In Adelskreisen - Folge 36 - Michaela Hansen - E-Book

In Adelskreisen - Folge 36 E-Book

Michaela Hansen

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Beschreibung

Kritisch betrachtet sich der große schwarzhaarige Mann im Spiegel und rückt an der weinroten Krawatte, die er zu dem dunkelgrauen Anzug trägt. Jedes Detail soll stimmen, wenn er heute dem Fürsten von Reinburg gegenübertritt - seinem Halbbruder, der ihm so ähnlich sieht wie sein eigenes Spiegelbild. Doch während Thomas von Reinburg stets ein Leben in Reichtum und Luxus geführt hat und bald die Nachfolge seines Vaters antritt, gab es für Oliver, den unehelichen Sohn, in der Vergangenheit nur Kummer und Sorgen. Das soll sich endlich ändern - Ein entschlossener Ausdruck liegt in den Augen des Mannes, als er nun seinen Koffer aufnimmt und das bescheidene Haus verlässt, um in ein neues Leben zu fahren ...

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Seitenzahl: 137

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Inhalt

Cover

Impressum

Der falsche Fürst

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock / conrado

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-8387-5759-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Tauchen Sie ein in die glanzvolle Welt des Hochadels.

Erleben Sie Leid und Glück in Märchenschlössern und Liebe, die nicht nach Rang und Namen fragt.

Der falsche Fürst

Er wollte Geld – und fand die Liebe

Von Michaela Hansen

Kritisch betrachtet sich der große schwarzhaarige Mann im Spiegel und rückt an der weinroten Krawatte, die er zu dem dunkelgrauen Anzug trägt. Jedes Detail soll stimmen, wenn er heute dem Fürsten von Reinburg gegenübertritt – seinem Halbbruder, der ihm so ähnlich sieht wie sein eigenes Spiegelbild.

Doch während Thomas von Reinburg stets ein Leben in Reichtum und Luxus geführt hat und bald die Nachfolge seines Vaters antritt, gab es für Oliver, den unehelichen Sohn, in der Vergangenheit nur Kummer und Sorgen. Das soll sich endlich ändern …

Ein entschlossener Ausdruck liegt in den Augen des Mannes, als er nun seinen Koffer aufnimmt und das bescheidene Haus verlässt, um in ein neues Leben zu fahren …

Schloss Schwarzmoor hatte seinen Namen nicht von ungefähr. Das hohe bleigraue Gebäude lag auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von einer dunklen wilden Heide- und Moorlandschaft. Wilder Efeu umrankte die Schlossmauern, und wenn der Wind durch die Blätter strich, klang es wie leises Seufzen.

An diesem Tag lag dichter Nebel über dem Land und ließ kaum etwas vom Frühling ahnen. Nur hinter dem Schloss, im großen Park von Schwarzmoor, blühte der weiße und lachsrosa Rhododendron in üppiger Fülle, und der süße, schwere Duft des violetten Flieders lag in der Luft.

Die junge Nina Baroness von Dahren zog den grauen Regenmantel über der Brust zusammen und ging eiligen Schrittes über den weißen Kiesweg auf das Schloss zu. Sie hatte einen Spaziergang gemacht und sehnte sich jetzt nach einem behaglichen Kaminfeuer und einer wärmenden Tasse Tee.

Sie hielt den Kopf gesenkt. Ihr braungoldenes Haar schimmerte feucht im fallenden Nebel.

Leichtfüßig schritt Nina die wenigen Stufen zur Terrasse hinauf und wollte gerade den Salon betreten, als sie plötzlich erschrocken stehen blieb. Durch das nur halb geschlossene Fenster drangen Stimmen an ihr Ohr, und deutlich hörte sie ihren Namen.

Auf Zehenspitzen trat die junge Baroness näher. Fast berührten die grünen Efeublätter ihr Gesicht, als sie jetzt mit angehaltenem Atem lauschte. Sie erkannte, dass ihre Tante Valerie und deren Freundin, die Gräfin von Mehren, miteinander sprachen.

