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Wer öfter mit der Bahn unterwegs ist, kennt sie alle: die Smalltalker, die sich nie um ein Gespräch verlegen fühlen; die Pendler, die täglich mit grimmiger Routine ihren Platz verteidigen; die Esser, die genüsslich ihre Proviantboxen plündern … In dieser vergnügten Typologie der Bahngesellschaft werden die Eigenheiten und Marotten der Mitreisenden allesamt seziert und humorvoll aufs Korn genommen. Ob Sie sich als Musikfreund wiedererkennen, der seine Leidenschaft bedingungslos teilt, schon immer mit barbarischen Hundehaltern gehadert haben oder sich fragen, warum die Partykids immer in Ihrem Wagen landen – dieses vom Autor wundervoll illustrierte Buch ist ein ebenso kurzweiliger wie treffsicherer Reiseführer durch den Mikrokosmos des Fahrgastkabinetts.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2025
Oliver Weiss
In vollen Zügen
Oliver Weiss
In vollen Zügen
Menschen, denen man ohne Aufpreis auf jeder Bahnreise begegnet
Eine Typologie
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
Originalausgabe
1. Auflage 2025
© 2025 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Redaktion: Martin Spieß
Umschlaggestaltung: Oliver Weiss und Pamela Machleidt
Umschlagabbildung und Abbildungen im Innenteil: Oliver Weiss
Satz: Hannah Ecker
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-7423-2784-0
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-2598-0
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1. Kapitel
Auf der Strecke
Der Smalltalker
Wortbewegungsmittel
Der Musikfreund
Nachhalleluja!
Der Saubermacher
Glänzende Reise
2. Kapitel
Waggonfähig
Der Pendler
Täglich grüßt die Monatskarte
Der Manspreader
Darf’s ein bisschen mehr sein?
Der Radfahrer
Auf Gangschaltung
Der Schlepper
Ist das alles (von Ihnen)?
3. Kapitel
Bahnbrechend
Die Nachrechner
Schnäppchenjäger in Fahrt
Der Wirbelwind
Reiseschreck mit Babyspeck
Der Nerd
Experte in Welt(p)reisen
Der Graf-Bobby-Kenner
Einfach nicht zu bremsen!
4. Kapitel
Schienenspiel
Der Hundehalter
Pfotenregelung
Der Esser
Seinen Senf dazugeben
Der Zugbegleiter
Die Fahrkarten, bitte!
Der Telefonierer
Bahnbrechende Monologe
5. Kapitel
Wagenhaft
Der Katzenfreund
Auf alle Felle flauschig
Die Truppe
Kreuzzug der Krawallkaserne
Der Schnarcher
Akustische Entgleisung
Der Kranke
Gesundheit!
6. Kapitel
Abteilnahme
Die Let’s-Go-Europe-Reisenden
Paris was, like, amazing!
Die Partykids
Zuggedröhnt
Der Klogänger
Ist da noch frei?
Der Nichtrückwärtsfahrer
Immer die Nase vorn
7. Kapitel
Bahnvorstellungen
Der Lacher
Grinsende Gleisgaudi
Der Zutexter
Borderline-Propaganda
Das Liebespaar
Beziehungsgleise
Der TikToker
Digitaler Sonnenkönig
8. Kapitel
Fahrtenvielfalt
Der Aktenvernichter
Schnipseljagd auf Schienen
Der Workaholic
Immer auf der Überholspur
Der Körperpfleger
Schönheit bleibt nicht auf der Strecke
Der Comicleser
Asterix auf Achse
9. Kapitel
Art und Reise
Die Prenzlauer-Berg-Eltern
Wir! Haben! Recht(e)!
Der Welterklärer
Auf dem Abstellgleis der Geschichte
Der Eigenbrötler
Allein, aber nicht einsam
Der Zeitungsleser
Fernstreckenfeuilleton
10. Kapitel
Bahnsinn!
Der Angsthase
Alarmstufe Rot im Großraumwagen
Der Muttersprachler
Red’n S’ hoit amoi deitsch!
Der Nörgler
Weil der Kaffee wieder mal zu heiß ist
Der Vielflieger
Zugfahren dritter Klasse
11. Kapitel
Gleisklasse
Rätselkönig und Fernsehkenner
Gelöst ins Wochenende
Die Fitnessguerilla
Klimmzug um Klimmzug
Der Reaktionär
Früher war alles besser!
