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Wer sich dem Unrecht des NS-Systems nicht allein durch wissenschaftliche Analyse annähern will, sondern nach authentischen biographischen Zeugnissen sucht, dem sei dieser Bericht eines jüdischen Zwangsarbeiters empfohlen. Als Student in Paris meldete sich Ernest Koenig 1939 als Freiwilliger, um mit der französischen Armee gegen Hitler zu kämpfen. Er wurde jedoch bald interniert und 1942 in den Osten deportiert. Es folgten Jahre als Zwangsarbeiter bei namhaften deutschen Firmen, die in Auschwitz billige Arbeitskräfte rekrutierten. Über die beiden hier beschriebenen Außenlager »Laurahütte« und »Blechhammer« ist nur wenig bekannt. In »Blechhammer« wurde die größte Anlage zur Gewinnung von Treibstoff aus Kohle gebaut, die zu den damals kriegswichtigen »Oberschlesischen Hydrierwerken« gehörte. Nur durch Zufall konnte der Autor seiner physischen Vernichtung entgehen und wurde schließlich 1945 befreit. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2016
Ernest Koenig
Als Zwangsarbeiter in den Außenlagern von Auschwitz
Ernest Koenig, 1917 in Wien geboren, in Mähren aufgewachsen, studierte in Prag und Paris. 1940 wird er von der französischen Polizei verhaftet und mit deren Hilfe 1942 nach Auschwitz deportiert. Dort überlebt er die Zwangsarbeit für die deutsche Industrie. 1947 wandert er über London in die USA aus. Neben diversen Jobs setzt er in Abendkursen an der New School for Social Research (New York) sein Studium der Volkswirtschaft fort; 1950 schließt er mit einem M.A. ab.
1951 tritt er in das US-Landwirtschaftsministerium ein, zunächst als Civil Servant im Rahmen des Marshallplan-Programms. Seit 1959 arbeitet er in Europa: als Stellvertretender Landwirtschaftsattaché in Bonn, ab 1964 bei der EWG in Brüssel und von 1974 bis 1979 bei den GATT-Verhandlungen. Nach einem Zwischenaufenthalt in der Zentrale in Washington D. C. ist er von 1983 bis 1987 Botschaftsrat in Paris. 1987 kehrt er endgültig in die USA zurück.
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Covergestaltung: buxdesign, München
Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.
Erschienen bei Fischer Digital
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016
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ISBN 978-3-10-560953-8
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Die Zeit des Nationalsozialismus
Lebensbilder
In der Buchreihe »Lebensbilder« [...]
Misslitz: Eine glückliche Kindheit in Mähren
Brünn: Eine humanistische Erziehung
Prag: Die Karlsuniversität
München: Die Preisgabe der Tschechoslowakei
Eine leichtfertige Rückkehr und eine geglückte Flucht
Paris: Am Vorabend des Krieges
Als Soldat in der tschechoslowakischen Armee in Frankreich 1939–1940
Ein Zwischenspiel
Das Konzentrationslager Le Vernet
Die Deportation: Von Drancy nach Auschwitz
Die »Selektion« in Cosel
Laurahütte: Sklavenarbeit im oberschlesischen Industriegebiet
Auschwitz III – Blechhammer
Die Befreiung
Der Weg zurück
In der Heimat gibt’s kein Wiedersehen
Epilog
Nachwort
Die Zeit des Nationalsozialismus
Eine Buchreihe
Herausgegeben von Walter H. Pehle
Lebensbilder
Jüdische Erinnerungen und Zeugnisse
Herausgegeben von Wolfgang Benz
In der Buchreihe »Lebensbilder« werden seit 1991 autobiographische Berichte von Juden publiziert. In dem vorliegenden Band schreibt Ernest Koenig über seine Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus. Als Student in Paris mußte er erleben, wie 1939 deutsche Truppen Frankreich angriffen. Er meldete sich sogleich freiwillig zur tschechoslowakischen Armee in Frankreich, um gegen Hitler zu kämpfen.
1940 wird er als Ausländer verhaftet und in dem von der französischen Polizei betriebenen Lager Le Vernet (Departement Ariège) interniert. Anfang September 1942 wird er in das damals ebenfalls von der französischen Polizei verwaltete Durchgangslager Drancy (»Vorzimmer von Auschwitz«) im Nordosten von Paris gebracht und vier Tage später nach Auschwitz deportiert.
Dort hatte er als Zwangsarbeiter für namhafte deutsche Firmen zu arbeiten, die aus dem Konzentrationslager Auschwitz billige Arbeitskräfte für ihre Großbaustellen und Produktionsstätten in den sogenannten Außenlagern rekrutieren. Über die beiden Außenlager »Laurahütte« und »Blechhammer«, die ursprünglich von der »Organisation Schmelt« eingerichtet und betrieben wurden, ist bislang nur wenig bekannt. So wurde in Blechhammer, westlich von Kattowitz gelegen, die größte Anlage zur Gewinnung von Treibstoff aus Kohle gebaut, die zu den damals sehr bekannten »Oberschlesischen Hydrierwerken« gehörte.
Koenig mußte dort seit August 1943 zusammen mit Tausenden anderer Häftlinge unter schlimmsten Bedingungen härteste Sklavenarbeit verrichten. Nach einer langen Kette von Zufällen konnte er seiner physischen Vernichtung entgehen und entkam 1945 aus dem Lager.
