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Im Visier – Wie Pädokriminelle Kinder ins Netz locken body { font-family: Georgia, "Times New Roman", serif; line-height: 1.6; color: #2b2b2b; max-width: 850px; margin: 40px auto; padding: 0 20px; } h1, h2 { color: #7a1f1f; } h1 { font-size: 2.1em; margin-bottom: 0.4em; } h2 { margin-top: 1.8em; font-size: 1.4em; } ul { margin-left: 1.2em; } li { margin-bottom: 0.6em; } .intro { font-style: italic; font-size: 1.1em; } Im Visier Wie schützen Sie Ihr Kind vor sexueller Gewalt im Netz? "Im Visier" gibt einen eindringlichen Einblick in die Methoden von Pädokriminellen und zeigt, wie Eltern und Lehrkräfte Cybergrooming frühzeitig erkennen. Nick Hein, Ex-Polizist und ehemaliger Leistungssportler, arbeitet gemeinsam mit Lucy Wang, Frauenärztin und Hypnosetherapeutin, seit Jahren aktiv an der Aufklärung über digitale Kindesgefährdung. Als Einhorncrew dokumentieren sie reale Fälle aus Chatrooms und dem Darknet und arbeiten eng mit Behörden zusammen. Das erwartet Sie Echte Fallberichte aus dem digitalen Raum Klare Warnsignale für gefährliche Online-Kontakte Konkrete Präventions- und Gesprächstipps für Familien Sicherheitsstrategien für Geräte, Apps und Privatsphäre Ansätze für ein starkes Schutznetzwerk rund ums Kind Verständlich, praxisnah und ohne Panikmache zeigt dieses Buch, wie Sie Kinder im digitalen Alltag wirksam schützen können. "Im Visier" ist ein unverzichtbarer Begleiter für Eltern, Großeltern, Lehrkräfte und alle, die Verantwortung für Kinder tragen.
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Seitenzahl: 249
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Nick Hein & Lucy Wang
Im VISIER
Wie Pädokriminelle Kinder im Netz locken und was Eltern wissen müssen –
Der schockierende Einblick in die Welt der Pädokriminellen – Wie wir unsere Kinder vor sexueller Gewalt und Cybergrooming im Netz schützen
© Nick Hein & Lucy Wang
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung bedarf der ausschließlichen Zustimmung der Autoren. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Verwertung, Übersetzung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
ISBN Softcover: 978-3-96967-647-9 ISBN E-Book: 978-3-96967-648-6
Eulogia Verlags GmbH Gerhofstraße 1–3 20354 Hamburg
Satz und Layout: Aleksandar PetrovićCovergestaltung: Christina Gasper
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Wie alles begann
Ich habe damals mehrere kleine Beiträge für taff auf ProSieben moderiert. Als ehemaliger Polizist wurde mir dieses Angebot 2016 direkt von ProSieben gemacht – nachdem ich ein Buch über die chronische Überforderung der Polizei geschrieben hatte. Ich hatte richtig Lust auf das Projekt, weil es aufregend war und so gar nicht nach klassischem Journalismus klang. Beiträge über Kriminalität an alltäglichen Orten: No-go-Areas, Drogenumschlagplätze, Clan-Familien und generell einfach gefährliche Themen – hautnah, aus der Sicht eines Ex-Cops. Also meiner Sicht. Ich hatte Bock darauf. Richtig Bock. Ich war voller Tatendrang und Ideen, die ich zum Leidwesen der Produktionsfirma auch ständig rausgehauen habe.
Meine Vorstellung davon, was spannend wäre, und die Erwartungen von taff und der Produktionsfirma waren … sagen wir mal: nicht deckungsgleich. Bei einem Dreh an Silvester auf der Domplatte wollte ich zum Beispiel herausfinden, wie sicher die neuen Kontrollzonen wirklich sind. Also hatte ich die Idee, mich bis an die Zähne zu „bewaffnen“ und durch die Zone zu schlendern. Fand das Produktionsteam natürlich gar nicht so geil. Gemacht habe ich’s trotzdem. Sogar erfolgreich. Gesehen hat davon am Ende allerdings niemand etwas – das Material wurde nicht übernommen.
Bei einem anderen Dreh über Duisburg-Marxloh bekamen wir von einem Informanten während der Reportage den Hinweis auf ein angeblich privat geführtes Bordell. Die Info allein reichte mir aber nicht – also habe ich dort einfach geklingelt und versucht, mir mit einer kleinen List Eintritt zu verschaffen. Am Ende hat das tatsächlich geklappt – aber der heiße Tipp entpuppte sich als kalter Kaffee.
Trotzdem: Ich brannte für das Format. Weil ich das Gefühl hatte, mit etwas Raffinesse, meinen Erfahrungen als Ex-Polizist und einer Prise Kreativität Reportagen auf die Beine stellen zu können, die anders waren. Echt. Hautnah. Und nicht so trocken runtererzählt.
