Inselgeplauder Baltrum - Brigitte Vollenberg - E-Book

Inselgeplauder Baltrum E-Book

Brigitte Vollenberg

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Beschreibung

Auf der Suche nach einem neuen Urlaubsdomizil am Meer entdeckt Greta die Insel Baltrum, das "Dornröschen in der Nordsee". Eine undefinierbare Liebe entwickelt sich zu diesem Urlaubsort. Zu unterschiedlichen Jahreszeiten verbringt sie eine Weile auf dem Eiland und erfährt, was Sehnsucht bedeutet. Die gigantische Natur fasziniert sie. Die nötige Ruhe zum Schreiben und Lesen sind ein Geschenk. Aber das Besondere sind die Menschen, die ihr begegnen: Touristen wie Insulaner rücken gleichermaßen in ihren Fokus. Greta lässt den Leser an ihren Beobachtungen und Erlebnissen teilhaben und lieferte eine persönliche Sicht auf unterschiedliche Themen, die sie auf Baltrum beschäftigen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Edition Paashaas Verlag

Autor: Brigitte Vollenberg

Neuerscheinung: Juli 2023

Covermotive: Privates Foto Brigitte Vollenberg

Covergestaltung: Nora Bojarra

© Edition Paashaas Verlag, Hattingen

www.verlag–epv.de

Printausgabe: ISBN: 978-3-96174-125-0

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

https://dnb.d–nb.de abrufbar.

Inselgeplauder Baltrum

Von Windkraftanlagen im Nebel, einer Regenwasserwand, Wöchnerinnen-Grogs, Rosinenbrötchen, dick mit Butter bestrichen und einem holländischen Kapitän

Der Wunsch, endlich wieder einmal am Strand zu stehen, den warmen Sand unter den Füßen zu spüren und auf die unendliche Weite der Nordsee zu blicken, wurde immer größer. Früher, ja früher war dieses Gefühl Greta mindestens einmal im Jahr vergönnt. Aber früher lebte ja Max noch. Sie liebten beide die Nordsee. Als ihre Kinder klein waren, verbrachten sie regelmäßig eine Woche im Herbst auf Ameland, eine niederländische, westfriesische Insel. Aber auch im Sommer fuhr sie mit ihrer Familie immer mal wieder in den Ferien an die Küste. Später eroberten sie auch andere Orte, die sich durch eine Gemeinsamkeit auszeichneten: die Nähe zur Nordsee. Cuxhaven, St. Peter-Ording und die Halligen zählten zu ihren bevorzugten Reisezielen, wenn sie beide den Ruf der Nordsee wahrnahmen.

„Ich fahre im Sommer nach Ameland“, eröffnete Greta ihrer Tochter.

„Mama“, sagte sie entrüstet, „du kannst nicht nach Ameland fahren, dort erinnert dich jedes Sandkorn an Papa. Tue dir das nicht an. Es gibt so viele Inseln in der Nordsee, auf denen du mit Papa bisher nicht gewesen bist.“

Sie hatte recht, war Gretas Erkenntnisse nach einer grübelnden Nacht. Sie setzte sich an ihren Computer und rief eine geografische Karte der Nordseeküste auf. Ihre ersten Versuche, ein Einzelzimmer zu buchen, machte sie auf Texel und auf Terschelling. Aber leider hatte dort niemand zur Hauptsaison ein Einzelzimmer frei. Sie entschied, ihr Glück auf einer deutschen Insel zu probieren. Aber auch Borkum, Juist und Norderney waren ausgebucht. Frust stellte sich ein. Das eine oder andere Ferienhaus zu einem horrenden Preis hätte sie anmieten können. Aber sie wollte kein großes Ferienhaus beziehen, in dem sie sich alleine und verloren vorkommen würde. Vor allem sollte kein klassisches Schlafzimmer auf sie warten, in dem sie an jedem Morgen als erstes ein leeres Bett neben sich erblicken würde.

Im Westen angefangen tastete sie sich weiter nach Osten vor. Insel für Insel telefonierte sie ab. Bei einem Online-Reiseanbieter sah sie, dass das “Hotel Strandburg“ auf Baltrum ein Einzelzimmer anbot. Mit Freude stellte Greta fest, dass es sogar einen großen Balkon hatte. Sie buchte.

Bisher hatte sie nie etwas von Baltrum gehört. Vielleicht musste sie in der Schule einmal die Namen der Ostfriesischen Inseln auswendig lernen. Aber Baltrum war ihr nicht im Gedächtnis haften geblieben. “Das Dornröschen in der Nordsee“, las sie und war gespannt auf diesen kleinen Sandhügel im Meer.

Eine Freundin hatte ein Ferienhaus in Dornumersiel in der Nähe von Neßmersiel, dem Hafen, von dem aus die Baltrum-Fähren in See stachen.

„Ich bin in den Ferien an der Küste“, sagte Beate. „Komm einen Tag eher, und wir machen uns einen gemütlichen Abend. Du fährst am nächsten Morgen höchstens zehn Minuten bis zum Anleger der Fähre.“

Ein Angebot, das sie nicht ausschlug.

Dornumersiel, ein hübsches kleines Städtchen, gefiel Greta, aber sie vermisste das Meer. Das Wattenmeer reizte sie nicht so. Sie sehnte sich nach dem Rauschen der Brandung und dem Anblick der Wellen, wenn sie sich brachen und auf den Strand zurollten.

Der kleine Flachdachbungalow lag versteckt hinter wild wuchernden Pflanzen und hohen Bäumen. Greta und ihre Freundin saßen auf der mit Kieselbetonplatten gedeckten Terrasse, über ihnen eine beigebraun gestreifte Markise, die nicht nur die Sonne abhielt. Die riesigen Birken verteilten ihre Samen auf die Umgebung. Wenn eine leichte Brise herüberwehte, rieselte es Birkensamen. Während ihre Freundin einen kleinen Snack zum Abendessen zubereitete, beobachtete Greta auf Beates Hinweis die Baumkronen der Birken. Dann hätte sie jubeln können. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie wilde Eulen. Gleich drei große Tiere hockten in unterschiedlicher Höhe auf Ästen, die sich seicht im Wind bewegten. Diese großen Vögel sahen unheimlich aus. Sie lugten durch die Blätter auf sie herab und schienen Greta nicht aus den Augen zu lassen. Sie machte Fotos, zoomte die Vögel mit ihrer Kamera nahe heran und konnte es nicht glauben, was sie sah.

Beate kam mit dem Geschirr auf die Terrasse. „Unsere Haustiere“, sagte sie und lachte. „Sie wohnen hier seit einige Jahren.“

Greta war fasziniert.

Der Grill war bald so weit, dass die erste Lage Fleisch aufgelegt werden konnte. Von wegen kleiner Snack. Beate hatte eingekauft, als würde sie weitere Gäste erwarten und beköstigen wollen. Würstchen, Nackensteaks und Schaschlik-Spieße. Dabei bin ich Vegetarierin, dachte Greta. Aber es gab auch leckeres Brot, selbstgemachte Brotaufstriche und Tomaten-Mozzarella mit frischen Basilikumblättern. Dazu ein gut gekühlter Weißwein. Es war angenehm, dort zu sitzen und sich zu unterhalten. In diesem Moment auf die Prinzipien zu pochen, wäre falsch gewesen. Greta machte daher eine Ausnahme, aß ein Steak und trank auch ein Glas Wein. Sie zupfte das Fleisch auseinander und Lady, die Jack Russel Hündin der Hausherrin, freute sich über eine kleine, von Frauchen genehmigte Zusatzportion am Abend.

Es hatte in der Nacht geregnet. Die großen Windkraftanlagen versteckten sich in Nebel und Dunst. Pünktlich zum Frühstück schüttete es wie aus Eimern. Beate hatte Greta erklärt, wie der Eincheckmodus am Anleger funktionierte.

„Du kannst auf den letzten Drücker losfahren“, sagte sie. „Rucki Zucki und du bist auf dem Schiff.“

Aber Greta entschied sich, lieber etwas früher dort sein und sich in Ruhe auf das Neue einzulassen. Es regnete und regnete. Gut, dass sie sich Beates Tipps gemerkt hatte, so ersparte sie sich das Sammeln von Informationen. Nass wurde sie dennoch. Als sie dann an Bord war, aus dem Fenster in die Richtung schaute, in der sie Baltrum vermutete, zweifelte sie daran, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wie kann ich nur bei dem Wetter auf die Insel fahren? Ich muss verrückt sein, dachte sie.

