meinem Wissen aus dem Kräutergarten, konnte ich häufig zum Gelingen der Speisen beitragen.
Bruder Heinrich teilte sich mit mir eine Stube, direkt über dem Aufenthaltsraum gelegen. Unten in dem großen Raum schliefen die Gäste.
Das einfache Leben war ich von Alzey gewohnt. So konnte ich mich im Haus schnell einleben. Was die städtische Betriebsamkeit anging, musste ich mich zuerst an den Lärm und Gestank gewöhnen. Um die Reinlichkeit auf den Straßen war es nicht gut bestellt. Die überwiegende Zahl der Bürger hielt sich nicht an die Verordnungen die es gab. Auf einem Schild las ich: Bürger, werft den Unrat Eurer Häuser nicht auf die Straße! Lagert den Mist nicht vor dem Haus Eures Nachbarn ab!
Was aber außer der Menge an Abfällen noch zur Verunreinigung der Straßen beitrug, das besorgten die Gänse, Enten und Schweine, die in großer Anzahl frei herumliefen.
Bruder Heinrich hielt Haus und Hof sauber. Er hatte sogar einen Abort eingerichtet.
Zu meinen Aufgaben gehörte es, die Kübel jeden Morgen zu entsorgen. Dazu durfte ich nur durch bestimmte Gassen laufen, bis ich weit hinaus an den Rhein kam, um sie dort zu entleeren. Das half mir dabei, auch die weniger bekannten Wege zu erkunden, die schnell aus der Stadt heraus führten. Mein morgendlicher Gang lenkte mich notgedrungen an dem städtischen Frauenhaus vorbei. Jetzt verstand ich, warum ich in der Stadt junge Frauen mit dem gelben Armband gesehen hatte. Die ehrbaren Frauen legten starken Wert darauf, nicht mit dem Abschaum verglichen zu werden. Dabei nutzte so mancher Ratsherr oder Kleriker die Dunkelheit, um den Dirnen seinen Besuch abzustatten.
Ich war einer der wenigen mit dem sie in der Öffentlichkeit reden durften.
Als Seelsorger konnte ich oft genug Trost spenden. Auch meine Heilkräuter nahmen sie gerne in Anspruch. Die Neuigkeiten, die ich von den jungen Frauen erfuhr, behielt ich alle für mich. Wenn die hohen Herren gewusst hätten, wie sie von den Dirnendurchschaut wurden, wäre wohl so mancher Ablassbrief zusätzlich gekauft worden. Alles in Allem erlangte ich innerhalb und außerhalb der Stadt genaue Ortskenntnis, weil ich überall unbehelligt hingehen konnte. Einzige Ausnahme, das Gelände um die Bischofskathedrale. Meine innere Stimme hielt mich davon ab, diesen Bereich näher in Augenschein zu nehmen.
Diese Erfahrungen mit den Stadtmenschen riefen mir immer häufiger das letzte Gespräch mit Prior Johann Alberich in Erinnerung. Die Abkehr von der Welt, die der christliche Glaube bot, fiel den Leuten nicht schwer. Zumal die Botschaft vom Jenseits Trost gewährte und dem Leben einen tieferen Sinn verlieh. Jedoch wie Kinder, die gerne und mit offenem Herzen, den ihnen unverständlichen Worten Erwachsener lauschen, unterlagen sie dem Zauber des Glaubens. Die Freude von der irdischen Liebe zum Leben mussten sie verdrängen, um den Forderungen der Glaubenslehre gerecht zu werden.
Stärker als alle anderen Gefühle war die Angst, die Angst vor Strafe im Jenseits, vor der Hölle. Im Brennpunkt ihres Daseins stand der Gedanke, dem Höllenfeuer zu entfliehen. Daneben hielt sich fast ebenso stark, die Sehnsucht nach den Wonnen des Himmels, wo es kein Fegefeuer gab. Nicht minder schwierig stellte sich das Problem dar, das Seelenheil zu erlangen. Was lag da näher, als auf eigene Verantwortung zu verzichten und die rettende Hand der Kirche zu ergreifen. Denn die hatte alles bereits vorbedacht und von vorneherein nach Regeln bestimmt, was dem Bösen einen Riegel vorschiebt. Bei frohen, wie bei traurigen Anlässen, überall war alles festgelegt. Jedes Gesetz, jede noch so kleine Lebensregel hatte auch eine gewisse symbolische Bedeutung. Der eigenen, der freien Eingebung musste man allenthalben misstrauen. Den Schutz der Kirche annehmen und sich anlehnen, ja das wurde angestrebt. Denn das Jüngste Gericht, der Tag des Zorns, schwebte als Vision über ihnen.
Die Kirchenväter predigten bedingungslosen Autoritätsglauben und Grausamkeit Andersgläubigen gegenüber.
Ich konnte meinen Prior immer besser verstehen, warum er sich von den Dogmen der katholischen Kirche abwandte. Ich begriff, warum die Augustiner-Eremiten einen neuen Weg gehen mussten.
Inden ersten drei Monaten konnte ich das Leben in der Stadt und seineMenschen hinreichend kennen lernen. Manche Tage vergaß ich schon die Mönchskutte anzuziehen.
Mein Haupthaar war gewachsen. Es gab niemanden, der sich daran störte. Noch nicht einmal Bruder Heinrich schien es zu bemerken. Dann kamen die langen Winterabende.
Ich wurde ein guter Zuhörer. Einige weitgereiste Herbergsgäste mussten länger verweilen und hatten viel zu erzählen. Mönche, die in ganz Europa herumgekommen waren berichteten, dass man überall Ablassbriefe erwerben konnte, um sich von den Sünden frei zu kaufen.
Die Gelder sollen allesamt nach Rom zu Papst Leo X. geflossen sein, um den Petersdom weiter bauen zu können. Mit einem Peterspfennig werde zusätzliches Geld eingezogen. Wieder ein anderer versicherte, der Kurfürst von Sachsen habe einem Dominikanermönch verboten, in seinem Land Ablasshandel zu treiben.