»Wirklich, meine Liebe«, sagte Wilhelmine Gräfin von Mehren gerade, »du bist zu streng mit Nina. Sie ist schließlich erst zwanzig Jahre und sollte nicht immer in der Einsamkeit von Schwarzmoor leben. Sie hat doch noch nie in ihrem Leben einen Ball besucht. Soll sie denn hier wie ein Mauerblümchen verkümmern?«

»Was heißt das schon?«, erklang die harte Stimme der fast siebzigjährigen Baroness von Dahren. »Ich habe in meiner Jugend auch Bälle besucht, und es ist nichts dabei herausgekommen. Diesen Firlefanz kann ich Nina ersparen. Sie ist doch sehr zufrieden hier mit ihren Büchern, den Hunden und Pferden.«

»Glaubst du, dass das alles ist, was sich ein junges Mädchen vom Leben erträumt?«, fragte die Gräfin spöttisch. »Nur weil du niemals in deinem Leben geheiratet hast, soll es Nina ebenso ergehen?«

»Ich habe dadurch nichts versäumt!«, antwortete Baroness Valerie streng. »Im Gegenteil, ich habe mir mein Leben einrichten können, wie es mir gefällt. Das kann Nina auch.«

»Nina ist ein junges Mädchen. Sie sollte heiraten und Kinder bekommen. Das ist schließlich die Bestimmung der Frau«, bemerkte die Gräfin. »Aber natürlich müsste sie erst mal Gelegenheit haben, einen Mann kennenzulernen. Doch Männer haben wohl keinen Zutritt auf Schwarzmoor.«

»Männer!«, wiederholte Baroness Valerie verächtlich. »Von ihnen kommt alles Unheil auf dieser Welt. Und dieses Unheil will ich Nina ersparen. Sie lebt jetzt schon fünf Jahre hier, seit dem Tod ihrer Eltern, und wir haben uns aneinander gewöhnt. Ich denke nicht daran, mein Leben zu ändern, nur weil meine Nichte heiraten soll.«

»Du willst eine alte Jungfer aus ihr machen«, erklärte Gräfin Wilhelmine, »und ich bin überzeugt, dass dir das mit der Zeit auch gelingt. Nina hat schon jetzt etwas Altjüngferliches an sich, trotz ihrer Jugend. Sie ist unvorteilhaft gekleidet und frisiert sich, als hätte sie die Fünfzig schon überschritten. Wenn sie anmutig sein sollte, so spürt man nichts davon in ihrer derben Kleidung und den festen Sportschuhen. Irgendwie erinnert sie mich schon jetzt an eine pensionierte Lehrerin.«

»Na und?«, bemerkte Ninas Tante. »Es gefällt ihr eben so.«

»Das glaube ich nicht!«, erwiderte die Gräfin. »Du hast dafür gesorgt, dass sie so geworden ist. Ich meine, es wird Zeit, dass sich das ändert. Nina könnte eine schöne junge Dame sein. Sie hat ein Gesicht, das wohl kein Mann vergessen kann. Aber so, wie sie jetzt auftritt …« Die Gräfin schwieg und seufzte leicht.

»Es ist nur gut, dass meine Nichte deine Worte nicht gehört hat«, sagte die alte Baroness, die von allen Dienstboten aus Höflichkeit mit Baronin angesprochen wurde. »Nina könnte sich sonst noch Flausen in den Kopf setzen, und das will ich nicht.«

»Du willst sie also von allen schönen Dingen des Lebens fernhalten, wenn ich dich richtig verstehe«, meinte die Gräfin zynisch. »Ich habe bisher nie gewusst, wie kaltherzig und egoistisch du bist, Valerie. Kannst du dir nicht vorstellen, dass sich ein junges Mädchen nach Liebe sehnt, nach der Liebe eines Mannes?«

»Du magst es so sehen, meine Liebe«, entgegnete Baroness Valerie, »du warst ja schon früher sehr romantisch. Aber ich habe andere Vorstellungen. Nach meinem Tod soll Nina Schloss Schwarzmoor verwalten. Sie wird sehr reich sein, und ich wünsche mir, dass sie sich ihr weiteres Leben so einrichtet, wie ich es getan habe.«

»Dann tut sie mir jetzt schon leid«, sagte die Gräfin.

Baroness Valerie lachte kurz und hart auf.

