Individuelles Einzelcoaching für Arbeitssuchende - Sabine Mertel - E-Book

Individuelles Einzelcoaching für Arbeitssuchende E-Book

Sabine Mertel

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Beschreibung

Arbeit respektive Erwerbsarbeit hat in post-modernen Gesellschaften einen hohen Stellenwert, denn neben der Existenzsicherung bedeutet Arbeit auch Selbstwert, Sinnhaftigkeit sowie Anerkennung. Arbeitslosigkeit hingegen stellt ein Risiko sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung dar - vor allem für Arbeitssuchende mit Vermittlungshemmnissen und psychischen Beeinträchtigungen sowie Erkrankungen. Das Angebot "Individuelles Einzelcoaching" versteht sich als Maßnahme zur Stabilisierung und Integration in den Arbeitsmarkt von Menschen mit multiplen Problemen. Das Projekt wurde mittels qualitativer dialogischer Evaluation erforscht, um systematische Informationen zur Bedeutung, zum Fortschritt, zur Wirksamkeit und zur Effizienz des Angebotes zu erhalten.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Abbildungsverzeichnis:

Statusnotizen im Forschungsprozess

Konzeption

Projektverlauf

Forschungskontext

Postmoderne Gesellschaften

Arbeitslosigkeit

Begriffsbestimmung

Studien

Weiterführende Studien

Teilhabe

Befähigung

Biografizität

Gesundheit

Forschungsziele und Fragestellungen

Erhebungsmethode – Problemzentriertes Interview

Erhebungsmethode – Expert*inneninterview

Auswertungsverfahren – Grounded Theory Method (GTM)

Transkription

Case Report Form

Ergebnissicherung

Qualitative Auswertung der Experteninterviews

Individuelles Einzelcoaching

Arbeitsalltag und Tätigkeitsspektrum

Professioneller Habitus und Methodenspektrum

Modulangebote und Coachingpraxis

Wirkweisen und Veränderungsbedarfe

Qualitative Auswertung der Teilnehmer*inneninterviews

Biografische Entwicklungslinien

Arbeitslosigkeit und Arbeits(wieder)aufnahme

Soziale Netzwerke und Beziehungen

Gesundheits- und Krankheitskonzepte

Individuelles Einzelcoaching – Wirkweisen

Exkurs I. Fallportraits - Arbeitslosigkeit – psychische Erkrankung

Exkurs II. – Fallportrait- Biografizität im Spannungsfeld

Zusammenfassung zentraler Befunde

Quantitative Auswertung der Dokumentenanalyse – Graph. Darstellung

Basisdaten

Gesundheitliche Faktoren

Komorbiditäten

Zielerreichung und Ergebnisse des Einzelcoachings

Erkenntnisse aus Kleingruppenvergleichen

Gesundheitliche Faktoren zu Beginn des Einzelcoachings

Literaturverzeichnis

Die Autorinnen:

Abbildungsverzeichnis:

Abb.1: Übersicht Datenmaterial

Abb.2: Mehrebenenmodell

Abb.3: Wechselwirkung von Arbeitslosigkeit und Gesundheit

Abb.4: Forschungsdesign

Abb.5: Forschungsmethodologisches Vorgehen

Abb.6: Kodierparadigma

Abb.7: Resultate Expertenerhebung

Abb.8: Biografiemuster

Abb.9: Subjektive Konstruktionen von Arbeitslosigkeit

Abb.10: Soziale Netzwerke

Abb.11: Gesundheits- und Krankheitskonzepte

Abb.12: Wirkweisen des Einzelcoaching

Abb.13: Sozialpädagogische Implikationen des „Individuellen Einzelcoaching“

Statusnotizen im Forschungsprozess

Das Projekt „Mein Weg! Individuelles Einzelcoaching“ richtet sich an Arbeitssuchende mit schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen nach § 45 SGB III sowie an Menschen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen. Das Modellprojekt wurde vom Anbieter „daheim STATT HEIM“- Eingliederungshilfe von Mai 2015 bis Juli 2017 realisiert. Die rekonstruktive Begleitforschung des Angebotes erfolgte im Zeitraum von Januar bis Dezember 2017.

Als Vorlage für dieses spezifische Angebot diente ein Pilotprojekt, das als „psychosoziales Einzelcoaching für langzeitarbeitslose Menschen über 50 Jahre“ als Modellprojekt 2011 an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig in Kooperation mit dem Jobcenter Leipzig und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe entwickelt wurde. Dabei ging es um den Zusammenhang von psychischen Erkrankungen und Langzeitarbeitslosigkeit. Denn die Eindeutigkeit von Arbeitslosigkeit und psychischer Erkrankung ist nicht erwiesen, vielmehr können psychische Erkrankungen vor allem Depressionen zu Arbeitslosigkeit führen. Ziel des psychosozialen Einzelcoachings war, psychische Erkrankungen aufzudecken, um dann eine gezielte, individuelle Behandlung und psychosoziale Unterstützungsformen anzubieten, damit eine Arbeitsmarktvermittlung zu erreichen ist (vgl. Hegerl 2016: 15; vgl. Mertel 2016:2). Dieses Format wurde wiederum als Modellprojekt „Psychosoziales Coaching für Langzeitarbeitslose 50plus“ vom Bündnis gegen Depression Hildesheim e.V. in Kooperation mit dem Jobcenter Hildesheim realisiert.

Die Brisanz des Zusammenhangs zwischen Arbeitslosigkeit, schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen und psychischen Einschränkungen verdeutlichen die Angaben im Bundesgesundheitssurvey: Während 28,7 % der Erwerbstätigen zu 9,7 % affektive Störungen, zu 4,1% Alkoholerkrankungen und zu 12,5 % Angststörungen vorweisen, sind dies bei den Langzeitarbeitslosen insgesamt 60,6 %, die erkrankt sind. Dabei leiden 38,5 % unter affektiven Störungen, 8,7 % sind alkoholkrank und 18,3 % weisen Angststörungen auf (vgl. Rose/ Jacobi 2006). Arbeitslose Menschen, besonders Arbeitsuchende mit schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen, haben eine deutlich höhere Krankheitsanfälligkeit für Erkrankungen, vor allem für psychische Krankheiten, als erwerbstätige Personen. Das Risiko, so eine Metaanalyse, an Depressionen und Angststörungen zu erkranken, verdoppelt sich demnach. Die „Mortalität ist um das 1,6fache erhöht“ (Herbig 2013: 23). Anhand zahlreicher Reviews, lässt sich ein Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Krankheit, inklusive psychischer Erkrankung dokumentieren.

Paul und Moser (2009) konnten hinsichtlich psychischer Morbidität eine Prävalenz bei Erwerbstätigen von 16 % und bei Arbeitslosen von 34 % nachweisen. Während Erwerbstätige zu 6,9 % an Depression erkranken sind es bei Arbeitslosen 14 %. Margraf und Poldrack (2000) stellen ebenso für die Angststörungen eine Prävalenz bei Erwerbstätigen von 8,8 % und bei Arbeitslosen von 10,8 fest. Des Weiteren kommen in einer Übersichtsarbeit (Reviews der letzten zehn Jahre) Dragano et al. (2013) zum Ergebnis, dass bei Langzeitarbeitslosen 37 % einen Hinweis auf eine depressive Störung vorwiesen. In weiteren Einzelstudien zum Beispiel der Betriebskrankenkassen (Kliner et al. 2015) oder des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB 2010) zeigten sich ähnliche Ergebnisse.

