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Wie engagieren sich deutsche Universitäten und akademische Organisationen im russischen Hochschulsystem? René Lenz beschreibt Ausgangsbedingungen für die Kooperation und skizziert den Wandel des postsowjetischen Hochschulsystems sowie die Reformen, die sich an global dominierenden Bildungsmodellen orientieren. Die deutsch-russischen Hochschulbeziehungen entwickelten sich nach dem Ende des Sowjetsystems gut. Mittlerorganisationen der deutschen Außenkulturpolitik und Stiftungen fördern die akademische Mobilität sowie die Verbreitung von Handlungsmodellen in einem transnationalen Bildungsraum. Die soziale Praxis vor Ort ist an komplizierte lokale Bedingungen geknüpft, die sowohl von hierarchisch-autoritären Strukturen als auch von zunehmender Professionalisierung der Universitätsverwaltungen geprägt sind. Deutsche Institutionen transportieren Vorstellungen ihrer akademischen Kultur nach Russland und haben durch Bereitstellung kommunikativer Handlungsmöglichkeiten Anteil an der Herstellung eines gesamteuropäischen Hochschulraumes. "Internationalisierung" ist ein politisch propagiertes Ziel und dient den Akteuren gleichzeitig zur Profilierung. Damit Kooperationen dauerhaft möglich sind, so belegt diese Studie, bedarf es sowohl geeigneter Organisationen als auch engagierter Individuen.
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Seitenzahl: 699
Veröffentlichungsjahr: 2015
ibidem-Verlag, Stuttgart
Internationalisation, Cooperation, and Transfer.External Actors within the Russian Higher Education System.
The book debates whether or not external actors, such as professors, universities or academic organisations such as theDAAD,Justus-Liebig-UniversitätGießenor theRobert Bosch Stiftungdiffuse organisational models and practices. It shows that German academic organisations on an individual and organisational level employ their ideas and practices in cooperation projects with Russian partners in Kazan, St. Petersburg and Moscow.While working in Russia, organisations and individual academics transfer ideas and methods of teaching and organisation and their approaches to improving the academic systems. The activities of German individuals and institutions can be perceived as part of a diffusion process in which ideas, models and concepts are transferred into the Russian context. The transfer agents are the individual actors on site. In this context the Bologna-Process functions as a framework that provides the instruments, rhetoric means and models which help to orientate the Russian HEI administration experts.
Bilateral academic relations are embedded in a diplomatic framework. The German state is the main source of funding that supports organisations such asDAADand cross-border university partnerships. These institutions use these means to increase their national and international reputation while cooperating with Russian partner organisations. Nevertheless, they still have the potential to strengthen the ties between the Russian and the German academic communities and thus to further the internationalisation of the Russian system.
The author:
René Lenz, PhD (Universität Erfurt ‘14), is currently Academic Coordinator of International Ph.D. Programmes at the Faculty of Architecture and Urbanism at the Bauhaus-Universität Weimar, Germany. In 2005-2007, he was teaching in the position of a ”starshij prepodavetl’” at the then Kazan State University and the Tatar State University for Humanites andEducation,Russia.
The foreword author:
Frank Ettrich is editor of theBerliner Journal für Soziologieas well as Professorfor Sociologyat the Universität Erfurt, Germany.
AA
Auswärtiges Amt
AAA
Akademisches Auslandsamt
AKBP
Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik
AKP
Auswärtige Kulturpolitik
AvH
Alexander von Humboldt-Stiftung
AWP
Außenwissenschaftspolitik
BIP
Brutto-Inlandsprodukt
BMBF
Bundesministerium für Bildung und Forschung
BMF
Bundesministerium der Finanzen
BMI
Bundesministerium des Innern
BMWi
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie
BMZ
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
BLK
Bund-Länder-Kommission
BP
Bologna-Prozess
BMBF
Bundesministerium für Bildung und Forschung
BRD
Bundesrepublik Deutschland
CHE
Centrum für Hochschulentwicklung
DAAD
Deutscher Akademischer Austauschdienst
DAMU
Deutsche Assoziation der Absolventen und Freunde der Moskauer Lomonossow-Universität e.V.
DDR
Deutsche Demokratische Republik
DFG
Deutsche Forschungsgemeinschaft
DGAP
Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik
DHV
Deutscher Hochschulverband
DSW
Deutsches Studentenwerk
ECTS
European Credit Transfer System
ENQA
European Association for Quality Assurance in Higher Education
ERASMUS
European Community Action Scheme for the Mobility of University Students
ERC
European Research Council
ESU
European Students' Union
EU
Europäische Union
EUA
European University Association
ERP
European Recovery Programme
FES
Friedrich-Ebert-Stiftung
FRDIP
Freies Deutsches Institut für Publizistik
FU
Freie Universität Berlin
GATE
Germany Guide to Academic Training and Education
GATS
General Agreement on Trade and Services
GEW
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
GG
Grundgesetz
GI
Goethe-Institut
GP
Gesprächspartner/in
GTZ
Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit
GUS
Gemeinschaft Unabhängiger Staaten
H. i. O.
Hervorhebung im Original
HRG
Hochschulrahmengesetz
HRK
Hochschulrektorenkonferenz
HSE
Higher School of Economics
ICSU
International Council for Scientific Unions
JLU
Justus-Liebig-Universität Gießen
KGU / KFU
Staatliche Universität Kasan (namens W.I.Lenin) / Föderale Universität Kasan
KMK
Kultusministerkonferenz
KPdSU
Kommunistische Partei der Sowjetunion
LINGUA
Programm zur Förderung der Fremdsprachenkenntnisse der Europäischen Gemeinschaft
MAIB
Master für Internationale Beziehungen
MGIMO
Moskauer Staatliches Institut für internationale Beziehungen
MGU
Moskauer Staatliche Universität
MOE
Mittel-Ost-Europa
NGO
Non-Governmental Organisation
NPM
New Public Management
NRO
Nichtregierungsorganisation
OECD
Organisation for Economic Co-operation and Development
OEZ
Osteuropazentrum der Universität Hohenheim
OMC
Offene Methode der Koordination
OSZE
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
PHARE
Pologne, Hongrie: Assistance à la Restructuration Economique
RBS
Robert Bosch Stiftung
RGGU
Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität
RF
Russische Föderation
RFFI
Russische Stiftung für Grundlagenforschung
RGNF
Russische Geisteswissenschaftliche Stiftung
RL
RenéLenz/Autor, Verfasser, Fragender in Interviews
RUDN
Russische Universität der Völkerfreundschaft
SDS
Sozialistischer Deutschen Studentenbund
SPbGU
Sankt Petersburger Staatliche Universität
TACIS
Technical Assistance for the Commonwealth of Independent States
TEMPUS
Trans-European Mobility Programme for University Studies
THK
Theodor-Heuss-Kolleg
UdSSR
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
UB
Universität Bielefeld
UL
Universität Leipzig
UNESCO
United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization
UNO
Vereinte Nationen
URL
Uniform Resource Locator
USA
United States of America
WTO
Welthandelsorganisation
WTZ
Wissenschaftlich-Technische Zusammenarbeit
ZDES
Zentrum für Deutschland- und Europastudien
ZfA
Auslandsschulwesen
Anlass für die vorliegende Arbeit wardie ReflektionmeineszweijährigenArbeitsaufenthaltesan zwei Universitätenin der Russischen Föderation. Die Robert Bosch Stiftung und ihr Lektorenprogramm haben mir dies durch ein Stipendium ermöglicht.AufgrundmeinesInteressesfür Internationale Beziehungen lag es nahe,ins Ausland zu gehen, gerade weil ich mein Wissen im universitären Kontext weitergebenwollte.Gleichzeitigkonnte icheinLandintensivkennenlernen. Dessen Sprachestelltesichdann dochalseine größere Herausforderung dar,als ichesmir mit meinem"Schulrussisch"vorgestellt hatte. Das Land war mir dagegen viel weniger fremd als gedacht. Allen Personen, die mir im privaten wie im beruflichen Leben gerade in den ersten Monatenin Russlandgeholfen haben, gilt mein besonderer Dank.
Vor allem gilt meinDankmeinem BetreuerProf. Dr. Frank Ettrichvon der Universität Erfurt, seinen Mitarbeiternam Lehrstuhl Dr.Stefan Waldheim und Eric Schrödersowieden Mitgliedern des Colloquiums"Politik und Gesellschaft". Außerdem möchte ich an dieser Stelle meinem Zweitgutacher und Betreuer Prof. Dr. Peer Pasternackvon derMartin-Luther-Universität Halle-Wittenbergan dieser Stelle ebenso danken.
Die vorliegende Studie wäre nicht ohne die Gesprächsbereitschaft der von mir in Russland und Deutschland interviewten Personen möglich gewesen. Für die dafür aufgewandte Zeit und das Interesse meine Arbeit damit zu unterstützen sei allen herzlichst gedankt.
