Verlag: Matthes & Seitz Berlin Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Ins Wasser geschrieben - Peter Trawny

Dieser Versuch über Intimität und die Differenz von Innen und Außen ist Echo und Antwort auf die Frage nach dem Ort einer kommenden Revolution, die Trawny in seinem vorangegangenen Essay 'Medium und Revolution' aufwarf. Die radikale Besinnung auf das Innen, die mono- oder bipolare Intimität leuchtet als einzige Möglichkeit auf, heute wahrhaftig zu leben.

Meinungen über das E-Book Ins Wasser geschrieben - Peter Trawny

E-Book-Leseprobe Ins Wasser geschrieben - Peter Trawny

Peter TrawnyIns Wasser geschrieben

Peter Trawny

INS WASSER GESCHRIEBEN

Philosophische Versuche über die Intimität

INHALT

Vorwort. An die Grenze

Seelen-Auge/Adyton

Bataille. Wasser im Wasser

Die intime Differenz. Innen/Außen I

»Godspeed, My Dead God!«

»Ich bin der Welt abhanden gekommen.« Intimität der Phantasie

In dir – in mir. Liebe

Dunkle Materie. Innen/Außen II

Kryptisches Einschreiben

Asozial

Lebensstrom. Musik I

Apokalypse, Ereignis

Intimität und Revolution

Intimitäts-Gefühl

Rilkes Gedicht. Musik II

Selbstmord. Die verwüstete Intimität

Keine Dichter!

Präsenz. Zeit der Intimität

Wer bist du? Vom Schmerz

Epitaph. Wasser und Stein

»Here lies One Whose Name was writ in Water.«

John Keats’ Epitaph

»Und vergesst mir den Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk! Und habt Menschen um euch, die wie ein Garten sind, – oder wie Musik über Wassern, zur Zeit des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird.«

Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse

»Mysterieuse MOI, pourtant, tu vis encore! / Tu vas te reconnaître au lever de l’aurore / Amèrement la même ...«

Paul Valéry: La jeune Parque

VORWORTAN DIE GRENZE

Wann bin ich ganz bei mir? Wann ganz bei dir? Bei uns?

Wenn ich mich von dem abwende, was mich nicht zu mir kommen lässt, was mich mir entzieht, mich mir entwendet, mich dir raubt. Ich bin bei dir, wenn ich bei mir bin, bei mir, wenn ich bei dir bin.

Wohin ich mich dann wende ist ein Ort, an dem ich »von je« her war: die Intimität. Das Wort weckt bestimmte Vorstellungen. Es hat eine theologische und philosophische Geschichte. Die Geschichte dessen, was Intimität ist, beginnt schon vor dem Auftauchen des Wortes. Meine Absicht ist nicht, diese Geschichte zu erzählen. Ich möchte über die Intimität selbst sprechen. Dass dies nicht ganz ohne ihre Geschichte möglich sein wird, ist klar. Dennoch ist es die Intimität selbst, die den folgenden Betrachtungen den Atem gibt.

Heute – vor allem in der deutschen Sprache – wird die Intimität zumeist auf ihre erotisch-sexuelle Bedeutung, auf die »Intimsphäre« reduziert. Ursprünglich hat sie kaum etwas mit diesem Begehren zu tun (falls etwas mit diesem Begehren nichts zu tun haben kann). Es leuchtet jedoch ein, warum die erotische Vereinigung intim erfahren wird. Daher werde ich auch diese Intimität berücksichtigen.

Das lateinische intimus ist der Superlativ von intra. Das Intime ist das Innerste. Intimität ist demnach die Weise, wie sich das Innerste zeigt, wie das Innerste ist. Wo ein Innen, da ein Außen. Intim ist, was sich von einem Außen unterscheidet, mehr noch, was sich von ihm abwendet.

Über die Intimität nachzudenken heißt demnach auch, über die Unterscheidung von Innen und Außen zu sprechen. Gewöhnlich wird sie, was die Intimität betrifft, mit der Unterscheidung des Privaten und Öffentlichen in Verbindung gebracht. Das Private geschieht sozusagen in meinen eigenen vier Wänden und geht nur mich und die, die mit mir leben, etwas an. Das Öffentliche dagegen betrifft uns alle. Abgesehen von dieser längst prekären Differenz sind das Private und das Intime nicht dasselbe. Zwar ist die Öffentlichkeit etwas, womit die Intimität es zu tun hat, doch das Private ist niemals das Innerste, und nicht selten ertragen wir das Private nur, weil wir unsere Intimität vor ihm bewahren.