Der Winter gestaltete sich milde und in der Herberge gab es für die wenigen Gäste nicht allzu viel zu tun. Die Bettelmönche lebten anspruchslos. Tagsüber sorgten sie für sich, nur abends und nachts suchten sie die warme Stube auf. Ich verbrachte die überwiegende Zeitmit dem Lesen der Paulusbriefe, die mir Bruder Heinrich überlassen hatte.
Im Frühjahr des Jahres 1518 erschien ein Augustiner in der Herberge, der Unfassbares berichtete. Danach soll in Wittenberg im vergangenen Oktober, ein Mönch mit Namen Martin, 95 Thesen gegen den Ablasshandel öffentlich zur Disputation gestellt haben.
Sogar einen Brief an den Erzbischof zu Mainz, Albrecht zu Brandenburg, habe er überbringen lassen. Darin soll es heißen: Wenn der Papst von den Erpressermethoden der Ablassprediger wüsste, sähe er lieber den Petersdom in Asche sinken, als dass er mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde.` Seine Thesen könnten bereits als Einblattdrucke in Deutschland unterwegs sein. Dabei werde nicht nur der Ablasshandel angesprochen, sondern eine grundlegende Reform der katholischen Kirche an Haupt und Gliedern gefordert. Als Reaktion darauf, sandte Kardinal Albrecht eine Anzeige gegen Bruder Martin nach Rom zu Papst Leo X.
„Und wisst ihr, was Bruder Martin besonders erzürnt hatte“, sagte der Augustiner im Flüsterton, „der von Brandenburg wurde schon als Jüngling zum Erzbischof von Magdeburg bestellt. Er war damals gerade mal 23 Jahre alt. Sein Bruder versteht ihr, war der Kurfürst Joachim und das genügte dann wohl. Schon ein Jahr danach konnte sich Albrecht Erzbischof von Mainz nennen. Zornig meinte Martin, der müsste einen ganzen Pferdestall mit den besten Reitpferden besitzen, um die Seelsorge in beiden Bistümern gottgefällig ausüben zu können. Neben dem Gebiet um Magdeburg gehörte nun Halberstadt zu seinen Besitztümern. Damit war er dreifacher Seelsorger. Konnte so etwas der Papst bestätigen?
Der Heilige Vater musste doch wissen, dass das kanonische Recht eine solche Kumulierung verbietet.
Was aber kam aus Rom? Gegen eine zusätzliche Zahlung von zehntausend Dukaten würde der Papst beide Augen zudrücken. Wo solle er das viele Geld hernehmen, klagte Albrecht nach Rom. Das Bistum Mainz hatte in zehn Jahren dreimal gewechselt und jedes Mal vierzehntausend Dukaten an den Vatikan überführt.
Ein Vorschlag zur Güte, ließ Rom verlautbaren. Wir übergeben euch den Vertrieb des Petersablasses für eure Länder, halb und halb, versteht ihr? Die Fugger schießen euch so gegen acht Prozent das Geld vor, begreift ihr? So schrieb der Papst.
Das war der Freibrief für den Dominikaner Tetzel. Und der machte sich an die Arbeit.
Zwar durfte er bei uns im Wittenbergischen nicht umherziehen, aber anderswo rissen sie ihm die Ablassbriefe aus den Händen.“
Vollgestopft mit Wissen und Können und Erfahrungen, kehrte ich zu Ostern 1518 nach Alzeyzurück.
Ich berichtete meinen Brüdern eingehend und wahrheitsgetreu meine Erlebnisse.
Mit Abscheu nahmen sie zur Kenntnis, was ich von der Lebensführung der Adligen und den hohen Kirchenmännern zu erzählen wusste. Die Brüder konnten nicht begreifen, dass die Herren sogar während der Fastenzeit ihre Fress-und Saufgelage feierten. Besonders schockiert zeigten sie sich, nachdem sie meine Schilderung der Begebenheiten im Frauenhaus vernommen hatten. Der Prior gebot mir Einhalt: „Genug Bruder Konrad, es ist genug, lass uns lieber Einkehr halten und für diese armen Seelen beten.“
Ich selber war mit mir nicht mehr im Reinen, war verunsichert, wie und was ich glauben sollte. Die Frage nach dem Heil beunruhigte mich Zusehens. Ich fragte mich, ob mein Schicksal feststehe oder ob ich frei sein konnte und daher einstehen musste für meine Taten. Ich wollte für mein Leben vollständig die Verantwortung übernehmen.
Mit Prior Jakob Alberich führte ich diesbezüglich lange Gespräche. Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich mein Heil Gott verdanke. Doch ich wollte daran persönlich mitwirken. Mein freier Wille, meine freien Entscheidungen, meine guten Taten, das war es, was ich einbringen wollte.
Das Leben im Kloster Alzey veränderte sich merklich. Die Auswirkungen der weltlichen Ereignisse konnten von den Klostermauern nicht aufgehalten werden. Sie sorgten für die schrittweise Auflösung unseres Augustinerkonvents. Der Pfalzgraf legte uns nahe, nach und nach das Kloster zu verlassen. Wir sollten uns anderen Einrichtungen anschließen.
Mir fiel die Entscheidung im Sommer 1519, nicht schwer. Ich wollte mein Leben in die eigene Hand nehmen.
Mein Abschied war gut vorbereitet. Der Prior schenkte mir neben philosophischen Schriften auch eine Wegebeschreibung aus dem Fundus des Klosters Lorsch, die mir Pfade und Fortbewegungsmöglichkeiten erklärte, auf denen sich die Mönche von alters her zurechtgefunden hatten. „Einige dieser Pilgerwege sind in Vergessenheit geraten“, erklärte er mir, „besonders der sogenannte Lorscher Pfad, wird dir sehr nützlich sein. Ich bin sicher, dass du ihn findest.
