Interniert in Schweizer Flüchtlingslagern - Felix Stössinger - E-Book

Interniert in Schweizer Flüchtlingslagern E-Book

Felix Stössinger

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Beschreibung

Frankreich, im Sommer 1942. Als die Deportationen beginnen, retten sich der jüdische Autor Felix Stössinger, seine Frau Charlotte und deren Sohn Hans in die Schweiz. Auf die geglückte Flucht folgt bald die Ernüchterung: Militärbürokratie und antisemitisches Personal prägen den Alltag in den Flüchtlingslagern. Stössinger wirft einen kritischen Blick auf die Schweizer Flüchtlingspolitik und gibt Einblick in die zeitgenössischen Befindlichkeiten. Seine Aufzeichnungen sind ein einzigartiges Zeitdokument, dessen Unmittelbarkeit beeindruckt.

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Seitenzahl: 687

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Interniert

In Schweizer Flüchtlingslagern

Tagebuch des jüdischen Autors

Felix Stössinger 1942/43

Simon Erlanger,

Peter-Jakob Kelting (Hg.)

Christoph Merian Verlag

Vorwort

«… Wir meldeten uns beim Kommandanten. Er zog die Brille über die Stirn, wiegte sich etwas in den Hüften von hinten nach vorne, lächelte und sagte:

– Ich habe eine Arbeit für Sie, die Ihnen gefallen wird. Sie werden das Lager-Tagebuch führen.

– Ein Kassenjournal, fragte ich.

– Nein, ein literarisches Tagebuch. Sie schreiben es für sich selbst. Was Sie sehen, denken, beobachten, erleben. Ich gebe Ihnen mein Wort: Was ich aus dem Tagebuch über das Lager erfahre, ist so, als ob ich es nicht erfahren hätte. Aber ich möchte, dass Sie schreiben, was Sie erleben.

– Auch Beschwerden und Bemängelungen?

– Alles. …»

So beschreibt der österreichisch-jüdische Journalist und Publizist Felix Stössinger, wie er dazu kam, seine Erlebnisse in Schweizer Lagern schriftlich festzuhalten. Ein literarisches Journal sollte er schreiben, gewissermassen in offiziellem Auftrag. Nicht nur Geschehnisse sollte er dabei dokumentieren, sondern ein literarisches Tagebuch verfassen. Die Ereignisse sollten eingeordnet und analysiert werden. Zeiten und Umstände sollten dadurch verstanden, verstehbar gemacht werden. Dies konnte in Zeiten der Militärzensur und des strikten Flüchtlingsregimes durchaus gefährlich sein:

«Sofort begriff ich aber, dass ich mein Lagerjournal in doppelter Buchführung anlegen musste: Eine für mich, die andere ad usum delphini. Ich wollte nicht jedermann zeigen, was ich sah und dachte. Ich hatte zum Kommandanten Vertrauen, aber ich wusste nicht, wer die 2 Exemplare lesen würde, die ich ausser seinem Privatexemplar zu schreiben hätte. Und schliesslich lässt sich die Kunstform des Tagebuchs nicht aus den Tagen schütteln. Ihre Ergebnisse bedürfen der Anordnung, weil sie sonst sinnlos wie das Tagesleben wirken.»

Das Tagebuch ist so nicht blosse Chronik der Ereignisse und einfaches Zeitdokument, sondern ein literarisches Produkt, ein bewusst gesetzter und gewichteter Kommentar zur schweizerischen Flüchtlingspolitik, zum Lagersystem und zur Behandlung der Flüchtlinge durch die Schweiz.

Felix Stössinger gehörte zusammen mit Frau Charlotte und Stiefsohn Hans zu den 22500 jüdischen Flüchtlingen und Emigranten, denen es bis 1945 gelang, in der Schweiz Aufnahme zu finden – trotz einer schon seit den zwanziger Jahren gegen Juden gerichteten Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik, welche während des Krieges noch verschärft wurde. Tausende jüdischer Flüchtlinge wurden an der Grenze abgewiesen und zurückgeschickt, in den sicheren Tod.