Ich verbrachte meine Kindheit und einen Teil meiner Jugend in Misslitz (Miroslav), einem kleinen Städtchen oder »Marktflecken«, wie man es im Österreichischen nannte, etwa achtzig Kilometer nördlich von Wien. Dieser Teil Österreichs wurde nach dem Zusammenbruch der österreichischen Monarchie der Tschechoslowakei einverleibt. Das Städtchen hatte zwischen 3500 und 4000 Einwohner. Die meisten waren Bauern, einige Handwerker, die auch Landwirtschaft betrieben, einige Kaufleute, die auch Handwerker waren.
Innerhalb des Städtchens hatte sich eine Marktwirtschaft entwickelt, wie man sie heute nur mehr selten in West- und Mitteleuropa findet. Am Donnerstag und Sonntag gab es große Märkte, an denen viele hundert Menschen teilnahmen. Schon am Morgen rollten die Bauernwagen, von Pferden oder Kühen gezogen, aus den Nachbardörfern heran. Die Bauern wurden von ihren Familien begleitet. Sie verkauften ihre Erzeugnisse und kauften hernach industrielle Bedarfsgegenstände. Ich erinnere mich, wie die Getreidekaufleute die Körner durch die Finger gleiten ließen, um das Getreide zu prüfen, das sie kaufen wollten. Wenn Preis und Menge vereinbart waren, wurde der Kauf abgeschlossen. Mit dem Erlös gingen die Bauern in die umliegenden Geschäfte, oft nicht ohne vorher ein Glas Bier und ein Paar Würstel mit einer Semmel auf einem Wurststand gekauft zu haben. Die Bauern hatten wenig Bargeld. Ich erinnere mich einer Bäuerin, die auf der Stiege des Hauses meiner Tante Schwämme anbot. Sie lagen in einem großen karierten Taschentuch, das die arme Frau aus drei Fußmarschstunden Entfernung zu Markte brachte, um ein paar Münzen zu verdienen. Der Pferdehandel war unter den vielen Tauschgeschäften, die auf dem Markte stattfanden, am amüsantesten. Die Verkäufer priesen die hohe Qualität ihrer Pferde, was die Käufer auf jede Weise bestritten. Nach oft stundenlangem Feilschen kam es zum Einvernehmen, das mit einem Handschlag besiegelt wurde.
Misslitz ist uralt. Es wird im Jahre 912 erstmals erwähnt und war wahrscheinlich – aus dem tschechischen Namen »Miroslav« zu schließen – vor den Religionskriegen ursprünglich tschechisch und wurde nachher allmählich deutsch. Die meisten Einwohner waren Deutsche; eine starke Minderheit war tschechisch. Der größte Teil der Bevölkerung war katholisch, ein viel kleinerer Teil evangelisch und weniger als ein Zehntel der Einwohner jüdisch.
Die jüdische Gemeinde – zu meiner Zeit eine religiöse Körperschaft – war in der alten Monarchie auch eine politische Verwaltung gewesen mit Stadtrat, Bürgermeister, Polizei und Nachtwächter. Es gab also früher quasi ein jüdisches und ein nichtjüdisches Städtchen. In diesem wohnten auch Juden, die Bürgerrechte in diesem Stadtteil hatten, in jenem gab es auch Nichtjuden, die natürlich nicht zur religiösen, aber zur politischen Gemeinde gehörten und hier ihre Bürgerrechte hatten. Die Juden betrachteten sich nicht als Angehörige einer jüdischen Nationalität, sondern als Deutsche oder Österreicher – zumindest in der alten Monarchie.
Für uns Kinder, ob aus armen oder wohlhabenden Familien, war das Landleben ein Paradies. Etwa vom sechsten Lebensjahr an hatten wir praktisch unbegrenzte Freiheit außerhalb der Schule, da es außer möglichen Verletzungen durch Maschinen oder gar Haustiere weit und breit keine Gefahr gab. Wir durften daher im Walde, auf den Feldern und auf den Hügeln unbeaufsichtigt und ungehemmt herumschweifen.
Wir waren stets von Haustieren umgeben, derer es so viele gab, daß sie unser Denken und unsere Phantasie stimulierten. Da war der gewaltige Gemeindestier, der so böse und tückisch zu sein schien, daß er mit einem Nasenring versehen und mit verbundenen Augen an einem Strick durch die Dorfstraße geführt werden mußte. Wir zitterten beim Gedanken an das Unheil, das er anrichten würde, wenn er sich losrisse, was er auch einmal tat. Er brach in eine Greißlerei ein. Da waren die Gänse, Enten, Hühner und Truthähne, Hunde, Katzen und Tauben, die es alle selbst im Hofe meines Vaters, der kein Bauer war, gab. Dann gab es die Ziegen und Böcke, die die armen Leute in Ermangelung anderen Futters am Wegrand der Straßen und in den mit Gras bedeckten Straßengräben ihr Futter suchen ließen.
Die Geschichte meiner Familie läßt sich ungefähr vierhundert Jahre zurückverfolgen. Es scheint, daß sie, woher sie auch ursprünglich gekommen sein mag, in und um Wien gelebt hat. Der urkundlich beglaubigte Stammvater, Jakob Iritz, lebte im siebzehnten Jahrhundert. Einer seiner Enkel hieß König, ein anderer Schäfer, ein späterer Nachkomme Kramer. Meine väterlichen und mütterlichen Großmütter stammten in langer Linie von den zwei letzteren ab, vielleicht sogar von allen dreien. Mein Großvater König stammte trotz der Namensgleichheit nicht aus dieser Familie. Einer der Nachkommen von Jakob Iritz hieß Raphael König. Er war der erste Jude in der Monarchie, der vor 1848 außerhalb des Ghettos das Schlossergewerbe ausüben durfte. Eine Gedenkplatte für ihn befindet sich heute noch im Misslitzer Schloß.
