Inkontinenz - Jürgen Schickinger - E-Book

Inkontinenz E-Book

Jürgen Schickinger

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Beschreibung

Inkontinenz ist beherrschbar. Der Ratgeber der Stiftung Warentest zu Inkontinenz mit Empfehlungen für Therapie- und Trainingsformen sowie Medikamenten und alternativen Methoden in einer Übersicht. Schamhaft verschwiegen ist Inkontinenz ein Thema, das sehr viele Deutsche, besonders Frauen betrifft. Häufig weiß sogar der behandelnde Arzt nichts von diesem Problem. Das Buch bietet Informationen zu Therapiemöglichkeiten und Hilfsmitteln und gibt die notwendige Unterstützung für die Betroffenen. Es erklärt, welche Arten der Inkontinenz es gibt, unterstützt bei der Diagnostik und informiert, welche Hilfen es gibt? Ein Buch für Frauen und Männer.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inkontinenz

Dr. Jürgen Schickinger

Druck auf Blase und Seele

Wen Inkontinenz trifft, leidet besonders seelisch. Die meisten Betroffenen empfinden ungewollten Harnabgang als schweren Schlag für ihr Selbstwertgefühl – als peinvollen Kontrollverlust. Aus Scham den Kopf in den Sand zu stecken, bessert die Lebenssituation garantiert nicht. Inkontinenz lässt sich fast immer so behandeln, dass sie verschwindet oder die Freiheit im Alltag kaum noch einschränkt.

Weit mehr als ein medizinisches Problem

Erwachsenen schlagen wenig gesundheitliche Störungen so auf das Gemüt wie Inkontinenz. Erwachsene streben nach Kontrolle. Wir haben gelernt, dass sich der Wert von Personen auch danach bemisst, wie gut man sein Leben und „sich im Griff“ hat. Unkontrollierbare Situationen im Alltag, in Beruf, auf Reisen sind aufregend, spannend, lästig oder ärgerlich. Kommt drauf an. Sie gehen vorüber, und zudem sind daran andere Menschen oder andere unwägbare Umstände beteiligt. Niemand trägt allein die Verantwortung für solche Momente. Voll zuständig sind wir jedoch für unseren Körper. Ihn sollen wir kontrollieren. Möglichst perfekt soll er sein. Die glänzende Welt der Stars und Models, Werbung und Medien erhöhen zunehmend den Druck, nach außen hin makellos zu erscheinen. Schon kleine Fehler gelten vielen als „unschicklich“, als Zeichen dafür, keine ausreichende Macht über die eigenen Bedürfnisse zu haben. Den eigenen Körper nicht beherrschen? Noch schlimmer! Das, so glaubt die Mehrheit der Betroffenen, ist höchstens bei Babys und Schwerkranken geduldet. Darum löst Inkontinenz häufig persönliche Krisen aus. Der Verlust an Kontrolle bedeutet für viele zugleich einen Verlust an Selbstwertgefühl, Attraktivität, Gesellschaftsfähigkeit – an eigener Identität. Wer dagegen nichts tut, läuft Gefahr, massiv Lebens­freude einzubüßen. Manche Personen mit Inkontinenz ziehen sich völlig aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Sie isolieren sich sozial. Ihr Leben verarmt und führt nicht selten in tiefe Depressionen.

Untätigkeit ändert nichts

Indem Sie in diesem Buch lesen, haben Sie schon einen Schritt in die richtige Richtung getan. Wer nichts tut, kann nichts verändern:

Inkontinenz ist kein unabwendbares Schicksal und keine zwangsläufige Verschleißerscheinung im Alter!

Inkontinenz lässt sich in den meisten Fällen völlig beheben. Viele Therapien haben Heilungsraten um 90 Prozent. Für die übrigen Fälle gibt es gute Angebote, um Inkontinenz erheblich zurückzudrängen. Betroffene unterschätzen vielmals die Möglichkeiten der Therapie.

Inkontinenz muss das Leben nicht dramatisch oder grundlegend verändern.