Die meisten derjenigen, die Aufnahme fanden, wurden für kürzere oder längere Zeit in Auffang- und Arbeitslagern sowie in den sogenannten Flüchtlingsheimen interniert. Nur wenige hielten ihre Erlebnisse im schweizerischen Lagersystem in Tagebüchern fest. Einige mehr fassten sie, zum Teil Jahrzehnte später, in ihren Erinnerungen zusammen. Nur sehr wenige dieser Aufzeichnungen erreichen aber die literarische Qualität und die Unmittelbarkeit des Tagebuchs von Felix Stössinger. Die Sprachgewalt, die Genauigkeit der Beobachtung, die politische Analyse, die kulturelle Tiefe, die Feinheit der Ironie – das alles sucht seinesgleichen in der Erinnerungsliteratur. Immer wieder werden die präzisen und eindrücklichen Schilderungen des Lageralltags unterbrochen durch kurze Essays, in denen die Belesenheit und die Bildung des Autors zum Ausdruck kommt, der in Wien, Berlin und Prag als Kulturjournalist und politischer Publizist gewirkt hatte.

Nach der Befreiung aus dem Lager und später noch nach Kriegsende redigierte Stössinger das Tagebuch und fügte Kapitel und Essays hinzu, die unter anderem seine Flucht aus Prag und Wien beleuchten. Schon der Titel des Manuskripts ‹Zwischen Tell und Gessler› deutet die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg: schwankend zwischen den Idealen von Schillers Tell, mit einer Schweiz als Hort der Freiheit, und einer antijüdischen Flüchtlingspolitik, die eher zur Staatsraison eines Landvogts Gessler passte. Lange Jahre blieb das nur als Typoskript in wenigen Exemplaren vorhandene Tagebuch unveröffentlicht. Fast ein halbes Jahrhundert nach der Redaktion durch Felix Stössinger übergab dessen Stiefsohn Hans Freisager eine Kopie des Tagebuchs dem Journalisten und Historiker Stefan Keller. Der hatte mit der Reportage ‹Grüningers Fall› 1993 die Geschichte des St. Galler Polizeihauptmanns und Fluchthelfers Grüninger aufgearbeitet und so dessen Rehabilitierung durchgesetzt – was damals auch ein Anstoss zu einer vertieften Beschäftigung mit der schweizerischen Flüchtlingspolitik war. Keller machte Ende der neunziger Jahre Simon Erlanger, Mitherausgeber der vorliegenden Edition, auf das Tagebuch aufmerksam, worauf es Erlanger als eine Quelle für seine 2006 erschienene Dissertation zum System der schweizerischen Arbeitslager und Heime verwendete. Durch diese Arbeit wurde Mitherausgeber Peter-Jakob Kelting auf das Manuskript aufmerksam, der es wiederum Beat von Wartburg von der Christoph Merian Stiftung vorlegte. Von Wartburgs Begeisterung für das Tagebuch ist es zu verdanken, dass es nun im Christoph Merian Verlag veröffentlicht und damit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wird.

Die vorliegende Ausgabe umfasst den ganzen ungekürzten Text des Tagebuchs1, nebst zusätzlichen Artikeln und Essays, welche die Flucht Stössingers aus Wien und Prag schildern und die Stellung der Flüchtlinge in der Schweiz thematisieren. Wo es die Herausgeber als nötig erachteten, wurde der Text durch kurze Kommentare ergänzt. Diese sollen das Verständnis erleichtern. Um Leserinnen und Leser an die Person von Felix Stössinger und seine Zeit heranzuführen, enthält die vorliegende Edition eine biografische Notiz und eine kurze historische Einordnung sowie ein längeres Interview mit Stössingers Stiefsohn Hans Michael Freisager.

An dieser Stelle sei Beat von Wartburg von der Christoph Merian Stiftung für seine Initiative ebenso herzlich gedankt wie Claus Donau, Kevin Heiniger und Oliver Bolanz vom Christoph Merian Verlag für die ausgezeichnete Betreuung. Dank gilt auch Jörg Bertsch für die gute und äusserst produktive Zusammenarbeit beim Lektorat sowie nicht zuletzt der Christoph Merian Stiftung und der Stiftung Irene Bollag-Herzheimer, ohne deren finanzielle Unterstützung die vorliegende Publikation nicht möglich gewesen wäre.

Simon Erlanger und Peter-Jakob Kelting, Basel, im Juni 2011

1 Das Originaltagebuch besteht aus zwei broschierten Bänden, die drei Teile enthalten. In dieser Publikation veröffentlicht werden der gesamte erste und zweite Teil, ausserdem drei Aufsätze aus dem dritten Teil. (Anm. d. Hg.)

