Impfen – Für und Wider - Peter C., Prof. Gøtzsche - E-Book

Impfen – Für und Wider E-Book

Peter C., Prof. Gøtzsche

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15,99 €

  • Herausgeber: Riva
  • Kategorie: Fachliteratur
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Unter dem Druck der Corona-Pandemie haben internationale Pharmafirmen in Rekordzeit Impfstoffe gegen das Virus entwickelt. Aber wie sicher sind diese Vakzine? Peter C. Gøtzsche liefert in diesem Buch eine unabhängige, Nutzen und Schaden abwägende Bewertung unserer wichtigsten Impfungen, die allein den Kriterien wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit und Verträglichkeit verpflichtet ist. Wie gut stehen die Chancen, durch Impfung einer Ansteckung vorzubeugen, und wie hoch ist das Risiko, durch die Impfung Schaden zu nehmen oder zu sterben? Wird die Öffentlichkeit über bestimmte Nebenwirkungen im Unklaren gelassen? Warum sollten wir nicht allen offiziellen Empfehlungen bedenkenlos vertrauen? Der international anerkannte Mediziner Gøtzsche bewertet unsere häufigsten Schutzimpfungen und kritisiert, dass einige unter ihnen nicht evidenzbasiert sind oder dass die Untersuchungen zu ihrer Zulassung wissenschaftlichen Standards nicht genügen. So zeigt er etwa bei den neuen Corona-Impfstoffen die Schwachstellen der Zulassungsstudien auf und benennt bedenkliche Interessenkonflikte, über die in den Medien kaum berichtet wurde. Ein Wegweiser im Dschungel widersprüchlicher Informationen und das neue Standardwerk für alle, die sich die Frage stellen: Impfen, ja oder nein?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 502




PETER C. GØTZSCHE

IMPFEN

FÜR UND WIDER

PETER C. GØTZSCHE

IMPFEN

FÜR UND WIDER

Die Wahrheit über unsere Impfstoffe und ihre Zulassung

– inklusive der neuen Corona-Impfstoffe –

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.deabrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Wichtige Hinweise

Dieses Buch ist für Lernzwecke gedacht. Es stellt keinen Ersatz für eine individuelle medizinische Beratung dar und sollte auch nicht als solcher benutzt werden. Wenn Sie medizinischen Rat einholen wollen, konsultieren Sie bitte einen qualifizierten Arzt. Der Verlag und der Autor haften für keine nachteiligen Auswirkungen, die in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit den Informationen stehen, die in diesem Buch enthalten sind.

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2021

© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89 • 80799 München

Tel.: 089 651285-0 • Fax: 089 652096

Die englische Originalausgabe erschien 2020 bei People’s Press unter dem Titel Vaccines: truth, lies and controversy. © 2020 Peter C. Gøtzsche. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Marion Zerbst

Redaktion: Friederike Moldenhauer

Umschlaggestaltung: Marc Toben Fischer

Umschlagabbildung: shutterstock.com/peterschreiber.media

Satz: Helmut Schaffer, Hofheim a. Ts.

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN Print 978-3-7423-1743-8

ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1440-3

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1441-0

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.muenchner-verlagsgruppe.de

Inhalt

Danksagung

Abkürzungen

1 Viele widersprüchliche Botschaften über Impfstoffe

Das Internet steckt voller Fehlinformationen

Todesfälle und andere ernsthafte Schäden – mit und ohne Impfungen

Interessenkonflikte bei Organisationen, die Impfstoffe empfehlen

2 Masern

Ein abgesagter Vortrag in Kalifornien

Wakefields skrupelloser Betrug

Vaxxed: Die schockierende Wahrheit – ein katastrophaler Film unter Regie von Dr. Wakefield

Die Alliance for Human Research Protection bezeichnet Wakefield als Helden

Öffentliche Erklärungen von Physicians for Informed Consent (PIC)

Warum sind Masernimpfungen wichtig?

3 Sollte es eine Impfpflicht geben?

Prinzipien für eine ethische Argumentation

4 Grippe

Die offiziellen Empfehlungen für eine Grippeschutzimpfung sind nicht evidenzbasiert

Tamiflu und Relenza zur Behandlung der Grippe

Gibt es einen Grund, medizinisches Personal gegen Grippe zu impfen?

Andere irreführende Botschaften der Centers for Disease Control and Prevention

Noch mehr eindrucksvolle, aber irreführende Zahlen

Impfung während der Schwangerschaft

Welche Schäden kann eine Grippeschutzimpfung verursachen?

Was wir über Impfstoffe alles nicht wissen

Grippeschutzimpfung – ja oder nein?

5 Coronavirus: die COVID-19-Pandemie

Physische Krankheitsvorbeugung

Umsetzung der Maßnahmen in einzelnen Ländern

Ist das neue Coronavirus schlimmer als Grippe?

Medikamente

Impfstoffe

Der Impfstoff der Universität Oxford/AstraZeneca

Der Impfstoff von BioNTech/Pfizer

Der Impfstoff von NIH/Moderna

Sollte man sich impfen lassen?

Habgier – Korruption – unethische und rechtswidrige Vorgehensweisen

Der Testungswahn

Sollte man bei einer Viruspandemie alles tun, was möglich ist?

Wir brauchen unzensierte Debatten unter Wissenschaftlern und Bürgern

Was sollten wir in Zukunft tun?

6 Humanes Papillomavirus (HPV)

Fehler in der Beurteilung von Impfschäden durch die EMA

Die EMA verließ sich darauf, dass die Impfstoffhersteller Gesundheitsschäden lückenlos melden

Keine Placebokontrollen in den Studien

Wir wissen kaum etwas über die unerwünschten Nebenwirkungen von Hilfsstoffen

Redaktionelles Fehlverhalten bei Tierstudien mit Aluminiumhydroxid-Hilfsstoff

EMA verheimlicht Ergebnisse ihrer Literaturrecherchen vor ihren eigenen Experten

Beobachtete versus zu erwartende schwere Gesundheitsschäden

Die EMA misstraute unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen

Interessenkonflikte bei der EMA

Hexenjagd wegen unserer Beschwerde über die EMA

Das Cochrane-Review über die HPV-Impfstoffe war fehlerhaft und unvollständig

Das Cochrane-Imperium schlägt zurück

Unsere systematische Übersichtsarbeit über die HPV-Impfstoffstudien

Reaktionen der Öffentlichkeit auf die von uns festgestellten Gesundheitsschäden

Sollten Mädchen gegen HPV geimpft werden?

Sollten Jungen gegen HPV geimpft werden?

7 Japanische Enzephalitis: Wie man aufgrund eigener Recherchen zu einer Entscheidung kommen kann

8 Impfprogramme für Kinder

Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten und Haemophilus influenzae Typ B

Mumps

Röteln

Polio

Rotavirus

Pneumokokken-Infektionen

Durch Meningokokken verursachte Meningitis

Hepatitis

Windpocken

9 Andere Impfstoffe

Pocken

Gelbfieber

Dengue-Fieber

Tollwut

10 Schlussfolgerungen zum Thema Impfungen

Über den Autor

Literaturnachweise

Danksagung

Ich bin sehr dankbar für die Informationen, die ich von vielen Wissenschaftlern und Patientenvertretern wie beispielsweise Alberto Donzelli und Manuel Martínez-Lavín erhalten habe. Mein ganz besonderer Dank gilt Peter Aaby, einem scharfsinnigen Beobachter, der – von herrschenden Paradigmen und Richtlinien unabhängig – einfach darüber berichtet, was er sieht, und manchmal einen hohen persönlichen Preis dafür zahlt. Rebecca Chandler danke ich für ihre kritische Lektüre meines Manuskripts.

Abkürzungen

CDC: Centers for Disease Control and Prevention (US-amerikanische Seuchenschutzbehörde)

EMA: Europäische Arzneimittelagentur

FDA: Food and Drug Administration (US-amerikanische Gesundheitsbehörde)

MMR: Masern, Mumps und Röteln

WHO: World Health Organization (Weltgesundheitsorganisation)

1

Viele widersprüchliche Botschaften über Impfstoffe

Dieses Buch will Ihnen helfen, sich in der verwirrenden und oft widersprüchlichen Flut von Informationen über das Thema Impfungen zurechtzufinden. Meine Informationen sind zwar kein Ersatz für Ratschläge von Gesundheitsexperten, können Sie aber in die Lage versetzen, sinnvolle und fachkundige Diskussionen zu führen. Vielleicht werden Sie nach der Lektüre dieses Buches trotzdem Ihre eigenen Entscheidungen treffen wollen, aber was auch immer Sie tun und was auch immer am Ende dabei herauskommen mag – ich trage keine Verantwortung dafür. Die Ergebnisse, zu denen ich aufgrund der wissenschaftlichen Daten komme, sind meine persönlichen Schlussfolgerungen; andere Forscher werden vielleicht andere Schlüsse aus ihnen ziehen, weil bei solchen Überlegungen stets auch das persönliche Urteil mit hineinspielt.

Manche Impfungen sind so sinnvoll, dass alle Menschen sie erhalten sollten; von anderen sollte man (außer unter besonderen Umständen) lieber die Finger lassen. Einige sind so umstritten, dass viele Angehörige von Gesundheitsberufen darauf verzichten, obwohl sie offiziell empfohlen werden, dazu gehören zum Beispiel die Grippeimpfstoffe.

Wir müssen alle Impfstoffe sorgfältig bewerten, ihren Nutzen und Schaden abwägen (wie wir es auch bei anderen Medikamenten tun) und uns dann eine Meinung darüber bilden, ob es sich lohnt, uns der jeweiligen Impfung zu unterziehen oder sie anderen Menschen zu empfehlen.

Dabei sollte man sich folgende wichtige Fragen stellen: Wie hoch ist das Risiko, sich mit dem Virus oder Bakterium anzustecken, gegen das die Impfung gerichtet ist, und wie groß ist die Gefahr, durch diese Infektion ernsthaften Schaden zu nehmen oder zu sterben? Wie gut stehen meine Chancen, einer Ansteckung durch Impfung vorzubeugen, und wie hoch ist das Risiko, durch diese Impfung ernsthaften Schaden zu nehmen oder zu sterben?

Wie bei anderen Vorbeugungsmaßnahmen ist es oft schwierig, allgemeingültige evidenzbasierte Ratschläge zum Thema Impfungen zu geben, weil es dabei sehr auf die Häufigkeit der jeweiligen Erkrankung ankommt. Alle Medikamente können schädlich sein, und wenn das Infektionsrisiko sehr gering ist, lohnt es sich vielleicht nicht, das Risiko eines ernsthaften Impfschadens einzugehen – auch wenn dieses Risiko ebenfalls sehr gering ist. In anderen Fällen sind die Vorteile einer Impfung im Vergleich zu den damit einhergehenden Risiken so offensichtlich, dass nur sehr wenige Menschen darauf verzichten sollten – zum Beispiel, wenn sie an einer schweren Immunschwäche leiden und ein Lebendimpfstoff verwendet wird oder wenn sie gegen bestimmte Inhaltsstoffe des Impfstoffs allergisch sind.