Der Petzer
Ordnungshüter in Fahrt
12. Kapitel
In vollen Zügen
Der Kommentator
Livestreaming von Allgemeinplätzen
Der Starrer
Blicke auf Abwegen
Der Dealmaker
Hochgeschwindigkeitshandschlaggeber
Der Gesangsverein
Schlagerexpress auf Schienen
Endstation, bitte alle aussteigen!
Danksagung
Es ist Gift für Vorurteile, Intoleranz und Engstirnigkeit – und nicht wenigen von uns täte das Reisen aus ebendiesen Gründen gut. Einen weltläufigen, vernünftigen und wohlwollenden Blick auf die Menschen und die Dinge kann nicht erlangen, wer sein Leben lang nie aus seinem Kaff herausgekommen ist.
– Mark Twain
»Einmal sollte man seine Siebensachen / fortrollen aus diesen glatten Geleisen«, dichtete Mascha Kaléko. Die Widrigkeiten der Reise erwähnte sie mit keinem Wort. Doch der versierte Zugfahrer kennt die Tücken der Schiene wie seine Westentasche: Die Enge überfüllter Waggons, weil mal wieder die Klimaanlage in Wagen 7 ausgefallen ist; verspätete Züge, die die Geduld zermürben wie Rost die Weichen; verpasste Anschlüsse, die die Suche nach Alternativverbindungen in ein heilloses Unterfangen verwandeln; defekte Toiletten, deren bitterer Duft wie Melancholie durch die Gänge weht; oder herrenlose Bordbistros, die die hungrigen Reisenden im Stich lassen – solche Widrigkeiten sind nur einige der Hürden, die den geduldigen Zugfahrer auf die Probe stellen.
Zwangsläufig wird man mit den Jahren zum philosophischen Schienenbeobachter: Wer bin ich und wenn ja, wohin fahre ich? Immer mit einem Ohr am Puls der Räder, hat man gelernt, die Tücken der Reise stoisch hinzunehmen wie unvermeidliche Schicksalsschläge – ein Spektakel des tagtäglichen Irrsinns, ein Kammerspiel menschlicher Abgründe, ein Panoptikum skurriler Charaktere. Vom schlechtgelaunten Nörgler zum penetranten Nichtrückwärtsfahrer, vom breitbeinigen Manspreader zum lärmenden Musikfreund, vom rastlosen Klogänger zum enthemmten Körperpfleger, vom übergriffigen Saubermacher bis zum selbstverliebten Tik-Toker – die Palette an die Nerven strapazierenden Zugreisenden ist schier unendlich. Auch saßen wir alle schon einmal dem panischen Angsthasen, aufdringlichen Smalltalker oder hinterhältigen Petzer gegenüber und haben uns vor Fremdscham gewunden, immer kurz davor, aus Verzweiflung die Notbremse zu ziehen.
Sich wie Kaugummi ziehende Verspätungen, heilloser Lärm und fehlende Privatsphäre im dichten Gedränge bringen so manchen homo viator während der Reise an seine psychischen Grenzen. Die Gründe hierfür finden sich in den Tiefen der menschlichen Natur. Denn verhaltensbiologisch sind wir mancherorts in der Steinzeit stecken geblieben, als sich die Aufmerksamkeit auf das nackte Überleben konzentrierte, die Welt voller Mammuts und Säbelzahntiger war und Konflikte durch Speer und Faustkeil ausgetragen wurden. Eingepfercht in die Enge des Großraumabteils schaltet unser Gehirn je nach charakterlicher Ausprägung gerne in den altbewährten Flucht- oder Kampfmodus. Die Anonymität im Zug tut ihr Übriges: Hemmungen fallen wie Dominosteine, die Selbstkontrolle gerät ins Wanken und soziale Normen werden kurzerhand über Bord geworfen. Trotz aller widrigen Umstände gilt für Mitreisende, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen. Denn was bleibt uns auch anderes übrig?
Viele der in dieser Typologie beschriebenen Verhaltensweisen werden Ihnen vermutlich bekannt vorkommen, und möglicherweise erkennen auch Sie selbst sich in der ein oder anderen Kategorie. Langweilig wird es während der Bahnfahrt bekanntlich selten!
Dass wir für die exotischen Darsteller unseres facettenreichen Kuriositätenkabinetts der Einfachheit halber meist die männliche Form wählen, soll übrigens nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle Geschlechter unangenehm auffallen können – selbstverständlich sind sie immer mitgemeint.