Der weitgereiste frühere Abt des Klosters, ließ den Pfad nach dem Vorbild der Hohlwege im französischen Bacage Normand anlegen.
Auf beiden Seiten wurde ein kleiner Wall aufgeschüttet und Büsche säumen den befestigten Weg. So war er zu jeder Jahreszeit begehbar. Er führt vom Kloster Lorsch in westliche Richtung nach Worms und nach Osten hin zu einem Flecken an der alten Römerstraße, mit Namen Auerbach. Dort endet er an der Einsiedelei `Not Gottes`. Diese Unterkunft für Mönche liegt versteckt im Wald, auf halber Höhe am Berg Melibokus.
Bruder Conz wusste sogar, von einer Begarden-Gemeinschaft im Tal der Auer, wo ich mit Sicherheit unterkommen konnte.
Alles in Allem war ich guter Dinge. Von Prior Jakob Alberich und den verbliebenen Brüdern nahm ich endgültig Abschied.
Unter meiner Kutte trug ich einfach Bauernkleidung. Sobald ich in Worms übergesetzt hatte,würde sie mir das Vorankommen erleichtern. Meine Utensilien trug ich über der Schulter, in ein Bündel verpackt.
Am ersten Tag lief ich auf bekannten Wegen bis nach Worms. Bruder Heinrich hieß mich herzlich willkommen. Natürlich musste ich die Nacht in seiner Herberge verbringen. Er war begierig, Neuigkeiten aus dem Kloster Alzey zu erfahren. Ich konnte ihm für die Zukunft keine großen Hoffnungen machen. Heinrich befürchtete deshalb auch weitreichende Konsequenzen für sein Haus.
„Der Pfalzgraf wird die Dinge schon in die Hand nehmen“, versicherte ich ihm.
„Die christliche Nächstenliebe kann doch nicht ganz auf der Strecke bleiben.“ „Ich hoffe, du wirst recht behalten“, antwortete er.
Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich und schlenderte durch die mit Unratverdreckten Gassen zum Rheinhafen. An der Fähranlegestelle herrschte schon reger Betrieb. Die Reihenfolge der Übersetzungen regelte die städtische Fährordnung. Ich musste längere Zeit warten, weil einige bischöfliche Gesandte mit ihren Bediensteten Vorrang hatten. Wie mir ein Diener verriet, wollten sie zum Kloster Lorsch, welches an die Kurpfalz verpfändet worden war, um einen Großteil der großen Bibliothek abzuholen.
Endlich konnte auch ich das Fährschiff betreten und mit dem schwankenden Ungetüm übersetzen. Ich war froh, den Fuß aufs andere Ufer setzen zu können.
Sobald ich ein Stück des Weges hinter mich gebracht hatte, verschwand ich in einem nahe gelegenen Gebüsch und entledigte mich der Mönchskutte. Zusammengerollt ließ ich sie in meinem Beutel verschwinden. Meine neue Bewegungsfreiheit kam mir gerade recht. Ich zog die Wegebeschreibung hervor, um mich ortskundig zu machen. Rechter Hand lag die Straße, auf der sich die Fuhrwerke bewegten.
Der Beschreibung nach sollte der Pfad links von ihr verlaufen. Weit im Osten konnte ich mich an der Hügelkette und dem höchsten Berg orientieren. Strata Montana las ich in der Beschreibung. Melibokus hieß die höchste Erhebung.
Langsam sah ich klar. Mein erster Orientierungspunkt, eine allein stehende Silberpappel. Dort sollte der Lorscher Pfad im rechten Winkel abbiegen und verlief dann immer in Richtung der höchsten Bergspitze. Ich machte mich auf die Suche.
Und tatsächlich, ich fand die besagte Stelle. Der Pfad verschwand zwischen zwei Gebüsch-Reihen in östliche Richtung. Ein Irrtum war ausgeschlossen.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel als ich den schmalen Weg betrat. Meine Füße setzten sich in Bewegung. In Gedanken versunken bewegte ich mich vorwärts. Irgendwann versperrte mir etwas den Weg. In geringer Entfernung lag ein Bündel. Vorsichtig spähte ich in seine Richtung.
Ein Mensch, es konnte nur ein Mensch sein. Ich ging noch näher heran. Auf dem Boden lag ein Greis mit schlohweißem Haar. Die Augen geschlossen, aber er atmete noch. Tausende Falten durchzogen sein Gesicht. Sein Mund war leicht geöffnet. Er sah unendlich müde aus. Vorsichtig berührte ich ihn an der Schulter. „Alter Mann, was ist mit dir? Kann ich dir helfen?“ Er öffnete ganz langsam die Augen, deutete mir an, ich solle mich zu ihm hinunter beugen. Leise vernahm ich seine Stimme: „Kannst du lesen?“, hörte ich ihn schwach fragen. Ich bejahte. „Mit mir geht es zu Ende, lass mich getrost hier zurück. Nimm meine Tasche, darin befinden sich Briefe, die müssen schnell befördert werden. Du kannst sie lesen, dann wirst du alles verstehen. Ich bin zu schwach, um es dir zu erklären.“
Ich öffnete seine Ledertasche. Neben einigen Tüchern, enthielt sie drei Briefe. Den ersten zierte ein mir unbekanntes Zeichen. Eine Lampe mit sieben Sternen, darüber ein Schriftzeile: Lux in tenebris lucet. „Das Licht leuchtet in der Finsternis“, ging es mir durch den Kopf. Ich musste unwillkürlich an den ersten Brief des Johannes denken. „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie Er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander. “
Der Brief bestätigte meine Eingebung. „Liebe Waldenser, noch müsst ihr euer Leben im Verborgenen verbringen, dürft euch nicht zu eurem Glauben bekennen. Doch große Veränderungen kündigen sich an.“ Der Alte hinderte mich am Weiterlesen, hob wieder den Arm. „Findet meine Brüder und Schwestern. Sie leben nicht weit von hier. Sie bewirtschaften einen Hub, der früher zum Kloster Lorsch gehörte. Haus und Scheune findest du etwas abseits im Wald. Lauf weiter auf dem Pfad, bis du an das Flüsschen Weschnitz kommst. Folge dem fließenden Wasser abwärts. Die gut bestellten Felder kannst du nicht übersehen. Sag ihnen, Johannes schickt dich. Geh nur, meine Brüder werden sich schon um mich kümmern.“ Der Blick des Alten ließ keinen Widerspruch zu. Ich schritt kräftig voran, der Pfad leitete mich durch einen Buchenwald. Die Sonne stand im Südwesten als ich das Flüsschen erreichte. Zuerst einmal erfrischte ich mich in dem kühlen Nass. Die Weschnitz floss in nördliche Richtung. Ich folgte ihrem Lauf. Langgestreckte Ackerstreifen wiesen mir den Weg.