Aber schon bald merkte ich: Mein Engagement kam bei der Produktionsfirma nicht so gut an. Außerdem schien man mich gern in eine ganz bestimmte Rolle drücken zu wollen. Während ich Spezialeinsatzkräfte beim Einsatz begleiten, mich in Menschenhändlerbanden einschleusen oder Flüchtlingsrouten hautnah erleben wollte, schlug die Produktionsfirma auffällig oft Themen vor, die mehr oder weniger eine direkte Kritik an der Polizei beinhalteten. So nach dem Motto: „Wenn das schon ein Ex-Cop so sieht, dann muss da ja was dran sein.“
Racial Profiling, Rassismus, Polizeigewalt – diese Themen standen auf der Tagesordung. Anfangs habe ich sie trotzdem mit der gebotenen Professionalität und Neutralität behandelt. Aber ich habe schnell gemerkt: Neutralität liegt immer im Auge des Betrachters. Wenn ich z. B. kritische Rückfragen zu gewissen Vorwürfen stellte, wurden diese beim Schnitt einfach weggelassen. Als ich nach einem Dreh die Realisatorin fragte, ob ich beim nächsten Mal beim Schnitt dabei sein dürfte, verneinte sie. Da war mir klar: Der Ausgang und das Fazit vieler Reportagen stand oft schon fest, bevor überhaupt die Kamera lief.
Die Erkenntnis, dass ich für die Produktionsfirma im Grunde nur ein Ex-Cop war, der als Meinungsverstärker herhalten sollte, frustrierte mich. Ich hatte auf mehr gehofft. Nachdem ich dem Produktionsleiter meine Enttäuschung erklärt hatte, überlegten Lucy und ich schon, eine eigene Produktionsfirma zu gründen – um Themen so zu zeigen, wie wir sie erlebt hatten.
Als wir gemeinsam die Themen durchgingen, die wir behandeln wollten – weil wir sie als wichtig empfanden–, landeten Kindesmissbrauch, Menschen- und Kinderhandel und die alltägliche Belästigung von Kindern im Internet ganz oben auf der Liste.
Warum ausgerechnet diese Themen?
Weil wir nichts verwerflicher, gefährlicher, aber auch spannender fanden. Täter, die so skrupellos sind, dass sie sich auf die Schwächsten der Gesellschaft stürzen, um unsägliche Dinge zu tun? Da schlug mein ehemaliges Polizistenherz wieder höher. Und Lucy als Ärztin war genauso Feuer und Flamme. Wir als Eltern konnten das nicht hinnehmen und fühlten uns umso mehr dazu berufen, aktiv zu werden.
Die abstoßenden und schockierenden Aspekte dieses Themas mal außen vor – findet ihr das nicht auch hochinteressant? Tätertypen. Strategien, um im Alltag unerkannt zu bleiben. Beuteschemata. Und diese unfassbare kriminelle Energie, die man aufbringen muss, um solche Taten überhaupt übers Herz zu bringen. Ganz zu schweigen von dem Drang, der bei vielen das ganze Leben bestimmt.
Diese Menschen bewegen sich oft in einer Schattenwelt: dem Darknet. Kriminelle Netzwerke voller Täter, die quasi jeder sein könnte. Der Nachbar. Der Verkäufer vom Supermarkt. Oder sogar ein Freund. (All das – und noch mehr – haben wir später selbst erlebt.)
Diesen Leuten auf die Schliche zu kommen, sie durch Finesse und List zu überführen – und Menschen darüber aufzuklären – erschien Lucy und mir als die ehrenwerteste und wichtigste Aufgabe, der wir uns widmen könnten.
Klar, wir hatten keine Ahnung, wie wir an die Täter rankommen sollten. Wir kannten uns null mit dem Darknet aus. Hatten keinerlei Kontakte zu Menschenhändlern. Aber die Idee stand. Und mit ordentlich Euphorie sind wir damit an taff und die Produktionsfirma herangetreten. Leidenschaftlich. Überzeugt.
Die Antwort? Ernüchternd.
„Kein Interesse. Schwieriges Thema. Aber wie wär’s mit einem Beitrag über die DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft)? Du gehst in einen Fluss baden, wirst vor der Kamera von Rettungsschwimmern abgeschleppt – wie klingt das?“
Das war das letzte Mal, dass Lucy und ich das Gebäude dieser Produktionsfirma betreten haben. Nicht, dass der DLRG nicht wichtig oder interessant genug wäre – im Gegenteil. Seine Arbeit verdient höchsten Respekt. Aber für uns war klar: Unsere Themen – dieses Thema – würden in dieser Konstellation niemals zustande kommen.
Also haben wir überlegt: Was brauchen wir, um diesen Tätern wirklich auf die Spur zu kommen?
Erster Schritt: rein ins Darknet.
In meiner Vorstellung brauchte man dafür mindestens Spezial-Equipment à la Matrix. Fünf Bildschirme, wild verkabelt, ein geheimnisvoll blinkender Router. Ein Ladebalken, der kryptisch Daten überträgt. Und ich tippe auf einer Tastatur wie ein Irrer, während ich ins Headset flüstere: „Ich bin drin.“
Stellt sich raus: Ins Darknet zu kommen, ist ehrlich gesagt fast schon enttäuschend einfach.