Der Himmel war extrem dunkel, so schiefergrau, als würde der Weltuntergang bevorstehen. Doch wo war Baltrum? Keine Ahnung. Nichts war zu sehen, außer dicken prasselnden Regentopfen und dunklen Wolken. Die Fähre legte ab, fuhr direkt in eine unheimliche Wasserwand hinein. Die Stimmung an Bord war gedrückt. Keine aufgeregten, von Vorfreude geprägten Gespräche, keine fröhlichen Kinder, die sich an der Scheibe die Nase plattdrückten. Greta ging aufs Unterdeck und holte sich einen Kaffee. Der Kunststoffbecher war enorm heiß. Sie hatte Schwierigkeiten, sich nicht die Finger zu verbrennen. Als sie ihren Kaffeebecher nach oben balanciert hatte, war ihr Platz besetzt. Kein Problem, die Überfahrt dauerte nur dreißig Minuten und zehn war die Fähre bereits unterwegs. Sie lehnte sich an eine Wand. Das Vibrieren der Maschinen durchflutete ihren Körper. Sie stellte den Becher auf einem Regal ab. Möge das Schiff den Wellengang ausgleichen und die leicht schaukelnden Bewegungen ihren Kaffeebecher nicht umstoßen. Plötzlich hörte sie eine aufgeregte Kinderstimme.

„Papa, Papa, da ist Baltrum!“

Auch Greta schaute, wie alle Mitreisenden, sofort aus dem vorderen Fenster. Tatsächlich, da streckte sich den neugierigen Blicken der Fahrgäste eine kleine Insel aus dem Meer entgegen. Ein heller Streifen Sand, ein Streifen Grün und ein Klecks roter Häuser. Darüber blauer Himmel gesprenkelt mit kleinen dicken weißen Wolken.

Greta glaubte nicht, was sie sah. Das musste eine Fata Morgana sein. Sie rieb ihre Augen. Ein erneuter Blick auf die Erscheinung bewies, die Insel war noch da. Unruhe machte sich auf dem Fährschiff breit. Alle strömten auf das Außendeck, das regennass und rutschig war.

Greta drehte sich um und sah zur Küste zurück. Die gigantische Regenfront, die die Fähre gerade durchdrungen hatte, lag über dem Festland. Neßmersiel und die große Anzahl an Windkraftanlagen waren verschwunden. Greta konnte sich in dem Moment nicht sattsehen an dem beeindruckenden Panorama, das die Insel bot. Welch ein krasser Gegensatz, ein echt nicht zu begreifendes Wetterphänomen.

Auf dem Schiff entnahm sie einer Stellage einen Flyer, der über die Straßenführung und die Kennzeichnung der Häuser auf der Insel informierte. Auf Baltrum hatte jedes Haus eine Hausnummer, las sie. Die Nummernvergabe richtete sich allerdings nach dem Baujahr des Hauses. Also das System: Straße gefunden und jetzt nach der Hausnummer suchen, funktionierte auf der Insel nicht. Sie sah im Register nach. Das “Hotel Strandburg“ hatte die Nummer 139. Dazu gehörten die Koordinaten E 3.

Mit ihrem dreifach aufklappbaren Papiernavi machte sie sich später auf den Weg. Am Hafen hatte ein Mitarbeiter vom Hotel auf Greta gewartet, um ihr Gepäck entgegenzunehmen. Aber da sie Baltrum zum ersten Mal besuchte, wusste sie nicht, wie der Gepäcktransport funktionierte. Sie schnappte sich ihre Reisetasche, die mit Rollen ausgestattet war, und zog sie eigenhändig zum Hotel, wie die meisten der großen Gästeschar. Man erwartete sie und war erstaunt, dass sie den Gepäckservice nicht in Anspruch genommen hatte.

Sie hatte gar nicht Ausschau gehalten nach einem Koffertransport. Die kleinen Kunststoffrollen hatten den Weg gut überstanden.

Sie bekam ihr Einzelzimmer, wie gebucht, und kein Doppelzimmer zur Alleinbenutzung. Allerdings lag das Zimmerchen unter dem Dach. Da das Hotel über einen Aufzug verfügte, war Greta die Etage egal. Es war ein fantastisches Zimmer, neu, modern und dazu mit einer riesigen Dachterrasse, von der man das Watt und gleichzeitig das Meer sehen konnte. Eine gigantische Aussicht. Von dort aus konnte Greta jeden Abend den Sonnenuntergang bestaunen.

Was sie sehr freute, war ein kleiner Kühlschrank, perfekt in das Schrankgefüge eingebaut. Einen Schreibtisch in der richtigen Höhe für ihren Laptop gab es auch.

Sie war rundherum zufrieden. Sommerliche Wärme hüllte sie ein und die regnerische Anreise war schnell vergessen.

Bevor sie ihre Kleidung in den Schrank einräumte, die nassen Sachen in der Dusche zum Trocknen aufhängte, machte sie sich auf den Weg zum Strand, das Meer begrüßen. Gespannt auf neue Eindrücke, die sie auf der kleinen Insel Baltrum erwartete, lief sie los. Noch morgens am Hafen hatte sie nicht damit gerechnet, bei Sonnenschein ihre erste Runde über die Insel zu starten. Der Wind zerzauste ihre Haare, und die weiche Luft streichelte ihre Haut. Das perfekt Nordseewetter. Am liebsten hätte sie alles auf einmal erkundet.

Ihre erste Orientierungsrunde führte sie durchs Westdorf, an den Strand und auch ein Stück durch die Dünen. Die Inselrosen, die überall in gigantischer Fülle die Landschaft prägten, trugen schwer an der Last ihrer Früchte, den Hagebutten. Kitesurfer waren unterwegs. Ihre bunten Windpolster schmückten den Himmel. Vom Strand aus bog sie hinter dem “Inselcafé“ rechts ab und ging auf das Schwimmbad zu. In der Höhe vom “Kinderspöölhus“ hörte sie ein rhythmisch leises Plöpp. Greta näherte sich dem Tennisplatz.

Das 58. Gästeturnier fand in dieser Woche statt, las sie. Bis zum 15. August würden die Freunde des Tennissports dort den Ball schlagen und um den Sieg kämpfen. Der Platz lag geschützt in den Dünen zwischen dem Schwimmbad, dem “Kinderspöölhus“ und der St. Nikolauskirche. Wie sie auf vielen Plakaten lesen konnte, war auf Baltrum mächtig was los. Am Abend fand in der Mehrzweckhalle ein Reggae-Festival mit Live-Musik statt. Gerne wäre sie hingegangen, fühlte sich aber mit dem umfangreichen Angebot auf der Insel am ersten Tag leicht überfordert. Ihr reichte es, am ersten Urlaubstag, am Deich zu sitzen und auf das Meer zu schauen.

***

Wenn Greta ein Zimmer in einem Hotel buchte, nahm sie immer ein paar schickere Sachen zum Anziehen mit. Meistens war es nicht nötig, aber ihr machte es Spaß, manchmal Dinge zu tragen, die zuhause nur im Schrank hingen, und nicht oft zum Einsatz kamen. Zum Frühstück fühlte sie sich overdressed. Alle Gäste waren bei der ersten Nahrungsaufnahme des Tages im Strandmodus und trugen sportlich und zweckmäßige Strandbekleidung. Aber Greta hatte sich vorgenommen, nach dem Frühstück in die Kirche zu gehen. In der St. Nikolauskirche fand um zehn Uhr der Sonntagsgottesdienst statt. Außerdem wollte sie für Max eine Kerze anstecken. Die St. Nikolauskirche ist eine katholische Kirche, sie ist gemauert und mit einem Rieddach bestückt. Sie kann als Sommer- und als Winterkirche genutzt werden. Die Winterkirche umfasst einen kleinen Rundbau mit Spitzdach, die Sommerkirche ist ein Atrium. Beide Gebäudeteile können vereint werden. Das Thema an diesem Tag war: „Komm!“, im Sinne von sich auf etwas zu bewegen, sich auf etwas einzulassen. Passte. Greta war nach Baltrum gekommen und bewegte sich dort auf alles Neue zu. Der Zufall hatte sie dorthin geführt – und sie war einem inneren Ruf gefolgt, der von der Nordsee ausgegangen war.

