Inside #NetzCourage - Dumeng Girell di Giovanoel - E-Book

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Dumeng Girell di Giovanoel

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Beschreibung

Dumeng Girell di Giovanoel war begeistert, als er Ende 2020 eine Stelle bei #NetzCourage antrat – dem Schweizer Pionierverein im Kampf gegen Hass im Netz. Doch schon bald zeigten sich Risse in der Fassade. Mitarbeiterinnen zerbrachen am Druck, ein Forschungsprojekt scheiterte, Kritik wurde abgeblockt. Die Geschäftsführerin Jolanda Spiess-Hegglin führte den Verein gegen aussen zwar öffentlichkeitswirksam und wurde als Aktivistin ausgezeichnet. Doch im Inneren wurde der starke Bezug auf ihre Person und ihre privaten Feinde zur Belastung. In diesem schonungslosen Bericht deckt ein Insider erstmals auf, was sich hinter den Kulissen des Vorzeigevereins abspielte. Er schildert eindringlich, wie sich #NetzCourage immer stärker zu einer sektenähnlichen Organisation entwickelte – mit Spiess-Hegglin als charismatischer Führungsperson. Anhand seiner eigenen Geschichte zeigt der Autor die Methoden, mit denen jede Kritik erstickt wurde – bis hin zur Bespitzelung eigener Leute. «Inside #NetzCourage – Aufzeichnungen aus der Hundehütte» ist eine verstörende Aufarbeitung und ein Warnruf zugleich. Denn der Fall #NetzCourage zeigt exemplarisch, wie eine gesellschaftlich wichtige NGO durch eine unprofessionelle Führung zerstört werden kann, die in allem nur noch Freund oder Feind sieht. Ein Buch, das aufrüttelt und das Schweigen bricht, um dem Kampf gegen Hass im Netz eine Zukunft zu geben.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dumeng Girell di Giovanoel
Inside #NetzCourage
Aufzeichnungen aus der Hundehütte
Im Schein des öffentlichen Interesses. Dumeng Girell di Giovanoel beleuchtet seine Geschichte als Recherche-Mitarbeiter im Verein #NetzCourage.
Prolog – Sommer 2023
Wie kommt es, dass Jolanda Spiess-Hegglin, Geschäftsführerin des Vereins #NetzCourage, so gegen ehemalige Mitstreitende austeilt? Was ist der Grund für die öffentliche Anprangerung von Liliane Ritzi, der ehemaligen Interimspräsidentin des Vereins? Und was wirft sie mir als ehemaligem Mitarbeiter vor? Ausgangspunkt dieser Anprangerung ist ein Account auf Twitter (heute «X»), der den Namen eines Mannes trägt, welcher sich seit mehreren Jahren in einer rechtlichen Auseinandersetzung mit Jolanda Spiess-Hegglin befindet. Nennen wir diesen Mann Rudolf. Jolanda wirft uns also vor, ihr anzudichten, sie würde jenen Account betreiben. Der Account, welcher Rudolfs Name trägt, wurde im Juli 2023 erstellt. Es handelt sich also um einen neuen Account, der dazu verwendet wurde, Tweets von bekannten Kritikern von Jolanda Spiess-Hegglin zu kommentieren. Das warf Fragen auf.
Rudolf betreibt nämlich seit längerer Zeit einen Twitteraccount unter einem Pseudonym. Jolanda weiss das. Sie weiss das unter anderem von mir. Ich habe ihr die notwendigen Informationen zur Identifikation Monate zuvorzukommen lassen. Obwohl wir im Streit auseinander gegangen waren. Es war im Grunde ein letztes Friedensangebot von meiner Seite. Eigentlich wollte ich mit der Geschichte abschliessen. Eine letzte Geste des guten Willens. Als nun dieser Account, der den Namen von Rudolf offen trug, Monate später auftauchte, wurde dessen Identität angezweifelt. Ich bemerkte in dieser Diskussion lakonisch, es sei offensichtlich, um wen es sich handelt. Das war ein Versuchsballon, denn tatsächlich war alles unklar. Ob es sich wirklich um Rudolf handelte, um jemanden aus Jolandas Umfeld, oder um irgendeinen Troll, der den Konflikt zwischen den beiden kannte und Unruhe stiften wollte. Ob Fake oder echt, Freund oder Feind.
