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In einfachen Schritten zu Hoffnung, Heilung und Glück finden
Dieses inspirierende Buch nimmt Sie mit auf eine Reise zu sich selbst, auf der Sie lernen in zwölf Schritten einen Kranich aus Papier zu falten. Jedes Kapitel in diesem Buch widmet sich einem der Schritte und verbindet ihn mit einer wichtigen Qualität, wie Dankbarkeit, Resilienz oder Vergebung. Bezaubernde Zeichnungen und Geschichten sowie meditative Übungen helfen Ihnen zur Ruhe zu kommen und Sinn und Freude im Hier und Jetzt zu finden. Der alten japanischen Tradition des Senbazuru zufolge, wird einem ein glückliches und langes Leben gewährt, wenn man eintausend Papierkraniche faltet. Ob Sie nun einen oder eintausend Kraniche falten, jeder Schritt wird Ihren Geist beruhigen und Sie zu einem Leben voll Hoffnung, Heilung und Glück führen. Das liebevoll gestaltete Buch mit Halbleinenrücken ist ein wundervolles Geschenk der Achtsamkeit für sich selbst oder andere.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für meine Mutter, die mir Flügel zum Fliegen mit auf den Weg gegeben hat.
Zu Ehren von Sadako, die durch das Falten von Papierkranichen der Hoffnung Nahrung gab.
Michael James Wong
INNERE RUHE FINDEN MITSENBAZURU
Die achtsame Kunst einen Papierkranich zu falten
Illustriert von Niki PriestAus dem Englischen übersetzt von Claudia Callies
Copyright © Michael James Wong, 2021Illustrations © Niki Priest, 2021Die amerikanische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Senbazuru – Small Steps to Hope, Healing and Happiness«.Published by arrangement with Rachel Mills Literary Ltd.Die Informationen in diesem Buch sind von Autor und Verlag sorgfältig erwogen und geprüft, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
© 2022 der deutschsprachigen Ausgabe by Irisiana Verlag, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Projektleitung: Sven Beier
Satz: Uhl + Massopust Aalen
Umschlaggestaltung und Konzeption: Geviert, Grafik & Typografie unter Verwendung eines Motivs von Niki PriestISBN 978-3-641-28508-1V001
Achtsamkeit ist die Kunst, im Augenblick zu leben, die Bereitschaft, innezuhalten und ganz präsent zu sein, bewusst, ohne zu urteilen, während sich der Moment offenbart.Das Falten von Papier kann eine wunderbare Ausübung von Achtsamkeit sein.Dies ist das Geschenk von Senbazuru.
In Japan ist der Kranich ein Symbol für Frieden, Hoffnung und Heilung. Dieses mystische und majestätische Geschöpf gilt als Vogel des Glücks und wird, so heißt es, tausend Jahre alt. Eine alte japanische Legende besagt, dass wer in einem Jahr tausend Papierkraniche faltet, von den Göttern einen Herzenswunsch erfüllt bekommt, und auf diese Weise Wohlstand, ewiges Glück und ein langes Leben erlangen kann.
Das Falten von eintausend Kranichen ist keine leichte Aufgabe; es erfordert Mut, Hingabe und Zielstrebigkeit. Das Falten wird sorgfältig und mit Bedacht ausgeführt, jeder Kranich ist ein Sinnbild für Glaube und Inspiration. Das Falten ist eine Reise der Hoffnung, des Willens und der Erkenntnis, der Versöhnung und am Ende der Freude.
Durch das Falten von eintausend Papierkranichen finden wir unseren Weg zur Heilung der Seele und zum wahren Glück.
Einleitung
Einladung zum Wandern
Alles ist möglich
Was ich beim Papierfalten gelernt habe
Eine Achtsamkeitspraxis
Erste Schritte
HOFFNUNG
Sanftmut
Einen Falz nach dem anderen
Nicht von Erwartungen verleiten lassen
In der Ruhe liegt die Kraft
Bevor Sie beginnen
Schritt eins: Die Diagonalfaltung
Mut
Die vier Wege
Nicht dem Berg die Schuld geben
Die Wahrheit über Schildkröten
Schritt zwei: Die Buchfaltung
Inspiration
Jedes Feuer wird durch einen kleinen Funken entfacht
Alles Wird aus der Vorstellung geboren
Platz schaffen, um zu empfangen
Schritt drei: Die Sandwichfaltung
Absicht
Stäbchen oder Gabeln?