Etwas zurückgesetzt am nahe gelegenen Waldrand, entdeckte ich ein einfach gebautes Gehöft. Drei kleine Gebäude von einem Zaun umschlossen. Ein Hund schlug an. Sofort kamen zwei Frauen und ein Junge zum Vorschein. Ich grüßte freundlich, aber das Tier war nur schwer zu beruhigen. „Was willst du hier?“, rief der Junge. Ich zog den Brief hervor, hielt ihn hoch und trat näher. „Euer Bruder Johannes schickt mich mit diesem Brief.“ Sie schienen das Zeichen zu erkennen. Sofort änderte sich ihre Haltung. Der Hund beruhigte sich langsam. „Warum kommt Johannes nicht selber? “, erschrak die ältere Frau. Ich erzählte kurz wo ich ihm begegnet war. Sofort verschwand der Bub. Die Jüngere bat mich einzutreten. Im Haus gab es nur einen Raum. Die Einrichtung bestand aus einem Tisch, Bänken und ein paar Kisten. In einer Ecke lagen Strohsäcke, wahrscheinlich die Schlafstätte. An der hinteren Wand erkannte ich die Herdstelle, die Öffnung darüber entließ den Rauch durch das Dach. Den Boden hatten sie mit Lehm festgestampft.
Ich setzte mich auf eine Bank, trank aus dem Becher, der vor mich hin gestellt wurde. Zwei Männer und der Bursche traten ein. Sie schauten mich misstrauisch an.
„Wer bist du?“, brummte der Größere von beiden. „Mein Name ist Konrad und ich komme aus einem Kloster der Augustiner-Eremiten, dort durfte ich lesen und schreiben lernen“, erklärte ich den Bauersleuten. Ich zeigte auf die Tasche des Alten und holte den Brief hervor. Erschrocken fuhren die Männer zurück. „Was ist mit Johannes?“, wollten sie wissen. Aufmerksam hörten sie zu, was ich zu berichten hatte. „Für heute ist es leider zu spät, es wird gleich dunkel. Wir können uns nicht in Gefahr bringen, Johannes muss bis morgen warten, entschied der Bauer. Wir werden in aller Herrgottsfrühe losgehen und ihm helfen.“ „Lies uns den Brief vor“, verlangte die junge Frau.
Aus dem Brief erfuhr ich, dass der Alte als Prediger unterwegs war. Johannes betreute die übers Land verstreut lebenden Waldenser-Familien. Er leitete seine Glaubensgenossen an, treu nach den Grundsätzen und Anschauungen der Evangelien zu leben. Selbst die kirchliche Androhung der Todesstrafe schreckte ihn nicht ab, die Glaubenslehre von Petrus Valdes zu verkünden. Die Ansichten der Waldenser-Gemeinschaft erinnerten mich an die Ausführungen von Prior Jakob Alberich. Sie lehnten die Heiligenverehrung ab, glaubten nicht an das Fegefeuer und sprachen sich entschieden gegen den Ablasshandel aus. Johannes berichtete auch von den im Verborgenen existierenden Haus-und Hofgemeinschaften. Diese sorgten in Dörfern und Städten entlang der Handelsstraße von Frankfurt nach Heidelberg für ihr Auskommen. Sie lebten von Handarbeit und Handel. Aber es drohte ihnen ständig die Verfolgung durch den Klerus, der sie bereits als Ketzer verurteilt hatte.
Am Schluss des Briefes schrieb Johannes von einem Hoffnungsschimmer, der sich über das Land verbreite. Eine Hoffnung, die von einem Wittenberger Mönch namens Martin Luther ausgehe. Dieser soll öffentlich die Ablasspraktiken der katholischen Kirche angeprangert haben.
Wir redeten noch lange über den Inhalt des Briefes und tauschten unsere Erfahrungen aus. Die guten Leute wiesen mir einen Schlafplatz in der Scheune zu. Für die Nachtruhe blieb nur wenig Zeit, die Arbeit auf dem Hof begann im Morgengrauen.Die Männer hatten sich vorgenommen, so früh wie möglich nach ihrem Prediger zu schauen.
Mit dem ersten Hahnenschrei stand ich auf den Beinen. Zum Frühstück stand Milch und Brot für mich bereit. Geschäftig gingen die Frauen hin und her, von den Bauern war keiner mehr zu sehen. Ich bedankte mich für die Bewirtung. Würde ich heute mein Ziel erreichen? In der nahe gelegenen Weschnitz erfrischte ich mich im klaren Wasser und verrichtete meine Notdurft. Die Sonne trocknete meinen nassen Körper.
Mir fielen die beiden Briefe ein, die sich noch in der Tasche befanden. Ich kramte sie hervor. Mein Erstaunen war groß als ich las, wem sie zugestellt werden sollten.
Der Eine trug die Anschrift des Kurfürsten Lugwig V. von der Pfalz, der Andere die des Landgrafen Philipp I. von Hessen.
