Im Vorhof der Hölle - G.F. Barner - E-Book

Im Vorhof der Hölle E-Book

G. F. Barner

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Beschreibung

Begleiten Sie die Helden bei ihrem rauen Kampf gegen Outlaws und Revolverhelden oder auf staubigen Rindertrails. G. F. Barner ist legendär wie kaum ein anderer. Seine Vita zeichnet einen imposanten Erfolgsweg, wie er nur selten beschritten wurde. Als Western-Autor wurde er eine Institution. G. F. Barner wurde als Naturtalent entdeckt und dann als Schriftsteller berühmt. Seine Leser schwärmen von Romanen wie "Torlans letzter Ritt", "Sturm über Montana" und ganz besonders "Revolver-Jane". Der Western war für ihn ein Lebenselixier, und doch besitzt er auch in anderen Genres bemerkenswerte Popularität. Sie schrie nicht, als der Schatten vor ihr am Endbrett des Wagens auftauchte. Der Mann war so plötzlich da, daß Jessica Walker vor Schreck erstarrte. Der Fremde blickte Jessica drohend an. Und dann hob er die Hand mit dem Revolver, legte den Lauf wie einen verlängerten Zeigefinger über die Lippen und wandte sich ab. Das Mädchen blieb zu Tode erschrocken stehen. Dieser Mann hatte ihr angedeutet, zu schweigen. Er duckte sich, seine Linke verschwand unter der langen Hirschlederjacke, und dann schnellte er wie ein Panther vorwärts. Jessica verfolgte mit weit geöffneten Augen den Weg, den er zu den um das Feuer sitzenden Männern nahm. Sie hätte einen Warnschrei ausstoßen können, doch irgend etwas ließ sie zaudern. Der Mann flog zwischen den Auswandererwagen. Und dann war er dicht hinter den Männern, und ehe jemand ihn sah, sprang er ab. Im selben Augenblick erhob sich Jim Handley, heftig zusammenfahrend, vom Bock des Wagens. Der schmächtige Mann schien zu erstarren, doch da sprang der Fremde bereits jemand in den Rücken. Der linke Arm des Fremden schoß über die Schulter des einen Auswanderers hinweg. In seiner Hand blitzte die gebogene Klinge eines Jagdmessers hell im Feuerschein auf. »Ezra, Vorsicht, hinter dir!« Es war zu spät. Ezra Fielding, der von dem Fremden angesprungene Mann, kippte vornüber. Die blitzende Klinge saß ihm mit der Schneide an der Kehle. Das Dutzend Männer am Feuer zuckte zusammen, als hätte jemand eine Dynamitstange in die Flammen geschleudert.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2019

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G.F. Barner – 146 –Im Vorhof der Hölle

… mit dem Messer an der Kehle

G.F. Barner

Sie schrie nicht, als der Schatten vor ihr am Endbrett des Wagens auftauchte. Der Mann war so plötzlich da, daß Jessica Walker vor Schreck erstarrte. Der Fremde blickte Jessica drohend an. Und dann hob er die Hand mit dem Revolver, legte den Lauf wie einen verlängerten Zeigefinger über die Lippen und wandte sich ab.

Das Mädchen blieb zu Tode erschrocken stehen. Dieser Mann hatte ihr angedeutet, zu schweigen. Er duckte sich, seine Linke verschwand unter der langen Hirschlederjacke, und dann schnellte er wie ein Panther vorwärts.

Jessica verfolgte mit weit geöffneten Augen den Weg, den er zu den um das Feuer sitzenden Männern nahm. Sie hätte einen Warnschrei ausstoßen können, doch irgend etwas ließ sie zaudern.

Der Mann flog zwischen den Auswandererwagen. Und dann war er dicht hinter den Männern, und ehe jemand ihn sah, sprang er ab.

Im selben Augenblick erhob sich Jim Handley, heftig zusammenfahrend, vom Bock des Wagens. Der schmächtige Mann schien zu erstarren, doch da sprang der Fremde bereits jemand in den Rücken.

Der linke Arm des Fremden schoß über die Schulter des einen Auswanderers hinweg. In seiner Hand blitzte die gebogene Klinge eines Jagdmessers hell im Feuerschein auf. Und da erst schrie Handley mit überkippender Stimme:

»Ezra, Vorsicht, hinter dir!«

Es war zu spät. Ezra Fielding, der von dem Fremden angesprungene Mann, kippte vornüber. Die blitzende Klinge saß ihm mit der Schneide an der Kehle.