Mein Vater war gebildet und bescheiden, belesen, sehr klug und von sehr gutem Urteil.[1] Er war sehr mutig und überstand alle Greuel der SS in Rußland, wohin man ihn mit meiner Mutter deportiert hatte, nach deren Ermordung und kam anscheinend erst im Jahre 1944 bei Lublin ums Leben. Meine Mutter war sehr hübsch, sehr wienerisch, voller Lieder und voller Liebe und Wärme zu meinem Bruder und mir und zu allen Verwandten und Bekannten. Meine Eltern waren sehr tolerant. Wir Kinder, die alle möglichen Bubenstreiche ausführten, wurden zwar dafür getadelt, aber fast nie ernstlich bestraft. Mein Großvater war ein strenger und aufrechter Mann. Er respektierte als einziger in der Familie die religiösen Gebräuche, behauptete aber, daß sie weitgehend sinnlos seien, man sie jedoch aus »Pietät« befolgen müsse, um die Tradition der Vorfahren zu ehren. Er sprach ebenso gut Deutsch wie Tschechisch und hegte Sympathien für den Präsidenten Masaryk, dessen Vater auf einem kaiserlichen Gut unweit Misslitz gedient hatte. Mein Großvater starb im Jahre 1941 als Zweiundneunzigjähriger. Meine Großmutter mütterlicherseits hatte mit sechzehn oder siebzehn Jahren einen alten Mann geheiratet, der ihr zehn Kinder machte, dann das Vermögen verwirtschaftete und hernach starb. Aus Wien kam sie mit den vielen Kindern nach Misslitz zurück. Die Nazis ließen sie allein in Misslitz zurück, nachdem sie alle anderen Familienmitglieder verjagt hatten. Dann deportierten sie sie nach Wien und von dort nach Theresienstadt. Dort starb sie im hohen Alter eines natürlichen Todes. Bevor sie starb, rieb sie noch den Boden der Stube auf und erzählte meinem Onkel Gusti von den Plänen, die sie für die Familie habe, wenn alle nach dem Kriege wieder zusammenkommen werden.
Mein Onkel Hermann war Prokurist bei einem großen Unternehmen des Ortes und besaß eine außerordentliche Bildung. Er konnte lange Passagen aus Goethe, Schiller, Shakespeare und Heine zitieren und war in weiten Bereichen der Weltliteratur bewandert. Als kleiner Junge war ich oft nicht sicher, ob Onkel Hermann, wenn er Goethes »Zauberlehrling« rezitierte, nicht selbst ein Zauberer sei. Wenn er den »Türmer« von Goethe rezitierte, schien es mir, als befänden sich Gespenster in der Stube, und wenn er Goethes »Prometheus« vorlas, begannen wir zu begreifen, wie großartig der Mensch ist. Als ich fünfzehn Jahre alt wurde, schenkte mir Onkel Hermann den »Faust«, in den er folgende Widmung schrieb: »Aliud legent pueri, aliud viri, aliud senes« (Anderes lesen Knaben, anderes Männer, anderes Greise), und er erzählte mir, daß Peter Rosegger gesagt habe: »Als ich ein Knabe war, interessierte mich das Verhältnis Fausts zum Teufel. Als ich ein Jüngling war, das Verhältnis Fausts zu Gretchen. Als ich ein Mann war, interessierte mich das Verhältnis Fausts zu Helena, und nun, da ich ein Greis bin, interessiert mich das Verhältnis Fausts zu Gott.« Ich habe Onkel Hermann sehr viel zu verdanken und auch Tante Hedwig, die mit ihrer Liebe und Nachsicht unsere Kindheit bereichert hat.
Ich hatte noch viele andere Verwandte. Sie lebten zum Teil in Wien. Viele von ihnen waren in Misslitz aufgewachsen, und so gab es einen unaufhörlichen Strom von Besuchern aus Wien.
Die Menschen standen unter dem Eindruck des Weltkrieges und des politischen und staatlichen Umsturzes, den der Zusammenbruch der österreichischen Monarchie mit sich gebracht hatte. Der Krieg war eine Quelle unsäglichen Leidens und unglaublicher Abenteuer gewesen. Die Erwachsenen wurden nicht müde, immer wieder davon zu erzählen. Wir Kinder lauschten diesen Erzählungen mit großer Spannung. Obwohl wir vieles nicht verstanden, vermittelten diese Erzählungen Eindrücke und Bilder, die wir zeitlebens nicht vergessen haben.
Von 1923 bis 1928 ging ich in die Volksschule. Obwohl ich den Lehrern mit Befangenheit begegnete, denn sie waren bedeutende »Respektspersonen«, hatte ich die Schule gern und war dort sehr glücklich. Die Lehrer waren durchweg Deutschnationale, d.h., sie waren gegen Tschechen und Juden. Sie waren aber sehr freundlich zu mir, und ich liebte meinen Lehrer, den Herrn Lehrer Reitinger. Er lehrte uns Schreiben, Lesen, Rechnen und Heimatkunde, die wir auswendig lernen mußten. Er flößte uns wahre Liebe zu unserer Heimat ein. Wir lernten einige Gedichte und Lieder, die der Lehrer, wenn wir sie sangen, auf der »Fiedel« – wie er sagte – begleitete. Vis-à-vis der Schule stand die Kirche, eher kalt und mächtig, aber das Pfarrhaus nebenan war freundlich und von einem anziehenden Garten umgeben. Im Frühling drang der Duft der Blumen, die dort wuchsen, ins Klassenzimmer, und Bienen und Schmetterlinge kamen von dort zu uns herübergeflogen.
