Iran – die Freiheit ist weiblich - Golineh Atai - E-Book

Iran – die Freiheit ist weiblich E-Book

Golineh Atai

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Beschreibung

Irans Frauen werden seit Jahrzehnten vom Mullah-Regime unterdrückt – Golineh Atai über einen Kampf für die Freiheit, der bis zu den jüngsten Protesten im Iran reicht. Golineh Atai war fünf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern den Iran verließ – aber das Land und seine Entwicklung haben sie immer beschäftigt; der Iran ist ihr Herzensthema. Wie der Gottesstaat der Mullahs seit mehr als vierzig Jahren das Land im Griff hält und jede demokratische Regung erstickt, zeigt sie in ihrem Buch, das den Iran auf ganz besondere Weise porträtiert: aus dem Blickwinkel von neun Frauen. Dabei erzählt Atai, wie aus der Tochter eines Geistlichen, die um ihr Recht auf Schulbildung kämpfen musste, eine international bekannte Aktivistin wurde. Oder wie eine junge, regierungsnahe Angestellte mitten in Teheran ihr Kopftuch auszog – eine revolutionäre Tat, die unzählige Iranerinnen inspirierte, bis zu den jüngsten Protesten nach dem Tod von Mahsa Amini, die von der Polizei wegen «unislamischer Kleidung» verhaftet wurde. Andere berichten von Gefängnis und Flucht, vom täglichen Kampf für ein Stück Würde und darum, ihre Stimme öffentlich zu erheben oder auch nur das Haar im Wind wehen zu lassen. Sie empfinden Wut, Trauer, fühlen sich von der Welt verlassen. Sie wissen: Nur die Freiheit der Frau kann die Freiheit der Gesellschaft hervorbringen. Golineh Atai, vielfach ausgezeichnete Journalistin und Bestsellerautorin, zeichnet ein hochspannendes Bild der iranischen Gesellschaft seit der Islamischen Revolution – mit Erkenntnissen und Einblicken, wie sie kein Außenstehender bieten könnte.

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Golineh Atai

Iran – die Freiheit ist weiblich

 

 

 

Über dieses Buch

Golineh Atai war fünf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern den Iran verließ – aber das Land und seine Entwicklung haben sie immer beschäftigt; der Iran ist ihr Herzensthema. Wie der Gottesstaat der Mullahs seit mehr als vierzig Jahren das Land im Griff hält und jede demokratische Regung erstickt, zeigt sie in ihrem Buch, das den Iran auf ganz besondere Weise porträtiert: aus dem Blickwinkel von neun Frauen. Dabei erzählt Atai, wie aus der Tochter eines Geistlichen, die um ihr Recht auf Schulbildung kämpfen musste, eine international bekannte Aktivistin wurde. Oder wie eine junge, regierungsnahe Angestellte mitten in Teheran ihr Kopftuch auszog – eine revolutionäre Tat, die unzählige Iranerinnen inspirierte. Andere berichten von Gefängnis und Flucht, vom täglichen Kampf für ein Stück Würde und darum, ihre Stimme öffentlich zu erheben oder auch nur das Haar im Wind wehen zu lassen. Sie empfinden Wut, Trauer, fühlen sich von der Welt verlassen. Sie wissen: Nur die Freiheit der Frau kann die Freiheit der Gesellschaft hervorbringen.

Golineh Atai, vielfach ausgezeichnete Journalistin und Bestsellerautorin, zeichnet ein hochspannendes Bild der iranischen Gesellschaft seit der Islamischen Revolution – mit Erkenntnissen und Einblicken, wie sie kein Außenstehender bieten könnte.

Vita

Golineh Atai, geboren 1974 in Teheran, war von 2006 bis 2008 für die ARD als Korrespondentin in Kairo und von 2013 bis 2018 Korrespondentin in Moskau, derzeit arbeitet sie für den WDR in Köln. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. als «Journalistin des Jahres 2014», mit dem Peter-Scholl-Latour-Preis sowie dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Ihr Buch «Die Wahrheit ist der Feind. Warum Russland so anders ist» (2019) war ein Bestseller.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt·Berlin Verlag GmbH, Berlin

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Rahele Mahouti

ISBN 978-3-644-00973-8

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Den Unzähligen, deren Stimmen nie gehört und deren Geschichten nie erzählt wurden

Prolog:Hört uns, seht uns!

Teheran am 6. Juli 1980. Fast anderthalb Jahre waren seit der Ankunft des Revolutionsführers vergangen. «Zieht euch schwarz an. Denn ihr geht zu einer Beerdigung. Ihr trauert um eure letzten Grundrechte, eure letzte Freiheit», hatten sie ihr gesagt. Wie leicht es war, nach einer Revolution die Hälfte der iranischen Bevölkerung, die Frauen, einfach zu vergessen. Meine Mutter kleidete sich von Kopf bis Fuß in Schwarz, setzte eine große Sonnenbrille auf, brachte mich zu meiner Großmutter, mit der sie nur wenige Worte wechselte. Mutter und Tochter standen auf entgegengesetzten Seiten der Revolution, sie hatten sich nicht viel zu sagen. Aber wer hatte das schon in dieser Zeit, alle misstrauten einander. Weder hatte meine Mutter ihre alten Kolleginnen aus dem Erdölministerium angerufen und überredet mitzukommen. Noch hatte sie mit ihren Cousinen darüber gesprochen – warum auch, wenn die eine im Jahr zuvor beschlossen hatte, ein Kopftuch zu tragen. Was für einen Sinn hatte es überhaupt, sie auch nur darauf anzusprechen? Die eine hatte ihre Identität gerade gefunden. Die andere fühlte, wie ihre Identität verlorenging.

Es war, als ob die Erde sich an tausend Stellen auftat und immer neue Risse, neue Gräben die Menschen voneinander entfernten. Mutter fühlte sich entsetzlich allein. Früher als alle hatte sie gespürt, wie eine Dunkelheit aufzog, während andere unbeirrt nur Licht sahen. Sie brach jeden Tag aufs Neue zusammen, als sie merkte, wie ihre Liebsten sich veränderten, als sie merkte, wie ihr der Boden unter den Füßen entglitt, als sie merkte, wie sie ihr Land und ihr altes Leben verlieren würde.

Was sie vorhatte, war gefährlich. Aber die Vorstellung, dass ihre fünfjährige Tochter bald mit Kopftuch und Mantel zur Schule gehen musste oder als Kind verheiratet werden konnte, quälte sie noch mehr als die Angst. Nur wenige Tage nachdem Ajatollah Ruhollah Chomeini aus einer Air-France-Maschine entstiegen war, seinen Fuß auf iranischen Boden gesetzt und die Regierung des letzten Monarchen gestürzt hatte, erhob er das Schwert seiner Revolution als Erstes gegen die Frauen. Fast alle Gesetze, die fünf Jahrzehnte sozialer Gewinne für die Frauen bedeutet hatten, sollten seiner Idee des Islam zum Opfer fallen. Fassungslos verfolgte meine Mutter die Hinrichtung der ehemaligen Bildungsministerin Farrochru Parsa, die erste Ministerin des Landes, die in den Jahren zuvor im Iran so viele Vereinigungen und Netzwerke für Frauen aufgebaut hatte. Mitten in der Nacht hatten Revolutionäre der Siebenundfünfzigjährigen einen schmutzigen Sack über den Kopf gezogen, ihre Füße zusammengebunden, einen Strick um den Hals gelegt. Als der Strick riss und sie zu Bewusstsein kam, nahmen sie ein kräftiges Drahtseil, ließen sie an einem Baum erhängen und schossen noch drei Kugeln auf den leblosen Körper.

Meine Mutter wollte mit anderen Frauen vor dem Amtssitz des Präsidenten demonstrieren. Tage zuvor hatte der Revolutionsführer ein Dekret erlassen, das Frauen dazu verpflichtete, eine Verschleierung zu tragen. Vielleicht ließ der Präsident mit sich reden, vielleicht sah er die Sache etwas anders und würde vermitteln? Vielleicht aber wollten sich die Frauen nur nicht eingestehen, dass ihre Hoffnung vergeblich war, nachdem der Präsident erst kürzlich die Unverschleierten kritisiert hatte: Frauenhaare seien etwas, das den Frauen Macht über die Männer verleihe. Wenn in der zukünftigen idealen islamischen Gesellschaft alle gleich sein sollen, dann müsse jeder Faktor eliminiert werden, der eine Überlegenheit über einen anderen ermögliche, hatte er gesagt.

Ungeachtet aller Hoffnungslosigkeit startete meine Mutter ihren weißen Paykan – das erste im Iran hergestellte Auto, in den 1970ern Symbol für den Einzug der Moderne. Neben ihr saß Frau Soleimani, die Tochter der Nachbarin, hinten nahm Badri Chanum Platz, eine Mutter im Tschador, daneben ihr Sohn Mohsen, ein Verwandter meines Vaters, der auf die Frauen während der Demonstration aufpassen sollte und zugleich Mitglied einer urbanen marxistisch-leninistischen Guerillabewegung war. Badri Chanum war auf der Suche nach einer Braut für Mohsen und wollte sich deswegen Mamas Nachbarstochter näher anschauen; vielleicht, spekulierte sie, war der Junge an ihr interessiert. Sie selbst trug zwar einen Tschador, aber sie war gekommen, weil sie nicht wollte, dass ihren Töchtern irgendeine Art von Verschleierung aufgezwungen wird. Nein, diese Zeiten sollten endgültig vorbei sein, sagte sie. Es gab nicht wenige Mütter im Tschador, die genau so dachten wie Badri Chanum. Auf der ersten Demonstration für die Bewahrung der Frauenrechte, im März 1979, hatte eine Frau im Tschador sich entrüstet, wenn Herr Chomeini so weitermache, werde sie, die sie eine Muslimin sei, aus dem Islam austreten.