Das Dutzend Männer am Feuer zuckte zusammen, als hätte jemand eine Dynamitstange in die Flammen geschleudert. Die neben Fielding Hockenden wurden vor Schreck steif. Der Fremde schob seine Rechte an Fielding vorbei. In seiner Hand lag ein schwerer Revolver, die Mündung der Waffe stach wie eine Lanze vorwärts, bis sie Fieldings Nachbar am Kinn berührte. Der Mann wurde kreidebleich, als er den hochstehenden Hammer der Waffe und den ihn haltenden Daumen des Fremden bemerkte.

»Sitzenbeiben! Keiner rührt sich!«

Irgendwer stöhnte wie ein Schwerkranker.

»Ganz ruhig, Leute!« fauchte der unheimliche Besucher. »Ich will nichts von euch, ich will nur diesen Mann haben. Mister, – warum hast du den Alten umgebracht? Rede, oder es gibt ein Unglück.«

Jessica spürte, daß der Mann nicht bluffte.

Weißbärtig, hager und knochig, saß der alte Jonathan Orwell dem röchelnden Fielding jenseits des Feuers gegenüber. Im verwitterten Gesicht Orwells zuckten die Muskeln und ließen seinen Prophetenbart wackeln. Orwell hob sein Buch Yehuda, die Weissagungen und Gebote der Sekte, beschwörend an. Und dann sagte er mit tiefer Grabesstimme: »Haben die bösen Geister Luzifers deinen Verstand verwirrt, Fremder? Warum bedrohst du meinen Bruder Ezra? Nimm das Messer von seiner Kehle, ich befehle es!«

»Du befiehlst mir gar nichts«, entgegnete der Fremde eisig. »Dieser Mann ist ein Mörder. Ich habe ihn elf Tage gesucht. Jetzt habe ich ihn und nehme ihn mit.«

»Bruder Ezra ein Mörder?« fragte der Alte vertändnislos. »Du redest irre, Mann. Zum letzten Mal: steck deine Waffen ein, oder du wirst es erleben...«

Weiter kam der Alte nicht.

Der Fremde riß seine Rechte herum, sein Revolver richtete sich irgendwohin nach rechts. Fieldings Nachbar stieß einen schrillen Schrei aus, denn die Waffe war keine zwanzig Zoll neben seinem Kopf abgefeuert worden.

Dem schrillen Laut folgte ein gellender Schrei von der rechten Wagenreihe.

Dort taumelte Benjamin Orwell, der jüngste Sohn des Predigers, zwischen zwei Wagen hervor. Ben ließ das Gewehr fallen, prallte gegen das Wagenrad und preßte beide Hände gegen seinen Mund.

»Vorsicht!« peitschte die Stimme des Fremden über das Camp hinweg. »Der nächste, der auf mich zu schießen versucht, stirbt auf der Stelle. Fielding, du Mörder, was hatte Bill dir getan, daß du ihn wie einen Hund erschlagen mußtest? Du Dreckskerl, paßt dir seine Ponyfelljacke, ja? Ich schwöre dir, Schurke, du darfst sie tragen, wenn man dich aufhängt.«

Sekundenlang herrschte Totenstille. Selbst Ben Orwell stöhnte nicht mehr. Er nahm die Hände vom Mund. Seine Finger waren voll Blut, das von den aufgeplatzten Lippen über das Kinn rann.

»Die Jacke?« wiederholte der alte Orwell. »Bei Yehuda, deshalb…«

»Was?« fauchte der Fremde. »Rede weiter, Alter, schnell!«

»Er hat sie erst vor drei Tagen gekauft«, stieß der weißbärtige Prediger hervor. »Bei Yehuda, das ist die reine Wahrheit. Die Männer kamen zwanzig Meilen östlich der Goshute-Berge in unser Camp. Es waren Händler. Sie verkauften uns zwei Zugpferde und etliche Waren. Ezra erstand diese Ponyjacke. Er besaß als Junge so eine und wollte sie um jeden Preis haben. Brüder, ist es so gewesen?«