Bevor sie weiter die Insel erkundete, zog sie sich aber um. Ihr Ziel war der Hafen. Gestern war ihr da sicher vieles verborgen geblieben. Ihre Ankunft hatte ihr wenig Zeit gelassen, sich dort genauer umzuschauen. Sie setzte sich auf die Bank vor dem Hafencafé, einem winzigen Restaurant zwischen Café, Bar und Kiosk. Über ihr hingen die Musikboxen, die den Außenbereich beschallten. Schnell stellte sie fest, dass es für sie ein perfekter Platz auf der Insel war, der ihr Urlaubsfeeling unterstützte. Die jazzlastige Musik war magisch und für sie die Verbindung zwischen der Insel und ihrer Person. Es war Glück, das Greta empfand, und es transportierte sie in eine andere Welt. Sie schloss die Augen, lehnte sich an die rote Backsteinmauer, die ihr den Rücken wärmte. Die Steine hatten jeden Sonnenstrahl aufgenommen und gaben die Wärme der Sonne bereitwillig wieder ab. Dazu Musik, die ihr mehr als gefiel.

Ihr Mittagssnack, eine seltsame Kombination aus Milchkaffee und Krabbenbrötchen, war köstlich. Der Rest der Remoulade wartete darauf, aus den Mundwinkeln gewischt zu werden, als eine Baltrum-Fähre in das Hafenbecken einbog. In wenigen Minuten würde es vorbei sein mit Ruhe und Gelassenheit. Eine große Anzahl Urlauber würde die Fähre verlassen und wie ein Schwarm Insekten über die kleine Insel herfallen. Es standen einige Gäste als Begrüßungskomitee auf der Mole und winkten mit den gelbblauen Baltrumer Fähnchen den Neuankömmlingen zu. Aber es lief alles halb so spektakulär ab, wie sie es erwartet hatte. Die ankommenden Urlauber waren in Windeseile zwischen den roten Häusern des Westdorfs verschwunden. Eine kleinere Truppe Gäste strebte, auf dem Weg entlang der Salzwiesen, dem Ostdorf zu.

Wenn Greta an einen neuen Ort kam, machte sie in den meisten Fällen eine Rundfahrt und verschaffte sich einen Überblick, um später gezielt die eine oder andere Sehenswürdigkeit zu besichtigen. Aber Baltrum war keine Stadt und Busse fuhren dort nicht. Es wurde stattdessen eine Führung angeboten. Um zehn Uhr war ein Treffen im Westdorf angekündigt. Von dort sollte eine Inselführung gestartet werden. “Bi uns to hus“ war das Motto der Veranstaltung.

Da die Insel nur klein war und Greta gerne im eigenen Rhythmus auf Erkundung ging, entschied sie sich, auf eigene Faust dieses Eiland zu erschließen. Sie hatte schnell festgestellt, dass sie sich nicht verlaufen konnte. Viele Wege würde sie ohne Zweifel in diesem Urlaub doppelt und dreifach beschreiten. Aber sie war sich sicher, trotz der überschaubaren Größe, immer wieder Neues zu entdecken.

Ein schmaler Sandweg führte sie durch die Dünen in den Osten der Insel. Die Wege waren gekennzeichnet mit einem hellblauen Schild, auf dem eine weiße Eule saß und das Betreten des Nationalparks angekündigte. Ihre Wanderung dauerte länger als geplant, denn sie war überwältigt von der Vielfalt der Pflanzen, die in den Dünen ihre Heimat hatten. Da Pflanzen und Blumen zu den Lieblingsobjekten zählten, die sie gerne fotografierte, musste sie immer wieder innehalten und auf den Auslöser drücken. Nach wenigen Metern war ihr klar geworden, warum in den kleinen Souvenirlädchen und auch in den Lebensmittelläden auf der Insel so viele Produkte aus Sanddorn angeboten wurden. Die silbrigen Sanddornbüsche, mit ihren langen spitzen Dornen, schwer beladen mit gelblich orangefarbenen Früchten, warteten darauf, abgeerntet zu werden. Als sie an einen Zaun kam, der das Naturreservat abgrenzte, weil dahinter seltene Tierarten und Seevögel ihre Ruhe haben sollten, bog sie links ab, stapfte den Dünenweg hoch und sah überwältigt von der Schönheit auf einen riesig weißen Strand und die Nordsee. Ein Postkartenausblick.

Über den teils trockenen teils feuchten Sand wanderte sie wieder zum beliebten touristischen Strandabschnitt im Westdorf zurück. Immer wieder hielt sie inne, machte Fotos, schaute entspannt auf das Meer. Ihr Blick verlor sich in der Ferne. Sie schritt über Muscheln und Strandgut, sprang über kleine Priele und umrundete Löcher, die von begeisternden Kindern ausgehoben waren, beobachtete Strandläufer, die nach Wattwürmern oder kleinem Getier pickten, und sah zu den kreischenden Möwen empor. Drei Steine verschwanden in ihren Rucksack. Mitbringsel für Max.

Eine längere Pause verbrachte sie im Strandkorb mit Lesen und durchforstete den dicken Veranstaltungskalender, der den Urlaubern in vielen Einrichtungen auf der Insel angeboten wurde.

Die restlichen Stunden des Tages konnte sie aber nicht in diesem Strandkorb verbringen. Am Nachmittag musste sie wieder laufen. Ob es ihr Bewegungsdrang war, der für eine zweite Wanderung des Tages verantwortlich war oder ihr Unvermögen, sich auf die Ruhe der Insel einzulassen? Sie wusste es nicht. Sie stopfte ihre Lektüre wieder in den Rucksack und trat durch das Deichschart in das Westdorf ein.

Im Ort fielen ihr zwei Schilder auf, deren Aussage sie nicht in Zweifel stellte.

Torte macht glücklich stand auf dem einen und Eis macht schön auf dem anderen Plakat.

Wenn zuhause meistens der Verzicht auf Süßes im Vordergrund stand, genehmigte sie sich auf der Insel ohne schlechtes Gewissen sowohl Eis als auch Kuchen. Sie musste nur die Portionsgrößen im Blick behalten. Den Kuchen aß sie im “Knusperhuuske“. Eine Kugel Eis im Hörnchen bestellte sie sich am Eisausgabeschalter des “Inselcafé“.

Vom “Knusperhuuske“ war Greta sehr begeistert. Der individuelle Eindruck, den diese kleine Kate auf sie machte, gefiel ihr: ein kleines Häuschen mit einer Kuchentheke, in der Torten, Kuchen und feines Gebäck angeboten wurden. Es gab aber auch Brot. Zu den Spezialitäten zählte hier Rosinenstuten. Wenn man sichergehen wollte, einen Rosinenstuten zu bekommen, dann musste vorbestellt werden, las sie auf einer Tafel, die an der Hauswand angebracht war. Weiter gab es Schokolade mit interessanten Zutaten und dekorative Pralinen. Alles, was dort angeboten wurde, stammte aus eigener Produktion. Vieles war liebevoll verpackt, da es durchaus als Mitbringsel für die Lieben daheim eine Besonderheit sein würde. Aber auch die kunstgewerblichen Dinge, im maritimen Design, waren nicht zu verachten. Vor dem Haus stand, in einem winzig kleinen Vorgarten, ein Tisch mit einer Bank und zwei Stühlen sowie ein kleiner Bistrotisch, an dem zwei bis drei Gäste sitzen konnten; ein Gast konnte auf einem Klappstuhl Platz nehmen, zwei weitere Gäste teilten sich einen Strandkorb. Eingebettet war dieses Kleinod in eine originell gestaltete Pflanzenwelt. Weiße Polster, weiße Kissen, ausgefallene Dekorationen gaben diesem Minicafé den Anstrich eines urgemütlichen Orts zum Wohlfühlen. Zuerst hatte sie überlegt, sich den Kuchen einpacken zu lassen und ihn ausgestreckt, auf der Sonnenliege ihrer genialen Dachterrasse, dem Himmel so nah, zu verspeisen.

Spontan entschied sie sich, zu bleiben, da gerade der kleine Tisch freigeworden war. Sie war sich sicher, der Apfelkuchen schmeckte ihr vor Ort doppelt so gut. Statt den direkten Weg zum Hotel einzuschlagen, machte Greta einen Schlenker durchs Westdorf. Wieder ging sie an den Plakaten vorbei, die sie über die körperliche Wirkung von Kuchen und Eis informierten. Später würde sie genau in ihren Spiegel schauen müssen, ob auch das Eis bereits seine Wirkung zeigte.

Für den zweiten Abend auf der Insel hatte sich Greta eine interessante Veranstaltung herausgesucht: Sterne gucken.

Der ausformulierte Ankündigungstext lautete etwas anders:

Der Heimatverein Baltrum e.V. lädt zur Museumsnacht mit einem humorvollen Vortrag, der Erklärung des August-Sternenhimmels über Baltrum und einigen Überraschungen ein.