Das ist nicht „Mission Impossible“. Das ist eher: „Windows 10 für Anfänger“. Und das Headset? Kannst du dir sparen. Es antwortet eh keiner. Warum benutzen Täter das Darknet? Ganz einfach: Weil sie sich dort sicherer fühlen. Im normalen Internet kann relativ leicht zurückverfolgt werden, wer was wann gemacht hat. Aber im Darknet wird deine IP-Adresse – also dein digitaler Fingerabdruck – verschleiert. Statt „Hier ist Peter Müller aus Wanne-Eickel“ kommt da nur noch an: „Irgendwer, irgendwo, keine Ahnung woher“. Täter nutzen das, um sich hinter dieser digitalen Tarnkappe zu verstecken. Ob es nun um Kinderpornografie, Menschenhandel oder dubiose Foren geht – im Darknet glauben viele, sie wären unsichtbar.
Spoiler: Sind sie nicht. Aber sie denken es. Und das macht es so gefährlich.
Trigger-Hinweis:
Die folgenden Abschnitte beinhalten reale Erfahrungen im Umgang mit sexueller Belästigung und Tätern, die gezielt Kontakt zu (anscheinend) minderjährigen Personen aufnehmen. Die Inhalte können verstörend wirken – und genau das sollen sie auch. Denn sie zeigen, womit Kinder und Jugendliche im Netz tatsächlich konfrontiert werden.
Dennoch: Wenn man nicht weiß, wonach man sucht, wird man auch nicht im Darknet fündig.
Das war eine der ersten Fragen, die Lucy und ich uns damals gestellt haben: Was genau suchen wir überhaupt? Jeder kennt dieses Bild vom Täter, der in der Nähe von Schulen oder Spielplätzen herumlungert und Kinder anspricht. Und ja, solche Fälle passieren. Leider. Auch heute noch – und viel zu oft.
Aber wenn man sich mal die Kriminalstatistik anschaut, wird klar: Das ist nicht der einzige Weg, wie Missbrauch beginnt. Und im Darknet passiert der Erstkontakt auch nicht. Mal ehrlich: Welche Elfjährige surft bitte freiwillig im Tor-Browser?
Genau zu dieser Zeit fiel uns eine alte Reportage ein, die wir für taff gemacht hatten. Es ging um Frauen, die auf Plattformen wie eBay Kleinanzeigen, Kleiderkreisel oder markt.de sexuell belästigt wurden.
Frauen stellten dort ganz normale Kleidung ein – Hosen, Bikinis, Alltagskleider. Und dann kamen seltsame Anfragen – oft angeblich von Frauen – mit Bitten wie: „Kannst du vielleicht ein Tragefoto machen, damit ich sehe, wie das Teil sitzt?“
Viele kamen diesen Bitten nach – aus Höflichkeit oder Gutgläubigkeit. Was sie dann bekamen, war nicht selten schockierend: ungefragt zugeschickte Nacktbilder oder das Wiederfinden ihrer Fotos auf dubiosen Webseiten.
Da stellten wir uns die Frage: Ist das vielleicht der wahre Ort des Erstkontakts? Nicht der Spielplatz, nicht das Darknet – sondern ganz normale Portale?
Also starteten wir unseren eigenen Versuch – auf eBay Kleinanzeigen. Ganz unauffällig, ohne Profilbild, ohne provozierende Sprache. Ein junges Mädchen sucht einen Babysitter- oder Hundesitterjob, um sich etwas dazuzuverdienen.
Unser Ziel: Verstehen, wie Täter auf ein „Opfer“ aufmerksam werden. Worauf reagieren sie? Wie treten sie in Kontakt?
Was dann kam, hat uns regelrecht überrollt.
Schon wenige Minuten nach der Veröffentlichung: Dutzende Nachrichten. Und nicht etwa harmlose Fragen zu Arbeitszeiten oder Erfahrung mit Kindern. Sondern Grenzüberschreitungen – eine nach der anderen.
„Na, Lust was dazuzuverdienen? Würdest du auch massieren? Bisschen Handarbeit?“
„Interesse, in unserem privaten Bordell zu arbeiten? Bezahlung gut.“
„Kannst du mir beim Putzen helfen. Du müsstest aber nackt sein.“
„Können wir uns treffen? Ich rieche an deinen Haaren und masturbiere gleichzeitig. Du musst auch nicht hinsehen. 50 €.“
Diese Nachrichten sind echt. Keine erfundenen Dialoge. Keine TV-Inszenierung. Das alles ging an ein fiktives Mädchen, das angeblich minderjährig war.
Innerhalb von nur zwei Tagen hatten wir zehn Treffen vereinbart. Vier Männer sind tatsächlich aufgetaucht.
Und wenn man diese Nachrichten liest – und dann noch realisiert, wie leicht man diese Menschen treffen kann –, dann fragt man sich unweigerlich: In was für einer Welt leben wir eigentlich?
Damals hatten wir keinen Plan, keine rechtliche Absicherung, kein Team im Hintergrund. Die Täter wurden nicht angezeigt – was wir heute natürlich komplett anders handhaben.
Heute arbeiten wir mit Anwälten, wissen, wie man Beweise sichert, wie man sauber dokumentiert – und wie man Täter so überführt, dass es vor Gericht hält. Das war ein Lernprozess. Und ja, der hatte auch Hausdurchsuchungen zur Folge. Aber dazu später mehr.
Nach diesem Erlebnis war uns klar: Das war kein Zufall. Das war System.
Wir hatten nicht mal ein Profilbild im Inserat. Und trotzdem waren sie da – schnell, zielgerichtet, als hätten sie nach uns gesucht.