»Es ist wahr«, meldete sich der schmächtige Handley. »Ezra war ganz verrückt nach der Jacke. Du siehst doch, wie vernarrt er in sie ist. Wer trägt bei dieser Hitze schon so eine Jacke? Um Gottes willen, Mister, laß den armenTeufel in Ruhe. Er hat noch keiner Fliege was zuleide getan, geschweige denn jemanden umgebracht. Wen – wen hat man ermordet?«

Der Fremde ließ die Hand mit dem Messer sinken, richtete sich auf. Jessica sah ihn nun in voller Größe. Der Mann war nur etwas über mittelgroß, hatte jedoch breite Schultern und kräftige Schenkel, die sich unter seiner Hirschlederhose deutlich abzeichneten. Er wirkte auf Jessica wie ein einziges Bündel Kraft und Energie.

»Verdammt«, röchelte Fielding während er sich an den Hals griff. »Ich habe gedacht, meine letzte Stunde sei gekommen. Mir wird schlecht.«

»Ezra! Ezra! Orwell, was hat man Ezra getan?«

Fieldings Frau stürmte in den Feuerschein. Sie war mit den anderen Frauen am Wasserloch gewesen. Sie sank vor Fielding nieder. Der Fremde trat an den Wagen der Walkers zurück, blickte Jessica forschend an.

»Leute«, sagte er dann ganz ruhig. »Die Sache tut mir aufrichtig leid. Ich habe eure Wagenkolonne in der sinkenden Sonne beobachtet. Jemand ritt mit Old Bills Jacke neben den Wagen her. Die Jacke stammt von einem meiner Ponies. Ich erkannte das Rückenmuster sofort. Fielding, wenn du an meiner Stelle jemanden mit der Jacke eines Toten hättest reiten sehen, hättest du ihn auch für einen Mörder gehalten?«

Fielding hockte wie erschlagen am Boden. Dem alten Jonathan Orwell jedoch schoß die Zornesröte ins Gesicht. Sein Sohn blutete, und obwohl der Alte gesehen hatte, daß der Junge auf den Fremden angeschlagen, dieser nur etwas schneller gefeuert und Benjamins Gewehr getroffen hatte, erfaßte ihn wilder Grimm. Der Fremde hätte Benjamin auch töten können, statt ihm das Gewehr aus den Händen zu schießen. Daß es nur die wegfliegende Waffe gewesen war, die Ben die Lippen aufgeschlagen hatte, zählte für den über sechs Fuß großen und hageren Sektenprediger nicht.

Für Orwell gab es nur die Gesetze seines Propheten Yehuda. Und eins davon hieß: Blut um Blut! Besessen von der Lehre Yehudas, deren Verkünder und Vollstrecker Orwell war, herrschte er über seine paar Gläubigen. Er duldete keine andere Meinung, auch keinen Widerspruch.

Jessica, die diese furchtbaren Ausbrüche Orwells kannte, senkte den Kopf. Und dann flüsterte sie warnend:

»Vorsicht, Fremder, nehmen Sie sich in acht! Orwell ist in seinem Zorn unberechenbar und zu allem fähig.«

Der Fremde nickte und lächelte sie an. Angst schien er nicht zu kennen.

»Mister, du hast es gewagt, in unser Camp einzubrechen«, schrie der Alte. »Nicht nur, daß du Bruder Ezra mit deinem Messer bedrohtest, nein, du hast das Blut meines guten Sohnes vergossen. Blut um Blut, so lautet Yehudas Gesetz. Packen wir ihn!«

Kaum hatte Orwell seinen Befehl gegeben, als einer der am Feuer sitzenden Männer sein neben ihm liegendes Gewehr packte. Der Mann wollte aufspringen.

»Halt!« stieß, der Fremde hervor. Zugleich schlugen seine Hände die Lederjacke auseinander, und Jessica sah, daß er einen zweiten Revolver hinter den Gürtel geschoben hatte. »Sitzenbleiben! Die Hände vom Gewehr, Mister! Du dort, laß den Kolben deines Revolvers oder, oder… Weg mit der Hand!«

Der Fremde feuerte urplötzlich aus beiden Waffen, so daß der Donner der beiden Schüsse wie einer klang. Die Kugeln zischten über die Köpfe der am Feuer sitzenden Männer hinweg und schlugen in das brennende Holz, Funken sprühten.