Zwischen Tell

und Gessler

von Felix Stössinger

Was sie bedürfen, nicht was sie verlangen.

IBSEN

I. Teil

Flucht aus

Frankreich

Naître, vivre et mourir dans la même maison.

Sainte-Beuve

1. Meine Rettung in die Schweiz–mit meiner Frau und ihrem erwachsenen Jungen – verdanke ich einem Zufall.

Wir lebten in Nice, versteckt in der eleganten Wohnung einer französischen Familie, die sich im Sommer der Deportationen 1942 in den Alpes Maritimes vom heissen Meeresklima erholte. Die Concierge hatte die Schlüssel und überliess uns für einige Tage die Wohnung für 2500 Francs. Unser treuer Hima1 besorgte die Verbindung mit der Aussenwelt. Jeden Mittag brachte uns seine Frau Essen für 24 Stunden und Nachrichten über die Deportationen. Kaum war sie fort, warteten wir auf sie. Mit Unruhe im Magen und vergessenen Fragen in den Augen sassen wir um den Küchentisch. Wenn sie kam, gab die Concierge am Haustelephon ein Klingelzeichen, stundenlang hatten wir auf dieses hölzerne Klingeln gewartet. Manchmal klirrte es, wenn die Concierge die Klappe versehentlich streifte. Unsere Anwesenheit beirrte sie, daher passierte es öfters.

Nie wussten wir, was das Klingeln bedeutete: eine falsche Verbindung, das Kommen von Hima oder die Polizei. In dem Fall wollte ich um die Balustrade der Terrasse klettern, die einen Häuserblock säumte. Die Nachbarwohnungen waren auf dem Balkon nur durch Milchglaswände getrennt. Man konnte längs der Balustrade in ein anderes Haus kriechen und es vielleicht verlassen. Man konnte auch 6 Treppen tief auf die besonnte Strasse stürzen. Ich war aber entschlossen, mich nicht deportieren zu lassen.

Zunächst erschien aber bei jedem Klingeln Hima oder seine Frau. Simon war elsässischer Jude, Louise eine Strasbourgerin. Louise fuhr mit dem Lift bis zum 5. Stock, dann glitt sie geräuschlos die Spiraltreppe bis zum 6. hinauf, um von keiner Partei gesehn zu werden. Wusste man doch nie, ob es Freunde oder Verräter waren. Das Ohr an die Tür gepresst, warteten wir, bis Louise und die Concierge die letzte Stufe erreicht hatten, zogen die Tür weit nach innen auf, damit die Frauen eintreten konnten, ohne mit den Körben und Paketen die Tür zu streifen, dann erhielten wir Post und Essen. Wir erfuhren, ob die Strassen kontrolliert, Passanten verhaftet und französische Wohnungen noch respektiert wurden. Schliesslich unsere Hauptfrage: Ist Carmen zurück? Wir erwarteten von ihr und ihren vielen guten Beziehungen alles. Mit der Deutung der Nachrichten beschäftigten wir uns bis zum nächsten Mittag. Wie viele Möglichkeiten lagen hinter ihnen. Aus jedem Wort destillierten wir Ereignisse, die Hima vielleicht vor uns geheim hielt oder nicht richtig gedeutet hatte. So treu und lieb er auch war–sollten wir ihm rückhaltlos glauben? Manchmal begingen wir die Sünde, an ihm zu zweifeln. Er hatte Freunde, die ihn einschüchterten. Waren wir ihm nicht schon lästig geworden?