Auf der Strecke
Der Smalltalker
Wortbewegungsmittel
Im Zug nach Regensburg bekam ich einmal eine haarsträubende Geschichte aufgetischt, und das frei Haus: Die Großtante des Erzählers, die übrigens aus Weimar stammt beziehungsweise eigentlich aus Süßenborn, einer winzigen Gemeinde in der Region mit einem Gewerbegebiet an der B 7, einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert, einem eigenen Ortsteilbürgermeister und dem weltweit ersten Fundort des Steppenmammuts …
Diese Großtante jedenfalls soll angeblich eine Affäre mit niemand Geringerem als Helmut Kohl gehabt haben! Ich war skeptisch, aber natürlich zugleich neugierig und deshalb ganz Ohr, um keine Einzelheit zu verpassen. Erst am Ende des darauffolgenden quälend ausführlichen Berichts stellte sich heraus, dass der Helmuth Kohl in dieser Geschichte offenbar mit zwei H geschrieben wurde, einem vorne und einem hinten, und darüber hinaus Garten- und Landschaftsgestalter aus Lörrach war.
Smalltalk gilt über Ländergrenzen hinaus als die hohe Kunst gepflegter Oberflächlichkeit. Denn nicht jeder besitzt das Geschick, die Geduld seines Gesprächspartners mit Nebensächlichkeiten auf die Probe zu stellen, während gleichzeitig der Anschein erweckt wird, die angesprochenen Themen seien von herausragender Bedeutung. Nicht wenige Smalltalker (Chitchaterus superficialis) haben es zur regelrechten Meisterschaft gebracht, und die lässt sich allein durch jahrelanges Training erklären.
Wie eine Klette heftet sich der Smalltalker an arglose Passagiere. Als Meister des nie enden wollenden Redeflusses kennt er weder Punkt noch Komma oder Atempausen. Kaum in seine Fänge geraten, ist man dem bedauernswerten Schicksal ausgeliefert, ihm über den Großteil der Reise hinweg zuhören zu müssen – oder genauer gesagt, ihm dabei zuzuhören, wie er sich selbst reden hört. Seine Sätze gleichen einer kunterbunten Artistentruppe aus Worthülsen, die atemlos durch die Luft wirbeln, ohne je in geordneter Formation zu landen.
Schon bevor der Zug überhaupt losfährt, wirft der Smalltalker auf der Suche nach einem nichtsahnenden Gesprächspartner die Leinen aus. Sein Blick wandert durch die Sitzreihen: Vielleicht trägt jemand eine auffällige Jacke oder liest ein interessantes Buch? Dann geht er zum Plauderangriff über. »Entschuldigung, störe ich vielleicht?«, fragt er mit gespielt unschuldiger Miene, während er sich im Sitz nebenan niederlässt und natürlich genau weiß, dass er stört.
»Sorry, aber ich muss Sie einfach fragen: Was lesen Sie denn da Spannendes?«
Anschließend nimmt er den Fahrgast in die Mangel und bohrt mit Fragen nach Herkunft und Beruf. Feedback des Zuhörers ist dabei weder erforderlich noch gewünscht, denn der Smalltalker nutzt sein geheucheltes Interesse lediglich als Sprungbrett, um von sich selbst zu berichten.
Jede Geste aufseiten seines Publikums missversteht er als Einladung für eine weitere Anekdote aus seinem schier unerschöpflichen Erfahrungsschatz. Wie ein Schneepflug arbeitet er sich durch alle erdenklichen Themen, die ihm in den Sinn kommen, und breitet sein gesamtes aufregendes Leben aus wie ein versierter Flohmarkthändler den Trödel. Neben Klatsch und Tratsch, Familie, Nachbarn und Job lässt er auch Politik, Religion und Sex nicht unerwähnt. Seine Weisheiten sind so beliebig wie ein Instagram-Like, oft angelesen oder aus zweiter Hand.
Dabei neigt er gerne zu Allgemeinplätzen. Floskeln wie: »Das ist ja auch immer so eine Sache …« oder: »Meine Herren, neulich die Grünen in Bremen wieder …« lassen den Tiefgang seiner Ausführungen erahnen.