Darüber hinaus giltdieDanksagung allen,die mir bei der Transkription geholfen haben, dies waren vor allemAkinUgurlu, Katrin Pohlmann sowie Sylvia Ehl. Für das Gegenlesen bei der Fertigstellung bedanke ich mich insbesondere beiDr.Sabrina Walter, René Seyfarth und Eduard Klein.ZeitweiligeUnterkunfthabenmir nicht nur Gunnar Wendelund Simone Voitelgeboten. Bei den Aufenthalten in Russland konnte ichauchdie Gastfreundschaft von Sergej Nasekin, Olga Dormidontova,Dr.Christian Fröhlich und Nurislam Zirafeev sowie von Aigul und Avram Lyon genießen. Allen sei hierfür noch einmal ein herzlicher Dank ausgesprochen.
René Lenz,
Leipzig 10.1.2015
Der vorliegenden Monographie liegt die imFebruar2014erfolgreich verteidigte Dissertationsschrift des Autors zugrunde. Aus heutiger Sicht markiert das Jahr 2014 mit dem Beginn der Ukraine-Krise, dem Bürgerkrieg in der Ostukraine und den quasi kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der souveränen Ukraine und Russland eine historische Zäsur, die bestimmte Aussagen und Wertungen der vorliegenden Schrift wie aus einer anderen Zeit erscheinen lässt.
Derzeit wird die Bundesrepublik in der offiziellen russischen politischen Öffentlichkeit vor allem als Teil der EU und damit"gegnerischen Westens"wahrgenommen. Im Moment lässt sich nur schwer abschätzen, welche langfristigen Folgen dies im Hinblick auf die deutsch-russischen Beziehungen, vor allem auch im Universitäts- und Hochschulbereich, haben wird.Die vorliegende Arbeit würde heute sicherlich in einer anderen politischen Perspektive geschrieben werden. Der Konflikt mit Russland um die Ukraine macht aber zugleich die Bedeutung des Themas der vorliegenden Schrift deutlich, denn sie zeigt, dass eine funktionierende und langjährige Kooperation zwischen den beiden Ländern möglich ist, war und wäre. Der Beitritt Russlands zum Bologna-Prozess 2003/2004, dessen Vorgeschichte und bisherige Verlaufsform stellen unter Beweis, dass in einem zentralen institutionellen- und Wertebereich moderner Gesellschaften, dem Wissenschafts- und Universitätssystem, eine für beide Seiten fruchtbare Kooperation möglich ist.
René Lenz lenkt in seiner Dissertationsschrift die Aufmerksamkeit auf eine in der deutschen Sozialwissenschaft vergleichsweise selten untersuchte Problemstellung: Die grenzübergreifende Zusammenarbeit in Forschung und Lehre und den möglichen Transfer von organisatorischen Problemlösungen in einen anderen nationalstaatlichen Handlungskontext. Theoretischer Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist der World-Polity Ansatz unddamitein soziologisch-institutionalistischer Ansatz, der eine weltweite Ausbreitung von Modellen, Ideen und Praktiken annimmt und untersucht. Zu seinen übergreifenden Befunden gehört das Konstatieren einer globalen Praxis der Institutionalisierung ähnlicher Handlungsmuster. René Lenz fragt in seinem spezifischen Untersuchungskontext, wer die deutschen Akteure bisher waren und welche Motive und Ausgangslagen sie für ihr Engagement im russischen Kontext mitbrachten. Die ausgewählten deutschen Organisationen und Universitäten sind dabei nur ein Ausschnitt, wenn auch ein sehr guter, aus der Vielzahl der Akteure, die sich im russischen Hochschulsystem auf verschiedenste Art und Weise engagieren. Tenor und Kontext der Arbeit ist eine Europäisierung und Internationalisierung der Universitäten vor allem in Deutschland. Die Russische Föderation stellte bislang dabei ein wichtiges Zielgebiet dar.
Der Autor übernimmt die Zusammenführung der theoretischen Perspektive des Neo-Institutionalismus mit einer praxis- und lebensnahen Analyse eines transnationalen Feldes. Dies wird in einem eigenen Kapitel gut und verständlich dargestellt. Er weist dabei zu recht auf den besonderen Stellenwert der Förderung der Kooperation von deutschen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen durch die bundesdeutsche Außenpolitik hin. Dies gilt im besonderen Maße für das Engagement deutscher Akteure an den Standorten St. Petersburg und Moskau. Die Leser und Leserinnen werden in einer kondensierten Form mit der Entwicklung des russischen Hochschulsystems vertraut gemacht. Der Fokus liegt dabei auf den ersten zwei Jahrzehnten nach der Gründung der Russischen Föderation.Als Teil eines übergreifenden Argumentationsgangeslässt die Arbeitmaterialreich präsent werden, dass die Aktivitätenexterner bildungspolitischer Akteure in der Russischen Föderation seit den1990er Jahren des 20. Jahrhunderts in rapide Veränderungsprozesse der nationalen und internationalen Hochschul- und Bildungslandschaft eingebettet waren und sind, die mit Sicherheit Ziel- und StrategieveränderungenallerAkteure implizierten.René Lenz zeigt aber auch, wie historisch lange die Verbindungen zwischen deutschen und russischen Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen zurückreichen.
In seiner Untersuchung skizziert der Autor neben der Hochschulpolitik auch den außenpolitischen Rahmen.Das hochschulpolitische Feld in Europa längst über den nationalstaatlichen Rahmen und den der EU hinausgewachsen ist. Der"Bologna Prozess"bot hier eine Möglichkeit für die russischen Entscheidungsträger der Hochschulpolitik, sich der Entwicklung der Hochschulen im westlichen Europa anzuschließen und theoretisch sogar mitzugestalten. Seit 2003, mit dem Entschluss, dem"Bologna-Prozess"beizutreten, lässt sich von einer allmählichen Konsolidierung des russischen Hochschulsystems sprechen, wobei die Entwicklungen im"Europäischen Hochschulraum"zweifellos den organisationellen Maßstab und die institutionellen Leitlinien für die Akteure dieses inkrementellen Wandels abgaben. In der Arbeit wird klar dargestellt, dass seit dem Ende der Sowjetunion gerade die Kooperationen zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen von einem stetigen quantitativen und auch qualitativen Wachstum der Beziehungen zwischen den beteiligten Institutionen und Akteure geprägt waren. Diese nachhaltige Verstetigung wurde von Organisationen wie dem DAAD gefördert und von den beteiligten Akteuren auf der russischen Seite in aller Regel unterstützt. Internationalisierung, wie in der Studie herausgearbeitet wird, ist auf der deutschen Seite eine politische Strategie, um einerseits die Bundesrepublik als Ganzes in einem Wettbewerb nationalstaatlicher Gesellschaften besser zu platzieren und kann andererseits zugleich als ein Ansatz des neueren Hochschulmanagements zur Ressourcenerweiterung begriffen werden.
DievorliegendeDissertationstelltinsgesamt umfassend die Rahmenbedingungen derdeutschenHochschulentwicklung imEuropäischen Hochschulraum und in der Russischen Föderation dar und gibt einen umfassenden EinblickindasAkteurshandelndeutscherOrganisationeninderRussischenFöderation.DieArbeitlädt nicht nur dazu ein, das deutsch-russische Verhältnis exemplarisch zu reflektieren, sondern dabei auch das berufliche Engagement all derjenigen, die sich den grenzübergreifenden Kooperationen widmen, zu berücksichtigen. Dies gilt in erster Linie für die deutschen Akteure, in zweiter Linie werden aber auch die Handlungsbedingungen auf der russischen Seite deutlich.
Es ist sicherlich ein Verdienst dieser Arbeit, bei der Analyse nicht nur auf der Ebene vertraglicher Regelungen geblieben zu sein, sondern auch die Mikroebene genauer zu beleuchten. Dabei wird gezeigt, wie wichtig die Rolle einzelner Personen ist, die erst dazu beitragen, dass Kooperationen dauerhaft möglich sind. In diesem Rahmen wird auch der Transfer von Ideen, Modellen und Praktiken befördert. Die Diffusionsbedingungen im spezifischen deutschen und russischen Kontext werden anschaulich dargestellt.
Dem Buch ist eine breite Rezeption zu wünschen, es erscheint mir nicht nur für den deutsch-russischen Kontext relevant, sondern bietet darüber hinaus allgemeine Hinweise für die grenzübergreifende akademische Zusammenarbeit.
Prof. Dr. Frank Ettrich
Erfurt, 12.3.2015
In der vorliegenden Untersuchung wird die grenzübergreifende Zusammenarbeit von deutschen Organisationen mit ihren russischen Partnern analysiert. Hochschulen werden dabei wie akademische Organisationen als Akteure in einem transnationalen Kontext betrachtet, deren Kooperationenüber Ländergrenzen hinweg gesellschaftliche Prozesse unterstützen.Dabei sollen folgende Fragen beantwortet werden: Wie ist die Motivation und welche Faktoren tragen zu einem Engagement der deutschen Akteure im russischen Hochschulsystem bei und welche Ziele werden verfolgt?