All das liegt eigentlich auf der Hand und ist unumstritten. Trotzdem ist das Thema Impfungen für viele Menschen verwirrend, da es zu einem Schlachtfeld unterschiedlicher Meinungen geworden ist. Auf beiden Seiten – pro und kontra Impfungen – gibt es Fundamentalisten, die Beweise ignorieren oder manipulieren, um zu belegen, dass ihr Standpunkt der richtige ist. Wenn solche Menschen, die glauben, der Zweck heilige die Mittel, für staatliche oder internationale Organisationen arbeiten, können daraus irreführende offizielle Empfehlungen resultieren – mit schwerwiegenden Konsequenzen. Finden Bürger heraus, dass sie von den Behörden in Bezug auf einen bestimmten Impfstoff, bei dem sie sich nicht sicher waren, getäuscht worden sind, kann das dazu führen, dass sie am Ende alle Impfungen ablehnen. Ich werde in diesem Buch viele Beispiele dafür anführen, dass wir den offiziellen Empfehlungen zu Impfstoffen oder der Interpretation wissenschaftlicher Daten vonseiten der Behörden nicht immer vertrauen können.

Aber auch die Fundamentalisten im entgegengesetzten Lager richten Schaden an. Die schlimmsten von ihnen lehnen sämtliche Impfungen aus »Prinzip« ab und üben über die sozialen Medien oft großen Einfluss aus. Es ist unklug und unwissenschaftlich, grundsätzlich gegen Impfungen zu sein. Das ist genauso, als wäre man gegen alle Medikamente oder gegen alle Menschen. Manche sind gut, andere schlecht – aber wenn wir alle unsere Mitmenschen ablehnen, machen wir uns das Leben zur Hölle, und wenn wir alle Medikamente (auch dringend benötigte Bluttransfusionen) ablehnen, kann uns diese Entscheidung das Leben kosten.

Hardliner lehnen sogar die Masernimpfung ab, obwohl sie schon Millionen von Menschenleben gerettet hat und das immer noch tut (siehe nächstes Kapitel). Die romantische »Zurück-zur-Natur«-Ideologie dieser Menschen, der zufolge es aus irgendeinem Grund besser sein soll, unsere Kinder an Masern erkranken zu lassen, statt dieser Erkrankung durch Impfung vorzubeugen, ist töricht und wird zu vielen Todesfällen und schweren Hirnschäden führen. Für die Bekämpfung von Masern und anderen hochansteckenden Infektionen ist Herdenimmunität wichtig. Um Masernepidemien zu verhindern, müssen etwa 95 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft werden. Also haben wir eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung füreinander – wir müssen dafür sorgen, dass möglichst viele unserer Mitbürger geimpft werden. Wenn Sie anderer Ansicht sind, sollten Sie mein Buch trotzdem nicht gleich wegwerfen, sondern zumindest noch das nächste Kapitel lesen. Danach werden Sie Ihre Meinung wahrscheinlich ändern.

Menschen, die Impfungen grundsätzlich ablehnen und völlig resistent gegenüber rationalen Argumenten und Erkenntnissen aus qualitativ zuverlässigen wissenschaftlichen Untersuchungen sind, die ihren Überzeugungen widersprechen, werden oft als »Impfgegner« bezeichnet. Ich bezeichne Menschen nicht gerne als Gegner von irgendetwas. Menschen, die unseren enormen Konsum von Psychopharmaka aus triftigen wissenschaftlichen Gründen kritisieren, werden von Psychiatern oft als »antipsychiatrisch« bezeichnet, obwohl sie das gar nicht sind – ganz im Gegenteil: In Wirklichkeit sind diese Menschen für etwas. Daher verwende ich für solche Leute lieber den Begriff Impfverweigerer oder Impfleugner, weil sie die Richtigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse leugnen, die für manche Impfungen sprechen – so wie es auch Holocaust-Leugner und Menschen gibt, die nicht daran glauben, dass der Mensch je einen Fuß auf den Mond gesetzt hat. Das andere Lager bezeichne ich als Impfbefürworter, auch wenn diese Bezeichnung eigentlich zu freundlich für gewisse Leute ist, die behaupten, dass wir alle Impfungen akzeptieren sollten, ohne Fragen zu stellen – denn das ist genauso unvernünftig wie die Haltung der Impfleugner.

Nicht nur die Impfverweigerer, sondern auch die Impfbefürworter fahren oft scharfe rhetorische Geschütze auf. Die britische Gesundheitsministerin hat zum Beispiel gesagt: »Wer gegen Impfungen ist, der ist gegen die Wissenschaft. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse stehen fest. […] Diejenigen, die den Anti-Impf-Mythos propagieren, sind moralisch verwerflich, zutiefst verantwortungslos, und an ihren Händen klebt Blut«.1

Die Debatten über Impfungen sind oft so polarisiert, dass eine vernünftige Diskussion unmöglich ist. Denn sobald legitime Fragen aufgeworfen werden, schreit das Pro-Impf-Lager womöglich gleich »Impfgegner!« oder fragt, ob man für oder gegen Impfungen sei.

Leider sind die Impfverweigerer in den USA so mächtig, dass dies unter Wissenschaftlern, die auf der Suche nach der Wahrheit sind, inzwischen zu einer Selbstzensur geführt hat. Ein Reporter der New York Times schrieb:2 »Wenn ich versuchte, über unerwartete oder umstrittene Erkenntnisse zur Wirksamkeit oder Sicherheit von Impfstoffen zu berichten, wollten die Wissenschaftler oft gar nicht mit mir reden. Und wenn ich sie dann doch ans Telefon bekam, stieß ich auf ein besorgniserregendes Phänomen: Die unschlüssige Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Impfungen erschreckt die Wissenschaftler so sehr, dass sie sich lieber selbst zensieren, unerwünschte Untersuchungsergebnisse herunterspielen und Studien, die negative Wirkungen zeigen könnten, womöglich gar nicht erst durchführen. Wer gegen diese ungeschriebenen Regeln verstößt, wird kritisiert. Das Ziel dieses Verhaltens besteht darin, die Öffentlichkeit zu schützen – dafür zu sorgen, dass mehr Menschen Impfungen positiv gegenüberstehen –, doch auf lange Sicht wird dieser Schuss nach hinten losgehen. Unser Arsenal an Impfstoffen ist hervorragend – aber es könnte noch besser sein. Fortschritt erfordert wissenschaftliche Offenheit und die Bereitschaft, unbequeme Fragen zu stellen.«

Ein Forscher veröffentlichte einen Artikel, dem zufolge die Grippeschutzimpfung bei älteren Menschen nicht besonders wirksam war, und wurde daraufhin nicht mehr zu wissenschaftlichen Kongressen eingeladen. Eine Wissenschaftlerin und ihr kanadisches Team stießen auf Daten, die darauf hindeuteten, dass eine Grippeschutzimpfung das Risiko für Infektionen mit anderen Grippeviren erhöhen könnte. Die Forscher replizierten ihre Ergebnisse in fünf verschiedenen Studien und gaben die Daten dann an vertrauenswürdige Kollegen weiter. »Daraufhin gab es enorme Widerstände, und einige Wissenschaftler bezweifelten, ob diese Ergebnisse überhaupt für eine Veröffentlichung geeignet seien.«3 Aber sie wurden trotzdem veröffentlicht.4

Es besteht kein Zweifel daran, dass es viel gefährlicher ist, wissenschaftliche Untersuchungen zu unterdrücken, als sie ungehindert zu veröffentlichen. Außerdem führt das dazu, dass man sich die »Rosinen« aus den Daten herauspickt – was genau die Strategie der Impfleugner ist.5 »Impfstoffe können nicht verbessert werden, wenn Forscher unbequeme Daten ignorieren. Außerdem werden Impfstoffforscher viel stärker das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen und viel mehr unbegründete Ängste überwinden, wenn sie sich für Transparenz statt für Zensur entscheiden.«

Wir sollten versuchen, zu verstehen, woher die Impfverweigerung kommt. Eltern von Kindern mit Entwicklungsstörungen wie beispielsweise Autismus suchen nach einer Erklärung für die Erkrankung. Es ist kein Wunder, dass sie die Sicherheit eines Impfstoffs infrage stellen, den ihr Kind kurz vor Auftreten der Symptome erhalten hat, und man sollte sie deshalb nicht als »Impfgegner« etikettieren. Und es ist auch kein Wunder, dass es Tausende solcher Eltern gibt, da Milliarden von Kindern geimpft werden. Ihre bloße Anzahl beweist also noch gar nichts. Die Hypothese, dass der Masernimpfstoff Autismus verursachen kann, wurde überzeugend widerlegt, und die wissenschaftlichen Untersuchungen, die zu dieser Hypothese führten, haben sich als Fälschungen erwiesen (siehe nächstes Kapitel).