Meine Mutter parkte in der Nähe des Regierungsviertels. Waren es zweitausend, dreitausend oder mehr Frauen? Es waren jedenfalls viel weniger gekommen als noch im Frühjahr 1979, kurz nach der Revolution. Monarchistinnen, Linke oder einfach nur Iranerinnen, die vom Verlauf der Revolution desillusioniert waren. «Viele waren zu diesem Zeitpunkt schon geflohen. Und sehr viele hatten panische Angst vor den Angriffen der Fanatiker. Das Risiko, an einem solchen Protest teilzunehmen, war zu groß geworden. Es sollte unser letztes, unser allerletztes Aufbäumen sein», erinnert sich meine Mutter.

«Ich weiß noch, wie die Männer von der Marxisten-Guerilla mit uns liefen, wie sie versuchten, uns zu beruhigen und etwas abzuschirmen von den Tausenden Gegendemonstranten, die die Islamisten aufgefahren hatten.» Vor dem Präsidentensitz schwenkten die Frauen schwarze Kopftücher. «Wir haben keine Revolution gemacht, nur um Rückschritte hinnehmen zu müssen!», riefen sie. Millionen Frauen aller Schichten hatten sich im Namen der Befreiung an der Revolution beteiligt, aber niemals hatten sie damit gerechnet, dass ihre Männer nun plötzlich mehrere Frauen heiraten, sich bedingungslos scheiden lassen und der Ehefrau wie eines Möbelstücks entledigen konnten. Niemals hatten sie geahnt, dass die Geschlechter in der Gesellschaft fortan rigoros getrennt würden. Dass die Frau nur noch Gebärende, nur noch in der «Flagge der Revolution» gekleidet sein sollte, wie der Revolutionsführer sagte: im schwarzen Tschador. «Tod den ausländischen Püppchen», skandierte die Gegenseite: die extrem rechten Männer der neuen Republik, die sich Hesbollahis nannten, Anhänger der «Partei Gottes». «Die Regierung soll diese Prostituierten endlich hinauswerfen. Wenn nicht, nehmen wir die Dinge selbst in die Hand.»

«Die Freiheit der Frau ist die Freiheit der Gesellschaft», hatten die Demonstrantinnen ein Jahr zuvor gerufen. «Unsere Freiheit ist universell, weder westlich noch östlich», hatten sie im Chor geschrien. Jetzt, mehr als ein Jahr später, rechneten die Demonstrantinnen damit, dass ein Hesbollahi jede Sekunde ein Messer ziehen und zustechen würde, wenn die Frauen sie so laut wie damals herausfordern würden. Nun hatte sich die Schlinge eng um ihren Hals gelegt. «Heute sagen sie uns, wir sollen uns verschleiern, morgen dürfen wir nicht mehr arbeiten und übermorgen nicht mehr aus dem Haus», klagte eine. Meine Mutter musste an ihre Mutter denken, die mühsam ihr Abitur in der Abendschule nachgeholt, eine Stelle als Stenotypistin in der Abteilung für kulturelle und internationale Angelegenheiten des Bildungsministeriums ergattert und damit jahrelang die Nachhilfelehrer der drei Kinder bezahlt hatte, damit sie gute Universitäten besuchen konnten – der Traum von einem Studium war ihr selbst verwehrt geblieben. Ein halbes Jahr vor der Revolution wurde meine Großmutter zur Assistentin der Referatsleitung befördert. Doch die neuen Männer an der Macht setzten ihrer Karriere ein jähes Ende: Sie vertrieben sämtliche Frauen aus den Ministerien. Wer wäre Großmutter wohl geworden, wäre die Revolution nicht gewesen?

Die Männer der «Partei Gottes» und ihre Einpeitscherin, eine Frau im schwarzen Tschador, verfluchten die Demonstrantinnen, trieben sie auseinander, die Menge löste sich auf, eine Hetzjagd begann. Ein paar Frauen wurden festgenommen und später angeklagt, andere verschanzten sich in den Toiletten des nahegelegenen Sprachinstituts, bis die Bärtigen sie dort fanden und bedrängten. Meine Mutter rannte durch die Straßen, Badri Chanum mit ihrem Tschador und Frau Soleimani, die junge Nachbarstochter, hechelten ihr hinterher. Ein khakigrüner BMW bremste scharf vor ihnen, der Fahrer öffnete die Tür, sie sollten schnell einsteigen. «Ich muss doch zu meinem Auto zurück», sagte meine Mutter. «Vergessen Sie das Auto, es ist verdammt gefährlich hier. Wo sollen wir Sie hinbringen?» Sie ließ sich bei der Familie meines Vaters absetzen, die mit den Augen rollten, als sie sie in ihrem schwarzen Aufzug sahen. Den Protest meiner Mutter und ihre Eigenarten hatten sie noch nie nachvollziehen können – hatten die reichen Kaufmänner der Großfamilie doch für die Rückkehr des Ajatollah gebetet und ihm Geld geschickt, in Erwartung des Paradieses auf Erden. Am Abend saßen sie alle vor dem Radio, der Sprecher verlas, dass «nur noch eine kleine Minderheit der Iranerinnen» an ein «sündiges Leben» dachte. Die revolutionäre Nation würde über diese Frauen entscheiden, und diese Parasiten würden für immer vom Körper der Nation entfernt. Alle Frauendemonstrationen wurden fortan für illegal erklärt.

Gegen Mitternacht fuhren sie Mutter zu ihrem Auto zurück. Die Islamisten hatten alle Fahrzeuge im Viertel zertrümmert – in der Annahme, dass es sich um die Autos der demonstrierenden Frauen handelte. Nur Mohsen kauerte in der Dunkelheit immer noch neben dem Eigentum meiner Eltern. Erleichtert winkte er meiner Mutter zu, als sich ihre Blicke trafen – ein Moment, den beide nie vergessen sollten. Dank Mohsen hatte ihr weißer Paykan keine einzige Schramme abbekommen. Alle vier Teilnehmer der Demonstration waren unversehrt. Was für ein Glück.

Als Mutter am nächsten Morgen die Schlagzeilen in der Tageszeitung las, musste sie weinen. Bitterkeit stieg in ihr auf. Die Demonstrantinnen waren als leichte Mädchen, Go-Go-Tänzerinnen und Huren verunglimpft worden. «Ich bin keine Prostituierte, hörst du? Ich bin keine Prostituierte!», sagte meine Mutter zu ihrer Mutter, als sie mich abholte. «Prostituierte» war damals das Codewort der Islamisten für jede Frau, die ihre verloren gegangenen Rechte einforderte. Es erklang überall, Tausende Male: in den Ministerien, Universitäten, Schulen und Fabriken, auf den Straßen. Für die neuen Machthaber war die Frau die Quelle der Unordnung, Ursprung des Bösen. Wochen später zerschlugen die Islamisten die Grabplatte von Sediqeh Dowlatabadi, eine der ersten Feministinnen des Landes, die in den 1920er Jahren unverschleiert aus dem Haus gegangen war. Händler, die ihre Waren an Frauen ohne Verschleierung verkauften, wurden attackiert. Männerbanden bedrohten Unverschleierte mit Steinen, Messern, Knüppeln oder Rasierklingen; manchmal reichte es, Nagellack oder Sandalen zu tragen, um ihren Zorn auf sich zu ziehen. Frauen wurden vor den Augen von sich progressiv und liberal wähnenden Männern gesteinigt.

Alles strebte auseinander. Gewissheiten verflüchtigten sich, Bindungen lösten sich auf, niemand ertrug mehr den anderen. Mohsen wanderte später nach San Francisco aus, und als meine Mutter und ich den Iran am 17. September 1980 verließen, war die väterliche Familie zum Abschied nicht einmal zum Flughafen gekommen, so wütend waren sie über die Pläne meiner Eltern, im Ausland Zuflucht zu suchen. Am Tag unserer Abreise war der Flughafen Teheran zum Bersten gefüllt mit Menschen, die nur noch wegwollten. Die Einreise nach Deutschland war für jeden Iraner ohne Visum möglich, und in Frankfurt wartete mein Vater auf uns. Er sagte, dass er wieder und wieder von einem Krieg geträumt hatte – so wie er vor der Revolution wieder und wieder von Aufruhr und Tod geträumt hatte.

Tage später, in Teheran, versammelten sich die Älteren der Familie, um, wie die Tradition es verlangte, den leeren Platz meiner Eltern zu füllen und die Zurückgebliebenen zu trösten, deren Kinder, eines nach dem anderen, das Land verließen. Plötzlich bebte die Erde. Die Gäste erstarrten: Irakische Kampfflugzeuge hatten den Flughafen bombardiert. Der Krieg hatte begonnen. An eine baldige Rückkehr der Kinder und Enkel war nun nicht mehr zu denken.