Am Donnerstag und Sonntag hatten wir schulfrei, mußten aber für ein oder zwei Stunden den jüdischen Religionsunterricht besuchen. Natürlich waren wir über diese Einschränkung unserer Freizeit nicht glücklich. Wir hörten gerne diese oder jene biblische Geschichte, aber uns Hebräisch beizubringen, wie es der gute Rabbiner versuchte, war ein hoffnungsloses Unternehmen.
Ich hatte jene Gottesdienste gern, die irgendwie der kindlichen Phantasie entgegenkamen, wie das Laubhüttenfest und Chanukka oder Pessach. Die Feierlichkeiten an den hohen Feiertagen fand ich eindrucksvoll, aber langweilig. Wie hätte es anders sein können, verstanden doch wir Kinder kaum ein Wort von dem, was gesagt wurde, außer der deutschen Predigt. Die Strenge und Feierlichkeit des Gottesdienstes provozierte daher viele böse Bubenstreiche, wie etwa das Einschmuggeln von Maikäfern in den Tempel, die, von der Gemeinde unbemerkt, langsam auf dem Gebettuch des Vorbeters hinaufkrabbelten.
Natürlich hatte die Religion noch einen anderen Aspekt. Man erzählte uns, daß die Juden früher verfolgt worden seien, was uns das Gruseln lehrte. Aber das geschah in einer lange, lange zurückliegenden Zeit, wie es uns schien. Daß ein Ritualmordprozeß bloß zehn Jahre vor meiner Geburt in unmittelbarer Nähe stattgefunden hatte, die »Hilsneraffaire«, berührte mich nicht, denn gemäß meinem kindlichen Zeitgefühl bedeutete »zehn Jahre vor meiner Geburt« soviel wie »vor einigen tausend Jahren«. Ich war mir jedoch dessen bewußt, daß die meisten Juden meiner Umgebung von den anderen in mancher Hinsicht verschieden waren. Sie waren nicht reicher, hatten aber eine mehr bürgerliche Lebensweise. Wo Nichtjuden dieselbe Lebensart wie Juden hatten, war der Unterschied sehr gering. Wiewohl wir kaum religiös erzogen wurden, wurden wir strikt angehalten, rechtschaffen zu sein und Gutes zu tun. Dies, wurde uns gesagt, sei das Wesen der Religion. Wer sich zu seinem Nachbarn schlecht verhalte, sei nicht religiös, wieviel er auch immer beten mochte.
[1]
Der Vater Louis König war gelernter Glaser und besaß in Misslitz ein Haushaltswarengeschäft mit angeschlossener Glaserei, die Mutter Malvine arbeitete im Geschäft mit. In Frankreich veränderte Ernst König die Schreibung seines Namens in Ernest Koenig und behielt diese Schreibung später bei. [Anmerkung der Herausgeberin.]
Am 28. Juni 1928, einem unvergeßlich schönen Frühsommertag, bestand ich in Brünn (Brno) die Aufnahmeprüfung des Gymnasiums. Damit begannen acht entscheidende Jahre meines Lebens. Brünn hatte zu jener Zeit über hunderttausend Einwohner. Obwohl zahlenmäßig nicht groß, ähnelte es einer Großstadt. Es gab zahlreiche Industriebetriebe, einige Hoch- und Mittelschulen, schöne Bürgerhäuser, reiche Geschäfte, Proletarierviertel und eine Anzahl von Theatern. Die Stadt wird von zwei Hügeln dominiert, dem Petersberg und dem Spielberg, einer alten Festung mit sagenumwobenen Kasematten, in denen noch im neunzehnten Jahrhundert politische Gegner des alten Österreichs gefangengehalten wurden. Die Stadt war wahrscheinlich ursprünglich tschechisch gewesen, aber im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert entwickelte sich dort ein deutsches Bürgertum, das die Stadt beherrschte, bis sie mit dem Zuzug tschechischer Arbeiter wieder mehrheitlich tschechisch wurde.
Das Gymnasium, in das ich aufgenommen wurde, war in zweifacher Hinsicht eine Eliteschule: einerseits aufgrund der gesellschaftlichen Herkunft der meisten Schüler, andererseits wegen seines hohen Bildungsniveaus. Die meisten Schüler waren Kinder wohlhabender und oft einflußreicher Eltern. Die Eltern waren in der Mehrzahl Kaufleute, Fabrikanten, Hochschulprofessoren, hohe Beamte, Ärzte und Advokaten. Kinder von Kleinbürgern oder armen Leuten waren selten. Das Gymnasium hatte ein Element seiner jesuitischen Vergangenheit bewahrt und widmete sich weiterhin der Erziehung von Kindern, die später katholische Geistliche werden sollten. Diese Kinder stammten meist aus ärmeren Bauernfamilien. Sie wohnten in einem klosterähnlichen Institut, das »Seminar« hieß. Ihr Studium wurde von der Kirche finanziert. Wenn diese Schüler nach der Matura nicht Priester werden wollten, mußten sie das für sie verausgabte Geld zurückzahlen.