Die Verbraucheranwältin Kim Witczak hat die Impfstoffindustrie mit der Industrie für Antidepressiva verglichen und berichtet, wie sie daraufhin verunglimpft wurde.6 Sie begann, sich aufgrund eines Behandlungsfehlers für mehr Arzneimittelsicherheit einzusetzen: Ihrem Mann wurde ein Antidepressivum gegen seine Schlafstörungen verschrieben, und die entsetzlichen Nebenwirkungen, die dieses Medikament bei ihm verursachte, trieben ihn in den Selbstmord.7 Beide Branchen und ihre bezahlten Verbündeten unter den Ärzten greifen jeden an, der ihre Medikamente kritisiert. Wenn Sie auf der Grundlage der besten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Sie finden können, argumentieren, dass Antidepressiva nicht zu wirken scheinen, sondern manche Menschen – sowohl Kinder als auch Erwachsene – in den Selbstmord oder zu gewalttätigem Verhalten treiben, werden Sie von Psychiatrieprofessoren, die die Interessen ihrer Zunft schützen wollen, als »antipsychiatrisch« bezeichnet. Diese Erfahrung habe ich bei Professoren, die keine überzeugenden Gegenargumente hatten, schon öfters gemacht.8

Witczak wurde mehrfach als Scientologin verleumdet – zum Beispiel, als der mittlerweile verstorbene Senator Ted Kennedy sie dazu einlud, vor dem US-Senat über Möglichkeiten zur Verbesserung der FDA und der Überwachung von Medikamenten nach der Markteinführung zu sprechen.9 Anschließend erzählte ein Senator ihr, dass der nationale Lobbyist für die National Alliance for the Mentally Ill, die sich selbst als »Basisorganisation« bezeichnet, in allen Büros von Senatoren hereingeschaut und ihnen erklärt habe, sie sollten Kim Witczak kein Wort glauben, da sie Scientologin sei. Diese nationale Allianz wird so stark mit Geldern der Pharmaindustrie (zwischen 1996 und 1999 waren es ganze 12 Millionen Dollar) unterstützt, dass man sie zu Recht als korrupt bezeichnen kann.10

Es gibt gute Gründe, warum Menschen gegenüber Impfstoffen im Allgemeinen skeptisch sind oder sie zumindest hinterfragen. Denn zu den Geschäftspraktiken der Pharmaunternehmen gehören auch organisierte Verbrechen und Betrügereien bei der Durchführung klinischer Studien und im Marketing, die schon zu Hunderttausenden von Todesfällen geführt haben.11,12 Und es liegt auch auf der Hand, dass wir unseren Arzneimittelzulassungsbehörden nicht vertrauen können, da sie viel zu viele gefährliche Medikamente für den Markt zulassen und diese nur sehr zögerlich wieder zurücknehmen, wenn sich die Beweise für ihre tödlichen Wirkungen häufen.13,14

Es ist dem Vertrauen der Öffentlichkeit nicht förderlich, wenn offizielle Ratschläge zu Impfstoffen – zum Beispiel von nationalen Gesundheitsbehörden oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – aus Ergebnissen industriefinanzierter Studien und Aussagen von Zulassungsbehörden abgeleitet werden. Ebenso fragwürdig ist es, wenn viele Experten, die an der Arzneimittelzulassung beteiligt sind oder Empfehlungen und Richtlinien formulieren, finanzielle Interessenkonflikte in Bezug auf die Hersteller haben.

Ein weiterer Anlass für gesunde Skepsis ist die Tatsache, dass nur sehr wenige oder gar keine zulassungsrelevanten klinischen Impfstoffstudien eine unbehandelte Kontrollgruppe einschließen. Für die Zulassung von Medikamenten müssen randomisierte Studien durchgeführt werden, bei denen eine Gruppe von Probanden das Medikament und eine Kontrollgruppe entweder ein Placebo oder gar nichts erhält. Das ermöglicht eine genaue Bewertung des Nutzens und Schadens von Arzneimitteln. Ich hatte zuvor jahrzehntelang über Arzneimittel, die nichts mit Impfungen zu tun hatten, geforscht und war schockiert, als ich durch meine Arbeit mit Impfstoffen gegen das humane Papillomavirus (HPV) erfuhr, dass die Zulassungsanforderungen für Impfstoffe viel geringer sind. In fast allen HPV-Impfstoffstudien erhält die Kontrollgruppe einen Hepatitis-Impfstoff oder einen stark immunogenen Hilfsstoff, sodass es unmöglich ist, herauszufinden, welche Schäden HPV-Impfstoffe verursachen können (siehe Kapitel 6).

Ein falscher Grund für Skepsis besteht darin, Rückschlüsse auf einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zu ziehen, wenn jemand nach einer Impfung erkrankt. Doch leider ziehen viele schnell unbegründete Schlussfolgerungen. Eine amerikanische Impfverweigerin schrieb mir, dass zehn Häuser weiter in ihrer Straße jemand wohne, dessen zweijährigem Kind vor zwei Wochen der kombinierte Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) verabreicht worden war – und nun hatte das Kind hohes Fieber, schrie dauernd und schlug bereits seit einer Woche mit dem Kopf gegen die Wand. »Das Kind, das Sie erwähnen, könnte einfach zufällig zur selben Zeit eine Infektion bekommen haben«, schrieb ich zurück. »Solche Sachen passieren.« Es ist wirklich äußerst unwahrscheinlich, dass die Krankheit dieses Kindes durch den Impfstoff verursacht worden ist (siehe nächstes Kapitel).

Die Impfverweigerin fragte mich auch, ob ich Daten hätte, die belegen, dass MMR ein sicherer Impfstoff sei. Das ist keine sinnvolle Frage. Kein Medikament ist sicher. Wenn wir Arzneimittel einsetzen wollen, müssen wir uns damit abfinden, dass manche Patienten dadurch Schaden nehmen. Aber wir verwenden Medikamente, die mehr nützen als schaden, und der MMR-Impfstoff gehört sicherlich zu dieser Kategorie.

Schließlich wies sie mich auf Seite 43 einer im Jahr 1978 bei der FDA eingereichten Vorzulassungsstudie zum MMR-Impfstoff hin, die Del Bigtree, der Produzent des Films Vaxxed (siehe nächstes Kapitel), auf seiner Webseite veröffentlichte.15 »In dieser Studie heißt es, dass 54 Prozent der Kinder in den Versuchsgruppen schwer erkrankten und man die Gruppen nur 43 Tage lang danach beobachtet hat«, schrieb die Frau. Auf Seite 43 steht jedoch gar nicht, dass die Kleinkinder »schwer erkrankten«. Es wird lediglich festgestellt, dass bei ungefähr 55 beziehungsweise 40 Prozent der geimpften Kinder Infektionen der oberen Atemwege und des Magen-Darm-Trakts auftraten. Solche Prozentangaben bringen uns nicht weiter, da wir nicht wissen, wie viele Kleinkinder auch ohne Impfung an solchen Infektionen erkrankt wären. Vielleicht kursierten in den Einrichtungen, in denen die Kleinkinder betreut wurden, damals gerade solche Epidemien. Außerdem waren die Eltern zuvor genau über die Studie informiert worden, hatten eingewilligt und wussten, dass sie alle bei ihren Kindern auftretenden Probleme melden sollten, was erfahrungsgemäß mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer starken Überberichterstattung führt.

Unser Immunsystem ist hoch kompliziert, und es lässt sich nicht vorhersagen, welche unspezifischen Wirkungen ein bestimmter Impfstoff hat. Impfstoffe können Infektionserkrankungen, gegen die sie nicht gerichtet sind, sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Der dänische Professor Peter Aaby hat auf diesem Gebiet 40 Jahre lang bahnbrechende wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt.16 Sein Team veröffentlichte zahlreiche Arbeiten, die für seine Hypothese sprechen, dass Lebendimpfstoffe die Gesamtsterblichkeit senken, während Totimpfstoffe die Gesamtsterblichkeit erhöhen. Der Masernimpfstoff zum Beispiel senkt die Sterblichkeit viel stärker, als durch seine Wirkung, Masern vorzubeugen, erklärt werden kann. Auch die Reihenfolge der Impfungen scheint für die Gesamtsterblichkeit eine wichtige Rolle zu spielen. Letztlich ist es am besten, einen Lebendimpfstoff zu verabreichen. Solche Beobachtungen erleichtern die Entscheidung, sich impfen zu lassen oder nicht, nicht gerade.

Der Bacillus Calmette-Guérin (BCG) zur Impfung gegen Tuberkulose sowie der Masernimpfstoff verringern wahrscheinlich die Sterblichkeit durch Lungenentzündung und Sepsis. Im Gegensatz dazu steht der Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DTP) im Verdacht, die Gesamtsterblichkeit in Ländern mit niedrigem Einkommen zu verdoppeln, was beunruhigend ist, da der Impfstoff anscheinend eine Toleranz verursacht und das Risiko für andere Infektionen (vor allem Atemwegsinfektionen) erhöht, die schlimmere Todesursachen sind als die Krankheiten, gegen die der Impfstoff gerichtet ist.17,18 (Mehr dazu erfahren Sie in Kapitel 8). Diese Erkenntnisse haben Aaby bei der WHO nicht gerade beliebt gemacht. Wenn solche völlig unerwarteten Ergebnisse zutage treten und durch nachfolgende Studien erhärtet werden, wird die Öffentlichkeitsarbeit schwierig.

Es gibt wichtige Unterschiede zwischen Impfstoffen und anderen Medikamenten: Die Wirkung eines Impfstoffs kann sich ändern. Möglicherweise wurde er ursprünglich gegen Viren- oder Bakterienstämme entwickelt, die sich von den zurzeit in der Zielpopulation vorhandenen Stämmen unterscheiden. Außerdem können genetische, epidemiologische, demografische oder umweltbedingte Unterschiede in der Zielpopulation auftreten, die die Wirksamkeit des Impfstoffs verändern.

Meine Faustregel lautet: Wenn ein Impfstoff in manchen Ländern zum offiziellen Impfprogramm gehört, in anderen Ländern von ähnlichem Status aber nicht, dann ist es nicht wichtig, sich oder Ihr Kind damit impfen zu lassen. Ein Beispiel dafür ist der Rotavirus-Impfstoff gegen Durchfall, der in Dänemark nicht zum Kinderimpfprogramm gehört, obwohl sich eine starke Lobbygruppe dafür eingesetzt hat. Auch hier kann man keine allgemeinen Empfehlungen geben: In einkommensschwachen Ländern, in denen Säuglingsdiarrhöe eine häufige Todesursache ist, kann eine Impfung gegen das Rotavirus durchaus sinnvoll sein (siehe Kapitel 8).

Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie vielleicht ein bisschen mehr über mich erfahren. Ich bin Facharzt für innere Medizin und seit zwei Jahren an der Abteilung für Infektionskrankheiten am Rigshospitalet, der Universitätsklinik Kopenhagen, tätig. Ich habe eine dreimonatige Fortbildung in Tropenmedizin absolviert und bin seit 2010 Professor für Design und Analyse klinischer Studien. Im Jahr 1993 habe ich die Cochrane Collaboration mitbegründet. Diese Organisation hat bisher über 10 000 systematische Übersichtsarbeiten oder Protokolle für weitere Arbeiten über den Nutzen und Schaden medizinischer Maßnahmen veröffentlicht. Wie in allen anderen medizinischen Bereichen besteht auch beim Thema Impfungen mein einziges Ziel darin, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen. Als Wissenschaftler »ergreife ich keine Partei«. Ich studiere die Beweislage und stütze mich in meinen Schlussfolgerungen auf das, was ich dabei finde – egal, welche Konsequenzen das für mich persönlich hat. Meine Kritik an der renommierten Cochrane-Übersichtsarbeit über die HPV-Impfstoffe war ein wichtiger Grund, warum ich im Jahr 2018 – nach einem Schauprozess, den ich in meinem Buch Death of a whistleblower and Cochrane’s moral collapse beschrieben habe – aus der Cochrane Collaboration ausgeschlossen wurde.19

Das Internet steckt voller Fehlinformationen

Es gibt jede Menge falscher Informationen über Impfstoffe im Internet. Eine Suche mit dem Begriff Impfstoff bei Amazon im Jahr 2019 ergab, dass 15 der gefundenen 18 Bücher und Filme impfverweigernde Inhalte hatten.20 Bei einigen zeigte sich diese negative Haltung sogar schon im Titel: zum Beispiel bei den Filmen We Don‘t Vaccinate! und Shoot ’Em Up: The Truth About Vaccines (Wir lassen uns nicht impfen! und Schieß’ sie ab: Die Wahrheit über Impfstoffe).