 

Heute suchen die Kinder der Revolution nach den Ursachen jener Erschütterung, die viele Mütter als «Erdbeben», «Orkan» oder Beginn einer «Plage» beschreiben. Die Kinder versuchen, sich vorzustellen, wie die letzte Dekade vor der Revolution ausgesehen haben mag. Eine Zeit voll greller Widersprüche, eine Zeit der intellektuellen Schizophrenie, der Gleichzeitigkeit von Moderne und Antimoderne. Achtunddreißig Prozent der Studierenden waren Frauen. Frauen waren Verkehrspolizistinnen, Richterinnen, Fabrikdirektorinnen. Rund zwei Millionen der insgesamt achtzehn Millionen Frauen im Land gingen einer Arbeit nach. Fünfunddreißig Prozent der Frauen waren alphabetisiert, ihr Anteil stieg rasant. Doch Frauenrechte waren Segnungen von oben, Geschenke der Krone, verteilt von einem Monarchen, der die Idee der Demokratie für eine vom Westen erfundene «Unordnung» hielt. Kaum jemand hatte für diese Frauenrechte gekämpft, kaum jemand war sich ihrer bewusst, viele hielten sie einfach nur für selbstverständlich. Deshalb standen diese Grundrechte auf einem wackligen, unbeständigen Fundament.

In jenen Tagen, in denen meine Mutter vor einer wild gewordenen Männerbande flüchtete, sollte in Teheran eigentlich etwas ganz anderes stattfinden: Für den Sommer 1980 hatte der Iran die Frauen der Welt in seine Hauptstadt eingeladen – zur zweiten internationalen Frauenkonferenz der Vereinten Nationen. Fünf Jahre zuvor hatten die UN zum ersten Mal seit ihrer Gründung das Thema für sich entdeckt und das erste «Internationale Jahrzehnt der Frau» ausgerufen. Denn auch wenn die UN-Charta von «gleichen Rechten für Männer und Frauen» sprach: Das UN-Sekretariat war bis dahin patriarchalisch geprägt, Frauen hatten sich kaum etabliert auf der internationalen Bühne der Vereinten Nationen. Das änderte sich mit der ersten Frauenkonferenz 1975 in Mexiko – auf der die iranische Delegation eine treibende Kraft gewesen war: Sie initiierte die Resolutionen, die die Länder auf eine Überprüfung der Fortschritte verpflichteten. Sie versprach die großzügigste Spende für die Gründung des ersten «Internationalen Forschungs- und Ausbildungsinstituts zur Förderung der Frau». Und sie hatte den Ehrgeiz, dieses neue Sonderorgan der Vereinten Nationen in Teheran anzusiedeln. Zusätzlich zum Institut wollten die Iranerinnen eine Bibliothek und ein Frauenkulturzentrum aufbauen, die Einrichtungen sollten vor der zweiten UN-Frauenkonferenz 1980 die Arbeit aufnehmen.

Meine Mutter musste eigentlich nur in ihre Familie schauen, um die Widersprüche ihrer Zeit wahrzunehmen. Während der Rocksaum der Frauen in der Hauptstadt immer weiter nach oben rutschte, pilgerte Mamas Tante nach Mekka und zog fortan nur noch den Tschador an. Die Malerei, für die sie eine große Begabung hatte – etliche prächtige Porträts und Landschaften schmücken nach wie vor in großen Goldrahmen ihre Wohnung –, galt für sie seitdem als unislamisch, zum Leidwesen ihres Mannes, der ihren Sinneswandel nicht nachvollziehen konnte. Auf der anderen Seite der Familie war Mamas Großvater, Schatzmeister der ersten iranischen Nationalversammlung, der im Dauerstreit mit seiner Frau lag: Er sah sich als Mann jener Moderne, die der erste Pahlawi-Monarch ins Land gebracht hatte. Er trug Eau de Cologne auf, er band sich eine Krawatte um, zum Entsetzen seiner Frau, die seine Erscheinung als «verdorben» betrachtete. Zusätzlich zum Tschador hatte sie noch einen schwarzen Gesichtsschleier, sie wetterte jeden Tag über Reza Schah und verdammte den westlichen Aufzug ihres Mannes. Als dieser die Schimpftiraden seiner Gattin nicht mehr ertrug, soll er sich ausgeschlossen und eine ganze Nacht auf der Terrasse, im Schnee liegend, verbracht haben – und später an den Folgen der Unterkühlung gestorben sein.

Es war, als ob über allem Fortschritt und aller säkularen Modernisierung ein feiner Hauch Ironie lag – oder: ein Fragezeichen, eine Verwirrung, ein Paradoxon. Sie drückte sich aus in den offiziellen Schriften der Eliten, die dem Land ein gewaltiges Modernisierungsprogramm auferlegten – und zugleich den antisäkularen Diskurs jener Intellektuellen übernahmen, die den Iran als Hort der Authentizität, Reinheit und Mystik darstellten und als spirituellen Zufluchtsort vor der verhassten westlichen Moderne idealisierten. Sie zeigte sich in den Debatten über Verschleierung und Entschleierung: Der eine Schriftsteller beklagte die krankhafte Verwestlichung der Gesellschaft. Der andere hatte, eine Generation zuvor, den schwarzen Schleier als Leichentuch angeprangert. Die Unfreiheit der Frau führe zur Unfreiheit der Gesellschaft, die Misere der Frau zur Misere des Landes.

Die Verwirrung zeigte sich auch in bedeutungsleeren Ritualen, etwa wenn auf dem Land gewöhnliche Frauen mit Tschador jedes Jahr dazu angehalten wurden, Blumen an den Statuen von Reza Schah niederzulegen – nur um seines Erlasses von 1936 zu gedenken, in dem der erste Pahlawi-Monarch den Frauen das Tragen des Tschadors verboten hatte. Erst nach seinem Abtritt war der Ganzkörperschleier aus schwarzem Crêpe de Chine wieder zurückgekommen. Wahrscheinlich wussten weder jene, die die Frauen zur alljährlichen Blumenzeremonie anhielten, noch die verschleierten Frauen selbst, warum sie dem alten Herrscher huldigten.

Als die amerikanische Journalistin Barbara Walters 1977 den Sohn Reza Schahs, Mohammad Reza Pahlawi, fragt, ob er glaube, dass Frauen in seinem Land auf der gleichen Stufe stünden wie Männer, sagt dieser mit einem Zögern: «Wenn Sie die Menschenrechte meinen, dann ja.» – «Nun», so Barbara Walters weiter, «Sie haben den Frauen ihre Rechte gegeben. Aber sind die Frauen genauso intelligent wie die Männer?» Wieder ein Zögern: «Nun, es gibt Fälle. Sicherlich gibt es Ausnahmen. Und phantastische Frauen. Aber …» – «Hier und da gibt es welche, meinen Sie?» – «Ja. Aber im Durchschnitt …» – «Glauben Sie, dass Ihre Frau regieren kann wie ein Mann?» Der letzte Schah des Iran, dessen Frau im Interview neben ihm sitzt, seufzt: «Ich ziehe es vor, nicht zu antworten.» – «Sie haben Ihre Frau zur Herrscherin des Landes gemacht. Und Sie sind sich nicht sicher?» Die Eheleute schweigen, eine ganze Ewigkeit lang, bis die Monarchin lächelt, lacht und schließlich zur Decke blickt. Drei Monate später schaffte die Regierung des Schahs den Posten der Ministerin für Frauenangelegenheiten ab – ein erster Machtabtritt, ein erstes stillschweigendes Zugeständnis an die Islamisten, was diese jedoch nicht besänftigte, sondern ermutigte.

Zähneknirschend akzeptierte meine Mutter ihre Herabsetzung zum Bürger zweiter Klasse. Als sie 1993 zurückflog und ihre Eltern besuchte, vergaß sie eines Tages, ihre Haare zu verhüllen. Sie machte sich hübsch für eine Einladung, zog einen langen Kaftan an, schminkte sich und wähnte sich offenbar in einem anderen Land oder in einer anderen Zeit, als sie das Haus verließ, um ein Geschenk zu kaufen. Sofort fielen ihr die Blicke auf: Die Menschen starrten sie an wie eine Geisteskranke. Leicht verwirrt betrat sie eine Konditorei und wunderte sich, dass der Händler sofort hinter ihr die Tür verschloss. «Wie sind Sie denn aus dem Haus gekommen?», fragte er sie irritiert. «Wieso? Was meinen Sie?» Plötzlich sah sie sich selbst auf der verspiegelten Wand. Sie riss die Augen auf, stieß einen Schrei aus und schlug sich mit beiden Händen auf den Kopf. Aber da war sie, die Gesetzesbrecherin, bereits in der Moschee an der Ecke gemeldet worden. Der Bäcker schickte seinen Lehrling, um ihr ein Kopftuch zu holen. Sekunden später stand ein junger Milizionär vor ihr. Meine Mutter entschuldigte sich wortreich, sie hatte Glück, wieder einmal, und trotzdem zitterte sie am ganzen Leib, war benommen von ihrem eigenen Schlag auf den Kopf. Der Schrecken und das Gefühl, zutiefst schuldig zu sein, begleiteten sie noch lange Zeit. Ihre Haare waren eine ernste, große Straftat.

