In aller Seelenruhe - Elisabeth Marion Plüch - E-Book

In aller Seelenruhe E-Book

Elisabeth Marion Plüch

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Beschreibung

Ein Weg zur Seelenruhe. Fälschlicherweise glauben wir, dass wir Seelenruhe finden, wenn alles passt. Vielmehr ist es so, dass alles passt, wenn wir Seelenruhe gefunden haben. Wie kann ein Mensch zur Seelenruhe, zur Gelassenheit, zur Ausgeglichenheit, Würde, Contenance gelangen? Oft werde ich gefragt, wie ich so ruhig bleiben kann? Warum reagiere ich auf verbale Attacken nicht, wie die meisten Menschen? Ich musste mir anhören: "Deine Coolness kotzt mich an". Es ist wohl den Wenigsten in die Wiege gegeben, doch ist es erreichbar. Und es fühlt sich richtig gut an, denn es garantiert unter anderem Stressfreiheit. Stress macht sauer und sauer macht krank. Das bekommen wir in der heutigen Zeit sehr deutlich zu spüren. Auch ich habe viele Lektionen lernen müssen. Dabei stießen mir eine Menge Erfahrungen zu, die ich in diesem Buch teilen möchte. Wir sind die, auf die wir gewartet haben.

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2019

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In aller Seelenruhe

Laufe nicht der Vergangenheit nach.

Verliere dich nicht in der Zukunft.

Die Vergangenheit ist nicht mehr.

Die Zukunft ist noch nicht gekommen.

Das Leben ist im Hier und Jetzt.

Es gilt, uns heute zu bemühen.

Morgen ist es schon zu spät.

Der Tod kommt unerwartet.

Wie können wir mit ihm handeln?

(Buddha)

Elisabeth Marion Plüch

In aller Seelenruhe

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

(Aristoteles)

© 2019 Marion Plüch

Umschlag, Illustration: Marion Plüch

Lektorat, Korrektorat: Marion Plüch

Bilder, Gedichte: Marion Plüch

Bild Seite 170: www.pixabay.com

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenrie 40-44,

22359 Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7497-4302-5

ISBN Hardcover: 978-3-7497-4303-2

ISBN e-book: 978-3-7497-4304-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Das Warum

Da bin ich

Erkenne dich selbst

Das Leben ist rückwärts zu verstehen

Du bist

Achte auf deine Gedanken

Wenn du verlierst

Habe stets Respekt

Erziehung geht anders

Achte auf deine Worte

Kämpfe gegen Windmühlen

Wenn das Universum dir ein Geschenk schickt

Ich begegne dem Tod

Im nächsten Leben

Wir sind die, auf die wir gewartet haben…

Eins

Das Warum

Vor einigen Jahren schrieb ich ein Kinderbuch und zwar auf den letzten Drücker, wie man so schön sagt. Mein Gutschein zwecks Veröffentlichung eines eigenen Buches lag vier Jahre in der Schublade und war fast abgelaufen. Gerade einmal vier Wochen blieben mir bis zum Verfall. Nun bekam ich mächtiges Fracksausen und ein schlechtes Gewissen, denn dieser Gutschein war ein Geschenk gewesen.

Also ran und los ging es!

Und ich schaffte es, auch wenn das Buch letztlich nur 103 Seiten hatte.

Für mehr fehlte die Zeit. Die hatte ich leider vertrödelt. Aber die fünf Geschichten gefielen sowohl den Lesern oder Vorlesern als auch den Zuhörern. Einer schrieb:

„Die Fee Amanda“

Hilfreich für Kinder ist es, wenn eine Mutter und Großmutter einen Text veröffentlicht, in dem es darum geht, dass immer jemand da ist, wenn kleine Kinder in ungute Situationen geraten:

- einsam, weil die Mama in der Familie fehlt,

- ein Kind weint, vielleicht, weil es untröstlich ist,

- ein Kind, das von anderen gehänselt wird oder im Bett bleiben muss.

In all den unguten Situationen kommt als Rettung die Fee Amanda aus dem Zauberland.

Sie weiß und kennt alles. So wird auch noch Wissen vermittelt. Aber,nicht nur Wissen vermittelt sie, sie fördert auch die Phantasie der Kinder.

Der Autorin ist zu wünschen, dass das Büchlein oft verkauft wird, damit es in vielen Familien Gutes erreicht.

Nun beschäftigte mich der Gedanke mit mehr Zeit einen neuen Anlauf zu nehmen schon länger, wobei ich mir nicht im Klaren war, ob ich eine Fortsetzung schreibe oder etwas ganz anderes.

Als mich vor kurzem Jemand ansprach, ob ich denn schon ein neues Buch geschrieben hätte, weil bald ein Geburtstagsgeschenk gebraucht würde, entschloss ich mich zu „In aller Seelenruhe“.

Die Redewendung „In aller Seelenruhe“ hat für mich eine doppelte Bedeutung.