Greta rechnete damit, dass es eine sehr späte Veranstaltung werden würde, eher eine Nachtveranstaltung. Denn die Sonne musste auf jeden Fall untergegangen sein, um auch nur einen Stern zu entdecken. Der Mond würde am Himmel stehen ähnlich einer großen Kugel Zitroneneis, an der man bereits einmal genüsslich geleckt hatte. Sie erwartete, bei nahezu Vollmond, nur wenige Sterne zu sehen. Aber vielleicht war das Sternegucken bei dieser Veranstaltung auch gar nicht das Wichtigste? Pünktlich, wie ausgeschrieben, war Greta um acht Uhr am “Alten Zollhaus“, dem Heimatmuseum.

Die Veranstaltung war sehr liebevoll organisiert. Es stimmte alles – von der Begrüßung bis zur Verabschiedung. Aber der Reihe nach: Die Gäste wurden sehr herzlich empfangen und durch die Ausstellung geführt. Mit Erklärungen und Details war niemand sparsam. Das alte Baltrum kam immer näher. Stolz schwang in den Gesprächen und Erzählungen mit. Als kleiner Imbiss wurden zwischendurch Rosinenbrötchen, dick mit Butter bestrichen, gereicht. Im Anschluss hielt die interessierte Gesellschaft kleine Gläschen in der Hand, die aussahen wie Martinigläser. Der Inhalt eine braune Flüssigkeit. Greta roch vorsichtig daran. Es kribbelte heftig in ihrer Nase. Rum, aber ein hochprozentiger, dachte sie. Was schwamm da nur in der braunen Flüssigkeit herum? Oliven waren es nicht, wie man hätte vermuten können. Wo Martini drauf stand, muss nicht unbedingt auch Martini drin sein, dachte sie. Es waren Rosinen. Sie plusterten sich im Branntwein auf und sogen sich voll. Mit jeder Bewegung waberten sie hin und her. Ein Mini-Rumtopf, ging es Greta durch den Kopf. Kleine Löffel wurden dazu gereicht. Die Dame, die diese Köstlichkeit anbot, erklärte, dass es eine Spezialität auf Baltrum sei und einen geschichtlichen Ursprung habe. Früher wurde dieses Getränk immer den frisch gebackenen Müttern nach der Geburt eines Kindes gereicht.

„Am Festland heben die Väter meistens das Glas“, berichtete ein Gast und schmunzelte.

Dann nahm ein älterer Insulaner Haltung an, stellte sich in erhöhter Position vor die Teilnehmer der Veranstaltung und rezitierte Gedichte. Jede Gedichtzeile war der Insel gewidmet. Eine alte Dame hatte diese Verse geschrieben, die viele Jahre auf der Insel gelebt hatte. Das Leben hatte sie in die Welt außerhalb der Insel beordert. Im Alter von 86 war sie wieder Baltrumerin geworden. Sie hatte weiter über ihre Ostfriesische Insel Baltrum und über das Meer gedichtet. Im Alter von 88 Jahren war sie dann in ihrer alten Heimat verstorben. Die Zeilen waren meistens sehr lustig. Es war durchaus amüsant ihnen zu lauschen. Die Nähe zu Wilhelm Busch und Ringelnatz war nicht von der Hand zu weisen.

Ein Blick durch die Fensterchen der kleinen Kate zeigte, dass sich unbemerkt die Dunkelheit über die Insel gelegt hatte. Aber es war nicht dunkel genug, um Sterne am Firmament zu entdecken. Außerdem lag das silbrige Licht des Mondes auf den Deichen und ließ das Wattenmeer in der Ferne glitzern und funkeln.

Das Vorprogramm ging weiter. Acht Flötistinnen spielten mit Blockflöten und Sopranflöten auf. Mit der Unterstützung eines Schifferklaviers wurde die Gesellschaft musikalisch unterhalten. In einer weiteren Pause durften wieder alle zulangen. Neue mit Butter bestrichene Rosinenbrötchen lagen bereit. Greta wunderte sich, wie viele Wöchnerinnen in der Gruppe zu sein schienen und wie selbstverständlich auch von den Männern zum kleinen gefüllten Gläschen gegriffen wurde. Für den einen oder anderen war später der Gang die Treppe ins Dachgeschoss hinauf nur mit Hilfestellung möglich. Doch in diesem kleinen Ausstellungs- und Veranstaltungsraum im Obergeschoss wartete die Sternenkundlerin auf ihre Gäste. Ein Diavortrag stimmte auf den Sternenhimmel im August ein. Der Vortrag war gespickt mit Anekdoten, ähnlich dem Anglerlatein oder dem Seemannsgarn. Sie erzählte Sternenstaubgeschichten, führte aber immer wieder alle, selbst den Allwissendsten unter den Gästen, aufs himmlische Glatteis. Dann endlich begleitete sie die Gesellschaft auf den Deich.

Den Kopf in den Nacken gelegt bemühte sich Greta, Sternbilder zu erkennen. Aber sie würde lügen, wenn sie etwas Passables wahrgenommen hätte. Mehr als den Großen Wagen, den fast jeder kennt, entdeckte sie nicht. Zumindest vermutete sie, dass es der Große Wagen war. Ihre Konzentration war hin, das Vorprogramm hatte seine Spuren hinterlassen. Greta hatte drei dieser Schnäpse getrunken und schien ein kleines Problem mit dem Gleichgewicht zu haben. Sie zwang sich, gerade auf dem Deich zu stehen und möglichst entspannt in eine diffuse Dunkelheit zu schauen. Der Mond stellte sein Leuchten nicht ein, nur weil die Sternengucker kleine Pünktchen am Nachthimmel betrachten wollten.

***

Wenn Greta zuhause jemand gesagt hätte, dass sie sich mit mehr als einhundert Menschen am Strand versammeln würde, um Volkslieder zu singen, hätte sie diesen für verrückt erklärt. Um Viertel vor elf stand Strandsingen auf dem Programm. Neugierig näherte sich auch Greta dem Sportpodest, auf dem sich die Musiker und Musikerinnen einstimmten. Sie beobachtete erst aus der Ferne, was sich da tat, kam immer näher und stand dann mitten dazwischen. Die meisten Lieder kannte sie und konnte problemlos mitsingen, mindestens die ersten Strophen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal so befreit gesungen hatte. Selbst in der Kirche verweigerte sie sich oft dem Gesang, obwohl sie dort die meisten Lieder auch auswendig kannte. Ihre klösterlichen Schulerfahrungen hatte Spuren hinterlassen. Auswendiggelerntes und Eingepauktes bleibt abrufbar, auch wenn es über viele Jahre in den Gehirnwindungen verschwunden war.

Diese Sängergemeinschaft nahm Greta auf. Sie hatte zu ihrer Beruhigung nicht den Status eines Seniorentreffs. Mit einer Sonnenbrille getarnt schaute sie in die Gesichter der Chorgemeinschaft. Vom Kleinkind bis zum Greis waren alle Altersgruppen vertreten. Coole junge Menschen, Eltern mit halbwüchsigen Kindern, junge Eltern mit Minis auf dem Arm oder in der Kiepe und selbstverständlich Großeltern und andere Erwachsene, zu denen sich Greta dazugehörig zählte. Aber auch Senioren, die nur mit Unterstützung durch den weichen Sand laufen konnten, und ihren Rollator oben neben den Container der Strandkorbvermietung geparkt hatten, gesellten sich zu dem Chor und sangen mit etwas zittriger Stimme, aber aus voller Kehle mit.

Die letzten Klänge verstummten und das Rauschen der Wellen übernahm wieder die Geräuschkulisse. Greta verzog sich in ihren weißen Strandkorb Nummer 106 mit den rot-weiß gestreiften Polstern und ließ es sich ein paar Stündchen gut gehen. Singen ist anstrengend, wenn man es nicht gewohnt ist.

Greta begann diese kleine Insel zu lieben, auf eine Art und Weise, die ihr unheimlich war. Wenn Ameland früher für sie den Status Kinderinsel hatte, so wurde Baltrum jetzt ihre Single-Insel.