 

Auswanderer packen ihre Geschichten ein und nehmen sie mit. Keiner fängt am neuen Ort von vorne an – weil niemand wirklich alles zurücklassen kann. Wir sind physisch getrennt von den Orten, die uns geformt haben, aber wir geben sie niemals auf. «Mutterländer sind Burgen aus Glas», schreibt die britisch-türkische Schriftstellerin Elif Shafak. «Um sie zu verlassen, muss man etwas brechen – eine Mauer, eine soziale Konvention, eine kulturelle Norm, eine psychologische Barriere, ein Herz. Was du zerbrochen hast, wird dich verfolgen. Emigrant zu sein bedeutet also, für immer Glasscherben in der Tasche zu tragen.» Ja, es stimmt: Wir vergessen die winzigen Scherben einfach, wir haben große Pläne, wir streben nach vorne. Aber wenn wir die Scherben berühren, schneiden wir uns an ihnen, bei der kleinsten Berührung fügen sie uns Schmerz zu. Sie sind immer da, und sie werden uns niemals verlassen, auch wenn wir uns mit aller Macht und Entschlossenheit abgewendet haben von den Dummheiten und Grausamkeiten und Absurditäten des verlassenen Ortes.

Manchmal packen wir die Scherben aus und setzen sie zusammen. Als ich anfing, die Geschichten dieses Buches zu sammeln und aufzuschreiben, kam mir immer wieder die eigene Geschichte in Erinnerung. Eine Freundin drückte mir schließlich die Zeichnung eines iranischen Karikaturisten in die Hand und sagte: «Das bist du. Das ist deine Familie.» Das Motiv zeigt drei Menschen, Mutter, Vater, Kind. Sie verlassen einen Ort, sie wenden sich ab, gehen gebückt, wie gegen einen aufziehenden Sturm. Sie sind dicht aneinandergeschmiegt, um nicht weggeweht zu werden, das Hab und Gut und die Erinnerungen sind verstaut in einem Proviantsack am Stock. Den Stock trägt der Vater aber nicht über der Schulter, er hält ihn nicht mit der Hand, nein, der Stock steckt fest, er ist wie ein Speer in seinen Rücken gerammt, an dem eine Wunde klafft. Das kleine Kind, das seine Hand hält und in die Welt stolpert, bin ich.

«Es reicht nicht mehr, uns aus der Ferne zu betrachten. Es reicht auch nicht mehr, nur physisch hier zu sein. Es reicht nicht mehr, in ein bisschen Landeskunde und Exotik einzutauchen», sagt mir ein Freund, als ich über die Notwendigkeit eines Buches über den Iran spreche. Im Zeitalter der sozialen Medien, sagt er, könne sich jede und jeder mehr denn je mit dem Iran beschäftigen und selbst aus der Ferne so tief wie noch nie in das Land eintauchen. «Aber es geht um mehr als das», sagt er. Ihr dort drüben müsst mitfühlen. Eure Komfortzone verlassen. Ihr müsst unsere Einsamkeit spüren. Ihr müsst unseren Schmerz sehen und ertragen. Ihr müsst euch Dingen nähern, die wie ein Platzregen in euer Gesicht peitschen und euch aus den Angeln heben. Ihr könnt euch umdrehen und wegschauen – aber was auch passiert, niemand kann die Wahrheit über das, was mit uns geschieht, aufhalten.»

Wenn man mich fragen würde, was mich am meisten erschrocken hat beim Zuhören und bei der Recherche für dieses Buch, dann ist es nicht die Tatsache, dass im Iran für einen nichtigen Grund Haft, Folter oder Hinrichtung möglich sind. Nein, das ist die Realität dieses Landes, seit über vier Jahrzehnten. Erschreckend ist vielmehr, dass einerseits die Wut auf das politische System wächst – «Unsere Wut ist dabei, größer zu werden als eure Macht», lautet ein mittlerweile geflügelter Protestspruch – und andererseits so wenig bis nichts von dem, was im Iran täglich passiert – Hausdurchsuchungen, gezielte Schüsse auf friedliche Demonstranten, Inhaftierungen von Frauenrechtlerinnen, Streiks und Proteste –, es in die westliche Öffentlichkeit schafft. Diese Unverhältnismäßigkeit zwischen der Tragik der Ereignisse vor Ort und dem Fehlen der Schlagzeilen und Diskussionen hier verursacht bei vielen Menschen im Iran ein Gefühl des absoluten Alleinseins und der Ohnmacht. Das Gefühl, unsichtbar zu sein. Der Eindruck, dass ein iranisches Menschenleben nichts wert sei – nicht einmal einen Bericht –, erzeugt eine tiefsitzende Frustration, die in meinen Gesprächen immer wieder auftaucht.

Also versuche ich, den Stimmlosen eine Stimme zu verleihen. Jenen zuzuhören, die an den Rand gedrängt worden sind, zum Schweigen gebracht, verlassen wurden, bevor sie sich erhoben. Ich höre Frauen zu, die kämpfen. Wann haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, ihnen das letzte Mal zugehört? Sie wollen gehört und gesehen werden, ausdrücklich auch hier, weit weg vom Schauplatz ihrer Tragödie. Sie wollen, dass wir uns mit ihnen und ihrem Leben beschäftigen. Mehr als je zuvor suchen sie den Kontakt und den Austausch mit den Frauen jenseits ihrer Grenzen. Was macht der tägliche Kampf mit diesen Frauen? Welche Opfer bringen sie?

Die Feindschaft gegen Frauen gehört zu den politischen Grundpfeilern der Islamischen Republik Iran. «Wenn die islamische Revolution kein anderes Ergebnis haben sollte als die Verschleierung der Frau, dann ist das per se genug für die Revolution», hatte der Revolutionsführer Chomeini einst gesagt. Sein Staat kann mit seinen Erzfeinden ins Gespräch und in Verhandlungen treten – aber nicht mit den Iranerinnen. Die politischen Machthaber haben mehr Angst vor den Frauen als vor ihren ideologischen Gegnern. Über die Frau kontrolliert das Regime die Gesellschaft. Wenn es einen tiefgreifenden Wandel im Iran geben sollte, wird er auf die Frauen zurückgehen, die Jahrzehnte dafür Opfer brachten, ohne sich einschüchtern zu lassen. «In rechtlicher Hinsicht sind die Frauen die größten Leidtragenden im über vierzig Jahre währenden Experiment der Islamischen Republik. In politischer Hinsicht haben die Frauen diesem Regime den größten Schaden zugefügt», bringt es die iranische Anwältin und Menschenrechtlerin Mehrangiz Kar auf den Punkt.

Die Interviews mit den Frauen, deren Geschichten in diesem Buch versammelt sind, fanden jeweils über mehrere Tage statt, zwischen Herbst 2020 und Sommer 2021. Entweder habe ich mit ihnen per Videoanruf gesprochen, in der Küche oder im Wohnzimmer, zuweilen während sie kochten, rauchten, Umzugskartons auspackten und so gekleidet waren, wie sie sich in der Öffentlichkeit nie zeigen dürften. Manchmal bekam ich kleine, zerknüllte, eng beschriebene Zettel aus dem Gefängnis. Oder ich konnte die Frauen zu Hause besuchen. Sie sind verschleiert oder unverschleiert. Sie leben in Maschhad, im äußersten Nordosten des Landes, am Kaspischen Meer, sie leben in Teheran oder an der Grenze zu Pakistan und Afghanistan. Manche sind in die Türkei geflohen, von dort weiter nach Belgien, Slowenien, Kanada oder in die USA. Die Einblicke, die sie mir gewährten, sind oft von schonungsloser Offenheit. Wo zu befürchten ist, dass ihre Interviews unmittelbare Auswirkungen auf die Haft haben oder zur Strafverfolgung ihrer Angehörigen führen könnten, habe ich auf Details verzichtet. Ich vergebe keine «Haltungsnoten» für die Protagonistinnen. Ich bewerte nicht, wo andere sofort dem Schubladendenken verfallen. Ich zeige, wo der Kampf für Menschlichkeit in einen politischen Kampf mündet. Die politische und gesellschaftliche Ordnung, gegen die diese Frauen kämpfen, lenkt gerne von ihrem eigenen Versagen ab, indem sie ihre Kritikerinnen moralisch abwertet und vernichtet. An diesem zynischen Propagandaspiel, denke ich, können sich nur die Feinde der Demokratie beteiligen.

Jede Protagonistin – ob Tochter eines Klerikers, Journalistin, Ingenieurin, Studentin, regierungsnahe Angestellte oder Mutter und Geschiedene – hat eine Entwicklung in der Gesellschaft angestoßen, ein Nachdenken ausgelöst, ist zum Vorbild geworden, im Kleinen wie im Großen. Als Frauen stehen sie an der vordersten Front des Widerstands gegen Unrecht. Als – größtenteils – Vertreterinnen der unteren Mittelschicht sind sie diesem Unrecht noch intensiver ausgesetzt, steht für sie noch mehr auf dem Spiel. Sie sind in ihrem Denken weiter, als jede höfliche Reformerin es sein könnte – sogar wenn sie selbst noch an Reformen glauben. Sie sind nicht Teil der Machtelite, sondern stehen ihr gegenüber. Sie haben das Regime in seinem Wesen kennengelernt, erkannt und an einem bestimmten Punkt innerlich überwunden. Und schließlich sind die Heldinnen dieses Buches nur wenige von unzähligen, deren Geschichten der Welt erzählt werden müssen.

 

Womit wir abschließend beim politischen Grundvokabular wären. Kein Bericht über den Iran kommt ohne die Unterscheidung zwischen «Reformern», «moderaten» oder «pragmatischen Konservativen», «Hardlinern» oder «Ultrakonservativen» aus, wenn es darum geht, die politische Arena des Landes von links bis rechts und den Machtkampf um die Identität des Iran zu beschreiben. Die politischen Gruppierungen und ihre wechselnde Beteiligung an der Regierung ermöglichten es dem Regime, dem Rest der Welt die Illusion einer lebendigen Demokratie zu vermitteln – mit Millionen von Wählern. Als ob diese Wahlen frei und fair wären, als ob eine echte Alternative bestünde. Mitnichten.