Also testeten wir ein weiteres Mal. Wieder eine Babysitter-Anzeige. Diesmal mit Stoppuhr.
30 Sekunden. Dann kam die erste Anfrage: Erst wollte er wissen, was wir noch alles für Geld machen würden, anschließend fragte er nach Sex.
Innerhalb weniger Stunden waren es rund 50 solcher Nachrichten. Wir haben das Inserat wieder rausgenommen – nicht aus Angst, sondern weil es einfach zu viel war. Zu deutlich. Zu krank.
Der Rest ist Geschichte.
In einem Zeitraum von fünf Jahren haben wir ein Volumen an Fällen durchlebt, das normalerweise nur Ermittlern bei der Kripo oder in der Staatsanwaltschaft begegnet – und das auch erst nach jahrzehntelanger Berufserfahrung.
Wir maßen uns dabei nicht an, die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden zu ersetzen oder gar besser zu machen. Ganz im Gegenteil. Wir haben von ihnen gelernt. Und das nicht zu knapp. Über die Jahre hinweg entstand ein gegenseitiger Austausch – manchmal holprig, manchmal hilfreich, aber immer lehrreich. Wir haben unsere Arbeitsweise weiterentwickelt, Fehler erkannt, Abläufe verbessert. Und wir sind vorsichtiger geworden – juristisch, technisch, menschlich.
Dabei haben wir ein Datenvolumen gesammelt, das in seiner Tiefe und Intensität erschütternd ist.
Was wir in diesem Buch tun, ist einfach erklärt: Wir nehmen euch mit. Wir zeigen, wie Täter denken, wie sie vorgehen, und wie verdammt nah sie oft schon dran sind – an euren Kindern, euren Familien, eurem Alltag.
Dieses Buch ist kein Panikmache-Ratgeber. Es ist ein Wachrüttler. Ein Schutzschild. Und vielleicht sogar eine Anleitung zur digitalen Zivilcourage.
Wir behaupten: Fast jeder Mensch hatte bereits Kontakt mit fragwürdigen Personen im Netz. Und wer glaubt, das beträfe nur andere, der hat wahrscheinlich nur noch nicht richtig hingeschaut.
Vom vermeintlich harmlosen Fußfetischisten, der über Facebook nach getragenen Socken fragt, über den charmanten Sugardaddy, der eurer Tochter auf Snapchat „kleine Verdienstmöglichkeiten“ vorschlägt, bis hin zum mehrfach vorbestraften Intensivtäter, der eurem 9-jährigen Sohn auf Roblox eine Freundschaftsanfrage schickt – natürlich mit einem Online-Gutschein, „damit ihr mal zusammen einen Video-Call machen könnt“. Was der Junge da zu sehen bekommt, wird ihn womöglich für den Rest seines Lebens prägen. Und nicht im positiven Sinne.
Genau deswegen gibt es dieses Buch.
Wir zeigen euch:
wie Täter denken.
worauf sie achten.
wie sie Kinder kontaktieren – oft ohne, dass ihr es merkt.
Und wir zeigen euch:
welche Warnzeichen ihr kennen müsst.
wie ihr Risikoverhalten erkennt.
Wie ihr eure Kinder aufklärt, ohne sie zu ängstigen.
Ihr erfahrt, welche Kinder besonders gefährdet sind, wie Täter ihre Opfer auswählen, und was ihr tun könnt, um euer eigenes Kind unattraktiv für solche Menschen zu machen – denn ja, das geht.
Wir liefern euch echte Beispiele aus echten Chatverläufen mit echten Straftätern. Nicht, um zu schockieren – sondern, um zu zeigen: So reden diese Leute. So denken sie. So nah sind sie.
Warum Eltern sich mit Cybergrooming beschäftigen müssen
Cybergrooming ist eine der gefährlichsten Bedrohungen für Kinder und Jugendliche im Internet. Es bezeichnet die gezielte Anbahnung sexuellen Missbrauchs durch Täter, die Online-Plattformen nutzen, um Kinder zu manipulieren und ihr Vertrauen zu gewinnen.1
Laut einer Studie von Europol (2020)2 hat die Anzahl der Fälle von Online-Kindesmissbrauch in den letzten Jahren drastisch zugenommen, insbesondere durch die zunehmende Verlagerung sozialer Interaktionen ins Internet.
Warum ist Cybergrooming so gefährlich?
Im Gegensatz zu vielen anderen Online-Gefahren wie Cybermobbing oder Datenklau geht es beim Cybergrooming nicht um eine kurzfristige Schikane, sondern um den gezielten Aufbau einer langfristigen Manipulation.3 Täter nutzen psychologische Tricks, um Kinder emotional an sich zu binden und sie so zur Preisgabe persönlicher Informationen oder zu expliziten Handlungen zu bewegen.4
Besonders gefährlich dabei:
· Täter bauen über Wochen oder Monate hinweg Vertrauen auf.5
· Kinder erkennen oft nicht, dass sie manipuliert werden.6
· Die Täter nutzen Schuld- und Angstmechanismen, um das Opfer zum Schweigen zu bringen.7
Wer sind die Täter?