Wenn sich die Inkontinenz nicht komplett abstellen lässt, können Behandlungen, Hilfsmittel und gute Planung ihre Auswirkungen so weit verringern, dass ein weitgehend normales Leben ohne bedeutende Einschränkungen möglich ist. Viele Menschen mit chronischen Rückenschmerzen oder Migräne müssen Einschränkungen hinnehmen, die tiefer greifen.

Niemand ist absichtlich inkontinent oder schuld daran.

Man fängt sich eine Inkontinenz ein wie eine Erkältung: Vielleicht war die Bluse zu dünn, aber ohne Erreger von außen passiert nichts. Für Inkontinenz gibt es Risikofaktoren, die wir beeinflussen können. Andere Umstände liegen außerhalb unserer Macht oder wir haben sie einfach „nicht auf dem Schirm“ – wissen nichts davon. Mit Absicht wird jedenfalls keine Frau inkontinent. Also besteht auch kein Grund, sich dafür schuldig zu fühlen oder sich entschuldigen zu müssen.

Niemand ist mit Inkontinenz und der Scham darüber allein!

In Deutschland sind mindestens 2,6 Millionen Frauen betroffen (EPINCONT-Studie). Laut der Women’s Health Coalition klagt sogar jede fünfte deutsche Frau zwischen 25 und 75 über Probleme mit Inkontinenz, also rund acht Millionen. Die Fachleute kennen das Problem. Sie sind Profis und haben eine nüchterne Einstellung zur Inkontinenz. Bei ihnen muss sich deswegen niemand schämen.

Nicht Abwarten, sondern (Be-)Handeln!

Klar, so mit links lassen sich negative Gefühle nicht beiseiteschieben – die Empfindung, weniger wert, weniger schön, weniger stark zu sein. Und noch mehr: die Angst, dass andere etwas mitbekommen. Bemühen Sie sich dennoch darum. Das funktioniert vielleicht leichter, wenn man sich die vernünftigen Argumente immer wieder vor Augen hält. Betroffene sollten versuchen, erneut eine positive Einstellung zu gewinnen zu sich selbst, zu ihrem Körper und ihre Fähigkeiten. Dadurch wächst die Kraft, sich Inkontinenz entgegenzustellen, und die Aussichten auf Erfolg steigen noch weiter. Selbst wenn sie anhält, muss Inkontinenz kaum Verluste bedeuten. Konzertbesuche, Sport, Tanzen, Sauna, Reisen, Sex und Partnerschaft – alles ist prinzipiell möglich. Doch dazu müssen Betroffene wissen, wie sie ihre Inkontinenz am besten und schnellsten loswerden oder wie sie die Folgen bis fast zur Nulllinie drücken. Manchmal kann das einfach sein, öfter aber irren inkontinente Menschen lange durch den Dschungel der vielen verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten, Hilfsmittel und Anweisungen. Nicht alle davon sind sinnvoll. Häufig verlängert ungezieltes Ausprobieren die Leiden. Betroffene verlieren oft Wochen, Monate oder Jahre. Fachliche Informationen und Beratungen verkürzen den Weg zur optimalen Behandlung oder Strategie für Inkontinenz.

Wissen macht Mut

Wer Neuland betritt, ist immer unsicher: Was lauert auf dem unbekannten Weg vor mir und wohin führt er? In Gedanken kann man sich das Schlimmste ausmalen. Das verstärkt eher die Unsicherheit. Darum klärt dieses Buch über Grundlagen zur Inkontinenz und über Zusammenhänge auf. Wo im Körper liegen die Ursachen? Welche davon können Ärzte beseitigen? Wann sind Operationen unausweichlich und aussichtsreich? Mit welchen Mitteln und Tricks kann ich verhindern, dass Inkontinenz stark in mein gewohntes Leben eingreift? Wie trägt der Lebensstil zu ihr bei? Der Ratgeber liefert eine solide Grundlage mit unabhängigen, fachlichen Bewertungen. Doch er kann keine fachlichen Diagnosen, Beratungen und Behandlungen ersetzen. Er kann nicht prüfen, wie gut eine Behandlung anschlägt und ob es an der Methode oder Anwendungsfehlern liegt, wenn sich nichts bessert. Das Buch kann keine Ratschläge geben, die Ihre individuellen Umstände berücksichtigen. Umgekehrt können Sie nicht mit dem Buch reden, Ihre Sorgen loswerden oder Fragen stellen. Der Ratgeber kann aber vorbereiten, Befürchtungen nehmen und Hoffnung machen. Insbesondere soll er Mut spenden, Inkontinenz anzupacken, indem er aufzeigt, wie man ihr die Stirn bieten kann. Inkontinenz ist kein Grund, den Kopf hängen zu lassen!