Die deutsch-russischen Kontakte profitieren im Hochschulwesen von den außenpolitisch guten Beziehungen der beiden Länder zueinander; dies wurde durch das"Deutsch-Russische Jahr der Bildung, Wissenschaft und Innovation 2011/12"deutlich. Dabei handelt es sich zwar um eine von den Bildungsministerien getragene Veranstaltungsreihe zur Außendarstellung sowie zur Wirkung in die beiden Wissenschaftssysteme. Möglich ist dies aber nur dadurch, dass alle großen deutschen Wissenschaftsorganisationen in der Russischen Föderation präsent sind und durch die steigende Zahl der bilateralen Kooperationen von Hochschulen.
Die vorliegende Arbeit untersucht das Engagement von deutschen Organisationen im russischen Hochschulsystem. Als relevante Akteure stehen hier nicht nur deutsche Hochschulen und Wissenschaftler im Fokus, die in der Russischen Föderation (RF) tätig sind, sondern auch Mittlerorganisationen der Auswärtigen Kulturpolitik (AKP) der Bundesrepublik sowie private Stiftungen als auch wichtige deutsche Wissenschaftsorganisationen.
Mein Interesse an externen, zumal deutschen Akteuren entstand durch meine Tätigkeit an zwei russischen Hochschulen in Kasan/Tatarstan, welches mir durch ein Stipendium der Robert Bosch Stiftung ermöglicht wurde. Während der Lehr- und Projekttätigkeit näherte ich mich meinem späteren Untersuchungsobjekt im Feld, was durchaus als eine teilnehmende Beobachtung bezeichnet werden kann. Dabei konnte ich in Kasan wichtige Kontakte knüpfen und gewann eine erste Idee von dem zu skizzierenden Feld. Außerdem war ich durch Projekte an einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit Studierenden und Hochschulmitarbeiter/innen in Berlin und Gießen beteiligt.
Die Gründe für das Engagement deutscher Akteure wollte ich in dem spezifischen deutsch-russischen Kontext verstehen. Ihr Handlungsfeld ist das Hochschulsystem eines Landes[1], das vor 20 Jahren noch als Supermacht galt oder zumindest der Hegemon des Mittleren und Östlichen Europas war. Nach 1990 durchlebteRussland eine"Transformation"bzw. einen tiefgreifenden Wandel, während es gerade in den ersten Jahren auf externe Hilfe angewiesen war. Diese kam unter anderem aus dem wiedervereinigten Deutschland. Ein Land, das, so meine Erfahrung, trotz der Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges mit Respekt und mit beinahe freundschaftlichem Wohlwollen wahrgenommen wird. Der Zerfall der staatssozialistischen Regime und das Ende des Ost-West-Konfliktes ist zugleich der Beginn einer Phase einer verstärkten Internationalisierung von Produktion, Dienstleistungen und Kultur, die umgangssprachlich mit dem Begriff Globalisierung beschrieben wird. Die Grenzen des Einflussbereiches westeuropäischer Staaten verschoben sich seit dem Beginn der 1990er Jahre sukzessive immer weiter in den osteuropäischen Raum. Zugleich suchte Russland den Anschluss an die Staaten der sogenannten westlichen Welt. Die Modernisierung der Staaten Mittel- und Osteuropas ging nach 1990 auch mit Reformen innerhalb ihrer Hochschulsysteme einher. Dieser Prozess wurde mit einer Internationalisierung und vor allem mit dem Anschluss an den Westen verbunden. Dies galt und gilt, wenn auch in geringerem Maße, für die Modernisierung der russischen Gesellschaft, bei deren Gestaltung sich anfangs deutlich an westlichen Strukturen orientiert wurde (Stent 2000: 317f). Die Entscheidungsträger des russischen Hochschulsystems blickten insbesondere in den 1990er Jahren nach Europa und in die Vereinigten Staaten, um Anschluss an die dortige Entwicklung zu finden (vgl. Sadownitschi 1999: 34-35). Die Haltung der russischen Funktionseliten zum"Westen"ist jedoch ambivalent. Einerseits wird ein Sonderweg für Russland diskutiert und das machtpolitische Verhalten in den internationalen Beziehungen ist von Distanz geprägt (vgl. Lomagin 2009). Andererseits ist das Land ein wichtiger Bestandteil internationaler und europäischer Strukturen. Die Modernisierungsbestrebungen orientieren sich auch weiterhin an Modellen und Mechanismen in den OECD-Staaten. In diesem Kontext steht auch der 2003 erklärte Beitritt der Russischen Föderation zum Bologna-Prozess. Das Konzept eines Europäischen Hochschulraums im Rahmen des Bologna-Prozess bietet hier Modell und Normen an, die in der Russischen Föderation aufgegriffen werden.
Die neu gegründete Russische Föderation erbte den Großteil aller Institutionen und Einrichtungen der untergegangenen UdSSR. Die Atomraketen befanden sich darunter, genauso wie die wichtigsten Universitäten und der Sitz im UN-Sicherheitsrat."Russland"versteht sich bis heute als das Zentrum einer ehemaligen Weltmacht. Der Erhalt des neuen Staates war aber nicht nur ein demokratischer Prozess, sondern vor allem ein Kampf der regionalen Eliten mit den Vertretern des Zentrums, die ebenso auf ihren Vorteil bedacht waren. Sie bereicherten sich an den sowjetischen Errungenschaften und den natürlichen Ressourcen. Trotz aller politischen und ökonomischen Krisen zeigten Menschen und Strukturen in der neu entstandenen Russischen Föderation eine erstaunliche Resistenz gegenüber dem Chaos.[2]
Zweifelsohne haben die russischen Führungseliten ein eigenes funktionales Verhältnis zum Begriff der Zivilgesellschaft entwickelt (Stykow 2007; 2006, Patomäki/Pursianen 1998). Dabei hat sich ein autoritäres Entwicklungsmodell durchgesetzt. Wolfgang Merkel (2007: 428) hat jedoch auf den komparativen Demokratisierungsvorteil der osteuropäischen Gesellschaften gegenüber anderen Weltteilen mit sich herausbildenden Demokratien verwiesen. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt seiner Meinung nach in der Modernisierungsleistung, die die staatsautoritären Regime im Bildungssektor geleistet haben.Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes galt die Aufmerksamkeit der Transformationsforschung besonders dem Demokratisierungsprozess in Mittel- und Osteuropa (Bertelsmann 1999, Croissant/Lauth/Merkel: 2000, Brusis/Thiery 2005). Die Entwicklung in der Russischen Föderation wird allgemein pessimistisch eingeschätzt (Kryschtanowskaja 2005, Wilson 2005). Das politische System gilt schon länger als"Defekte Demokratie"(Merkel 2003) und auch die Entwicklung des Wirtschaftssystems kann kritisch beurteilt werden (vgl. Tatur 1995, Gustafson 1999, Stykow 2006). Im Unterschied zu anderen Transformationsländern in Mittel- und Osteuropa wird von einem russischen Sonderweg gesprochen (Beichelt/Kraatz 2000: 135). Doch auch wenn sich die russische Zivilgesellschaft sich in einem sehr kritischen Zustand befindet (vgl. Schiffer/Siegert 2004, Eicher/Beichelt 2006), so ist sie doch existent (vgl. Bister 2002, Lange 2004, König/Männel 2009).
Die Russische Föderation ist als ein Vielvölkerstaat immer noch eine Gesellschaft im Übergang, zumindest wenn in der westlichen Perspektive das Transformationsziel Demokratie und Marktwirtschaft aufrechterhalten wird. Die politische Kultur hat sich in Russland seit den 1990er Jahren anscheinend nicht wirklich weiter entwickelt. Die Partei der Kreml-Herrschenden hat eine solidere Basis bei den Bürokraten in den Verwaltungsapparaten und den Sicherheitsorganen als das in den 1990er Jahren jemals der Fall war. Es gibt seit zwei Jahrzehnten Wahlen, die allerdings noch nie westliche Standards eingehalten haben.
Die russischen Millionenstädte abseits Moskaus sind Zentren einer neuen Mittelschicht in den Regionen. Wann immer sie es kann, liegt auch diese gerne an den Stränden der Türkei. Deutsche Konzerne wie OBI oder METRO verdienen kräftig mit der wachsenden Mittelschicht. Das Land modernisiert sich, mit und ohne staatliche Programme. Einem bürgerlichen Liberalismus fehlt jedoch noch die gesellschaftliche Masse. Der Kommunismus ist bei der Mehrheit diskreditiert. Eine Arbeiterbewegung ist derzeit quasi nicht existent.[3]Die politische Kultur spiegelt sich in der schlagfertigen außenpolitischen Rhetorik in einer Art und Weise wider, bei der eher handfeste geopolitische Ansprüche geltend gemacht werden, als sich an Aushandlungsprozessen zu orientieren, die in einigen westlichen Theorien der internationalen Beziehungen gerne als relevant beschrieben werden. Welches davon ehrlicher oder realistischer ist, sei dahingestellt.