Meine Bemerkung zielte auf eine Eigentümlichkeit des menschlichen Handels ab, die viele von uns sicherlich an sich selbst oder anderen beobachten durften. Wird eine Täuschung oder Lüge aufgedeckt, neigen ertappte Menschen oft dazu, sich herausreden zu wollen oder versuchen, ihre Beteiligung zu vertuschen. Wer sich hingegen mit Halbwahrheiten auskennt, hat einen Back-Up-Plan in der Hinterhand. Fliegt die Täuschung auf, ist es wichtig, welche Geschichte zu erzählen ist – auf welche Art und Weise mit einem Fingerzeig die Schuld auf andere geschoben wird.
Meine Bemerkung war offen genug formuliert, dass sich sowohl Trolle als auch das Umfeld von Jolanda Spiess-Hegglin angesprochen fühlen konnten. Gleichzeitig war sie direkt genug, dass sie einen mutmasslichen Verteidigungsmechanismus oder ein potentielles Ablenkungsmanöver auslösen konnte.
Ein Verteidigungsmechanismus bei Jolanda wurde aktiviert. Ob es sich nun wirklich um eins ihrer Fakeprofile handelte oder nicht, ist einerlei. Entscheidend ist, dass sie es als Anlass nahm, um mich und andere an den Pranger zu stellen. In der Regel beginnt bei ihr ein solcher Pranger mit einer Provokation wie derjenigen, die wir anfangs im zitierten Tweet sehen. Mit einer Behauptung im Stile von: «Seit nun einem Jahr thematisiert ihr mich fast jeden Tag.». Es stimmt zwar, dass #NetzCourage und damit Jolanda Spiess-Hegglin seit einem Jahr noch stärker in den sozialen Medien thematisiert wird. Doch dafür gibt es gute Gründe. Gründe, auf die ich in diesem Buch noch genauer eingehen werde. Es sind Gründe, die dazu geführt haben, dass Vorstandsmitglieder zurückgetreten sind, Präsidentinnen ihr Amt niedergelegt und Mitstreiter:innen sich vom Verein abgewendet haben. Thematisiert wird sie trotzdem nicht jeden Tag. Im Gegenteil, seit einigen Monaten äussert sich kaum noch jemand zur Sache in der Öffentlichkeit, wenn es dafür keinen Anlass gibt.
Es stimmt auch nicht, dass sie sich «nie in eure Richtung äussern» will. Sie tut es in einem Podcast, dem Jahresbericht des Vereins, in den sozialen Medien und vor Gericht. Sie tut es sogar dann, wenn sich kaum noch jemand zur Causa #NetzCourage äussert. Monate nachdem sie öffentlich darauf bestanden hat, man solle sie ihn Ruhe lassen.
Abbildung 1: Post von Jolanda Spiess-Hegglin auf X (früher bekannt als Twitter)
Daher kommt auch die Behauptung, die mutmassliche Zusammenarbeit mit Stalkern sei gerichtlich festgehalten. Eine Behauptung, die sich nicht überprüfen lässt, weil wir die Gerichtsakten nicht kennen. Es ist diese Art des Anprangerns, welche ich als manipulativ empfinde. Denn es lässt sich als Aussenstehende nicht überprüfen, ob wirklich eine Zusammenarbeit stattgefunden hat. Das schafft eine Situation, wo Kritik nicht mehr möglich ist. Entweder ist man für Jolanda Spiess-Hegglin. Oder man ist gegen sie, arbeitet angeblich mit mutmasslichen Stalkern zusammen. Entweder man ist Team Jolanda oder man ist Team Stalker. Dazwischen gibt es für sie offenbar nichts mehr.
Was mich am meisten triggert und enttäuscht, sind die unreflektierten Reaktionen ihrer Unterstützer:innen, Menschen, mit welchen ich in Vergangenheit bei #NetzCourage für die gleiche Sache gekämpft hatte und die mich jetzt zum Gegner auserkoren haben. Jene, die noch eisern geschwiegen haben, als bekannt wurde, dass sich meine ehemalige Arbeitgeberin unrechtmässig Zugang zu einer persönlich an mich gerichtete Mail verschafft hatte. Ein einziger Tweet von Jolanda Spiess-Hegglin reicht aus, um in Ungnade zu fallen. Die Täter-Opfer-Umkehr ist abgeschlossen, schon alleine eine subtile allgemein gefasste Andeutung reicht aus, um am Twitterpranger zu stehen.