Die Kinder der wohlhabenden Familien gaben den Ton an. Sie waren oft hochmütig und behandelten andere mit Geringschätzung. Es gab aber ein gemeinsames Band, das alle außer den Bauernkindern zusammenhielt: Alle waren Kinder des Bildungsbürgertums. Was immer der Bildungsgrad der Eltern war, das Elternhaus bot fast allen auch eine kulturelle Heimstätte. Alle fanden Bibliotheken zu Hause, in denen es sowohl die Werke der Klassiker als auch die anderer Dichter und Schriftsteller gab. In den meisten Familien gab es Hausmusik. Ob die Klassiker zu Hause gelesen wurden oder nicht, man zollte ihnen viel Respekt, wie auch dem Theater und der Oper. Der Theaterbesuch wurde von der Schule verlangt, und er war, wie auch der Besuch von Konzerten, ein Teil des gesellschaftlichen Lebens. Zwei vergoldete Büsten von Goethe und Schiller, ein bißchen verstaubt und langweilig, die das geistige Heldentum der beiden darstellen sollten, standen im Festsaal des Gymnasiums. All dies war teilweise Tünche, aber eine dicke Tünche, die deutliche Spuren hinterließ.
Das Gymnasium, das mit der Betonung der Antike auf universelle Bildung hinarbeitete, baute auf dem kulturellen Hintergrund der Schüler auf. Es legte besonderen Wert auf das Studium der klassischen Sprachen und der antiken Zivilisation. Wir hatten acht Jahre lang täglich Latein und vier Jahre lang täglich Griechisch. Leider waren die Erziehungsmethoden schlecht.
Die Professoren waren gut ausgebildet. Viele waren aber verbittert und verschroben, da sie im allgemeinen keine Aussicht auf eine Beförderung hatten und zum Teil kleine, oft schlimme Buben unterrichten mußten. Sie mußten uns mit »Sie« oder »Herr« ansprechen, durften uns aber ohrfeigen. Um die Disziplin zu bewahren, wandten sie äußerst strenge Erziehungsmethoden an. Die Diktatur der Professoren hatte zur Folge, daß wir Schüler jede Gelegenheit wahrzunehmen suchten, um ihre Autorität zu untergraben. Um dies zu verhindern und ihre Stellung nicht zu gefährden, übten manche Professoren eine wahre Terrorherrschaft aus.
Zu Beginn der Gymnasialzeit war ich sehr unglücklich. Ich wohnte bei einem alten Fräulein, das mich beaufsichtigen sollte, hatte keine Spielgefährten und kam in der Schule schlecht mit.
Ich blieb lange Zeit ohne Kameraden und daher einsam. Es war nicht leicht, zu den wohlbehüteten Bürgerkindern Kontakt zu finden. Die Einsamkeit, die mich umgab, führte zu einem besonderen Lebensstil. Von der Schule mittags zurückgekehrt, verbrachte ich die Zeit zuerst mit Lektüre und ging dann auf Entdeckungsfahrten in die Stadt. Ich war zu jung, um in ein Kino eingelassen zu werden. So schlenderte ich durch die Straßen, bestaunte die Auslagen und, mit einer Perronkarte versehen, die Riesenlokomotive des Prag-Wiener Schnellzuges am Bahnhof. Ich ging auch ins »Panorama«, ein Panoptikum, wo man in einem dunklen Raum auf engen Sitzen Bilder von Städten und Landschaften beschaute.
Die Einsamkeit war besonders an den Sonntagen fühlbar, wenn die Stadt verhältnismäßig leer war. Ich hatte das Gefühl, daß nur die Unterprivilegierten in der Stadt bleiben mußten, und fühlte mich sehr zurückgesetzt. Eine Zeitlang identifizierte ich mich mit den Armen, den Bettlern, die an den Kirchentüren standen, besonders mit einer einsamen verkrüppelten Bettlerin, die immer vor der »Stadthalterei« stand. Einige Male fand ich allerdings einen Spielkameraden. Er hieß Schmidt, war ein Mitschüler und wohnte im »Seminar«, durfte aber, ungleich den anderen Seminaristen, am Sonntag allein ausgehen. Ich fühlte, daß wir von den großen Festen, die andere in meiner Einbildung feierten, ausgeschlossen waren. Zu jener Zeit begann ich mich auch mit dem »Armen Spielmann« Grillparzers zu identifizieren, d.h. mit jemandem, den das Schicksal zum Unterprivilegierten verurteilt hatte. Diese Vorstellung des Ausgestoßenen, des Minderwertigen, hat mich lange Zeit begleitet – aber nicht immer.
Zu der Zeit, als ich ins Untergymnasium ging, brach die große Wirtschaftskrise aus. Sie berührte jedoch kaum den Lebensstil meiner Familie, und ich verstand nur sehr oberflächlich, was sie bedeutete. Ich hatte aber einige Erlebnisse, die mir das Elend, welches die Krise den Menschen brachte, drastisch zeigten.
Auf meinen Streifzügen durch die Stadt kam ich oft zum Bahnhof, wenn Tausende Arbeiter aus den Fabriken den Zügen zueilten, die sie in ihre Wohndörfer bringen sollten. Zu gleicher Zeit gab es große Demonstrationen der Arbeitslosen. Diese und die aus den Fabriken kommenden Arbeiter bildeten eine große Menschenmenge. Man konnte nicht unterscheiden, wer demonstrierte und wer nicht. Da die Polizei auf die Menschen mit Pferden einritt, drängte sie die Unbeteiligten zu den Demonstranten. Der Anblick, den die Intervention der Berittenen bot, wurde noch schrecklicher, als sich die Polizei bemühte, einen Mann, der mit einer Kette an einen Baum gefesselt war, wieder loszumachen. Diese Ereignisse wiederholten sich einige Male. Sie hinterließen bei mir einen tiefen Eindruck. Ich verstand das Elend der ärmlich gekleideten und verhärmten Arbeitslosen, aber ich begriff nicht, daß der an den Baum gefesselte Mann – wahrscheinlich ein kommunistischer Abgeordneter – sich selbst angekettet hatte, um von der Polizei ungehindert zumindest für kurze Zeit eine Rede an die Menge halten zu können. Ich glaubte, die Polizei hätte diesen Mann mit Ketten an den Baum gefesselt, was alles noch schrecklicher erscheinen ließ.