Die Algorithmen, die den sozialen Medienplattformen zugrunde liegen, und die Empfehlungen von Amazon sind nicht darauf ausgerichtet, zwischen qualitativ zuverlässigen Informationen und Fehlinformationen zu unterscheiden. So konnten sich viele Botschaften verbreiten, die mehr Schaden als Nutzen bringen.

Ein weiteres Beispiel sind die Autofill-Vorschläge von Facebook für Impfstoff, auch sie führen die Nutzer zu Fehlinformationen.21 Und selbst wenn man einen neutralen Suchbegriff wie Impfung eingibt, herrscht bei den Suchergebnissen die Propaganda der Impfverweigerer vor: Die Top 12 der aufgefundenen Gruppen waren allesamt gegen das Impfen, angeführt von zwei Diskussionsforen, die falsche Informationen verbreiten: Stop Mandatory Vaccination (Stoppt Zwangsimpfungen) und Vaccination Reeducation Discussion Forum (Impfungsumerziehungs-Diskussionsforum) mit jeweils mehr als 140 000 Mitgliedern. Facebook akzeptiert Werbung, was noch zusätzlich zur Fehlinformation der User beiträgt – zum Beispiel in Form von Anzeigen des Forums Stop Mandatory Vaccination mit eklatanten Falschaussagen wie »Impfstoffe töten Babys«.

Auf YouTube, einem Unternehmen von Google, werden Nutzer, die Informationen über Impfstoffe suchen, ebenfalls zu Fehlinformationen geführt. Viele davon jagen Eltern Angst vor Impfungen ein. Selbst wenn man dort wissenschaftlich fundierte Inhalte findet – zum Beispiel ein von der Mayo-Klinik hochgeladenes Video (ein Suchergebnis für MMR-Impfstoff) –, empfiehlt der Algorithmus von YouTube als nächsten Titel ein Video mit impfleugnendem Inhalt.22 Kritiker haben außerdem auf die Praxis von You-Tube hingewiesen, Videos auf der Grundlage ihrer Viewing-Geschichte zu empfehlen, was ebenfalls zu Fehlinformationen führt.

Sowohl Facebook als auch YouTube haben inzwischen begonnen, Fehlinformationen, die schädliche Folgen haben können, als Sonderkategorie zu behandeln, die einer speziellen Prüfung und Abschwächung bedarf. Doch inzwischen richten Fehlinformationen über Impfungen weiterhin Schaden an: Eine vor Kurzem in Großbritannien durchgeführte Studie hat gezeigt, dass 50 Prozent aller Eltern mit kleinen Kindern in sozialen Medien mit falschen Informationen über Impfstoffe konfrontiert wurden.23 50 Prozent aller Eltern!

Diese immer weiter um sich greifenden Fehlinformationen haben katastrophale Folgen. Viele Menschen – darunter auch unsere schwächsten Gesellschaftsmitglieder, die Kinder – sind unnötigerweise daran gestorben.

Die Wissenschaftler haben den PR-Krieg gegen Quacksalber und Betrüger verloren. Ich habe schon unzählige Webseiten durchgesehen und dabei festgestellt, dass viele Menschen – darunter auch Ärzte – mit ihren tödlichen Fehlinformationen ein Vermögen gemacht haben. Manche Ärzte sind sogar gegen den Einsatz von Antibiotika und reden den Leuten ein, dass sie, statt sich impfen zu lassen, lieber homöopathische Mittel einnehmen sollen (was Schwindel ist, da in diesen Mitteln kein einziges wirksames Molekül enthalten ist24); oder sie empfehlen ihnen irgendwelche obskuren Nahrungsergänzungspräparate oder pflanzliche Heilmittel, die sie zufällig selbst vertreiben und die ebenfalls unwirksam sind.25 Viele Quacksalber bezeichnen ihre Methoden als »ganzheitlich«. Nachdem ich einige diese Leute aufforderte, zu erklären, was sie damit meinen, ist mir klar geworden, dass das nur eine beschönigende Umschreibung folgender Aussage ist: »Ich weiß zwar selber nicht genau, was ich tue, aber es bringt mir bestimmt eine Menge Geld ein, wenn ich die Leute an der Nase herumführe.«

Laut Aussagen von Redakteuren der New York Times betreiben die »Impfgegner« Hunderte von Webseiten, auf denen sie ihre Botschaften verbreiten. Außerdem verfügen sie über ein ganzes Heer technologie- und medienerfahrener Influencer und aggressiver politischer Aktionskomitees.26 Die »Verteidigung gegen diesen Ansturm ist ziemlich dürftig«, und die wenigen Wissenschaftler, die versuchen, objektive Tatsachen gegen diese Pseudowissenschaft ins Feld zu führen, werden heftig attackiert; ihre Gegner schrecken nicht einmal vor offenen Drohungen zurück.27

Im Jahr 2015 analysierte ein Team amerikanischer Wissenschaftler 480 »Anti-Impf«-Webseiten,28 deren Inhalte äußerst irreführend waren: 66 Prozent dieser Seiten behaupteten, dass Impfstoffe gefährlich seien, 62 Prozent, dass sie Autismus, und 41 Prozent, dass sie Hirnschäden verursachten. Oft untermauerten diese Webseiten ihre Behauptungen mit Einzelfallberichten.

Häufig wird dabei gleichzeitig für folgende Praktiken geworben: Nutzung von Alternativmedizin (19 Prozent), Homöopathie (10 Prozent), eine gesunde (19 Prozent) oder Bio-Ernährung (5 Prozent) und Verfahren zur Entgiftung des Körpers (7 Prozent). Letzteres ist Humbug:29 Leber und Nieren sind so hervorragende Entgiftungsorgane, dass weitere Maßnahmen zur Entschlackung unseres Organismus überflüssig sind. Und das ist noch lange nicht alles: Geschlossene Gruppen auf Facebook werden mit falschen Informationen hinters Licht geführt – oft von Menschen, die eindeutig ein finanzielles Interesse daran haben, Impfungen in Misskredit zu bringen.30 In geschlossenen Gruppen können sie ungehindert Fehlinformationen verbreiten, ohne dass ihnen jemand auf die Schliche kommt. Das sind große Facebook-Gruppen mit scheinbar hohem intellektuellen Anspruch: Das bereits erwähnte Diskussionsforum Stop Mandatory Vaccination hat zum Beispiel über 140 000 registrierte Mitglieder.

Die Gruppe Vitamin C & Orthomolecular Medicine for Optimal Health redet ihren Usern ein, sie seien »keine Impfgegner«. Doch jeder, der in diese geschlossene Gruppe mit ungefähr 49 000 registrierten Mitgliedern aufgenommen wird, findet dort zahlreiche Inhalte, die die Sicherheit von Impfstoffen infrage stellen. Außerdem werden dort auch alternative Heilmittel empfohlen, und zwar mit der falschen Behauptung, sie würden vor Krankheiten schützen. Die Leiterin der Gruppe, Katie Gironda, führt ein Online-Unternehmen in Colorado, das hochdosiertes Vitamin C verkauft. Die Mitglieder ihrer geschlossenen Gruppe werden dazu aufgefordert, »jetzt gleich einzukaufen« – mit einem Klick kommen sie direkt auf die Webseite von Girondas Firma Revitalize Wellness. Dort wird Vitamin-C-Pulver en gros verkauft und den Kunden empfohlen, zweijährigen Kindern davon bis zu drei Gramm pro Tag zu geben, was sehr gefährlich ist: Die empfohlene Tagesdosis beträgt nur 15 Milligramm, und Vitamin C hat viele schädliche Auswirkungen. Sie brauchen nur einmal die Suchbegriffe Vitamin C plus Nebenwirkungen bei Google einzugeben! Auch die Mayo-Klinik warnt: »Hohe Vitamin-C-Dosen wurden mit zahlreichen unerwünschten Nebenwirkungen in Verbindung gebracht, zum Beispiel mit der Entstehung von Blutgerinnseln, (herz-kreislauf-bedingten) Todesfällen, Nierensteinen, prooxidativen Wirkungen, Verdauungsproblemen und der Zerstörung roter Blutkörperchen.«31 Es gibt viele Scharlatane auf dem Vitamin-C-Markt, die behaupten, dass das Vitamin so gut wie alles heilen könne – unter anderem Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tuberkulose, ja sogar die tödliche Viruserkrankung Ebola.32

Auf der Webseite von Revitalize Wellness gibt es einen Disclaimer, dem zufolge die Produkte dieses Unternehmens »nicht dazu bestimmt sind, Krankheiten zu behandeln, zu diagnostizieren, zu heilen oder ihnen vorzubeugen«.33 Den Mitgliedern ihrer geschlossenen Facebook-Gruppe gibt Gironda jedoch einen ganz anderen Rat: »Vitamin C hat eine erstaunliche Erfolgsbilanz im Kampf gegen dieselben Krankheiten vorzuweisen, zu deren Vorbeugung die Impfstoffe hergestellt wurden.« Diese Aussage ist völlig falsch. In einem anderen Eintrag erklärt die Unternehmenschefin, selbst auf sämtliche Impfungen zu verzichten.

Gironda taucht auch als Administratorin einer Facebook-Gruppe namens Vitamin C Against Vaccine Damage [Vitamin C gegen Impfschäden] auf, in der sie behauptet, dass »Vitamin C die sicherste und wirksamste Methode ist, um Menschen, denen Impfungen vorgeschrieben werden, vor Schäden zu schützen«. Nachdem der Guardian sich deswegen mit Fragen an Gironda gewendet hatte, wurde der Status von Vitamin C Against Vaccine Damage von »geschlossen« in »geheim« umgeändert – eine noch stärker verschleierte Kategorie, die die Gruppe völlig vor den Augen von Nichtmitgliedern verbirgt, weil sie auf diese Weise von Facebook-Suchanfragen nicht gefunden wird.

An dieser Stelle sollte noch einmal wiederholt werden, dass all diese Fehlinformationen für Kinder lebensgefährlich sein können und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bereits tödliche Folgen hatten.