Von seiner Sammelleidenschaft für Kühlschrankmagnete aus sozialistischen Ländern bis hin zu den Tücken seiner Verdauung, die ihn alle halbe Stunde zur Toilette rufen (deren Erfolgsbericht er Ihnen selbstverständlich nicht vorenthalten wird) – der Smalltalker kennt keine Grenzen, wenn es darum geht, Privates mit Wildfremden zu teilen.
Er macht viel Wind über die Cousine, die sich vor Kurzem ein nagelneues Auto gekauft hat, das offenbar rot ist und vier Räder besitzt, und trägt bierernst seine auf schlechter Erfahrung beruhende Erkenntnis vor, dass man in Kenia den Rotwein nicht trinken könne. Neulich zwang er mir sogar die Lebensgeschichte von Britta auf – Britta machte dies, Britta machte das, Britta, Britta, Britta! Sie fragen: Wer in Gottes Namen ist diese Britta? Woher zum Teufel soll ich das wissen?
Der Smalltalker tritt in den verschiedensten Gestalten auf: als junger Backpacker, der von seinen Abenteuern in Französisch-Polynesien schwärmt; als passionierter Hobbykoch, der sein Rezept für selbst gemachte Ziegenfrischkäsemousse mit Kürbispesto erläutert; oder als ältere Dame, die von ihrer letzten Städtereise berichtet (ein winziger Ort in Südtirol, in dem es nur eine einzige Ampel gibt), von ihren Hobbys (Flamingofiguren) und anderweitigen Interessen (Haare von Prominenten sammeln). Alle eint der Wunsch, ihre Geschichten zum Besten zu geben und obendrein ihre und unsere Zeit während der langen Fahrt totzuschlagen.
Die Großtante aus Süßenborn ging am Ende übrigens sogar den heiligen Bund der Ehe mit dem Garten- und Landschaftsgestalter Helmuth Kohl aus Lörrach ein, weil der die Fingerfertigkeit beherrschte, ihren Schrebergarten in kürzester Zeit in blühende Landschaften zu verwandeln.
Der Musikfreund
Nachhalleluja!
Im Doppelstockwaggon von Magdeburg nach Dresden flackert milchiges Sonnenlicht durch die unscharf vorbeiziehenden Baumkronen hinter dem Fenster. Zwei Sitze von mir entfernt hat ein junger Mann Platz genommen, einen abgewetzten Lederranzen neben sich. In »What’s Love Got to Do with It, Got to Do With It?« auf seinem Display versunken, wippen seine verstrubbelten Haare im Takt, während sich ein entrücktes Lächeln von einem Ohr zum anderen zieht. Seine ungebremste Begeisterung für Tina Turners kraftvolle Stimme will er unter keinen Umständen eigennützig für sich behalten, weshalb er auf Kopfhörer verzichtet.
Wenn absolute Stille Musik in Ihren Ohren ist, sollten Sie den Musikfreund (Melomanus decibellus obturator) um jeden Preis meiden. Der selbst ernannte Tonkünstler fühlt sich nämlich dazu berufen, seine handverlesenen musikalischen Preziosen dem gesamten Abteil aufs Ohr zu drücken. Ob Rap, Reggae oder Punk – als ausgemachter Kenner vielfältiger Genres kennt er keine Schranken und präsentiert seine Klanglandschaft mit der Inbrunst des geborenen Entertainers. Sein künstlerisches Selbstbewusstsein misst sich in Dezibel.
In der harmloseren Variante verschanzt er sich zwar hinter seinem Headset, summt Melodien und Texte dabei jedoch deutlich hörbar mit – eine Geräuschkulisse, die für viele Passagiere bereits an der Grenze des Erträglichen kratzt.
Im weitaus schlimmeren Fall erhebt der Musikfreund seine Leidenschaft hingegen zum öffentlichen Ärgernis, sobald er das Smartphone mit seiner Bluetooth-Box koppelt. Unbarmherzig hämmern dann die auf Maximum geregelten Lieblingssongs in die Hörkanäle aller Anwesenden, denen die Flucht vor seinem akustischen Bombardement verwehrt bleibt.
Die Reaktionen sind so gemischt wie seine Musikauswahl: Während die Fensterscheiben fröhlich im Takt der Bässe vibrieren, pressen einige konsterniert die Lippen zusammen. Manche trommeln rhythmisch auf den Klapptischen, was ihre heimliche Begeisterung für den aufgelegten Beat nahelegt. Andere wiederum verhalten sich, als litten sie unter akutem Hörsturz, und zeigen nicht die geringste Regung.