Zögern verringert die Heilungschancen

Laut Studien geht eine von zwei inkontinenten Frauen nie zu Ärzten wegen ihres Problems. Dahinter steckt teils die Scham, anderen gegenüber Inkontinenz gestehen zu müssen. Gerade Fachärzte kennen Hunderte ähnliche Fälle. Für sie ist Inkontinenz Alltag und Routine, aber sicher kein Anlass, auf jemanden hinabzublicken. Andere Betroffene fürchten sich vor den Tests – vor Untersuchungen der intimsten Körperbereiche und möglicherweise unangenehmen Fragen zum Sexualverhalten. Niemand sieht medizinischen Untersuchungen mit Freude entgegen. Wir alle sind lieber einfach so gesund. Anfangs plagt Inkontinenz in der Regel zudem ja nur wenig. Wegen solcher Lappalien soll man Fachleute belästigen und unangenehme Situationen über sich ergehen lassen? Ja, hier gilt dasselbe wie oben: Was in Praxen im Zusammenhang mit Inkontinenz auf den Tisch kommt, haben die Fachleute schon zigmal gehört. Schockieren oder befremden kann sie da nichts mehr. Fakten oder Vorlieben zurückzuhalten ist überflüssig und behindert manchmal sogar die Genesung. Zum letzten offenen Punkt: Die Mehrheit der Untersuchungen zur Diagnose der häufigsten Formen ist einfach, schmerzlos und schnell erledigt. Für die meisten Fälle reichen ebenfalls unkomplizierte Therapien aus, um zumindest einen Zustand zu erreichen, der zufrieden stellt. Zögern verringert die Chancen dafür. In großer Mehrheit verschlechtert sich unbehandelte Inkontinenz im Lauf der Zeit. Aus einer anfänglichen, leichten, die mit Übungen, Medikamenten und Hilfsmitteln einzudämmen gewesen wäre, kann eine schwere Inkontinenz werden, die schwieriger zu heilen ist.

Ungewollter Harnverlust

Formal ist Inkontinenz keine medizinisch eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom: die Unfähigkeit, Harn jederzeit kontrolliert, also nach eigenem Willen, ablassen zu können. Ungewollter Harnverlust kann Folge verschiedener körperlicher Störungen sein, ähnlich wie ein Schnupfen, der von verschiedenen Erkrankungen ausgehen kann – etwa einer Erkältung oder einer Allergie.

Blasenschwäche

In der Umgangssprache steht „Blasenschwäche“ teils für alle Formen von Inkontinenz, teils nur für die häufigsten, also Belastungs- und Dranginkontinenz, aber teils auch allein für die überaktive Blase. Die Werbung spricht ebenfalls gerne von Blasenschwäche: Das hört sich einfach freundlicher an als das stark negativ belastete Wort Inkontinenz.

Zur Erkrankung wird das Symptom Inkontinenz in dem Moment, wo es Probleme nach sich zieht. Gesundheitliche Folgen sind nur selten zu fürchten. Seelische und gesellschaftliche Schwierigkeiten überwiegen deutlich. Inkontinenz ist ein medizinisches und psychosoziales Leiden.

Inkontinenzformen und ihre Häufigkeit

Es gibt eine Reihe häufiger und weniger häufiger Formen der Inkontinenz. Sie lassen sich anhand unterschiedlicher Kriterien in Gruppen einteilen. Die meisten Übersichten bevorzugen eine Unterteilung, die sich an den Ursachen orientiert. Ihr folgt auch dieser Ratgeber, weil sie verständlich ist und praktisch für die Diagnose und Therapie.