Zusätzlich zu den zahlreichen geschlossenen Anti-Impf-Gruppen nimmt Facebook Tausende von Werbegeldern von Anzeigenkunden ein, die sich speziell an Eltern wenden – oft mit beängstigenden und falschen Botschaften, die das Vertrauen in Impfungen untergraben sollen.

An den Argumenten der Menschen, die hinter der Anti-Impf-Bewegung stehen, hat sich seit ungefähr 100 Jahren nichts geändert. Sie sind wirkungsvoll, weil sie die Menschen auf den ersten Blick ansprechen; aber sie lassen sich leicht widerlegen. Statt solche Behauptungen einfach zu ignorieren, sollte eine effektive Impfkampagne sich kritisch mit ihnen auseinandersetzen – und zwar immer und immer wieder.34

Die erfolgreichsten Impfstoffe sind zu Opfern ihres eigenen Erfolgs geworden: Sie haben so viele Infektionen aus dem Feld geschlagen, dass kaum ein Arzt sich noch daran erinnert, wie schrecklich diese Krankheiten einst waren – und frischgebackene Eltern wissen erst recht nichts mehr davon.35 In den meisten Ländern haben wir nicht nur Pocken, Diphtherie, Kinderlähmung und Masern ausgerottet (Letztere wurden in den USA im Jahr 2000 für ausgerottet erklärt, sind inzwischen aber wieder aufgeflammt), sondern auch die Erinnerung an diese Krankheiten ausgelöscht.

Todesfälle und andere ernsthafte Schäden – mit und ohne Impfungen

Wir leben in einer Welt, in der sämtliche Erkrankungen so überdiagnostiziert und übertherapiert werden, dass Medikamente in Ländern mit hohem Einkommen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache sind. Dies wurde bereits in mehreren unabhängigen Studien in Europa und Nordamerika nachgewiesen.36 Aufgrund der fundiertesten Forschungsergebnisse, die ich finden konnte, bin ich zu der Einschätzung gekommen, dass bereits Psychopharmaka allein die dritthäufigste Todesursache darstellen.37 Auch wenn das auf den ersten Blick schwer vorstellbar sein mag: Psychopharmaka kosten viele Menschenleben. Trotzdem nehmen in vielen Ländern über 10 Prozent der Bevölkerung täglich mindestens ein solches Medikament ein.

Arzneimittel sind ein zweischneidiges Schwert; die meisten von ihnen sind unspezifisch und haben eine ganze Reihe von Nebenwirkungen, die über die beabsichtigte Wirkung hinausgehen und von denen viele schädlich sind. Daher sollten wir möglichst wenige Medikamente einnehmen, um uns vor Schäden zu schützen.

Bei den Impfstoffen ist das anders: Sie sind hochspezifisch, richten sich nur gegen einen einzigen Mikroorganismus, müssen nur einmal oder ein paarmal angewendet werden, bieten normalerweise langjährigen Schutz oder sogar lebenslange Immunität. Ernsthafte Schäden treten nur sehr selten auf, und normalerweise ist es wesentlich billiger, sich impfen zu lassen, als Medikamente einzunehmen. Diese Eigenschaften machen Impfstoffe zu den wertvollsten medizinischen Maßnahmen mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis, das es im Gesundheitswesen gibt. Außerdem sind sie im Durchschnitt sehr viel sicherer als andere Medikamente.

Unter all den empfehlenswerten Impfstoffen, die es gibt, gehört der Masernimpfstoff zu denjenigen, die die meisten Menschenleben gerettet haben. Daher ergibt es absolut keinen Sinn, dass Impfverweigerer ausgerechnet diesen Impfstoff zu ihrer wichtigsten Zielscheibe gemacht haben.

Während des Masernausbruchs in den USA in den Jahren 2014 bis 2015 begannen im Internet unbegründete Behauptungen zu kursieren, dass Todesfälle angeblich durch den MMR-Impfstoff verursacht worden waren. Sie beruhten auf aktuellen Meldungen, die im Vaccine Adverse Event Reporting System (kurz: VAERS, einem US-amerikanischen Meldesystem für unerwünschte Nebenwirkungen von Impfstoffen) eingegangen waren.38 Manche Gruppen von Impfverweigerern behaupteten sogar, dass mehr Todesfälle durch den MMR-Impfstoff verursacht wurden als durch die Masern selbst – ein absurder Vergleich, denn der Grund dafür, dass so wenige Menschen an Masern sterben, liegt ja gerade darin, dass fast die gesamte Bevölkerung dagegen geimpft ist. Der Titel eines Artikels in Newsweek ist bezeichnend: »A look at anti-vaxxers’ monstrously bad measles math« (»Ein kritischer Blick auf die hundsmiserable Masern-Mathematik der Impfgegner«).39

Im Gegensatz zu diesen ungerechtfertigten Panikkampagnen zeigte eine eingehende Untersuchung von VAERS-Daten durch Ärzte der Food and Drug Administration (FDA) und der Centers for Disease Control and Prevention (CDC), dass viele dieser Todesfälle bei Kindern mit schweren Vorerkrankungen aufgetreten waren oder wahrscheinlich gar nicht mit der Impfung zusammenhingen (zum Beispiel Unfälle). Es ergaben sich keine Muster, die darauf hindeuteten, dass der MMR-Impfstoff Todesfälle verursacht hatte.40

Es ist wichtig, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass freiwillige Meldesysteme alle eingereichten Berichte über unerwünschte Ereignisse entgegennehmen, ohne zu beurteilen, ob diese durch einen Impfstoff verursacht worden sind oder nicht. Die Aufgabe passiver Überwachungssysteme besteht darin, Signale zu erkennen und Hypothesen über mögliche unerwünschte Nebenwirkungen von Impfstoffen und anderen Arzneimitteln aufzustellen. Um die Berichte zu analysieren und zu vorläufigen Schlussfolgerungen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu kommen, sind Fachwissen über wissenschaftliche Forschungsmethoden und andere Sachkenntnisse erforderlich. Zum Beispiel kann das Medieninteresse an der mittlerweile widerlegten Hypothese, dass Masernimpfstoffe Autismus verursachen können, zu einer Zunahme gemeldeter Autismus-Fälle führen und dadurch den falschen Eindruck erwecken, dass die Erkrankungshäufigkeit mit dem zunehmenden Einsatz von Impfungen zusammenhängt.

Im Jahr 2015 veröffentlichten Mitarbeiter der CDC eine umfassende Untersuchung zu Todesfällen nach Impfungen.41

1955 entstand durch einen Fehler bei der Salk-Polioimpfstoffherstellung ein Impfstoff, der zwar eigentlich inaktiviert sein sollte, aber trotzdem lebende Polioviren enthielt.42 Dadurch kam es zu einer der schlimmsten Impfkatastrophen in der Geschichte: 40 000 Polio-Erkrankungen, die zu 51 Lähmungen und fünf Todesfällen unter den geimpften Menschen führten; außerdem traten 113 Fälle von Lähmungen und fünf Todesfälle bei Kontaktpersonen von Impflingen auf. Als Reaktion darauf führte die US-Regierung eine sehr viel genauere Überwachung und Regulierung der Impfstoffindustrie ein.

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass die behördliche Regulation von Medikamenten damals sehr zu wünschen übrig ließ.43 In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es keine gesetzlichen Bestimmungen, dass Medikamente nachweislich eine therapeutische oder vorbeugende Wirkung haben sollten. Es kam vor allem darauf an, dass sie nicht übermäßig schädlich waren; und nicht einmal das wurde richtig untersucht. Infolgedessen kam es zu mehreren Arzneimittelkatastrophen, und zahlreiche gefährliche Medikamente wurden vom Markt genommen, nachdem viele Patienten durch sie geschädigt worden oder sogar ums Leben gekommen waren. Aufgrund der Contergan-Katastrophe, bei der ein Schlafmittel furchtbare Geburtsfehler verursachte, die zum Verlust von Gliedmaßen führten, wurden dann schließlich wichtige Änderungen in der Arzneimittelregulation eingeführt. Thalidomid (Contergan) wurde im Jahr 1962 vom Markt genommen.44

In seltenen Fällen können Impfstoffe Autoimmunkrankheiten verursachen. Diese treten auf, weil Menschen mit bestimmten Gewebetypen Antigene (Rezeptoren) aufweisen, die den Antigenen in den Impfstoffen ähneln. Daher führt die gezielte Stimulation des Immunsystems bei solchen Menschen dazu, dass sie sowohl gegen das Virus oder Bakterium als auch gegen körpereigenes Gewebe Antikörper bilden.

Dieser Mechanismus beschränkt sich nicht auf Impfstoffe. Auch Infektionserreger und andere in den Körper eindringende Substanzen können Autoimmunkrankheiten verursachen. So kann eine vermutete Schädigung durch einen Impfstoff zum Beispiel schlicht und einfach auf eine gleichzeitig aufgetretene Infektion zurückzuführen sein, die womöglich unbemerkt aufgetreten ist. Der Verdacht auf eine impfstoffbedingte Gesundheitsschädigung gewinnt jedoch deutlich an Gewicht, wenn eine erneute Impfung – zum Beispiel eine zweite oder dritte Immunisierung mit demselben Impfstoff – die gleichen oder noch schlimmere Symptome hervorruft.

Eine einzelne Studie – egal, wie sorgfältig sie aufgebaut ist – kann normalerweise nicht als endgültiger Beweis dafür angesehen werden, dass ein Impfstoff einen bestimmten Gesundheitsschaden hervorruft. Manipulationen von Daten und auch Betrug kommen in der medizinischen Forschung häufig vor; daher benötigt man zum Nachweis solcher Impfschäden mehr als nur eine Studie.

Die Ergebnisse mehrerer großer Übersichtsarbeiten und Studien waren in dieser Hinsicht beruhigend. Im Jahr 2011 erstellte das US-amerikanische Institute of Medicine auf der Grundlage von über 12 000 Artikeln über unerwünschte Ereignisse nach Impfungen einen 866-seitigen Bericht über dieses Thema.45 Er enthielt überzeugende Beweise dafür, dass 14 unerwünschte Ereignisse durch Impfstoffe verursacht worden waren, die jedoch sehr selten vorkamen. Das Impfstamm-Virus wurde bei disseminierten Infektionen mit dem Oka-Varizella-Zoster-Virus und bei durch den MMR-Impfstoff verursachten Gehirnentzündungen isoliert, die durch die Masern-Komponente verursacht worden waren. Der MMR-Impfstoff kann Fieberkrämpfe hervorrufen, und nach sechs Impfungen (MMR, Varizellen, Grippe, Hepatitis B, Meningokokken und Tetanus) trat eine Anaphylaxie (allergischer Schock) auf. Jeder injizierbare Impfstoff kann zu Ohnmachten und zu Schleimbeutelentzündungen im Bereich des Deltamuskels führen. Außerdem ist erwiesen, dass der Polio-Schluckimpfstoff in seltenen Fällen eine paralytische Polio verursachen kann.

