In meinem Element - Pip Hare - E-Book

In meinem Element E-Book

Pip Hare

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Beschreibung

Pip Hare – Eine inspirierende Reise durch die Vendée Globe Erleben Sie die bemerkenswerte Reise von Pip Hare, der bekannten Soloseglerin, die die anspruchsvolle Vendée Globe Herausforderung annahm. In ihrem Buch teilt Pip ihre unverfälschte Erfahrung dieser Einhand-Weltumseglung und beschreibt tiefgehende Lebenslektionen, die weit über das Segeln hinausgehen. • Realität und Mut: Pip beschreibt ehrlich die körperlichen und mentalen Herausforderungen, denen sie begegnete, und wie sie Rückschläge in Wachstumschancen verwandelte • Stärke und Erfolg: Die Herausforderungen in einer von Männern dominierten Sportart zu überwinden, inspiriert und motiviert • Einblicke und Erfüllung: Lernen Sie, wie Pip Hare wohlüberlegten Risiken entgegentritt und persönliche Erfüllung in den unerwartetsten Momenten findet Entdecken Sie, wie Pip Hare die widrigsten Bedingungen überwindet und wie diese aufregende Reise zu einem Leitfaden für ein starkes und authentisches Leben wird.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2025

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PIP HARE

IN MEINEM ELEMENT

HärteprüfungVendée Globe

Aus dem Englischen von Birte Lindlahr

DELIUS KLASING VERLAG

Inhalt

Widmung

Vorwort

Prolog

kapitel 1 Große Träume

kapitel 2 Mit ungleichen Waffen

kapitel 3 Stresstest

kapitel 4 Im eigenen Rhythmus

kapitel 5 Umgang mit Ungewissheit

kapitel 6 Im Kampf gegen die Flaute

kapitel 7 Mein eigener Kurs

kapitel 8 Soul Care

kapitel 9 Mit zwei Köpfen denken

kapitel 10 Mut zur Angst

kapitel 11 Ab ins Unbekannte

kapitel 12 Fokus finden

kapitel 13 Erst denken, dann handeln

kapitel 14 Vorbeugen statt reparieren

kapitel 15 Das Ego bändigen

kapitel 16 Belohnung muss sein

kapitel 17 Steuerlos

kapitel 18 Gegen die Angst

kapitel 19 Gesundheit geht vor

kapitel 20 Den Takt halten

kapitel 21 Das Unmögliche möglich machen

kapitel 22 Noch lange nicht am Ziel

Epilog

Dank

Widmung

Dieses Buch zu schreiben, hat mir gutgetan. Denn oft sind wir so mit unserem Alltag beschäftigt, dass wir den Blick für das Wesentliche verlieren. Beim Schreiben konnte ich innehalten, Abstand gewinnen, die Perspektive wechseln – und die Freude über das, was ich erreicht habe, richtig zulassen. Das hat mir für den weiteren Weg an der Weltspitze des Segelsports Kraft gegeben.

Während des Schreibens habe ich oft daran gedacht, wie viele Menschen meine Karriere überhaupt erst ermöglicht haben. Eine meiner größten Erkenntnisse nach der Vendée Globe lautet: Die anderen wollen wirklich, dass ich Erfolg habe! Deshalb möchte ich denjenigen, die mein Crowdfunding unterstützt, ein Sponsoring übernommen, einen Vortrag besucht, mir ihre Zeit oder aufmunternde Worte geschenkt haben, sagen: Dafür bin ich euch unendlich dankbar.

Für jeden, der mir die Vendée Globe nicht zugetraut hat, gab es tausende andere, die einfach wollten, dass ich es schaffe. Euch widme ich dieses Buch. Ihr seid – und bleibt – ein wichtiger Teil meines Erfolgs. Euer Vertrauen ist ein Geschenk, das mir mehr bedeutet, als ihr ahnen könnt.

Vorwort

Das Unglück geschah in den frühen Morgenstunden des 16. Dezember 2024, 800 Seemeilen südlich von Australien: Ich verlor den Mast, auf gerade mal halber Strecke meines zweiten Vendée-Globe-Rennens!

Als es passierte, saß ich geschützt unter dem Cockpitdach und genoss die vorübergehend etwas ruhigere Fahrt. Die mit Abstand brutalste Segelerfahrung meines Lebens lag gerade hinter mir – die Überquerung des Indischen Ozeans, für die ich zwei Wochen gebraucht hatte.

Die Wetterbedingungen waren für alle Teilnehmer dieser 10. Vendée Globe extrem herausfordernd. Unaufhörlich wurden die Rennyachten von aufeinanderfolgenden Stürmen durch meterhohe Wellen gepeitscht und flogen dabei förmlich über die Meere. Zwischen den verschiedenen Wettersystemen gab es keine Verschnaufpausen. Unzählige Male wurde ich unter Deck durch die Kabine geschleudert. Jedes Manöver an Bord wurde zu einer schier übermenschlichen Anstrengung und musste entweder in gesicherter Position oder einhändig durchgeführt werden. Wie wilde Rennpferde galoppierten unsere Schiffe durch die See. Wir Skipper versuchten nicht nur, das irgendwie zu überleben, sondern dabei auch noch schneller zu sein als die anderen. Natürlich hätten wir auch langsamer segeln können, um unsere Mahlzeiten leichter zuzubereiten oder die täglichen Kontrollgänge zu vereinfachen. Daran war jedoch keine Minute zu denken, angesichts der gnadenlosen Konkurrenz bei diesem härtesten Einhandrennen um die Welt. Jeder Verzicht auf Speed bedeutet bei unseren Hochleistungsschiffen, die es auf weit über 20 Knoten bringen, einen sofortigen Positionsverlust. Verlorene Seemeilen wieder aufzuholen, ist furchtbar schwer.

Zum Zeitpunkt des Mastbruchs befand ich mich im Zentrum eines Tiefdruckgebiets. Anders als man vielleicht denkt, kann das ein vergleichsweise ruhiger Bereich sein. Die starken Winde rotieren um das Tiefdruckzentrum, spiralförmig hereinströmend, um die aufgestiegene warme Luft zu ersetzen, die dort ein relatives Vakuum hinterlässt. In diesem Zentrum waren die Winde schwächer. Langsam verzogen sich die Wolken, und am Vorabend hatte ich zum ersten Mal seit Tagen wieder einen Sonnenuntergang gesehen. Ich ging an Deck, lachte in die Kamera und genoss das Licht – überglücklich, weil ich meinen schärfsten Konkurrenten gestern hinter mir gelassen hatte.

Ich war ganz entspannt. Der Wind würde zwar wieder zunehmen, aber nicht dramatisch, und laut Wetterbericht sollte die kommende Woche ruhiger werden. Endlich eine Atempause. Das Schlimmste hatten wir hinter uns und ich sah die Chance, Reparaturen durchzuführen und das Boot instand zu setzen. Mein Blick war fest auf die Gruppe vor mir gerichtet. Ich hatte sie im Visier und war entschlossen, sie einzuholen.

Anders als bei der Vendée Globe 2020 segelte ich 2024 mit einer foilenden Yacht. Diese 60 Fuß langen Hochleistungsmaschinen sind mit elegant geschwungenen Tragflächen ausgestattet, die seitlich aus dem Rumpf ragen wie Flügel. Sie hoben mein Boot aus dem Wasser und ermöglichten ihm, im wahrsten Sinne des Wortes darüber zu fliegen – ohne Strömungswiderstand entlang des Rumpfes. Es brauchte nur etwas mehr Wind und schon hob das Boot vom Wasser ab. Beim ersten Take-off beschleunigte es spürbar. Ich saß in meinem ergonomisch geformten Sitz, beobachtete die Anzeigen auf meinen Bildschirmen, kontrollierte die Lastverteilung, die Windgeschwindigkeit und den Boat-Speed. Dann schlug der Rumpf mit voller Wucht zurück auf die Wasseroberfläche.