Perfektion ist ein Mythos
Das Rezept meiner Mutter
Stehen Sie zu ihren Vergnügungen
Schritt vier: Die Drachenfaltung
HEILEN
Vergebung
Leiden ist eine Wahl, die wir nicht treffen müssen
Wir müssen lernen, zu trauern und dann weiterzumachen
Beim Betrachten der Vergangenheit sehen wir nur Schatten
Schritt fünf: Die Dreieckfaltung
Geduld
Ruhe und Gelassenheit
Zeit für einen Tee
Teemeditation der fünf Blütenblätter
Die Weisheit ist das Geschenk, die Zeit das Geschenkband
Schritt sechs: Die Muschelfaltung
Widerstandsfähigkeit
Steigen wie die Flut
Machen Sie eine Pause, aber geben Sie nicht auf
Das Flüstern und das Brüllen
Schritt sieben: Die Rautenfaltung
Unterstützung
Eine dargebotene Hand
Die unsichtbare Armee
Liebe ist fundamental, Zusammengehörigkeit ist bedingungslos
Schritt acht: Die Feder der Hoffnung
GLÜCK
Dankbarkeit
Der dankbare Kranich
Die Perspektive ändert alles
Ein Geschenk kann viele Formen annehmen
Schritt neun: Die Stäbchenfaltung
Wachstum
Nach Mitternacht passiert nichts Gutes
Was aus Schwächen entstehen kann
Hegen und pflegen
Schritt zehn: Die Kronenfaltung
Einfachheit
Mit der Zeit wird alles ruhiger
Nur das Notwendige mitnehmen
Lernen Sie, Zeit allein zu verbringen
Schritt elf: Die Weisheitsfaltung
Freude
Die Kindheit gerät schnell in Vergessenheit
Ein Gebet für unterwegs
Am Ende finden wir einen neuen Anfang
Schritt zwölf: Die Letzte Faltung
Vorwärts
Die Feder der Hoffnung
Vollendung des Senbazuru
Ein Zuhause für den Senbazuru
Wie ein Papierkranich entsteht
Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrer Wanderung und bin schon gespannt, welchen Weg Sie bei der Lektüre der nachfolgenden Seiten einschlagen werden.
Am Beginn Ihres Weges möchte ich Sie lediglich darum bitten, ihn mit Bedacht zu gehen und keine Eile an den Tag zu legen. Es ist nichts gewonnen, ihn entlang zu hasten, nur um schnell anzukommen. Sie werden in diesem Buch auf vieles treffen, das Sie bei Ihrer Wanderung inspiriert, und wenn Sie auf dem Weg lernen möchten, Papier zu falten, werde ich Ihnen die Techniken zum Falten Ihres ersten Papierkranichs zeigen.
Das ist aber nicht das Ende des Weges – es gibt noch viel mehr zu entdecken, wenn Sie bereit sind, Ihre Wanderung fortzusetzen. Das Buch, das Sie in Händen halten, enthält viele kurze Geschichten und liebevolle Weisheiten, die Sie auf dem Weg zu einem sinnhaften Leben ermutigen. Dies ist die Reise der tausend Schritte zum Glück. Darüber hinaus werden viele schöne Illustrationen in diesem Buch Ihr Auge erfreuen. Jede einzelne wurde von meiner lieben Freundin Niki gemalt, ihre Pinselstriche sind Geschenke, die dazu beitragen sollen, die Worte der Weisheiten zum Leben zu erwecken. Wann immer Sie beim Blättern auf eines dieser kleinen Kunstwerke stoßen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um innezuhalten und es zu würdigen. Werden Sie gewahr, was Sie sehen, und spüren Sie dem nach, was Sie fühlen. Auch dies ist ein wichtiger Teil der Praxis der Achtsamkeit.
Wenn Sie Zeit haben, möchte ich Sie einladen, das Buch von Anfang bis Ende zu lesen. Die Kapitel folgen einer bewussten Reihenfolge und dienen als Etappen auf Ihrer kraftvollen Reise. Sollten Sie nicht gerade vorwärts, sondern einen anderen Weg gehen wollen, schlagen Sie einfach eine beliebige Seite auf und fangen an zu lesen. Wo auch immer Sie landen, werden Sie genau richtig sein.