Jonathan Orwell starrte den Fremden drohend an, blieb jedoch stehen, weil ihm bewußt wurde, daß der Mann zu allem entschlossen war.

»Orwell, bleiben Sie friedlich«, sagte der Fremde. Er hob die Mündungen seiner Revolver bis in Augenhöhe an. »Ich habe gesagt, daß es mir leid tut. Genügt die Entschuldigung nicht? Leute, Fielding trägt die Jacke meines ermordeten Freundes. Ich habe geglaubt, daß ich den Mörder meines Freundes vor mir hätte. Und jeder von euch hätte dasselbe angenommen. Seid vernünftig. Ich will niemand verletzen müssen. Orwell, ich warne Sie, keine Tricks.«

Orwell starrte wie hypnotisiert in die dunklen Mündungen und knurrte:

»Verschwinde, Fremder! Ich gebe dir eine Minute.«

»Ich werde nicht gehen, bevor ich nicht weiß, wie viele Männer hier waren und wie sie aussehen. Orwell, wann genau kamen sie?«

Orwell schwieg, doch da meldete sich Handley.

»Es waren zwei«, sagte er. »Ein Hagerer und ein Stämmiger, der sich George Slater nannte. Der Hagere war semmelblond und trug einen Schnauzbart. Sie erzählten, sie hätten ihren Wagen durch einen Achsenbruch drüben in den Bergen verloren und die meisten Waren schon verkaufen können. Was sie hatten, war nur ein Rest. Die beiden Zugpferde...«

»Halt den Mund, Handley«, zischelte Orwell. »Wir haben alles ordnungsgemäß bezahlt. Kein Mensch konnte ahnen, daß es sich um gestohlene Pferde und Ware handelte. Auf den großen Leinenbeuteln, in denen die Ware war, stand ein großes S. Der Mann nannte sich Slater. S wie Slater. Wie sollten wir da auf den Gedanken kommen...?«

»Orwell«, unterbrach der Fremde ihn scharf. »Niemand verlangt, daß ihr die gekauften Sachen oder die Pferde wieder zurückgeben müßt. Das S stand für Slocum. Old Bill Slocum zeichnete seine Warenbeutel und Kisten alle mit dem S. Das hielt er seit über dreißig Jahren so. Wie heißt der Hagere?«

»Ich will deinen Namen wissen«, sagte der Alte grimmig, »um zu erfahren, wer das Blut meines Sohnes vergossen hat.«

»Ich bin Wade Lennard«, antwortete der Fremde gelassen. »Sei froh, alter Mann, daß dein Sohn nur etwas Blut, aber nicht das Leben verloren hat. Also, wie heißt der Hagere, Orwell?«

»Handley, sag es ihm. Dieser schießwütige Bursche ist keins meiner Worte wert.«

»Dieser Slater nannte ihn Eddie«, antwortete Handley. »Er zieht das linke Bein leicht nach und kaut Tabak. Viel geredet hat der nicht, Lennard. Dafür Slater um so mehr. Sie wollten nach Salt Lake. Du wirst sie kaum einholen können, denn sie hatten sehr gute Reitpferde, einen Falben und einen braunen Wallach, außerdem noch ein gutes Packpferd, das nun kaum Last trägt. Bist du sicher, daß es sich um die Mörder Slocums handelt?«

»Absolut sicher«, erwidert Lennard. »Der Falbe und der Wallach gehören mir. Ich hatte sie Old Bill für jemanden in Austin mitgegeben. Die Kerle brachten Old Bill keine fünfzehn Meilen nördlich von Austin um. Der Mann, der meine Pferde kaufen wollte, wurde unruhig, als Old Bill nicht wie versprochen kam. Er ritt los, weil er sich nicht vorstellen konnte, daß Bill nicht wie immer pünktlich sein sollte. So fand er ihn.«

»Mann«, sagte Handley. »Das hätte ich nie vermutet, Lennard. Die beiden Burschen sahen wie ganz normale Leute aus.«

»Die meisten Mörder sehen wie ganz normale Leute aus«, gab Lennard düster zurück. »Ist dir sonst etwas an den Kerlen aufgefallen?«