Dieses Krachen war inzwischen zur absurden Normalität geworden: Ein zehn Tonnen schweres, 18 Meter langes Schiff drei Meter aus dem Wasser zu heben und es dann ungebremst zurückfallen zu lassen, das klingt dann so, als würde dabei jedes Bauteil zerspringen. Das splitternde Geräusch von Carbon, das durch den ganzen Rumpf scheppert, aktiviert sofort jedes Warnsystem im Körper. Es klingt falsch. Es fühlt sich falsch an. Und doch: Wer in dieser Liga schnell segeln will, muss sich daran gewöhnen.

Also zuckte ich nicht zusammen, als das Boot wieder mit voller Wucht zurück aufs Wasser krachte. Ich überprüfte die Zahlen, alles war im grünen Bereich. Wieder hoben wir ab, diesmal mit Höchstgeschwindigkeit. Doch beim nächsten Aufsetzen sagte mir mein Instinkt: Irgendetwas stimmt hier nicht. Es war nicht die Anzeige. Nicht das, was ich sah. Es war der Klang; diesmal war er anders. Ich blickte durch das Cockpitfenster und sah, wie der Mast auf mich zuraste.

Noch heute, fast ein halbes Jahr später, fällt es mir schwer, diese Zeilen ohne Tränen in den Augen zu schreiben. Als es passierte, hatte ich keine Angst, keine Panik. Ich wusste sofort, dass ich es nicht verhindern konnte. Das Rennen war für mich vorbei. Ich würde es nicht fortsetzen können, wie damals in 2020, als ich mitten auf dem Südatlantik ein Ruderblatt austauschen musste – und danach bis ins Ziel weiterfuhr. Vier Jahre harte Arbeit, Stress, unermüdlicher Einsatz, das alles hatte sich in nur einem Augenblick wie in Rauch aufgelöst. Ich schämte mich und fühlte mich schuldig, hatte ich doch mein Team und die Sponsoren enttäuscht, all jene, die an mich geglaubt, mich unterstützt hatten. Ich war an einem Punkt gescheitert, an dem es keine Lösung gab – so weit von zu Hause entfernt, wie man es auf einem Boot nur sein kann.

In den zwei Wochen danach musste ich mich selbst retten. Nicht nur, weil ich aus Bordmitteln einen Ersatzmast baute und die 800 Seemeilen nordwärts nach Australien zurücksegelte, sondern auch, weil ich all meine innere Stärke mobilisierte, um mich aus dem schwarzen Loch zu ziehen, das der abrupte Abbruch des Rennens in mir hinterlassen hatte.

Meine erste Vendée-Globe-Kampagne begann 2019 mit einem Bankkredit über 25.000 £, einer Crowdfunding-Aktion und einem Team aus Freunden und Freiwilligen, die halfen, wo sie nur konnten. Immer wieder hörte ich, es sei unmöglich, an diesem Rennen teilzunehmen – ohne Profiteam, als britische Seglerin, noch dazu in meinem Alter. An manchen Tagen klangen diese Stimmen erschreckend überzeugend. Doch ich ließ mich nicht beirren, kämpfte mich Tag für Tag ein kleines Stück voran. Es war eine zermürbende Zeit, mental, körperlich und emotional. Und oft auch eine einsame Aufgabe, dieses große Projekt allein zu stemmen. Aber 2020 gelang uns der Durchbruch: Wir fanden einen Hauptsponsor und brachten das Boot in einem unsagbaren Kraftakt auf Vordermann. Endlich konnte ich das Rennen segeln, auf das ich mein ganzes Erwachsenenleben lang hingearbeitet hatte.

Schon immer fiel es mir leichter, mich schriftlich auszudrücken als mündlich. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als es noch keine E-Mails gab. Als ich mit 18 von zu Hause auszog, um mit einem Boot die Welt zu entdecken, schrieb ich hauchdünne Luftpostbriefe an Familie und Freunde. Einseitige Briefe, in winziger Schrift dicht beschrieben. Meine Freunde waren keine Segler, sie kannten keine Fachbegriffe. Von einer „Fock“ oder „unter Deck“ zu erzählen, schon das hätte ihnen nichts gesagt. Also schrieb ich nicht über technische Details, sondern so, dass sie mich verstehen konnten – über Begegnungen, Eindrücke, Gefühle und Ängste. Aus den Briefen wurden irgendwann E-Mails, später Blogs, und in unserer heutigen, sehr visuellen Welt schließlich YouTube-Videos und Instagram-Reels. Doch ich schreibe immer noch. Auch wenn das Schreiben längst nicht mehr im Trend liegt, in einer Zeit, die alle drei Sekunden nach einem neuen Impuls verlangt. Durch all meine Trainings und Rennen hindurch habe ich versucht, meine Erlebnisse aufzuschreiben – so, wie früher in meinen Briefen an die Familie und Freunde. Als ich 2021 mein erstes Vendée-Globe-Rennen beendete, wurde ich oft gefragt, ob ich ein Buch schreiben würde. Ich war mir unsicher. Es schien mir so endgültig – und irgendwie auch vermessen. Denn Memoiren, so dachte ich damals, schreibt man erst, wenn man sein Ziel erreicht hat. Und ich hatte nicht das Gefühl, schon angekommen zu sein. Selbst wenn, war mein Leben überhaupt interessant genug, um zwischen zwei Buchdeckel zu gehören? Also beschloss ich, kein Buch über das Segeln zu schreiben, sondern eines über das Menschsein. Ich begann, das aufzugreifen, was die Leute nach Vorträgen oder unterwegs am häufigsten von mir wissen wollten. Selten waren es technische Fragen, meist ging es um den Menschen hinter dem Projekt: Wie schaffst du es, monatelang allein zu sein? Wie kommst du in einer so erbarmungslosen Umgebung zurecht? Wie bewältigst du die dauernden Probleme und bleibst dabei noch motiviert?

Solche Fragen wollte ich im Rahmen meines ersten Vendée-Globe-Rennens beantworten. Beim Schreiben wurde mir klar, wie sehr mich mein Lebensweg zu einer Soloseglerin geformt hat: Er hat mich abgehärtet, mir Durchhaltevermögen und Ressourcen mitgegeben, die ich brauchte, um auf See auch mit Rückschlägen umgehen zu können. Und ich begriff, wie sehr mich das Leben auf See geprägt hatte – wie ich dadurch zu einer starken, unabhängigen und selbstbewussten Frau geworden war, auf die ich mich auch später an Land verlassen konnte.

Als der Mast 2024 mitten im Rennen brach, fühlte ich mich zerschlagener und erschöpfter als je zuvor. Alles in mir wollte sich zurückziehen, zusammenrollen, sich nicht mehr bewegen. Aber das war ja keine Option. Allein auf dem Ozean hat man keine Wahl. Man muss aufstehen und sich den Problemen stellen. Nein, ich habe nicht mein eigenes Buch zur Hand genommen, um darin Trost oder Inspiration zu finden. Aber genau diese Gedanken und Geschichten, die darin festgehalten sind, halfen mir in dem Moment. Sie gaben mir Klarheit und die Kraft, das beschädigte Rigg freizuschneiden, einen provisorischen Mast zu bauen und mich auf die zweiwöchige Reise nach Norden zu machen.