Gleichermaßen stellt Arbeitslosigkeit ein Risiko sozialer Ausgrenzung (soziale Exklusion) dar, ausdrücklich aufgrund der Veränderung der Arbeitswelt, der Flexibilisierung von Arbeitsmärkten und Diskriminierung derjenigen, die über unzureichende Bewältigungsressourcen verfügen, um auf aktuelle gesellschaftliche Anforderungen reagieren zu können. Dabei zeigen sich in sozialwissenschaftlicher Perspektive vier Dimensionen der Exklusion: Ökonomische Ausgrenzung (Zugang zum Arbeitsmarkt; gesellschaftliche Rollen und soziales Ansehen, Verlust von Einkommen), institutionelle Ausgrenzung (Benachteiligung in der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen), soziale Ausgrenzung (soziale Isolation durch Verringerung sozialer Kontakte und Einengungen sozialer Beziehungen) sowie kulturelle Ausgrenzung (negative Etikettierung, Verlust, eigene Lebensziele nach gesellschaftlichen Möglichkeiten zu gestalten (Berger 2007). Somit lassen sich als psychosoziale Folgen der Arbeitslosigkeit generell die Viktimisierung wie auch gesundheitliche Belastungen festhalten. Die primäre Viktimisierung bezieht sich auf den Entzug positiver Funktionen von Arbeit sowie Chronizität des Stressors. Sekundäre Viktimisierung bedeutet, dass arbeitslose Menschen zunehmend Alltagssorgen und Krisen zu bewältigen haben, persönliche Ressourcen sich aber verringern und es zu Kontrollverlust und Hilflosigkeit kommen kann. Schließlich trägt die tertiäre Viktimisierung dazu bei, sich als Arbeitsloser inkompetent zu betrachten, weil die Arbeitssuche nicht bewältigt wird (Kieselbach 2006). Zentral werden daneben gesundheitliche Belastungen als Effekte der Arbeitslosigkeit auf den Ebenen der subjektiven Einschätzung des Gesundheitszustandes, Gesundheitsverhalten, gesundheitliche Beschwerden, Sterblichkeit sowie Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleitungen (ebd. 2006:2).

Konzeption

Das individuelle Einzelcoaching „Mein Weg!“ zielt auf die „Aktivierung und berufliche Eingliederung“ von Arbeitssuchenden mit schwerwiegenden Vermittlungshemmnissen (§ 45 SGB III)1, vor allem sollen Menschen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen bzw. „multiplen Problemlagen“ erreicht werden (Zimmermann 2015:2). Dabei werden die Teilnehmer*innen hinsichtlich Motivation und eigener Zielsetzungen gestärkt, um einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung oder eines Minijobs nachgehen zu können (ebd.). Die Arbeitssuchenden werden individuell beraten, damit persönliche Handlungskompetenzen stabilisiert und optimiert werden. Der Abbau der Hemmnisse und die Integration in den Arbeitsmarkt, als zentralen gesellschaftlichen Teilhabebereich, stehen im Mittelpunkt (ebd.). Das Einzelcoaching umfasst folgende inhaltliche Schwerpunkte:

Modul 1 - dient der der Profilerstellung und dem Aufbau einer Perspektive der teilnehmenden Person. Der Zeitrahmen für dieses Modul beträgt maximal 25 Stunden und umfasst die Erstellung von standardisierten Profillingbögen und Zielbestimmungen. Die Methodenwahl liegt beim Einzelcoaching, der Visualisierung und der Biographiearbeit. Die Grundlage des gesamten Prozesses ist die Profilerstellung. In der gemeinsamen Auseinandersetzung eigener Perspektiven, werden berufliche und persönliche Fähigkeiten und Potenziale bestimmt und es erfolgt eine Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte.

Modul 2 – umfasst maximal 30 Stunden und dient dem Bewerbungscoaching. Die dabei benötigten Materialien sind Musterbewerbungen sowie Internetdienste. Die Methodenwahl orientiert sich am Einzelcoaching und am Rollenspiel. Eine große Herausforderung für die Arbeitsuchenden ist die Erstellung aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen. Hier werden die Teilnehmenden durch die Beschaffung fehlender Unterlagen oder durch die Erarbeitung benötigter Daten unterstützt. Vorhandene Bewerbungsunterlagen werden geprüft und besprochen, sodass am Ende der Maßnahme die vollständigen Unterlagen elektronisch gespeichert und mitgenommen werden können. Möglichkeiten der Stellenrecherche werden vermittelt, indem auch eine Stärkung der PC und Internetkompetenz stattfindet. Die Arbeitsuchenden werden gezielt auf Bewerbungsgespräche vorbereitet, da meist erhebliche Schwierigkeiten aufgrund der persönlichen Problemlagen bestehen, diese Situationen zu meistern. Im Fokus stehen die Selbstdarstellung und die Vorbereitung auf mögliche Fragen und Erwartungen potenzieller Arbeitgeber, die in Rollenspielen geübt werden können. Eine assistierte Vermittlung (Begleitung zu Vorstellungsgesprächen) ist auf Wunsch des Teilnehmenden ebenfalls möglich. Ein weiteres Angebot ist das Bewerbungscoaching in Kleingruppen. Hierbei arbeiten zwei Betreuende mit vier Klienten zusammen. Das Rollenspiel kann dabei im geschützten Rahmen geprobt und direkt evaluiert werden, um einen positiven Lerneffekt zu erreichen.

Modul 3 richtet sich auf Selbstorganisation, indem mit maximal fünfundzwanzig Stunden Zielbestimmungen im Einzelcoaching fokussiert werden. Dieses Modul dient als vorbereitende Basis für Teilnehmende mit sehr großem Unterstützungsbedarf. Ausweglosigkeit, Überforderung und Frustration durch wiederkehrende Fehlschläge, sollen durch das Coaching mit individuellen und präventiven Möglichkeiten überwunden werden und auch im Nachhinein helfen, Dinge neu zu ordnen und Ziele in einem neuen Rahmen erreichbar zu machen.

Modul 4 zielt darauf, die Arbeitslosen in der gesundheitsförderlichen Gestaltung eigener Lebensbedingungen zu stärken. Krankheit erhöht das Risiko arbeitslos zu werden und Arbeitslosigkeit ist ein Risiko zu erkranken. Ganzheitliche Beratung im Einzelcoaching sowie die Betrachtung persönlicher Verhaltensmuster soll zum Angebot wohnortnaher Präventionsangebote anregen, um verbesserte Kompetenzen im Bereich der Gesundheitsprävention zu erlangen. Ein Erleben der Handlungsfähigkeit der eigenen Person, soll zum Erhalt der Erwerbstätigkeit beitragen. Ein zentraler Baustein dieses Moduls ist dabei Aktivierung und die Gesundheitsförderung. Das Angebot umfasst 30 h.