Greta lernte Isabella, eine Polin, kennen. Sie arbeitete als Zimmermädchen auf der Insel. Der Inselaufenthalt war für sie Job und Urlaub gleichzeitig. Sie hatte gerade ihre Bachelorarbeit abgegeben und strebte nach der Saison einen Masterstudiengang an. Eine bemerkenswerte Frau. Sie war um einige Jährchen jünger als sie, aber aus dem klassischen Studentenalter heraus. Dass Greta sich an der Uni als Gasthörerin eingeschrieben hatte und gerade ihr erstes Semester hinter ihr lag, verheimlichte sie meistens. Der Satz einer guten Freundin klang ihr in den Ohren, als sie erzählt hatte, dass sie mit kurz vor sechzig wieder Studentin sei. Erst verbesserte sie Greta, dass man heute Studierende sagen würde, von wegen der Geschlechtergleichheit. Gleichzeitig fragt sie nach, ob sie im Ernst glauben würde, dort unter den jungen Studierenden einen neuen Mann aufgabeln zu können. Greta fuhr diese Freundschaft auf eine Sparflamme zurück. Aber mit Isabella konnte sie sich unbefangen über ihre Motivation unterhalten, auch im Alter lernen zu wollen.

Den Abend verbrachte sie im hoteleigenen Restaurant. Was an Wild auf dem Speiseplan stand, hatte vorher in den Wäldern und auf den Wiesen der Inseln gelebt. Greta war klar, warum das Jagen auch auf Baltrum nötig war. Sie wusste, was sinnvolle Jagd bedeutete und verurteilte diese nicht. Aber wenn man andeutete, dass man Vegetarierin war, gestaltete sich das Gespräch über das Jagen oft anders als unter gleichgesinnten Fleischessern. Da sie keine militante Vegetarierin war, wurde sie in diesem Urlaub zum zweiten Mal ihrem Prinzip untreu. Sie bestellte sich eine Baltrumer Fasanenbrust, die vorzüglich schmeckte. Zur Nachspeise genehmigte sie sich ein vegetarisches Holunder-Parfait.

Was sie später am Abend erwarten würde, war ihr nicht klar. Die Kurverwaltung lud zu einem Kurkonzert. Bilder, die vor ihrem inneren Auge erschienen, und sich nicht eliminieren ließen, zeigten eine Blaskapelle, in einer Konzertmuschel, die zünftige Marschmusik ertönen ließ, ein klassisches Kurkonzert halt, wie sie es aus Kindertagen aus den Alpen kannte. Zu oft hatte sie mit ihren Eltern in der Publikumsschar gesessen und das Ende einer solchen Kurveranstaltung herbeigesehnt. Kurverwaltung und Konzert paarten sich in ihrem Kopf wie Urlaub auf Krankenschein mit Kurschatten.

Sie informierte sich – und das Bild in ihrem Kopf von urwüchsigen Musikern veränderte sich. Vom Plakat lachten Greta vier ältere Herren in sommerlicher Inselbekleidung an. Alle trugen Strohhüte, Hawaii-Hemden und versteckten ihre sonnengebräunten Gesichter hinter dunklen Sonnenbrillen. Sogar die Marschmusik mutierte zu Insel-Rock.

Der Name der Band: “Die Eiländer“, in einer Schreibweise, die an die geflügelten gackernden Zweibeiner erinnerte. Halb neun im Haus des Gastes sollte es losgehen. Greta war pünktlich zur Stelle. Die Veranstaltung schien ausverkauft. Eine riesige Menschentraube stand bereit und wartete auf Einlass. Es war sehr warm an diesem Abend und alle Konzertbesucher wollten so lange wie möglich draußen unter dem sich kontinuierlich rot färbenden Himmel stehen. Das Haus des Gastes, in dem die Bühne auf die Musiker wartete, war eine große Halle, mit Bestuhlung. Sie hatte eine Platzkarte in Reihe fünf Mitte ergattert und setzte sich. Es war ihr erstes Rock-Konzert, mit Bestuhlung. Ob das mit dem Altersdurchschnitt der Gäste zu tun hatte? Gut, in der Gruga in Essen gab es auch Sitzplatzkarten, aber das Mittelfeld vor der Bühne war frei für die Menschen, die lieber im Stehen mitwippten oder tanzten.

Greta saß da stocksteif wie im Kino und wartet, dass der Vorhang sich heben würde.

Was dann für ein Spektakel auf der Bühne stattfand, hatte sie nicht erwartet. Die älteren Herren rockten die Bühne, rissen die Zuhörer von ihren Stühlen. Sie spielten Stücke, die Alt und Jung gleichermaßen begeisterten. Für einen Teil des Publikums geballte Erinnerung an ihre Jugendzeit und für die jungen Menschen Klassiker, die auch in ihrem musikalischen Leben von Bedeutung waren.

Viele Konzerte hatte Greta mit Max besucht, an Musikfestivals teilgenommen, Santana in der Dortmunder Westfalenhalle live erlebt, Bob Dylan, Jethro Tull Konzerten gelauscht. Alle Platten dieser Bands, und auch die von den Stones und Beatles, standen in ihrem Regal. Es war für sie ein Abend in die Vergangenheit, der gleichzeitig schmerzte, weil er geballte Erinnerungen hervorrief, aber sie auch sehr glücklich machte.

In der Pause servierte die Jugend der Insel, mit Flipflops an den Füßen, Dreadlocks und Schwimm-Shorts in wildem Blumenmuster, Eierlikör. Die Mädels trugen Blüten im Haar und lange Schlabberröcke mit orientalischen Mustern. Der Eierlikör war selbstgemacht und vegan.

***

Als Greta aufwachte, regnete es. Aber nach dem Frühstück hatte sich die Sonne wieder durch die Wolken gekämpft. Das Konzert hatte sie etwas aufgewühlt. Sie hatte am Abend nicht sofort einschlafen können. So genehmigte sie sich, morgens zu klüngeln. Im Schrank stand auf einem kleinen Tablett ein Wasserkocher mit Teebeuteln und einige Tütchen löslichem Kaffee. Frisch aufgebrühter Kaffee schmeckte zwar besser, aber ein Schnellkaffee tat es in diesem Moment auch. Im Nachthemd setzte sie sich an den Computer und begann zu schreiben. Ihr war es egal, ob sie die Frühstückszeit verpassen würde. Erst als Kapitel zwanzig ihres Krimis fertig war, ging sie duschen. Es war noch nicht zu spät für ein Frühstück im Hotel.

Der Tisch, den der Kellner ihr als Frühstücksplatz zugewiesen hatte, befand sich auf einem Podest. Greta hätte die Möglichkeit gehabt, dem Geschehen im Frühstücksraum den Rücken zuzukehren, aber die Neugier ließ sie eine andere Position einnehmen. Sie beobachtete gerne die Menschen, die sie umgaben. Oft fiel sie in einen Recherchemodus und sammelte Eindrücke, die später in eine Geschichte oder in eine Krimiszene Einzug halten würden. Eine Großfamilie rückte in ihren Fokus. Mutter, Vater mit zwei Kindern. Der Sohn war etwa vier Jahre alt, die Tochter vielleicht eineinhalb. Die Kleine bewegte sich in der Grauzone zwischen Krabbeln und Laufen. Ob jetzt als Verstärkung, Entlastung oder Pflichtgefühl, die Motivation konnte sie nicht klar feststellen, hatten sie Eltern und Schwiegereltern mit in den Urlaub genommen. Diese Familie demonstrierte am Frühstückstisch den Mittelpunkt des Baltrumer Urlaubsuniversum, in dem keine Freundlichkeit und keine Rücksichtnahme zu existieren schienen. Es musste eine Familiendiktatur sein, denn die gestresste junge Frau, Tochter, Schwiegertochter, Mutter und Ehefrau regierte gnadenlos. Sie ermahnte ständig ihre Mutter auf den dementen Vater aufzupassen, weil er die Dinge auf dem Tisch zweckentfremdet benutzte. Dann forderte sie massiv ihren Mann auf, sich auch mal um die Kinder zu kümmern. Dieser erhob sich aber kein einziges Mal vom Stuhl. Jeder in diesem Frühstücksraum durfte teilhaben an ihrem Regierungsstil. Die freundliche Bedienung musste stets am Frühstücksbuffet patrouillieren, weil der Sohn mit seinen dreckigen Fingern jeden Teller und jede Schüssel betatschte. Unter ihrem Familientisch sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Der Sohn der Familie wurde nicht angehalten, wenigstens einmal wenige Minuten sitzen zu bleiben. Er trug sein Frühstück durch den Raum von Tisch zu Tisch und beschmierte alles mit Schokobrotaufstrich, was an seinem Weg lag. Wenn die eine oder andere Oma den Burschen freundlich und spielerisch von der nächsten Dummheit abhalten wollte, fuhr die Regentin dazwischen und Mutter sowie Schwiegermutter duckten sich und frühstückten schweigsam weiter.