Bitte behandeln Sie dieses Buch nicht wie ein Heiligtum. Es darf im Laufe der Zeit gerne Gebrauchsspuren aufweisen. Schlagen Sie es auf, befühlen Sie die Seiten. Eselsohren können zweckmäßig sein, scheuen Sie sich nicht davor, Ecken umzuknicken. Und zögern Sie auch nicht, mit einem Textmarker hervorzuheben, was Sie als besonders wichtig empfinden, dann finden Sie es später leichter wieder.
Ich habe das Buch geschrieben, um die schöne Praxis des Papierfaltens auch anderen Menschen zugänglich zu machen. Sie hat mein Leben und mein Wohlbefinden beflügelt. Die Geschichten in dem Buch sind meine eigenen; sie spiegeln die Art und Weise wider, wie diese Traditionen an mich weitergegeben wurden, und das, was ich auf meinem Weg gelernt habe. Aber unabhängig von den Geschichten gehört die Praxis des Papierfaltens uns allen.
Dieses Buch ist für Sie, egal ob Sie acht oder achtundachtzig sind, jung an Jahren oder jung im Herzen. Ich möchte Sie auch ermutigen, sich gemeinsam mit anderen daran zu erfreuen und es vielleicht in einer Gruppe abwechselnd laut vorzulesen. Und wenn Sie fertig sind, könnten Sie das Buch an andere Menschen weitergeben. Es liegt so viel Freude darin, die Praxis des Papierfaltens gemeinschaftlich auszuüben und sich darüber auszutauschen.
Doch auch, wenn Sie bei der Lektüre lieber ganz für sich sind, wandern Sie auf einem schönen Weg, der sich Ihnen mit der Zeit immer mehr offenbaren wird. Ich bin hier, wenn Sie mich brauchen, bin aber sicher, dass Sie Ihren Weg auch selbst finden werden.
Liebenswürdigkeit und Eile vertragen sich nicht.
Als Koa aus dem Haus trat, war es noch sehr früh, sodass die Leuchten, die entlang der Straße Wache hielten, noch ganz munter waren, lächelten und miteinander ein wenig plauderten. Jede Leuchte, an der sie vorbeiging, begrüßte sie mit »Guten Morgen, liebe Koa« und verbeugte sich höflich. »Auch Ihnen einen guten Morgen«, flüsterte sie jeweils zurück, während sie den Hügel hinauf huschte.
Es war Montag, Besuchstag, und wie jede Woche an diesem Tag stand Koa frühmorgens auf und machte sich auf den Weg zum Krankenhaus zu ihrem Großvater, der dort schon seit einer ganzen Weile als Langzeitpatient lag. Koa war erst acht Jahre alt, aber trotzdem alleine unterwegs, denn ihre Eltern hatten lange Arbeitstage und schliefen deshalb bis kurz nach Sonnenaufgang, bevor es für sie wieder in die Fabrik ging. Und Koas kleiner Bruder Bailey war noch zu jung, um sie zu begleiten.
Koa, die den Weg zum Bahnhof oben auf dem Hügel in- und auswendig kannte, beschleunigte ihr Gehtempo. Der Zug fuhr um 4:55 Uhr ab, und sie wusste, dass sie es nicht schaffen würde, wenn sie sich nicht beeilte.
»Ich darf den Aufruf zum Einsteigen nicht verpassen«, flüsterte sie vor sich hin. Wenn sie nur zwei Minuten früher das Haus verlassen hätte, wäre sie nicht in dieser Lage, und sie schämte sich für ihren Schlendrian. Koa griff in ihre Tasche und holte das Smartphone heraus, um zu überprüfen, ob sie ihr Ticket bereits bezahlt hatte. In der Vergangenheit hatte sie das auch schon mal versäumt und sich dadurch verspätet. Das wollte sie nun unbedingt vermeiden, denn eigentlich hielt sie sich an den Grundsatz, der ihr in der Schule eingetrichtert worden war: »Sei allzeit bereit!«.
Sie erinnerte sich an etwas, das ihr Großvater zu sagen pflegte, wenn sie ihre »Du und ich«-Spaziergänge machten, wie er sie nannte. Ihr Großvater bevorzugte dabei ein langsames Tempo und blieb oft stehen, um in den Himmel zu schauen, denn er genoss es, die wandernden Wolken zu beobachten. Er sagte: »Die Wolken haben es nie eilig, aber sie kommen immer an, warum sollten wir es nicht genauso halten?« Koa war mit vielen seiner Sprüche nicht unbedingt einverstanden und hielt sie eher für Einbildungen seines alternden Geistes. Doch sie vermisste die Spaziergänge mit ihm und dachte gerne daran zurück.