Tag für Tag kämpfte ich mich zurück. Ich baute mein „Slow Boat“ unterwegs immer weiter um, machte es schneller, effizienter und teilte meine täglichen Fortschritte auf unserem YouTube-Kanal.

Kaum zurück an Land, war ich fest entschlossen, 2028 wieder an den Start zu gehen. Doch der Weg zurück ist hart – nach dem Abbruch des Rennens und ohne einen Hauptsponsor, der uns finanziell wieder auffängt. Wieder sind es die Lektionen aus diesem Buch, die mich jeden Tag weitermachen lassen: wie man mit Unsicherheit umgeht, wie man motiviert bleibt, wie einen die guten Erfahrungen über Wasser halten. Es war heilsam, all das aufzuschreiben, sich bewusst zu machen: Ich habe das Unglück nicht nur überlebt, sondern bin daran gewachsen.

Ob man dieses Buch als reine Segelgeschichte liest oder als Einladung versteht, über den Umgang mit Rückschlägen nachzudenken: Ich hoffe, jeder findet darin etwas, das ihn oder sie stärkt. Ich habe hart dafür gearbeitet, die Chance zu bekommen, der Mensch zu werden, der ich immer sein wollte. Das hat sich gelohnt. Es gibt noch viel zu entdecken und zu erreichen, und ich bin voller Vorfreude auf das, was noch alles vor mir liegt

Prolog

Vom Heck meines Schiffes blicke ich auf den leeren Horizont. Der Himmel ist ungewöhnlich blau; eine willkommene Abwechslung nach Tagen, an denen die Sonne nur hinter grauen Wolken existierte. Die superbigou ruckt, als würde sie Anlauf nehmen: ein kurzer Moment, kaum mehr als ein Wimpernschlag, in dem eine Welle das Heck anhebt. Ich bemerke ihn nur deshalb, weil ich schon so viele Tage und Nächte allein auf diesem Boot verbracht habe. Genau dann spüre ich, wie sie sich aufbäumt, um von der Kraft der Welle mitgerissen zu werden. Sie neigt sich auf die Seite, hart hält das Autopilotsystem dagegen. Alles ist auf Spannung – das Boot, ich – und los geht's: Wir rasen die Wellen hinunter. Die super- bigou donnert, um mich herum tobt das Meer. Ungeheure Kraft ist überall um mich herum – ich sehe und ich höre sie.

Trotz seines Alters ist dieses Boot noch immer ein perfektes Beispiel für das Zusammenspiel von Technik und Natur. Es wurde dafür gebaut, schnell und robust zu sein, den wilden Winden und mächtigen Wellen des Südpolarmeeres zu trotzen. Es soll das Unbändige beherrschbar machen – für jemanden wie mich, der allein um die Welt segelt, und das vielleicht schneller als je zuvor. Ich halte mich am Backstag fest, meine Finger sind weiß vor Kälte. Die Luft des Südpolarmeeres ist schneidend. Eine Wasserwand, wortwörtlich eine Tonne schwer, kommt über das Vorschiff direkt auf mich zu. Mit voller Wucht schlägt sie gegen meine Oberschenkel, reißt mir die Füße weg. Ich bin an der Lifeline gesichert und kämpfe darum, wieder Halt zu finden, während die Welle unter dem Schiff durchzieht. Die superbigou kümmert das nicht. Sie stürzt weiter voran, nutzt den Schub der nächsten Welle, beschleunigt. Alles bebt. Um mich herum ein ohrenbetäubendes Knarren, Krachen und Donnern, das mich fast taub werden lässt. Und doch bin ich süchtig nach dieser Geschwindigkeit. Sie fühlt sich großartig an. Ich stelle mir vor, wie ich den Vorsprung meiner Konkurrenten aufhole. Doch mit jedem Geräusch, jedem Ruck, jedem Aufprall fährt ein Adrenalinstoß durch meinen Körper. Was, wenn ein Segel reißt? Wie soll ich 120 Quadratmeter flatterndes Tuch wieder unter Kontrolle bringen? Was, wenn der Autopilot ausfällt und das Schiff querschlägt, während die nächste sechs Meter hohe Welle heranrollt? Wir würden garantiert kentern. Was, wenn der Mast bricht und ich 1.000 Meilen von der nächsten Küste entfernt ohne Rigg dastehe? Wenn ich über Bord ginge, wäre das mein sicheres Ende. Das Wasser hat nur 6 °C, und im Umkreis von mindestens 100 Meilen wäre kein anderer Mensch in Sicht.

Die superbigou erwischt die nächste Welle und surft erneut, diesmal noch schneller, noch geräuschvoller. Der Fahrtwind peitscht mir die salzige Gischt ins Gesicht, meine Augen tränen und brennen vom eisigen Wind. Und über all den Lärm hinweg höre ich: mein eigenes Lachen! Ich fühle mich stark und selbstsicher. Dass ich diese Rennyacht mit ihrem unglaublichen Speed mitten im Südpolarmeer segele, kann ich gerade selbst kaum fassen. 1.000 Meilen von Land entfernt, in einem der gefährlichsten Gebiete der Erde. Ganz allein. Und frei.

kapitel 1 Große Träume

Die Vendée Globe gehört zweifellos zu den härtesten Sportereignissen der Welt. Im Februar 2021 habe ich diese Hochleistungsregatta als achte Frau und 79. Teilnehmerin überhaupt offiziell beendet. Die Wettbewerbsregeln: Gesegelt wird allein, nonstop, ohne Unterstützung von außen, einmal rund um den Globus. Dieses Buch erzählt die Geschichte meines Rennens – eine, die weit über das Segeln hinausgeht.

Allein auf dem Ozean in permanenter Anspannung zu überleben, verlangt einem deutlich mehr ab als nur nautisches Können. Drei Monate lang bei extremen Wetterbedingungen um die Erde zu segeln, oft Tausende von Meilen vom nächsten Festland entfernt, dabei nie länger als 30 Minuten am Stück zu schlafen, das treibt Menschen physisch und psychisch an ihre äußerste Belastungsgrenze. Alle Extremsituationen auf hoher See müssen im Alleingang bewältigt werden. Eine Zerreißprobe für Mensch und Material. Und die Natur kennt keine Gnade.

Eigentlich ist die Vendée Globe ein Überlebenskampf: Sein Schiff über drei Monate lang möglichst durchgehend auf Höchstgeschwindigkeit zu halten und dabei innerlich im Gleichgewicht zu bleiben. Schlafmangel, Einsamkeit, Angst, Sorgen und der dauernde Umgang mit Problemen aller Art setzen eine immense mentale Stärke voraus.

In schwierigen Momenten Lösungen finden und durchhalten zu müssen, das kennen wir alle. Deshalb möchte in diesem Buch auch Strategien nennen, die mir geholfen haben, 95 Tage lang allein hochkonzentriert und überwiegend ausgeglichen bei der Sache zu bleiben, und dabei sogar noch meine Leistung zu steigern.