Modul 5 beinhaltet die praktische Erprobung, Vermittlung und Positionsbestimmung. Schließlich geht es in diesem Modul um die Vermittlung in weitere Maßnahmen (Arbeitsaufnahme). Ein Zeitrahmen von maximal dreißig Stunden und Materialien zur Zielbestimmung und zum Abschluss-bericht runden die Methodik des Einzelcoaching ab. Eine Reflexion zum Ende der Maßnahme zeigt den Grad der Zielerreichung, bestehende und vorangegangene Schwierigkeiten werden bestimmt, gemeinsam bewertet sowie neue Zielformulierungen abgeleitet. Eine Bewusstwerdung der Teilnehmenden wird verfolgt, um ersichtlich zu machen, welche Wege sie aus eigener Kraft und mit eigenen Erfolgen gemeistert haben. Es soll verdeutlicht werden, wie die Teilnehmenden selbst die Hauptverantwortung für ihr Leben übernommen haben. Somit werden auch die Vermittlungsbemühungen zum Ende der Maßnahme für die Arbeitsuchenden intensiviert. Intensive Unter-stützung bei der Stellenrecherche, gezielte Bewerbungen und Kontakte zu Arbeitgebern werden hergestellt. (Zimmermann 2015:12).

Der gesamte Zeitrahmen der Maßnahme richtet sich nach dem persönlichen Unterstützungsbedarf der Teilnehmer*innen und wird von der Integrations- oder Vermittlungsfachkraft der Agentur für Arbeit/ des Jobcenters festgelegt. Die Kernmaßnahme hat einen zeitlichen Umfang von 100 Stunden und erstreckt sich über drei bis sechs Monate, wobei maximal fünf Stunden pro Woche angesetzt werden (ebd.:13).

Als Zielgruppen für intensives sozialpädagogisches Einzelcoaching gelten:

Ältere Arbeitslose über 50 Jahren

Arbeitslose mit psychischen Erkrankungen/ Belastungen

Arbeitslose junge Erwachsene unter 25 Jahre

Arbeitslose mit Migrationshintergrund

Psychisch eingeschränkte Arbeitslose/ behinderte Menschen

Alleinlebende und alleinerziehende Arbeitslose

Geringverdienende in prekären Lebenssituationen

Berufsrückkehrende und Arbeitslose ohne Ausbildung

Langzeitarbeitslose

Menschen mit multiplen Integrationshindernissen

Ausbildungssuchende mit geringen persönlichen Kompetenzen (ebd.:7).

Im Rahmen eines Erstgespräches werden die Teilnehmer*innen hinsichtlich der zu erwartenden Leistungen und deren Ausgestaltung beraten. Den Teilnehmenden wird erläutert, dass eine offene und aktive Mitgestaltung sowie eine grundlegende Bereitschaft zur persönlichen Entwicklung ausschlaggebend für einen erfolgreichen Verlauf der Maßnahme sind. Liegt ein Vermittlungsgutschein (AVGS – MAT) vor, wird eine Vereinbarung zwischen dem Träger und den Teilnehmenden geschlossen, deren Inhalt die Datenschutzrichtlinien, Schweigepflicht und Rücktrittsrechte regelt. Die Teilnehmer*innen entscheiden sich anschließend zur Teilnahme an dem Programm. Die individuellen Problemlagen werden in einem Formblatt festgehalten, beim Träger vorgelegt und es erfolgt die Anmeldung der Maßnahme (vgl. Zimmermann 2015: 15).

Nach Beendigung der Maßnahme wird der Verlauf für die Auftraggeber*in im Rahmen des Qualitätsmanagements dokumentiert, um die Arbeitsschritte transparent zu halten. Als ergänzende Angebote kann eine nachgehende Betreuung realisiert werden, die die Teilnehmenden nach erfolgter Vermittlung als freiwilliges Angebot des Trägers nutzen können. Dabei sollen Vermittlungserfolge stabilisiert, gewonnene Perspektiven gestärkt und Krisen aufgefangen werden. Die Teilnehmenden können auch in weitere Hilfsangebote einbezogen werden. Diese erfolgen in Absprache mit den Mitarbeitenden der Agentur für Arbeit/ des Jobcenters beim Übergang in weiterführende Maßnahmen und Hilfen. Das System der Qualitätssicherung gründet sich auf den standardisierten und anerkannten Methoden des Modells der Norm DIN EN ISO 9001:2008. „Mein Weg! Individuelles Einzelcoaching“ ist als zugelassener Träger der Arbeitsförderung nach §178 SGBIII und §2 der AZAV für den Bereich „Aktivierung und Vermittlung“ zertifiziert (vgl. Zimmermann 2015: 26).

Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit (BFA) angeboten. Die BFA bietet unterschiedliche Möglichkeiten der Förderung bei Arbeitslosigkeit an. Zum Beispiel Angebote für Arbeitslose zur Jobsuche und individuelle Hilfen bei der Beantragung von Arbeitslosengeld II. Auch für den Bereich der Ausbildung, Schule und dem Studium stehen Hilfen zur Berufs-, und Studienwahl, zum Nachholen von Schulabschlüssen und Informationen zu Freiwilligen Diensten zur Verfügung. Ein weiterer Bereich ist die Unterstützung von Familien und Kindern. Hier können Kindergeld und Kinderzuschlag beantragt werden sowie Hilfen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorgehalten werden. Ebenfalls können individuelle Hilfeleistungen für Menschen mit Behinderungen, nach einem Unfall oder einer Erkrankung oder spezielle Hilfen wie auch persönliche Beratung und Unterstützung von der Agentur für Arbeit erbracht werden. Auch der Bereich der Karriere und Weiterbildung wird mit Angeboten zu Karrierepfaden und Online- Trainings begleitet und unterstützt. Für Menschen aus dem Ausland werden spezielle Sprach-, und Beratungsangebote, zur Anerkennung von Abschlüssen, Praktika und Leistungsansprüchen inszeniert (vgl. BFA 2016: o. S).

Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt ebenso Träger von Maßnahmen. Am Beispiel dieses Projektes ist es die Aktivierung und berufliche Eingliederung. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheine nur für zugelassene Träger bzw. für zugelassene Maßnahmen eingelöst werden können (§ 45 Absatz 4 SGB III).

Als Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung nach § 45 SGB III können Ausbildungssuchende, von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeitsuchende und Arbeitslose eine individuelle Förderung erhalten, die ihre passgenaue Eingliederung unterstützen. Die Agentur für Arbeit kann Träger und Arbeitgeber mit der Durchführung von Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung beauftragen. Die Regelung berücksichtigt auch die Unterstützung der Vermittlung in versicherungspflichtige Beschäftigung, analog dem bisherigen Vermittlungsgutschein zur Beauftragung eines Trägers (private Arbeitsvermittlung).