Speziell ausgewiesene Ruhezonen, in denen das Abspielen von Musik auf mobilen Geräten nach den Angaben der Deutschen Bahn zwar »nicht erwünscht«, aber auch nicht untersagt ist, werden für den leidenschaftlichen Musikfreund als Einladung zur Auflehnung gegen das Establishment im Allgemeinen und im Zugabteil im Speziellen verstanden. Die Lärmschutzgesetzgebung ist für ihn eine überflüssige Barriere auf dem steinigen Weg zur uneingeschränkten Selbstentfaltung. Die Empörung der anderen Fahrgäste, die vergeblich auf eine ruhige Fahrt hoffen, nimmt er gelassen in Kauf.
»Kann es, verehrtes Hohes Gericht, ein Verbrechen sein, guten Geschmack sein Eigen zu nennen?« Für den geborenen Connaisseur läge das eigentliche Verbrechen doch zweifellos eher darin, der Schienenwelt seinen ausgezeichneten Geschmack vorzuenthalten. Mit theatralischer Geste wirft er im Gerichtssaal die Hände in die Luft: »Wenn dem so ist, Herr Richter, bekenne ich mich schuldig im Sinne der Anklage!«
Belanglose Unterhaltungen werden in den Ohren des Musikfreunds ohnehin überbewertet. Das Repertoire seiner in stundenlanger Kleinarbeit erstellten Playlistperlen reicht von Thrash Metal und Grindcore über Rock und Pop, von R&B und Hip-Hop über Techno und Funk bis hin zu Indie-Folk und Deep House. Lediglich Jazz und Klassik finden in seiner Sammlung eher selten Platz, weil das für den jungen Audiosaurus Rex »was für alte weiße Männer ist«.
Er sieht sich als »Robin Mood« von Soundwood Forest, als edlen Rebellen, der die kulturell Armen und Bedürftigen auf dem Weg der Umverteilung mit der Ausbeute an Schätzen seiner Klangwelt beglückt. Auch wenn sie bisweilen dazu gezwungen werden müssen, sein großzügiges Geschenk anzunehmen, bereichert er ihr Leben durch die universell verständliche Sprache der Musik. Mühelos überwindet er die mit einem »Psst …«-Symbol markierten Beschränkungen des Gangbereichs und verbindet fremde Fahrgäste zu einer unfreiwilligen Schicksalsgemeinschaft.
Psychologisch betrachtet könnte man das Verhalten des Musikfreunds als eine Form übertriebener Selbstwahrnehmung verstehen. Mit dem Smartphone als Zepter ist er vom unerschütterlichen Glauben an die transformative Kraft seiner musikalischen Vorlieben beseelt. Immun gegenüber sozialen Signalen kann er bei seiner Mission verständlicherweise keine Rücksicht auf individuelle Vorlieben anderer nehmen. Auch Missbilligung schreckt ihn nicht ab, sondern bestärkt ihn vielmehr in dem Glauben, dass seine musikalische Botschaft noch nicht die angemessene Wertschätzung erfahren hat. Wenn er schon nicht die gesamte Menschheit retten kann, so will er zumindest den Passagieren im geschlossenen Abteil des Zuges den Gefallen tun!
Um die Fahrt mit dem Musikfreund seelisch unbeschadet zu überstehen, bleiben uns zwei Optionen: Entweder wir behelfen uns zur Schalldämmung mit Ohrenschützern – oder wir treten im Wettbewerb gegen ihn an. Schließlich ist er weiß Gott nicht der Einzige, der ein Handy oder Bluetooth-Lautsprecher in der Tasche trägt. Soundcheck, liebe Mitreisende, Soundcheck! Tschaikowski gegen Taylor Swift, Josephine Baker gegen Jay-Z, Heino gegen Haftbefehl! Frei nach Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem: »Freche Sünder werden zittern / vor des Zornes Ungewittern«.
Der Saubermacher
Glänzende Reise
Kaum hat er das Abteil betreten, sinkt die Temperatur selbst im Hochsommer innerhalb von Sekundenbruchteilen auf null Grad. Sein strenger Blick lässt jeden Passagier erzittern, denn augenblicklich steht man unter akribischer Beobachtung des Saubermachers (Puritatis custos magisterproperus).