Eigentlich war es egal, ob sie den ersten Zug verpasste, denn ein zweiter würde nur ein paar Minuten später kommen, und beide hielten direkt vor dem Krankenhaus. Auch mit diesem Zug wäre sie noch früh genug am Ziel. Aber darum ging es Koa nicht: Für sie war einfach Effizienz das A und O im Leben. Die Besuchszeit begann um 7 Uhr morgens, und Koa war stolz darauf, immer die Erste an der Eingangstür zu sein. Andere Besucher, die sie schon kannten, ließen sie manchmal vor, und sei es nur, um ihren ehrgeizigen Geist zu besänftigen.
Als sie den Bahnhof erreichte, stand der Zug bereits abfahrtbereit am Bahnsteig, aber der Lokführer wartete extra noch auf sie. Diese Freundlichkeit half ihr, ihre unruhige Seele zu beruhigen, um die bevorstehende kleine Reise leichter zu bewältigen. Während sie die letzte Treppe zum Bahnsteig hinaufstieg, zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke zu; die Zugfenster hatten viele Ritzen, sodass es im Waggon morgens recht kühl war. Die Fahrt in die Stadt dauerte genau zwei Stunden und zwei Minuten, und Koa blickte neugierig aus dem Fenster, während die Welt an ihr vorbeiflog: eine Unmenge von Betonmonolithen und hoch aufragender Gebäude, zwischen denen am Boden die Menschen wie Ameisen wuselten. Sie genoss die Zeit im Zug sehr, und an manchen Tagen wünschte sie sich insgeheim, die Fahrt würde nie enden. Ihr wöchentlicher Ausflug war die einzige Gelegenheit für sie, mit so einem schnellen Zug zu fahren, und sie wusste, dass sie eines Tages, wenn ihr Großvater seine ewige Ruhe gefunden hätte, nicht mehr so schnell in den Genuss dieser Abenteuer kommen würde.
Züge waren eine Ikone der Effizienz, und generell lief heutzutage alles digital ab, sodass menschliche Fehler ausgeschlossen waren. Dies war schon lange vor Koas Geburt eingeführt worden, um zu gewährleisten, dass die Annehmlichkeiten der Vergangenheit den Fortschritt der Zukunft nicht behinderten. Die Kindheit galt nicht mehr als Zeit der Fantasie oder des Leichtsinns, sondern vielmehr als eine organisierte Abfolge von effizienten Vorbereitungen. Das Leben im Allgemeinen war ein reglementierter Zeitplan des Fortschritts und der Technologie. Alles, was als ineffizient galt, wurde als veraltet gebrandmarkt: Gärten, Spielplätze, Bücher, Stricken und Popmusik. Diese und viele andere Dinge wurden nicht mehr geduldet. Jede Tätigkeit, die aus Sentimentalität, Nostalgie oder Vergnügen und nicht aus ehrgeizigen Zielen heraus unternommen wurde, sollte der Vergessenheit anheimfallen. Alles Wertvolle konnte simuliert, digitalisiert, in elektronische Fertigkeiten umgewandelt werden; alles andere wurde nicht mehr gebraucht. Die einzige Priorität im Leben war die Sicherung des Erfolges, und so wurde Althergebrachtes durch Smartphones, Schnellzüge, sprechende Tablets und virtuelle Realität ersetzt. Das Leben verlangte Effizienz statt Erfahrung. Auch die Hoffnung war ein Relikt der Vergangenheit geworden, die wunschgerichtete Perspektive früherer Epochen.
»Piep, piep, piep. Wir haben das Stadtzentrum erreicht«, säuselte die vertraute automatische Stimme über die Lautsprecheranlage, als der Zug langsam zum Stehen kam. »Einen schönen Tag dir, Koa«, sagten die Schiebetüren, während sie in der Spalte zwischen der Stille und der Außenwelt verschwanden. »Ich danke dir, Max. Danke, Mimi«, antwortete Koa und verabschiedete sich mit einem Knicks. Sie zog ihr Kleid glatt und trat auf den Bahnsteig. Die Realität hatte sie wieder.