Maßnahmen bei einem Arbeitgeber können für die Dauer von bis zu sechs Wochen gefördert werden. Diese betrieblichen Maßnahmen können zur Feststellung der beruflichen Eignung in Bezug auf den Zielberuf oder auf die Zieltätigkeit durchgeführt werden. Die Verringerung und Beseitigung berufsfachlicher Vermittlungshemmnisse können auch Gegenstand der betrieblichen Maßnahme sein. Aufgrund des beruflichen Werdeganges und der beruflichen Kenntnisse entscheidet die Vermittlungs- und Beratungsfachkraft gemeinsam mit den Arbeitssuchenden in einem Beratungsgespräch, ob die Teilnahme an einer Maßnahme bei einem Arbeitgeber*in die beruflichen Eingliederungsaussichten deutlich verbessern können. Ein Rechtsanspruch auf eine Maßnahme bei einem Arbeitgeber besteht nicht.

Während der Teilnahme wird das zuletzt bezogene Arbeitslosengeld – sofern keine Ruhetatbestände bestehen – weitergezahlt. Daneben kann die Agentur für Arbeit die notwendigen Kosten, die im Zusammenhang mit der Maßnahmenteilnahme entstehen (z. B. Fahrkosten) übernehmen.

Die Teilnahme an einer Maßnahme bei einem Träger kann gefördert werden, wenn die berufliche Eingliederung unterstützt wird durch Heranführung an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, Feststellung, Verringerung oder Beseitigung von Vermittlungshemmnissen, Vermittlung in eine versicherungspflichtige Beschäftigung, Heranführung an eine selbständige Tätigkeit oder Stabilisierung einer Beschäftigungsaufnahme (vgl. BFA 2016:o.S.) Möglich sind auch Maßnahmen, die mehrere dieser Elemente beinhalten. Teile der Maßnahme können auch bei einem Arbeitgeber mit einer Dauer von bis zu sechs Wochen durchgeführt werden. Für die Durchführung und Organisation dieser Maßnahmeteile ist der/die Maßnahmeträger*in verantwortlich (vgl. BFA 2016).

Projektverlauf

Nach der Vorbereitungsphase startete im Januar die Evaluation des Projektes, um die Wirkungsweise des individuellen Einzelcoachings zu rekonstruieren. Dazu fand zunächst ein Informationsgespräch mit den Mitarbeiter*innen (Coaches) und der Projektleitung von „daheim STATT HEIM“ – Eingliederungshilfe statt. Im Anschluss erfolgte die Akquise potentieller Proband*innen der Studie mit folgenden Einschlusskriterien: Abschluss des Einzelcoachings bzw. Abschlussphase; Förderfähigkeit; Lebensalter; Familienstand; Geschlecht; Bildungsabschluss sowie Dauer der Arbeitslosigkeit. Die Auswahl erfolgte nach der Minimierung und Maximierung von Merkmalsausprägungen (Strauss 1994). Insgesamt wurden 59 Proband*innen zum Stichtag am 01.03.2017 erfasst. Davon wurden – entsprechend der Einschlusskriterien - 20 Teilnehmer*innen kontaktiert, von denen sich 12 Teilnehmende zum Interview bereit erklärten. Danach fanden mit diesen Akteur*innen problemzentrierte Interviews (Witzel 2000) im Zeitraum von April bis Juli 2017 statt. Anschließend konnten zwei Experteninterviews mit Akteur*innen der Einrichtung „daheim STATT HEIM“ – Eingliederungshilfe realisiert werden. Parallel zu den qualitativen Erhebungen und Auswertungen fand eine Dokumentenanalyse statt, die sämtliche Teilnehmer*innen (Gesamtzahl n=113) der Maßnahme bis zum Abschluss erfasste. Nachfolgende Analysekriterien wurden zugrunde gelegt: Alter, Geschlecht, Familienstand, Berufliche Qualifikation; Coachingzeitraum und Dauer, Förderfähigkeit, sozialpädagogische Intervention (Module), Gesundheitszustand/ Diagnostik, Coachingergebnisse (Vermittlung/ Therapie). Nachfolgende Datenmaterialien liegen vor:

Abb.1: Übersicht Datenmaterial

1 Das dritte Sozialgesetzbuch (SGB III) beschäftigt sich mit der Arbeitsförderung und der Aktivierung der beruflichen Eingliederung. Im § 45 SGB III werden alle Maßnahmen benannt.

Forschungskontext

Die qualitative Analyse ist in unterschiedliche Theoriekontexte eingebettet, die den wissenschaftlichen Rahmen darstellen. Auf der Makroebene geht es um die gesellschaftstheoretische Einordnung des Phänomens Arbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Prozesse der Exklusion. Daran anschlussfähig sind Aussagen zu Teilhabe (Bartelheimer 2015) und Agency (Scherr 2013) auch im Sinne des Befähigungsansatzes (Capability Approach nach Martha Nussbaum), die ebenso auf der Mesoebene in Hinblick auf die beteiligten Institutionen zu rekonstruieren sind. Schließlich lassen sich auf der Mikroebene die theoretischen Konstrukte zu Biografizität und Gesundheit darlegen, die unmittelbar die Akteur*innen in der Lebenswelt fokussieren.

Abb.2: Mehrebenenmodell (Bronfenbrenner 1981) u. eigene Darstellung

Auf der Mikroebene werden die unmittelbaren biografischen Erfahrungen sowie Interaktionssituationen (Familie, Freund*innen etc.) sichtbar. Auf der Mesoebene werden Wechselwirkungen zwischen den Akteur*innen und gesellschaftlichen Institutionen, somit Netzwerke offengelegt. Im Besonderen interessieren die Wirkweisen des ‚individuellen Einzelcoachings‘ für die einzelnen Teilnehmer*innen und deren subjektiver Erfolgswahrnehmung. Schließlich wirkt das Makrosystem als kulturelle Konstruktion und vermittelt Weltanschauungen (Bronfenbrenner 1981:42) über Arbeit als die zentrale Vergesellschaftungsinstanz.

Postmoderne Gesellschaften

Vor dem Hintergrund einer beschleunigten Veränderungsdynamik postmoderner Gesellschaften, ist es notwendig, sich seiner Identität und des Geworden-Seins (Biografie) zu versichern, um die Auflösung von Routinen, Handlungsunsicherheiten und Risiken zu balancieren (Beck). Die Pluralisierung von Lebensstilen führt dazu, biografische Prozesse als Bewältigungsaufgabe anzusehen und Lern-, Ressourcen- und Krisenpotenziale der Akteur*innen nachzuvollziehen (Alheit 1995). Die Biografie wird konstruiert, indem selektiv Ereignisse, Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt und mit Bedeutungen versehen werden. Biografien zwischen Wahrnehmung und Interpretation sind leibbezogen, subjektiv, gruppengebunden und bruchstückhaft (Dörr/ Fussenhäuser (2015:3). Gleichzeitig führt die Beschleunigung des gesellschaftlichen und sozialen Wandels (Familie; Werte; Arbeitsstrukturen; Demografie) zu einer Vermehrung von Optionen, die Entfremdung mit sich bringen. Entfremdung lässt sich in den Konstellationen „Machtlosigkeit“, „Selbst-Entfremdung“, „Isolation“, „Sinnlosigkeit“ und „Normverlust“ ausdrücken (Mirowsky/ Ross 1989). Bedeutsam werden Resonanzerfahrungen, die als „identitätskonstituierende Erfahrungen des Berührt- oder Ergriffenseins“ (Rosa 2012:8) gefasst und in der Analyse expliziert werden.