Weniger eindeutige Schlussfolgerungen im Hinblick auf einen kausalen Zusammenhang wurden gezogen für:

HPV-Impfstoff und Anaphylaxie

MMR-Impfstoff und vorübergehende Gelenkschmerzen

bestimmte in Kanada verwendete Dreifach-Grippeimpfstoffe und ein leichtes, vorübergehendes okulorespiratorisches Syndrom.

Bei vielen anderen unerwünschten Ereignissen war unklar, ob ein kausaler Zusammenhang bestand oder nicht.

Im Jahr 1994 veröffentlichte das amerikanische Institute of Medicine eine Übersicht über Todesfälle, die dem VAERS im Anschluss an Impfungen im Kindesalter gemeldet worden waren.46 Die überwiegende Mehrheit der gemeldeten Todesfälle fiel zufällig zeitlich mit der Impfung zusammen und stand nicht in kausalem Zusammenhang mit den Impfstoffen. Es gab nur einen Todesfall, der auf eine Virusinfektion durch einen Impfstamm zurückzuführen war: Ein drei Monate alter Säugling starb nach einer Schluckimpfung gegen Kinderlähmung an einer Myokarditis (Herzmuskelentzündung). Da das Virus anschließend aus dem Herzen des Kindes isoliert wurde, ist dies ein Hinweis darauf, dass dieses wahrscheinlich die Todesursache war.

In einer anderen Untersuchung von Todesfällen, die dem VAERS in den 1990er Jahren gemeldet worden waren, war fast die Hälfte auf plötzlichen Kindstod zurückzuführen. Die Sterberate nahm ab, nachdem man Eltern empfohlen hatte, ihre Babys auf dem Rücken statt auf dem Bauch schlafen zu lassen. Auch die Todesfälle aufgrund anderer Ursachen gingen zurück, obwohl die Anzahl der verabreichten Impfstoffe zunahm.

In einer im Jahr 2013 veröffentlichten Studie wurden Gesundheitsdaten von über 13 Millionen geimpften Personen untersucht und die Todesursachen in der geimpften Studienpopulation mit denen in der US-amerikanischen Allgemeinbevölkerung verglichen. Die Sterblichkeitsrate ein bis zwei Monate nach der Impfung war niedriger als in der allgemeinen Bevölkerung, und die Todesursachen waren ähnlich.47 Diese Studie liefert überzeugende Beweise dafür, dass Impfungen nicht mit einem erhöhten Sterberisiko einhergehen.

Es gibt jedoch ein paar seltene Fälle, in denen kausale Zusammenhänge zwischen Impfung und Tod nachgewiesen werden konnten oder in denen zumindest theoretisch ein plausibles Risiko besteht.48

Anaphylaktische Reaktionen nach Impfungen

Die Anaphylaxie ist eine schwere allergische Reaktion, die viele Ursachen haben kann – unter anderem Medikamente und Bienenstiche. Das Risiko für anaphylaktische Reaktionen ist sehr gering (weniger als zwei Fälle pro 1 Million Impfstoffdosen, die Kindern und Jugendlichen verabreicht werden). Trotzdem sollten Menschen, die gerade geimpft worden sind, 15 Minuten lang beobachtet werden, und das Gesundheitspersonal sollte darauf vorbereitet sein, anaphylaktische Reaktionen mit Adrenalin zu behandeln, was in solchen Fällen lebensrettend sein kann. Eine Zehn-Jahres-Überprüfung von Leistungsansprüchen an das US-amerikanische National Vaccine Injury Compensation Program (Nationales Programm zur Entschädigung für Impfschäden) ergab nur fünf Todesfälle durch Anaphylaxie nach Impfungen.

Lebendimpfstoffe bei stark immungeschwächten Personen

Die in Lebendimpfstoffen enthaltenen Viren werden so abgeschwächt, dass sie bei Menschen mit intaktem Immunsystem keine Infektion verursachen; aber Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem dürfen keine solchen Impfstoffe erhalten. Zwei stark immungeschwächte Kinder starben nach einer Varizellen-Impfung, und sechs Personen starben nach einer Masern-Impfung.

Darminvagination nach Rotavirus-Impfung

Eine Darminvagination ist eine seltene Erkrankung, bei der ein Darmabschnitt sich in einen anderen einstülpt. Dabei handelt es sich um eine Art Ileus (Darmlähmung). Der erste zugelassene Rotavirus-Impfstoff zur Vorbeugung von Durchfällen wurde im Jahr 1999 vom Markt genommen, nachdem nach der Markteinführung mehr Darminvaginationen aufgetreten waren als erwartet. Zum Glück gab es nur einen einzigen Todesfall. Schätzungen zufolge kommen bei den derzeit eingesetzten Rotavirus-Impfstoffen 70 verhinderte Todesfälle auf einen durch die Impfung verursachten Todesfall. Eine veröffentlichte Untersuchung der VAERS-Meldungen für den Zeitraum von 2006 bis 2012 ergab zwei Todesfälle durch Darminvagination; ein eindeutiger kausaler Zusammenhang mit der Impfung konnte jedoch nicht festgestellt werden.

Guillain-Barré-Syndrom nach Verabreichung inaktivierter Grippeimpfstoffe

Im Jahr 1976 wurde in den USA ein groß angelegtes Impfprogramm aufgelegt, weil man eine Grippepandemie mit einem Virus befürchtete, das dem tödlichen Pandemiestamm von 1918 ähnelte. Die US-Regierung stellte dieses Programm jedoch wieder ein, nachdem außerhalb des Militärstützpunkts, von dem die Seuche ausgegangen war, keine Schweinegrippefälle festgestellt und unerwartet viele Fälle eines Guillain-Barré-Syndroms gemeldet worden waren. Dies ist eine Autoimmunkrankheit, bei der das periphere Nervensystem geschädigt wird. Dabei kommt es zu Empfindungsstörungen, Schmerzen und Muskelschwäche, die bis zu Lähmungen (auch der Atemmuskulatur) und zum Tod führen kann. Schätzungen zufolge hat der Impfstoff ungefähr einen Fall von Guillain-Barré-Syndrom pro 100 000 geimpften Personen verursacht, was insgesamt 53 Todesfälle zur Folge hatte.

Studien zur Bewertung des Risikos für ein Guillain-Barré-Syndrom nach Verabreichung von saisonalen inaktivierten Grippeimpfstoffen seit 1976 haben entweder gar kein oder nur ein sehr geringes Risiko von ein bis zwei Fällen pro 1 Million Impfdosen ergeben. Eine Studie ergab, dass das Risiko während der gesamten Grippesaison bei Menschen, die den Impfstoff im Jahr 2009 erhielten, im Vergleich zu ungeimpften Menschen sogar niedriger war. Eine andere, auf elektronischen Gesundheitsdaten aus den Jahren 2000 bis 2009 beruhende, Studie berichtete von zwei Todesfällen; ein kausaler Zusammenhang mit der Impfung konnte allerdings nicht nachgewiesen werden.

Daher weiß man nicht, ob die derzeit verwendeten Grippeimpfstoffe Todesfälle im Zusammenhang mit dem Guillain-Barré-Syndrom verursachen oder nicht.

Ohnmachtsanfälle nach Impfungen, die zu Kopfverletzungen und zum Tod führen

Nadelstichverletzungen – egal, aus welchem Grund – können zu Ohnmachtsanfällen führen. In einer Studie über einen Vierfachimpfstoff gegen das humane Papillomavirus (HPV) bei jungen Frauen traten bei 15 Prozent der Impflingen nach Verabreichung der ersten Dosis Ohnmachtsunfälle oder Fast-Ohnmachtsunfälle auf. In einem VAERS-Fallbericht wurde ein Todesfall nach einem Schädeltrauma durch einen Sturz beschrieben, zu dem es ein paar Minuten nach der Impfung mit einem Hepatitis-B-Impfstoff gekommen war.

Paralytische Poliomyelitis durch Polio-Schluckimpfung

In den USA kam es in der Zeit von 1980 bis 1989 zu zwei Todesfällen. Der abgeschwächte orale Polio-Lebendimpfstoff wird in den USA nicht mehr verwendet; man hat ihn dort inzwischen durch einen inaktivierten Polio-Impfstoff ersetzt. In vielen anderen Ländern wird der Lebendimpfstoff jedoch nach wie vor eingesetzt, weil er billiger ist als der inaktivierte.

Interessenkonflikte bei Organisationen, die Impfstoffe empfehlen

Einige prominente Organisationen, die sich für Impfungen einsetzen, drängen auf einen stärkeren Impfzwang.49 Alle US-Bundesstaaten verlangen Impfungen als Voraussetzung für die Einschulung. Im Jahr 2015 verabschiedete Kalifornien ein Gesetz, das die Ausnahmegenehmigung aus Gewissensgründen aufhob, die es Familien zuvor erlaubt hatte, vorgeschriebene Impfungen im Kindesalter auf später zu verschieben oder abzulehnen. Damit folgte Kalifornien dem Beispiel von Mississippi und West Virginia. Die Imagekampagne Every Child By Two und die American Academy of Pediatrics unterstützten das Gesetz. Die Immunization Action Coalition (eine weitere wichtige Organisation, die sich für Impfungen einsetzt) betreibt eine der meistbesuchten Webseiten mit Impfstoffinformationen für Gesundheitsdienstleister. Sie setzt sich dafür ein, die Grippeimpfraten bei Beschäftigten im Gesundheitswesen durch vorgeschriebene Impfungen zu erhöhen, und führt als »herausragendes Beispiel für verpflichtende Grippeschutzimpfungen im Gesundheitswesen« eine »Ehrenliste« von mehr als 600 Organisationen.

Alle drei oben genannten Organisationen sind gemeinnützig und verfügen über große Online-Präsenzen, in denen sie sich als Quellen zuverlässiger Informationen über Impfstoffe anpreisen. Allerdings werden sie von Impfstoffherstellern und von der CDC finanziell unterstützt. Außerdem gehen sie in ihrem Eintreten für Zwangsimpfungen allesamt über die offizielle Regierungspolitik und – bei den Grippeimpfstoffen – auch über die derzeit vorhandene Evidenz hinaus.50 Nachdem das British Medical Journal (BMJ) der Organisation kritische Fragen zu diesem Thema gestellt hatte, erklärte die Immunization Action Coalition: »Es gibt zwar Diskussionen und wissenschaftliche Untersuchungen zur Beurteilung von Art und Ausmaß des Nutzens, den eine Impfung von Mitarbeitern des Gesundheitswesens den Patienten bringt; doch uns ist keine definitive und allgemein anerkannte Studie bekannt, die das völlige Fehlen eines Nutzens zeigt.« Dieses Argument ist schierer Unsinn und kehrt lediglich die Beweislast um. Außerdem ist es wissenschaftlich unmöglich, zu zeigen, dass etwas nicht existiert. Der Philosoph Bertrand Russell schrieb einmal, wir könnten nicht sicher sein, dass im Weltraum keine Teekanne um die Sonne kreist. Natürlich können wir das nicht mit Sicherheit wissen – aber wie wahrscheinlich ist es?