Koa sah auf die Uhr: 6:57 Uhr – sie würde es pünktlich schaffen. Sie tauchte in das Meer der wimmelnden Pendler ein und ließ sich mit dem Strom auf die Straße hinaustreiben. Von dort ging sie noch ein paar Schritte bis zum Krankenhauseingang. Tick, tack … tick, tack. Genau 7 Uhr. Die Digitaluhr am Empfang begrüßte Koa mit den Worten: »Die Erste, wie immer. Gut gemacht!«. Koa war am Ziel.
Nach dem Durchqueren der Vorhalle erreichte Koa den Aufzug. Sie stieg ein, wählte die Etage und fuhr nach oben bis in den achten Stock, wo sie in den Genesungstrakt hinaustrat. Wie bei jedem Besuch spürte sie, wie die Luft im Krankenhaus von Erinnerungen an vergangene Zeiten erfüllt war. Die Tür von Zimmer 409 war noch geschlossen, aber durch das kleine vertikale Fenster in der Tür konnte Koa sehen, dass ihr Großvater sie schon erwartete.
»Hallo, Opa«, sagte sie.
Der Großvater lächelte mild; trotz seiner Kurzatmigkeit und seiner Gebrechen war er voller Elan. »Hallo, meine herzallerliebste Koa. Du bist so schön, wie die Sonne warm ist. Die Lichter sind heller geworden, jetzt, da du hier bist, und mein Herz quillt über vor Freude, wenn ich dich mit meinen alternden Augen sehe.«
Koa waren die weitschweifigen Komplimente ihres Großvaters eher etwas peinlich; er sprach in Sätzen statt in Worten, eine Ineffizienz des Alters. Trotzdem liebte sie ihn sehr.
Er fuhr fort: »Danke, dass du mich besuchst. Ich habe die ganze Woche darauf gewartet, dich zu sehen und hoffte so sehr, dass du heute kommen würdest, damit wir etwas Zeit miteinander verbringen können.«
»Aber Opa, ich komme doch immer montags – warum hätte ich heute nicht hier sein sollen?«, erwiderte Koa.
Der Großvater lächelte wissend. Er hatte schon einige Sonnenuntergänge von diesem Krankenzimmer aus erlebt und noch viele mehr davor in seinem Leben. Er hatte verfolgt, wie seine Kinder und Enkelkinder unter die Räder der neuen Zeit gerieten und davon überzeugt waren, dass das Leben in Taten und Errungenschaften gemessen wurde. Seine alternde Seele war anders, und wie viele Menschen seiner Generation hatte er tapfer gegen die Flut des Wandels gekämpft.
»Darf ich dich etwas fragen, Koa?«, sagte er.
»Natürlich, Opa«, lautete die Antwort.
»Was weißt du über Papier?«
Koa antwortete: »Ich weiß viele Dinge über Papier. Ich habe eine Menge Bücher darüber in der digitalen Bibliothek in der Schule gelesen und außerdem ein Foto von einer alten Papierrolle im Museum gesehen, als wir letztes Jahr dort waren.« Und sie fuhr fort: »Früher hat man mit Papier Nachrichten an andere Menschen geschickt, so wie wir heute mit unseren Telefonen Nachrichten verschicken, nur viel langsamer.« Sie lachte. »Und Bücher erzählten Geschichten aus der Vergangenheit, sowohl wahre als auch erfundene Geschichten. Papier wurde auch als eine Form von Geld benutzt, um es gegen Dinge einzutauschen, die man kaufen wollte, wie Essen oder Spielzeug.«
Sie hielt inne und blickte ihren Großvater an, um zu sehen, ob sie seine Frage angemessen beantwortet hatte. »Aber Papier scheint sehr ineffizient zu sein, ich bin froh, dass wir diese archaischen Zeiten hinter uns gelassen haben«, fügte sie dann noch hinzu.
Der Großvater lächelte wieder, beugte sich vor und flüsterte: »Aber welches Gefühl gibt dir Papier?«
Nun trat eine längere Stille ein.
»Ich verstehe die Frage nicht«, meinte Koa irgendwann.
Ihr Großvater griff vorsichtig hinüber zu seinem unaufgeräumten Nachttisch. Darauf befanden sich allerlei Nippes, seine Lesebrille, ein Dutzend Teebeutel und eine Schale mit bunten Süßigkeiten. Es war offensichtlich, dass der Großvater einer Generation angehörte, für die Ordnung keine Priorität hatte. Er öffnete die Schublade des Nachttisches, zog einen rechteckigen Gegenstand heraus und setzte sich auf.