Beide Schreiben enthielten einen handgeschriebenen Text mit der Bitte, das Anliegen des Dr. der Theologie, Martin Luther, zu unterstützen. Die Unterschrift konnte ich nicht entziffern. Zu meiner großen Überraschung lagen auch Einblattdrucke mit der Überschrift: Propositionen wider den Ablass, den Briefen bei. `Aus Liebe zur Wahrheit und im Bestreben diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Martin Luther, Magister der freien Künste und der Heiligen Theologie, sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden.
Deshalb bitte ich die, die nicht anwesend sein können und nicht mündlich mit uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.`
In Windeseile zog ich meine Kleider an, versicherte mich nach allen Richtungen, ob jemand zu sehen war. Es blieb alles ruhig. Die Briefe schob ich tief in meinen Beutel, schulterte ihn und marschierte los. „Was soll ich nur mit diesen Briefen anfangen?“, ging es mir durch den Kopf. „Sollte ich den Auftrag des Alten zu Ende bringen?“
„Wäre dies eine eigenständige gute Tat? “ Ich verordnete mir Zeit zum Nachdenken. Ich konnte nicht weiter lesen. Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Zuerst wollte ich auf den Pfad der Lorscher Mönche zurück finden. Irgendwo musste es eine Furt geben, denn die Wegführung kreuzte das Flüsschen. Die Spur im Gras, die mir zeigte, wo ich gestern hergekommen war, deutlich sichtbar. Genauso die Stelle, wo ich an der Weschnitz anlangte. Nicht weit davon entdeckte ich eine flache Stelle, die es mir ermöglichte hindurch zu waten. Auf der anderen Seite angekommen, befand ich mich sofort im Wald Aber wie ging der Pfad weiter? Ich sah viele Tierspuren die scheinbar zusammen liefen. Nach längerem Hinsehen erkannte ich den Grund. Rechts und links tauchten Wasserstellen auf. Der Pfad führte mich durch ein Sumpfgebiet. Das Gelände ähnelte dem Verlauf eines früheren Flussbettes. Mutig folgte ich dem Weg, der scheinbar von Tier und Mensch gleichermaßen benutzt wurde. So gelangte ich aus dem Wald heraus in eine Gras- und Buschlandschaft. Die Hügelkette lag jetzt dicht vor meinen Augen.
Ich konnte mich wieder an der Spitze des Melibokus orientieren. Wie schon zu Anfang auf Wormser Gebiet, verlief der Pfad zwischen zwei Hecken, die jedem Wanderer der ihn betrat, Schutz vor fremden Blicken bot. Auf einer kleinen Lichtung vergewisserte ich mich mit Hilfe der alten Wegebeschreibung, ob es Stellen gab, die ich beachten sollte. Irgendwo sollte der Lorscher Pfad die alte Handelsstraße tangieren, die noch aus der Zeit der Römer stammte. Genau wie am Rhein, musste es an den sanften Hängen Weinberge geben.
Kurze Zeit später hörte ich Axtschläge und Brandgeruch zog mir in die Nase. Nicht weit entfernt, arbeiteten Menschen beim Holzeinschlag. Sollte ich meinem Ziel schon so nahe sein?
Erneut gelangte ich an einen Bachlauf. Ich spähte durch das Gebüsch.
Eine Ansammlung von weit auseinander liegenden Höfen lag vor mir. Konnte das die Ortschaft sein, die Bruder Conz erwähnte? Ob mich der Lorscher Pfad wirklich nach diesem Auerbach gebracht hatte?
Im Schutz der Hecken lief ich weiter, bis ich weiter oben das Geschrei von Pferdeknechten vernahm, die ihre Gespanne antrieben. Die Strata Montana musste sich in meiner Nähe befinden.
Mein Weg endete vorerst an einem Abhang unterhalb der Straße. Vorsichtig bewegte ich mich nach oben und schaute nach alle Richtungen. Nicht weit von mir erblickte ich einen Lastkarren, der von Pferden gezogen wurde. Er rollte gerade an einem größeren Gebäudes mit Stallungen vorbei. Ich entschloss mich in diese Richtung weiter zu laufen.
Über dem Torbogen las ich: Herberge Zur Güldenen Krone. Im hinteren Hof herrschte reges Treiben. Auf der einen Seite stapelten sich Kisten und Säcke, auf der Anderen konnte ich prächtige Pferde erkennen. Dazwischen liefen Fuhrknechte geschäftig hin und her und beluden Wagen.
Auf der gegenüber liegenden Seite floss ein Wasserlauf von Osten kommend talabwärts. Über das Gewässer spannte sich eine breite Brücke, die auch großen Fuhrwerken ermöglichte, sie zu überqueren. Direkt neben dem Bächlein verlief eine Gasse, an der Fachwerkhäuser in regelmäßigen Abständen angeordnet waren. Bruder Conz hatte mir beschrieben, dass ich die Begarden-Gemeinschaft finden würde, wenn ich auf diesem Wege dem Tal bergauf folgte. Neugierig setzte ich meine Wanderung fort.
Der leise plätschernde Wasserlauf begleitete mich auf meinem Fußmarsch. Ich folgte denstetig steigenden Spurrillen der Karren und Wagenräder. Die Bachgasse führte zu einem kleinen Platz, an dem rechts und links ein steiler Weg bergauf führte. Auf der linken Seite erkannte ich das Rathaus, gegenüber auf dem Berg, eine kleine Kirche, die das Dorf überblickte. Die Dorfmühle ergänzte das Ambiente der Gebäude. Von der Mühle schauten neugierige Müllerknechte zu mir herüber. Ich grüßte höflich, was mit einem kurzen Nicken beantwortet wurde. Nachdem ich mich orientiert hatte, setzte ich meinen Weg fort. Der Bachlauf gab die Richtung vor. Es ging weiter stetig bergauf. Ich kam wieder an einer Mühle vorbei, wo geschäftiges Treiben herrschte. Über dem Zufuhrweg hing ein Holzbrett, in das man gut lesbar Gagelsmühle gestemmt hatte.