Dieses tosende Schweigen aller bewog mich nach der Veröffentlichung der #HateLeaks[1] im Mai 2023 dazu, meine Geschichte niederzuschreiben. Diese Blogreihe nutzte als Quelle geleakte Chatnachrichten aus dem Umfeld von Jolanda Spiess-Hegglin. Der erste Teil der Reihe befasste sich mit ihrem Versuch, mittels einer Chatgruppe und Medienkontakten ein Buch von Michèle Binswanger zu verhindern, welches die Landammannfeier in Zug von 2014 und damit auch die Person Spiess-Hegglins kritisch zeigt. Die letzten beiden Artikel der Blogreihe befassten sich unter anderem mit Material, welches meinen damaligen arbeitsrechtlichen Konflikt mit Jolanda Spiess-Hegglin beleuchtet. Während der erste Teil der Leaks rege diskutiert wurde, gab es bezüglich des letzteren Teils nur betretenes Schweigen. [2][3]
Natürlich schmerzt mich das, es ist, als ob dem erlittenen Unrecht ein Teil der Berechtigung abgesprochen wird. Zwar gab es tatsächlich Medienanfragen. Aber eben auch gute Gründe, sie abzulehnen. Denn die Geschichte, die ich zu erzählen habe, benötigt einiges mehr an Platz, als dies ein Zeitungsartikel bieten würde. Kommt hinzu, dass, sobald jemand anderes diese Geschichte erzählt, ich jene aus der Hand gebe. Ich ein Stück Kontrolle darüber verliere und sie für andere Zwecke miss- oder gebraucht werden kann. Ein nicht unwesentlicher Gedanke liegt in der Tatsache, dass es sich um ein polarisierendes Umfeld handelt, welches von verschiedensten Parteien bespielt wird, die alle ihr eigenes Süppchen kochen und ihre eigenen Ziele verfolgen. Ausserdem sollte das Niederschreiben mir dabei helfen, die vergangenen zwei Jahre verarbeiten und darin die wichtigsten Linien erkennen zu können. Ich bin Liliane Ritzi, der ehemaligen Interimspräsidentin des Vereins #NetzCourage, dankbar, dass sie sich bereit erklärte, dieses Buch in ihrem Verlag zu publizieren. Ebenso möchte ich mich bei all den Menschen bedanken, die mich auf diesem Weg begleitet haben.
Diese Geschichte geht jedoch über das von mir Erlebte hinaus und betrifft nicht alleine den zwischen mir und #NetzCourage stattfindenden Konflikt. Ich erzähle in diesen Aufzeichnungen nicht nur meine eigene Geschichte, sondern auch jene von Menschen, die sich nicht (mehr) äussern können oder wollen. Darüber hinaus ist es eine Geschichte, in die jede NGO potentiell hineinrutschen kann, vor allem wenn sie über eine charismatische Führung, hohe Ideale, eine Pionierrolle, wenig Geld und aufopferungsbereite Mitarbeitende verfügt.
Das vorliegende Werk offenbart nicht nur die Schicksale jener, die von Umgebungen betroffen sind, die sie als toxisch erleben, sondern beleuchtet auch die Ironie im Handeln des Vereins #NetzCourage, der sich eigentlich gegen solche destruktiven Kommunikationsmuster einsetzen sollte. Statt Transparenz und offene Diskussion zu fördern, hat die Vereinsführung eine Kultur des Schweigens geschaffen, in der echte Kritik und Widerspruch unerwünscht sind. Im Schatten dieser autoritären Strukturen, die erschreckende Ähnlichkeit mit einer Sekte aufweisen, agiert der Verein jedoch im Gegensatz zu seinem erklärten Zweck, indem er teilweise die gleichen toxischen Mechanismen nutzt, gegen die er angeblich kämpft. Mir geht es nicht darum, inwieweit das Wort «Sekte» zutrifft, sondern um eine nachvollziehbare Beschreibung von destruktiven sozialen Vorgängen.