Seelenruhe betrifft die Ebene der Emotionen, des Gemüts. Beispiel: In einer Situation, wenn scheinbar alles schiefgelaufen ist, Panik sich ausbreitet, heißt es, gelassen bleiben und tun, was notwendig ist. Ebenso bei verbalen Angriffen, Beleidigungen, gelassen bleiben, lächeln, ganz ruhig und ausgeglichen antworten aufgrund eines gesunden Selbstwertgefühls. Seelenruhe ist demnach eine Gemütsruhe, die aus dem inneren Gleichgewicht resultiert.

Es ist die Ruhe der geistig-seelischen Kräfte. Im Yoga heißt es, unsere wahre Natur, unsere wahre Seele ist eins mit dem Göttlichen oder wer es weniger religiös mag, mit dem Universum. Im tiefsten Inneren existiert eine Verbindung mit einer höheren Wirklichkeit, und in Wahrheit ist tief in uns Ruhe.

Da ich bei diesem zweiten Start nicht innerhalb von vier Wochen meine Gedanken ordnen und zu Papier bringen muss, kann ich es mit heiterer Gelassenheit, in aller Seelenruhe tun.

Wie kann ein Mensch zur Seelenruhe, zur Gelassenheit, zur Ausgeglichenheit, Würde, Contenance gelangen?

Oft werde ich gefragt, wie ich so ruhig bleiben kann? Warum reagiere ich auf verbale Attacken nicht, wie die meisten Menschen?

Ich musste mir anhören: „Deine Coolness kotzt mich an“.

Es ist wohl den Wenigsten in die Wiege gegeben, doch ist es erreichbar. Und es fühlt sich richtig gut an, denn es garantiert unter anderem Stressfreiheit. Stress macht sauer und sauer macht krank. Ich möchte mich im Folgenden mit meinen Erlebnissen, Erinnerungen, Gedanken, meiner Lebensauffassung und Lebensaufgabe auseinandersetzen.

Ein Menschenleben beinhaltet stets Angenehmes, weniger Angenehmes, Amüsantes, Trauriges, eben Freud und Leid. So auch meines.

Ich habe viele Lektionen lernen müssen und dabei stießen mir eine Menge Erfahrungen zu! Erfahrungen sammeln wir, in dem wir Fehler machen. Doch leider neigt der Mensch dazu, ab einem gewissen Alter Fehler zu vermeiden.

Wenn ein Kind laufen lernt, fällt es bis zu dreitausend Mal dabei hin und das ist völlig normal.

Es steht wieder auf und läuft weiter.

Die Erziehung beeinflusst uns dahingehend, dass wir Angst haben vor Fehlern.

Fehler sind schlecht. Deshalb werden sie oft einfach unter den Teppich gekehrt und der schlägt dann solche Falten, das eine Stolperfalle daraus wird.

Fehlerlos sein wird belohnt. Wir möchten nahezu perfekt sein. So sind wir wohlbehütet in unserer Komfortzone und stoßen nicht an Grenzen. Sonst leidet wahrscheinlich das Selbstwertgefühl, sofern wir es nicht bereits eingebüßt haben.

Und genau das ist vollkommen falsch!

Ich habe Zeit gebraucht um zu begreifen, dass Perfektion eher mit Feigheit zu tun hat.

Wichtig ist letztlich nur, was wir aus unseren Erfahrungen machen, welche Schlussfolgerungen wir ziehen, was wir lernen.

Scheinbar kommen wir mit bestimmten Veranlagungen, die genetisch bedingt sind auf die Welt.

Aus diesen entstehen und entwickeln wir unsere Sichtweise des Lebens, die stets (basierend auf unseren Erfahrungen) Veränderungen unterzogen ist.

Ich möchte meine Sichtweise, meine Erfahrungen beschreiben.

Diese kann, aber muss nicht zwangsläufig der Sichtweise anderer entsprechen und ist insofern als Anregung zu verstehen, über die eigenen Erfahrungen und die eigene Sichtweise zu reflektieren. Unterschiedliche Sichtweisen machen unser Erdendasein interessant und jede ist zu respektieren.

In diesem Sinne wünsche ich viel Spaß beim Lesen ohne die Goldwaage.

Zwei

Da bin ich

Ein Dreimonatskind! Drei Monate nach der Hochzeit meiner Eltern war ich da.

Während der Schwangerschaft war der Arzt davon ausgegangen, dass es sich wohl um eine Zwillingsschwangerschaft handelte, denn irgendwie hörte er zwei verschiedene Herztöne. Das beunruhigte meine Mutter ziemlich, um nicht zu sagen, sie konnte sich mit diesem Sachverhalt gar nicht anfreunden. Mein Vater sah das pragmatischer. Sein Kommentar war: „Was rein ist, muss auch wieder raus.“ Als es dann allerdings kein Stammhalter war, war sein Pragmatismus verflogen. Da spielte es schon eine Rolle, was rauskam.