»Sie wird ja nicht wissen, dass es etwas anderes gibt«, erklärte sie, »und ich werde alles tun, um ihr die Lust auf ein leichtfertiges Leben zu nehmen. Ich werde ihr schon beibringen, dass Männer uns nur unglücklich machen.«

»Du weißt genau, dass das nicht stimmt«, sagte die Gräfin resigniert. »Was kann Nina dafür, dass du in deiner Jugend enttäuscht worden bist? Gib ihr doch die Chance …«

»Kein Wort mehr darüber!«, schnitt die Baroness ihr die Rede ab. »Nina wird so aufwachsen, wie ich es wünsche. Zum Glück bin ich kerngesund und hoffe, noch zehn Jahre zu leben.«

»Dann wird es für deine Nichte endgültig zu spät sein«, sagte die Gräfin. »Dann ist sie zu verklemmt, zu schüchtern und eigenbrötlerisch geworden, um all die Vorbehalte abzulegen, die du ihr rücksichtslos aufbürdest. Dann bleibt ihr gar nichts mehr anderes übrig, als das einsame Leben einer alleinstehenden Frau zu leben. Arme Nina!«

Mehr hörte das junge Mädchen nicht. Mit tränenverschleierten Augen hastete es die Terrassenstufen hinunter. Es eilte durch den Park und lief auf der anderen Seite des Schlosses die Freitreppe hinauf.

Der alte Butler Roland machte große Augen, als die Baroness an ihm vorbei zur oberen Etage hinauflief.

Mit zitternden Händen verschloss Nina hinter sich die Tür ihres Salons und sank auf einen Sessel. Sie spürte erst jetzt, wie stark ihr Herz klopfte. Die Tränen liefen ihr über die Wangen.

Noch nie zuvor hatte sie eine solche Angst verspürt. Sie kam sich plötzlich wie eine Gefangene vor. Und immer wieder dachte sie an die Worte der Gräfin. Sie hatte ja so recht mit allem, was sie gesagt hatte!

Wie oft hatte Nina abends vor dem Einschlafen von dem Unbekannten geträumt, der sie eines Tages heiraten würde. Von dem Mann, der sie liebte und ihrem Leben Wärme und Geborgenheit gab.

Mit der Tante hatte sie niemals darüber gesprochen. Nina wischte sich mit zitternder Hand die Tränen vom Gesicht und trat vor den herrlichen venezianischen Spiegel, der in ihrem Salon hing.

»Nina hat schon jetzt was Altjüngferliches an sich«, hörte sie wieder die Stimme der Gräfin.

Nina musste ihr recht geben, als sie sich betrachtete. Es stimmte ja, sie hatte sich nie Gedanken über ihre Erscheinung gemacht. Es kamen selten Fremde nach Schloss Schwarzmoor, und Gesellschaften hatte es nie gegeben. Wozu also hätte sie sich herausputzen sollen? Ihrer Tante war es so recht gewesen, und nun wusste die junge Baroness auch, warum …

Wie hässlich der graue Regenmantel aussah und wie plump die festen Schuhe! Nina zog den Mantel aus und warf ihn achtlos auf einen Stuhl. Der zu weite beigefarbene Pullover und der grobe Tweedrock, die jetzt zum Vorschein kamen, verbargen ihre zierliche Gestalt und ließen sie unförmig scheinen.

Und dann diese Frisur! Nina löste den schweren Nackenknoten. Volles braun-goldenes Haar umgab jetzt schmeichelnd ihr Gesicht.

An diesem Gesicht aber war nichts auszusetzen. Es war schmal und edel und von ebenmäßiger Schönheit. Große hellblaue Augen sahen Nina an, und wenn der fein geschwungene Mund lächelte, enthüllte er schneeweiße perlgleiche Zähne.

Jetzt aber hatte Nina keinen Grund zum Lächeln. Hastig steckte sie die Haarflut wieder zusammen und wandte sich von ihrem Spiegelbild ab.

Die Worte der Gräfin hatten sie aufgerüttelt, und was die Tante gesagt hatte, hatte ihr die Zukunft in erschreckenden Farben gemalt.

Niemals wollte Nina ihr Leben so beschließen wie sie. Sie lief in das Ankleidezimmer hinüber und begann in fliegender Eile, einen kleinen Koffer zu packen.

Sie vergaß auch nicht den Schmuck, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Es war jetzt ihr einziger Besitz.

Noch war sich Nina nicht ganz darüber klar, was jetzt geschehen sollte. Sie wusste nur, dass sie Schloss Schwarzmoor verlassen musste, ehe es zu spät war.

Während sie packte, überlegte sie, zu wem sie fahren könnte. Und dann fiel ihr der alte Freund ihres verstorbenen Vaters ein, der ihr einmal seine Hilfe angeboten hatte. Plötzlich wusste die junge Baroness, was sie zu tun hatte.