In einer solch feindlichen Umgebung ist es unmöglich, sich zu äussern, ohne sich der Gefahr auszusetzen, zum Ziel von Cybermobbing, Drohungen und Beschimpfungen zu werden. Würde es sich um einen Quartierverein handeln, könnte man vielleicht die inneren Querelen und die diktatorischen Züge der Vereinsführung übergehen. Doch #NetzCourage ist seit der Gründung im Jahr 2016 weitherum bekannt für die Bekämpfung von digitaler Gewalt. Der Verein beansprucht, eine gesellschaftlich bedeutende Aufgabe zu erfüllen und hat dafür sogar staatliche Gelder, die Steuerbefreiung und viel Medienöffentlichkeit erhalten. Jolanda Spiess-Hegglin wurde für die Pionierrolle des Vereins 2021 mit dem Ida-Somazzi-Preis[4] und dem #FemBizSwiss-Award[5] ausgezeichnet. Aus diesen Gründen haben Sponsor:innen, Spender:innen und die breite Öffentlichkeit ein Recht auf Transparenz - eine Transparenz, die die Vereinsführung mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Im aktuellsten Jahresbericht[6] von #NetzCourage, über das Jahr 2022, heisst es zwar, sämtliche eingebrachten Vorwürfe seien überprüft und «allesamt entkräftet» worden, doch welche Vorwürfe das waren, wie weitreichend sie waren, und wie erfolgreich verhindert wurde, sie publik werden zu lassen, bleibt unerwähnt.
Es liegt somit im öffentlichen Interesse, aus einer internen Perspektive ein Licht auf die vergangenen Jahre dieses Vereins zu werfen und die Schatten seiner öffentlich gepriesenen Aktivitäten zu durchdringen. Denn wie es derzeit aussieht, ist #NetzCourage weit davon entfernt, dem eigentlichen Vereinszweck gerecht zu werden.
Wie alles begann
«Ich löse jedes Problem mit Denken.»
Für das Verständnis, wie es zu dieser Geschichte gekommen ist und wer ich eigentlich bin, muss ich ein bisschen ausholen. Der oben von mir zitierte Satz stammt aus meiner Kindheit. Er war das Resultat von mehreren traumatischen Erlebnissen und der Mühe, mit jenen umzugehen. Ich beschloss, jedes Problem mit Denken zu lösen, als ich von der täglichen Gewalt in meinem Elternhaus erfuhr. Damals lebte ich bereits seit Jahren bei den Grosseltern. Mein Vater hatte mich als Dreijährigen dort abgeladen, weil meine Eltern beide schwer drogenabhängig waren. Als ich dann erfuhr, dass meine Mutter meinen Vater regelmässig schlug, war dies ein einschneidendes Erlebnis für mich. Ich wollte nicht wie meine Eltern sein. Jedes Problem mit Denken zu lösen, war damals die einzige Lösung, um das zu verhindern. Jahre später entschied ich mich mitunter deshalb für ein Philosophiestudium.
Die zweite Geschichte, die mein Leben nachhaltig prägte, war die meines polnischen Urgrossvaters. Als Offizier der polnischen Armee kämpfte er im zweiten Weltkrieg im Widerstand, sass mehrere Monate in Auschwitz und fiel im Aufstand von Warschau. Niedergeknüppelt von der SS auf der Flucht durch die Kanalisation. Er ging als Letzter, opferte sich, um Hunderten das Leben zu retten. Entsprechend habe ich bereits als Kind alle Bücher über den zweiten Weltkrieg verschlungen, welche ich in die Finger bekam. Ich entschied mich deswegen unter anderem auch für eine militärische Karriere – trotz der Tatsache, dass ich mich politisch eindeutig links der Mitte einordne.