Arbeitslosigkeit

Arbeit wird in modernen Gesellschaften häufig mit dem Begriff Erwerbsarbeit bzw. Erwerbstätigkeit gleichgesetzt. Jedoch handelt es sich dabei vielmehr um „einen übergeordneten Begriff, der Erwerbstätigkeit einschließt, jedoch nicht darauf beschränkt ist“ (Jahoda 1983: 25). So kann zwischen dem engen und dem weiten Arbeitsbegriff unterschieden werden. Der enge Arbeitsbegriff beschränkt sich dabei auf Erwerbsarbeit, also auf Arbeit, die lediglich auf den Erwerb von Geldeinkommen ausgerichtet ist (Existenzsicherung). Der weite Arbeitsbegriff schließt neben der Erwerbsarbeit auch noch andere Formen von Arbeit ein, z.B. ehrenamtliche Arbeit (gemeinnützige Arbeit ohne Erwerbsziel), Hausarbeit (haushaltsbezogene Tätigkeiten wie Kochen, Reinigung, usw.), Familienarbeit (gemeint sind Tätigkeiten wie Kindererziehung, Pflege, usw.), Eigenarbeit, Alltagsarbeit (die Organisation des täglichen Lebens) oder Konsumarbeit (die Beschaffung von Gütern oder Dienstleistungen) (vgl. Voß 2006: 27f.). Somit ist der Arbeitsbegriff vielgestaltig und verweist sowohl auf individuelle Faktoren wie Anerkennung, Selbstwertgefühl und Zeitstruktur wie auch auf gesellschaftliche Faktoren wie Integration und Gerechtigkeit (vgl. Krebs 2002: 95ff.).

Begriffsbestimmung

Das Phänomen der Arbeitslosigkeit respektive Langzeitarbeitslosigkeit hat seit Anfang der 1980er Jahre stark an Bedeutung gewonnen, weil sich zu diesem Zeitpunkt eine „neue soziale Schicht der Dauerarbeitslosen“ (Vogel 2001: 152) herausbildete. Betrachtet man die Entwicklung seit der 2000 Wende so fällt auf, dass die Anzahl der Langzeitarbeitslosen in den darauffolgenden Jahren gestiegen ist und im Jahr 2006 einen Höchstwert von 1,86 Millionen erreichte. Seit 2007 sind sinkende Zahlen zu beobachten, wobei der Rückgang im Jahr 2009 aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise kurzzeitig stagnierte. Seit 2011 änderte sich die Anzahl Langzeitarbeitsloser nur unwesentlich und lag im Durchschnitt bei leicht über einer Million. Ein deutlicher Rückgang konnte im Jahr 2016 verzeichnet werden, sodass die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf unter eine Million gesunken ist (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017: 7). Insgesamt waren im Jahr 2016 im Durchschnitt 2,69 Millionen Menschen in Deutschland bei einer Agentur für Arbeit oder einem Jobcenter arbeitslos gemeldet; 993.000 Menschen galten als langzeitarbeitslos.

Die Begriffe Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit werden häufig synonym verwendet, haben jedoch unterschiedliche Definitionen und werden mithilfe unterschiedlicher Methoden erhoben. Für die Bundesrepublik Deutschland ergibt sich die rechtliche Definition der Arbeitslosigkeit aus dem SGB III. Als arbeitslos gilt demnach, wer vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht, eine versicherungspflichtige Beschäftigung sucht, sich persönlich bei einer Agentur für Arbeit oder einem Jobcenter als arbeitslos gemeldet hat und den Vermittlungsbemühungen zur Verfügung steht (vgl. § 16 SGB III). Trotz registrierter Arbeitslosigkeit kann eine Erwerbstätigkeit in einem Umfang von bis zu 15 Stunden pro Woche ausgeübt werden. Arbeitsuchend werden Personen genannt, „die eine Beschäftigung als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer suchen. Dies gilt auch, wenn sie bereits eine Beschäftigung oder eine selbständige Tätigkeit ausüben“ (§ 15 SGB III). Zudem sind „Personen, deren Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis endet, […] verpflichtet, sich spätestens drei Monate vor dessen Beendigung persönlich bei der Agentur für Arbeit arbeitssuchend zu melden“ (§38 Abs.1 S.1 SGB III). Als erwerbslos gilt jede Person im Alter von 15 bis 74 Jahren, die in den letzten vier Wochen vor der Befragung nicht erwerbstätig war, aber aktiv nach einer Tätigkeit gesucht hat. Eine neue Arbeit muss innerhalb von zwei Wochen aufgenommen werden können. Ab einer Erwerbstätigkeit von mindestens einer Stunde pro Woche wird eine Person nicht mehr als erwerbslos, sondern als erwerbstätig gezählt. Die Einschaltung einer Agentur für Arbeit ist für die Definition als erwerbslos nicht erforderlich.

Das Erwerbslosigkeitskonzept ist altersmäßig weiter gefasst (15 bis 74 Jahre) als das Arbeitslosigkeitsregister (15 bis 65 Jahre). Während Arbeitslose bis zu 15 Stunden beschäftigt sein können, ohne ihren Status zu verlieren, schließt bereits eine Stunde bezahlte Arbeit pro Woche per Definition Erwerbslosigkeit aus. Demzufolge sind in der ILO-Arbeitsmarktstatistik Erwerbslose inbegriffen, die die Bundesagentur für Arbeit nicht als arbeitslos zählt. Gleichzeitig gelten in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit auch Personen als arbeitslos, die nach Definition der ILO-Arbeitsmarktstatistik nicht erwerbslos sind (vgl. Statistisches Bundesamt/ Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2013:113). Das Ausmaß der Arbeitslosigkeit wird anhand der Arbeitslosenquote bestimmt. Arbeitslosigkeit entsteht, wenn das Arbeitskräfteangebot auf dem Arbeitsmarkt größer ist als die Arbeitskräftenachfrage.

Allgemein wird zwischen vier verschiedenen Arten der Arbeitslosigkeit unterschieden (vgl. Hradil 2005:184f; Oschmiansky 2010b: o.S.):

Friktionelle

Arbeitslosigkeit entsteht beim Übergang in eine andere Arbei stelle. Sie ist in der Regel von kurzer Dauer und auch in Phasen einer Vollbeschäftigung unvermeidlich.

Saisonale

Arbeitslosigkeit ergibt sich aus wechselnden Klimabedingungen (z.B. im Winter in der Bau- und Landwirtschaft) oder Nachfrageschwankungen (z.B. im Tourismus in der Nebensaison).