Dieses kleine Krümelmonster hatte Greta entdeckt. Ihre freundlichen und wohlwollenden Blicke trafen den Jungen. Er hob zaghaft die Hand und winkte. Greta winkte zurück. Blitzschnell griff der Bursche nach seinen Malstiften und stand vor Gretas Tisch. Er griff nach ihrer Kladde.

Sie legte besitzergreifend die Hand auf ihr Geschriebenes. „Das ist meines“, sagt sie und lächelte den Kleinen an. „Hol doch dein Malbuch vom Tisch“, schlug sie vor. Sie konnte ihre Kladde so schnell gar nicht schließen, wie die Krokodilstränen aus den Augen des kleinen Jungen schossen. Das ohrenbetäubende Geschrei war bühnenreif. Er ließ sich vor Gretas Tisch auf den Boden fallen und gab auch bewegungstechnisch seinem Zorn Ausdruck. Geschwind steckte Greta ihre Kladde in die Handtasche und zog den Reißverschluss zu.

„Mein Gott, stellen Sie sich doch nicht so an“, rief seine Mutter zu Greta herüber. „Können Sie ihm nicht ein Blatt herausreißen, das ist doch wohl nicht zu viel verlangt?“

Bevor Greta antwortete, und dieser Mutter bestätigen konnte, dass es sehr wohl eine Zumutung sei, kam die Bedienung mit einem Malblock und versuchte, dieses zornige Wesen von Gretas Tisch wegzulocken.

Aber dieser Giftzwerg hatte sich in den Kopf gesetzt, die verschwundene Kladde auszumalen, in der Greta ihre Notizen für einen neuen Krimi schrieb. Sie schenkte sich erst mal einen weiteren Kaffee ein. Als sie eine kleine Portion Obst mit Joghurt vom Buffet holen wollte, schwang sie sich zur Vorsicht ihre Handtasche, in der ihre Kladde stecke, über die Schulter und nahm diese mit. Der Mutter am Nachbartisch schenkte sie keinen Blick mehr.

Wie es schien, hatte Greta gesiegt, denn der kleine Urlauber ließ von ihr ab. Sein nächstes Opfer war ein gleichaltriges Kerlchen, das brav am Tisch saß und frühstückte. Leise erklärten diesem die Eltern, dass man die Serviette nahm und sich nicht die Finger am Tischtuch abwischte. Der Vater begleitete seinen Sohn zum Buffet und leistete Hilfestellung bei der Auswahl der Speisen, die der Kleine dann auf seinem Teller allein zum Tisch balancierte.

Der Giftzwerg kam an den Tisch, zog den Braven am Ärmel, forderte ihn auf, mit in die Spielecke zu gehen.

„Wenn Tom mit dem Frühstück fertig ist, kommt er zu dir“, sagte die Mutter freundlich. „Er kommt gleich, wenn er sein Brötchen aufgegessen hat.“

Tom war überfordert. Er hatte sicherlich im Kindergarten Erfahrungen mit so frechen dominanten Burschen gemacht und wollte lieber gar nicht mitgehen. Er war sehr zurückhaltend und machte keine Anstalten, aufzustehen.

Auch diese Eltern wurden quer durch den Raum gemaßregelt. „Kinder soll man zu nichts zwingen“, rief die dominante Übermutter, „na, kommen Sie, lassen Sie Ihren Sohn aufstehen, meiner will doch nur mit ihm spielen.“

Kommentarlos aß die Ein-Kind-Familie weiter. Der Vater der Großfamilie telefonierte während des Frühstücks hauptsächlich. Kauend nuschelte er Anweisungen. Plötzlich stieß die Herrscherin einen Freudenschrei aus. „Eva, meine kleine Eva!“, erscholl der Ruf durch den Frühstücksraum. „Hab ihr das gesehen?“

Einige Gäste zuckten zusammen. Anderen fiel der Löffel aus der Hand. Eva, die Krabblerin, hatte sich in der Spielecke einen kleinen Puppenwagen organisiert, fuhr am aufgebauten Frühstücksangebot vorbei auf den Familientisch zu. Als die Schwiegermutter sich ihr zuwandte und sie aufforderte zu kommen, löste Eva die Händchen vom Wagen und lief los.

„Hab ihr das gesehen? Eva kann laufen, alleine! Eva, mein Schatz, komm zur Mama, lass dich drücken.“

Das Kind steuerte aber auf die Oma zu. Mutter sprang auf. Die Fülle ihres Körpers ließ keine geschmeidigen Bewegungen zu, sie wollte ihre Tochter abfangen, bevor diese, freudig über die ersten eigenen Schritte ihres Lebens, in den ausgestreckten Armen der Großmutter landete. Diverse Teller und Besteck fielen polternd zu Boden.

Greta atmete tief durch, als die Bagage den Frühstücksraum endlich verließ. Die zurückgelassenen Gäste schienen wie in einem Vakuum zu verharren. Greta hörte, wie ein Gast fragte, ob diese Chaoten immer zur gleichen Zeit auftauchten, dann würden sie am nächsten Morgen zu den Frühaufstehern zählen. Als die Bedienung an Gretas Tisch trat, um benutztes Geschirr mitzunehmen, wartete Greta einige Sekunden lang und fragte dann die Kellnerin: „Wie lange müssen wir noch?“ Mehr Worte waren nicht nötig.

Spontan antwortete die Bedienung. „Sie reisen morgen ab.“ Sie stöhnte auf und kniff Greta ein Auge zu.

Von wegen, Kinder soll man zu nichts zwingen. Als Greta zum Strand kam, stand die Großfamilie am Sportpodest, wo gleich das Strandsingen stattfinden sollte. Die Erwachsenen hielten die Texte in den Händen und warteten auf ihren Einsatz. Giftzwerg bleibt Giftzwerg, dachte Greta. Der Kleine versprühte weiterhin sein Gift wie zur Frühstückszeit. Er lag im Sand und tobte, schlug um sich und schrie. Er wollte nicht singen, sondern schaukeln. Schwiegermutter schlug vor, mit den Kindern zur Schaukel zu gehen.

„Nein! Misch dich nicht immer in unsere Erziehung ein“, hörte Greta. „Die Kinder bleiben hier. Sie werden mit mir singen. Du kannst ja schaukeln gehen.“

Greta war die Lust auf Singen vergangen. Sie hatte ja beim Frühstück schon feststellen dürfen, welche Ausdauer der Kleine hatte. So drehte sie sich um und ging zu ihrem Strandkorb.

Gretas Bruder hatte an diesem Tag Geburtstag. Er wurde sechsundfünfzig Jahre alt. Sie rief ihn an. Anschließend wählte sie die Nummer von Jens, einem Freund. Er feiert seinen Einundvierzigsten. Chris erwischte sie zwischen zwei Behandlungsterminen. Jens war im Stress, als der Ruf zu ihm durchdrang. Theaterproben waren angesetzt. So gratulierte Greta schnell und freute sich auf das neue Stück. Sie lehnte sich gemütlich im Strandkorb zurück, denn sie hatte gerade gespürt, dass jedes Telefonat mit der Heimat Alltag und Zeitdruck spiegelte. Was hatte sie es gut, in diesem Moment auf Baltrum, am Strand, zu sein.

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Der Regen plätscherte auf die Kunststoffliege und trommelte gegen die Scheibe. Diese leisen rhythmischen Geräusche ließen sie wieder einschlafen. Der Natur tat es gut, immer wieder berieselt zu werden. Aus der Erfahrung der letzten Tage machte sie sich keine Sorgen, dass die Sonne sich später nicht zeigen würde.

In der Aufwachphase träumte sie von einem ausgiebigen Frühstück. Der Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie sich beeilen musste, wenn sie sich am Frühstück-Buffet noch bedienen wollte. Sonne und Schäfchenwolken begrüßten sie. Greta betrat den Speiseraum. Die meisten Tische waren besetzt. Leise Musik drang aus den Lautsprechern. Heute schienen die Gäste ihr Frühstück zu genießen. Auch Greta frühstückte entspannt und gemütlich. Sie blickte mehrmals zufrieden auf den großen, leeren, hübsch dekorierten Tisch, der diesmal unbesetzt blieb.