Für die Intimität ist selbst das Private ein Außen, eine Äußerlichkeit. Doch das Innerste braucht keineswegs auf ein Außen bezogen zu sein, vor allem dann nicht, wenn dieser Bezug als eine Abhängigkeit betrachtet wird. Das Innerste ist auch denkbar als die Mitte einer Unendlichkeit, die ihrer Art gemäß kein Außen hat. Dann wäre das Innerste die Intensivierung eines Innen, das nichts anderes als das Sein überhaupt wäre. Hölderlin hat anstelle des lateinischen intimus das alte, schöne Wort »Innigkeit« verwendet und dabei häufig auch den Superlativ »das Innigste«. Entscheidend war für ihn, dass es zu diesem In-Sein keine Alternative gab. Die Intimität ist dann der Begriff für eine Einheit, die keine Alternative, sondern Intensitäten kennt.

Das Substantiv »Innigkeit« und vor allem das Adjektiv oder Adverb »innig« waren einmal weit verbreitet. Ihre Verwendung war ohne Weiteres möglich. Das hat sich geändert. Geben solche Änderungen im Sprachgebrauch auch Auskunft über bestimmte geschichtliche Veränderungen? In Bezug auf die »Innigkeit« kann man vielleicht behaupten, dass in Jahrhunderten wachsender Öffentlichkeit das Verständnis für das, was »innig« bedeutet, geschwunden ist.

Das führt auf die Atmosphäre des Mediums, auf seine eigentümliche Pathologie.1 Da ist festzustellen, dass ein scheinbarer Widerspruch herrscht. Einerseits ist eine enorme Ernüchterung aller Diskurse unübersehbar. Die großen Begriffe, die dramatischen Erzählungen werden abgelehnt. Andererseits läuft die Rühr-Maschine des Mediums, das ist Hollywood, auf Hochtouren. Wo man für sich selbst die Affektivität des Lebens marginalisiert und an der Institution einer im Grunde liberalen, daher nicht angreifbaren Vernunft ernüchternd verpuffen lässt, liebt man es, sich im Dunkel medialer Zerstreuung von dem scheinbar tiefen Seins-Schmerz eines Terrence Malick oder eines Alejandro González Iñárritu zeitweise angehen zu lassen. So wird die Intimität privatisiert und in ihrer Bedeutung gänzlich verkannt.

Ich möchte die Innen/Außen-Unterscheidung anerkennen. Sie hat eine gewisse Plausibilität, selbst wenn sie viele Probleme aufwirft und im Grunde dazu da ist, verneint zu werden. Wie plausibel sie jedoch ist, lässt sich an der ersten vorläufigen Bestimmung der Intimität, sie sei das »Gespräch der Seele mit sich selbst« (Platon), ablesen. Intimität – ein Gespräch, das ich mit mir selbst führen kann. Sprechend bin ich stets einerseits redend, andererseits hörend. Ich kann nur sprechen, indem ich höre und hören, indem ich spreche.

Was ich höre, ist aber nicht einfach meine Stimme, jedenfalls nicht die, die andere hören (das bemerken wir, wenn wir unsere Stimme von einem neutralen Abspielgerät vernehmen). Es ist ein Stimme, die sich mit meiner inneren Stimme mischt. Diese höre ich auch, wenn ich nicht mit anderen spreche. Welche Stimme ist aber die, die ich notwendig hören muss, um zu sprechen? Die äußere oder innere? Oder geht es um beide? Oder sind beide in Wahrheit eine? Doch wahrscheinlich geht es darum gar nicht. Vielmehr geht es um eine Differenz zwischen mir und mir selbst und um die daraus entspringende Möglichkeit, mich selbst zu fühlen: Selbstaffektion. Intimität ist auf exzessive Art und Weise stets auch Selbstaffektion.

Dass ich hören muss, um zu sprechen, gilt vor allem, wenn ich mit dem anderen spreche und ihm zuhöre. Das mag zu einem intimen Gespräch führen. Doch das womöglich erste intime Sprechen, das Gespräch der Seele mit sich selbst, ist in einem sehr wichtigen Aspekt von dem Gespräch mit dem anderen unterschieden. Während der andere mich belügen kann, kann ich mich selbst in meinem innersten Sprechen nicht belügen.