Danach verteilt sich Harninkontinenz vorwiegend auf folgende sechs Hauptgruppen:

Belastungsinkontinenz (früher: Stress­inkontinenz,

Seite 49)

Dranginkontinenz

(Seite 71)

Mischinkontinenz

(Seite 87)

Inkontinenz bei neurogener Überaktivität des Blasenmuskels (I. bei neurogener Detrusorhyperaktivität, Detrusorhyperreflexie, früher: Reflexinkontinenz)

Inkontinenz bei chronischem Harnverhalt (Inkontinenz bei chronischer Harnretention, früher: Überlaufinkontinenz oder Überlaufblase)

Kontinuierliche Inkontinenz (extraurethrale Inkontinenz)

Viele Mediziner ergänzen diese Aufzählung durch ein Beschwerdebild, bei dessen „nasser“ Form Inkontinenz auftritt, bei der „trockenen“ aber nicht:

Überaktive Blase (Syndrom der überaktiven Blase,

Seite 73)

Auf andere Formen wie Kicherinkontinenz und Nachträufeln geht Kapitel „Besondere Formen – gleiches Merkmal“, Seite 87 ein.

Vorübergehende Inkontinenz

Vorübergehend tritt Inkontinenz manchmal nach Geburten auf, als unerwünschte Wirkung bestimmter Medikamente (z. B. Diuretika), bei Infektionen der Harnwege und Genitalien, bei manchen Krankheiten (z. B. Herzinsuffizienz) oder durch eingeschränkte Beweglichkeit.

Belastungsinkontinenz ist am häufigsten

Frauen sind über alle Altersgruppen häu­figer von Inkontinenz betroffen als Männer. Weibliche Harninkontinenz verteilt sich zudem anders auf die Formen.

Häufigkeit der Harninkontinenzformen bei Frauen

Am häufigsten leiden Frauen unter Belastungsinkontinenz. Sie liegt bei fast jeder zweiten Betroffenen als alleinige Form vor. Zusammen mit der Dranginkontinenz oder überaktiven Blase trägt sie auch noch zur Form der Mischinkontinenz bei, die bei rund drei von zehn betroffenen Frauen besteht. Damit ist Belastungsinkontinenz an etwa acht von zehn Fällen weiblicher Inkontinenz beteiligt. Bei den restlichen handelt es sich vorwiegend um Drang­inkontinenz oder eine nasse überaktive Blase. Alle anderen Formen machen laut Statistischem Bundesamt und der EPINCONT-Studie nur vier von hundert Fällen aus.

Schwere der Inkontinenz

Als Betroffene beurteilt man die Schwere einer Inkontinenz einzig danach, wie viel Kummer und Einschränkungen sie mitbringen. Ganz vorne auf der Unerfreulichkeitsskala Skala steht Mischinkontinenz: Sie ist bei den meisten Frauen vorhanden, die angeben, schwer unter unwillkürlichem Harnverlust zu leiden.

Wie sehr eine Inkontinenz ihre Patientinnen subjektiv beeinträchtigt, versuchen Ärzte und Ärztinnen häufig mit standardisierten Fragenbögen herauszufinden (Assessment, Seite 158). Mindestens ebenso häufig machen sie das Ausmaß von Erkrankungen an harten, messbaren Werten fest.

Diese Einteilung in Schweregrade kann unabhängig von der Form einer Inkontinenz nach zwei unterschiedlichen Kriterien stattfinden:

Durchschnittlicher Harnverlust pro Stunde nach dem Vorlagentest

(Seite 160

). Für die Pflege und Selbsthilfe besitzt dieser Wert wenig Aussagekraft.

Harnverlust pro Inkontinenz-Attacke. Nach diesem praktischen Wert richtet sich, wie viel Harn ein Inkontinenz-Hilfsmittel auf jeden Fall auffangen können muss (

Seite 122

).

Für Belastungsinkontinenz (Seite 49) existiert noch eine besondere Unterteilung, die berücksichtigt, in welchen Situationen Harn austritt.

Wie entsteht Inkontinenz?

Harninkontinenz zählt zu den Folgen von Blasenfunktionsstörungen. Sie entstehen durch körperliche oder funktionelle Beeinträchtigungen oder durch beide zusammen. In der Folge kann es dazu kommen, dass die Fähigkeit zur Speicherung (Blasenspeicherstörungen) oder die zur normalen Entleerung (Blasenentleerungsstörungen) gestört ist. Beide Fähigkeiten können auch zugleich beeinträchtigt sein.