Die Täter von Cybergrooming können ganz unterschiedliche Profile haben. Viele Täter sind Erwachsene, die gezielt nach verletzlichen Kindern suchen.8 Es gibt jedoch auch Jugendliche, die sich an Cybergrooming beteiligen, oft als Teil eines Gruppendrucks oder eigener psychischer Probleme.9
Studien zeigen, dass Grooming-Täter oft folgende Merkmale haben:
· Hohe soziale Kompetenz und die Fähigkeit, sich als Vertrauensperson auszugeben.10
· Erfahrung mit Manipulation und Täuschung.11
· Nutzung von Fake-Profilen, um sich als Gleichaltrige auszugeben.12
Warum sind Kinder besonders gefährdet?
Kinder sind besonders anfällig für Grooming, weil ihr Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet und sie emotionale Manipulation schwerer erkennen können.13 Laut der JIM-Studie 2022 nutzen bereits 80 % der 9- bis 10-Jährigen regelmäßig digitale Geräte, oft ohne elterliche Kontrolle.14
Weitere Risikofaktoren sind:
· fehlendes Wissen über Online-Gefahren.15
· Wunsch nach sozialer Anerkennung und Freundschaften im Netz.16
· geringes Selbstbewusstsein oder familiäre Probleme.17
Warum Eltern jetzt handeln müssen
Laut einer Untersuchung von UNICEF (2021)18 sind viele Eltern sich der Gefahr von Cybergrooming nicht bewusst oder unterschätzen sie. Dabei sind Prävention und Aufklärung der beste Schutz. Kinder, die mit ihren Eltern offen über Online-Erfahrungen sprechen, sind seltener Opfer von Cybergrooming.19
Eltern sollten deshalb:
· Wissen über Täterstrategien haben.20
· mit ihren Kindern regelmäßig über Online-Risiken sprechen.21
· einen offenen und vertrauensvollen Umgang mit ihren Kindern pflegen.22
So nah wie dein WLAN – Was ist Cybergrooming?
Bei den folgenden Nachrichten handelt es sich um einen Auszug aus einem öffentlichen Chat für Kinder und Jugendliche.
Manu_bQy66:
Hey, du bist echt süß. Wie alt bist du? 😊
Hanna (12 Jahre alt):
Ich bin 12, du?
Manu_bQy66:
Ich sag mal 16, damit es okay ist. 😂Aber du wirkst schon voll reif.
Auf den ersten Blick wirkt dieser Chat völlig harmlos. So harmlos, dass man fast drüber hinweg scrollen würde.
Wer sich öfter auf den üblichen Chatplattformen herumtreibt, kennt das Gefühl: Nach einer gewissen Zeit wird man von der schieren Masse an Direktnachrichten regelrecht betäubt. Man klickt, man antwortet, man „smalltalkt“ sich im Akkord durch belangloses Geplänkel – Fließbandkommunikation deluxe. Die persönliche Note? Irgendwo zwischen Emoji und Copy-Paste verloren gegangen.
Und genau darin liegt die Gefahr.
Denn zwischen all dem digitalen Hintergrundrauschen tauchen sie
immer wieder auf: Chats, die kippen. Gespräche, die irgendwo harmlos anfangen – und plötzlich in eine ganz andere Richtung driften.
Viele Leserinnen und Leser dieses Buchs werden auf Seiten wie Chat2000 oder Knuddels wahrscheinlich schon ihre eigenen Erfahrungen gesammelt haben. Vielleicht habt ihr ähnliche Verläufe gesehen – oder sie erst auf den zweiten Blick als das erkannt, was sie wirklich sind.
In unserem Fall hier war gerade eine kurze Chatpause mit dem Nutzer Manu_bQy66 zu Ende, als erneut eine Direktnachricht bei der 12-jährigen Hanna aufploppte.
Manu_bQy66:
Hättest Lust, mal zu chillen? Nur wir zwei. Ich bring auch Mäckes mit. Können auch einfach nur kuscheln. Ich mach nix, versprochen.
Am Folgetag meldet sich Manu_bQy66 wieder.
Manu_bQy66:
Stell mir gerade vor, wie schön es wäre, dich zu küssen. Wäre das schlimm?
Falls ihr’s noch nicht wusstet: Was ihr gerade gelesen habt, ist ein Paradebeispiel für Cybergrooming – so, wie es jeden Tag im Netz passiert. Und ja, das ist bereits eine Straftat.
Laut § 176 StGB – Sexueller Missbrauch von Kindern – reicht schon die Absicht, ein Kind sexuell zu beeinflussen oder ihm körperlich nahezukommen. Genau das ist hier passiert: Unser Manu_bQy66 ist in Wirklichkeit nämlich ein 38-jähriger Mann und Familienvater. Er gibt sich als Teenager aus, baut Vertrauen auf und macht sich gezielt an ein 12-jähriges Mädchen ran. Er fragt nach Nähe, nach Treffen, nach Kuscheleinheiten. Das klingt harmlos? Ist es nicht. Es ist strafbar – und zwar zu Recht.
Was der Chatteilnehmer Manu_bQy hier gemacht hat, ist kein dummer Spruch. Es ist ein gezielter Versuch, ein Kind sexuell zu manipulieren. Das Strafmaß? Drei Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe.