Die Themen Rassismus, Verschwörungstheorien und digitale Gewalt weckten mein Interesse im Studium. Damals studierte ich neben Philosophie noch Geschichte. In einer meiner ersten Arbeiten befasste ich mich mit den Gründen, wie es zur Annahme der Minarettinitiatve gekommen war. Ich analysierte hunderte Beiträge in den sozialen Medien und Kommentarspalten von Onlinemedien. Ich wollte verstehen, aus welchen Gründen Menschen diese Initiative angenommen hatten. Damals begann ich auch, im Internet aktiv mittels Gegenrede Hassrede zu bekämpfen.
Das Studium verlief indessen harzig. Der Wechsel von Geschichte zu Religionswissenschaften erzielte nicht den gewünschten Erfolg. Meine eigene Lebensgeschichte, der frühe Tod meines Vaters und der Kontaktabbruch meiner Mutter lasteten über Jahre auf mir. Immer wieder von Depressionen zurückgeworfen, versuchte ich, einen Platz im Leben zu finden. Irgendwann klappte es dann doch mit dem Bachelor – der Fluch des ewigen Studenten schien besiegt.
Dann kam die Corona-Pandemie. Das Semester hatte erst gerade begonnen, als ich einen Anruf meines militärischen Vorgesetzten erhielt. «Dumeng, du bist einer der Ersten, der das erfahren wird. Der Bundesrat hat beschlossen, zur Unterstützung der zivilen Behörden die Armee zu mobilisieren. Ich brauche einen erfahrenen Offizier, um die Lageverfolgung und Koordination sicherzustellen. Hast du Zeit?»
Das hatte ich. Nicht nur war die Aufgabe eine willkommene Möglichkeit, mein Studium zu finanzieren. Ich fühlte mich auch verpflichtet. Genau für eine solche Situation hatte ich mich zum Offizier ausbilden lassen. Deshalb bin ich Major geworden. Als Verantwortlicher für die Lageverfolgung in meinem Verband während des jährlich stattfindenden World Economic Forum in Davos kannte ich bereits die relevanten Prozesse und Köpfe.
Der Einsatz war anspruchsvoll. Aber für mein Selbstvertrauen war es ein Segen. Ich hatte eine Aufgabe, durfte Verantwortung übernehmen und konnte meine Fähigkeiten einsetzen, um Menschen zu helfen. Nach dem Einsatz fühlte ich mich wie neu geboren. Mit neuem Schub wollte ich mein Studium beenden und dann etwas machen, um Menschen zu helfen. Am liebsten bei einer NGO, die sich mit einer gesellschaftlich wichtigen Aufgabe beschäftigt. Als ich die Ausschreibung für eine Stelle als Rechercheur bei #NetzCourage sah, war mir sofort klar, was ich wollte. Diese Stelle schien massgeschneidert für mich. Ein Traumjob, welcher es mir endlich ermöglichen würde, meinen Platz im Leben zu finden.
Es war eine Stellenausschreibung, die mein Leben von Grund auf verändern sollte. Geteilt auf Facebook, passte sie genau auf mich – ein wichtiges Thema, für das ich genau die richtige Qualifikation hatte. Rassismus ist sowohl ein gesellschaftliches als auch ein systematisches Problem und steht damit im Fokus der praktischen Philosophie. Ethik, politische Philosophie und politische Religionen waren Schwerpunkte meines Studiums, sodass ich mich bereits mit dem Phänomen Rassismus intensiv auseinandergesetzt hatte. Zusätzlich konnte ich jahrelange Erfahrung im Bereich der digitalen Gegenrede vorweisen. Ich brachte dementsprechend nicht nur das notwendige theoretische Hintergrundwissen mit, sondern auch ein über Jahre erarbeitetes praktisches Erfahrungswissen, das über die Tätigkeit der digitalen Recherche hinausgeht.
Ohne zu zögern, bewarb ich mich und tatsächlich verlief der Bewerbungsprozess reibungslos – ein kurzes Telefonat mit der Geschäftsführerin Jolanda Spiess-Hegglin genügte, um mir den Traumjob zu sichern. In diesem Moment war ich überglücklich. Eine Chance, für die ich schon immer gebrannt hatte. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte: Hinter den Kulissen brodelte es. Während ich dachte, ich würde das Team bei diesem Projekt zum Thema Onlinerassismus unterstützen, sollte ich in Wirklichkeit meine Vorgängerin ersetzen, die das Projekt mitinitiiert hatte und die ich gut kannte.