Wenig später bog ein breiter Pfad nach rechts über eine kleine Brücke vom Bachlauf ab. Etwas versteckt am Waldrand, lugte der Giebel eines Gebäudes hervor. Ich spürte sofort, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Mich erwartete ein kleiner Dreiseithof. Das Gelände war von einer Mauer eingerahmt. Am Eingangstor bediente ich den eisernen Klopfer, um Einlass zu begehren. Es dauerte eine Weile, bis sich die Türe vorsichtig öffnete. Ein älterer Mann in einfacher Kleidung erschien. „Was ist dein Begehren? “, fragte er ruhig. „Ich möchte euch um Bleibe bitten.“ „Von wo kommst du.“ Bereitwillig gab ich ihm Auskunft. „So, so, ein Augustiner-Eremit “, nickte er lächelnd. „Dann sei uns herzlich willkommen. Ich bin Bruder Jonas“, stellte er sich vor. „Mein Name ist Konrad. In Konstanz bin ich auf Wunsch meiner Eltern zu Ehren des Bischofs Konrad getauft worden. Sie lebten damals am Bodensee und haben den Bischof sehr verehrt. Später fanden sie eine Bleibe in der Nähe von Alzey und sind leider viel zu früh verstorben. Die Augustiner nahmen mich auf und sorgten für meine Erziehung. Das Kloster befindet sich aber in Auflösung. Prior Jakob Alberich empfahl mir eure Gemeinschaft als sichere Bleibe.
„Nun, dann komm herein in die gute Stube“, wies mir Jonas den Weg. „Sicher bist du durstig und Hunger wirst du auch haben. Nimm dir von dem quellfrischen Wasser, das Brot steht auf dem Tisch. Wir sind neun Brüder, die hier in einfachen Verhältnissen zusammen leben. Die Evangelien geben uns Halt und Kraft. Jeder Einzelne befolgt die Empfehlungen der Apostel. Auch die Augustiner-Regeln sind uns wohlbekannt.
Hier auf unserem Hof gehen wir verschiedenen Beschäftigungen nach. Einige unserer Brüder schneiden an der Auer Weiden und flechten Korbwaren daraus. Sie verkaufen sie unten im Dorf. Manchmal wandern sie mit ihrer Ware entlang der alten Römerstraße. Bruder Franz bot seine Körbe schon in Frankfurt oder Heidelberg feil. Wer nicht handwerklich tätig ist, widmet sich der Krankenpflege. Aber auch die Sterbenden begleiten wir aus dem Leben. Als Begarden-Gemeinschaft sind wir in diesem Landstrich gerne gesehen. Auf den umliegenden Dörfern betreuen wir zudem die verwirrten Menschen, um die sich sonst niemand kümmert. Im Gegensatz zu den Pfaffen, glauben wir nicht daran, dass diese Menschen vom Teufel besessen sind.
Alles menschliche Leben steht unter unserem Schutz.
Wie kannst du uns helfen, Bruder Konrad?“ „Im Kloster half ich im Garten mit und habe gelernt, Heilkräuter anzupflanzen. Ich verstehe es auch Medizin daraus herzustellen. In Worms konnte ich in der Augustiner-Herberge wichtige Erfahrungen sammeln.“ „Dann wirst du uns eine große Hilfe sein“, freute sich Jonas.
Die neuen Eindrücke der ersten Tage nahmen mich so in Anspruch, dass ich die beiden Briefe in der Ledertasche des Alten vergessen hatte. Doch dann wurden wir zu einem verletzten Postreiter in die Güldene Krone gerufen. Bruder Jonas bat mich, ihn zu begleiten.
Wir fanden den Verletzten im Stall bei den Pferden. Ein junger Kerl, etwa in meinem Alter. Er gefiel mir sofort. Sie hatten ihn auf weiches Heu gebettet. Neben ihm lag ein Behältnis. Es war mit Eisen ummantelt und enthielt wohl die Briefschaften, die er abzuliefern hatte. Er zeigte auf seinen geschwollenen Fuß. „Ich kann nicht mehr auf mein Pferd steigen. Könnt ihr mir helfen? Ich muss bald weiter nach Heidelberg, hier, das Felleisen abliefern.“ Er deutete auf den Gegenstand, der neben ihm lag.
Jonas untersuchte seinen Fuß. „Wie ist es passiert? “ „Ich bin vom Pferd gesprungen und in ein Loch getreten. Das war mein Pech. Alle haben gelacht, weil ich zappelnd wie ein Maikäfer auf dem Rücken lag. Als ich aufstehen wollte, tat der Fuß höllisch weh.“
„Ja, er ist stark angeschwollen“, meinte Jonas, „aber du hattest Glück, die Schwellung wird bald zurück gehen. Wir werden deine Verletzung mit Beinwellöl behandeln, dann kannst du in spätestens zwei Tagen weiter reiten.“ Der Postreiter sah uns dankbar an. „Das hört sich gut an. Mein Pferd wird sich bestimmt über einen Ruhetag freuen. Schon meine Großmutter sagte immer: Eile mit Weile. Die Briefe kommen allemal rechtzeitig an.“ Bei diesem Wort fielen mir sofort die beiden in der Ledertasche des Alten ein. Ich fragte vorsichtig, „könntest du vielleicht eine Sendung von mir mitnehmen?“
Er blickte mich erstaunt an. „Die Felleisen darf ich nicht öffnen, aber deinen Brief kann ich in der Satteltasche unterbringen.“
„Wir kommen morgen wieder, um nach dir zu sehen“, sagte ich leise, „dann bringe ich den Umschlag mit. Jetzt müssen wir weiter, wir haben noch mehrere Krankenbesuche abzustatten.“
„Wenn ich nicht hier im Stall sein sollte, dann fragt nach dem Karl, hier kennt mich jeder. Ich lege oft in dieser Herberge eine Rast ein. Die stets anwesenden illustren Gäste, haben immer viel zu erzählen. Neuigkeiten sind in diesen bewegten Zeiten stets gefragt.“
Wir besuchten noch einige Kranke im Dorf, die Jonas zu versorgen hatte. Zum Schluss liefenwir auf ein Haus zu, das etwas abseits, gut versteckt, hinter der Güldenen Krone lag. „Jetzt muss ich alleine hinein gehen“, bat Jonas. „Ich erkläre es dir später.“
Als er zurück kam sagte er: „Weißt du, die hoch verehrten Gäste der Herberge, nehmen es nicht so genau mit den Kirchengesetzen, die gelten scheinbar nur für das niedere Volk. Wenn die Großen oben in der Herberge absteigen, wird alles ignoriert, was sie im Alltagsleben von ihren Untergebenen fordern. Sie betrinken sich regelmäßig am starken Wein. Danach besuchen sie das Frauenhaus. Selbst die Fastenzeit bleibt da nicht ausgenommen.