Blasenspeicherstörungen

gehen fast immer mit Harninkontinenz einher. Mög­liche Ursachen sind Beeinträchtigungen der Funktion von Harnblase, Schließmuskeln, Beckenbodenmuskulatur, versorgenden Nerven oder bei Männern auch eine vergrößerte Prostata.

Blasenentleerungsstörungen

zeigen sich hauptsächlich durch zu häufiges, erschwertes, verlängertes, zu seltenes oder unvollständiges Wasserlassen, aber ebenso durch Inkontinenz. Mehrere Beschwerden können gemeinsam auftreten. Weitere Kennzeichnen sind unvollständige(s) Entleerung(sgefühl), häufiger Harndrang und wiederkehrende Harnweginfektionen. Auch Harnstau mit Harnrückfluss von der Blase über die Harnleiter zu den Nieren ist möglich. Als häufigste Ursachen gilt eine erschlaffte oder schwache Blasenwandmuskulatur, zu geringe Empfindlichkeit der Blase und Harnabflussbehinderungen.

Mögliche Ursachen für Inkontinenz

Vereinfacht gesagt, liegt bei Inkontinenz unabhängig von der Ursache entweder eine Störung der Blasenfunktion, eine Störung des Verschlussmechanismus oder eine Fehlbildung vor. Bei Belastungsinkontinenz ist der Verschlussmechanismus zu schwach. Dagegen kann die Blase bei Dranginkontinenz, Inkontinenz bei chronischem Harnverhalt und Inkontinenz bei neurogener Blasenüberaktivität ihre Aufgaben nicht einwandfrei erfüllen. Blasenspeicherung, Kontrolle der Ausscheidung (Kontinenz) und Blasenentleerung (Miktion) sind sehr komplex (Seite 29). Bei den Vorgängen und ihrer Steuerung spielen das Nervensystem, die Muskulatur der Blasenwand, Muskeln an Blasenhals und entlang der Harnröhre, die Harnröhre selbst und besonders bei Frauen auch Muskeln, Nerven und Bindegewebe des Beckenbodens wichtige Rollen. Wenn einer oder mehrere dieser Mitspieler nicht einwandfrei funktionieren, können verschiedene Formen von Inkontinenz entstehen. Ihnen liegen also oft Ursachen und mögliche Folgeerscheinungen wie diese zugrunde:

Muskeln sind zu schwach oder erschlafft:

Der Beckenboden kann an Stabilität verlieren, Schließmuskel können normalen Drücken nicht mehr standhalten, die Blase kann Harn nicht mehr vollständig ausscheiden und ihre Wand an Dehnbarkeit einbüßen.

Schäden oder Erkrankungen im Nervensystem:

Muskeln können sich zu heftig, zu schwach oder unkoordiniert zusammenziehen, wenn Nerven überempfindlich oder zu schwach reagieren, das Gehirn Reize falsch wahrnimmt oder die Weiterleitung von Signalen beeinträchtigt ist.

Schwäche des Bindegewebes:

Die Stützfunktion des Beckenbodens kann nachlassen, Organe können sich absenken.

Mechanische und funktionelle Abflussbehinderungen unterhalb der Blase (subvesikale Obstruktion):

Die Blasenwandmuskulatur, die sich zuerst verstärkt, kann auf Dauer weniger elastisch werden, die Restharnmenge kann sich erhöhen und letztlich eine chronische Harnretention mit Inkontinenz entstehen.

Erkrankungen und Fehlbildungen des Harntrakts:

Unnatürliche Verbindungsgänge oder Auslassöffnungen können sich im Harntrakt bilden, Organe ihre Form krankhaft verändern und damit die Druckverhältnisse.

Hormonelle Umstellung oder Störung:

Die Elastizität von Blase und Harnröhre und die Spannkraft des Beckenbodens können abnehmen, wenn der Einfluss von Östrogen mit den Wechseljahren nachlässt oder bei Östrogenmangel. Beide führen zu einer Schwächung des Bindegewebes und zur Rückbildung der vaginalen Schleimhaut.