Eine der wichtigsten Trennlinien verläuft zwischen «prinzipientreuen Hardlinern», angeführt vom Obersten Führer Chamenei, und «Pragmatikern» oder «Moderaten», an deren Spitze lange der ehemalige Präsident Hassan Rohani stand. Erstere glauben an die strikte Einhaltung der Ideale der Revolution von 1979: islamische Sitten im Inneren, Widerstand nach außen. Letztere stellen wirtschaftliche Interessen vor revolutionäre Ideologie – eine Politik nach chinesischem Modell.

Wohl am schillerndsten ist die Gruppe der «Reformer». Mit der Ära der «Reformen» ist die zivilgesellschaftliche Öffnung unter dem ersten, von 1997 bis 2005 regierenden Reformerpräsidenten Mohammad Chatami gemeint, der Demokratie und Theokratie für vereinbar hielt – obwohl sein Vorbild, Revolutionsführer Chomeini, über die Demokratie rein gar nichts Gutes zu sagen hatte. Die heutigen Reformer gehörten zu den radikalsten Kräften in den ersten Jahren der Revolution und beteiligten sich mit Eifer an der Demontage der Frauenrechte. Im Gespräch mit mir bezeichneten manche sich selbst im Rückblick als «schlimmer als die Taliban». Ich fragte mich oft, ob sie von Schuld getrieben sind – oder vom Wunsch, etwas wiedergutzumachen, wenn sie immer wieder behaupten, dass sie doch nur auf jenen demokratischen Islam drängen würden, den der Revolutionsführer von Anfang an gefordert habe. Haben sie die Werke Chomeinis je gelesen?

In der ersten Reformära unter Chatami entstanden zahlreiche Zeitungen, formierten sich juristisch anerkannte Nichtregierungsorganisationen, veränderte sich der Zeitgeist: hin zu größeren Freiheiten für Frauen, hin zu mehr Öffnung und Kontakt mit dem Westen. Bereits wenige Jahre nach Chatami wurde das reformistische Projekt weitgehend eingestellt. Die letzte Hoffnung der Reformer war die sogenannte Grüne Bewegung von 2009, als Millionen auf die Straße gingen, um friedlich – und vergeblich – gegen die manipulierte Wiederwahl des Hardliners Mahmud Ahmadinedschad zu protestieren, der die Repression dramatisch verschärfte und mit religiös-revolutionärer Rhetorik die Auslöschung Israels forderte. 2009 markierte ein Schlüsseljahr, eine Wende, ein Jahr der Wahrheit. Ich ging damals selbst mit grünem Kleid und grünen Armbändern demonstrieren. War ich vorher regelmäßig in den Iran gereist, konnte ich seitdem, wie Tausende andere, nicht mehr meine Familie besuchen, nicht mehr von meinen Liebsten Abschied nehmen. Bei den Präsidentschaftswahlen 2013 und 2017 hatten die an den Rand gedrängten und nach rechts gerückten Reformer keine andere Möglichkeit mehr, als den «Zentristen» und «Moderaten» Hassan Rohani zu unterstützen, der viel von Bürgerrechten sprach – und unter dem, welch Ironie, die Zahl der zivilen Opfer des Regimes steil anstieg. Mit Rohani ging es den Reformern weniger um politische als um wirtschaftliche Freiheiten und den Handel mit dem Westen. Sie waren nun das von oben eingesetzte, lächelnde Gesicht des Regimes, das mit dem Westen verhandelte, um die Sanktionen aufzuheben – vor allem, als 2015 das Nuklearabkommen unterzeichnet wurde.

Mit dem Geistlichen Ebrahim Raissi wählte der Machtkern im Juni 2021 zuletzt einen loyalen Soldaten zum Präsidenten – einen Justizchef, der Todesurteile schnell und effektiv ausgestellt hatte und der nun als Präsident den Willen des Obersten Führers exakt und prompt umsetzt. Vielleicht hat das System nun endlich sein wahres Gesicht gezeigt, alle Anmaßungen auf eine vermeintliche Pluralität abgelegt und deutlich gemacht, dass es nichts mehr als eine «elektorale Despotie» ist, wie der australische Politikwissenschaftler John Keane es ausdrückt: Wahlen ohne Demokratie, Wahlen ohne Repräsentation, Wahlen, um die Macht vor dem Volk abzuschirmen. Und die Wählerinnen und Wähler? Nach fast einem Vierteljahrhundert inszenierter Reformen haben sie sich von den Reformern abgewandt, weil sie keine einzige echte Reform gesehen haben. Die niedrigste Wahlbeteiligung – allein nach offiziellen Zahlen wählten über die Hälfte der Wahlberechtigten nicht –, die höchste Zahl ungültiger Stimmen, mehr als vier Millionen: Eher waren die Wahlen 2021 ein «Nein» in einem Referendum.

Wir haben zu lange nicht verstanden, wer die alles entscheidende Macht im Iran verkörpert. Wir haben die Etiketten zur Kennzeichnung der «Reformer» und ihnen nahestehender Kreise von Anfang an falsch interpretiert. Wir haben die zunehmende Bedeutungsleere dieser Kategorie nicht erkannt. Reformer zu sein bedeutet nicht, sich hinter den Volkszorn auf der Straße oder marginalisierte Minderheiten zu stellen. Reformer zu sein bedeutet, es sich nicht mit dem Obersten Führer zu verscherzen. Und als «Entlastungsventil» des Regimes zu fungieren, wenn der Druck im System irgendwo zu groß ist.

In Wahlen kann nur der Kandidat des Obersten Führers gewinnen. Die iranische Verfassung stattet den Führer mit einer gewaltigen Macht aus: Ajatollah Chamenei, der den Posten 1989 von Revolutionsführer Chomeini geerbt hat, besitzt die Gewalt über Militär, Revolutionsgarden, Milizen und Ordnungskräfte, über die Sicherheitsdienste, Justiz und den staatlichen Rundfunk. Er ist der oberste Ideologe, der die Richtlinien setzt – auch in außenpolitischer Hinsicht. Der amerikanisch-iranische Politikwissenschaftler Karim Sadjadpour spricht von zwei parallelen Regimen, die zusammenarbeiten: «Diejenigen an der Macht nehmen Geiseln, bauen Nuklearprogramme auf, unterstützen Milizen in den Nachbarländern, verüben Attentate und sind für westliche Politiker und Verhandler unzugänglich. Diejenigen ohne wirkliche Macht negieren die Aktivitäten derjenigen an der Macht und sind für den Westen zugänglich.» Die Islamische Republik Iran ist ein zweigeteilter Staat, in dem gewählte Institutionen die täglichen Staatsgeschäfte verwalten – im Schatten des weitaus mächtigeren Obersten Führers. Dieser hat erhebliche Macht, aber eine geringe Rechenschaftspflicht, er kann jede Verantwortung auf Gewählte – sprich: auf den Präsidenten – abwälzen. Eine der Hauptsäulen seiner Macht sind die Revolutionsgarden, die, wie sie selbst sagen, genau wissen, was sie dem Führer bringen müssen, wenn er nach einem Hut verlangt: einen Kopf. Die Revolutionsgarden zerschlagen Massenproteste, beugen einem militärischen Staatsstreich vor, sie haben eine korrupte Schattenwirtschaft aufgebaut und eine Medienholding gegründet, mit der sie ihre Botschaften in erstaunlich modernem Gewand unters Volk bringen.

Alle politischen Fraktionen im Iran sind Teil des islamistischen Establishments. Sie wollen das Überleben des Gottesstaates und die Herrschaft des Stellvertreters Gottes auf Erden sicherstellen. Die Gruppierungen unterscheiden sich allein in ihren Methoden. Die Mittel sind verschieden – das Ziel ist gleich. Wir aber tun immer noch so, als ob sich im Iran liberal-progressive und illiberal-reaktionäre Machtgruppen diametral gegenüberstünden. Wir tun immer noch so, als ob unsere Unterstützung der Reformer die Demokratisierung des Iran herbeiführen würde. Und wir haben uns immer noch nicht mit der eigentümlichen Inkonsistenz ihres Reformprojekts beschäftigt, geschweige denn die Verfassung der Republik verstanden. Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass die typischen Kategorisierungen in unserer Berichterstattung über den Iran schon lange ins Leere laufen – weil wir den Elefanten im Raum allzu gerne übersehen wollen: Die Diktatur der Rechtsgelehrten stellt Gottessouveränität vor Menschensouveränität. Sie beansprucht die einzig wahre Interpretation des Islam – nach der sich die gesamte Gesellschaft ausrichten muss. Sie legitimiert politisch motivierte Gewalt. Sie lässt keine Trennung zwischen Staat und Religion zu. Diese Ordnung ist seit 1979 weitgehend reformunfähig.

Die in diesem Buch porträtierten Frauen sehen das, was wir nicht sehen oder nicht sehen wollen, unmittelbar und detailscharf vor sich. Sie haben den Mut, dem Elefanten im Raum direkt ins Auge zu blicken. Ihre Illusionen sind überwunden. Sie haben das Spiel durchschaut. Vielleicht können wir von ihnen lernen, die Dinge endlich beim Namen zu nennen. Hören wir ihnen zu, sehen wir sie, damit wir erkennen, was jeden Tag im Iran geschieht.