Wenn man sich das einmal klarmacht und dann mit diesem Wissen in beliebige Chatplattformen eintaucht, wird einem schnell anders. Denn das, was hier passiert ist, ist kein Einzelfall. Es ist Alltag. Und zwar auf Plattformen, auf denen sich täglich Millionen Menschen tummeln. Diese Fälle sind keine Ausrutscher, keine Einzelfälle und schon gar keine Kavaliersdelikte. Sie passieren in einer Regelmäßigkeit, die einem ernsthaft Sorgen machen sollte. Und das Internet macht’s den Tätern dabei viel zu leicht. Anonymität ist das perfekte Tarnnetz für jeden, der etwas zu verbergen hat.
Viele Chatforen und Social-Media-Plattformen versuchen sich mit Altersabfragen halbherzig abzusichern – nach dem Motto: „Wenn du hier klickst, bist du 16.“ Juristisch vielleicht ausreichend. Praktisch: ein schlechter Witz.
Ein gutes – oder besser gesagt: erschreckendes – Beispiel dafür ist Knuddels. Ein absoluter Dinosaurier unter den deutschen Chatforen. Online seit 1999, eine echte Chat-Urgestein-Plattform, in der sich schon Generationen durch virtuelle Flirtzonen geklickt haben. Zielgruppe: eigentlich „alle“ – aber eben auch viele Jugendliche.
Offizielle Altersfreigabe? Ab 16. Kontrollen? Kaum vorhanden.
Ein paar Klicks, ein Fantasiename, ein süßes Avatarbild – und schon kann man sich durch öffentliche oder themenspezifische Räume bewegen.Knuddels hat inzwischen zwar Moderatoren, die ein Auge auf den Chat werfen – was grundsätzlich löblich ist. Aber ganz ehrlich: Wenn täglich Tausende Nachrichten durchrauschen, ist es schlichtweg unmöglich, alles im Blick zu behalten.
Und so passiert es immer wieder: Kinder schleichen sich in Räume, die eigentlich nicht für sie gedacht sind. Und – was noch schlimmer ist: Erwachsene schleichen sich in genau diese Räume, obwohl sie da definitiv nichts verloren haben. Täter Mitte dreißig, Ende vierzig (unser ältester „Fang“: ein Berliner Gastronom in den Sechzigern) unterwegs in Jugend-Chaträumen, auf der Suche nach Kontakt, Nähe, Angriffsfläche.
Und genau dort beginnt die erste Nachricht. Der erste Kompliment-Haken. Das erste Spiel mit Vertrauen.
Schauen wir uns noch mal unseren zunächst vermeintlich harmlosen Chat auf Knuddels mit Maik bzw. Manu_bQy66 an, denn er liefert schon so viel, worauf man achten kann.
Warum ist das schon Cybergrooming?
· Lügen über das eigene Alter→ klassisch, um Nähe herzustellen
· Verharmlosung der Absichten („Ich mach nix, versprochen.“)
· Anbahnung körperlicher Nähe (kuscheln, küssen)
· Täuschung, emotionale Manipulation und Übergriffigkeit – auch ohne „nackte“ Inhalte
Das alles reicht bereits aus, um den Tatbestand des sexuellen Missbrauchs durch Kommunikation zu erfüllen.
Nach einem längeren Kontakt zwischen Maik und Hanna kam es dann leider auch zu einem Austausch von Bildern der beiden. Hanna war nach tagelangen, teilweise schon von Aufmerksamkeit überwältigenden Chats und Belobigungen durch Maik so von ihm eingenommen und hat ihm derart vertraut, dass sie sich zunächst zu oberkörperfreien Fotos hat hinreißen lassen – und nachher auch zu Videos.
Bei Jugendlichen, aber ganz besonders bei Kindern, kann Aufmerksamkeit schon reichen, um etwas auszulösen, das sich wie echte Zuneigung anfühlt. Und wenn diese Aufmerksamkeit dann auch noch persönlich wirkt, vielleicht sogar liebevoll oder schützend – dann wird’s gefährlich.
Genau das hat Maik alias Manu in unserem Fall ausgenutzt. Er hat sich als 16-Jähriger ausgegeben. Also: nicht erwachsen, aber eben „cool älter“. Und für Hanna war das ein Ego-Boost. Ein vermeintlich älterer Junge interessiert sich nicht für ihre Freundinnen, sondern für sie. Das macht was mit einem Kind.
Täter spielen genau diese Karte mit voller Absicht. Sie überschütten ihre Opfer mit „Liebe“, Aufmerksamkeit, ständigen Nachrichten – rund um die Uhr. Sie füllen etwas, das vielleicht im echten Leben fehlt: Zuwendung. Bestätigung. Bedeutsamkeit. Plötzlich ist da jemand, der sich immer meldet. Der sich nur für dich interessiert. Der dich nicht bewertet, sondern dir das Gefühl gibt: „Du bist besonders.“
Was einem Erwachsenen schnell zu viel wäre, vielleicht sogar aufdringlich wäre – löst bei Kindern oft aus: „Wow, der meint es ernst.“
Und weil es sich echt anfühlt, fühlt es sich auch irgendwie aufregend an. Geheimnisvoll. Besonders. Jemand, mit dem man über alles reden kann. Der zuhört. Der niemals Nein sagt.
Das Spiel läuft, solange der Täter bekommt, was er will – oder zumindest glaubt, dass er es bald bekommt. Und ja, manche Täter sind dabei unfassbar geduldig. Die arbeiten sich über Wochen, manchmal sogar Monate vor. Immer mit dem Ziel: ein Foto, ein Video, ein Treffen zu bekommen.