Wenn die Intimität zunächst dieses Gespräch der Seele mit sich selbst ist, ein inneres Sprechen, das zugleich ein inneres Hören ist, dann gibt es im Intimen logischerweise keine Lüge, keine Täuschung. Wenn ich jemanden belüge, sage ich das Gegenteil von dem, was ich weiß. »Hast du getrunken?« Ich weiß, dass ich getrunken habe, verneine aber lügend die Frage. Im inneren Gespräch ist mir das unmöglich. (Natürlich kann ich mich vielfach auf andere Weise selbst belügen – es geht hier, wie gesagt, nur um die logische Unmöglichkeit.) Das bedeutet, dass mit der Innen/Außen-Differenz das große Problem der Unwahrheit, der Lüge, der Täuschung, der Enttäuschung, erscheint. Das intime Leben steht in einem besonderen Bezug zur Wahrheit. Das ist eines ihrer wichtigsten Elemente.

Das klingt moralisch, ist es aber nicht. Die Intimität ist von sich aus immoralisch, weil sie anarchisch ist. Das, was in ihr als verbindlich anerkannt wird, ergibt sich nicht aus allgemeinen Regeln oder der Pflicht. Es ergibt sich. Moralische Vorstellungen gibt es jenseits der Grenze der Intimität. Wer diese intim einklagt, zerstört das intime Leben. Dieses ist in der Lage, von selbst eine Gemeinschaft zu bilden. Dazu gehört allerdings die Geduld, die der Intimität eigenen Gesetze sehen zu lernen.

An dieser Stelle möchte ich auf einen cantus firmus der vorliegenden Versuche über die Intimität aufmerksam machen. Intimität ist in der Tat mehr und anders als das Private eine Abwendung von der Öffentlichkeit. Sie ist – wenn ich so sagen darf – eine Art »Reinigung« (Platon), im Sinne einer betonten Abkehr von den Geschäften der Welt. So gesehen ist die Intimität entschieden asozial, mithin immoralisch. Das ist eine ihrer schönsten Möglichkeiten. Denn wenn ich überhaupt jemals ganz bei mir, bei dir zu sein vermag, dann abseits all dessen, was uns der technisch-wissenschaftlich-ökonomisch-mediale Apparat und seine Moral anbieten.

Das »in mir« und seine Differenz zu einem »außer mir« ist eine unmittelbare Erfahrung. Die philosophische und christliche Tradition hat das Innen mit der Seele identifiziert. Damit beginnen die Probleme. Denn mit der Seele ist zugleich ihr Unterschied zum Körper gesetzt. Die Innen/Außen-Unterscheidung wäre dann die von Seele und Körper. Meistens wurde diese Trennung auch noch so aufgefasst, dass sich die Seele vor dem Körper zu hüten habe, dass der Körper mit seinem Begehren die Seele beschmutze.

Aber die Erfahrung des »in mir« ist so eigentümlich, dass ich ihr Verhältnis zum Körper offenlassen möchte. Gewiss erfahre ich dieses »in mir« als jenes innere Gespräch ganz körperlos. Doch offenbar stellt auch der Körper ein Innen dar, das von einem Außen unterschieden wird. Selbstverständlich denke ich nicht an seine Innereien. Ich denke an die erotische Intimität, in der sich dem anderen ein Innen des Körpers öffnet.

Novalis hat das an einer bestimmten Erfahrung deutlich gemacht. »Es ist ein inniges Wohlsein im Wasser, eine Wollust in der Wasserberührung.«2 Wenn ich mich im Wasser befinde, befindet sich mein Körper offensichtlich in einem Element, das ihn von außen umfasst. Doch ich spüre diese Berührung innig, das heißt in mir. Die unmittelbare Erfahrung des »in mir« hat zwar eine Grenze, doch sie wandert. Die Innen/Außen-Unterscheidung ist nicht stabil, kaum zu lokalisieren. Das Außen verwandelt sich in ein Innen, das Innen in ein Außen. Sogar dass alles innen ist, erscheint möglich. Dann ist es unendlich, aber begrenzt. Das Wasser übrigens befindet sich in einem besonderen Verhältnis zur Intimität. Es ist das eigentlich intime Element.