Während meine Mutter im Krankenhaus eine Tochter zur Welt brachte, feierte mein Vater mit seinen Freunden und zwar so heftig, dass er am nächsten Vormittag noch ziemlich unpässlich war.

Meine Oma, seine Mutter, weckte ihn gegen Mittag mit einem Strauß Blumen, welchen er seiner Frau ins Krankenhaus bringen sollte, und den Worten, „Herzlichen Glückwunsch zu deiner Tochter.“

Seine Antwort klang nicht so erfreulich wie man hätte erwarten mögen: „Tochter…, will ich nicht!“ Trotzdem begab er sich dann zu seiner Frau ins Krankenhaus und überbrachte besagte Blumen.

Ja, wie ging es weiter? Ich muss sehr überzeugend gewesen sein. Er konnte sich mit dem schweren Schicksal eine Tochter anstelle eines Stammhalters zu haben, sofort aussöhnen.

Ungefähr zwei Monate später kam mein Cousin als uneheliches Kind zur Welt. Das war in dieser Zeit noch längst nicht so „normal“ wie heute.

Aber was heißt normal? Der Wortstamm bildet das lateinische Wort norma, was nichts anderes bedeutet als Regel. Halte dich an die Regel wie die meisten Menschen, der Durchschnitt, dann giltst du als normal.

Kollektive Bedingungen bestimmen die Normalität. Tanzt einer aus der Reihe, gilt er nicht mehr als normal.

Er ist eben anders, unnormal.

Wer möchte schon unnormal oder abnormal sein?

Doch ist das nicht falsch? Gibt es das Anderssein wirklich? Ich meine, wir sind einerseits Unikat, aber andererseits auch Herdentier. Die Gesellschaft fordert Anpassung. Wir sollen uns nach den anderen richten. Fordern Eltern, später Erzieher und Lehrer als verlängerter Arm des Staates, der Kirche usw. eine strikte Einhaltung aller Normen, werden wir Kopien. Die Freiheit, unsere Fähigkeiten und Talente zu entwickeln, bleibt auf der Strecke. Normal zu sein ist das Ideal der Mittelmäßigen laut dem Psychologen Carl Gustav Jung.

Ein Beispiel:

Ich war in der sechsten oder siebten Klasse. Keine Ahnung mehr, was wir gerade im Matheunterricht behandelten. Ich erinnere mich allerdings ganz genau, dass wir in der Schule Beispielaufgaben rechneten und dann eine solche Aufgabe als Hausaufgabe bekamen. Wir brauchten im Unterricht die gesamte Tafel, also im Heft ca. eine A4-Seite.

Als ich mich daheim an die Erledigung der Aufgabe machte, entdeckte ich einen viel einfacheren Lösungsweg. Dafür benötigte ich ungefähr vier oder fünf Zeilen. Mein Opa war gerade zu Besuch. Er war begeistert.

Am nächsten Tag musste ich an der Tafel die Hausaufgabe lösen.

Selbstverständlich verwendete ich meinen neuen und kurzen Rechenweg. Meine Klassenkameraden waren ebenso begeistert. Wieviel Zeit und Schreiberei konnten wir so einsparen!

Nicht begeistert, sondern merklich angepisst war die Mathelehrerein:

„Nein, setze dich bitte hin. So lösen wir diese Aufgaben nicht!“ Ich konnte noch froh sein, dass ich keine schlechte Note bekam. So sieht es nämlich aus. Klar muss in einer Gemeinschaft jeder ein bestimmtes Maß an Regeln beachten. Trotzdem meine ich, dass auch „Anderssein“ erlaubt sein muss, solange es niemandem und nichts schadet… Ich bin anders, denn als ich zum Schulanfang 1966 meine erste Uhr bekam, beschloss ich sie, anders als alle, stets am rechten Arm zu tragen.

Meine Tante kam mit ihrem Neugeborenen heim in den Schoß der Familie, welche gemeinsam mit ihr versuchte vor Bekannten und Freunden das Babyglück zu verheimlichen. Doch Babys weinen und meist, wenn es gerade unpassend ist. So auch dieses Baby. Als die Freunde es bemerkten und meinten, da schreit doch ein Baby, wurde es abgetan als Nachbars Kind.

Doch eines schönen Tages war es nicht mehr zu verheimlichen. An sich nicht dramatisch, doch damals schon.

Und von diesem Tag an fuhren meine Mutter und meine Tante gemeinsam mit ihren Kinderwagen inklusive Nachwuchs durch die Kleinstadt im Erzgebirge.

Mit Wohnungen sah es zur damaligen Zeit schlecht aus. Mein Vater wohnte bei seinen Eltern, meine Mutter in zwei Zimmern im Pfarramt gemeinsam mit ihrem Großvater, ihrer Großmutter und der Schwester der Großmutter, ja und nun noch mit mir.