Konjunkturelle

Arbeitslosigkeit tritt bei schwacher Konjunktur und sinkender Nachfrage auf. Arbeitskräfte werden daraufhin entlassen und bei einem Aufschwung wieder eingestellt. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit kann ein kurz- bis mittelfristiges Problem darstellen, aber auch, bei nur langsam wachsender Wirtschaft, zum langfristigen Problem werden. In solchen Fällen werden aus Konjunkturarbeitslosen häufig Langzeitarbeitslose.

Strukturelle

Arbeitslosigkeit gilt als dauerhaftes Phänomen und resultiert aus Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen und technologischen Entwicklungen, bei gleichzeitiger Inflexibilität des Arbeitsmarktes, Arbeitslose in anderen Bereichen, Berufen oder Regionen unterzubringen.

Außerdem wird zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Arbeitslosigkeit unterschieden. Bei einer freiwilligen Arbeitslosigkeit werden Jobangebote aufgrund einer zu geringen Bezahlung, zu langer Arbeitswege, zu kurzer Befristung oder fehlender beruflicher Perspektive nicht angenommen. Meist ist der bzw. die Arbeitslose dann auf der Suche nach einer besseren, passenderen Beschäftigung. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit hingegen meint die Unmöglichkeit einen Arbeitsplatz zu herrschenden Bedingungen zu finden (vgl. Oschmiansky 2010b: o. S.). Generell können Arbeitslose Leistungen nach dem zweiten und dritten Sozialgesetzbuch (SGB II und III) beziehen.

Studien

Nachfolgend werden zwei Studien für die nachfolgende Analyse der Arbeitslosenforschung zentral, die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal, sowie die Studie zu Arbeitslosigkeit und gesellschaftlicher Ausgrenzung von Vogel et al.

Die Arbeitslosen von Marienthal

Bei der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ aus dem Jahre 1933 handelt es sich um einen soziografischen Versuch, ein arbeitsloses Dorf zu beschreiben, um subjektive wie auch objektive Aspekte des Lebens als Arbeitslose herauszuarbeiten2. Insgesamt konnten vier Handlungstypen festgehalten werden:

Die „Ungebrochenen“ (16 %): Diese Gruppe schafft es, ihren Haushalt ordentlich und sauber zu halten, die Kinder zu pflegen und weiterhin Aktivitäten durchzuführen. Sie unternehmen immer wieder Versuche sich Arbeit zu beschaffen, haben Pläne und Hoffnungen für die Zukunft. Zudem fühlen sie sich wohl und können ihre Lebenslust aufrechterhalten.

Die „Resignierten“ (48 %): Diese Gruppe schafft es ebenfalls ihren Haushalt und die Pflege der Kinder aufrechtzuerhalten. Sie haben ein Gefühl des relativen Wohlbefindens. Im Gegensatz zu den Ungebrochenen haben sie jedoch keine Pläne oder Hoffnungen für die Zukunft. Sie schränken die Bedürfnisse stark ein, die über die Haushaltsführung hinausgehen.

Die „Verzweifelten“ (11 %): Diese Gruppe unterscheidet sich von ihrer äußeren Lebensführung nicht sonderlich von den oben genannten Gruppen. Wie die Ungebrochenen und Resignierten halten auch die Verzweifelten ihren Haushalt ordentlich und pflegen die Kinder. Was sich jedoch stark unterscheidet ist das subjektive Erleben. Sie fühlen sich verzweifelt, depressiv und hoffnungslos. Sie unternehmen keine Versuche zur Verbesserung ihrer Situation und bemühen sich nicht um Arbeit, da sie das Gefühl haben, dies sei vergeblich. Zudem vergleichen sie ihre Situation häufig mit der besseren Vergangenheit.

Die „Apathischen“ (25 %): Diese Gruppe unterscheidet sich sichtbar durch das Aufgeben des geordneten Haushaltsstandes. Die Wohnung und die Kinder sind dreckig und ungepflegt und es wird kein Versuch unternommen, etwas vor dem Verfall zu retten. Hauptmerkmal dieser Gruppe ist das energielose, tatenlose Zusehen sowie eine gleichgültige Grundstimmung. Es besteht keinerlei Hoffnung auf Besserung. Nicht nur für die fernere Zukunft, sondern schon für die nächsten Tage und Stunden herrscht völlige Planlosigkeit. In dieser Gruppe kommt es häufig zu Streit und übermäßigem Alkoholkonsum. Betteln und Stehlen sind häufige Begleiterscheinungen dieser Gruppe (vgl. Jahoda 1975).

Die Ergebnisse zeigen wesentliche Veränderungen im Verhalten der Betroffenen infolge des Arbeitsplatzverlustes. In diesem Zusammenhang wird ein verringertes politisches Interesse sowie eine allgemeine Müdigkeit und generelle Gleichgültigkeit verzeichnet (vgl. Jahoda 1975:55). Nicht nur das Verhalten des Einzelnen auf sozialer Meso- und Makroebene ist hiervon betroffen, sondern auch das familiäre Miteinander. Den Beobachtungen zufolge sind nur wenige Familien intakt, vielmehr kommt es zu Hoffnungslosigkeit (vgl. Jahoda 1975: 70 f.). Die individuellen Veränderungen infolge der Arbeitslosigkeit werden auch im Verlust der Zeitstruktur gesehen, die entweder zu Langeweile oder zur Beschäftigung mit unnötigen Tätigkeiten führt. Dies hat zur Folge, dass Arbeit im Haushalt liegen bleibt und Termine nicht oder nur verspätet eingehalten werden (vgl. Jahoda, 1983, S. 45 ff.). Dieses Muster findet sich sowohl im Tages- als auch im Wochen-, Monats- und Jahresablauf. Darüber hinaus geht mit dem Arbeitsplatz auch ein soziales Netzwerk verloren, da der Kontakt zu früheren Arbeitskollegen abreißt (vgl. Jahoda 1983: 45 f.). So kommt es zu einer relativen Isoliertheit der Betroffenen sowie zum Verlust von Selbstwert und sozialer Identität (vgl. Frese, 1979, S. 226).

Die meisten Arbeitslosen durchlaufen die oben genannten Stadien der Reihe nach, von „ungebrochen“ bis „apathisch“, allerdings zeichnete sich ab, dass langandauernde totale Arbeitslosigkeit nicht zu Radikalisierung, sondern zu Apathie bei den betroffenen Menschen führte (vgl. Neurath 1991: 11).

Arbeitslosigkeit und gesellschaftliche Ausgrenzung

Während bei der genannten Untersuchung die individuellen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit im Mittelpunkt standen, richtet sich eine aktuellere Studie von Vogel auf Arbeitslosigkeit unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Arbeitslosigkeit und Armut seien demnach nicht nur „materielle Zustände, sondern vor allen Dingen gesellschaftliche Verhältnisse“ (Vogel 2001: 152). Der Verlust der Erwerbsarbeit wird als ein Prozess des Teilhabeverlustes und somit der Exklusion gesehen. In dieser Analyse wurden Erwerbsbiographien von 112 langzeitarbeitslosen Frauen und Männern rekonstruiert und Ausgrenzungsprozesse durch (Langzeit)Arbeitslosigkeit markiert. Dabei haben sich vier verschiedene Typen der Ausgrenzung am Arbeitsmarkt und gesellschaftlichen Leben herauskristallisiert (vgl. ebd.: 157-164).