Er sah Koa an und fragte sie: »Weißt du, was das ist?«
Mit großen Augen antwortete Koa: »Es ist ein Buch!« Sie hatte noch nie ein richtiges Buch gesehen und staunte, als sie näher herantrat. Eigentlich war es niemandem mehr erlaubt, ein Buch zu besitzen; jedes irgendwo gefundene Exemplar wurde beschlagnahmt, digitalisiert und dann verbrannt. Echte Bücher waren ein Relikt der Vergangenheit, aber das Leben im Heute drehte sich nur noch um die Zukunft.
Koa war total verblüfft über diese Offenbarung ihres Großvaters. Er ging damit schließlich ein großes Risiko ein. Während er in dem Buch zu blättern begann, sprach er leise, um die Krankenschwestern nicht auf sich aufmerksam zu machen, denn er wusste ja, dass er etwas Verbotenes in der Hand hielt. »Dies ist ein Buch wie kein anderes. Ich bin mir sicher, dass du so etwas noch nie gesehen hast. Es ist ein Unikat.« Er winkte seine Enkelin näher zu sich und übergab ihr seinen Schatz.
Mit leicht zittrigen Händen nahm sie das Buch und hielt es fest. Es war schwer, aber es fühlte sich angenehm an. Sein Einband war dünn und schon etwas brüchig, die rote Farbe verblasst vom Alter und Sonnenlicht.
»Warum ist dieses Buch so etwas Besonderes, Großvater? Was steht denn darin?«, fragte Koa. »Es steht nichts darin; die Seiten sind leer«, gab er zur Antwort.
Koa sah sich die Buchseiten beim Durchblättern näher an – tatsächlich, sie waren leer, unberührt vom Regiment der Wörter und Zeilen, unbefleckt und unbeschrieben.
Koa hatte noch nie unbedrucktes Papier gesehen. Dies war wirklich eine Rarität.
Sie schaute ihren Großvater an und bemerkte, dass seine Züge weicher geworden waren; seine müden Lider hingen schlaff herunter, und er hielt die Augen nur mit großer Anstrengung offen. »Ich möchte es dir schenken, Koa. Dieses Papier gehört jetzt dir.« Sie konnte sehen, dass ihn bald der Schlaf übermannen würde.
»Aber Großvater, was soll ich damit machen?«
»Alles, was du willst, mein Schatz. Es ist ein Geschenk des Neuanfangs. Es ist ein Raum für deine Vorstellungskraft und dein Staunen, es erlaubt alles und urteilt nicht. Seine Möglichkeiten sind endlos. Denke immer daran, dass die Zukunft ungeschrieben ist.«
Er lächelte sanft, seine Augen wurden weicher und sagten:
»Aber wenn wir Papier haben, ist alles möglich.«
An manchen Tagen braucht es keine Worte. Gib dir Raum, um zu erkennen, was sich dir offenbart.
Meine Mutter brachte mir schon sehr früh bei, wie man Papier faltet. Vielleicht war es für sie ein Weg, einen Wildfang zu beruhigen, oder vielleicht wollte sie einfach den Samen der Achtsamkeit säen. Wie nicht anders zu erwarten, gab es anfangs viel Ärger und Enttäuschung. Ich wollte alles ganz genau richtig machen, hatte aber nicht die Geduld, mich eingehend mit den Anleitungen zu befassen. Auch wenn ich noch so konzentriert arbeitete, produzierten die stumpfen Fingerspitzen unter meinem jugendlichen Überschwang viele ganz und gar unperfekte Faltungen. In dieser Phase machte mir das Falten wenig Freude; ich ging zu überhastet vor und war außerdem überehrgeizig.
Der Rat meiner Mutter lautete: »Mach langsam. Denk nicht darüber nach, wo du am Ende landen wirst. Konzentriere dich nur jeweils auf den Falz, den du gerade machst, nur er ist wichtig.« Mit der Zeit habe ich dann meinen Weg gefunden und gelernt, nicht immer perfekt sein zu wollen.
Beim Falten von Papier habe ich außerdem gelernt, kein bestimmtes Ergebnis zu erwarten. Manchmal zerknicken die Ecken beim Falten oder die Faltkanten sind nicht ausgeprägt genug, und ein anderes Mal entstehen mühelos wunderschöne Kraniche. Mir ist klar geworden, dass unabhängig vom Ergebnis der Vorgang des Faltens wertgeschätzt werden sollte, nicht das Endprodukt. Jeder Moment soll achtsam erlebt werden.