Es war kühl, als sie ihre erste Wanderung begann. Doch es dauerte nicht lange und sie musste sich der überflüssigen Kleidungsstücke entledigen. Buff, Pulli und Windbreaker verschwanden im Rucksack. Sie betrat den riesig breiten Strand. Es war gerade Wassertiefstand. Nach wenigen Metern baumelten auch ihre Turnschuhe am Rucksack. Es gab nichts Schöneres, als bei strahlend blauem Himmel am Saum des Meeres barfuß entlangzulaufen. Die Wellen umspülten immer wieder ihre Füße. Gierig versuchten sie, die aufgekrempelten Hosenbeine zu erreichen. Greta nervte, dass sie ihre Klamotten alle mit sich herumschleppen musste. Es tauchte ein Muschelfeld vor ihr auf. Mutig setzte sie einen Fuß vor den anderen. So musste sich ein Fakir fühlen, der über ein Nagelbrett lief. Angenehm war dieses Experiment für ihre Fußsohlen nicht. Sie war nicht muschelresistent, eher ein Weichei. Bewundernd sah sie den Abgehärteten hinterher, die über die Muschelfelder liefen, ohne jegliches Anzeichen von Schmerz. Die nächsten Muschelfelder umrundete sie. Sie bückte sich und griff nach den Muschelschalen. Wieder einmal konnte sie einem alt verwurzelten Drang nicht widerstehen: Sie sammelte Muscheln. In der Außentasche ihres Rucksacks fand sie eine kleine Tüte, eine Hundetüte von Lola, der Beagle-Hündin ihrer Tochter. Schnell füllte sich dieser Beutel mit Herzmuscheln. Eine war schöner als die andere. Sie spülte von jedem Muschelgehäuse den Sand ab, rieb es trocken und legte es, Juwelen gleich, in den Beutel. Als Greta an ihrem persönlichen Baltrumer Landsend ankam, hinter dem sich das geschützte Naturreservat befand, schüttete sie alle gesammelten Muscheln wieder auf den Strand und gab sie der Natur zurück.

Das letzte Stück vom Strand aus, in die Dünen hinein, fand sie immer schrecklich. Dort war der Sand mittlerweile heiß und so elend weich, dass sie bei jedem Schritt bis über den Knöcheln darin versank. Wenn sie die Düne erklommen hatte, fühlte sie sich, als hätte sie mit letzter Kraft ein Gipfelkreuz erreicht.

Auf dem Rückweg ins Westdorf durch die saftig grüne Landschaft der Dünen begleitete sie eine gespenstige Stille, die nur ab und zu durch das Schreien der Möwen, das Krächzen der Dohlen und Elstern unterbrochen wurde. Der lautstarke Schrei eines Fasans ließ sie zusammenzucken, ein Schauer huschte über ihren Rücken. Die Geräuschkulisse, die vom stetigen Rauschen des Meeres ausging, war dort nicht mehr zu hören. Zurück durch die Dünen lief sie zügiger und erreichte den Touristenstrand just in dem Moment, als der Yogakurs beendet war und sich die Musiker auf das Strandsingen vorbereiteten. Greta erinnerte sich an den befreienden Zustand, in den sie das Singen unter freiem Himmel, mit den Geräuschen des Meeres im Hintergrund, versetzt hatte. So trällerte sie erneut Seemanns- und Wanderlieder, sang von Liebe und Sehnsucht und fühlte sich sogar kurz in die Kindergartenzeit ihrer beiden Kinder versetzt, in der sie mit anderen Müttern von Kuchenbacken, rasenden Affen und allen möglichen heimischen Vögeln gesungen hatte.

Sie verstand das Phänomen nicht, grübelte aber auch weiter nicht darüber nach. Hauptsache, das Singen tat ihr gut.

Als sie dort inkognito im Sand stand und sie nichts beschwerte, fasste sie den Entschluss, wiederzukommen. Denn Baltrum schien eine Insel fürs Entspannen und Erholen, aber auch fürs Schreiben, Beobachten und Lesen zu sein. Der Genuss kam zudem auch nicht zu kurz, stellte Greta am Abend fest, als sie ein vorzügliches Schollenfilet mit Senfsoße, dazu ein Viertel Pino Grigio serviert bekam.

Mit jeder Stunde ließ sie sich immer mehr auf die Insel ein. Achtsamkeit war geboten, dass ihre sportlichen Aktivitäten nicht in Stress ausarteten. An diesem Tag hatte sie wieder das volle Programm durchgezogen. Aber das Wetter war auch zu gut, als bewegungslos auf einem Badetuch im Sand zu liegen.

Greta hatte an diesem Tag zwei Beagle getroffen, einen Trikolor wie Lola und einen Bicolor. Beagle waren ihre Lieblingshunde, und sie konnte an keinem dieser Vierbeiner vorbeigehen. Einmal streicheln war immer ein Muss.

Aber bei all der Entspannung und Ausgeglichenheit sowie der Schönheit der Natur und dem fantastischen Wetter gabt es immer wieder Menschen, die in ihren Fokus rückten und die sie nur literarisch verarbeiten konnte. Es fiel ihr schwer, das Verhalten einiger Urlauber zu tolerieren, geschweige denn zu verstehen. Ebenso lehnte sie eine Auseinandersetzung mit ihnen ab. Sie würde nichts erreichen, weil die Differenzen zu groß waren. Am Ende würde sich der Wortwechsel nur auf ihre Stimmung auswirken. Den Gute-Laune-Pegel hielt sie auf Baltrum hoch. Das war ihre Maxime und wichtig. Auseinandersetzen würde sie sich nur mit Dingen, die von fundamentaler Bedeutung waren. Dazu zählten die meisten dieser kuriosen Erscheinungen, die oftmals nur mit rücksichtslosem Benehmen in den Fokus des Betrachters rückten nicht. Meistens waren es eher Situationen zum Schmunzeln.

Gretas Strandkorbnachbarn, direkt vis-à-vis, zählten zu diesen Urlaubsexoten mit Schmunzelfaktor. Von Weitem war ihre musikalische Richtung erkennbar. Ein Fahnenmast reckte sich in den Himmel und das schwarzweiße Banner der “Toten Hosen“ flatterte im Baltrumer Wind. Greta mochte die Musik. Sie hatte mit ihrer Tochter in jungen Jahren ein Konzert dieser Band besucht. Es war damals das Einsteigerkonzert für den Nachwuchs. Die Veranstaltung hieß “Opium fürs Volk“. Das war circa achtzehn Jahre her. Auf Baltrum begrüßte sie jetzt die Fahne BzbE, Bis zum bitteren Ende, die musikalische Neuerscheinung dieser Musikgruppe. Soweit so gut, sie mochte die Musik und sie mochte Campino. Aber sie mochte nicht, solange sie in ihrem Strandkorb saß, mit dem vollen Programm der “Toten Hosen“ bespaßt zu werden. Aus der mit Batterien oder Akkus betriebenen Musikanlage, die sandgeschützt in einem Bollerwagen, stand, wurde sie ununterbrochen beschallt.

Die Hosenfans zogen alle Register und hätten auf einem Konzert sicher auch mit ihrer Optik gepunktet. Aber am Baltrumer Strand waren sie eher Außenseiter unter den Urlaubsgästen. Greta konnte sich mit ihnen nicht solidarisieren. Sie ließ sich mit einem neuen Krimi im Strandkorb nieder, hoffte das Beste und versuchte zu lesen. Aber sie hatte sich geirrt. So blieb ihr nur, ihre Schreibkladde aus dem Rucksack zu nehmen und sich Notizen zu machen. Sie trat einen Schritt aus ihrer Realität heraus und widmete sich literarisch ihrem Umfeld. Es waren skurrile und schrille Menschen, denen sie begegnete. Ihre Fantasie brachte solche Erscheinungen oftmals nicht hervor.

In den nächsten Stunden füllte Greta einige Seiten in ihrer Recherchekladde. Die Musik drang tief in ihre Gehörgänge ein. Ein besonderer Song breitete sich in ihrem Kopf aus und hielt sie gefangen: “Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“. Ob ihre Strandkorbnachbarn verdrängt hatten, dass sie gar nicht am Strand von Honolulu waren? Diese Melodie legte sich über Greta wie ein Schatten und wurde zu einem Ohrwurm, der sie an diesem Urlaubstag über viel Stunden begleitete.

Sie machte sich wieder auf den Weg. Bei der Strandkorbvermietung warf sie den kleinen Schlüssel von ihrem Korb in den Briefkasten. Ihre Strandkorbreservierung endete mit dem Ausflug in die Welt des Düsseldorfer Punk-Rocks an diesem Tag.

Die letzten Stunden des Nachmittags verbrachte sie mit ihrem Krimi auf der megagroßen Dachterrasse und genoss die Sonne. Die Kaffeeportionstüten waren wieder aufgefüllt worden. Kuchen hatte sie in der Bäckerei neben dem Inselmarkt gekauft. Sie kam sich vor wie „On The Top of The Baltrum-World“. Ein echtes Kontrastprogramm zur Beschallung am Strand. Hier herrschte absolute Ruhe.