Wie die Waffen des Cowboys sind Reinigungsmittel und Putzutensilien seine treuen Begleiter. Sobald er seinen Platz gefunden hat, fischt er antibakterielle Mikrofasertücher, Desinfektionsmittel, universelle Fleckenentferner und doppelflächige Topfreinigerschwämme mit Griffrille aus seiner Tasche und wischt wie ein Wirbelwind über Polster, Armlehnen und Tisch. Auch schwer erreichbare Ecken und Kanten entgehen seinem wachsamen Auge nicht.
Selbst die Fenster werden geschrubbt, als befürchte er, dass Viren durch die Scheiben drängen und uns alle töten könnten. Kein Fleck, der nicht radikal ausgemerzt wird, bevor er sich niederlässt und die Fahrt endlich ihren makellosen Lauf nehmen kann.
»Geschafft!«, seufzt er dann und sinkt in seinen porentief gereinigten Sitz.
Doch auch während der Fahrt scannt der Hercule Poirot der Eisenbahn unermüdlich seine Umgebung mit scharfem Blick, immer auf der Suche nach Verbesserungspotenzial. Wie besessen davon, jedes noch so winzige Bakterium in seiner Sichtweite auszulöschen, das sich heimlich auf den Sitzbezügen niedergelassen hat, setzt er unermüdlich Sprays und Reinigungstücher ein, um die Umgebung zu desinfizieren. Niest oder hustet jemand in seiner Nähe, zögert er nicht, sein komplettes Arsenal an Abwehrmitteln einzusetzen, um die drohende Katastrophe abzuwenden.
Der Saubermacher ist Experte für Fensterreinigung, Teppichreinigung, Polsterreinigung, Fleckenentfernung, Kühlschrankreinigung, Mikrowellenreinigung, Backofenreinigung sowie professionelle Entkalkung. Darüber hinaus beherrscht er Fachkenntnisse in Bereichen wie Sterilisation, Oberflächenversiegelung, Schimmelpilzentfernung, Lüftungsreinigung, Hygienemanagement und Geruchsbeseitigung. Doch sein Wissen beschränkt sich nicht nur auf Haushaltsfragen. Als Hobbywissenschaftler hat er sich dem Studium der Mikroben verschrieben. Über Keime, Milbenkot, Sporenverbreitung und die Kontamination der Lunge durch verunreinigte Luft weiß er alles, was es zu wissen gibt.
Covid-19 war für den Saubermacher das Beste, was ihm passieren konnte. Seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, fühlte er sich endlich vonseiten der Gesellschaft und Politik verstanden. Akribische Desinfektion, die zuvor als übertrieben abgetan worden war, wurde nun als notwendig, ja als vorbildlich verstanden.
Während viele andere die drakonischen Auflagen als Belastung empfanden, blühte der Saubermacher regelrecht auf. Das Tragen einer Maske war nicht länger ein Zeichen von Schwäche, sondern notwendige Verteidigung gegen die unsichtbare Bedrohung durch die Mikrobiologie, vor der er schon immer gewarnt hatte. Sein Sachverstand über Keime, Viren und Bakterien war gefragt wie nie zuvor und von ihm seit Langem praktizierte Reinigungsrituale wurden über Nacht zum internationalen Standard. Die Pandemie wurde sein Triumphzug. Es waren seine besten Jahre.
Als Gralshüter von Disziplin und Ordnung setzt der Saubermacher alles daran, die Welt in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als er sie vorgefunden hat – einem gründlich gesäuberten nämlich. Mit einem sechsten Sinn für Unordnung ausgestattet, markiert er sein Revier, indem er mit aufopferndem Eifer unermüdlich scheuert und wischt – nicht nur, um seinen eigenen Platz im Zug zu verteidigen, sondern darüber hinaus zu signalisieren, wer hier das Sagen in Sachen Sauberkeit hat.
Sollte es jemand wagen, die Füße auf das Polster zu legen, greift er unverzüglich ein. Lässt jemand versehentlich den Krümel eines glasierten Hefedonuts fallen, wird der Übeltäter augenblicklich zur Rede gestellt und zur ordnungsgemäßen Entsorgung im Mülleimer genötigt. Der Saubermacher nimmt seine Rolle als selbst ernannte Reinigungsfachkraft überaus ernst und würde nie zulassen, dass jemand die von ihm erstellte Ordnung stört.
Immerhin meint er es ja nur gut. Unter dem sterilen Regiment des Saubermachers darf man sich ohne Weiteres aufgehoben fühlen – solange man keinen Widerspruch aufkeimen lässt.