Die Familie meiner Mutter stammte aus Ungarn. Im Jahr 1948, meine Mutter war vierzehn Jahre alt und sprach kein einziges Wort Deutsch, mussten sie als Ungarndeutsche das Land verlassen. Ihre Vorfahren waren ursprünglich Deutsche und die Ungarn wollten keine Deutschen mehr in ihrem Land haben.

Um das Jahr 1000 wanderten die ersten Deutschen in die Pannonische Tiefebene, auch als Karpatenbecken bezeichnet. Dieses liegt zum großen Teil in Ungarn, erstreckt sich aber über sechs weitere Staaten. Der Name Pannonische Tiefebene geht zurück auf das Römische Reich. Pannonia war eine römische Provinz im östlichen Ungarn und war bewohnt von den Pannoniern.

Mitte bis Ende des 17. Jahrhunderts etwa siedelten sich die Vorfahren meiner Mutter dort an.

Es war 1948 dreihundert Jahre her, dass diese Donauschwaben nach Ungarn ausgewandert waren und mit einigen anderen gemeinsam das Dorf Püspökszékely besiedelt hatten.

Wesentlichster Grund für ihre Auswanderung war die große wirtschaftliche und soziale Not nach dem dreißigjährigen Krieg in Europa. Ihre Lebensgrundlage war abhängig von der Ernte, weil der größte Teil der Menschen früher von der Landwirtschaft lebte.

Die Auswanderer wurden mit dem Versprechen auf eigenes Land und ein besseres Leben als im dichtbesiedelten Deutschland angeworben. Und bis zu den Napoleonischen Kriegen herrschte eine relativ lange Zeit Frieden auf dem ungarischen Gebiet. Im Gegensatz dazu war das restliche Europa im 18. Jahrhundert gebeutelt von Unruhen und Revolutionen.

Es waren junge Familien mit mehreren Kindern. Ihr Entschluss, in Ungarn ein neues Leben zu beginnen, stellte keine Auswanderung im klassischen Sinn des Wortes dar. Sie lebten schließlich weiterhin unter Herrschaft desselben Kaisers im selben Staatsgebilde. Nur das Territorium innerhalb des Kaiserreichs änderte sich.

Oftmals waren es auch größere, zusammengehörende Gruppen, die gemeinsam einen Neuanfang beginnen wollten, so auch bei unseren Vorfahren.

Bereits in der Bronzezeit war das Gebiet um das Dorf Püspökszékely, das heutige Tolna-Gebirge, besiedelt. Eine Kirche wurde im 13. Jahrhundert gegründet. Wie viele andere Dörfer Pannoniens war auch dieses Dorf nach den Türkenkriegen fast entvölkert.

Die Umbenennung in Nagyszekely erfolgte irgendwann zwischen 1595 und 1680.

Anfang des 19. Jahrhunderts errichteten die Bewohner des Dorfes eine reformierte Kirche und gründeten ein Gymnasium. Nagyszékely wurde zur reichsten Siedlung der Gegend.

Die Ungarndeutschen lebten auch in der neuen Heimat von der Landwirtschaft.

Sie bauten Obst, Gemüse, Mais und Wein an, hielten Rinder, Schweine, verschiedenes Federvieh und einen Hofhund. Die in Nagyszékely lebenden Bauern waren laut Aussagen der überlebenden Zeitzeugen nicht nationalsozialistisch gesinnt.

Im September 1944 kam die Rote Armee. Bis Ende des Jahres hatten sie den Plattensee erreicht und kamen auch ins Dorf meiner Mutter und ihrer Familie.

Zu Friedenszeiten verdingten sich am Ortsrand in Höhlen lebende Zigeuner bei den Bauern.

Diese Höhlen befanden sich am Dorfausgang in Richtung Friedhof. Nachdem die Rote Armee im Ort war, nutzten die Zigeuner die Möglichkeit, sich bei den Sowjets anzubiedern und so ihre Schlechterstellung gegenüber den Bauern aufzubessern. Sie begleiteten die Rotarmisten bei der Begutachtung der Bauernhöfe und dienten ihnen auch mit verräterischen Informationen.

Nicht immer verdienten die sowjetischen Soldaten den Namen der Befreier. Oftmals plünderten sie, waren gewalttätig und benahmen sich wie Okkupanten.

Den Bauernhof meiner Vorfahren in Südwestungarn bewohnten zu dieser Zeit neben meiner Mutter (die gerade zehn Jahre alt war), ihre etwas ältere Schwester, ihrer beider Mutter, bereits erwähnter Großvater, seine Frau sowie die Schwester der Großmutter.

Letztere war im Alter von zwölf Jahren von einem Baum gestürzt, hatte sich Knie und Oberschenkel gebrochen. Aufgrund mangelnder ärztlicher Versorgung waren die Brüche schief zusammengewachsen. Seit dem Unfall stagnierte ihr körperliches Wachstum und sie blieb für ihr weiteres Leben gehandicapt.

Für mich und von da an auch für alle anderen Familienmitglieder hieß sie später immer „die kleine Tante“.