Gegen Abend beschloss sie, in die Inselpizzeria zu gehen. Wegen Überfüllung geschlossen, hätte man auf das Schild schreiben können, auf dem die Öffnungszeiten mit Kreide notiert waren. Auf Baltrum richteten sich nämlich die allgemeinen Öffnungszeiten von Restaurants, Cafés und Geschäften nach einem Mix aus Wetter, Saison und Nachfrage.

Ob Greta als Einzelperson einen Platz ergattern konnte, würde sich noch zeigen. Sie schlängelte sich an den wartenden Familienclans vorbei und fragte artig den Kellner nach einem Sitzplatz. Der Zufall wollte es, dass eine weitere alleinreisende Dame zu den Gästen zählte und an einem Zweiertisch Platz genommen hatte. Der Kellner fragte, ob es ihr recht sei, dass Greta sich dazusetzte. Die Dame nickte freundlich, winkte Greta und forderte sie auf, ihr Gesellschaft zu leisten. Sie wartete, bis Greta ihre Pizza Tonno und ein Glas Rotwein bestellt hatte und legte kauend mit den Informationen zu ihrer Person los. Sie war sechsundachtzig Jahre alt und kam aus Niedersachsen. Verheiratet war sie nie gewesen und hatte als Beamtin in der Verwaltung gearbeitet. Ihr Lebensgefährte war über die meiste Zeit ihres beruflichen Lebens ihr verheirateter Arbeitskollege gewesen. „Ich war sozusagen seine emanzipierte Zweitfrau“, sagte sie und grinste Greta verschmitzt an. „Ich liebte immer die Herausforderung. Feste Bindungen sind mein Leben lang nichts für mich gewesen. Nur nach Baltrum komme ich immer und immer wieder. Diese Bindung bin ich eingegangen.“

Greta überlegte, ob auch diese Dame den Sehnsuchtsfaktor von Baltrum für sich beanspruchte. Sie gab von sich nur ihr Alter und ihren Namen preis, war erstaunt über den Lebenswandel ihrer Tischnachbarin und versuchte, das Gespräch auf Baltrum umzulenken. Sie interessierte es nicht, wen diese Dame in der Abstellkammer des Verwaltungsgebäudes flachgelegt hatte. So ihre Worte. Greta irritierte die Offenheit, die sie ihr gegenüber an den Tag legte. Das Einzige, was sie verband, war die Zufälligkeit, an einem Tisch zu sitzen.

Dann endlich erzählte ihre Tischnachbarin von Baltrum. So erfuhr Greta, wo der Friedhof lag, den sie vergeblich gesucht hatte, und sie beschrieb ihr auch die Lage des Dünengrabes des holländischen Kapitäns, de Boer, um den sich eine alte Baltrumer Geschichte rankt.

Nach dem Essen gingen beide getrennte Wege.

Die Dame rutschte von Stuhl und stand neben Greta und diese musste sich zur Verabschiedung herunterbeugen. Die Dame war sehr klein und hatte in der Pizzeria auf einem dicken Stuhlposter gesessen, das meistens den Kindern unter die Pobacken geschoben wurde, damit sie beim Essen über die Tischkante schauen konnten. Ihre Beine mussten unter dem Tisch gebaumelt haben. Gemessen an den Möbeln im Restaurant war sie unter ein Meter fünfzig groß.

Greta schlug den Weg zum Dünengrab ein. Wenn man den Standort ungefähr kennt, findet man es sofort. Während der Friedhof hinter einer Deichmauer lag und vor Überflutungen geschützt wurde, lag das Kapitänsgrab außerhalb des Hochwasserschutzes eingebettet in den Dünen. Auf einer verwitterten Gedenktafel standen die persönlichen Daten des holländischen Kapitäns Hendrick Dirk de Boer, geboren am 12. Oktober 1794, gestorben am 12. Juli 1849. Ob es eine wahre Geschichte war oder eine Sage konnte Greta nicht beurteilen, denn sie hörte später unterschiedliche Versionen, die es sich lohnt, nachzulesen. Kurz zum Inhalt: Der Kapitän kam also im Juli 1849 nach Baltrum und lag mit seinem Schiff im Wattenmeer fest. Er nutzte die Gelegenheit, seinen Proviant aufzufüllen, bekam aber nicht das Gewünschte, weil die Baltrumer selbst nicht viel zu bieten hatten. Außer Schwarzbrot und Ziegenmilch konnten sie ihm nichts an Proviant aushändigen. Die Armut der Insulaner verleitete ihn zu dem Ausspruch, dass er auf so einem elenden Sandhaufen nicht begraben sein wolle. Der Zufall wollte es, dass der Kapitän starb, bevor das Schiff mit der nächsten Flut wieder in See stechen konnte. Seine Besatzung fragte nach, ob sie ihren Kapitän auf Baltrum begraben dürften. Die Baltrumer Bürger stimmten zu, hatten aber seine unschönen Worte nicht vergessen. Deshalb wurde ihm nur ein Grab in den Dünen gewährt, das außerhalb des geschützten Friedhofs lag. Eine andere Version besagt, dass die Krankheit, an der er verstarb, für die Wahl dieses abgelegenen Ortes verantwortlich gewesen sei.

***

Der sechzehnte August, ein Tag, der Greta viel bedeutete. Max war an diesem Tag vor zwei Jahren gestorben. Erinnerungen drängten sich in den Vordergrund, derer sie sich nicht erwehren konnte. Die Gedanken spielten verrückt, traurige und schöne Erinnerungen vermischten sich. Am sechzehnten August 1969 hatte Greta Max kennengelernt. Mit diesem Datum war Woodstock unweigerlich verbunden. Ein Mythos, der beide gleichermaßen begeisterte. Woodstock feierte seinen fünfundvierzigsten Geburtstag, Greta den Kennenlerntag mit Max und erinnerte sich gleichzeitig an seinen Todestag. Ein Mischmasch der Gefühle mit Höhen und Tiefen. Sie setzte ihre Sonnenbrille auf, weil sie die Tränen nicht zurückalten konnte. Gleichzeitig war sie dankbar für eine lange fantastische Zeit, die ihnen vergönnt war. Dieser Tag war Gretas Abreisetag.

Diesmal nahm sie den Koffertransportservice des Hotels in Anspruch. Eine letzte Runde durch das Westdorf, mit einem Abstecher auf den Deich, hinunter zum Meer, um sich zu verabschieden und nicht über die Heimreise nachdenken, waren die Maxime ihrer letzten Stunden auf der Insel. Dann ging sie zum Hafen, nahm ihr Gepäck in Empfang und verstaute dieses im Gepäckcontainer. Sie setze sich draußen auf die harte Bierzeltbank vor das Hafencafé und hoffte, dass sie niemand ansprach. Sie wollte alleine sein. Die Musik, die aus den Lautsprechern drang, war ihre und Max´ Musik. Kaum ein Stück war ihr fremd. Woodstock in seiner ganzen Vielfalt hüllte Greta an diesem Tag ein. Geballte Erinnerungen. Einerseits beflügelten sie diese und dann bündelten sie wieder ihre Gedanken, die sich unausweichlich auf den Todestag von Max reduzierten. Die Schönheit und der Charme der Insel verblassten. Greta schloss die Augen und erstarrte im Gewirr ihrer Gedanken. Nach ein paar Minuten der Stille stand sie auf, brachte ihre Kaffeetasse wieder zurück und verabschiedete sich von den Damen hinter der Theke. Eine unter ihnen schien besonders sensibel zu sein. Diese bemerkte sofort, dass etwas mit Greta nicht stimmte. Sie trat auf sie zu, nahm sie tröstend in den Arm. „Egal, warum du traurig bist“, flüsterte sie Greta zu, „es geht vorbei.“ Sie war eine Fremde, und trotzdem hatte sie ein Gespür für traurige Situationen, ohne viel zu fragen und zu ergründen.

Greta bestieg die Fähre, war froh, endlich an Bord zu sein. Sie näherte sich dem Festland und die Insel wurde immer kleiner. Ich komme wieder, dachte Greta. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Als sie zuhause auf ihren Parkplatz fuhr, erklangen die letzten kratzigen Musikfetzen aus dem Autoradio, die Jimi Hendrix seiner Gitarre entlockte.

Von Joghurtlöffeln, die ihren Besitzer wechseln, von klassischen Sonnenuntergängen bis hin zu zerknitterten silbergrauen Wolkenformationen

---ENDE DER LESEPROBE---