»Nichts«, sagte Handley kopfschüttelnd. »Oder doch, ja. Dieser Slater hat krauses schwarzes Haar. Er schwitzte heftig, als er die Sachen auspackte, obwohl es doch Abend war. Der nahm dauernd sein Taschentuch und wischte sich den Schweiß ab. Dabei war es lange nicht so schwül wie heute. Der Schweiß lief ihm regelrecht über das Gesicht und tropfte von den buschigen Brauen in seine schwarzbraunen Augen.«

»Nun, das ist doch etwas«, sagte Lennard. »Der Hagere – welche Farbe hatten seine Augen? Die Brauen hell oder dunkel?«

»Beinahe weiße Brauen«, erklärte Handley. »Wie gebleicht, würde ich sagen. Und hellgraue Augen. Und der Bursche zwinkert dauernd, oder, Fielding? Der hatte doch die Jacke...«

»Weiß nicht, ob der zwinkerte«, brummelte Fielding. »Nimmt mir für die Jacke fünfzehn Dollar ab, der Strolch, der elende. Und er hat gemordet, nichts für sie bezahlt. Dafür hatte ich ein Messer an der Kehle.«

»Bruder Ezra, du sollst nicht fluchen«, meldete sich Orwell zornig. »Yehuda spricht...«

»Ich weiß, was Yehuda spricht«, schnitt Fielding ihm wütend das Wort ab. »Ich habe diesen Mörder verdammt, Bruder Jonathan, und dagegen wird auch Yehuda nichts haben, denke ich. Die Hölle soll den Kerl verschlingen, und diesen Slater dazu. Beinahe hätten die Kerle mich auf dem Gewissen gehabt.«

Ezra Fielding blickte sich nach Lennard um. »Ich weiß nicht, was es da zu grinsen gibt, Lennard. Hast du schon mal ein Messer am Hals gehabt?«

»Ja«, sagte Wade Lennard gelassen. »Hier, Mann. Wie das Gefühl ist, weiß ich besser als du.«

Lennard hob die Linke, schob mit dem Revolverlauf den Hemdkragen an der rechten Halsseite weg, und nicht nur Fielding starrte auf die im Feuerschein hellrot schimmernde und gezackte Narbe.

»Das war ein Paiute-Jagdmesser«, erklärte der seltsame Lennard. »Ich hatte einen Pfeil zwischen den Rippen, eine Kugel in der Schulter und einen Paiute auf mir. Drei andere hatte ich noch schaffen können, aber den nicht mehr. Als es knallte und er zur Seite fiel, zog mir sein Messer diese Narbe, Mister. An jenem Tag rettete mir Old Bill Slocum das Leben. Ich schulde es ihm bis in alle Ewigkeit. Und danach suche ich die fünf Männer, die ihn mit einem Spitzhackenstiel erschlagen haben.«

Während er sprach, schob er sich langsam um das Hinterrad.

»Fünf?« echote Handley. »Nicht nur die zwei, die hier waren?«

»Fünf«, bestätigte Lennard. »Ich hätte sie wahrscheinlich schon, wenn der Sandsturm vor neun Tagen ihre Fährte nicht völlig gelöscht hätte. Vorgestern stieß ich wieder auf die Hufspur meiner Pferde, die mit euren Wagenspuren zusammentraf und dann überdeckt wurde. Darum kam ich her, mein Freund. Gestern nacht hat es wieder geweht, deshalb war die Spur erneut verwischt. Leute, ich rate euch, hier nicht zu bleiben. Fahrt aus dem Tal und bringt euer Vieh, das dort hinten im Seitental steht, auch besser auf den Hügel. Es könnte ein Unwetter geben.«

»Deinen Rat brauchen wir nicht«, knurrte der alte Jonathan Orwell. »Yehuda wird seine Hand stets schützend über uns halten.«

»Yehuda?« fragte Lennard, und Jessica glaubte einen leisen Spott in seiner Stimme mitschwingen zu hören. »Wenn in diesen Bergen ein Unwetter losbricht, kann euch auch Yehuda nicht helfen. Glaubt, an was ihr wollt, an Yehuda, an Mormon oder sonstwen, helfen wird euch nichts und niemand, wenn hier die Hölle los ist. Ihr seid also Angehörige der Wahren Gläubigen Yehudas, die im Norden Oregons ihre Gemeinschaftssiedlung aufbauen?«

»Das sind wir«, gab Jonathan Orwell zornig zurück. »Lästere nicht Yehuda, oder sein furchtbarer Zorn wird dich treffen, das schwöre ich dir, du Ketzer. Ungläubiger, scher dich fort!«

Das letzte schrie er, während Wade Lennard zurückglitt und dabei Jessica Walker einen flüchtigen Blick zuwarf. Es kam Jessica vor, als huschte ein Lächeln um seinen Mund. Das Lächeln schien auch in seinen rauchgrauen Augen zu funkeln, und sie hatte plötzlich das Gefühl, daß sie diesen Mann und sein seltsames Lächeln niemals vergessen würde.