Sie würde nach Wien fahren, zu Roderich Graf von Landow. Gewiss würde er ihr weiterhelfen können.

Noch immer war Ninas Hand nicht ganz ruhig, als sie an ihrem kleinen Sekretär saß und einen Brief an die Tante schrieb. Sie sollte sich keine Sorgen um ihre Nichte machen. Aber sie sollte auch nicht erfahren, wohin Nina geflohen war.

Es blieb Nina gerade noch Zeit, Rock und Pullover mit einem altmodischen Reisekostüm zu vertauschen. Dann zog sie den Regenmantel wieder an, nahm ihren Koffer auf und schlich sich durch den Dienstboteneingang ins Freie. Es hatte zu regnen begonnen, und ein frischer Wind kam vom Moor her.

Nina schritt schnell aus. Eine Stunde später stieg sie in den Schnellzug nach Wien.

***

Oliver Baron von Eiben verschloss seinen Koffer und blickte auf die Armbanduhr. Er hatte noch zehn Minuten Zeit bis zur Ankunft des Taxis, das er bestellt hatte.

Der große schwarzhaarige Mann betrachtete sich kritisch im Spiegel und rückte an der weinroten Krawatte, die er zu dem schlichten dunkelgrauen Anzug trug. Ein entschlossener Ausdruck lag in den grauen Männeraugen, die das kantige Gesicht belebten.

Baron Oliver schob die Gardine beiseite und blickte zur Auffahrt des Landhauses hinaus. Der Regen tropfte leise von den hellgrünen Blättern der Buchenzweige. Nebelverhangen lag die Frühlingslandschaft vor ihm.

Olivers Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit. Seit seiner Geburt hatte er in diesem Haus gelebt, und jeder Stein und jeder Strauch im Park waren ihm vertraut.

Dennoch hatte er sich immer eingebildet, dass er nur vorübergehend hier wohnte. Seit jenem Tag, an dem der verstorbene Onkel ihm die Wahrheit gesagt hatte …

Er hatte ihn adoptiert, als Olivers Mutter bei seiner Geburt gestorben war. Seinen wirklichen Vater hatte Baron Oliver niemals kennengelernt. Aber er hatte schon viel von ihm gehört und hatte sich mit seinem Leben beschäftigt.

Das war auch erst geschehen, seit der Onkel ihm gesagt hatte, dass er der uneheliche Sohn des Fürsten von Reinburg war. Und seit jener Zeit gab es keinen Menschen, den Oliver mehr hasste als Magnus Fürst von Reinburg. Dieser Mann hatte seine arme Mutter ins Unglück gebracht, hatte sie mit schönen Worten der Liebe betört und dann eine Frau geheiratet, die aus seinen hocharistokratischen Kreisen stammte. Der Onkel hatte ihm alles erzählt.

Nun hatte Baron Oliver nur ein Ziel: Er wollte sein Recht. Niemals hatte sich der Fürst um ihn gekümmert oder ihn unterstützt. Seine arme, verzweifelte Mutter hatte er abgewiesen, als sie um seine Hilfe gebeten hatte. Die Eltern hatten sie hinausgeworfen, aber der Bruder hatte sie bei sich aufgenommen. Oliver war davon überzeugt, dass seine Mutter an gebrochenem Herzen gestorben war.

Inzwischen war Baron Oliver zweiunddreißig Jahre alt geworden, und die letzten zehn Jahre seines Lebens hatte er damit zugebracht, sich jede Einzelheit aus dem Dasein der fürstlichen Familie zu beschaffen. Er war sogar einmal auf einem Maskenball im Fürstenschloss gewesen und hatte sich dort umgesehen. Und er war dem Sohn des Fürsten begegnet, seinem Halbbruder, der ihm so ähnlich gesehen hatte, als hätte Oliver in sein eigenes Spiegelbild geschaut.

Natürlich hatte er sich dem jungen Fürsten Thomas nicht zu erkennen gegeben. Damals war er noch zu schüchtern dazu gewesen. Aber jetzt war das anders. Baron Oliver hatte lange genug gewartet.

Er war ebenso ein Fürst von Reinburg wie sein Halbbruder, der nur ein Jahr jünger war als er selbst.