Meine Leistungen in der Schule verbesserten sich, weil ich fast täglich eine Stunde mit einem Hauslehrer arbeitete. Dies war zuerst eine sehr charmante junge Dame, die immer ein kleines Hakenkreuz als Abzeichen trug. Ein anderer Hauslehrer, der mich in den folgenden Jahren fast täglich unterrichtete, war Dr. Karl Müller. Diesem Mann habe ich einen großen Teil meines Wissens zu verdanken. Der Unterricht bestand nämlich darin, daß wir in aller Eile das Pensum für den nächsten Tag vorbereiteten und hernach lange Gespräche über Politik, Literatur, Philosophie und Volkswirtschaft führten. Müller erklärte mir Marx und Mises, der ein Buch über die Unmöglichkeit des Sozialismus geschrieben hatte. Von ihm lernte ich sehr viel über die zeitgenössische Politik, über die Philosophie Kants, über den Nationalitätenstreit, der in Brünn unentwegt zwischen Deutschen und Tschechen tobte, und über viele andere wissenswerte Dinge.
Einer meiner Schulkollegen, Wolfgang Oberleitner, der Sohn eines deutschvölkischen Abgeordneten im mährischen Landtag, hatte ein sonderbares Sammelinteresse. Während andere Kinder die Namen und Abzeichen berühmter Automarken oder berühmter Fußballspieler sammelten, sammelte Wolfgang Statistiken über die Zahl der Vertreter politischer Parteien in den Parlamenten Europas. Er konnte zum Beispiel darüber Auskunft geben, wie viele Sitze die Konservativen, die Liberalen oder die Arbeiterpartei gegenwärtig im englischen Unterhaus hatten und wie sich die Zahl ihrer Vertreter aufgrund der letzten Wahlen geändert hatte. Diese Statistiken erregten auch mein Interesse, obwohl ich viel weniger über politische Parteien wußte als Wolfgang.
Mein Interesse an der Politik war im September 1930 geschürt worden, als die Nazis mit 107 Abgeordneten in den deutschen Reichstag einzogen. Ich begann reichsdeutsche Zeitungen zu lesen, wie etwa die »Vossische Zeitung«, das »Berliner Tageblatt« und den »Vorwärts«, die meinen Horizont erweiterten, und verfolgte die Wahlkämpfe im Rundfunk. Ich hörte wiederholt die Reden Hitlers, Görings und Goebbels’ wie auch die anderer deutscher Politiker. Am 31. Juli 1932 gab es wieder Reichstagswahlen. Ich wohnte an diesem Tage einem Fußballspiel in einem Dorf an der österreichischen Grenze bei und fuhr hernach so schnell wie möglich nach Hause, um die Wahlergebnisse abends im Rundfunk zu hören. Damals, mit fünfzehn Jahren, war ich schon sehr an der Politik interessiert, im nicht klar formulierten Bewußtsein, daß Politik zeitgenössische Geschichte sei und daß »die Politik unser Schicksal ist«.
Das Jahr 1932 war ein Wendejahr, »Frühlings Erwachen«. Mein erotisches Interesse war sehr stark. Zu Pfingsten machte ich mit meinem Bruder und einem Freund, Hansi Bader, eine Wanderung durch das Thayatal, einem idyllischen Fluß an der österreichischen Grenze. Mit Lagerfeuer, jungen Mädchen und Gitarrenmusik unter der Burgruine Neuhäusel war dies eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens. Es war eine große Zeit. Trotz der Krise und der düsteren Wolken waren die Ereignisse für einen jungen Menschen aufregend und stimulierend. Die Schule war leichter geworden, mein Selbstvertrauen war gestiegen, und neue Horizonte öffneten sich. Zu jener Zeit gab es in Brünn die ersten Tonfilme wie »Der blaue Engel« und »Im Westen nichts Neues« und auch weniger bedeutende Werke, die aber ihren Eindruck auf mich nicht verfehlten. Da man sechzehn Jahre alt sein mußte, um zu solchen Filmvorstellungen zugelassen zu werden, habe ich mich oft mit einigem Bangen in die dunklen Kinosäle eingeschmuggelt.
Im November 1932 gab es wieder Wahlen in Deutschland. Die Nazis verloren viele Stimmen, die sie in den Juliwahlen gewonnen hatten. All dies geschah in einer bürgerkriegsähnlichen Atmosphäre in Deutschland und Österreich, wovon aber die Tschechoslowakei völlig verschont blieb, obwohl die Krise und das Elend auch hier sehr groß waren. Aber wir lebten noch immer im tiefsten Frieden. Präsident Masaryk besuchte Brünn. Er fuhr in einer Kalesche, vor der eine Abteilung Soldaten auf weißen Pferden ritt und hinter welcher eine Abteilung auf schwarzen Pferden folgte. Wir Schulkinder standen Spalier, um ihn zu begrüßen. Die Erwachsenen sagten: »Ganz wie beim Besuch des Kaisers.«
Das Jahr 1933 begann grau und kalt.