Den Ozean allein zu bezwingen, gehört zu den komplexesten Disziplinen, die der Segelsport zu bieten hat. Die Rennstrecke ist nahezu grenzenlos, ohne Bahnen, ohne Zielgerade, ohne festgelegte Runden. Tausende von Meilen sind zu überwinden, auf dem größten Spielfeld der Erde, ihrer Wasseroberfläche. Dort sind wir nur auf uns gestellt; Lösungen müssen wir ohne Hilfe von außen finden, und somit tragen wir auch die Verantwortung für ein mögliches Scheitern. Wenn ich aufs Meer blicke, sehe ich nur unendliche Weite. Ein Raum ohne Grenzen, in dem ich meinen Kurs frei bestimmen kann und mich nichts aufhält. Die Möglichkeit, mich auf See auch als Mensch weiterzuentwickeln, wirkt grenzenlos. Jede Entscheidung treffe nur ich, mit jeder Angst werde ich selbst fertig, jedes Problem löse ich allein.

Die Vendée Globe wurde 1989 ins Leben gerufen, um eine neue ultimative Herausforderung im Segelsport zu schaffen. Seither findet das Rennen alle vier Jahre statt und gilt weltweit als das Nonplusultra des Einhandsegelns. Ein einzigartiger Wettkampf, in dem die Athleten über Wochen hinweg rund um die Uhr Spitzenleistung bringen müssen. Im Laufe des Rennens durchqueren die Skipper extreme Klimazonen – von drückender Äquatorhitze bis hin zu Schneestürmen und haushohen Wellen im Südpolarmeer. Und all das, während sie auf einer nassen, unablässig schwankenden Plattform schlafen, essen und arbeiten. Als Skipperin eines dieser Hightech-Boote, die oft mit über 70 Stundenkilometern über das Wasser schießen, bin ich für jeden einzelnen Aspekt des Bordlebens verantwortlich: Segeln, Navigieren, Wetterlagen interpretieren, Strom erzeugen und den Verbrauch steuern, Trinkwasser gewinnen, ohne bei all dem an Geschwindigkeit einzubüßen.

Wer allein segelt, muss ein Allround-Talent sein, jemand, der das Boot beherrscht, an den Winschen kurbelt, Schoten zieht, 70- bis 80-Kilo-Segelsäcke über das Deck wuchtet, Segel bis auf 30 Meter hochzieht und eine Fülle von Aufgaben erledigt, von denen auf einer Rennyacht mit kompletter Crew jede für sich ein eigener Posten wäre. Wir Einhandsegler leben unter spartanischen Bedingungen: Unter Deck gibt es keine Möbel, wir schlafen auf Sitzsäcken am Boden und gönnen uns nur kurze Nickerchen, um sofort reagieren zu können, falls sich draußen plötzlich die Lage ändert.

Mein persönlicher Vendée-Globe-Traum begann im Alter von 16 Jahren, an jenem Tag, als ich in einem Secondhandladen eine Segelzeitschrift aufschlug und auf die französische Seglerin Isabelle Autissier stieß, die gerade an der BOC Challenge um die Welt teilnahm. Obwohl ich damals im Osten Englands nicht am Meer lebte, hatte ich mich längst in den Segelsport verliebt. In einem Sommerkurs von Jugendlichen für Jugendliche steuerte ich zum ersten Mal selbst ein Boot. Die Freiheit, meinen Kurs selbst zu bestimmen, und der weite Horizont faszinierten mich. Zurück an Land, verschlang ich Bücher über Hochseeregatten, vor allem die Berichte vom Whitbread Race, bei den Crews auf riesigen Rennyachten die Erde in Etappen umrundeten.

Allein die Vorstellung, mit dem Regattasegeln seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, fand ich grandios. Dass ich weder Segler kannte noch etwas über die Branche wusste, störte mich nicht. Aber dass unter all den Profiseglern keine einzige Frau war, wunderte mich schon. Der Artikel über Isabelle Autissier machte mir Mut. Nie zuvor hatte ich vom Einhand-Regattasegeln auf hoher See gehört und war sofort begeistert. Wie das Whitbread, führte auch die BOC Challenge in Etappen um die Welt, auf ähnlich großen Yachten, nur ohne Crew. Es wirkte verrückt, die bislang geltenden Grenzen im Regattasport so weit zu verschieben. Und endlich gab es sie, die Frau, die auf Augenhöhe mit den Männern segelte. Für mich war das wie ein Startsignal. Noch während ich die Schulbank drückte, entschied ich: Das ist mein Sport. Nichts auf der Welt faszinierte mich damals mehr.

Meine erste Vendée-Globe-Kampagne begann ich im November 2018 mit einem Bankkredit über 25.000 £ und einer Crowdfunding-Initiative. Mein gesamtes Erwachsenenleben hatte ich mit Segeln verbracht und mich im Lauf der letzten zehn Jahre auch im Einhandsegeln etabliert. Der Weg dorthin war nicht leicht. 1992, als ich mit der Profisegelei begann, waren weniger als drei Prozent der Regattateilnehmer weiblich. Heute sind es knapp über 15 Prozent. Einen vorgezeichneten Karrierepfad konnte ich damals nicht gehen; als schüchterne junge Frau ohne Kontakte und Erfahrung musste ich mir jeden Schritt selbst erarbeiten

Ich setzte mir Ziele, lernte, startete Sponsoringkampagnen, leitete Trainingsprogramme, reparierte und wartete Boote. So schaffte ich es nach und nach auf die internationale Profisegler-Bühne. Da sich jede Kampagne über Jahre hinzog, musste ich nebenbei meinen Lebensunterhalt durch Segelcoaching, mit Kurzzeitverträgen und Artikeln für Fachmagazine verdienen. Und immer wieder fragte ich mich: Kann ich noch mehr erreichen? Will ich weitermachen? Wenn die Antwort auf nur eine dieser Fragen „Nein“ gewesen wäre, hätte ich aufgehört.

Ich wusste, dass meine Kampagnen nie perfekt sein würden, obwohl ich so viel Kraft und Zeit darin investierte. Doch mit knapper Zeit und schmalem Budget fehlten mir die Möglichkeiten, mich voll und ganz dem Training zu widmen – anders als bei vielen Konkurrenten. Manchmal fiel es mir schwer, mich am Start ebenbürtig zu fühlen. Doch ich sagte mir: Auch wenn meine Ausrüstung nicht die beste ist und ich nicht optimal vorbereitet bin, so habe ich doch hier die Chance, mich als Seglerin weiterzuentwickeln. Und tatsächlich: Mit jeder Regatta schnitt ich besser ab. Mein Ehrgeiz, mich mit anderen zu messen, wurde immer größer. Und ich wusste, dass noch mehr in mir steckte. Was ich wohl erst alles hätte leisten können ohne mühsame Kampagnenarbeit! Im Jahr 2018, im Alter von 44 Jahren, hatte ich schließlich genug Wissen und Erfahrung, um allein um die Welt zu segeln. Das eigentliche Problem aber blieb die Finanzierung.

In der Welt des Hochseeregatta-Sports ist die Vendée Globe das Pendant zur Formel 1. Die Boote der IMOCA-Klasse sind 60 Fuß lang, das entspricht 18,28 Metern – hoch spezialisierte Rennmaschinen aus makellos verarbeiteter Kohlefaser. Die neuesten Designs sind mit Foils ausgestattet – flügelartigen Auslegern, die seitlich aus dem Rumpf ragen und das Boot schon bei etwas höherer Geschwindigkeit aus dem Wasser heben, sodass es förmlich zu fliegen beginnt. Ein neues IMOCA-Boot kostet rund fünf Millionen Pfund. Die Gesamtkosten für die Finanzierung eines Topteams über vier Jahre liegen bei etwa 20 Millionen Pfund. Fazit: Selbst die beste Seglerin der Welt hat keine Chance, wenn sie sich kein wettbewerbsfähiges Boot und kein Team leisten kann.