Der russische Lebensstandard steigt. Bei der Lebensqualität kann man sich da nicht sicher sein, da die Umweltpolitik nur ein unbeachtetes staatliches Aufgabenfeld ist. Russland ist voller Widersprüche auch in der gesellschaftlichen Entwicklung. Wirtschaftlich will es mehr bieten als nur Rohstoffe und Moskau lässt mit Skolkovo ein vermeintliches russisches Silicon Valley errichten. Obwohl der russische IT-Sektor nicht zu unterschätzen ist, kann bezweifelt werden, ob das Experiment funktioniert. Die Infrastruktur wird in den Zentren ausgebaut. Der Schnellzug fährt in wenigen Stunden von Petersburg nach Moskau und dann nach Nischni Nowgorod. Von dort kommt man aber nur noch mit einem gemächlich fahrenden Nachtzug nach Kasan. Fahrten in andere Großstädte dauern von dort mindestens eine ganze Nacht oder man fliegt gleich. In der tatarischen Hauptstadt Kasan angekommen, geht es mit dem Linienbus weiter. Die Marschrutkas hat man hier inzwischen fast ganz abgeschafft. Diese Kleinbusse waren und sind immer noch der Inbegriff des postsowjetischen Nahverkehrs. Fahrpläne gibt es für den ÖPNV auch in Kasan immer noch nicht.
Gleichzeitig ist Russland das einzige Land, welches noch eine bemannte Raumfahrt betreibt. Der russische Weltraumbahnhof Baikonur verbindet in der kasachischen Steppe die Erde mit dem All.Russland ist ein Gigant, dessen Strukturen oft zu schwerfällig für gesellschaftliche Reformen wirken. Aber diese Trägheit hat zugleich das Land bei aller tagespolitischer Dynamik durch die Wirren der 1990er Jahre gerettet.
Konkurrenz und Partnerschaft prägt das Verhältnis der Russischen Föderation zu den Staaten in Westeuropa und vor allem zu den USA. Gespannt sind die Beziehungen zu einigen Staaten des ehemaligen Warschauer Vertrages, insbesondere zu Polen. Postkoloniale Verwerfungen beeinflussen wiederum das Verhältnis zur postsowjetischen Welt, ob nun zum Baltikum mit seinem großen russischen Bevölkerungsanteil oder zu den Staaten des Kaukasuses. Neben allen wirtschaftlichen Interessen zielte das Engagement"des Westens"auf Stabilisierung. Demokratieförderung war hier lange das bestimmende Schlagwort. Dabei versuchten allen voran die USA, aber auch die Bundesrepublik demokratisch gesinnte Personen, Organisationen und Prozesse auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zu unterstützen. Das mag kritisch gesehen werden, insbesondere wenn die US-amerikanische Förderung nicht nur den Export von Ideen, Werten und Normen propagiert, sondern auch den Regimewechsel vorantreibt (vgl. Huber 2005). Erfolgreich war diese Art der Demokratisierung nicht. Sie produzierte eher eine imitierte Zivilgesellschaft.
Das Ziel der Studie ist es, die Rolle von externen Akteuren, die im russischen Hochschulsystem tätig sind, zu untersuchen. Thematisch muss sich dabei mit verschiedenen Gebieten auseinandergesetzt werden. Es gilt die Akteure in ihrem spezifischen Kontext also dem deutschen und russischen Hochschulsystem als auch in Bezug zu dem beabsichtigten Europäischen Hochschulraum als politischem Projekt zu untersuchen. Hinzu kommen die speziellen bilateralen außenpolitischen Vereinbarungen, die das Handlungsfeld unmittelbar beeinflussen.Die Tätigkeit externer Akteuren in anderen Ländern kann nicht ausschließlich als außenpolitisches Problem beschrieben werden, zumal wenn die Organisationen keinen rein staatlichen Charakter besitzen.[4]
Bildung ist eine wesentliche Transformationsressource (vgl. Teichmann 2006: 161). Hierbei bedarf es eines autonom arbeitenden Hochschulsystems. Gleichzeitig ist das Selbstverständnis der sich selbst verwaltenden Wissenschaft eine Quelle von gesellschaftlichen Autonomiebestrebungen gegenüber der Einmischung durch den Staat oder rein gewinnorientierten Akteuren. Die Zivilgesellschaft gilt als ein Instrument zur gesellschaftlichen Selbststeuerung und ist zugleich eine konzeptionelle Modellierung dessen.International bekannt wurde der Begriff der Zivilgesellschaft ab den 1970er Jahren durch die Debatten der Dissidenten hinter dem Eisernen Vorhang in Osteuropa (Kößler/Melber 1993: 63f,Klein 2001: 35). Die Entwicklung einer europäischen Zivilgesellschaft erfolgt zweifelsohne vor allem durch Akteure jenseits des Staates (vgl. Knodt/Finke 2005).Der Austausch und die Zusammenarbeit im kulturellen Bereich wird von Joseph S. Nye als eine wichtige weiche Machtressource in der internationalen Sphäre gewertet. Er verweist dabei insbesondere auf die Kooperation von Hochschulen, den Austausch von Studenten und Wissenschaftlern, der damit insbesondere Eliten beeinflussen würde (Nye 2004: 46).Die wissenschaftliche Gemeinschaft kann als eine Kommunikationsgemeinschaft im Sinne von Jürgen Habermas beschrieben werden (vgl. Risse 2000), aber auch als epistemische Gemeinschaft im Sinne von Peter Haas (1992).Die Dynamik der Globalisierung derWissenschaft ist erklärungsbedürftig, allerdings erscheint die Universität als ortsgebundene Organisation nicht globalisierungsfähig, wie Rudolf Stichweh feststellte (2000: 136). Interkulturelle Prozesse in der immer stärker internationalisierten Hochschulbildung untersuchte Matthias Otten (2006) in seiner kultursoziologischen Studie und fragt dabei nach den Bedingungen für deutsche Wissenschaftler in Hochschulkooperationen auf einer individuellen Ebene.
Entscheidenden Einfluss bei der Verbreitung von Normen hat eine Weltordnung, die"den einzelnen Ländern jetzt Modelle zum Kopieren zur Verfügung"(Meyer/Ramirez 2005: 220) stellt. Verantwortlich hierfür ist ein"dichtes Netzwerk internationaler Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen einschließlich der UNESCO"(ebd.).Die grenzüberschreitende Tätigkeit von nichtstaatlichen Akteuren wird heute als integraler Bestandteil eines Regierens jenseits des Nationalstaats angesehen (Take 2002, Frantz/Zimmer 2002, Beisheim 2004). Gunter Hellmann (2006: 154ff) weist in seinem einführenden Band zur deutschen Außenpolitik auch darauf hin, dass gesellschaftliche Interessengruppen heute Teil der Außenpolitik und dass"Prozesse der Transnationalisierung [...] vor allem für NGOs bedeutsam"(ebd.: 159) sind. Im Gegensatz dazu stehe der Begriff der Außenpolitik, der zumindest bisher für staatliche Akteure reserviert war (ebd.: 15).
Die Diskussion über den Export von Demokratie und Marktwirtschaft konzentriert sich auf die Rolle der USA, deren"Kreuzzug"jedoch als gescheitert gilt (vgl. Carothers 2002, Cohen 2000). Deutsche Organisationen sind relativ unbeachtet geblieben. Mit den Veröffentlichungen von Matthias Freise (2004, 2005) liegen Publikationen zur externen Demokratieförderung für Länder vor, die der EU beitreten wollen. Doch noch immer gilt, dass die Analyse der Unterstützung von Transformationsprozessen durch äußere Akteure im Anfang begriffen ist (Sandschneider 2003: 4). Deutsche Organisationen engagieren sich dabei besonders in Russland (Malerius/Odermatt 2005: 175). Externe Demokratieförderung in Russland geht auch von der Bundesrepublik aus (Spanger 2001). Stiftungen wie die Konrad-Adenauer- und die Friedrich-Ebert-Stiftung waren schon in den Zeiten von Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion tätig (Imangalijev 2006: 182). Die Arbeit deutscher Stiftungen des konservativen Parteienspektrums, die in Russland tätig sind, wurde von Swetlana Pogorelskaja (1997) untersucht. Nach ihr begleiten die parteinahen Stiftungen die amtliche deutsche Außenpolitik (Pogorelskaja 2002). Ausländische Organisationen im russischen Bildungssystem sowie die transnationale Zusammenarbeit sind in diesem Kontext bislang unbeachtet geblieben.
Normen können als Standards für ein angemessenes Verhalten für die beteiligten Akteure definiert werden. Dabei werden einzelne Standardnormen beschrieben, während mit Institutionen der Prozess der Normstrukturierung als eine Sammlung von Vorgaben und Praktiken betont wird (Finnemore/Sikkink 1998: 891). Nichtregierungsorganisationen traten vor allem in den sogenannten Transformationsländern in Mittel- und Osteuropa als sogenannte Normunternehmer auf (Croissant/Lauth/Merkel 2000: 30). Die Auslandsaktivitäten vieler deutscher Organisationen, vor allem von parteinahen Stiftungen, lassen diese als"Grenzgänger zwischen Gesellschafts- und Staatenwelt"(Bartsch 1998)erscheinen. Ihre Zugehörigkeit zur Zivilgesellschaft ist umstritten (Schwertmann 2006: 97), wohl aber betrachten sie sich selbst als Teil dieser (Nuscheler 1993: 224).