Mein Großvater, der Vater meiner Mutter, befand sich zu diesem Zeitpunkt in serbischer Kriegsgefangenschaft.

Unter Aufsicht eines bewaffneten Rotarmisten mussten einige Frauen des Dorfes, darunter auch meine Großmutter und ihre Cousine, Schützengräben ausheben.

Während die Frauen buddelten, nutzte der Rotarmist die Gelegenheit und versuchte meine Großmutter zu vergewaltigen. Die anderen jungen Frauen eilten ihr zu Hilfe und versuchten ihn davon abzuhalten. So kam es zum Handgemenge. Noch bevor er die Kontrolle in dieser Situation gänzlich verlor, benutzte der Soldat seine Schusswaffe und schoss auf die Frauen. Er traf dabei meine Großmutter in den Bauch.

Schwerverletzt transportierten die unverletzten Frauen sie, unter Bedrohung des bewaffneten Soldaten, zur Kommandantur der Roten Armee. Dort lag sie dann blutend, vor Schmerzen schreiend und stöhnend auf dem Hof. Jegliche Hilfe wurde ihr versagt.

Ununterbrochen dauerten ihre Hilfeschreie an, so dass ein anderer der Soldaten der Kommandantur ein schweres Fahrzeug bestieg. Um ihre Schreie zu beenden, überfuhr er die verletzte Frau.

Die Familie meiner Großmutter wurde benachrichtigt, damit diese den Leichnam mit einem Pferdegespann abholten.

Meiner Mutter und ihrer Schwester wurde es untersagt, sich die Tote anzuschauen.

Die beiden Mädchen sollten sie als die Mama in Erinnerung behalten, welche sie zu Lebzeiten kannten.

Nach dem Krieg wollten die Ungarn keine Deutschstämmigen in ihrem Land haben.

Anfang des Jahres 1946 begann Phase 1 der Aussiedlungen.

Die Menschen, welche ungarische Ehepartner hatten, durften bleiben.

Die meisten der Ungarndeutschen wurden zwischen 1946-48 nach Deutschland vertrieben oder noch schlimmer, sie wurden in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppt.

Nach den Leiden des Krieges, dem Verlust von Familienmitgliedern, nach den hin und her wechselnden Fronten, den Plünderungen und Gewalttätigkeiten der „befreienden” Roten Armee nahm die kollektive, auf ethnischer Basis begründete Bestrafung ihren Anfang. Nicht die Verlierer schreiben Geschichte.

Mein Vater stammte ebenso wenig wie meine Mutter aus dem Erzgebirge.

Auch er verdankte es den Kriegswirren, dass er in der kleinen erzgebirgischen Stadt landete, wo er später, als junger Erwachsener, meine Mutter traf.

Seine Familie war in Stettin zuhause gewesen.

Stettin, ehemals Westpommern, heute Szczecin, liegt an der Oder und gehört zu den größten Städten Polens. Szczecin und Swinoujscie (Swinemünde) bilden miteinander den größten Hafenkomplex an der Ostsee. Bis zur Ostsee sind es 65 km.

Oberhalb des linken Ufers, wo die Oder in das Stettiner Haff mündet, existierte im 8. Jahrhundert auf einem Hügel eine slawische Siedlung. Im 9. Jahrhundert gab es hier eine Burg, welche bereits damals bekannt war durch ihren Handel. Unterhalb dieser Burg entstand die wendische Siedlung Kessin. Sie profilierte sich rasch zu einem bedeutenden Handels- und Hafenplatz.

Die wendischen Siedlungsgebiete in Pommern und damit Stettin wurden 1121 vom polnischen König Boleslaw III. unterworfen. Wartislaw I., der Pommeraner Herzog, musste nun Tribut an den polnischen König zahlen. Von da an begann die Bekehrung der heidnischen Wenden zum Christentum, was schließlich und endlich durch die Zerstörung ihrer heidnischen Tempel und dem Bau einer hölzernen Kirche besiegelt wurde.

Der Nachfahre des Pommeraner Herzog Wartislaw I., Boguslaw I. huldigte dem deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa. 1181 wurde er von Barbarossa mit Pommern belehnt.

Die Stadtrechte erlangte Stettin m Jahr 1243 und 1278 wurde die Stadt Mitglied der Hanse.

Nach dem Tode des letzten slawischen Herrschers im Jahre 1637 hätte Stettin aufgrund eines – umstrittenen – Erbfolgevertrages an die Brandenburger fallen müssen.

Zu dieser Zeit herrschte der Dreißigjährige Krieg. Stettin fiel nach dem Westfälischen Frieden 1648 an Schweden und erhielt für seinen erfolgreichen Widerstand gegen Brandenburg vom Schwedenkönig Karl X. Gustav das Wappen mit dem Kopf eines Greifs.