Den nächsten Start 2020 vor Augen, war mir klar, dass dies meine letzte Chance sein könnte, an einer Vendée Globe teilzunehmen. Noch hatte ich nichts außer meiner Erfahrung vorzuweisen. Ich hätte mit einem älteren Charterboot starten können, doch allein die Chartergebühr hätte über 100.000 £ pro Jahr gekostet. Eine Summe, für die ich niemals Sponsoren gefunden hätte. Als ich mich fragte, ob ich nun schon das Ende meiner Karriere erreicht hätte, erzählte mir ein Freund von einem älteren Design der IMOCA-Klasse, der superbigou, einer Rennyacht mit Geschichte. 1999 war sie für den Schweizer Bernard Stamm, Einhandsegler und Hochseelegende, zur Vendée Globe im Jahr 2000 entworfen und gebaut worden. Seitdem hatte sie vier Weltumsegelungen absolviert, einen Sieg eingefahren, und sie hielt einen Transatlantik-Geschwindigkeitsrekord. Zuletzt war die superbigou bei der Vendée Globe 2016 im Rennen, gesteuert vom damals 23-jährigen Schweizer Alan Roura, der das Ziel als jüngster Segler aller Zeiten erreichte. Danach verblasste ihr Ruhm; sie war an einen anderen Vendée-Globe-Hoffnungsträger verchartert worden, dem jedoch das Geld ausging. So lag sie mehrere Monate lang in einem französischen Hafen, ohne dass sich jemand um sie kümmerte. Ich nahm Kontakt zum Eigner auf und fragte ihn, ob ich das Schiff chartern könne. Mir war klar, dass es in schlechtem Zustand war und nach heutigen Maßstäben kaum wettbewerbsfähig. Doch ich erinnerte mich an mein eigentliches Ziel, nämlich, die Chance zu bekommen, zu der Athletin zu werden, die ich sein wollte. Auch wenn ich mit der superbigou kein perfektes Boot hätte, würde es mir die Möglichkeit bieten, zu zeigen, was ich konnte.

Die Chartergebühr wurde auf nur 2.000 £ pro Monat festgelegt. Dafür müsste ich es in dem nicht segelfertigen Zustand, in dem es nun einmal war, akzeptieren. Um alle Reparaturen und Wartungsarbeiten müsste ich mich selbst kümmern, dabei kämen enorme Kosten auf mich zu. Ich hatte zehn Tage Bedenkzeit. Als ich gerade in den USA als Trainerin arbeitete, rief ich meinen guten Freund Paul Peggs an, der selbst als Solosegler an einer Mini-Transat teilgenommen hatte. Er erklärte sich bereit, in die Bretagne zu fahren, das Boot zu begutachten und in meinem Namen eine Entscheidung zu treffen, falls ich die Charter wirklich wagen wollte. In der Zwischenzeit segelte ich zu den Azoren. Fünf Tage später, mitten auf dem Atlantik, mailte mir Paul: „Das Schiff ist völlig heruntergekommen, ungeliebt und ungepflegt. Das wird eine Menge Arbeit. Aber es hat Potenzial. Also los!“ Genau das wollte ich hören. Ich sagte zu, ohne das Boot je gesehen zu haben.

Zurück in Großbritannien, nahm ich ein Darlehen von über 25.000 £ auf, ausreichend für die ersten Chartermonate und die Grundausstattung. Immerhin ein Anfang. Eigentlich ein Wahnsinn, dieses Projekt auf Kredit zu starten, ohne gesicherte Finanzierung. Doch mir war klar, dass es meine einzige Chance war, endlich an einer Vendée Globe teilzunehmen. Ich nahm mir vor, hart zu arbeiten und niemals aufzugeben, um zu beweisen, dass sich eine Investition in mein Projekt lohnte. Ich hoffte, so genug Selbstvertrauen aufzubringen, um auf potenzielle Sponsoren zuzugehen.

Das Boot an sich machte mir keine Angst. Ich vertraute auf mein Können und mein seemännisches Geschick, auch wenn ich noch nie einen Fuß an Bord gesetzt hatte. Es ist ein Boot wie jedes andere, redete ich mir ein, nur größer. Dabei kam mir das komplette Vorhaben wie ein riesiger Berg vor, von dem ich nicht wusste, ob ich ihn erklimmen konnte. Um den müden alten Rumpf zu überholen, laufende Kosten zu decken und die Startgebühr zu zahlen, musste ich noch mindestens 1 Million Pfund zusammenbekommen.

Schon während meiner gesamten Segellaufbahn wurde ich durch Spenden von Privatleuten unterstützt. Diese und andere Förderbeiträge brachten mich überhaupt erst an die Regatta-Startlinien. Immer halfen mir Menschen auch ungefragt, einfach nur, weil ich ihnen von meinen Plänen erzählt hatte. Durch harte Arbeit kann man viel erreichen, davon bin ich überzeugt. Wie viele aus meiner Generation, tat ich mich daher schwer mit der Idee eines Crowdfundings. Doch um Sponsorengelder einzuwerben, also für einen kommerziellen Deal, erschien es mir legitim. Aber es blieb die Frage: Warum sollten Privatpersonen in meine Kampagne investieren? Schon der bloße Gedanke daran kam mir unangemessen vor. Doch dann rieten mir Freunde: Ich müsse den Leuten auch eine Chance geben, mir zu helfen. Sie hätten das Recht, selbst zu entscheiden, und es sei keine Schande, auf diese Art Fördermittel zu akquirieren. Im November 2018 stellte ich meine Crowdfunding-Kampagne online – mit einem flauen Gefühl im Magen, gefasst auf einen Shitstorm. Ich rechnete damit, dafür kritisiert zu werden, dass ich Spenden einsammelte, die andere sicher viel nötiger hatten. Glücklicherweise begegnete man mir wohlwollend. Alle wünschten mir Glück und wollten mir zum Erfolg verhelfen. So begann ich, meine Geschichte in den Sozialen Medien zu erzählen und dort auch von den Fortschritten zu berichten. Das Ganze nahm Fahrt auf.

Segelfreunde kamen vorbei, um mich in den ersten Monaten beim Training mit dem Boot zu unterstützen. Keiner von uns hatte jemals eine IMOCA gesegelt, und so lernten wir gemeinsam. An Werfttagen halfen Freiwillige, schleppten Ausrüstung, putzten das Schiff. Als wir die superbigou zur Southampton Boat Show brachten, kamen einige Unterstützer sogar extra aus Cumbria im Nordwesten Englands angereist. Die Gemeinschaft um das Projekt wuchs – online wie offline –, und immer wieder staunte ich, wie großzügig Menschen Zeit und Geld in das Projekt investierten.

Anfangs fiel es mir schwer, mein Geld in das Projekt zu investierten und meine Ziele in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ich war verunsichert und fürchtete, als nicht gut genug angesehen zu werden. Doch ich entschied mich dafür, so offen wie möglich über alles zu berichten, über Fehler ebenso wie über Erfolge. So konnte ich meinen Kopf oben behalten, ganz gleich, wie es am Ende ausgehen würde.

2019 trat ich als Ein-Frau-Team an. Um mich für die Vendée Globe zu qualifizieren, musste ich drei internationale Rennen der IMOCA-Klasse absolvieren. Während die meisten Teams pro Saison etwa 1 Million Pfund aufwendeten, brachte ich mein gesamtes Projekt mit nur 150.000 £ ins Ziel, finanziert durch Crowdfunding, Eigenmittel und Sachspenden. Wir starteten mit kleinen, lokalen Sponsoren und gewannen nach und nach auch die Aufmerksamkeit erster Unternehmer, die unsere Kampagne unterstützten. Abgesehen von den Meldegeldern und Regattakosten, floss jeder einzelne Cent in die Instandsetzung und Ausstattung des Bootes. Im Vergleich zu den perfekt ausgerüsteten Profiteams und ihren hochglanzpolierten Yachten wirkten meine freiwilligen Helfer und ich eher wie eine provisorisch zusammengestellte Crew.