Zwischen den drei oben genannten Organisationen und der CDC besteht ein verworrenes Beziehungsnetz, das es sehr schwierig macht, herauszufinden, woher Gelder kommen und um welche Beträge es sich dabei handelt – unter anderem auch deshalb, weil sie selten deklariert werden.51 Das sieht fast schon nach Schönfärberei aus, wie wir sie von vielen Bankenskandalen her kennen. Die Webseite der CDC gibt keine klare Auskunft darüber, welche Gelder sie für Pro-Impf-Kampagnen ausgibt. Doch arbeitet sie mit verschiedenen Organisationen zusammen und hat beispielsweise seit 2009 über zwei Millionen Dollar an die Immunization Action Coalition gespendet. Der Zweck bestand darin, etwas für die Erhöhung der Impfraten zu tun, indem »externe Quellen für wissenschaftliche, präzise und glaubwürdige Impfinformationen geschaffen werden, die Gesundheitsdienstleister für ihre Kommunikation mit Eltern und mit der Allgemeinheit nutzen können«. In Anbetracht der unzähligen Fehlinformationen, die die CDC über Grippeimpfstoffe liefert (siehe Kapitel 4), hört sich diese Ankündigung wie ein Witz an.

Keine der drei Organisationen hat jemals eine Empfehlung der CDC infrage gestellt. Laut Barbara Mintzes, die zum Thema Interessenkonflikte forscht, »sind diese Gruppen Impfungen gegenüber so positiv eingestellt, dass sie der Öffentlichkeit eine einseitige Botschaft vermitteln: nämlich dass alle Impfstoffe gleich sind und Impfungen unabhängig von den jeweiligen Umständen eine wichtige öffentliche Gesundheitsstrategie darstellen. Das ist ebenso wenig hilfreich wie die Sichtweise der ›Impfgegner‹, die davon ausgehen, dass alle Impfungen schädlich sind. Die Realität sieht etwas anders aus: Manche Impfstoffe sind für die öffentliche Gesundheit ungeheuer wichtig, anderen kommt bestenfalls eine untergeordnete Bedeutung zu, und es ist wahrscheinlich am besten, darauf zu verzichten.«52

Es gibt auch Interessenkonflikte in Arzneimittelbehörden, bei der WHO und anderen nationalen und internationalen Institutionen. Auf einige davon werde ich in den nächsten Kapiteln eingehen.

Nur rund 10 Prozent des WHO-Budgets wird durch Gebühren der Mitgliedstaaten gedeckt; der Rest stammt von öffentlichen und privaten Partnern.53 Diese von Partnern gespendeten 90 Prozent beeinflussen die Politik der WHO, da nur ungefähr 5 Prozent der freiwilligen Beiträge für deren Hauptaktivitäten bestimmt sind; der Rest ist für spezifische Projekte vorgesehen.

Microsoft-Gründer Bill Gates steuert an die WHO über die Bill and Melinda Gates Foundation und die GAVI Alliance (die er im Jahr 2000 unter dem Namen Global Alliance for Vaccines and Immunization ins Leben gerufen hat) alljährlich fast eine halbe Milliarde Dollar – mehr als ein Fünftel der Spenden – bei. Eines der Ziele besteht darin, Spenden aus reichen Ländern zu sammeln, um Regierungen in der Dritten Welt bei der Beschaffung von Impfstoffen zu unterstützen.54

Diese lobenswerten Initiativen haben freilich auch unerwünschte Nebenwirkungen: Die Konzentration auf das Thema Impfungen kann die Aufmerksamkeit von anderen wichtigen Gesundheitsproblemen – beispielsweise Umweltverschmutzung, verseuchtem Wasser, fehlender Kanalisation und Armut – ablenken. Im Jahr 2008 machte der Direktor des WHO-Programms gegen Malaria den Generaldirektor der WHO auf die »enormen, weitgehend unerwünschten Folgen« aufmerksam, die die Gates-Gelder für sein Forschungsgebiet hatten.55 Die Wissenschaftler waren in einem Finanzierungskartell gefangen, das eine unabhängige Überprüfung der Studien zunehmend erschwerte. Der Direktor warnte auch davor, dass die Entschlossenheit der Stiftung, durchzusetzen, dass die von ihr favorisierten wissenschaftlichen Untersuchungen als Leitfaden für die WHO-Empfehlungen verwendet werden, ungünstige Folgen für den Entscheidungsprozess der WHO haben könnte.

Bill Gates ist bekannt dafür, sehr industriefreundlich zu sein und Patente zu unterstützen. Gates’ Vorgehensweise ist von der Organisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert worden, weil er sich auf die Einführung neuer, teurer Impfstoffe konzentriert, statt sich stärker auf die Verbesserung der medizinischen Grundversorgung und auf die Immunisierung mit billigen Impfstoffen zu konzentrieren.56

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Masern

In den letzten 20 Jahren ging es bei den Kämpfen zwischen Impfbefürwortern und Impfverweigerern hauptsächlich um das Thema Masern. In diesem Kapitel möchte ich zeigen, welche Behauptungen zum Thema Masernimpfung richtig und welche falsch sind.

Es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass der Unterschied zwischen Überleben und Tod von der Infektionsdosis abhängt. Peter Aabys wissenschaftliche Untersuchungen in Afrika und anderen Ländern haben das bis dahin herrschende Dogma widerlegt, dass Mangelernährung für die Sterblichkeit bei Masern eine wichtige Rolle spielt.1 Anhand dänischer Patientenakten aus den Jahren 1915 bis 1925 konnte er seine ersten Erkenntnisse aus tropischen Ländern bestätigen, denen zufolge die Sterblichkeitsrate bei einer Masernepidemie umso höher ist, je mehr Kinder in einer Familie leben.2 Aaby kam zu dem Schluss, das Leben auf engem Raum zu einer stärkeren Virusexposition innerhalb der Familien führt, sodass höhere Virusdosen übertragen werden – daher die höhere Sterblichkeitsrate: Die Kinder starben, bevor sie eine wirksame Immunantwort entwickelt hatten. Das erklärt, warum Masernausbrüche in Ländern, die von einer Naturkatastrophe oder kriegerischen Auseinandersetzung betroffen sind, besonders tödlich sein können, wobei die beengten Wohnverhältnisse in Flüchtlingslagern nicht nur das Infektionsrisiko,3 sondern auch die Gefahr, an Infektionen zu sterben, stark erhöht.

Aabys Untersuchungsergebnisse wurden vom Establishment mit großem Unglauben aufgenommen, obwohl sie sehr überzeugend sind. Inzwischen sind diese Erkenntnisse bereits über 30 Jahre alt und allgemein anerkannt. Doch Dogmen führen nun mal ein Eigenleben, und eine ganze Generation von Ärzten, denen falsche Informationen eingetrichtert worden sind, muss erst einmal aussterben, bevor die Glaubenssätze – vielleicht – für immer verschwinden. Noch immer findet man die falsche Vorstellung von Mangelerernährung als Ursache für eine erhöhte Masernsterblichkeit in Artikeln und Lehrbüchern, zum Beispiel in einem sogenannten Factsheet der WHO aus dem Jahr 2018: »Schwere Masernfälle treten bei schlecht ernährten Kleinkindern mit höherer Wahrscheinlichkeit auf.«4

Nachdem ich die wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema studiert habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Masernimpfung eine der besten medizinischen Maßnahmen ist, über die wir im Gesundheitswesen verfügen. Ich finde es sehr merkwürdig, dass man überhaupt noch an diese Tatsache erinnern muss. Und dennoch – traurig, aber wahr – weigern sich manche Menschen (darunter auch Ärzte und andere Angehörige gebildeterer Schichten, die es eigentlich besser wissen müssten), ihre Kinder gegen Masern zu impfen.

Ich habe versucht, die Gedankengänge der Impfverweigerer zu verstehen, und werde im Folgenden auf ihre wichtigsten Argumente eingehen. Denn selbst unter Hardlinern gibt es vielleicht Menschen, die sich durch rationale Argumente, seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse und ethische Überlegungen beeinflussen lassen – vor allem, wenn man ihnen beweisen kann, dass das, woran sie bisher geglaubt hatten, auf falschen Informationen beruht.

Ein abgesagter Vortrag in Kalifornien

In dieser Hoffnung willigte ich ein, am 17. März 2019 bei einer Konferenz in Kalifornien, die von der Organisation Physicians for Informed Consent (Ärzte für informierte Zustimmung) veranstaltet wurde, einen Vortrag zu halten. Das Thema lautete: »Wie Impfpflicht gegen die medizinische Ethik verstößt«.

Doch sobald bekannt wurde, dass ich kommen würde, wurde ich zum Opfer einer öffentlichen Verleumdungskampagne. Ich war fassungslos. Zwar war ich schon öfters gemobbt worden, wenn ich versuchte, mächtigen Institutionen die Wahrheit zu sagen; doch was ich diesmal erleben musste, kam dem moralischen Tiefpunkt meiner bisherigen Erfahrungen ziemlich nah.

Die sozialen Medien sind ein Paradies für Menschen, die sich wie Könige oder Hohepriester verhalten und sich berechtigt fühlen, allen anderen vorzuschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben. Die schlimmsten dieser Leute feuern so viele Kommentare auf Twitter und Facebook ab. Diese Posts können sie alle gar nicht selbst geschrieben haben – zumindest nicht, wenn sie gleichzeitig auch noch einem Vollzeitjob nachgehen. Sie verfügen entweder über eine ganze Armee von Trollen oder stehen auf der Lohnliste der Industrie und veröffentlichen die Texte, die die Pharmakonzerne für sie ausgearbeitet haben, einfach unter ihrem eigenen Namen.