Schweden verzichtete 1720 für 2 Mio. Taler zugunsten Preußens auf die Stadt. Im Ergebnis des zweiten Weltkriegs ging Stettin, welches zu ca. 65 Prozent zerstört war, gleichwohl mit Pommern, Westpreußen und Ostpreußen an Polen.

In Stettin Sydowsaue besaß die sechsköpfige Familie meines Vaters ein Haus nebst Stall für Schweine, Hühner, Enten, Gänse, Hund und Katze, das sein Vater 1934 für die Familie gebaut hatte.

Am 4. März 1945 wurde der Familie die Nachricht von der Umquartierung von Frau und Kindern zugestellt.

Vorher, nachdem der Roten Armee der Einbruch in die Ostgaue gelungen war, ergoss sich ein Strom von Flüchtlingen über die Autobahnen nahe ihrem Haus. Vielen gewährten sie Quartier, ein Unterkommen für einige Tage nach schwersten Strapazen im eisigen Winter.

Manchmal wurden bis zu zwanzig Menschen in ihrem kleinen Haus untergebracht.

Diese kamen aus Memel, Tilsit, Königsberg, Bromberg und vielen anderen Orten, wie mein Großvater in seinen Aufzeichnungen aus dieser Zeit festhielt.

Am 5. März 1945 war mein Vater als Zehnjähriger mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder gezwungen, mit dem Zug aus der Heimat zu fliehen.

Da der Führer versprochen hatte, dass sie innerhalb von drei Tagen wieder daheim sein würden, waren die Jungen auf Geheiß des Vaters genötigt, ihre Schulranzen samt den Schulbüchern mitzunehmen. Meinem Vater gelang es heimlich seine selbstfahrenden Spielzeugautos einzupacken.

Ohne die Autos wäre er niemals geflohen.

Sein Vater, mein Opa, musste als Werksschutz der Niederlassung der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG in Sydowsaue zurückbleiben, bis er später verwundet wurde und mit dem Fahrrad seiner Familie folgte.

Erste Station auf dem Fluchtweg war ein dreiwöchiger Aufenthalt in einer Turnhalle in Anklam.

Danach wurden sie nach Greifswald und von dort nach Stralsund verbracht.

Die älteren Geschwister befanden sich bereits in Gefangenschaft der Amerikaner. Letztlich kamen sie, und später der Rest der Familie, in Stollberg im Erzgebirge an.

Aus den Aufzeichnungen meines Großvaters geht hervor, wie unsagbar schlimm und katastrophal es für jeden Menschen ist, auch für ein Kind, seine Heimat und seinen Geburtsort mit dem er verwachsen ist, zu verlassen.

Unabhängig vom Beschuss durch Flugzeuge mit Bordwaffen, vor denen sie sich im Wald verstecken mussten, unternahm mein Vater alles Erdenkliche, um bleiben zu können. Durch seine Interventionen verpassten sie den ersten, den Podejucher Transport, einen Personenzug und mussten schließlich mit dem Sydowsauer Transport nach zwei Tieffliegerangriffen fliehen. Um 13.00 Uhr war die Stunde des Abschieds und die Fahrt ins Ungewisse begann.

Die Abschrift der Aufzeichnungen verdeutlicht den Weg meines Großvaters nach Stollberg.

Nach Stettin kamen sie weder nach drei Tagen noch irgendwann zurück. Der Führer hatte gelogen.

Stettin wurde am 25. April 1945 von der Wehrmacht aufgegeben. Am nächsten Tag nahm die Rote Armee die Stadt kampflos ein.

In Stollberg bewohnten sie mit sechs Personen acht Quadratmeter, die abends mit Matratzen ausgelegt wurden. Leider waren die Matratzen bereits bewohnt von zahlreichen Wanzen, so dass meine Oma nachts mit der Kerze die Schlafenden vor den Blutsaugern zu beschützen versuchte.

Weder mein Vater und seine Familie, noch die meiner Mutter waren als Flüchtlinge in Stollberg willkommen. Erstere waren schuld am Krieg, letztere waren in der Augen der Sachsen „Zigeuner“.

Das bekamen sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu spüren. Begann vielleicht zu diesem Zeitpunkt das Volk der Dichter und Denker mit dem Denken auf Kriegsfuß zu stehen, oder war das doch schon viel früher?

„Im Krieg ist's Sitte, jeden Vorteil nutzen.“

(William Shakespeare)

Drei

Erkenne dich selbst

Eine der drei apollonischen Weisheiten aus dem antiken Heiligtum von Delphi lautet: „Gnothi seauton-Erkenne dich selbst“.

Laut Academic dictionaries and encyclopedias wird es Thales von Milet zugeschrieben.

Thales von Milet (geboren um 625 v. Chr. und gestorben um 547 v. Chr.) begründete die ionische Naturphilosophie (Ursprung aller Dinge ist das Wasser) und gilt seit dem fünften Jahrhundert als einer der sieben Weisen von Griechenland.

Er versuchte die Natur und viele Phänomene nicht mehr im Mythos sondern rational zu erklären.