Baron Oliver hatte sich entschlossen, an diesem Abend mit ihm zu sprechen. Vielleicht wusste er gar nicht, wie sein Vater einmal gehandelt hatte. Aber Oliver würde dem jungen Fürsten schon die Augen öffnen. Der beste Beweis für seine Worte war die große Ähnlichkeit …

Oliver hatte in Erfahrung gebracht, dass Fürst Thomas an diesem Tag zu einem großen Wohltätigkeitsfest nach Wien fuhr. Bei diesem Fest würde Oliver ihn zur Rede stellen.

Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als er das Taxi vorfahren hörte. Rasch griff er den Koffer und den leichten Staubmantel und verließ das Landhaus, um sich zum Bahnhof fahren zu lassen.

Es sollte lange dauern, ehe er sein Haus wiedersah. Aber das wusste Baron Oliver nicht, als er kurz darauf in den Schnellzug nach Wien stieg.

***

Lautlos glitt die perlgraue Limousine mit dem fürstlichen Wappen durch den nebeligen Spätnachmittag. Thomas Fürst von Reinburg lehnte in den weichen Polstern des Fonds und sah missmutig aus dem Fenster.

Er hatte gerade wieder eine unerfreuliche Diskussion mit seinem Vater hinter sich. Ein bitterer Zug lag um den Mund des jungen Fürsten. Immer wieder wollte ihn der Vater dazu überreden, eine Frau zu heiraten, die ihm gar nichts bedeutete. Wie ein Damoklesschwert hing die bevorstehende Verlobung mit der Komtess von Livenau über ihm.

Gewiss, die Komtess war sehr reizvoll und charmant, aber dennoch hatte sie nicht dieses Gefühl in ihm erweckt, nach dem er sich insgeheim sehnte. Er musste eine Frau lieben, um sie glücklich machen zu können. Und auf diese große Liebe seines Lebens wartete er.

Fürst Thomas seufzte tief. Er wusste bald nicht mehr, welche Entschuldigungen ihm noch einfallen sollten, um der drohenden Verlobung zu entgehen. Und was das schlimmste war – die Komtess schien ganz versessen darauf zu sein, Fürstin von Reinburg zu werden. Als wenn das schon eine Voraussetzung wäre für ein glückliches Leben!

Manchmal überkam den jungen Fürsten eine gewisse Panik, wenn er an die Zukunft dachte. Und er beneidete die jungen Männer, die ein Leben nach ihrer Wahl führen konnten und ihre Gefühle nicht zu verbergen brauchten. Er bemerkte, wie der Adjutant seine Taschenuhr hervorzog.

»Der Zug fährt in einer Viertelstunde, Durchlaucht«, erklärte er.

Fürst Thomas lächelte. »Er wird nicht ohne uns abfahren«, beruhigte er. »Schließlich ist der Salonwagen nicht umsonst für uns angehängt worden.«

»Natürlich, Durchlaucht.« Kerzengerade saß der Adjutant neben dem Fürsten, was diesen abermals leise lächeln ließ.

Aber so war eben sein Leben. Er war umgeben von Leuten, die sich vor Höflichkeit und Etikette wie Marionetten bewegten. Gab es denn keinen wirklichen Menschen mehr auf der Welt?

Auf dem Wohltätigkeitsfest in Wien würde es nicht anders werden. Manchmal waren ihm die gesellschaftlichen Verpflichtungen so zuwider, dass er am liebsten vor allem geflohen wäre.

Gewiss, er hatte alles, was er sich nur denken konnte. Er war umgeben von Luxus und Reichtum. Nichts blieb ihm unerreichbar, was mit Geld zu erstehen war. Und doch blieben so viele Wünsche unerfüllt …

Das Gesicht des jungen Fürsten war ernst und undurchdringlich, als jetzt der Bahnhof vor ihnen auftauchte. In wenigen Stunden würde er in Wien sein. Und am Abend musste er auf dem Wohltätigkeitsfest glänzen.

Fürst Thomas konnte nicht wissen, dass das Schicksal anders entschieden hatte und dass er das Fest niemals besuchen würde …

***

Der Zug fuhr schneller als gewöhnlich. Er hatte etwas Verspätung gehabt, und offensichtlich wollte der Zugführer nun den Zeitverlust aufholen.

Oliver Baron von Eiben hatte es sich gerade auf seinem Fensterplatz gemütlich gemacht, als sich die Tür aufschob und mit einem schüchternen Lächeln eine junge Dame das Abteil betrat.