Einer dieser ungekrönten Könige – der Arzt David Gorski – schrieb: »Heilige Scheiße, @PGtzsche1 (früher bei @CochraneNordic) ist jetzt ins Lager der Impfgegner übergewechselt. Hier soll er bei einem Workshop für die Impfgegner-Ärztegruppe mit der Orwell’schen Bezeichnung Physicians for Informed Consent sprechen.«

In den sozialen Medien zeigen sich viele Menschen von ihrer schlimmsten Seite und verurteilen andere, ohne überhaupt zu wissen, worum es geht. Da ich noch nie zuvor einen solchen Vortrag gehalten hatte, konnte Gorski gar nicht wissen, worüber ich sprechen wollte, noch konnte er meine Motive oder meinen Hintergrund kennen. Stattdessen behauptete er einfach, ich würde zusammen mit »Hardcore-Impfgegnern« auftreten. Diesen primitiven Trick bezeichnet man als »Schuld durch Assoziation«. »@PGtzsche1 ist also zu einem von diesen Impfgegner-Spinnern geworden und verdient es, auch als solcher bezeichnet zu werden.«

Da ich nicht darüber informiert worden war, wer die anderen Referenten sein würden, erinnerte ich den Organisator der Konferenz an dieses Versäumnis:

»Vor zwei Wochen hatte ich darum gebeten, das vollständige Programm zu erhalten, aber ich habe es immer noch nicht gesehen und kann es leider auch auf Ihrer Homepage nicht finden. Das ist sehr dringlich, denn jetzt werde ich angegriffen, weil ich einen Vortrag auf Ihrer Konferenz halten möchte. Einige Leute haben herausgefunden, wer zu den anderen Referenten gehört, und man wirft mir vor, ›Impfgegner‹ zu sein, was überhaupt nichts mit meiner wissenschaftlichen und ethischen Position zu tun hat.«

Daraufhin erhielt ich das Programm noch am selben Tag und schrieb zurück:

»Es tut mir schrecklich leid, aber ich muss meine Teilnahme an dieser Konferenz sofort absagen. Sie haben mich nicht darüber informiert, wer die anderen Referenten sind, sodass ich nicht wusste, worauf ich mich einlasse. Doch inzwischen habe ich ein paar Nachforschungen angestellt. Eine der Referentinnen weigert sich, Patienten zu impfen, obwohl sie Ärztin ist; eine andere nimmt Wakefield in Schutz. Das ist so unwissenschaftlich und für mich so schockierend, dass ich es mir nicht leisten kann, unter solchen Kollegen eine Präsentation zu halten. Es tut mir leid. Ich werde den Vorschuss, den Sie mir geschickt haben, zurückzahlen und die Kosten tragen, die mir entstanden sind und die nicht erstattet werden können. Ich habe zwar viel Zeit in die Vorbereitung meines Vortrags investiert, aber das ist mein Problem, nicht Ihres. Bitte streichen Sie mich sofort aus dem Programm. Vielen Dank.«

Die Ärztin, die Impfungen verweigert, ist Toni Bark. Sie behandelt ihre Patienten mit Homöopathie. In einem Interview, auf das ich im Internet gestoßen bin, sagt sie: »Mir fällt immer wieder auf, dass Kinder, die aus anderen Praxen zu mir kommen, wo sie allen Impfungen unterzogen wurden, oft … nun ja, das sind die Kinder, die mit Asthma, Zwangs- oder Panikstörungen, PANDAS, Autismus, Asperger-Syndrom in meine Praxis kommen. Bei den Kindern aus meiner Praxis, die in nie geimpft worden sind, sehe ich diese Probleme nicht. Ich habe kein einziges ungeimpftes Kind, das unter Asthma, Nahrungsmittelallergien, Asperger, Autismus, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa leidet – unter keiner dieser chronischen oder chronischentzündlichen Autoimmunerkrankungen.«5

Bark hatte mir geschrieben, dass ich mich von Leuten wie Gorski nicht in meinen Entscheidungen beeinflussen lassen solle. In dieser Hinsicht gebe ich ihr durchaus recht; doch ich hatte andere Bedenken. In meiner Antwort an sie erwähnte ich die Aussagen in ihrem Interview: »Was Sie da sagen, beunruhigt mich sehr. Sie weisen darauf hin, dass Impfungen Autismus verursachen können, was aber nicht stimmt, dafür gibt es keine verlässlichen Beweise, […] Wakefields Forschungsergebnisse beruhen eindeutig auf Schwindel. […] Ihr letzter Satz klingt ungefähr so, als würden Sie sagen: Ich habe noch nie jemanden im Straßenverkehr sterben sehen, also kann es keine Verkehrsunfälle geben. Dieses Interview macht mir wirklich Angst, denn Ihre Aussagen sind irreführend und ohne jede Substanz. Die Erfahrungen, die man in der klinischen Praxis macht, sind enorm irreführend; deshalb führen wir randomisierte klinische Studien durch.«

Eine andere Referentin war die Anwältin Mary Holland, die schrieb: »Dr. Wakefield steht in einer langen, ehrenvollen Tradition von Dissidenten auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Menschenrechte. Die Welt hat schon enorm von mutigen Dissidenten in der Wissenschaft profitiert – Galileo, der argumentierte, dass die Sonne im Mittelpunkt des Universums steht; Semmelweis, der argumentierte, dass Ärzte sich die Hände waschen müssen, um der Übertragung von Infektionen vorzubeugen […].«6

Menschen wie Holland richten durch die Verbreitung falscher Botschaften über die Wissenschaft Schaden an. Andrew Wakefield und seine Mitarbeiter hatten damals behauptet, der kombinierte Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) könne Autismus verursachen; doch im Jahr 2011 deckte eine Reihe von Artikeln im British Medical Journal auf, dass ihre Forschungsergebnisse auf Schwindel basierten.7,8,9,10,11,12,13,14

Die Wahrheit ist, dass rigorose wissenschaftliche Untersuchungen bisher keinerlei Zusammenhänge zwischen Impfungen und Autismus feststellen konnten,15 aber das interessiert die Impfleugner nicht, da sie für rationale Diskussionen unzugänglich sind. Ein Beispiel für ihren Dogmatismus ist die Webseite Autism Investigated. Am 13. April 2019 hieß es dort unter der Überschrift »Robert F. Kennedy Jr. will das Impfprogramm von Onkel JFK aufrechterhalten«, dass Kennedy im Jahr 2015 in einem Video erklärt habe, er wolle »eine Politik, die sich für eine vollständige Impfung für alle Amerikaner einsetzt«. Die Impfleugner auf dieser Webseite meinten, dass »Impfprogramme nicht existieren sollten. Sie sind tödlich«, und behaupteten, Kennedy umgebe sich »mit Idioten, Opportunisten und Apologeten der Impfkriminalität«. Interessanterweise nannte Gorski Kennedy einen Impfgegner. Wie kann ein und dieselbe Person sowohl für als auch gegen Impfstoffe sein? Das ist kein Problem für jene Könige der sozialen Medien, die ihren Mangel an Argumenten hinter schillernden Formulierungen und abfälligen Substantiven und Adjektiven verbergen.

Wenn wir den Impfleugnern einfach den Rücken kehren und ihnen sagen, dass sie töricht und gefährlich sind, könnten wir damit noch mehr unentschlossene Menschen zu Impfverweigerern machen, die dann womöglich Verschwörungen sehen, wo es gar keine gibt. Deshalb erwog ich trotz allem, an der Konferenz in Kalifornien teilzunehmen – auch weil die Organisatorin mir versichert hatte, dass die meisten Teilnehmer Kinderärzte seien, »die jeden Tag Impfstoffe verabreichen. Sie wollen einfach nur nicht, dass Eltern unter der Androhung, ihr Kind dürfe sonst nicht zur Schule gehen, zu Impfungen GEZWUNGEN werden.« Außerdem ermutigte sie mich, ihre Aussagen, die sie über den Masernimpfstoff veröffentlicht hat, zu kritisieren, was ich im Folgenden auch tun werde.

Eine Woche vor der Konferenz leitete ich eine internationale wissenschaftliche Tagung, die ich in Kopenhagen organisiert hatte. Dabei handelte es sich um das Eröffnungssymposium des Instituts für wissenschaftliche Freiheit, dessen Direktor ich bin. Teilnehmer aus der ganzen Welt hatten sich angemeldet, und meine Unterstützer waren sehr besorgt darüber, dass meine Teilnahme an der Konferenz in Kalifornien gegen uns verwendet werden könnte – Schuld durch Assoziation – und womöglich die Aufmerksamkeit von der Mission des neuen Instituts ablenken würde. In einem der Vorträge, gehalten von Peter Aaby, ging es um Impfstoffe,16 und einige sehr lautstarke Teilnehmer des Symposiums drängten so sehr darauf, das Thema Impfstoffe auch bei den nach den Vorträgen stattfindenden Diskussionen in den Mittelpunkt zu stellen, dass ich ihnen Einhalt gebieten musste. Bei diesen Leuten schien es sich um Impfleugner zu handeln, die bei der Tagung ihre falschen Überzeugungen propagieren wollten wie Missionare einer religiösen Sekte.

Wakefields skrupelloser Betrug

Impfleugner verbreiten auf ihren Webseiten und in sozialen Medien Fehlinformationen bis hin zu völligem Unsinn – Aussagen, die von anderen »geliked« oder kopiert werden. Diese Menschen verhalten sich wie Roboter und lassen sich in keiner Weise von rationalen Überlegungen leiten. Sie beschönigen Andrew Wakefields skrupellosen Betrug, indem sie so tun, als sei gar nichts geschehen, und erklären, er habe völlig recht mit seiner Behauptung, dass Masern Autismus verursachten.

Im Jahr 2016 entdeckte ich zufällig, dass mein Porträt auf der Startseite des Web-Auftritts der US-amerikanischen Alliance for Human Research Protection unter der Überschrift Honors Exemplary Professionals (»Ehrenliste vorbildlicher Vertreter ihres Berufs«) erschien. Dort wurden in alphabetischer Abfolge Porträts hochangesehener Persönlichkeiten gezeigt, und ich konnte es kaum glauben, als ich am Ende dieser Galerie ein Foto von Wakefield sah. Die Alliance bezeichnet sich als »nationales Netzwerk von Laien und Fachleuten, das sich für die Förderung verantwortungsvoller, ethischer medizinischer Forschung einsetzt«. Wakefield ist berüchtigt dafür, genau das Gegenteil getan zu haben. Daher bat ich darum, meinen Namen und mein Foto von dieser »Ehrenliste« entfernen zu lassen.

In einer E-Mail an mich verteidigte die Begründerin und Vorsitzende der Alliance, Vera Sharav, Wakefield sehr energisch, und zwar mit Argumenten, die meiner Meinung nach äußerst unglaubhaft waren. Daher setzte ich mich mit dem preisgekrönten Enthüllungsjournalisten Brian Deer in Verbindung, der Wakefields Betrug in der Sunday Times und im BMJ bloßgelegt hatte.17,18,19,20,21,22,23,24