1.Die Tochter des Mullahs

Sie erinnert sich genau daran. An diese Sehnsucht, ihr Leben zu verlassen und eines dieser Mädchen zu sein. Als sie 1971 ins Kuhsangi-Viertel zogen, wo die Familie damals noch bei der Großtante lebte, ging Fatemeh Sepehri immer heimlich an die Tür. Der allmorgendliche Weg der Schulmädchen führte am Haus vorbei. Fatemeh wollte sie sehen. Ihre blauen Uniformen, ihre blütenweißen Krägen, ihre verzierten Haarreifen. Mittags kamen sie zurück, und Fatemeh schlich sich wieder an die Tür. Sie musste aufpassen, nicht dabei erwischt zu werden, wie sie den Schülerinnen nachschaute – und träumte. Als sie mir diese Erinnerung erzählt, stützt sie die Ellenbogen auf den Tisch, hält ihr Gesicht mit beiden Händen, macht eine kurze Pause, und ihr Blick schweift wehmütig ins Weite.

«Vor der Revolution durfte ich das Haus nicht verlassen», erzählt sie. Damals kamen die Aktivisten der staatlichen Alphabetisierungskampagne immer wieder vorbei – im ganzen Land waren sie unterwegs – und drängten ihren Vater, das Mädchen in die Schule zu bringen, ins Internat sogar. Vergeblich. Der Vater, ein angehender Mullah, wollte nicht, dass sie hinausgeht – und dabei, Gott behüte, vielleicht sogar ihren Tschador, den Ganzkörperschleier, ablegt. Wenn Fatemeh Sepehri die Außenwelt betrat, dann nur, um zum nahegelegenen heiligen Imam-Reza-Schrein zu gehen. Nicht in den Park. Schon gar nicht ins Kino. Der einzige Ausflug waren die gelegentlichen Besuche der Familie im Dorf, in dem Fatemeh geboren wurde, unweit von Maschhad. «Unser Tschador musste immer ganz weit vorne sein und das halbe Gesicht bedecken», erinnert sie sich und lacht laut auf: «Nicht wie jetzt, jetzt ist er ja total weit hinten.» Ich lache mit. Bis sie sagt: «Ich möchte, dass der Oberste Führer, Ajatollah Seyyed Ali Chamenei, zurücktritt. Samt seinen Wahlurnen, seinen Richtern, seinen Präsidenten, seinen Parlamentsabgeordneten. Ich will, dass die Islamische Republik gründlich weggefegt wird. Ich verlange, dass der Iran eine säkulare Demokratie wird. Ein Staat, der die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte endlich achtet.»

Ausgerechnet die Tochter eines Geistlichen. Ausgerechnet die Frau eines Märtyrers. Ausgerechnet im heiligen Maschhad ist Fatemeh Sepehri aufgewachsen, in der Pilgerstadt im Nordosten des Landes, in der spirituellen Kapitale der Islamischen Republik, diesem Stück «Himmel auf Erden». Ausgerechnet dort, wo Religion, Ökonomie und Staatsgewalt miteinander verschmelzen, wo Märtyrerverehrung sinnbildlich für die gegenwärtige Ordnung steht, stellt eine gläubige Frau und praktizierende Muslimin alles in Frage. Maschhad, das bedeutet wörtlich: die Stätte des Märtyrertums. Der Platz, an dem der achte Imam der Zwölferschiiten begraben liegt, der einzige Imam auf iranischem Boden – vor tausendzweihundert Jahren angeblich vom Kalifenherrscher mit Weintrauben vergiftet, ermordet wie fast alle schiitischen Führer, die stellvertretend für die Menschen litten. Die zwölf Imame, das sind Ali, der Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und eine bestimmte Reihe seiner Nachkommen. Sie sind im schiitischen Verständnis von Gott zur politischen Herrschaft über die islamische Gemeinde auserwählt. Die Imame stehen dem schiitischen Menschen näher als Gott selbst; als göttliche sündlose Lichtwesen sind sie Mittler Gottes und Adressat der Rituale. Mit einer Wallfahrt und einem – zumindest symbolischen – Märtyrertod können die Schiiten ihre Schuld bei ihren religiös-politischen Oberhäuptern begleichen.

Der Wallfahrtsort in Maschhad ist der größte Schreinkomplex der Welt – größer noch als Mekka, größer als der Vatikan. Er gleicht einem funkelnden Lichterschloss. Neun Höfe, achtundzwanzig Hallen, Bibliotheken, Museen. Monumentale Kuppeln mit hellblau glasierten oder goldenen Ziegeln – im Innern wie prächtige Audienzzelte, die den Himmel zeigen sollen. Das Auge kann sich nicht sattsehen an den riesigen Kronleuchtern, an den Tausenden funkelnder, zu Mosaiken geschliffener Spiegelsteine, an den zu Teppichmustern zusammengefügten Wandkacheln, an den Blumen- und Schriftornamenten, am grün-roten Marmorboden mit den fein geknüpften Persern und schließlich an der mit Gold beschlagenen Grabkammer – alles wirkt betäubend schön und schwer.

Unter dieser Stätte der Trance wurde ein Autobahnring gezogen. Maschhad, das ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Die Bevölkerung hat sich in den letzten vierzig Jahren auf über drei Millionen verdreifacht und wächst und wächst. Mit zwanzig Millionen Besuchern jährlich ist der Bauboom in der Stadt ein Dauerzustand. «Wer kommt, will zum Schrein, wer bleibt, will Geschäfte machen», erklärt mir ein Einheimischer aus der Familie der Schreinwächter und Schreindiener – jene dreihundert Männer, denen die Reinigung und Verwaltung des Schreins obliegt und deren Dienst vererbt wird. Je höher ihr Rang, umso näher am Heiligengrab ihre letzte Ruhestätte. Maschhad ist ein Knotenpunkt, dessen Wirtschaft in die ganze Region ausstrahlt, ja weit darüber hinaus. Nicht dass man in diesem Land besonders sauber sein Brot verdienen könne: «Der Basar um den Schrein herum wurde schon vor der Revolution ‹Basar der Diebe› genannt – wegen seiner überteuerten Souvenirs und Waren», lächelt der Mann. Geschäfte in Maschhad, das bedeutet Business mit Touristen, Landwirtschaft und Lebensmittel, Industrie und Bergbau. Was in Teheran fünf Sterne sind, sind in Maschhad nur vier: Nirgends hat das Land so prächtige Hotels, mit Säulen, Palmen, üppigen Interieurs. Die Pilger wollen angenehm wohnen, im Überfluss speisen. Überhaupt: Das Irdische ist offenbar die Hälfte des Reisegenusses, für ein berühmtes Lammspieß-Restaurant fliegen Teheraner sogar mal eben nach Maschhad.

Und die Einheimischen? Lange dachte ich, sie seien besonders fromm, besonders systemverbunden, besonders streng. «Also erstens: Die Iraner insgesamt sind im Vergleich zu früher weniger religiös, sogar weniger gottesgläubig. Das Schiitentum ist für das Land von enormer Bedeutung – aber innerlich? Kaum. Erst recht gilt das für die jüngere Generation», erklärt der Mann aus der Familie der Schreinwächter. «Weil sie aus der Nähe vieles selbst erfahren kann, hat die jüngere Generation einen wahrhaftigeren Blick auf die Dinge hier. Deswegen kann man genau beobachten, wie sich ein freier, säkularer Teil der Gesellschaft abspaltet, der eben nicht die Überzeugungen und Riten der Vorfahren teilt und einen immer größeren Raum einnimmt. Außerdem: Die Aufpasser und Sittenwächter hier kommen nicht aus dem Volk; in Maschhad trifft man weniger die typischen Männer in Zivil mit Knüppeln in der Hand – die öffentliche Moral obliegt hier mehr den offiziellen Sicherheitsorganen. Natürlich, Konzerte und Musik sind in der Stadt schon vor der Revolution nicht Sitte gewesen» – aber offenbar doch all jenes, das die Wallfahrt zum irdischen Vergnügen macht, denke ich mir. Und erinnere mich an die Iranerinnen, die mit Pilgern aus dem Irak und Pakistan ein paar Stunden die Ehe eingehen: die moderne und durch schiitische Rechtskniffe sanktionierte Form der Prostitution, die so verbreitet ist, dass Nutzer sozialer Medien Maschhad prompt zum schiitischen Thailand umbenannten. Und ein weiterer Gedanke: Wären die Maschhadis besonders gehorsam und staatstreu, wären sie wohl 2017 nicht auf die Straße gegangen, um gegen Armut und Ungleichheit zu protestieren.

Die Familie des Obersten Führers stammt zwar aus dem iranischen Aserbaidschan. Doch Ajatollah Ali Chamenei selbst ist in Maschhad geboren, und wer das System der tausend Familien in der Stadt kennt, der weiß, wie die Macht im Land funktioniert, wenn aus dem Maschhader Beziehungsgeflecht die obersten Führungsreihen besetzt werden. Wer dem Führer loyal ergeben ist und ihm effizient dient, steigt auf, so wie der in Maschhad geborene Ebrahim Raissi, der 2021 von Chamenei zum Präsidenten ausgesucht und gewählt wurde. Wer aus der Familie ausschert – wie Chameneis Schwager Scheich Ali Teherani, der mit Frau und Kind in den Irak zog und von dort gegen das Regime agitierte –, der kann Gnade erfahren, wenn er bereut. Allerdings wird sie nicht allen Geistlichen und ihren Nachkommen zuteil. Chameneis Schwager lebt nun – nach einem Gefängnisaufenthalt – unbehelligt in Teheran.