Die Intimität ist also unvermeidlich mit einem »in mir« verbunden. Dieses »in mir« entzieht sich jeder Vergegenständlichung. Die Intimität ist kein Ding, keine Sache. Auch die »Seele« war nicht gedacht, ein Objekt zu werden. Doch die Festlegung der Intimität auf diesen bequemen Begriff hat ein Übriges getan. Freud spricht von einem »psychischen Apparat«. Aber selbst er ist – wie Freud ihn versteht – noch kein Ding. Über die Intimität zu schreiben ist wie ein Schreiben im Wasser. Vielleicht erscheint etwas, doch es verschwindet, als wäre es nie dagewesen. Und wenn die Intimität selbst dieses Wasser wäre?

Eine Schrift im Wasser – was ist das anderes als Wasser im Wasser? Die Intimität ist beides, Wasser/Schrift und Wasser. Das »in mir« ist demnach nicht so vorzustellen, als wäre es ein Ich in einem Kasten. Es ist eine Monochromie, von der sich eine Differenz abhebt, die aber keineswegs diese Monochromie durchtrennt. Deshalb lässt sich hier auch nichts aneignen, nichts als Habe deklarieren. Wäre die Intimität eine andere Möglichkeit, das Selbst und sein Bewusstsein zu denken, dann hätten wir es mit einem Selbst zu tun, dass sich nicht aneignen lässt, ein Selbst, das sich nicht durchdringt, obwohl oder gerade weil es sich zu sich selbst verhält. Die Intimität bleibt eine Gabe.

– Intimität ist ein Verhältnis zwischen mir und dir, das ich durch mich und dich als In-Differenz erfahre. In-Differenz ist keine Identität, sondern eine Differenz, die die Unterschiede »flüssig«, das heißt durchlässig macht, sie öffnet zu mir und zu dir. Sie ist die erste intime Differenz. Diese In-Differenz ist selbst getrennt von einem anderen, das zunächst als ein Außen erscheint, sich jedoch als ein anderes Innen zu erkennen geben kann. Die Differenz zu diesem Außen ist die zweite intime Differenz. Auch diese Differenz ist intim, weil sie von der Intimität aus erfahren wird.

Sowohl das Innen als auch das Außen sind – weil »flüssig« – unendlich intensivierbar. Damit erscheint die Unendlichkeit. Sie ist der Intimität möglich. Welche Unendlichkeit? Das ist nicht zu sagen. Es gibt jedenfalls kein Innerstes und Äußerstes, das nicht noch innerer und äußerer sein könnte. Ob diese offene Intensivierung jemals einen Ort erreicht, den sie als Ereignis einer allumfassenden Ankunft erfährt? Oder ist das Unendliche das Und-so-weiter, das so viele Philosophen verachtet haben? Das Unendliche ist der Exzess der intimen Gabe – Nähe, in der wir plötzlich gemeinsam atmen. –

Die Intimität ist ein differenzierter Bereich. Doch in der Intimität gibt es ein Begehren, diese Differenzen durchlässig zu machen. Dieses Begehren hat sich in der Philosophie als Hingabe an das Eine verwirklicht. Im Leben gestaltet es sich unmittelbar erotisch im Sinne eines Suchens von Nähe, von Aufnahme, von Ort und Auflösung des Ortes. Die Steigerung des Begehrens kann sich auf Repräsentationen des Einen beziehen wie die Nacht und den Tod. Die Romantik von Novalis bis Wagner kennt eine Poetologie dieses Begehrens.

Die Grenze der Intimität ist schwer zu bestimmen. Sie endet dort, wo sich etwas dem, was in ihrem Bereich begehrt wird, insofern entgegensetzt, als es den Bereich selbst verletzt und vernichtet. Das ist der technisch-wissenschaftlichökonomisch-mediale Apparat, den Derrida auch einfach »Medium« nennen kann. In dieser unzureichend »Öffentlichkeit« genannten Sphäre werden die Merkmale der Intimität außer Kraft gesetzt, für ungültig erklärt. Darüber hinaus erscheint das Medium allerdings als ein Sein, das die Übergänge zur Intimität erobert und in sie einfällt. Das Medium ist kein neutrales Sein, sondern ein aggressiv-okkupatorisches. Die Intimität wird kontaminiert.