Einmal arbeiteten wir gerade mit einem Schleifgerät am Heck, als man uns aufforderte, leiser zu sein – das Profi-Team von Banque Populaire versuchte nebenan, Interviews mit seiner Nachwuchshoffnung Clarisse Crémer und dem früheren Vendée-Globe-Sieger Armel Le Cléac‘h zu führen. Man begegnete uns zwar manchmal mit Skepsis, aber wir brachten jedes Rennen zu Ende. Und das nie als Letzte.

In meinem ersten Kampagnenjahr gab es viele Momente, in denen ich nicht wusste, wie wir den nächsten Monat überstehen sollten. Ich segelte Rennen, trainierte, reparierte, kümmerte mich um die Finanzierung, organisierte das gesamte Rennprogramm und stemmte nebenbei auch noch das Marketing. Und obwohl mir oft alles über den Kopf wuchs, hatte ich das Gefühl, niemandem zeigen zu können, wie sehr mich das alles anstrengte, schließlich hatte ich diesen Weg selbst gewählt.

An manchen Tagen war ich so überfordert von dem scheinbar unbezwingbaren Berg an Aufgaben und dem fehlenden Fortschritt, dass mir buchstäblich übel wurde. Ich verkaufte alles, was ich irgendwie entbehren konnte, nur, um irgendwie durch den Monat zu kommen, lebte auf Pump. Jedes Teil auf dem Boot war alt und abgenutzt, und mir war klar: Irgendetwas Wichtiges würde unweigerlich unterwegs kaputtgehen. Improvisieren war längst zu meiner Kernkompetenz geworden. Viele Abende verbrachte ich damit, defekte Elektronik auseinanderzunehmen oder eingerissene Segel mit Kleber und Tape zu flicken.

Ende 2019 wurde ich unverhofft offiziell als eine von 33 Seglerinnen und Seglern nominiert, die sich für die Vendée Globe qualifiziert hatten. Mein Platz im Rennen war nun sicher, doch die größte Herausforderung lag noch vor mir: das Boot, um die Welt zu steuern.

Ein umfassender Refit war unumgänglich und ohne weitere Sponsorengelder nicht umzusetzen. Also setzte ich meine Fundraising-Bemühungen fort, als hinge mein Leben davon ab. Die ersten Zusagen kamen bereits Anfang 2019 aus meinem direkten Umfeld. Den Anfang machten die Poole Harbour Commissioners, die mir anboten, meinem Boot und dem ganzen Projekt einen festen Hafen zu bieten.

Bis dahin war Poole noch nie Stützpunkt für ein professionelles Offshore-Team gewesen. Unsere Präsenz in der Marina stieß schnell auf großes Interesse, die Leute waren stolz auf uns. Rund um das Projekt formierte sich ein Kreis engagierter Förderer, der ein Sponsoren-Netzwerk bildete. Jeder von ihnen leistete monatliche Beiträge und erhielt im Gegenzug Präsenz in gemeinsamen Medienauftritten und bei Netzwerkveranstaltungen.

Größere Summen aufzutreiben, erwies sich als deutlich schwieriger. Doch ich griff die Marketingstipps unserer engagierten Partner auf und nutzte jede Gelegenheit, um meine Präsentationen zu verbessern. Nach und nach kamen weitere Unternehmen hinzu, die uns mit Ausrüstung, Fahrzeugen, Personal, Lagerflächen und Servicebasen unterstützten. Ich kann ihnen gar nicht genug danken. Die Danksagung am Ende dieses Buches ist nur ein bescheidener Versuch, ihren Beitrag zu würdigen und hervorzuheben, was durch sie Wirklichkeit werden konnte.

Dem großen Geld hinterherzujagen, erschien mir lange aussichtslos: Zu viele Sackgassen, zu viel Warten, und am Ende kam fast nie etwas dabei heraus. Irgendwann ertappte ich mich dabei, mich schon über eine Absage zu freuen, wenn sie wenigstens direkt kam. Der einzige Weg, überhaupt wahrgenommen zu werden, war, unbeirrt weiterzumachen und alles in mein Projekt zu investieren – unabhängig davon, ob es jemand bemerkte oder nicht. Mit jedem Rennen, das ich gegen alle Erwartungen zu Ende brachte, bewies ich, was ich leisten konnte. Ganz im Sinne der Suffragetten, also jener frühen Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht, wenn auch ohne ihren Kampfgeist: Taten statt Worte, das war und ist für mich ein Grundsatz.

Unser erster großer Sponsor kam nach meiner erfolgreichen Teilnahme am Fastnet Race 2019, meinem zweiten Rennen mit der superbigou. Es war eine double-handed Regatta und zugleich der Beginn einer neuen, inspirierenden Partnerschaft mit meinem Co-Skipper, dem großen, kräftigen Australier Paul Larsen. Mit seiner schwedischen Frau Helena Darvelid wurde er zu einer treibenden Kraft innerhalb unseres Vendée-Globe-Teams. Paul hält bis heute den offiziellen Geschwindigkeits-Weltrekord im Segeln, ein Titel, den er 2012 mit seiner vestas-sailrocket 2 errang, die er gemeinsam mit Helena entworfen und gebaut hatte. Es war mein großes Glück, dass beide meine ehrgeizige Vision unterstützten, obwohl meine Mittel begrenzt waren. Ich habe ihnen nie verheimlicht, dass die superbigou eine IMOCA der älteren Generation war. Trotzdem glaubten die beiden an mich. Diese Zusammenarbeit markierte einen Wendepunkt in meiner Kampagne. Mit neuem Selbstvertrauen ging es weiter. Auf der Meldeliste waren wir das älteste Boot der gesamten Flotte und in der Rangliste ganz hinten eingestuft. Doch 24 Stunden nach dem Start der 600-Meilen-Regatta lagen Paul und ich in Führung. Nicht nur vor allen anderen IMOCA-Yachten, sondern vor dem gesamten Feld, einschließlich namhafter Teams mit großen Budgets.

Paul und ich bewiesen, dass alles möglich ist, wenn man nur den Willen zum Erfolg und den Mut hat, anzutreten. Die Zuschauer waren begeistert. Journalisten, Freunde und auch die Konkurrenten konnten kaum fassen, dass wir eine Flotte aus Multimillionen-Yachten und bezahlten Profi-Crews anführten – ein Triumph für uns Außenseiter. Paul und ich kriegten uns vor Freude darüber kaum wieder ein.

Vor den Scilly-Inseln frischte der Wind auf, unsere Verfolger holten auf. Doch das Magische dieses Moments blieb. Als sie an uns vorbeizogen, erschienen zwei meiner großen Vorbilder – Sam Davies und ihr Co-Skipper Paul Meilhat – an Deck und zeigten Daumen hoch. Eine Geste, die mir Mut und Hoffnung gab.

Direkt nach dem Rennen wurden wir an Land mit riesiger Begeisterung empfangen. Noch am selben Tag meldete sich der Gründer von Yondr bei uns, einem Unternehmen, das Infrastruktur für die Big-Data-Branche liefert. Er hatte das Rennen verfolgt, fühlte sich unserer Geschichte verbunden und sah Parallelen zur Entwicklung seines eigenen Unternehmens. Wir hatten einen Sponsor.