Die transnationale Tätigkeit von politischen Stiftungen analysierte erstmals Peter Bell (1971). Sie bemühen sich als Normunternehmer nicht nur um den Aufbau und die Entwicklung eines Parteiensystems in Russland, sondern ebenso um zivilgesellschaftliche Prozesse (vgl. Schneider-Deters 2005). McIntosh Sundstrom (2005) skizzierte in ihrem Beitrag für"International Organization" konkret die Bedingungen, die für amerikanische NGOs beim Export von internationalen Normen in der Russischen Föderation herrschen.Zuvor hatte bereits Sarah Henderson die westliche Hilfe für russische nichtstaatliche Organisationen untersucht und dabei ein äußerst kritisches Bild der Mittelvergabe und zugleich der Legitimität der russischen NGOs, deren Vertreter als"leaders without followers"(Henderson 2002: 160) charakterisiert werden, gezeichnet.
Die Arbeit deutscher Organisationen, deren Zielvorstellungen und Strategien innerhalb der Russischen Föderation insbesondere im Bildungssektor blieb dort aber unberücksichtigt. Schon lange verfügt die Alexander von Humboldt-Stiftung(AvH)mit ihren Stipendiaten über Kontakte nach Osteuropa (vgl. Jansen 2004). Organisationen wie der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD), die überwiegend vom Staat finanziert werden, können insofern als nichtstaatliche Akteure oder Quasi-NGOs gelten, da sie privatrechtlich organisiert und Regierungsbehörden ihnen gegenüber nicht weisungsberechtigt sind (vgl. Diamond 1997).
Viele international anerkannte Normen begannen ihre"Karriere” im regionalen, nationalstaatlichen Rahmen (Finnemore/Sikkink 1998: 893). Diese werden von verschiedenen Normunternehmern jenseits der nationalstaatlichen Grenzen diffundiert. Hier kann an institutionelle Ansätze angeknüpft werden, die weltweit einen strukturellen Isomorphismus für die Institutionen der Nationalstaaten festgestellt haben. Allerdings wird in der vorliegenden Arbeit nicht ein normativer Wandel in der russischen oder europäischen Hochschulpolitik erklärt, sondern das strategische Verhalten von externen Akteuren untersucht. Damit wird dazu beigetragen, die Diffusion von Normen in einem europäisierten Hochschulraum zu erklären. Für den Akteursbegriff wird hierfür auf organisationssoziologische Arbeiten insbesondere des World Polity Forschungsprogramms zurückgegriffen. Dabei sollen Ziele, Instrumente, Voraussetzungen und Maßnahmen als Vergleichsmerkmale analysiert werden. Theoretischer Ausgangspunkt für mein Forschungsprojekt sind die Arbeiten von Vertretern des Neo-Institutionalismus, allen voran die von John W. Meyer und des im Wesentlichen von ihm entwickelten World Polity Ansatzes, der kurz zusammengefasst davon ausgeht, dass Strukturen und Konzepte von einem global dominierenden Modell weltweit übernommen werden. Damit einhergehend kann eine Angleichung an die Entwicklung in den OECD-Staaten festgestellt werden. Dies wurde von Meyer als eine weltweite Tendenz beschrieben (Meyer/Boli/Thomas/Ramirez 1997;Schofer/Meyer 2005; Meyer 2005). Als Akteure im Prozess sich angleichender nationalstaatlich organisierter Gesellschaften wurden bisher vor allem internationale Organisationen wie die OECD oder die EU betrachtet. In beiden ist Russland nicht Mitglied, dafür jedoch im Europaratundin zahlreichen hochschulpolitischen Organisationen.
Die Entwicklung des russischen Bildungssektors ist bislang ein eher randständiges sozialwissenschaftliches Thema (Keith/Umland 2006, Teichmann 2001). Die anhaltende Implementierung des Bologna-Prozesses in der Russischen Föderation ist in ersten beschreibenden Veröffentlichungen dargestellt (Smolin 2005, Teichmann 2006,Gorzka/Lanzendorf 2006,Kastouéva-Jean 2007, Meister 2008, Gorbunowa 2008). Diskussionen über die Umsetzung des Bologna-Prozesses finden auch in den russischen Regionen statt (vgl. Erofeev 2006). Die Lern- und Lehrkultur an Hochschulen unterscheidet sich bis heute von der deutschen (vgl. Teichmann 2007). Die gewachsene Bedeutung der Internationalisierung für die russischen Hochschulen wird in der Dissertation von Stefan Meister (2008) deutlich. Sein Fokus liegt auf den Wandel der beiden von ihm untersuchten Hochschulen gerade in Bezug auf den Bologna-Prozess. Externe Akteure werden in der Studie erfasst und ihr Wirken angerissen. Eine Analyse ihrer Tätigkeit lag aber nicht im Erkenntnisinteresse der sehr aufschlussreichen Arbeit.
DieReform des Hochschulsystems stellt auch für einige osteuropäische Wissenschaftler eine Grundbedingung für die Stabilisierung der sich im Übergang befindenden Gesellschaften dar, wobei sie auf internationale Kooperationen und"effektive Bildungsprogramme"angewiesen wären, so der langjährige Rektor der ehemals in Minsk ansässigen Europäischen Geisteswissenschaftlichen Universität Anatoli Michailov (2005: 61). Der Sinn deutscher Fördermaßnahmen in der Russischen Föderation wurde von Karl Eimermacher und Ursula Justus bereits 2002 in einem Sammelband hinterfragt. Der Problemaufriss bietet in erster Linie Erfahrungsberichte aus der Dekade nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die Arbeit des DAAD, der wichtigsten deutschen Auslandsorganisation, die im Bildungsbereich tätig ist, kann an dessen jährlich erscheinenden Berichten der Außenstellen nachvollzogen werden (Prahl 2006; 2009; Berghorn 2010). In einem Schwerpunktheft des Berliner Journals für Soziologie stellte der Mitherausgeber Frank Ettrich (2005) fest, dass der westlicheEinfluss entscheidend für eine positive Entwicklung der russischen Sozialwissenschaften in den 1990er Jahren war. Die Konstituierung der russischen Soziologie analysierte Alexander Bikbov (2005) kritisch und kenntnisreich im selben Heft. Darüber hinaus wird die Situation der russischen Soziologie in der erstenAusgabe des Journals Laboratorium dargestellt (vgl. Sokolov 2009; Bikbov 2009).
Die vorliegende Arbeit analysiert, wie eine externe Unterstützung bei der Reform des Hochschulsystems und eine Anbindung an die Entwicklung im europäischen Hochschulraum erfolgen. Im Zentrum stehen zwei primäre Fragen, zum einen, warum und mit welchen Zielen sich deutsche Akteure im Bildungssektor der Russischen Föderation engagieren. Zum anderen soll untersucht werden ob sich die deutschen Organisationen an der Diffusion eines westlichen Modells von Hochschule beteiligen. Daran anschließend wird gefragt, wie dieser Transport von Modellen und Konzepten erfolgt. Damit geht eine Analyse des kommunikativen Rahmens einher, womit die Wege der Diffusion in einem"europäisierten"Raum von Wissenschaft und Hochschule begrifflich und theoretisch gefasst werden können. Einige der hier zu untersuchenden Akteure sind als im Ausland tätige Organisationen direkt oder indirekt Teil der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik (AKP), daher wird auch derEinfluss der AKP auf die Arbeit der Organisationen untersucht.
Um die Tätigkeit von deutschen Organisationen, die sich im russischen Hochschulsystem engagieren, zu analysieren, stehen vertiefende Einarbeitungen in die Themenkomplexe Organisation und Hochschule sowie die Diskussion eines transnationalen Hochschulraums am Anfang.Die Ausgangsbasis für die zu untersuchenden nichtstaatlichen Akteure ist der nationalstaatliche Rahmen und damit die Diskussionen über die Reformen im deutschenBildungssystem. Anhand des Bologna-Prozesses wird deutlich, dass die Debatte zugleich eng mit der internationalen Ebene verbunden ist. Es erfolgt daher eine kurze Erläuterung der Bedeutung des Bologna-Prozesses für den deutschen und europäischen Raum. Zugleich gilt derzwischenstaatlichen Zusammenarbeit in den deutsch-russischenBeziehungen besondere Aufmerksamkeit, da hier spezifischeVereinbarungen gelten.
Die Entwicklung in Deutschland wird anhand von Dokumenten und Veröffentlichungen zentraler Akteure, insbesondere der Bundesregierung im Hinblick auf die Internationalisierung der Hochschulen und die Außenkulturpolitik analysiert. Dabei werden statistische Daten zur Entwicklung des europäischen Hochschulraums im Hinblick auf die Entwicklung der Bundesrepublik als empirische Basis verwendet. Im direkten Fokus stehen die beiden Jahrzehnte nach der Gründung der Russischen Föderation und insbesondere der Zeitraum zwischen 1998 und 2012. Damit wird die erste Amtszeit von Präsident Putin erfasst. Außerdem fanden innerhalb dieser Zeit zwei Regierungswechsel in Deutschland statt. 1998 erfolgte außerdem die Sorbonne-Erklärung der Bildungsminister von Frankreich, Italien, Großbritannien und Deutschland sowie ein Jahr später in Bologna die Erklärung über die"Schaffung eines Europäischen Hochschulraumes", an dem sich die Russische Föderation seit 2003 beteiligt. Die Aktivitäten im Rahmen des deutsch-russischen Wissenschaftsjahres 2011/12 bildet den Schlusspunkt des Betrachtungszeitraumes.