Deshalb gilt er als der erste Philosoph« der griechischen und europäischen Denktradition.

Vermutlich ab der Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. wurden drei Inschriften an den Säulen der Vorhalle des Apollontempels in Delphi angebracht.

Selbsterkenntnis ist eine Voraussetzung für Erkenntnis und Weisheit.

Sokrates referierte vor zweitausendfünfhundert Jahren über den Sinn und die Tragweite der Inschrift „Erkenne dich selbst“ und entwickelte dabei das Prinzip der Selbsterkenntnis.

Er brachte seine Selbsterkenntnis folgendermaßen zum Ausdruck:

„Das Einzige, das ich weiß ist, dass ich nicht weiß. Und damit weiß ich mehr als du.“.

Meist wird dieses Zitat aber falsch wiedergegeben:

„Das Einzige, das ich weiß ist, dass ich nichts weiß.“

Die kleine Abweichung macht einen großen Unterschied!

Seine Erkenntnis der eigenen Unwissenheit war der Ausgangspunkt seiner Suche nach dem wahren Wissen.

Uns allen ist der berühmte Spruch geläufig, „dass Einsicht der erste Schritt zur Besserung ist“, im Kontext zu:

„Aus Schaden wird man klug“.

Grundsätzlich sind wir Menschen überzeugt, dass wir uns selbst am besten kennen.

Wir wissen genau, was wir gern haben, was wir mögen oder auch nicht mögen.

Wir wissen genau, was wir gut oder nicht gut können, wovor wir Angst haben und dergleichen mehr.

Doch stimmt das?

Ist es nicht viel eher so, dass wir uns selbst verzerrt, wie hinter einem Nebel sehen?

Schauen wir wirklich ehrlich in uns hinein oder zeichnen wir vielmehr ein schöneres Bild von uns, um uns zu schmeicheln?

Ich meine, wir halten uns selbst für besser und blenden unsere Unehrlichkeit, Voreingenommenheit sowie unsere Egozentrik dabei aus.

Wir lehnen ab, ein Wesen zu verkörpern, welches den Beigeschmack von Negativität innehat.

Hat es jedoch einen positiven Beigeschmack, ist die Bereitwilligkeit es als unseren Charakter anzunehmen dagegen beachtlich. So driften Selbsteinschätzung und Wahrnehmung durch andere auseinander, wenn es um positive und negative Wesensmerkmale geht.

Betrifft es Charaktermerkmale, die weniger positiv oder negativ behaftet sind, liegen Selbsteinschätzung und Fremdurteile nahe beieinander. Das betrifft beispielsweise Gefühle wie Fürsorglichkeit, Melancholie, Ruhelosigkeit, Schüchternheit oder Unentschlossenheit.

Diese Prozesse laufen unbewusst ab. Durch Bewusstmachen im Zuge der Selbsterkenntnis können wir dahin gelangen, dass unser Tun nicht mehr einfach instinktiv ist, sondern auf Basis der Vernunft geschieht, durch gedankliche Einsicht und entsprechendem Handeln. Das bedeutet nichts anderes, als durch das Erkennen der Wahrheit unsere moralische und theoretische Bildung in Einklang zu bringen. Laut Sokrates und später vielen anderen (Lessing, Kant, Carnegie u.v.m.) geht es darum, sich selbst zu finden und letztlich sich selbst treu zu sein, denn kein weiterer Mensch ist genauso wie ich es bin.

Es macht uns frei, wenn wir die Wahrheit über unser Inneres und auf diese Weise auch unser Unvermögen erkennen. Dann wird es uns möglich, Fehler zu korrigieren. Folglich kann unser Wohlbefinden steigen.

Werden wir uns der unbewusst ablaufenden Prozesse bewusst, nähern sich unbewusste und bewusste Beweggründe an. Gleichen sie sich, können wir in Einklang mit uns selbst gelangen.

So mancher Zeitgenosse ist zu dumm, seine eigene Dummheit zu erkennen und strotzt vor Arroganz. Mir erscheint die Arroganz wie eine Perücke, mit der versucht wird, die innerliche Kahlheit zu verschleiern oder zu verbergen.

Es ist tatsächlich das Phänomen zu beobachten, dass die Klugen und Weisen oftmals zweifeln, während dumme und ungebildete Menschen, Vollpfosten eben, absolut sicher und überzeugt sind von sich und ihrer „Weisheit“. Oder anders ausgedrückt:

Die mit dem dicksten Brett vor dem Kopf können niemals ihren Mund halten.

Mit uns im Einklang haben wir ein Selbstwertgefühl, wie Kinder, wenn sie auf die Welt kommen.

Sie verfügen über ein Potential als Mensch sowohl genetisch als auch seelisch-geistig.

Sie haben Selbstwert. Der Selbstwert bleibt ihnen bis sie ungefähr zwei Jahre alt sind.