In diesem Gebäude geht es oft wüst und wild zur Sache. Sogar kirchliche Würdenträger findest du unter den Gästen.
Wir helfen den erkrankten Frauen, so gut wir können. Es hat recht lange gedauert, bis wir ihr Vertrauen gewinnen konnten. Im vergangenen Jahr gelang es uns, einen Heilpflanzen-Sud zu entwickeln, mit dem sich die Frauen nach dem Verkehr ihre Vagina ausspülen können. Damit wird das Schlimmste verhindert. Ich denke, du weißt was ich damit meine. Nach wie vor gilt die unverheiratete Frau mit einem Kind als schlimme Sünderin. Selbst dann, wenn sie von einem höheren Herrn geschwängert wird, bleibt sie eine Ausgestoßene.
Überall muss sie mit der brutalsten Ächtung rechnen, die du dir vorstellen kannst“, sagte Jonas niedergeschlagen. Ich schaute Jonas mit offenem Mund und starren Blick an. So offen hatte mit mir noch niemand geredet. Die Welt außerhalb des Klosterlebens bot immer neue Überraschungen.
Wir kehrten zurück, als es schon duster wurde. Nach und nach betraten die anderen Brüder unsere Heimstätte. Ein gemeinsames Abendessen beschloss den Tag.
Am nächsten Morgen nahm ich die Ledertasche des Alten mit zu unserem Patienten, dem Postreiter Karl.
Dank unserer Behandlung und der Ruhe die er sich gönnte, ging es ihm schon wesentlich besser. Gegen Mittag wollte er bereits los. Jonas riet ihm davon ab. „Warte noch einen Tag das ist sicherer, betonte er.“ Karl dagegen wollte am Abend in Heidelberg sein, so gut fühlte er sich. Jonas besuchte danach die Frauen. Ich nahm die Gelegenheit wahr, um Karl den Brief an Kurfürst Ludwig von der Pfalz zu übergeben. Er schien nicht sonderlich überrascht zu sein und versprach ihn vor Ort abzuliefern.
„Am besten du übergibst ihn einem Bediensteten, dann können wir sicher sein, dass er an der richtigen Stelle ankommt.“ Karl versprach, sich an meinen Vorschlag zu halten.
„Ich besitze noch einen Brief an den Landgrafen Philipp von Hessen, sagte ich vorsichtig zu ihm. Kannst du diesen auch mitnehmen?“ „Komm in zwei Tagen wieder, dann werde ich sicher hier sein. Vielleicht könnt ihr dann nochmals nach meinem Fuß schauen. Bei dieser Gelegenheit kannst du mir besagten Brief übergeben. Der muss bis nach Kassel. Das lass aber nur meine Sorge sein. Ich weiß schon, wie ich das erledige.“ Wir gaben uns die Hand. Damit begann eine freundschaftliche Verbundenheit. Wie nicht anders zu erwarten, hielt Karl die Verabredung ein. Jonas schaute nach dem verletzten Fuß. Die dunkelblaue Verfärbung wies auf den Erguss des Blutes hin. Wir rieten Karl, den Fuß regelmäßig im Wasser zu kühlen. Der zweite Brief drückte mich nun nicht mehr, er würde den richtigen Adressaten finden. Jetzt konnte ich mich unbeschwert auf mein neues Leben einlassen.
Die Hausgemeinschaft bot mir ausreichend Schutz. Daneben gewährte sie mir auch Freiräume, um Neues zu lernen. Bruder Jonas fand Gefallen daran, mich in die Heilkunst einzuweisen. Sein Erfahrungsschatz schien weitaus umfänglicher, als der von Conz in Alzey. Sogar zu den Frauen durfte ich bald mitgehen, wenn es um einfache Schnittverletzungen, witterungsbedingtes Unwohlsein oder Fieber ging.
Zudem freundete ich mich mit Bruder Franz an. Er brachte mir bei, wie man Korbweiden schnitt und daraus brauchbare Behältnisse flocht. Gemeinsam verkauften wir unsere Waren in den Dörfern und Städtchen zwischen Frankfurt und Heidelberg. Diese Beschäftigung ermöglichte es mir, viele Menschen kennen zu lernen. Ich war erstaunt über die Verschiedenartigkeit der Dialekte. Manchen Feindseligkeiten zwischen Nachbardörfern begegnete ich mit Unverständnis. Franz half mir anfangs dabei, die Verhandlungsgespräche zu führen.