»Die Narren wollen nicht auf mich hören«, zischelte er ihr zu. »Tun Sie es, kleine Lady. Fahren Sie den Wagen auf den Hügel. Dieses Tal kann bei einem Unwetter zur Todesfalle werden. Hören Sie auf mich, kleine Lady.«

Wade Lennard verschwand, als hätte ihn der Erdboden verschlungen. Seine Warnung sollte Jessica genauso wenig vergessen wie sein Lächeln.

*

Herrgott, ist das schwül, dachte Jessica und schleuderte die Decke von sich. Da war doch etwas, irgendein Geräusch.

»Teufel noch mal, diese Affenhitze«, brummelte Steve Gillman drüben. »Wenn das Kind doch nur eine Nacht endlich Ruhe geben würde. Kannst du es nicht wiegen, Gwen?«

Gillman war ein Murrkopf, den der alte John Walker, Jessicas Vater, noch nie gemocht hatte, weil er schlicht und einfach faul war, obwohl er – groß und breit – über beträchtliche Kräfte verfügte.

»Verfluchte Hitze!«

Es war ein Glück, daß keiner der Yehuda-Gläubigen Gillmans Flüche hören konnte. Gillman war so wenig Mitglied der Sekte wie die Walkers. Sie hatten in Missouri im Sumpfland neben den Yehuda-Leuten gewohnt, und als Jessicas Mutter vor drei Jahren das Sumpffieber bekommen hatte, war Old John zum Doc der Sektengemeinde gelaufen.

Der Arzt konnte Mutter ebenso wenig helfen wie die Gebete von Orwell und dessen Gläubigen, dachte Jessica bitter. Manchmal war das ganze Haus voll von ihnen, und ihre monotonen Beschwörungen konnte man kaum ertragen.

Jessica lauschte, hörte nur Steves Gemurre und schloß wieder die Augen.

Vater, grübelte Jessica, wäre nie mit uns allen fortgezogen, wenn es ihm nicht um Moiras Gesundheit und und Gwens Zukunft mit Steve Gillman gegangen wäre. Schließlich war er der einzige Schmied auf zwanzig Meilen in der Runde. Und er hatte so viel zu tun, daß er Steve als Gesellen gebrauchen konnte. Oregon soll ein schönes Land sein. Wir werden uns alle in der Nähe der Yehuda-Leute niederlassen, nur nicht zu nahe bei diesen verbohrten Sektengläubigen, weil sie....

Jessica Walker riß jäh die Augen auf. Und dann wußte sie, daß es dieses dumpfe Grummeln gewesen sein mußte, das sie aufgeweckt hatte.

Wade Lennard hat gesagt, es könnte ein Unwetter geben. Gerechter Gott!

Donner grollte, Blitze zuckten.

Das Mädchen kam hoch, schlug hinten die Plane auf und sah Steve drüben über den Wagenbock äugen. In diesem Moment erhellte wieder der Lichtschein eines Blitzes das Tal, über dem eine riesige schwarze Wand hochzuwachsen schien.

Auf den anderen Wagen wurde man auch munter. Handley, der die Campwache hatte, rief nach Orwell und Fielding.

»Endlich«, sagte Steve Gillman. »Das Gewitter bringt uns Abkühlung. Vielleicht wird unsere kleine Heulsuse dann mal eine Nacht schlafen. Das zieht vorbei, Gwen, sage ich dir.«

Jessicas Schwester, die kleine Moira im Tragetuch auf den Armen, blickte hinaus. Dann schloß sie genauso geblendet wie ihr Mann die Augen.

Aus der pechschwarzen Wand, deren unterer Rand schweflig-gelb schimmerte, schossen fast gleichzeitig mehrere Blitze.