Aber – und das ist die bittere Realität – in den meisten Fällen geht’s viel schneller. Gerade auf Plattformen, wo hundert neue Kontakte nur zwei Klicks entfernt sind, wird nicht lange gefackelt: Kommt nix zurück, geht der Täter einfach weiter zur Nächsten. Das ist kein romantisches Werben. Das ist digitales Jagen mit Flatrate.
Manche Täter aber, die bleiben dran. Nicht, weil das Kind sich besonders leicht täuschen lässt, sondern weil sie in diesem Kind etwas sehen, das sie anfixt. Vielleicht wirkt das Kind besonders sensibel, einsam, ein bisschen „anders“. Und genau das macht’s für sie interessant.
Wir haben in diversen Chatverläufen manchmal durch die schiere Anzahl an Kommunikationen das Interesse verloren und sehr pampige Antworten gegeben. Überraschenderweise hat das die Täter oftmals nicht abgeschreckt, sondern erst recht angeheizt.
Dann wurde aus dem schnellen Jagen plötzlich eine persönliche Mission. Da ging es nicht mehr nur um ein Foto oder ein kurzes Chat-Geflirte – da entstand etwas, das fast schon wirkte wie eine Beziehung. Natürlich keine gesunde, echte – sondern eine einseitige, toxische, manipulierte. Aber für ein echtes Kind kann es sich oft genau so anfühlen: wie das erste „richtige“ Verliebtsein.
Und genau das nutzen solche Täter schamlos aus. Sie merken, wenn ein Kind sich öffnet. Wenn es Dinge erzählt, die es sonst niemandem sagt. Und sie geben vor, das zu verstehen. Sie spiegeln Gefühle, spielen sich als Retter auf, als Seelenverwandter, als der Einzige, der „wirklich zuhört“.
Durch unsere Arbeit geraten wir manchmal in Situationen, für die das Wort absurd eigentlich nicht mehr ausreicht.
An Feiertagen – Weihnachten, Silvester, Ostern – machen ja viele Leute das Übliche: Sie scrollen durch ihr Telefonbuch, picken sich ein paar Kontakte raus, die sie „wichtig genug“ finden, und verschicken liebe Grüße, wahlweise mit Rentieren, Wunderkerzen oder kitschigen Sprüchen.
Und genau an diesen Tagen … bekommen wir auch Nachrichten. Von Straftätern.
Ja, richtig gelesen. Während andere sich frohe Weihnachten wünschen, erreichen uns auf unseren Tarnprofilen ebenfalls Feiertagsgrüße. Von genau den Leuten, die sich an Kinder ranmachen. Von genau denen, die irgendwann an Bilder oder Treffen kommen wollen.
Und das ist nicht etwa kalt, gruselig oder roboterhaft geschrieben. Nee, da ist oft alles dabei: kitschig überzogene Weihnachtswünsche mit Sternenregen und Herzen, charmant verpackte „Hey, ich hoffe, du hast gut ins neue Jahr gefeiert“-Nachrichten, oder einfach nett und unauffällig, so wie man es sich von einem alten Bekannten erwarten würde.
Und genau das ist der Punkt. Das ist Teil ihrer Strategie.
Vertrauen aufbauen.
Verbindung schaffen.
Langsam, leise, höflich.
So lange, bis der Moment kommt, in dem’s kippt – in dem aus harmlosen Nachrichten gezielte Übergriffe werden.
Wenn man das liest, während man selbst gerade mit der Familie am Tisch sitzt und Kerzen brennen, wird einem schon mal flau im Magen.
Denn man weiß: Die meinen das ernst. Nicht den Feiertag. Sondern ihr Ziel.
Das Perfide daran: Manche von denen sind nicht mal in Eile. Die investieren Zeit. Geduld. Aufmerksamkeit. Nicht, weil sie das Kind lieben – sondern weil sie es binden wollen. Und weil sie genau wissen: Je tiefer das Vertrauen, desto weniger Widerstand.
In einem anderen Beispiel wurde einer unserer Fake-Accounts von einem Mann angeschrieben, der sich zunächst wie ManubQy66 als junger Kerl ausgegeben hat und anschließend sehr penetrant, fast schon quängelnd um Brustbilder von dem angeblichen Mädchen gebettelt hat. Dabei hat er immer wieder die gleiche Strategie, die emotionalen Erpressung angewandt, die ein häufiges Werkzeug der Täter ist.
„Wenn du mir keine Brustbilder schickst, dann schreib ich halt eine andere an.“
„Dann eben nicht.“
„Ich hab keine Lust mehr auf diesen Chat, du gehst nie auf meine Bedürfnisse ein. Dann such ich mir halt ne andere.“
Nach etwas Recherche wurde uns schlecht. Der Mann, mit dem unser fiktives Mädchen seit Monaten in Kontakt steht, ist selbst Vater – von zwei kleinen Töchtern. Genau in dem Alter, auf das er es abgesehen hat.
In seiner Gemeinde gilt er übrigens als der nette Typ von nebenan. Spendet gern mal für wohltätige Zwecke, zeigt sich bürgernah und ließ sich dafür auch schon grinsend mit dem örtlichen Stadtrat ablichten. So einer, dem man auf den ersten Blick eher einen Bausparvertrag zutraut als das, was er wirklich will.