Langsam kommt indessen etwas dazwischen in Gestalt von Eltern, Erziehern, Lehrern sowie ein Umfeld, das die Entfaltung, das Erblühen verhindert.

Was ist Selbstwert?

Stellte ich diese Frage in meinem Umfeld, kam oft als Antwort „na wenn ich etwas gut gemacht habe…“.

Ursprung einer solchen Antwort ist der Tatbestand, dass in unserer Kultur stets mehr an der Leistung gemessen wird als am Individuum selbst. Da läuft etwas richtig schief!

Selbstwert heißt, ich gebe mir meinen Wert. Niemand sonst. Ich bin ich und das ist gut so.

Ich muss mich nicht von anderen stutzen lassen.

Wie war das nun bei mir?

Die ersten Lebensjahre wuchs ich bei meinen Urgroßeltern und der Schwester meiner Uroma, der kleinen Tante auf.

Meine Eltern wohnten noch nicht zusammen, mein Vater fuhr zur See, lebte also weit entfernt von uns.

Meine Mutter nähte in einer Fabrik viele Stunden täglich Hemden. Ich wurde vorrangig betreut und erzogen von den Urgroßeltern. Oftmals übernahm die kleine Tante dabei Aufgaben, z.B. mir die Windeln zu wechseln. Da sie gehandicapt war und ich, wie alle Babys, schnell größer und schwerer wurde, erwies sich das ab einem Alter von drei Monaten und der damaligen Windelmethode (die mit Pampers nicht vergleichbar ist) bereits als schwierig.

Doch sie war erfinderisch. Sie breitete die Windel aus und brachte mir bei, mich beim Kommando „Numm-di-dumm“ auf die Windel zu kullern und mich schließlich mit ihrer Unterstützung in die Windel einzurollen.

Der Uropa, der später bettlägerig war und im Dezember 1961 über die Regenbogenbrücke ging, bevor ich zweieinhalb war, erwies sich als mein bester Spielgefährte bis zu seinem Tod.

Heute weiß ich, dass er bestimmt große Schmerzen hatte als ich ihn zu meinem Pferdchen machte und mit „Hoppe, hoppe, Reiter“ traktierte. Wenn die Uroma oder die kleine Tante das unterbinden wollten, hörte ich nicht. Mein Opa erhob Einspruch gegen das Verbot. Meine Oma war darüber ziemlich sauer.

Irgendwann in solch einer Situation machte sie die folgenschwere Aussage, dass Kinderwille Dreck wert sei! Bum! Das hatte gesessen. Ich erinnere mich ganz genau an diese Situation, auch wenn ich erst zwei war. Genau in diesem Moment nämlich fasste ich den Entschluss, erwachsen und damit „privilegiert“ zu sein, in dem ich meiner Oma antwortete:

„ So, ich bin jetzt groß!“

Kleinkinder beginnen ungefähr mit dem dritten Lebensjahr die Ich-Form zu verwenden. Noch nicht zweieinhalb tat ich genau das und sagte „Ich“.

Oft überlegte ich, ob genau diese Aussage in jenem Moment dafür verantwortlich war, dass ich mich im weiteren Leben nur sehr selten verbogen habe, dafür in zahlreiche Fettnäpfchen hineinlatschte, um meinen rebellischen Weg zu beschreiten?

Ich weiß es nicht.

Eine andere Episode ereignete sich ungefähr im selben Zeitraum in den beiden Zimmern, die wir im Pfarramt bewohnten.

Mein Kinderbett stand gegenüber der Tür durch welche der Schlafraum, der ein Durchgangszimmer war, betreten wurde. Das zweite Zimmer lag dahinter und fungierte als eine Mischung von Wohnzimmer und Küche.

Im Schlafraum standen vier Betten. Mein Gitterbett befand sich gerade gegenüber der Tür unter einem Regal mit Vorhängen. In diesem Regal wurden ein paar durch Einkochen konservierte Vorräte an Lebensmitteln in Einweckgläsern aufbewahrt.

Rechts daneben standen die Betten meines Uropas und meiner Uroma. Gegenüber dem Bett meiner Uroma stand das Bett der kleinen Tante. Dazwischen war ein Fenster zum Garten hinaus. Meine Mutter schlief auf einer Liege im anderen Zimmer.

Eines Abends erwachte ich vom Gebell eines Hundes.

Der Hund bellte genau im Regal über meinem Bett, zwischen den Einweckgläsern.

Ich konnte nicht mehr einschlafen und rief laut nach Hilfe.

Alle Anwesenden kamen und ich erzählte ihnen von dem Hund im Regal.

Der Hund war deutlich zu hören. Alle Versuche mir klar zu machen, dass der Hund nicht im Regal sondern dahinter im Zimmer der Nachbarn bellte, scheiterten. Erst als das Regal komplett ausgeräumt war und ich mich überzeugen konnte, dass der Hund wirklich nicht im Regal saß, gab ich mich zufrieden und konnte wieder einschlafen.