Am 30. Januar, einem Dienstag, lernte ich gerade die unregelmäßigen griechischen Verben auf »istemi«, als mein Freund Franz Hauser unter meinem Fenster pfiff. Als ich zum Fenster trat und hinabblickte, schwenkte er eine Zeitung mit der Schlagzeile »Hitler wird Reichskanzler«. Auf der Titelseite waren auch Fotos von Hitler, Papen und Hugenberg. Damit begann ein neuer Abschnitt in der europäischen Geschichte und allmählich, ohne daß ich es wußte, auch in meinem Leben.
Die Übel des Naziregimes wurden uns nicht nur durch den Rundfunk und durch Zeitungsberichte bekannt, sondern auch sehr lebendig von Flüchtlingen geschildert, die in immer größerer Zahl in der Tschechoslowakei Asyl suchten. Diese Flüchtlinge waren zunächst meistens politisch und nicht rassisch Verfolgte. Ihre Erzählungen gaben ein glaubwürdiges Bild von dem, was »drüben« geschah. Kaum einer konnte damals glauben, daß dies nur der Beginn von viel schlimmeren Dingen sei. Der Fluß deutscher Flüchtlinge nahm in den folgenden Jahren zu. Viele dieser Flüchtlinge waren ein Teil der deutschen, ja der europäischen Elite. Sie befruchteten das Geistesleben in der Tschechoslowakei.
Zu jener Zeit begann sich mein Leben stark zu verändern. Ich war ein ausgezeichneter Leichtathlet, nahm an vielen Schulwettkämpfen teil und gewann viele Freunde. In der Schule – es war nun die Quinta – kam ich gut mit und genoß wachsendes Ansehen in der Klasse. Wir trainierten auf einem Sportplatz, der, wie ich glaube, einem ausnahmsweise liberalen und toleranten »Deutschen Turnverein« gehörte. Dort kam ich mit Gleichaltrigen verschiedener Herkunft und verschiedenen sozialen Ursprungs zusammen. Ich lernte dabei junge Menschen kennen, die unterschiedlichen Gruppen der »Jugendbewegung« angehörten. Zu meiner Zeit hatte sie einen leichten politischen Unterton.
Die österreichischen »Februarkämpfe« und das Ende der österreichischen Demokratie waren ein bedeutender Wendepunkt in dem Milieu, in dem wir lebten. Sie waren nicht nur ein Schlag gegen die politische, sondern auch gegen die kulturelle Freiheit, und – dessen waren wir uns bewußt – schwächten den Widerstand gegen Hitler. Zu den deutschen Emigranten in der Tschechoslowakei gesellten sich nun die österreichischen. Sie waren in Brünn stark vertreten.
In dieser Zeit wurde eine Frage aktuell, von der ich geglaubt hatte, daß sie schon längst beantwortet worden sei: die Judenfrage. Im westlichen Teil der Republik – in Böhmen und Mähren – gab es damals keinen Antisemitismus. Im Deutschland des Jahres 1934 wurden die Juden zwar diskriminiert, beschimpft, geschlagen und selbst erschlagen, aber Massenverfolgung und Massaker kamen erst später. Nichtsdestoweniger drängte sich angesichts dieser Ereignisse die Frage nach der Stellung der Juden auf. Ich hatte viele zionistische Freunde, deren erklärtes Ziel es war, »später« – der Zeitpunkt spielte eine wichtige Rolle in unseren Debatten – nach Palästina auszuwandern.
Was waren wir alle? Tschechoslowaken, aber bloß gemäß unserer Staatsbürgerschaft, nicht gemäß unserer Nationalität. Waren wir jüdischer Nationalität? Nein, denn wir sprachen nicht Jüdisch, lasen nicht Jüdisch und bewohnten kein jüdisches Land. Waren wir jüdisch gemäß unserer Rasse? Nein, denn Rassen sind vielleicht biologische, aber nicht ethnische oder kulturelle Konzepte. Gemäß unserer Religion? Nein, denn weder die katholische noch eine andere Religion bestimmen eines Menschen Nationalität. Gemäß unserer Abkunft? Gewiß. Soweit wir wußten, waren unsere Vorfahren jüdischen Glaubens. Sie mußten daher mit großen Schwierigkeiten kämpfen. Sie waren sehr tapfere Menschen wie Raphael König, dessen Erinnerungen in dieser Hinsicht beredt sind. Aber das war Vergangenheit. Wir konnten auch nicht tschechoslowakischer Nationalität sein, denn die gab es nicht. Die tschechoslowakischen Staatsbürger sprachen tschechisch, slowakisch, deutsch, ungarisch, polnisch, jiddisch oder ruthenisch, aber niemand sprach tschechoslowakisch.
Ich und meine Freunde waren davon überzeugt, daß wenn man die Juden nicht mehr als Juden werde identifizieren können, auch der Antisemitismus verschwinden werde. Die Lösung der Judenfrage lag also für uns in der Assimilation, die schon sehr weit fortgeschritten war und – wie wir glaubten – nur einer oder zweier weiterer Generationen bedurfte, um vollständig zu sein. Wir hielten den Zionismus für wohlmeinend, aber unrealistisch. Würde eine Großmacht wie England den Juden je ein Land geben? Was würde mit den Arabern in Palästina geschehen? Wie viele Juden waren wirklich willens, nach Palästina auszuwandern? Daß die Geschichte einen anderen Lauf genommen hat, widerlegt nicht die Gedanken, die wir damals hegten.
Ich empfand, daß ich mich in der deutschen Sprache zu Hause fühlte.