Maschhad ist Macht. Maschhad ist eine Trumpfkarte des Regimes. Maschhad ist Pietät und Profit. Hier treffen sich das Materielle und das Spirituelle. Die Schia-Geistlichkeit verfügt seit Jahrhunderten über enormen Reichtum, aber noch nie war sie so reich wie jetzt – durch die Verwaltung des Grabmals und den Besitz der Stiftung Astane Qods Razavi, die den Schrein betreut. Wer dem achten Imam seine irdischen Güter überlässt, kann sich himmlischen Segens gewiss sein – im Jenseits, aber auch schon im Diesseits. Eine solche Schenkung – eine Investition des Gläubigen ins Nachleben – trifft sich mit dem Interesse des göttlichen Statthalters im Hier und Jetzt. Im Jahr 42 nach der iranischen Revolution heißt dieser Vertreter Gottes auf Erden Ali Chamenei. Es ist mittlerweile Chameneis Stiftung geworden, erfahre ich aus Maschhad, seitdem dieser einen ihm hörigen Verwalter eingesetzt habe. Die Stiftung Astane Qods Razavi ist der Schlüsselplayer in Maschhads Wirtschaft. Spötter sprechen von einer heiligen Geldmaschine, hat sie doch ein mehrere Milliarden Dollar schweres Budget. Sie sammelt Bargeld, Land, Immobilien, Schmuck und Kunst, Aktien und Firmen. Die Megastiftung ist im Grunde ein Konglomerat aus öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten und Museen, kleineren Stiftungen und verschiedensten Unternehmen. Astane Qods Razavi besitzt mehr als die Hälfte des Grund und Bodens in der Stadt, nebst Bauernhöfen, Hunderten Dörfern und landwirtschaftlichen Flächen im ganzen Land.

Lange wurde die Stiftung eigenständig geführt, nachdem Revolutionsführer Chomeini einen Verwalter ernannt und damit einen armen Mullah zum ökonomisch mächtigen «Imperator der Provinz Chorasan» aufsteigen lassen hatte – dessen ältester Sohn später gar US-Staatsbürger wurde. Chamenei hingegen dulde kein Machtzentrum neben sich und habe die Stiftung ganz und gar seinen eigenen Launen unterworfen, erklärt der Einheimische. Der Wirtschaftsflügel der Organisation habe die Tradition schon lange verlassen. Es gehe ihr nicht mehr um die Umverteilung des Reichtums, nein, sie sei nicht mehr nur ein wohltätiger, sondern ein strategischer, profitorientierter Investor in Öl und Gas, Verkehr und Finanzen, Zucker und Hefeproduktion, Teppiche und Schwerindustrie. Die Stiftung baut Shoppingzentren, Eisenbahnlinien oder eine Brücke über den Euphrat in Syrien. Dabei zahle sie nicht einmal Steuern, wollen einige Insider wissen.

Astane Qods Razavi konkurriert mit der Holding Khatam al Anbija – der «Wiederaufbauzentrale», mit der die Revolutionsgarden die gesamte iranische Wirtschaft kontrollieren – sowie mit einer Holding der iranischen Ordnungskräfte, der Taavone-NAJA-Stiftung, um den Titel des «größten Wirtschaftsplayers des Iran». Allerdings ergänzen sich die ersten beiden Akteure eher: Astane Qods Razavi bringt das Kapital, die Holding der Revolutionsgarden schnappt sich den Auftrag und stellt die ausführenden Experten zur Verfügung. Kommentatoren vergleichen die Maschhader Stiftung mit einem autonomen Staat im Staate: Sie decke in jedem Bereich den Bedarf mit eigenen Kräften ab. Solange das Land international isoliert ist, funktioniert dieses Modell perfekt – und es erlaubt, jede internationale Sanktion zu umgehen.

Wer die Wirtschaft des Iran begreifen will, muss die parastaatlichen und undurchsichtigen Bonyads, die Stiftungen, verstehen lernen. Bonyads legen den privaten Sektor des Iran lahm. Mit ihrer Hilfe plündern die Kleptokraten des Landes Gemeinbesitz. Durch sie wird öffentliches Geld in private, korrupte Hände geschleust. Bonyads beeinflussen und kontrollieren fast alle iranischen Spitzenunternehmen. Sie spielen gar mit der Idee, das Land anstelle der Regierung zu regieren. Wer die Rolle des Führers Ali Chamenei begreifen will, muss über die höchste religiöse und politische Macht hinaus auch die größte ökonomische Macht in dessen Händen in den Blick nehmen, resümiert die von iranischen Journalisten gegründete Denkfabrik «Doublethink» in ihrer Analyse der ökonomischen Machtverhältnisse.

Die weiblichen Stimmen verstummen

Von der Tochter eines Mullahs, die in Maschhad aufwuchs, hätte ich auf den ersten Blick vielleicht mehr Leidenschaft für ihre heilige Stadt erwartet. Aber auf die Frage, was Maschhad so besonders mache, antwortet Fatemeh Sepehri lediglich mit einem Gleichnis: «Ein Bewohner Kaschmirs wurde gefragt, welche Stadt er am meisten liebe. Er sagte: Nur Kaschmir. Und mein Kaschmir ist Maschhad.» Als wir uns zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 über den Bildschirm begegnen, trägt die Fünfundfünzigjährige das erste Mal eine rote Weste und ein kleines schwarzes Kopftuch mit bunten Blumen darauf. Ihre vollen grauen Haare, im Salz-und-Pfeffer-Ton, wie es auf Persisch heißt, schauen hervor und verleihen ihrem dunklen, ungeschminkten Teint etwas Jugendliches. Ich erkenne sie kaum wieder – in ihren Interviews mit Menschenrechtlern und iranischen Auslandsmedien trägt sie immer einen schwarzen Tschador, darunter ein schwarzes Kopftuch, das alles bedeckt: «Mein offizielles Outfit», lächelt sie, und ich muss unweigerlich an das schwarze, allumhüllende Gewand orthodoxer Nonnen denken, als sie mir beim zweiten Interview so gegenübersitzt.

Ich möchte mehr über ihre Kindheit wissen. Die Strenge der Eltern. Trotz des Schmerzes, der offenbar wird, wenn sie erzählt, will sie dem mittlerweile verstorbenen Vater ihre Liebe bekunden, sie vermisst ihn sehr. «Einmal, ich war fünf oder sechs, rief er mich zu sich und sagte: ‹Fatemeh, nicht, dass ich irgendwann deine Ärmel oben sehe, dein Kopftuch nach hinten geschoben, ohne Tschador. Selbst wenn ein Mann zu uns kommt, der mahram ist – der dich nicht heiraten darf, wie die Onkel oder Großväter –, wirst du nicht lange in unserer Runde sitzenbleiben, nicht an unserem Plaudern und Vergnügen teilnehmen.›» Fatemeh Sepehri lacht bitter. Sie schaut mich an und sagt: «Einmal hab ich das meinen Brüdern erzählt und sie gefragt: ‹Wäre es nicht besser, wenn Vater einfach gesagt hätte, dass er mich gar nicht sehen will?›»

Der Vater, damals ein Talabeh, ein Religionsstudent, brachte ihr bei, den Koran zu lesen, die arabischen und die persischen Buchstaben. Mit fünf Jahren beherrschte sie die Koranlektüre. Das reiche völlig aus, mehr Bücher solle sie nicht lesen, meinte der Vater. Doch die kleine Tochter blätterte fortan ständig in seinen theologischen Büchern: «Das waren alles Werke über islamische Rechtsprechung. Fatwas der Rechtsgelehrten, die man liest, um zu erfahren, wie man den Alltag bewältigen soll, etwa mit welchem Fuß man zuerst die Toilette betritt und mit welchem man hinausgeht», sagt sie amüsiert. Mit anderen Worten: Handlungsanweisungen, wie etwas zu reinigen, zu tätigen, zu betrachten ist – oftmals sinnentleerte islamische Pseudoweisheiten, die ganzen Generationen lebenslange Zwangsneurosen einbrachten. Als die Familie in die Großstadt umzog, in ein kleines Haus unweit des Schreins, durfte die einzige Tochter immerhin schneidern lernen, in einer Mädchenschule. Einmal, als ihr Vater sah, dass sie ständig in seine Bücher vertieft war, brachte er zwei Werke mit, die er kommentarlos ins Regal stellte. «Kaschkul Band eins und zwei», erinnert sie sich. Lyrik und Prosa aus dem Diwan klassischer persischer Schriftsteller, ein bisschen schiitisches Recht, ein bisschen Mathematik, Astrologie und Weisheitssprüche. «Ich schloss aus der Tatsache, dass er selbst diese beiden Bücher nie anschaute, dass er sie offenbar für mich gekauft hatte. Auch wenn er es mir nie sagte.»

Fatemehs Mutter sorgte dafür, dass ihre einzige Tochter kaum Zeit zum Lesen fand. Es gab kein Hamam, kein Badezimmer im Haus, kein warmes Wasser, keine Waschmaschine, das Geschirr wurde kalt gespült. Im Winter mussten der Ofen und der Samowar mit Öl gefüllt und angezündet, der Korsi warmgehalten werden – ein niedriger Tisch mit einer Decke darauf, darunter ein Becken mit glühender Kohle, die nicht rauchen durfte, sonst meckerten alle über den Gestank. So etwas wie «ausschlafen» kannte Fatemeh nicht, der Koran und das Gebet waren am frühen Morgen Pflicht. Die Kleidung und die Windeln der sechs Brüder musste Fatemeh mit der Hand waschen. Bei zweien schnitt sie selbst die Nabelschnur durch. Von einer Geburt im Krankenhaus hielt die Mutter nichts, die Geschwister gebar sie alle zu Hause. Achtmal erlitt sie eine Fehlgeburt.