Verletzungen, Operationen und andere medizinische Behandlungen (Seite 14) können ebenfalls Schäden verursachen, die dazu führen, dass sich eine Inkontinenz ausbildet.

Was begünstigt Inkontinenz?

Bestimmte Umstände begünstigen, dass sich eine Inkontinenz entwickelt. Gegen manche Risikofaktoren können Personen, auf die sie zutreffen, etwas tun, um ihren Einfluss abzuschwächen.

Alter

In Bezug auf Inkontinenz zeigt der weibliche Körper mehrere wichtige altersabhängige Veränderungen, die alle in der Zeit um die Wechseljahre einsetzen: Der Spiegel des Hormons Östrogen fällt ab. Das Bindegewebe verliert an Spannkraft, weshalb sich bei vielen Frauen Organe absenken wie etwa die Blase. Das verändert die Druckverhältnisse im Bauchraum und für den Harntrakt. Organsenkungen gelten als unterstützend und teils als Ursache für Inkontinenz (Seite 68). Zudem steigt mit dem Alter die Zahl der Frauen an, denen die Gebärmutter entfernt wurde. Operierte Patientinnen entwickeln öfter Inkontinenz. Häufigkeit und Schweregrade steigen aus diesen Gründen bei älteren Frauen.

Für Männer spielen altersbedingte Veränderungen der Prostata die größte Rolle.

Geschlecht

Was Inkontinenz angeht, sind Frauen gegenüber Männern doppelt benachteiligt: durch ihren Körperbau und weil sie Kinder zur Welt bringen. Ihr Bindegewebe ist nachgiebiger, der Beckenboden weniger stabil und größer. Er weist einen Durchlass mehr auf und hat eine etwa halb so starke mittlere Muskelschicht. Durch Dehnung strapazieren Schwangerschaften und Geburten Bänder, Bindegewebe und Muskulatur des Unterleibs zusätzlich. Fachleute glauben, dass Schwangerschaften das Risiko für Inkontinenz erhöhen, obwohl die Daten nicht eindeutig sind. Doch in mehreren Studien stieg mit der Zahl an Geburten das Risiko für Inkontinenz. Neue Untersuchungen deuten darauf hin, dass Harnverlust, der erst im letzten Schwangerschaftsdrittel erscheint, üblicherweise nach der Geburt verschwindet. Dagegen verschlechtert sich eine Inkontinenz, die früher auftritt oder von vorneherein vorlag, durch eine Schwangerschaft eher deutlich. Das Risiko für un­willkürlichen Harnverlust steigt durch Dammschnitte und Spontangeburten stärker als durch Kaiserschnitte.

Lebensstil

Falsche Ernährung führt leicht zu Übergewicht, insbesondere gemeinsam mit Bewegungsmangel. Das Gewicht der Organe und des Fettgewebes im Bauchraum lastet auf dem Beckenboden. Er kann sich senken, speziell wenn seine Muskulatur durch körperliche Inaktivität geschwächt ist. Dann verlieren die Verschlussmechanismen von Blase und Harnröhre die stabilisierende Unterstützung des Beckenbodens. Bewegungsmangel erhöht laut Studien das Erkrankungsrisiko. Mit dem Körpergewicht steigen in der Regel zudem die Schweregrade von Inkontinenz an. Weiter kann ungünstige Ernährung leicht Verstopfung nach sich ziehen. Dadurch nimmt der Druck im Bauchraum zu und noch mehr, wenn man dann beim Stuhlgang presst (siehe Belastung). Rauchen steht im Verdacht, die Gefahr für Inkontinenz zu vergrößern. Für Raucherhusten gilt das als sicher (siehe Belastung).

Gefühle können „auf die Blase schlagen“

Stress, Sorgen, Ängste, Aufregung und andere Gefühle können „auf die Blase schlagen“: Aufwühlende Emotionen sorgen für Trubel im vegetativen Nervensystem, das viele Organe einschließlich der Blase maßgeblich steuert. So flattern „Schmetterlinge im Bauch“, geht etwas „an die Nieren“ oder macht sich jemand „aus Angst in die Hose“. Besonders bei der überaktiven Blase (Seite 73), die ja auch „sensible Blase“ heißt, können Gefühle stark zur Drangsymptomatik und zu Harnverlusten beitragen oder allein dafür verantwortlich sein. Dieser Einfluss ist nach Ansicht einiger Fachleute bei Männern schwächer als bei Frauen, weil sie auf viele Situationen sensibler und emotionaler reagieren. Daher stammt der Ausdruck, „Frauen weinen mit der Blase“.