Verlust der Erwerbsarbeit nach stabiler Erwerbsbiographie (15 %): Nach dem Verlust des langjährigen Arbeitsplatzes, der dem Leben Stabilität verlieh und die Biographie in hohem Maße prägte, fanden diese Arbeitslosen keinen Zugang mehr zum Erwerbsleben. Die Arbeitslosen dieses Typs erlebten den Eintritt ihrer Arbeitslosigkeit als radikalen biographischen Bruch. Der Verlust des Arbeitsplatzes zog mit einem Verlust der sozialen Kontakte einher, denn der ehemalige Betrieb war zugleich Mittelpunkt ihres Lebens. In dieser Gruppe fanden sich vor allem Männer, die älter als 45 Jahre waren. Der Alltag dieser Arbeitslosen ist seit dem Eintritt der Arbeitslosigkeit von Einsamkeit geprägt. Sie ziehen sich zurück und haben Angst, als arbeitslos identifiziert und stigmatisiert zu werden. Im Vergleich zu anderen Arbeitslosen schildern sie häufig, sich beim Kauf von Nahrungsmitteln und Bekleidung einschränken zu müssen. Vor allem das Gefühl, materiell nicht mehr mithalten zu können, ist bei diesen Arbeitslosen sehr ausgeprägt. Ihre Arbeitssuche haben sie, nach vielen gescheiterten Versuchen um einen Wiedereinstieg ins Berufsleben, aufgegeben. Aufgrund der Unausweichlichkeit der eigenen Situation stellt sich eine Resignation ein. Den Verlust der Erwerbsarbeit erlebt diese Gruppe als sozial ausgrenzend.

Ausgliederung aus der Erwerbsarbeit nach Destabilisierung der Erwerbsbiographie (27 %): Die Erwerbsbiographie dieser Gruppe, in der vorwiegend Männer und Frauen zwischen 40 und 55 Jahren zu finden sind, ist geprägt von einem längeren Abstiegsprozess. Auf den Verlust einer stabilen Beschäftigung folgten immer kürzere Beschäftigungsphasen. Phasen der Beschäftigung wurden immer häufiger durch Phasen der Arbeitslosigkeit unterbrochen. Aufgrund dieser Situation mussten sie vermehrt Einbußen machen bzgl. ihres Gehalts, ihrer Befristung und ihrer Arbeitsinhalte. Das Wechselspiel von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit führt bei dieser Gruppe zu einer „beruflichen Dequalifizierung und sozialer Deklassierung“ (Vogel 2001: 159), die in dauerhafter Arbeitslosigkeit endete. Durch die zunehmende Verdrängung aus dem Erwerbsleben gehen auch soziale Bindungen verloren. Aufgrund des dauerhaften Arbeitsplatzverlustes und der daraus entstehenden finanziellen Engpässe mussten viele ihr bisheriges Wohnumfeld aufgeben. Sie erleben ihre Arbeitslosigkeit als einen längerfristigen Prozess der Ausgrenzung. Im Gegensatz zu den Langzeitarbeitslosen des erstes Typs, die ihren Verlust der Erwerbsarbeit als plötzlichen Einschnitt erlebt haben, sehen sich diese Arbeitslosen als „allmähliche Absteiger“ (ebd.:161), die im Laufe ihres Berufslebens immer stärker in die prekären Randbereiche der Arbeitsgesellschaft gedrängt wurden. Die beiden Typen haben gemeinsam, dass sie ihre soziale Lage als unabänderlich betrachten.

Bruch einer instabilen Erwerbsbiographie (42 %): Die Langzeitarbeitslosen dieses Typs unterscheiden sich insofern von den ersten beiden Typen, da kein Einstieg in ein längerfristiges Beschäftigungsverhältnis gelungen ist. In dieser Gruppe fanden sich Männer und Frauen zwischen 35 und 50 Jahren. Beim Blick auf die Berufslaufbahn zeigte sich, dass die meisten keinen Beruf erlernt haben und mit ständigen Unterbrechungen als Hilfsarbeiter*innen auf dem Bau, im Transportgewerbe oder im Bereich privater Dienstleistungen gearbeitet haben. Ebenso haben sie häufig Maßnahmen des Arbeitsamtes durchlaufen. Nicht selten waren diese Akteur*innen im informellen Sektor tätig. Ein ständiger Wechsel zwischen periodischer Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit prägte die Erwerbsbiographie bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Wechselspiel aufgrund von Alter, gesundheitlichen Problemen und eines verändernden Arbeitsmarktes nicht mehr möglich war. Soziale Netzwerke spielten nachhaltig eine große Rolle, da sie dadurch den Zugang zu (Gelegenheits-)Jobs bekamen. Diese soziale Einbindung trug im Wesentlichen dazu bei, über viele Jahre eine ökonomische Randexistenz am Arbeitsmarkt zu führen. Je länger jedoch die Phasen der Arbeitslosigkeit dauerten, desto reduzierter wurden die sozialen Kontakte. Die Folge war eine zunehmende Isolation. Die Arbeitslosen dieses Typs sehen sich in einem ständigen Kampf mit den Ämtern, welche sie ausschließlich als eine Kontrollinstanz erleben. Im Vergleich zu den Arbeitslosen der beiden ersten Typen sahen sich die Arbeitslosen dieses Typs schon immer am Rande der Arbeitsgesellschaft. Der dauerhafte Arbeitsverlust verschlechtert ihre finanzielle und soziale Lage erheblich und vermittelt ihnen das Gefühl, von Außenstehenden zu Ausgegrenzten geworden zu sein (vgl. Vogel 2001: 160f.)

Versperrter Zugang zu Erwerbsarbeit (16 %): Zu diesem Typ gehören vor alle jüngere Langzeitarbeitslose in der Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren, denen es nicht gelungen ist, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Typischerweise werden Fördermaßnahmen immer wieder abgebrochen und es gelingt nicht, sich über diese Maßnahmen beruflich zu qualifizieren. Von allen Langzeitarbeitslosen der Untersuchung erfahren sie die stärkste arbeitsmarktpolitische Aufmerksamkeit, denn die Integrationsaktivitäten der Ämter sind in hohem Maße auf diese Gruppe ausgerichtet. Die Aktivitäten werden von den Arbeitslosen einerseits als möglicher Zugang zu Beschäftigung angesehen; andererseits als ein sinnloser Zeitvertreib gewertet, der alleine der Disziplinierung der Arbeitslosigkeit dient. Insgesamt wird die Möglichkeit, sich dauerhaft im Erwerbssystem etablieren zu können, äußerst pessimistisch eingeschätzt. Verglichen mit Erwerbstätigen ihrer Altersgruppe sehen sie sich als sozial abgehängt. Sie beklagen sich über fehlende finanzielle Mittel, um mit Gleichaltrigen mitzuhalten. Auch räumlich sehen sie sich ausgegrenzt von Mobilität und der Teilhabe an Aktivitäten. Jedoch sieht diese Gruppe, im Gegensatz den Langzeitarbeitslosen des ersten und zweiten Typs, ihre soziale Lage in der Dauerarbeitslosigkeit nicht als unabänderlich. Aufgrund des jungen Alters wird eine Anbindung an das Erwerbssystem angestrebt. Dennoch gibt ihnen der versperrte Zugang zur Erwerbsarbeit das Gefühl der Überflüssigkeit und der fehlenden gesellschaftlichen Teilhabe (vgl. ebd.: 163f.)