Anfang 2020, mit meinem festen Startplatz für die Vendée Globegesichert, ließ sich die Generalüberholung der superbigou nicht länger aufschieben. Und wieder war es die Hafenstadt Poole, die mir den Rücken stärkte. Ich durfte die Kräne und Lkws des Handelshafens nutzen, um das Schiff aus dem Wasser zu holen. Die Firma VQI Marine stellte mir nicht nur ihre Werfthalle zur Verfügung, sondern unterstützte uns mit zusätzlichen, wertvollen Arbeitsstunden seines technischen Teams. Ich hatte ein bescheidenes Budget für die Generalüberholung zusammenbekommen und entschied mich, einen Fachmann hinzuzuziehen, der die Arbeiten koordinieren und bei der Priorisierung helfen sollte. Joff Brown war mir zum ersten Mal vor einer Route-du-Rhum-Regatta in einer überfüllten Bar begegnet. Er wurde mir als der erfahrenste technische Direktor in der Geschichte der Vendée Globe vorgestellt.

Anders als die meisten seiner Kollegen, lebte Joff im Vereinigten Königreich. Ein guter Anlass für mich, ihn zu kontaktieren. Im Lauf seiner Karriere hatte er Boote für vier britische und einen amerikanischen Skipper ausgerüstet, und alle fünf hatten das Rennen beendet. Angesichts einer durchschnittlichen Ankunftsquote von nur 55 Prozent war das eine Statistik, die sich sehen lassen konnte. Ich war sehr erleichtert, als Joff zusagte, das Projekt zu übernehmen. Ich organisierte das Team, kümmerte mich um die Materialbeschaffung, und im Januar 2020 begannen wir mit der Arbeit. An den Wochenenden kamen Freiwillige in die Werfthalle, schlüpften in Overalls, griffen zu Schleifmaschinen oder zogen alte Folien vom Rumpf. Mark und Julie Bestford nahmen sogar eine 1.400-Meilen-Rundreise auf sich, nur um uns Lackierpistolen und einen Kompressor zu bringen, damit wir das Antifouling am Unterwasserschiff erneuern konnten. Wir kamen voran, doch ich spürte schmerzlich, wie knapp die Zeit wurde. Und dann geriet plötzlich alles aus dem Gleichgewicht. Anfang Februar deutete sich die aufkommende Covid-19-Pandemie erstmals an, im März gingen die ersten Länder in den Lockdown.

Ich arbeitete weiter am Boot und suchte immer noch Sponsoren. Einige Gespräche waren vielversprechend. Am 26. März 2020 verhängte auch Großbritannien den ersten Lockdown. Und plötzlich stand alles still. Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich in die verlassene Halle trat, um die Werkzeuge zusammenzupacken. Das Boot lag in Einzelteilen vor mir: der Rumpf abgeschliffen, die Ruder ausgebaut, das Deck schier und bereit für die neue Decksbeschichtung. Der Kiel stand draußen auf einer Palette – das Schiff lag da wie ein riesiger Baukasten, auseinandergenommen in all seine Bestandteile. Zum ersten Mal fühlte ich mich geschlagen.

Kaum wurden die Corona-Beschränkungen gelockert, wusste ich: Jetzt gab es kein Zurück mehr. Das Boot war nicht mein Eigentum, sondern nur bis 2021 gechartert. Die Halle, in der wir gearbeitet hatten, stand mir nicht dauerhaft zur Verfügung, und unter den geltenden Abstandsregeln war an Hilfe durch Freiwillige nicht zu denken. Es blieb mir nichts anderes übrig, als das Boot notdürftig wieder zusammenzusetzen, es zurück ins Wasser zu kranen und die Arbeiten, so gut es ging, am Liegeplatz fortzusetzen. Zumindest musste ich die geliehene Halle räumen und das Boot in einem Zustand zurückgeben, der dem bei der Übergabe entsprach. Und dann fiel auch noch meine letzte Einkommensquelle weg – sie war direkt ans Segeln geknüpft. Auch unser Sport war im Lockdown zum Erliegen gekommen. Im April war die Lage so ernst, dass der nächste Schritt unausweichlich schien: Insolvenz anzumelden.

In einem nahezu stillstehenden Arbeitsmarkt musste ich staatliche Unterstützung beantragen, etwas, das ich in meinem Leben noch nie getan hatte. Plötzlich, wie schon so oft in den Jahren zuvor, kam in letzter Minute ein rettender Anruf. Das Team von Yondr wollte wissen, ob die Vendée Globe tatsächlich wie geplant stattfinden würde. Falls ja, würden sie ihre Bronze-Partnerschaft aufrechterhalten. So könnten wir mit dem dringend benötigten Refit weitermachen. Und tatsächlich sollte das Rennen stattfinden!

Glücklicherweise ließ sich die Vendée Globe geradezu perfekt mit den Pandemiebedingungen vereinbaren: Wir konnten kontaktlos segeln, die Zuschauer würden das Geschehen von zu Hause aus verfolgen. Es gab kein Risiko. Als sich die Regattaveranstalter und die französische Regierung rasch auf die Durchführung des Events einigten, öffnete sich für mich eine neue Tür.

Möglicherweise würde die Vendée Globe das einzige große Sportereignis des Jahres werden – das musste Aufmerksamkeit erregen. Ich kontaktierte einen Journalisten des Telegraph. Kurz darauf erschien ein Artikel, der erwähnte, dass ich weiterhin Sponsoren suchte. Wir brachten die Geschichte an die Öffentlichkeit, arbeiteten weiter und hofften, dass sie sie lesen würden.

Ende Mai erhielt ich eine E-Mail von Leslie Stretch, dem CEO von „Medallia“, einem weltweit tätigen US-Unternehmen für Kundenanalysen mit Sitz in den USA. Sie bestand aus nur einer Frage: „Gibt es noch Sponsoring-Möglichkeiten?“ Nur wenige Tage später sagte Medallia zu, meine Kampagne als Hauptsponsor zu unterstützen. Der Vertrag wurde noch im selben Monat unterzeichnet. Von diesem Moment an verlief mein Vendée-Globe-Projekt in völlig neuen Bahnen.

Leslie Stretch, ein geradliniger, freundlicher Schotte, war auf beeindruckende Weise entschlossen. Bei unseren ersten Zoom-Gesprächen haben mich seine direkten Fragen und seine Klarheit regelrecht eingeschüchtert. Doch je besser ich ihn kennenlernte, desto mehr verstand ich: Ich konnte ganz offen mit ihm reden, erklärte ihm mein Angebot, den geplanten Einsatz des Budgets und den Mehrwert, den ich zurückgeben würde.

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie groß meine Dankbarkeit und mein Respekt für seine Entscheidung waren, meine Kampagne zu unterstützen. Bis heute ist er einer meiner größten Fürsprecher, der es mir ermöglicht hat, mein Potenzial voll auszuschöpfen.

Kurz nach Medallia kam ein weiteres Unternehmen mit an Bord: die US-amerikanische Softwarefirma „Smartsheet“ als Silbersponsor. Mit dem nun gesicherten Budget konnte ich endlich wieder in die superbigou investieren. Joff und ich planten alle Maßnahmen, die in der verbliebenen Zeit realistisch umsetzbar waren, und begannen damit, neue Ausrüstung zu bestellen: neue Segel, ein neues Rigg, einen Autopiloten und alle modernen Instrumente, um nur ein paar zu nennen.