Trink- und Miktions­verhalten

Im Alltag drängt oft die Zeit wegen beruf­licher Termine und gesellschaftlicher Verpflichtungen. Das verführt dazu, körperliche Bedürfnisse zu ignorieren, unterdrücken oder zu vergessen. Viele Menschen vernachlässigen es, genug zu trinken, und schieben Toilettengänge hinaus, obwohl sie Harndrang spüren. Umgekehrt gehen viele Menschen aus Angst vor Inkontinenz oder störendem Harndrang vorbeugend zur Toilette, obwohl ihre Blase noch gar nicht voll ist. So kann die Blase „verlernen“, sich ausreichend zu füllen und zu dehnen. Dann macht sich Harndrang schon verfrüht bei sehr kleinen Urinmengen bemerkbar. Möglicherweise entwickelt sich Dranginkontinenz. Falsches Trink- und Miktionsverhalten kann Inkon­tinenz nach sich ziehen.

Psychische Einflüsse und Störungen

Manche Fachleute nennen die Blase einen „Spiegel der Seele“. In aufregenden Situationen wie etwa vor öffentlichen Auftritten, Prüfungen und Bewerbungsgesprächen meldet sich die Blase zuverlässig. Miktion und Psyche hängen zusammen. Die Bedeutung dieser Verbindung für die Entstehung von Inkontinenz ist nicht ganz klar. Einige Therapeuten schätzen, dass bei etwa einer von drei Betroffenen psychische Probleme zumindest beteiligt sind. Mit unwillkürlichem Harnverlust sind nicht selten psychische Störungen wie Depressionen oder Hypernervosität verbunden. Auch Probleme in der Partnerschaft oder Sexualität werden in Zusammenhang mit Inkontinenz gebracht. Bei älteren Menschen spielen manchmal Aggressionen oder der Wunsch nach Aufmerksamkeit eine Rolle.

Körperliche Belastung

Aktivitäten wie Joggen, Schwimmen, Radfahren – oder gezieltes Beckenbodentraining – kräftigen den Beckenboden. Ihn schwächen dagegen auf Dauer hohe körperliche Belastungen, die Druck auf den Beckenboden ausüben, etwa Gewichtheben und einige andere Kraftsportarten. Weitere Beispiele sind ständiges schweres Heben von Lasten, anhaltender Husten (Raucherhusten, chronische obstruktive Lungenkrankheit/COPD) und ständiges, heftiges Pressen beim Stuhlgang.

Erkrankungen

Erkrankungen des Nervensystems (z. B. Schlaganfall, Demenz, Parkinsonkrankheit) und solche, die das Nervensystem oft in Mitleidenschaft ziehen (z. B. Diabetes), können Inkontinenz auslösen. Häufige, wiederkehrende Harnweginfektionen erhöhen das Risiko für Inkontinenz.

Operationen, Bestrahlungen und Medikamente

Operationen (z. B. Entfernung der Gebärmutter) und Bestrahlungen des Unterleibs können zu Schäden führen, die Inkontinenz nach sich ziehen. Sie kann auch als unerwünschte Wirkung bei einer Reihe von Medikamenten auftreten, die teils weit verbreitet sind. Diuretika (z. B. bei Bluthochdruck und Herzschwäche) können alle Formen der Inkontinenz fördern, weil sie eine erhöhte Flüssigkeitsausscheidung bewirken. Andere Medikamente begünstigen nur bestimmte Formen der Inkontinenz und sind dort aufgeführt. Personen mit Inkontinenz sollten ihre Ärzte über alle Mittel informieren, die sie dauernd oder zeitweise verwenden.