Die Analyse der Entwicklung des russischen Hochschulsystems nach 1990 erfolgtanhand der Fachliteratur sowie anhand statistischer Daten des Föderalen Statistischen Dienstes der RF. Die innerrussische Entwicklung beeinflusst die Diskussion in den deutschen Organisationen, was hier auch anhand ihrer Entscheidungen dargestellt wird. Daher gehörten auch Vertreter/innen von ausgewählten russischen Hochschulen zu den Gesprächspartner/innen. Daneben konnten Anordnungen und Gesetze für die Untersuchung sowie Sekundärquellen genutzt werden. Diese und internationale Verträge sind Teil der Untersuchung insofern, als dass sie die Arbeit vor Ort und auch die strategische Diskussion mit beeinflussen.
Die hier untersuchten transnational arbeitenden deutschen Akteure sind Hochschulen und Organisationen, wie z. B. Stiftungen, und Wissenschaftsorganisationen, die mit russischen Hochschulen kooperieren. Als transnationale Akteure stellen sie eine wichtige Basis für die deutsch-russische Zusammenarbeit dar. Ausgangspunkt für die Analyse des Akeursverhaltens sind die Dokumente dieser zu den Themen ihrer Arbeit im Ausland und in Russland im Besonderen, zur Internationalisierung und dem Bologna-Prozess sowie zur Kooperation mit ihren Partnern. Die ausgewählten Hochschulen in Deutschland sind die Universität Bielefeld, die Justus-Liebig-Universität Gießen sowie die Freie Universität Berlin sowie die Universität Leipzig. Alle drei verfügen über mindestens eine russische Partnerhochschule.
Die Untersuchung fokussiert auf die Arbeit der Organisationen an drei ausgewählten Standorten in Russland, um damit eine räumliche Beschränkung zu erreichen, die notwendig ist, um den komplexen Handlungsrahmen bearbeiten zu können. Ein Kriterium für die Auswahl der russischen Standorte war, dass sie über mindestens eine Hochschule verfügen, an der mindestens drei deutsche Organisationen tätig sind oder zumindest zeitgleich in dem o.g. Zeitraum aktiv waren. Dieser Anforderung entsprechen Kasan mit der Staatlichen Universitäten Kasan (die KGU bzw. heutige KFU), St. Petersburg mit der Staatlichen Universität (SPbGU) sowie Moskau mit dem Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) und der Staatlichen Universität Moskau (MGU). Moskau ist nicht nur die Hauptstadt in einem auf das administrative Zentrum ausgerichteten Land, sondern es stellt auch im russischen Hochschulsystem mit der starken Konzentration an Hochschulen und Forschungseinrichtungen einSonderfall dar.
Unterschieden werden muss allerdings die Perspektive der deutschen Akteure vor Ort und die der entsendenden Organisationen in Deutschland. Untersucht werden fachbezogene Verbindungen in den Kooperationen mit einem Schwerpunkt auf die Sozialwissenschaften. Bei den Stiftungen bzw. den deutschen Mittlerorganisationen wird auf diesen Fokus verzichtet.
PrimäreGrundlage der eigenen empirischen Forschung sind Interviews, in denen die Vertreter/innen von deutschen Organisationen und ihren russischen Partnern zu ihren Strategien sowie Aktivitäten mittels qualitativer Interviews befragt wurden. Hierzu wurde ein Leitfaden erarbeitet. Insgesamt wurden 32 Interviews in Deutschland und Russland durchgeführt. Die Länge variierte zwischen 45 und bis zu 240 Minuten. Der Unterschied erklärt sich aus dem Charakter der Gesprächsführung. Dabei wurde versucht Elemente des Experteninterviews mit dem eines vonder"Grounded Theory"beeinflussten Fragekonzept zu koppeln (vgl. Strübing 2008; Clarke 2012). Die von mirim Feld erworbenen Kenntnissewerden hier miteingebracht, gleichzeitig sollte es vermieden werden, durch die Fragen die Antworten zu stark zu lenken; das Gelingen dieses Balanceaktes kann hier leider nicht diskutiert werden. Offene Fragen zu acht Komplexen bildeten die Grundlage der Gesprächsführung. Die Gesprächspartner (GP) konnten in aller Ausführlichkeit antworten. Nachfragen erfolgten, wenn bestimmte vorher formulierte Problemstellungen nicht angesprochen wurden. Die Interviews sind stark geprägt von den individuellen Ansichten und daher nicht zwingend aussagekräftig über den Erfolg eines Diffusionsprozesses oder gar eines Normtransfers. Es soll daher auch keine Evaluation des Erfolgs der Verbreitung von"westlichen"Praxen und Konzepten der russischen Partner erfolgen. Dies wird explizit als eine eigenständige zukünftige Arbeit angesehen.
Die Interviews wurden geführt mit Vertretern und Mitarbeitern des DAAD in Bonn und Moskau sowie mit Lektoren in Moskau, St. Petersburg und in Kasan; mit Mitarbeitern der Freien Universität (FU) Berlin und des FU-Vertreters in Moskau; der Universität Bielefeld und der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen sowie der Universität Leipzig; dem Büroleiter der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Moskau sowie des"Projektträgers 'Internationales Büro' beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V."in Bonn, dem zuständigen Mitarbeiter der HRK. Hinzukamen Mitarbeiter/innen der SPbGU (St. Petersburg) und der KGU/KFU (Kasan); der Robert Bosch Stiftung sowie des Osteuropazentrum (OEZ) der Universität Hohenheim als Koordinationsstelle des Boschlektorenprogramms plus zahlreiche ehemalige und gegenwärtige Boschlektoren an russischen Hochschulen.Eine komplette Anonymisierung ist aufgrund des Forschungsfeldes und der dabei notwendig zu beschreibenden Zusammenhänge nicht möglich. Alle Organisationen sind so mit Klarnamen zu finden. Alle Interviewpartner konnten selbst darüber entscheiden, ob sie mit Namen aufgeführt werden wollen oder nicht. Die Mehrzahl von ihnen entschied sich dafür, genannt zu werden. Trotzdem werden alle hier verdeckt mit einem entsprechenden Code bei der entsprechenden Passagen im Text angegeben.
Die Interviews wurden in zwei Stufen ausgewertet: der Transkription folgte eine unmittelbare Analyse anhand der Gespräche, die handschriftlich festgehalten wurde. Danach wurden die transpirierten Dokumente in eine Datei des Programms MAXQDA zusammengeführt und mittels dessen noch einmal ausgewertet und verglichen. In beiden Analysestufen wurden Codes und Kategorien entwickelt. Einige finden sich hier als Überschriften im Text wieder und zeigen so eine in den Gesprächen deutlich gewordene Relevanz an.Darüber hinaus floss die teilnehmende Beobachtung bei Seminaren und Konferenzen, die teilweise in der Form von Memos festgehalten wurde, in die Analyse mit ein.
Nach der Diskussion des Erkenntnisinteresses und des methodischen Vorgehens wird sich imfolgenden zweiten Kapitel eingehend mit der Rolle von Organisationen und Institutionen im akademischen System auseinandergesetzt. Außerdem wird das zu untersuchende Feld und mögliche Akteure charakterisiert. Dabei wird der neo-institutionalistische Ansatz der World-Polity näher vorgestellt, der als theoretische Ausgangsbasis für die vorliegende Untersuchung dient. Zugleich kann hiermit die Ausbreitung von global dominierenden Modellen in einer"Weltgesellschaft"thematisiert werden. Die Aktivitäten der Akteure vollziehen sich nicht auf der Bühne der internationalen Politik, aber ebenso wenig in einem nationalstaatlichen Rahmen. Sie können dagegen als transnational beschrieben werden, darum erfolgt im Kapitel 2 eine Erörterung der Begrifflichkeit des transnationalen Feldes inklusive der in einem Europäischen Hochschulraum relevanten Akteure. Die untersuchten Organisationen stammen alle aus dem deutschen Kontext, darum wird im dritten Kapitel die Entwicklung des Hochschulsystems und die Diskussion des westlichen Modells der Universität und der Internationalisierung skizziert. Daran anschließend steht die Entwicklung des Europäischen Hochschulraumes und damit derBologna-Prozess im Fokus.
Der Arbeitskontext der externen Akteure sind russische Hochschulen, deshalb wird die Entwicklung des russischen Hochschulsystems nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Kapitel 4 skizziert. Die Reformen der 1990er und der 2000er Jahre orientieren sich an der Entwicklung im europäischen und US-amerikanischen Hochschulsystem. Hier soll zugleich untersucht werden, inwieweit sich Prozesse eines strukturellen Isomorphismus im Wandel und eine Einbindung des russischen Hochschulsystems in die Weltgesellschaft beobachten lassen.
Die Rolle der deutschen Außenpolitik und die bilateralen Beziehungen zur Russischen Föderation ist Thema des Kapitels 5. Hierbei wird vor allem die Außenkulturpolitik seit 1999 erörtert.