Erstmals konnte ich auch ein festes Team für die Kampagne einstellen. Voller Freude bot ich Paddy Hutchins, einem der jungen Freiwilligen, die 2019 mit angepackt hatten, eine Vollzeitstelle an. Zwar floss der Großteil unseres Budgets weiterhin in die Technik, doch endlich ließ sich auch das administrative und geschäftliche Fundament stärken. Meine rechte Hand, Lou Adams, die bis dahin ehrenamtlich gearbeitet hatte, erhielt eine Teilzeitstelle. Lou, Ärztin und Seelenverwandte, hatte ich Jahre zuvor über ihren Mann kennengelernt. Er betonte stets, wie erschreckend ähnlich wir uns seien: zwei entschlossene Frauen, die sich von niemandem Grenzen setzen lassen. Und damit hatte er recht.

Es blieben noch vier Monate bis zum Start der Vendée Globe: Wir verfügten über ein motiviertes Team und ein voll ausgestattetes Boot. Endlich konnte ich wieder aufs Wasser, um zu trainieren. 18 Monate härtester Arbeit zahlten sich aus. Unzählige Menschen haben mich auf diesem Weg begleitet, mir die Kraft und den Mut gegeben, weiterzumachen, auch wenn die Umstände dagegensprachen. Ich würde sie gern alle namentlich nennen, doch die Liste wäre zu lang. Ich bin zutiefst dankbar dafür, aus nächster Nähe zu erleben, was Menschen leisten können, wenn sie selbstlos handeln. Und eines ist absolut sicher: Allein wäre ich niemals so weit gekommen.

kapitel 2 Mit ungleichen Waffen

Ohne viel Aufsehen liefen wir in Les Sables-d'Olonne ein, ein Fischerhafen an der westfranzösischen Atlantikküste, der in den kommenden drei Wochen unser Zuhause sein sollte. Kaum angekommen, ordnete unser technischer Direktor an: Sofort umdrehen, zurück aufs Meer! Es war nämlich Niedrigwasser, und mit unserem tief gehenden Kiel konnten wir nicht in den Hafen. Wären wir in der Einfahrt aufgelaufen, hätte uns jemand rammen können. Dann wäre alles vorbei gewesen.

Wir hatten die letzten neun Monate nicht damit verbracht, die superbigou bis ins letzte Detail vorzubereiten, nur um unsere Vendée-Globe-Chancen durch eine Kollision zunichtezumachen. Das Rennen von 2008 hatte jeder noch vor Augen, als die hugo boss nach dem Zusammenstoß mit einem Fischtrawler ihren Mast verlor. Unter genau solchen Umständen, wie wir sie jetzt hatten.

In den frühen Morgenstunden stand das Wasser endlich hoch genug. Mit Paddy Hutchins, unserem jungen Freiwilligen, brachte ich die superbigou zurück in den Hafen. Zum Glück konnten wir im Schutz der Dunkelheit den Kanal hinauftuckern – ich hasse es nämlich, fotografiert zu werden. Selbst in meinen besten Momenten fühle ich mich unter Beobachtung unwohl. Ohnehin kam ich gerade kaum damit klar, jetzt wirklich hier zu sein. Ich hatte angenommen, dass mich beim Einlaufen in diesen Hafen, nach all den Jahren des Kämpfens, eine Woge der Gefühle erfassen würde. Les Sables-d'Olonne war für mich so etwas wie heiliger Boden. Doch als wir im Dunkeln durch den Kanal glitten, wirkte alles seltsam irreal, fast geisterhaft. Als hätte ich einen Schritt in ein Leben getan, das gar nicht meines war. Am Steg wartete mein kleines, frierendes Team, das mit Transportern und Ausrüstung schon vor uns angekommen war. Sie strahlten mich an: Pip, du hast es geschafft!

In Frankreich ist die Vendée Globe das populärste Sportereignis gleich nach der Fußball-Weltmeisterschaft, den Olympischen Spielen und der Tour de France. Mein Name, gemeinsam mit denen der 32 anderen Seglerinnen und Segler, die an diesem außergewöhnlichen Rennen teilnahmen, würde bald Millionen von Menschen ein Begriff sein. Das Rennzentrum zieht normalerweise schon drei Wochen vor dem Start über drei Millionen Besucher an. Ich konnte das alles kaum fassen. Solche Zahlen waren für mich bisher bloß Statistik – Kennzahlen, die ich in meinen Präsentationen für Sponsoren nannte. Und nun war alles, wovon ich geträumt hatte, Wirklichkeit.

Eines der Industriegebäude am Rande des Regattadorfs war mit einer riesigen Wandmalerei verziert. Zwischen den Porträts der 33 Skipperinnen und Skipper prangte mein Gesicht – ich, im Großformat grinsend. Das Bild stammte von einem meiner allerersten Trainingsschläge mit der superbigou. Ich kurbelte an einer Winsch, lachte in die Kamera. Sorglos und glücklich wirkte ich. Aber ich erinnere mich noch genau an diesen Moment, an das Ziehen in meinem Magen, an meinen Unwillen, fotografiert zu werden und diesen kleinen Teufel auf meiner Schulter, der mir zuflüsterte, ich sei nicht gut genug. Nur eines würde den Teufel zum Schweigen bringen: wenn ich das Rennen erfolgreich beendete.

Am nächsten Morgen war ich noch vor dem ersten Andrang im Regattadorf, um mir in Ruhe einen Überblick zu verschaffen. Als ich die Gangway zum Steg hinabging, lagen vor mir IMOCA-Yachten – 60 Fuß lang, gebaut für den härtesten Einhandregattakurs der Welt, schimmernd im matten Grau dieses Herbstmorgens. Ehrfurcht erfüllte mich. Für einen Moment fühlte ich mich wieder wie ein staunender Fan. Diese eleganten Hochseeracer, gebaut für Höchstgeschwindigkeit unter Extrembedingungen, waren schneller als jedes Einrumpfboot vor ihnen. Mehr als die Hälfte der Flotte war mit Foils ausgestattet – flügelähnlichen Auslegern, die seitlich aus dem Rumpf ragen. Bei hoher Geschwindigkeit erzeugen sie genug Auftrieb, um das zehn Tonnen schwere Boot vollständig aus dem Wasser zu heben und es bis zu zwei Meter über der Oberfläche fliegen zu lassen. Früher hätte ich mich in eine lange Fan-Schlange eingereiht, nur um einmal eine IMOCA aus der Nähe zu sehen. Jetzt aber ging ich den Steg entlang zur superbigou, dem Oldtimer der Truppe, meiner in die Jahre gekommenen Heldin. Sie hatte eine regelrechte Cinderella-Verwandlung hinter sich. Durch meine eigene Unsicherheit kam sie mir jetzt kleiner vor als alle anderen. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich in solchen Momenten winzig fühlte, wie das kleine Schwesterchen auf dem Dreirad, das wild strampelt, um mit den großen Jungs auf ihren Zweirädern Schritt zu halten. 2019 war ich zu jeder Veranstaltung gefahren. Mein Boot war mit bunten Aufklebern übersät, die früheren Sponsorenlogos auf den Segeln hatte ich kurzerhand mit Farbe aus dem Baumarkt überstrichen. War es vermessen, möglicherweise sogar eine Provokation für die Konkurrenz, dass ich ernsthaft daran glaubte, mich mit einem 21 Jahre alten Boot und ohne nennenswertes Budget für die Vendée Globe zu qualifizieren? Vielleicht.