Der sprichwörtlichen Bauernschläue schien ich nicht gewachsen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten konnte ich mit den Fangfragen unserer Kunden besser umgehen. Schon bald merkten sie, dass ich ihnen nicht mehr so leicht auf den Leim ging, wenn sie den Preis drücken wollten. Bruder Jonas begleitete ich nach wie vor zu den Pflegebedürftigen, wenn ich im Begarden-Haus weilte. Es verging kaum ein Tag ohne Hilferufe aus der Güldenen Krone. Die edlen Herren frönten ohne Unterlass ihren Saufgelagen. Mitunter gerieten die Trunkenbolde heftig aneinander. Was folgte war ein Hauen und Stechen, bei dem es Tote und Verletzte gab. Von den hemmungslosen Säufern trank sich manch einer zu Tode oder erstickte an seinem Erbrochenen. Die adligenHerren schienen nichts auszulassen. Regeln und Gesetze wurden vollkommen missachtet. Weit weg von Haus und Hof konnte sie der Kaiser gerne haben. „Der Jungspunt kann uns mal im Mondschein begegnen“, lachten sie weinselig. In der Krone, wie die Dorfleute sagten, traf ich hin und wieder auch den Postreiter Karl. Bei diesen Gelegenheiten konnten wir uns stundenlang unterhalten und unsere Erlebnisse austauschen. Karl hatte natürlich jede Menge Neuigkeiten parat, weil er weiter herum kam als ich. Wurde es das ein-oder andere Mal sehr spät, durfte ich bei ihm im Pferdestall übernachten. Wenn die betrunkenen Ritter vor dem Schlafengehen noch einmal nach ihren wertvollen Pferden sahen oder sich eine Stange Wasser abschlugen, erfuhren wir aus ihren Gesprächen manche Nachricht, die nicht für unsere Ohren bestimmt war.
Anfang April des Jahres 1521, blühten an sonnigen Plätzen schon die Forsythien.
Nichts Ungewöhnliches für das milde Klima an der Bergstraße. In diesen Tagen wurde ich zu drei Reitern des Kurfürsten Friedrich von Sachsen gerufen, die in der Güldenen Krone Quartier genommen hatten. Jonas weilte in Reichenbach im Odenwald. Der Wirt hatte einen Boten geschickt, weil er wusste, dass ich schon so manchem Gast geholfen hatte. Ein starker Husten quälte sie, der nicht enden wollte. Die Drei schienen es nicht unbedingt eilig zu haben. Sie nahmen meine Ratschläge und die verabreichte Medizin dankbar an. Nur mit der Bitte, ein paar Tage auf den Auerbacher Wein zu verzichten, stieß ich auf Ablehnung. Ihre Gespräche drehten sich vornehmlich um den Reichstag zu Worms, der von Kaiser Karl V. einberufen worden war. Kamen sie jedoch auf ihren Auftrag zu sprechen, gab der Älteste ein Zeichen in meine Richtung, worauf die beiden anderen sofort verstummten. Nach ein paar Tagen ließ der Husten schon merklich nach. Anerkennend klopfen sie mir auf die Schulter. „Das hätten wir von deiner Heilkunst nicht erwartet“, sagte der Wortführer, „ich glaube, wir nehmen dich am besten mit zu unserem Kurfürsten nach Sachsen, wenn wir zurück reiten. Der kann dich zu seinem Leibarzt machen“, lachten die beiden anderen. Glücklicher Weise rastete auch Karl zur gleichen Zeit in der Krone. Er gesellte sich zu uns und brachte Neuigkeiten mit, die auch die Ritter zu interessieren schienen. Sie wurden hellhörig als sie merkten, wie wir über die katholischen Geistlichen zu reden wagten. Unsere Meinung schienen die Ritter unter stillem Nicken zu teilen. Ich hatte an diesem Tag noch einige Krankenbesuche zu erledigen und wollte später wieder in die Herberge zurückkehren, um mit Karl noch ein paar Worte zu wechseln. Als ich eintraf, lagen die Vier gemütlich im Heu. Vor ihnen standen mehrere Flaschen Wein. Jeder hielt einen vollen Becher in der Hand. Die geröteten Köpfe zeigten mir die Wirkung des Rebensaftes. Auch ihre Zungen schienen lockerer geworden zu sein.
Urplötzlich fragte einer der drei Zechgenossen mit verhaltener Stimme: „Habt ihr eigentlich schon etwas von unserem Martin Luther gehört?“ Mir fielen sofort die Briefe ein. Karl meinte, „ich kenne ein Buch mit dem Titel: Von der Freiheit eines Christenmenschen. Das habe ich schon häufig überbracht. Hier in Hessen sympathisieren viele mit diesem Luther.“
Die Stimmung veränderte sich. Eine gewisse Ernsthaftigkeit war eingekehrt. „Habt ihr auch davon gehört, dass Luther vor den Reichstag zitiert worden ist? “, sprach der Anführer uns an?“ „Er soll dort vor dem Kaiser seine Bücher und Schriften widerrufen.
Unser Landesherr macht sich große Sorgen um ihn.“ Mit gesenkter Stimme meinte er, „Kurfürst Friedrich hat uns beauftragt, Martin Luther nach dessen Vorsprache beim Kaiser zu entführen und in seine Schutzhaft zu verbringen. Wir wissen aber noch nicht, wie wir es anstellen sollen. Auf der stark frequentierten Straße über Lorsch nach Worms begegnet man ständig kaiserlichen Soldaten, so dass wir es auf diesem Wege nicht wagen können.“
„Heiliger Strohsack“, entfuhr es Karl, „das nenne ich ein Wagnis. Um diese Aufgabe seid ihr nichtzu beneiden. Ich kenne jemanden, der euchvielleicht helfen kann “, sagte er, bevor ich ihm Einhalt gebieten konnte. Die Drei schauten mich erwartungsvoll an. Ich musste zuerst einmal schlucken, bevor ich mich entschloss ihnen meine Hilfe anzubieten. Karl schaute mich aufmunternd an, nickte mir zu.
„Es ist so“, begann ich, „es gibt da einen versteckt gelegenen Pfad, auf dem in früheren Zeiten nur die Mönche gewandert sind, den sogenannten Lorscher Pfad. Abseits der Straße, fast im Verborgenen, kann man so nach Worms gelangen. Auf diesem Wege müsste es mir möglich sein, Luther vom Rhein zu euch hierher zu