Dazu kam, dass wir einige Tage hungerten. Die Vorräte, die wir Hima mitgebracht hatten, waren aufgegessen, aber Louise hatte eine schwere Hand zu ihren vollen Speisekammern. Ich sage das nicht, um die liebe Madame Hima herabzusetzen–aber welchen Wert könnte meine Erzählung haben ausser dem der sincérité, zu der mir der französische Roman Mut gemacht hat. So hatten wir in Hima [und Louise] Freunde entdeckt, die aus gaullistischem Enthusiasmus für uns ihr Leben gefährdeten, die aber zögerten, unser Leben durch Öffnung ihrer Vorratskisten in gutem Zustand zu erhalten. Der Enthusiasmus: Das war die Hingabe an eine Idee, die Liebe zu Frankreich, die résistance gegen die Deportationen. Die Hungerpsychose: Das war die Angst um das eigene, kleine Ich. Um allem gerecht zu werden, organisierte Simon unsere Versorgung bei unseren Gemüselieferanten draussen in St-Augustin, bei denen wir ihn früher eingeführt hatten. Die tropische Hitze hielt den lieben Menschen vor keiner Beschwerlichkeit zurück. Täglich nahm er das Risiko auf sich, in unserer Wohnung unsere Post abzuholen. Die Fleischerin auf dem Marché de la Buffa gab aus Sympathie mit den Versteckten für ein 250 Gramm-Ticket 1 Kilo Fleisch. Die brave Elise setzte die schwarzen Kartoffelpreise für verfolgte Juden um 2 Fr. per Kilo herab. Und an einem Tag brachte Louise sogar Obst. Es waren Pfirsiche, Tennisbälle aus gelbrotem Velours. Wir dachten beim Essen an unsere heiteren Expeditionen ins herrliche Tal des Var. Das Obst war überreif, hatte die Tüte nass gemacht, und damit sie nicht auseinanderging, hatte sie Hima in eine dicke Zeitung eingeschlagen; es war eine Beilage der Neuen Zürcher Zeitung.

In Todesängsten sassen wir in der komfortablen Küche. Sie war mit allem Luxus raffinierter Küchengeräte ausgestattet, wie sie nur ein Volk von Feinschmeckern konstruieren kann.

Nie haben wir so eine Wohnung gehabt, klagte Charlotte. Jetzt gehn meine Wünsche in Erfüllung, wo …

Sie wollte sagen, wo wir sterben müssen. Das Tröpfeln der Wasserleitung, der Knall des Gases beim Entzünden, das Knarren einer Schranktüre erschreckten uns zu Tode. Da wir solche Geräusche nicht wie im Konzertsaal niederzischen konnten, ohne sie zu vergrössern, versuchten wir den Schuldigen mit Blicken zu ersticken. Hinter der Glaswand auf der Terrasse der Nebenwohnung sassen Franzosen mit Kindern und Gästen heiter beim déjeuner. Wir sahen auf dem Milchglas das Schattenspiel ihrer guten Laune und hörten ihren Gesprächen zu.

Es war wie eine Ballettmusik von Verdi, bevor einer erstochen wird. Wir hielten den Atem an, die Seele in Tränen, unsere Lage war aussichtslos.

In zwei Tagen sollten wir die Wohnung räumen. Die Concierge fürchtete nicht die Rückkehr der Mieter, sondern der Partei unter uns. «Nous sommes en brouille», fügte sie hinzu. Sie glaubte, sie könnten sie beim gérant denunzieren. Als sie uns aber ihren Namen nannte, fühlten wir uns wieder gerettet. Die Frau war eine Kundin von Charlottens Hutsalon, eine Jüdin, also kein Feind, eine Ungarin, also noch kein Opfer. Die Concierge gab aber nicht nach und daher zu neuem Misstrauen Anlass. Erst hatte sie 200 Francs refüsiert, um dann plötzlich 2500 zu verlangen, angeblich um ihre Tochter in der Bretagne besuchen zu können, da ihr Mann seine Stieftochter hasste. Man konnte nie wissen, ob sie uns gleich oder später verraten würde. Der Preis war eine Sicherung, denn niemand zahlte ihr für uns so viel wie wir selber. Um sie an unserem Leben zu interessieren, zahlten wir ratenweise, die Höhe der Schlussrate sollte ihre Treue verbürgen.

Unsere grösste Sorge war unser nächstes Versteck. Himas Adressen waren erschöpft. Je vernünftiger wir unsere Lage durchdachten, umso hoffnungsloser wurde sie. Gerade in solchen Augenblicken ziehe ich mich instinktiv vor einem unlösbaren Problem zurück, ich erwarte mehr vom Wachstum der Dinge als von eigenen Bemühungen. Ich las viel, um mich nicht sinnlosen Plänen zu überlassen. Charlotte und Hansi spielten Karten oder Schach oder lasen etwas, aber jeden Moment besuchten wir uns auf den Fussspitzen in einem der drei Zimmer, um uns neue Einfälle oder Besorgnisse mitzuteilen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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