Die Studie verdeutlicht die Vielseitigkeit der durch die Arbeitslosigkeit verursachten Ausgrenzungserfahrungen. Es wird ersichtlich, dass mit einem langfristigen Verlust von Erwerbsarbeit, die materielle sowie die soziale Sicherheit und Selbstständigkeit verloren gehen. Viele der betroffenen Akteur*innen haben das Gefühl, nicht mithalten zu können. Die Teilhabe an den Standards einer im Durchschnitt wohlhabenden Gesellschaft bleibt in vielen Teilen verwehrt (vgl. Vogel 2001: 164).

Weiterführende Studien

Nachfolgende Untersuchungen zielen auf spezifische Aspekte der Lebenswelt von arbeitslosen Akteur*innen, die für die vorliegende Begleitforschung relevant sind. Dazu zählen Lebensqualität, Lebenskompetenz sowie die Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Gesundheit.

Lebensqualität

In einer aktuellen Studie der Freien Universität Berlin und des DIW Berlin wurde die Gefühlslage von Arbeitslosen untersucht. Als zentraler Befund wird angeführt, dass auch lange Zeit nach einem Jobverlust Arbeitslose nicht wieder das Niveau an Lebenszufriedenheit erreichen, auf dem sie sich vor der Arbeitslosigkeit befunden haben. Auf Basis von Daten der Langzeitstudie SOEP3, welche zwischen 2007 und 2014 stattfand, konnten mit panelökonometrischer statistischer Verfahren die Veränderungen im emotionalen Wohlbefinden und in der Lebenszufriedenheit vor und nach einem Arbeitsplatzverlust von rund 30.000 Menschen in etwa 15.000 Haushalten erhoben werden. Dabei betrachteten die Forscher*innen die Emotionen Angst, Trauer, Ärger und Glück. Sie fanden heraus, dass sich mit dem Jobverlust die Lebenszufriedenheit nachhaltig verschlechtert und Arbeitslose langfristig deutlich häufiger Traurigkeit und Freudlosigkeit empfinden. Angst trat nur für kurze Zeit verstärkt nach dem Verlust des Arbeitsplatzes auf, hingegen steige die Ängstlichkeit zu versagen an. Gleichzeitig steht das Empfinden von Ärger in keinem bedeutsamen Zusammenhang mit dem Jobverlust. Allerdings wurde festgestellt, dass Veränderungen des emotionalen Wohlbefindens unabhängig von der Persönlichkeitsstruktur der Menschen seien (vgl. Freie Universität Berlin 2016).

Lebenskompetenz

Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD4 hat von 2013 bis 2015 eine Studie zu den Fähigkeiten langzeitarbeitsloser Menschen durchgeführt. Dabei wurde untersucht, welche Schwierigkeiten Langzeitarbeitslose im Alltag bewältigen müssen und welche Fähigkeiten und Alltagskompetenzen sie für ihre Lebensführung benötigen. Dazu gehören, die Fähigkeit, selbstständig eine Tagesstruktur auszubilden, selbst Beständigkeit zu erzeugen, anderen Lebensbereichen (Familie, Hobbies, etc.) Aufmerksamkeit zu schenken, Strategien der Armutsökonomie zu entwickeln (Einschränkungen und Anpassung, mit dem Hartz-IV-Satz zurechtzukommen), soziale Kompetenz und die Teilhabe am gesellschaftlichen Geben und Nehmen sowie, die Behauptung einer wertvollen Ich-Identität bei Ausgrenzungserfahrungen (vgl. Bednarek-Gilland 2015: 105f.).

Gesundheit

Die Arbeitsunfähigkeitsstatistik der gesetzlichen Krankenkassen gibt einen Überblick über den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Krankheit. Ergebnis des BKKGesundheitsreportes ist, dass arbeitslose Versicherte im Jahr 2013 mit durchschnittlich 21,7 Tagen pro Person deutlich häufiger arbeitsunfähig waren, als beschäftigte Versicherte mit 13,9 Tagen (pflichtversichert) bzw. 9,1 Tagen (freiwillig versichert). Nicht erst das Eintreten der Arbeitslosigkeit, sondern bereits eine Arbeitsunsicherheit steht mit dem häufigeren Auftreten von Krankheiten im Zusammenhang (vgl. Lampert et al. 2016).

Im Vergleich mit Beschäftigten weisen Arbeitslose in vielen Bereichen negative Gesundheitsunterschiede auf. Dazu zählen ein schlechterer subjektiver Gesundheitszustand, ein erhöhtes Sterberisiko, eine stärkere Inanspruchnahme gesundheitlicher Leistungen, mehr Krankenhausaufenthalte und stationäre Behandlungstage, häufigere Arzneimittelverordnungen (z.B. Antidepressiva), ein höherer Konsum von Suchtmitteln (z.B. Alkohol und Tabak), ein ungünstigeres Gesundheitsverhalten (Ernährung, körperliche Aktivität) (vgl. Hollederer 2008: 29). Aus psychologischer Sicht führt langandauernde Arbeitslosigkeit zu Beeinträchtigungen des psychischen Befindens. Dazu gehören Depressivität und Angst, psychosomatische Beschwerden und ein verringertes Wohlbefinden. Da sich diese psychischen Folgen erst bei längerer Arbeitslosigkeit einstellen, sind Langzeitarbeitslose etwa doppelt so häufig betroffen wie Kurzzeitarbeitslose (vgl. Frese 2008: o.S.). Eine Depression bezeichnet eine weit verbreitete psychische Störung, „die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann“ (WHO 2017: o.S.). Sie kann über einen langen Zeitraum oder wiederkehrend auftreten. Eine Depression kann die Fähigkeit einer Person zu lernen, zu arbeiten oder einfach zu leben beeinträchtigen. Häufig haben Betroffene wiederkehrende Gedanken an Tod, die im schlimmsten Fall zum Suizid führen. Leichtere Formen können ohne Medikamente behandelt werden, mittlere bis schwere Fälle sollten jedoch medikamentös und durch eine professionelle Psychotherapie behandelt werden (vgl. ebd.). Psychosomatische Beschwerden beinhalten häufigere Schmerzen wie Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, aber auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu erleiden. Ebenso ist es bewiesen, dass das Immunsystem eines Menschen in Stresssituationen geschwächt ist, womit eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen einhergeht (vgl. Frese 2008: o. S.).

Hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen subjektiven Gesundheitsempfinden und Arbeitslosigkeit legen Bartel und Ohlbrecht (2016) im Rahmen der GEDA Studien (2010-2013) (repräsentative telefonische Befragungen)5