Deshalb muss die Intimität als eine Lebensalternative gestärkt werden. Es ist wie Nietzsche es in einem der schönsten Sätze, die im Deutschen geschrieben worden sind, sagt: »Und vergesst mir den Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk! Und habt Menschen um euch, die wie ein Garten sind, – oder wie Musik über Wassern, zur Zeit des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird.«3 Die Intimität ist ein solcher Garten und die Menschen der Intimität eine solche Musik. Intimität liebt und lobt die Enklave. Sie braucht die Grenze. Das kapitalistische Medium hasst die Grenze (die Regel, im Grunde selbst das Gesetz). Der Garten und die Musik sind übrigens keine Platzhalter der Kultur und Kultiviertheit. Nietzsche weiß, dass Dionysos auch im Garten herrscht.

Die Intimität ist notwendig latent infantil. Ihr Begehren, die Grenzen zum anderen und zur Welt überhaupt zu öffnen, ruft die Kindheit in Erinnerung, in der die Enttäuschungen gerade aus der traumatischen Austreibung dieses Begehrens kommen. Und diese erste traumatische Austreibung – beendet sie nicht ein allgemeines Wasser-Dasein, dessen Erinnerung uns ein Leben lang begleiten wird? Obwohl die Kindheit solche Traumata über sich ergehen lassen muss, verschwindet sie nie ganz, vor allem dann nicht, wenn wir uns selbst in unseren eigenen Kindern begegnen und nicht begegnen. Indem so die Kinder zu unserer Intimität gehören, erhält die Erinnerung an die eigene Kindheit ein ständiges Echo. Und selbst ohne die Anwesenheit der Kinder fließen diese Erinnerungen beinahe ununterbrochen in unser intimes Leben ein. Wenn ich im Folgenden von Erinnerungen spreche, dann meine ich fast immer die Kindheit – samt ihrer Traumata.

Die Sprache der Intimität ist die Dichtung. Das hat viele Gründe. Einen davon hat Bataille erfasst. Die Dichtung führe »zu demselben Punkt, zu dem jede Form der Erotik führt – zur Ununterscheidbarkeit, zur Verschmelzung der unterschiedlichen Gegenstände«. Dichtung sei ein Begehren nach »Kontinuität«. Poesie sei »das Meer, das mit der Sonne schwand«,4 sagt Bataille Rimbaud zitierend. Die Dichtung gibt Zusammenhänge. Diese Gabe muss so radikal wie möglich verstanden werden. Sie ermöglicht Verbindungen, wo vorher keine waren. Diese Verbindungen bilden ein Innen, in dem sich die Dinge nähern, in dem Nähe geschieht. Diese Nähe aber muss sich von einer Verschmelzung freihalten, will sie Nähe bleiben. Und ein solches Begehren entspricht auch keineswegs den Gedichten selbst. Bei aller Bewohnbarkeit der Gedichte bleiben die Grenzen in ihnen genau bestimmt, genauer übrigens als in der Prosa.

Die Sprache der Intimität ist die Dichtung, weil diese kryptisch ist. Die Intimität liebt die Verborgenheit wie die Dichtung. Die Klarheit der Dichtung ist kryptisch, wie die Offenheit der Intimität kryptisch ist. Das verbündet sie in der Differenz zum Medium, in dem Sprache, die Geduld erfordert, geächtet wird. Das Medium täuscht sich aber, wenn es das Kryptische für das Unverständliche hält. Verstehbar ist eigentlich nur das Kryptische, denn nur das Kryptische hat die Möglichkeit zur Klarheit. Das Klare braucht keine Erklärung. Das Medium verwechselt Klarheit mit Banalität. Diese ist immerhin am schnellsten zu konsumieren. Die Intimität aber braucht dieses dunkle Licht, wie das Leben überhaupt.

Was für die Dichtung gilt, gilt mehr noch für die Musik und den Gesang. Das Begehren des Einen, das die Intimität bewegt, wird in der Musik zur unmittelbaren Erfahrung. Für Hegel ist die Musik fähig, »alles in sich aufzunehmen, was überhaupt in das Innere eingehen« kann.5 Die Musik durchdringt das Innerste wie eine reine Offenheit. Der Schluss von Wagners Tristan und Isolde bringt es auf den Punkt: »ertrinken, versinken, – unbewusst, – höchste Lust!« Es ist fraglich, ob die Musik von außen durch uns hindurchfließt – oder ob sie der Intimität selbst entspringt.