Die Untersuchung der Programmatik, der Ziele und der materiellen Ressourcen der einzelnen deutschen Organisationen erfolgt im Kapitel 6. Anhand dessen ist eine Typisierung in verschiedene Akteurstypen möglich. Im Anschluss wird der unmittelbare lokale Arbeitskontext in Kasan, Moskau und St. Petersburg skizziert. Darüber hinaus werden die Wahrnehmungsmuster der dort tätigen Deutschen im Hinblick auf Russland untersucht, da diese als handlungsrelevant gelten.Dies kanndannanschließendanhand der Ziele, die die Akteure vor Ort verfolgen,analysiert werden. Der Fokus richtet sich dabei insbesondere auf ihre Eigenschaft als mögliche Transferagenten in Bezug auf fachliche, hochschulpolitische und gesellschaftspolitische Themen und Verfahren. Darüber hinaus werden Wege der Diffusion herausgearbeitet, aber auch Problemfelder in der Kooperation und mögliche Hinderungsgründe für eine Verbreitung"westlicher"Verfahren und Ideen benannt. In den Interviews wurde die Rolle individueller Akteure in den Kooperationszusammenhängen deutlich. Diese wird im Kapitel 7 diskutiert. Zum Abschluss werden die Strategien und Aktivitäten der deutschen Organisationen im Kapitel 8 verglichen und ihre Bedeutung im Kontext eines europäischen akademischen Feldes diskutiert.
Am Ende dieses einleitenden Kapitels seien noch einige Anmerkungen zur Schreibweise im Text angefügt. Bei russischen Familiennamen wurde die wissenschaftliche Translation verwandt. Bekannte Ortsnamen wurden dagegen in der im deutschen üblichen Schreibweise angegeben. Bei den hier verwendeten Abkürzungen bzw. Akronymen für russische Organisationen wurde sich an der russischen Schreibweise orientiert. Die vorliegende Arbeit greift auf eine Vielzahl von Quellen, Analysen, Arbeitspapieren und Statistiken bei der Untersuchung zurück. Diese werden, wenn sie der Allgemeinheit ausschließlich im Internet zur Verfügung stehen und dem Autor kein gedrucktes Exemplar dieser Studie vorliegt, als Internetquelle angegeben und zwar immer als Fußnote, um den Textfluss nicht zu stören.Andere Literaturverweise werden in der kurzen amerikanischen Zitierweise unmittelbar in der entsprechenden Passage im Fließtext angegeben. Ebenfalls im Sinne einer besseren Lesbarkeit habe ich auf eine durchgehende differenzierte Verwendung von weiblichen und männlichen Pluralformen und ihre z.T. eigentümlichen Schreibweisen verzichtet. Während im 19. Jahrhundert im deutschen und russischen Hochschulsystem Frauen praktisch ausgeschlossen wurden, sind sie mittlerweile ein integraler Teil dessen und überall dort im Text, wo die weibliche Form notwendig ist, kann sie im Fließtext auch gefunden werden. Dies gilt auch für die im Rahmen des Forschungsprojekts befragten Gesprächspartnerinnen. Ansonsten gilt hier, dass die Pluralform immer beide Geschlechter bezeichnet, so wie dies in der herkömmlichen deutschen, aber auch englischen oder russischen Schreibweise üblich ist.
Organisationen und Institutionen sind für die sozialwissenschaftliche Analyse eines gesellschaftlichen Wandels als Untersuchungsobjekt von besonderem Interesse, da sich mit ihnen Veränderungen lokalisieren lassen, auf die sie zugleich selbst starken Einfluss ausüben. Organisationen weisen ihrer Mitgliedschaft Rollen zu, die wiederum an Handlungserwartungen und Normen geknüpft sind.Abhängig von der Perspektive treten Organisationen nach außen als kooperativer Akteur auf und erscheinen für ihre Mitglieder zugleich als System in demsie als Individuen agieren (Müller-Jentsch 2003: 18). Universitäten handeln als Organisationen im Sinne einer"rechtlich rationalen Einheit"(Lockwood 2010: 122) und als"Institution, die kraft ihrer Kollegialität dauerhafte und innengeleitete Werte der wissenschaftlichen Erkenntnis und Dienstleistung"(ebd.) entwickelt undan ihre Mitglieder weitergibt.
Für die politikwissenschaftlich/soziologische Untersuchung der Entwicklung des Hochschulsektors sind neo-institutionalistische Ansätze und dabei vor allem der soziologische Institutionalismus m. E. das geeignetste und auch am stärksten genutzte Theoriemodell um Prozesse, die über den Nationalstaat hinausgehen, zu analysieren (vgl.Wissel 2007; Meier 2009; Münch 2007; Olsen 2009; Münch 2009). Dieser Ansatz und vor allem derWorldPolity bzw. Weltkultur-Ansatzwird im folgenden Kapitel näher dargestellt.
Der Institutionenbegriff bleibt bei wichtigen Vertretern des soziologischen Neo-Institutionalismus allumfassend und diffus. Er kann nur schwer von dem der Organisation unterschieden werden. Der Institutionenbegriff umfasst sowohl Prozeduren und Normen, aber auch Organisationen im herkömmlichen Sinne oder Bildungseinrichtungen wie die Universität.
Institutionen stellen Interpretationsmuster für Akteure bereit.Sie sind dabei keine starren Strukturen. Sie wandeln sich aus der Sicht der Neo-Institutionalisten, und damit ist es zugleich notwendig, diesen Wandel, der immer in einem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext stattfindet, zu erklären. Diese Veränderbarkeit ist ein zentraler Unterschied zu Ansätzen des alten Institutionalismus (Wissel 2007: 49).Neo-institutionalistisch argumentierende Autoren betonen die Rolle von Institutionen für das Verständnis des Handelns in Organisationen und Gesellschaften (March/Olsen 1998: 948). Institutionen sind Träger von politischen Merkmalen sowie von Geschichte und Ideen.Für politischeInstitutionen stellten James March und Johan Olsen (1989: 22) fest, dass diese aus"routines, procedures, conventions, roles, strategies, organizations, forms and technologies around which political activity is constructed” bestehen.Es handelt sich ihrer Meinung nach um"beliefs, paradigms, codes, cultures and knowledge that sourround, support, elaborate, and contradict those rules and routines"(ebd.) und damit um in den jeweiligen Gesellschaften konstruierte, überwiegend immaterielle kommunikative Akte.
Institutionen in der Gestalt von Organisationen sind der Rahmen, in dem die Internalisierung von Regeln und Normen und damit auch die Integration von Individuen in die Gesellschaft organisiert ist. Dabei wird ihnen Legitimität zugeschrieben, welche wiederum die Basis von Institutionen und Organisationen ist. Sie sind damit eine"Stütze für Sinnwelten", wie sich unter Rückgriff auf Berger/Luckmann (2000: 124) formulieren ließe. Gerade politische Institutionen gewährleisten eine gewisse Stabilität und nehmen zugleich Einfluss auf den Verlauf von Geschichte (March/Olsen 1989: 54 und ebd.: 159). Nach Richard Scott (1995: 34-40) ruhen Institutionen auf drei Säulen: normativ auf Werten und Normen; regulativ auf Regeln und kognitiv in dem sie Wahrnehmungsmuster prägen.
In diesen Prozessen entstehen Organisationen und entwickeln sich. Sie sind zugleich an der Weiterentwicklung von Normen und Organisationen beteiligt. Sie übernehmen dabei Praxen und Modelle von anderen Organisationen, insbesondere dann, wenn diese das jeweilige Organisationsfeld dominieren. Damit verschaffen sich die Organisationen Legitimität, in dem sie die Mythen dieser Programme und Techniken übernehmen, so John Meyer und Brian Rowan in ihrem 1977erschienen grundlegendenArtikel"Institutionalized Organization: Formal Structure as Myth and Ceremony". Meyer undRowan orientieren sich dabei an den Legitimitätsbegriff von Peter Berger und Thomas Luckmann. Legitimität ist demnach ein kognitiver Prozess und ist zugleich als eine soziale Praxis eine konstruierte Zuschreibung durch Andere (Berger/Luckmann 2000: 100).
John Meyer und Brian Rowan argumentieren, dass sich in modernen Gesellschaften Institutionen entwickelt haben, die als legitim, also als richtig und rational angesehen werden. Diese Strukturen und Modelle werden von ihnen als Mythen bezeichnet, denn solange sie allgemeine Anerkennung genießen, werden sie nicht in Frage gestellt; so gilt Bildung, insbesondere Hochschulbildung, per se als richtig und erstrebenswert. Der Besuch der Bildungseinrichtungen unterstützt zugleich die Verbreitung moderner und somit säkularer Erklärungs- und Legitimitätsmuster. Die Existenz moderner Institutionen gilt als selbstverständlich und ihre gesellschaftliche Rolle als funktional. Meyer und Rowan machen nun die Anpassung der Organisationen an diese Mythen dafür verantwortlich, dass sie sich erheblich untereinander angleichen. Dies ist umso bemerkenswerter, da Organisationen sich auch ungeachtet der eigenen Bedürfnisse an die starken institutionellen Strukturmythen anpassen können. Dies wird vor allem damit erklärt, dass die Übernahme gängiger Muster stabilisierend nach innen und außen wirkt (Meyer/Rowan 1997: 351). Gleichzeitig drängen dominante Organisationen auf die Anpassung an ihre Praxen durch die schwächeren Partner in der Umgebung.[5]Aus ihren organisationssoziologischen Untersuchungen schlossenMeyer und Rowan, dass sich Prozesse von strukturellen Angleichungsprozessen von Organisationen beobachten lassen. Sie greifen dabei in ihrer Umgebung dominante Modelle, Programme und Techniken auf. Diese Skripte sind für Meyer und Rowan (1977: 341) Mythen eines vermeintlich rationalen Handelns. Aufgrund dieser ähneln sich die Organisationen in ihren institutionellen Strukturen. Dies bezeichnen sie als Isomorphismus bzw. institutionellen Isomorphismus (ebd.: 349).