Als die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreichte, behaupteten die Sozialisten und Kommunisten, daß diese Zeit das letzte Stadium des Kapitalismus darstelle. Die Nazis behaupteten ähnliches, und viele Mitglieder der Nazipartei glaubten, daß das Dritte Reich eine nichtkapitalistische Volksgemeinschaft aufbauen werde. Auch viele Menschen, die weder rechts noch links standen, glaubten, daß eine neue Zeit anbrechen werde, da das gegenwärtige System nicht länger lebensfähig sei. Für einen Siebzehnjährigen wie mich gab es viel zu denken, um herauszufinden, was falsch und was richtig an diesen Meinungen war.
Das Jahr 1934 war für mich ein großes Wanderjahr. Ich wanderte meistens mit meinem Freund Fred Hussak. Vorher hatte ich eine sehr liebe Freundin, Eva König, mit der ich viele Wochenenden im Frühling dieses Jahres verbrachte. Mit Fred machte ich lange Wanderungen. Wir verließen die Stadt am frühen Morgen und wanderten durch die schönen und tiefen Wälder des Zwittau-Tales nördlich von Brünn. Oft marschierten wir vierzig Kilometer und kehrten abends müde in die Stadt zurück. Im Sommer machte ich mit meinem Bruder und meinem Cousin eine große Wanderung, die über Iglau nach Prag und zu den großen böhmischen Bädern Karlsbad und Marienbad führte. Von dort ging es nach Eger.
Auf Ferien nach Hause zurückgekehrt, hatte ich ein anderes großes Erlebnis, die »Episode Anneliesl«. Anneliesl war ein reizendes Wiener Mädel, das auf Besuch nach Misslitz gekommen war und in das ich mich Hals über Kopf verliebte. Jene Sommerwochen gehören zu den schönsten meines Lebens, so daß ich zu Ende August in mein Tagebuch schrieb, ich möge mich zeitlebens dieser Tage erinnern und was immer ich auch tue zum Besseren führen. Und ich fügte die Worte Vergils hinzu: »et haec meminisse iuvabit« (die Erinnerung daran soll Freude bereiten).
Alles in allem war das Jahr 1934 eines der schönsten und interessantesten, die ich erlebt habe, denn Ereignis reihte sich an Ereignis. Jedes von ihnen erweiterte meinen Horizont und meine Erfahrung. Sie gaben mir Kraft und Lebensmut. In der Folgezeit leuchtete das Jahr 1934 wie ein schöner Stern und wie die Sternschnuppen jener Nächte zurück. Das Jahr 1934 und die folgenden Jahre hatten noch einen anderen Aspekt. Ich las und studierte mit großer Intensität philosophische Werke, vor allem Schopenhauer und Kant.
Neben den politischen, philosophischen, ästhetischen und tausend anderen Fragen, die sich in der Gymnasialzeit aufdrängten, waren für mich psychologische Fragen besonders faszinierend, darunter Freuds Ideen.
Im Jahre 1935 begann ich auch, wenn ich genügend Geld hatte, in Nachtlokale und Weinstuben zu gehen, wo man Mädchen treffen konnte. Ich ging auch in eine Tanzschule, fand aber die meisten Mädchen hausbacken und langweilig. Auch zog mich das Tanzen nicht an, sosehr ich Musik und Rhythmus liebe.
Der Schulbesuch war eine unangenehme Pflicht geworden, der ich mich so gut wie möglich zu entledigen suchte. Ich arbeitete wenig für die Schule, verbrachte meine Freizeit mit Lesen, Kaffeehausbesuchen, nimmer endenden Debatten und am Wochenende mit wunderbaren Wanderungen – besonders mit romantischen Nachtwanderungen im Frühling – durch die schönen Wälder. Ein Professor, der sehr streng mit mir war, anscheinend aber Sympathie für mich hegte, nannte mich, auch weil ich oft die Schule schwänzte, einen Feld-, Wald- und Wiesenstudenten.
Das Jahr 1936 war das Jahr der Matura. Wir mußten den gesamten Lehrstoff der achtjährigen Gymnasialzeit, der in der Matura Prüfungsgegenstand sein konnte, mehr oder weniger beherrschen. So wie viele meiner Mitschüler fürchtete ich, diese Prüfung nicht bestehen zu können. Je mehr ich studierte, desto mehr Wissenslücken kamen zum Vorschein, und ich wurde immer nervöser. Auch nach der Matura hatte ich noch lange Jahre Angstträume, daß ich diese Prüfung, die im Traum immer als Mathematikprüfung erschien, nicht bestehen könne. (Ich muß hinzufügen, daß ich nach dem Konzentrationslager, wo ich fast fünf Jahre verbracht habe, nur selten einen Angsttraum über diese Zeit hatte. Die Furcht vor der Mathematikprüfung hat mich aber im Traume bis ins reife Alter begleitet.) Am 3. Juni 1936 hatte ich die entscheidende Prüfung, die ich gut bestand. Die Qualen, Ängste, aber auch die vielen Erlebnisse der Gymnasialzeit lagen hinter mir.
Im Sommer 1936 wanderte ich mit meinem Freund Otto Hirsch über Znaim und Ober-Hollabrunn ins Donautal und nach Wien. Von dort fuhren wir mit einem Donaudampfer nach Linz. Diese Fahrt war unvergeßlich schön, besonders die Fahrt durch die Wachau am Abend, als die Sonne viele Hügel und manche Stellen des Wassers rot erglühen ließ. Von Linz fuhren wir ins Salzkammergut und erfuhren am Bahnhof von Ebensee, daß in Spanien ein Bürgerkrieg ausgebrochen war, eine Nachricht, der wir keine Bedeutung beimaßen.