Und was er will, hat er im Chat ziemlich oft durchblicken lassen: Bilder. Brustbilder, um genau zu sein. Immer wieder. Mal charmant, mal schleichend, und irgendwann – als das nicht gefruchtet hat – einfach bettelnd: „Bitte, bitte, nur ein Bild, bitte.“
Wenn’s nicht so krank wäre, wär’s fast schon peinlich. Emotionaler Bettelmodus, kurz vor dem Tränenausbruch. Aber genau hier wird’s ernst – denn das ist keine spontane Entgleisung. Das ist ein geplanter, schrittweiser Übergriff, sorgsam vorbereitet und manipulativ durchgezogen.
Und das Perfide: Viele Eltern bekommen davon überhaupt nichts mit. Weil der Täter nicht brüllt, nicht fordert, nicht auffällt. Sondern da ist. Immer da. Freundlich. Interessiert. Und wenn nötig – Mitleid erregend.
Genau das macht’s so gefährlich.
Im Fall von Hanna und Manu_bQy hat sich die Tarnung irgendwann selbst zerlegt. Maik – unser Familienvater – hat angefangen, aggressiv zu werden. Immer wieder verlangte er neue Bilder und Videos. Und als Hanna nicht mehr wollte, kam das wahre Gesicht zum Vorschein: Drohung. Erpressung. Psychodruck.
Plötzlich hieß es: Wenn du mir nichts mehr schickst, zeig ich das, was ich habe, deiner Familie. Deinen Freunden. Deiner Schule.
Solche Strategien sind bei diesen Typen Standard. Haben sie einmal etwas in der Hand – ein Foto, ein Geheimnis, eine Schwäche –, dann nutzen sie das gnadenlos aus. Und viele Kinder schweigen. Aus Scham. Aus Angst. Weil sie glauben, es sei ihre Schuld. Ist es nicht. Nie.
Und genau deshalb ist es so wichtig, dass ihr mit euren Kindern im Vorfeld darüber sprecht. Macht ihnen klar: Diese „netten“ Fremden im Netz sind nicht automatisch Freunde. Und das, was wie Interesse aussieht, kann in Wahrheit eine Falle sein.
Ein Mädchen, mit dem wir gearbeitet haben, hat fast das Gleiche erlebt wie Hanna. Der Täter hatte ein Bild – und drohte, es ihrer Mutter zu schicken. Ab da war sie gefangen. Und hat – aus reiner Angst – immer weiter geliefert.
Vielleicht kann man genau daraus einen simplen, aber effektiven Rat ableiten: Bevor du etwas im Netz verschickst, frag dich: Würdest du’s auch deiner Mutter zeigen?
Wenn die Antwort „Nein“ ist, dann ist’s wahrscheinlich auch keine gute Idee, es irgendjemandem sonst zu schicken.
Klingt hart – ist aber oft der einzige Schutzschild, den Kinder in dem Moment haben. Denn über Umwege kann das Bild am Ende genau dort landen.
Wenn man über das Thema Cybergrooming spricht, muss man sich darüber klar werden, dass es den Opfern in der Regel nicht sofort auffällt. Zum einen weiß man nicht immer, mit wem man es zu tun hat, und zum anderen ist der Übergang oftmals ein schleichender.
Später sprechen wir bewusst über typische Anzeichen eines Fake-Accounts und wie ihr und eure Kinder solche identifizieren können und auf was ihr achten müsst.
Sobald eine vermeintlich emotionale Basis hergestellt ist, werden viele Täter alles daransetzen, sehr zuvorkommend zu sein und sich auch immer mit Nachfragen rückzuversichern.
„Wäre das schlimm, wenn ich dich küsse?“
„Ich bin etwas älter, als es in meinem Profil steht. Wäre das ein Problem für dich?“
„Wenn wir uns treffen, darf ich dich dann umarmen? Wenn nicht, ist auch okay.“
Ein unaufmerksamer Betrachter sieht darin schlichtweg Rücksichtnahme oder vielleicht sogar Empathie. Diese Art der Fragestellung kann auch Unsicherheit oder Schüchternheit suggerieren, etwas, das bei Jungs und Mädchen in diesem Alter gar nicht ungewöhnlich ist.
Oftmals ist es aber ein strategischer Versuch der Täter, ihre alleinige Schuld abzuschieben. Die Täter, die sich moralisch aus dem Staub machen wollen, indem sie die Schuld dem Kind unterschieben.
Und leider gibt es tatsächlich Fälle, in denen solche „Strategien“ im Gerichtssaal nicht komplett verpuffen. Was uns im Laufe der Zeit immer wieder begegnet ist – und was einen, ehrlich gesagt, fassungslos zurücklässt –, ist die Tatsache, dass manche Täter vor Gericht mit einer ganz bestimmten Masche durchkommen. Da wird nicht etwa abgestritten, was passiert ist. Da wird nicht behauptet, man sei jemand anderes gewesen. Nein. Da wird einfach gesagt: „Aber das Kind wollte das doch auch.“ Klingt absurd, oder? Ist es auch. Aber in deutschen Gerichtssälen ist dieser Satz kein Einzelfall. Manchmal schafft er es sogar, das Strafmaß zu mildern.