Der Vater ihrer Mutter, Hossein, war der Erste im Dorf, der ein Radiogerät besaß. Die Familie war tiefreligiös, ein Bruder des Vaters, Molla Abdollah, warnte alle, nie zu Hossein zu gehen: Dessen Brot sei sündig, weil er ein Transistorgerät zu Hause habe. Wenn ihr Vater nicht im Dorf war, stahl sich Fatemeh davon, zum Großvater mit dem Radio, und hörte Musik, gesungen von Sängerinnen wie Hayedeh, der Diva des vorrevolutionären Iran mit legendärer Opernstimme. «Das mache ich immer noch. Ich genieße die Altstimme von Hayedeh, ich kann mich nicht beherrschen, so sehr bin ich ihr verfallen», sagt Fatemeh. Einen Fernseher besaß die Familie vor der Revolution nicht, die persischen Popstars hatte sie in ihrer Kindheit nie gesehen. Wenn der Vater die Frauen beim Kleiderwaschen im Garten mit einem Radio erwischte, schimpfte er auf sie und die Musik, immer und immer wieder. Wie anders Fatemeh Sepehri ist, denke ich mir. Wie anders als jene, die immer noch weiblichen Gesang für sündhaft halten. Für die Tochter eines Mullahs ist der Klang von Hayedeh ein Gottesgeschenk.

Seit 1979 ist es im Iran für Frauen verboten, in der Öffentlichkeit zu singen. Hayedeh, die persische Maria Callas, musste ihre Heimat verlassen, um ihre Karriere fortsetzen zu können. Dabei war öffentlicher Gesang von Frauen im Iran über Jahrzehnte selbstverständlich. Eine der ältesten Aufzeichnungen stammt von 1924, als Ghamar ol Moluk Wasiri im Teheraner Grand Hotel am damals angesagten Lalezar-Boulevard vor Männern und Frauen auftrat, mit lockigem Pagenkopf und westlicher Kleidung. Im Revolutionsjahr 1979 verschwanden sämtliche Melodien und Stimmen – bis auf religiösen Klagegesang, Märsche und später Klänge, die an klassische Musik erinnerten. Ajatollah Chomeini sprach wenige Monate nach seiner Ankunft im Iran davon, dass Musik die Jugend korrumpiere. Instrumente und Tonträger wurden beschlagnahmt, Musikunterricht verschwand aus den Lehrplänen, Konzerte und Auftritte wurden verboten. Revolutionswächter machten Jagd auf Kassetten und Schallplatten. Es dauerte Jahre, bis weltliche Musik zurückkehrte und singende Frauen verbotenerweise in sozialen Medien auftauchten. Lud eine Männerband eine Frau live oder im Studio zum Solo ein, riskierte sie ihr Recht, überhaupt Musik machen zu dürfen. Der Sologesang einer Frau ist nach wie vor illegal, denn er wecke unziemliche Gelüste und errege die Männer nur unnötig, wie die Revolutionäre und ihre Erben bis heute meinen.

Fatemeh Sepehris Vater hatte sich erst kurz vor der Revolution ein kleines, batteriebetriebenes Radio gekauft, das aber nur er selbst an- und ausschalten durfte. Er brachte Zeitungen mit, wenn er von den Kundgebungen der Revolutionäre nach Hause kam. Es herrschte keine offene Atmosphäre, das Kind fühlte sich niemals ruhig und in Sicherheit. Als Fatemeh im Dorf ein Nachbarsmädchen zum Essen einlud und die Mutter das später entdeckte, wurde sie ausgeschimpft. Besuch wurde nicht geduldet, das Haus sollte «rein» bleiben. Monatelang schmollte und schwieg ihre Mutter. Das Beleidigtsein erträgt Fatemeh Sepehri bis heute nicht. Als sie wieder einmal ausriss, um einen Onkel zu besuchen, wurde sie verprügelt. Eine Episode, die die Erwachsenen dazu bewog, das vorlaut gewordene Mädchen, das nun offenbar einen eigenen Willen entwickelt hatte, zu verheiraten: «Sie ist groß geworden und muss zur Braut werden. Wem sollen wir sie geben?» Als Fatemeh Sepehri kurz nach der Revolution mit einem Cousin des Vaters verheiratet wurde, war sie fünfzehn Jahre alt. Man hatte sie nie gefragt. Nie tat sie ihre Meinung dazu kund. Ein Jahr später gebar sie ein Kind.

«Meine Kindheit war sehr schlimm. Aber mein restliches Leben auch.» Sie seufzt. «Es ist vorbei, wie auch immer es verlief. Es war bitter. So viel Strenge hatte ich nicht verdient.» Doch als einziges Mädchen mit sechs Brüdern aufzuwachsen bezeichnet Fatemeh Sepehri als Glück. Sie lächelt. Für sie alle, besonders aber für die zwei Kleinsten, die mittlerweile nicht mehr im Iran leben, ist sie mehr eine Mutter gewesen. Die Brüder – sie gingen alle zur Schule – warfen den Eltern später vor, der Tochter keine Wahlfreiheit, keine Chance auf Bildung gegeben zu haben: «Sagt es ihr jetzt, gebt es zu, sprecht offen, sie leidet darunter. Sagt ihr, dass Ihr nichts Schlechtes wolltet für sie!» – «Aber die Religion, die gab doch alles vor», wunderte sich der Vater. Er habe doch nur gemäß seiner väterlichen Pflicht gehandelt. Und die Eltern hätten Fatemeh doch geliebt.

«Es war, als ob Vater sein religiöses Programm herunterspulen musste», sagt Fatemeh in unserem Gespräch. «Ich selbst bin sehr überzeugt vom Islam. Aber eben nicht von allem, was sich Islam nennt oder zum Islam gemacht wird. Unmoralische Handlungen lehne ich ab. Zuallererst geht es um die Ethik, die die schiitischen Imame uns mitgegeben haben: Was ist gut und machbar für mich und folglich für meine Mitmenschen? Jetzt schweife ich ab, aber Hinrichtungen – das ist etwas, das mich wirklich quält. Es heißt, das stehe im Koran. Aber ich kann und will das nicht akzeptieren. Ein Leben, das Gott gegeben hat, darf nur von Gott genommen werden. Meine Eltern hingegen hingen den Auffassungen des herrschenden Systems an. Sie dachten, wenn der Prophet seine Tochter mit neun Jahren verheiratet hatte, müssten sie es ihm gleichtun.» Ihren eigenen vier Kindern wird Fatemeh Sepehri später nie sagen, was sie anzuziehen, wie sie auszusehen oder wann sie aufzustehen haben.

Der Krieg als Gründungsmythos der Republik

Das Eheleben dauerte nicht einmal zwei Jahre. Ihr Mann war wie ihr Vater angehender Mullah, fast sieben Jahre älter, aus einer Familie, die Schwiegertöchtern stets feindlich begegnete und ihnen verschlossen blieb. Die Teenagerbraut Fatemeh kaufte sich den Diwan des persischen Dichters und Mystikers Hafis sowie ein Kochbuch, Stifte und Hefte und las und schrieb. Aber ihre Ehe ließ es kaum zu, eigene Vorbilder zu suchen. Eine Tochter kam auf die Welt. Als der Revolutionsführer die Konterrevolution fürchtete und der Neutralitätserklärung der Armee misstraute, gründete er eine mächtige Schattenarmee, die er in der neuen Verfassung festschrieb. Fatemeh Sepehris Ehemann schloss sich dieser Miliz an und wurde Mitglied der Sepah, der Iranischen Revolutionsgarde. In Torbat-e Dscham, südlich von Maschhad an der afghanischen Grenze, war er verantwortlich für das Personal und besuchte seine Frischvermählte nur noch alle zwei Wochen. Dann sagte er ihr, er wolle an die Front, in den Krieg gegen den Irak. In seinem Verständnis war die Unterdrückung im Iran zwar überwunden worden, aber woanders gehe sie weiter, angeblich quäle sie die Schiiten überall. Deshalb müsse die Flamme der Revolution auch ins Ausland getragen werden.

Der Angriff Saddam Husseins auf den Iran im September 1980 und der darauffolgende Krieg waren in den Worten des iranischen Führers ein Segen Gottes. Seine neugegründete Vorhut, die Revolutionsgarde, kämpft bis heute im In- und Ausland gegen die «Arroganz» – eine Chiffre für die westliche Welt. Die Garden brauchen den Krieg, damals wie heute, ob im Irak oder in Syrien, als revolutionären Treibstoff für ihre Selbstlegitimation und ihr Selbstverständnis. In den acht Jahren der Kämpfe sagte Chomeini immer wieder, dass der Iran seine Revolution mit dem Krieg in die Welt exportiere, den revolutionären Islam auf dem Schlachtfeld verwirkliche, dass der Iran mit dem Krieg die Wurzeln seines revolutionären Baums gestärkt, die zwei Großmächte Sowjetunion und USA besiegt und gar den Triumph Palästinas ermöglicht habe.

Der Krieg – ein Segen, eine Leidenschaft: Krieg, Krieg – bis zum Sieg!