Der"institutionelle Isomorphismus"(ebd.: 349) ist für den Erfolg einer Organisation von entscheidender Bedeutung. Organisationen passen sich den in ihrem Umfeld erwarteten Verhaltens- und Strukturmustern an. Gleichzeitig entwickelt sich in diesem Prozessein eigenes Neusprech, welches sich in einer neuen organisationalen Sprache widerspiegelt. Die Anpassung an die neuen Organisationsmuster kann sogar ungeachtet aller Effizienz erfolgen. Organisationales Handeln ist zugleich von Zeremonie bestimmt, denn wenn es die Funktionsfähigkeit erfordert, wird an den bisherigen Praxen und Modellen festgehalten, nach außen hin aber eine neue Praxis zelebriert. Daher kann es passieren, dass die interne Praxis von den formal erforderlichen und sichtbaren Strukturen abweicht (ebd.: 341). Die Legitimität durch formal angeglichene Strukturen und Verfahren muss jedoch gewahrt bleiben. Die Regelverstöße gegenüber den neuen Normen und Erwartungen dürfen nicht offensichtlich sein und müssen daher Evaluationen und Inspektionen standhalten können (ebd.: 359). Die Anpassung und Konformität ist in den formellen Strukturen immer gegeben, doch im Alltag haben sich die Praxen davon entkoppelt. Prozesse des"decoupling"zeichnen moderne Organisationen. Die für isomorphe Prozesse notwendigen Mythen diffundieren durch Netzwerke (ebd.: 347), die sowohl in einem lokalen Kontext bestehen, als auch in Verbindungen mit Organisationen auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene auf der insbesondere die Organisationseliten wirken (ebd.: 353).
Das Konzept des institutionellen Isomorphismus kann auf einer lokalen Ebene von Praktiken in Firmen, aber auch auf der globalen Ebene angewandt werden (vgl. Schofer/Meyer 2005). Basierend auf weltweit erhobenen Datensätzen, haben eine Reihe von Autoren um den inStanford ansässigen Soziologen John W. Meyer die These von sich weltweit angleichenden Strukturen entwickelt(vgl. Meyer/Boli/Thomas/Ramirez; Meyer/Jepperson 2000; Meyer/Ramirez 2005; Ramirez 2006; Schofer/Meyer 2005; Drori/Meyer 2006).
Institutionen sind hier zugleich Akteur und Objekt des Wandels. Die sich dem World Polity Forschungsprogramm widmenden Arbeiten sind eine spezifische Form des Neo-Institutionalismus mit seinen diversen Ansätzen (Mense-Petermann 2006: 64). Der Schwerpunkt der World Polity Studien liegt auf der Untersuchung der globalen Ausbreitung von Modellen.Auch im World Polity Ansatz werden Institutionen vor allem als Regeln, Standards und Normen sowie daraus geformte Modelle verstanden, die den Handlungsrahmen für die Akteure darstellen (Meyer 2005b: 8).Die Rolle von Institutionen wird für das Verständnis des Handelns in Organisationen und Gesellschaften betont.Die Strukturen von Institutionen sind nicht starr, sondern verändern sich. Der Wandel spiegelt sich dabei in immer neuen, vermeintlich rationaleren Organisationsprinzipien wider. Mit dieser Konzeption kann der Wandel und institutionelle Transformationsprozesse im nationalen und internationalen Rahmen theoretisch in der Analysegefasst werden.EinigeOrganisationsmodelle sind in der Lage, sich über Ländergrenzen hinweg auszubreiten. Diese Modelle und Praxen werden in den Nationalstaaten im Rahmen einer"institutionalization of world models"(Meyer/Boli/Thomas/Ramirez 1997: 145)übernommen.Die Einbindung in den Weltmarkt und in die politischen Institutionen einer Weltgesellschaft führt zu einer höheren Konformität mit global dominierenden Normen und Regeln. Diese Strukturen nennen Meyer und seine Kollegen"world polity", ein Begriff der jedoch schwer ins Deutsche zu übersetzen ist. Aufgrund der Betonung der kulturellen Fundierung der World Polity wird er oft als Weltkultur übersetzt.
Ein Resultat der Rationalisierungsprozesse im Zuge der Moderne sei es, so John W. Meyer und andere Vertreter des World Polity Ansatzes, dass"die moderne Gegenwartsgesellschaft von universellen, hochgradig institutionalisierten Konzepten verantwortlicher Handlungsträgerschaft (actorhood) durchdrungen"(Meier 2009: 14) ist. Das Konzept des Akteurs wird von John W. Meyer als etwas historisch und kulturell Konstruiertes betrachtet (Meyer/Jepperson 2000: 101). Der Akteursbegriff erscheint gleichzeitig im World Polity Ansatz relativ unspezifisch, da in diesem sowohl Individuen und Organisationen als auch Staaten diesen Status innehaben können. Entscheidend ist hierbei, dass das"elaborate system of social agency"das Ergebnis einer langen (post-)religiösen Evolution ist (Meyer/Jepperson 2000: 101).Im Rahmen der Evolution hin zu einer modernen Gesellschaft und der damit einhergehenden Abkoppelung von der Religion als der dominierenden Deutungskraft in den Gesellschaften nimmt die Bedeutung von Bildung und Wissenschaft zu, die für Meyer aber selbst wichtige globale Mythen sind (Meyer/Ramirez 2005: 234). In den modernen Gesellschaften transportieren Bildung und Wissenschaft,als zentrale Imperative,die in der Gesellschaft geltende Rationalität. Erst dadurch wird die Herausbildung von Individuen und Organisationen zu Akteuren möglich. Der Nationalstaat hat mit der Entwicklung von modernen Staatsstrukturen eine maßgebliche Bedeutung erhalten und steht bei Meyer sicherlich im Zentrum der Untersuchung, wie auch in den Beiträgen zumBildungssystem deutlich wird.
In der Rezeption des Meyerschen Ansatzes lassen sich für die Moderne drei Akteurstypen herauskristallisieren: Nationalstaaten, Organisationen bzw. Gruppen sowie Individuen (vgl. Meyer et. al. 1997: 168; Meyer/Jepperson 2000: 100). Individuen agieren in der Perspektive des soziologischen Neo-Institutionalismus rational, allerdings eingebettet in Institutionen und deren kulturelle Rahmung.[6]Deren Rationalität ist jedoch nicht a priori vorhanden, sondern an den jeweiligen kulturellen Kontext gebunden. Institutionen sind für einen Aufbau an Normen und Werten sowie deren Wandel verantwortlich.
Eine Basis der weltweiten Ausbreitung von ähnlichen Handlungspraxen sind Organisationen, deren Zahl wiederum selbst im Zuge des Prozesses der modernen Rationalisierung beständig zunimmt. In der von Institutionen geprägten Weltgesellschaft tragen internationale Organisationen zur Diffusion von global dominierenden Modellen bei. Grenzübergreifende Anforderungen werden von Organisationen weitergegeben (Meyer/Rowan 1997: 346). Sie verstärken damitDiffusionsprozesse und die Angleichung von institutionellen Arrangements in den Nationalstaaten, wofür die weltweite Ausbreitung von Hochschulbildung im 20. Jahrhundert ein Beispiel ist (Schofer/Meyer 2005: 917).Weltweit ist dabei eine Expansion des Hochschulsektors zu beobachten, der ähnliche, ja beinahe identische Charakteristika, Strukturen und Verfahren aufweist. Bei der Entwicklung von isomorphen Systemen im Bildungssektor wird außerdem ein positiver Zusammenhang zwischen der Demokratisierung von Gesellschaften sowie Verwissenschaftlichung und Bildung beobachtet (Schofer/Meyer 2005: 906f). Die Teilhabemöglichkeit an der Hochschulbildung sowie deren Finanzierung ist in einigen Ländern der westlichen Welt ein zentrales Thema in den Wahlkämpfen.[7]Universitäten können aufgrund ihrer normativen Komponente als Institution begriffen werden. Sie sind jedoch immer auch Organisationen mit einer eigenen abgrenzbaren Mitgliedschaft.
Die methodische Grundlagefür die Argumentation der World Polity Arbeiten sind"nahezu ausschließlich"(Krücken 2006: 145) verfügbare quantitative Da