Veranlagung – die Last der Gene

An fast allen Erkrankungen sind erbliche Faktoren beteiligt. Auch Inkontinenz tritt innerhalb von Familien oft mehrfach auf. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist laut einer deutschen Studie bei Töchtern von Müttern, die selbst Inkontinenz haben oder hatten, um fast ein Drittel erhöht. Andere Untersuchungen ergaben, dass Kinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 43 Prozent Inkontinenzprobleme bekommen, wenn ein Elternteil betroffen ist oder war, und mit einer Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent, wenn beide Eltern derartige Störungen haben oder hatten. Über den Einfluss genetischer Faktoren auf einzelne Formen der Inkontinenz sagen diese Zahlen nichts aus. Klar ist, dass Bindegewebe- und Muskelschwäche ererbt sein kann, die besonders für Belastungsinkontinenz eine Rolle spielt. Bei manchen Sonderformen gehen die Fachleute ebenfalls von einem starken genetischen Einfluss aus.

Therapien für Lebens­qualität

Inkontinenz ist meistens ungefährlich. Nur wenige Formen, die zudem eher selten sind, führen unbehandelt zu körperlichen Folgeschäden. Bei der Behandlung geht es deshalb nicht primär um körperliche Gesundheit, sondern darum, die Lebensqualität wieder deutlich zu heben. Die Zahl der Inkontinenzepisoden soll sinken, Selbstsicherheit und Lebensfreude steigen.

Manchmal fehlen körperliche Ursachen

Optimal dafür wäre, Ursachen zu beseitigen und der Inkontinenz für immer ein Ende zu bereiten. Doch bei manchen Betroffenen finden sich keine körperlichen Ursachen, bei anderen erst nach vielen Untersuchungen. Um die Zeit davor zu nutzen und die Lebensqualität der Patientinnen rasch zu bessern, steht eine Behandlung der Symptome im Vordergrund. In frühen Stadien können Ärzte Kontinenz häufig mit konservativen Therapien wie krankengymnastischen Übungen, Ver­haltens­training oder Medikamenten wiederherstellen. Auch die gängigen Operationen, sofern erforderlich, sind keine schweren Eingriffe und haben hohe Erfolgsquoten. Arzt oder Ärztin sollte immer in einfachen Worten erklären, welche Erfolgsaussichten und Gefahren bei Therapien bestehen. Gibt es mehrere sinnvolle Alternativen? Wenn ja, warum bevorzugt er oder sie eine und hält andere Therapien für weniger geeignet oder ausgeschlossen? Patientinnen sollten sich fachlich gut beraten und sicher fühlen. Einige Internetseiten (z. B. Inkontinenz Selbsthilfe e. V., Deutsche Kontinenzgesellschaft) listen Fachzentren oder ärztliche Beratungsstellen nach Postleitzahlen auf. Die Foren von Selbsthilfeorganisationen enthalten teils Kommentare dazu. Solche Angaben können hilfreich sein, um schneller an kompetente Ärzte zu geraten.

Minimum sind Untersuchung und Beratung

Wer nicht will, muss sich nicht behandeln lassen. Dafür gibt es manchmal gute Gründe. Ältere Personen mit milden Formen haben sich teils mit Hilfsmitteln, Planung und anderen Maßnahmen gut in ihrem Leben mit Inkontinenz eingerichtet. Sie ist ein Begleiter geworden, der nur noch selten stört. Dagegen belasten vielen Therapien Senioren schwerer. Ihr Gesundheitszustand kann weniger stabil sein und ihre Lebenserwartung ist geringer als die von jungen Menschen. Unerwünschte Wirkungen von Medikamenten fallen bei älteren Menschen oft stärker aus. Vor diesem Hintergrund ist eine Gefahr für die Lebensqualität sorgfältig gegen einen möglichen Gewinn abzuwägen. Viele verzichten auf Behandlungen. Doch Therapien generell abzulehnen und nicht einmal die Heilungschancen auszuloten, sind verschenkte Möglichkeiten für die Rückkehr zu einem unbeschwerten Leben. Umgekehrt winkt als Lohn ein Leben, in dem unerwünschter Harnverlust keine Rolle mehr spielt. Man gewinnt die Kontrolle über den eigenen Körper zurück. Das befreit und baut enorm auf. Personen mit Inkontinenz sollten sich auf alle Fälle zumindest untersuchen lassen und anhören, welche Therapiemöglichkeiten es gibt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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