Waggonfähig
Der Pendler
Täglich grüßt die Monatskarte
Mit steif gefrorenen Fingern klammert man sich am Geländer fest, während einem der eisige Wind um die Ohren pfeift. Die Temperatur liegt knapp unter null. Angespannt tritt man von einem Bein aufs andere, den frostigen Blick starr auf die blaue Anzeigetafel gerichtet, die die quälende Wahrheit enthüllt: Verspätung! Wieder einmal. Da die Wege der Deutschen Bahn unergründlich sind, bleibt einem nichts weiter übrig, als den karierten Schal fester um Gesicht und Kragen zu ziehen und der Dinge zu harren, die da kommen – bis endlich die schwammige Silhouette aus Freilassing in der Ferne des Gleisbetts auftaucht, ein matter Fixpunkt in der grauen Morgendämmerung des Berufsverkehrs.
Mit einem erleichterten Seufzer entert man das stählerne Labyrinth des Waggons und kämpft sich, den Rucksack fest umklammert, durch die Pendlermassen, die wie ein nicht enden wollender Strom von Blattschneiderameisen durch die Gänge wogen. Kaum hat man Platz genommen, heften sich die versteinerten Gesichter der Passagiere augenblicklich wie hypnotisiert auf die mitgebrachten Handys und Laptops. Die Luft ist erfüllt von gedämpftem Gemurmel, dem rastlosen Tippen auf Tastaturen und dem Pappbechergeruch frühmorgendlichen Instantkaffees.
Längst ist der Zug des Pendlers (Commutator pendularius pauschalis) zweites Zuhause geworden. Denn wie ein gut geöltes Uhrwerk, als wäre sein Körper bereits mit der Maschinerie verwachsen, verläuft jeder Morgen, wenn nicht gerade Wochenende ist, bis aufs Haar genauso wie der Morgen zuvor und der Morgen danach. Die tägliche Reiseroute hat sich mit den Jahren dergestalt in seine Gehirnwindungen eingeschliffen, dass er sie mit verbundenen Augen zurücklegen könnte. Jeder Handgriff sitzt automatisch, während Frühstücksbrote ausgepackt und verzehrt werden, die aus immer denselben Zutaten bestehen (wahlweise Salami oder Käseaufschnitt). Wie ein Roboter auf Standby, ohne erkennbare menschliche Regung, hält der Pendler dem gleichermaßen kontrollierten Zugpersonal sein Monatsticket unter die Nase. Kurz vor der Ankunft am Zielbahnhof werden die mit flimmernden Nachrichten gefluteten Computerbildschirme mit einem Klack zugeklappt.
Dass Pendler zur Rudelbildung neigen, liegt in der Natur der Sache. Denn viele arbeiten für dieselbe Firma – und oft genug auch in denselben Bürokabinen –, deren Mitarbeiter jeden Werktag am Bahnsteig eingesammelt und wieder ausgespuckt werden. Zwar gilt als allgemeines Gesetz der Höflichkeit, in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht unangenehm aufzufallen. Aber daran muss sich der Pendler verständlicherweise nicht halten. Dadurch, dass er jahrein, jahraus dieselbe Strecke befährt, hat er nach eigenem Dafürhalten im Laufe der Zeit bestimmte Sonderrechte erworben, die herkömmlichen Normalfahrern nicht zustehen. Schon die Klingeltöne mancher Handys sind ein Alarmsignal: lautes Entengequake für den Ehepartner, das Thema aus Game of Thrones für den Kegelclub und »Another One Bites the Dust« für den Arbeitgeber. Wer so wenig Rücksicht auf seine Umgebung nimmt, verliert auch in anderen Situationen schnell die Fassung. Sobald er einen provozierenden Kommentar im Intranet liest, dem er nicht zustimmt, lässt der Pendler deshalb seinem Ärger gerne in Form einer Schimpftirade freien Lauf.
Gestresst und hundemüde hat er sich bereits vor Jahrzehnten seinem Schicksal gefügt und bestreitet Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr im immer gleichen Trott seinen Weg zur Arbeitsstätte und wieder zurück. Mit einem Ausdruck so leer wie die Excel-Tabellen auf seinem Bildschirm blickt er aus dem Fenster, als warte er darauf, dass sich ihm eine neue Welt offenbare. Dabei ändern sich jedoch allein das Wetter und die Jahreszeiten.
