Irgendwie so total spannend - Wolfgang Kemp - E-Book

Irgendwie so total spannend E-Book

Wolfgang Kemp

0,0

Beschreibung

Der öffentliche Sprachgebrauch schwankt permanent zwischen vagen und starken Aussagen, zwischen »irgendwie« und »absolut«, »ein bisschen« und »total«. Das locker Dahingesagte ist an das meinungsstarke Superlativische gekettet. »Umgehungsdeutsch« und »Ultradeutsch« haben sich längst in Podcasts und sozialen Medien, aber auch Gesprächsformaten in Funk und Fernsehen durchgesetzt. Das führt oft zu unfreiwilliger Komik, wie Wolfgang Kemp an vielen Beispielen zeigt. Mit den Widersprüchen im agilen Sprachwandel von unten korrespondiert allerdings das entschlossene Sprachdiktat von oben. Das »woke« sensibilisierte und gegenderte Deutsch ist als neues Kanzleideutsch aus den Verwaltungen hervorgegangen und wird unnachgiebig durchgesetzt. »Korrektdeutsch« findet zu Wortschöpfungen wie »Sprachaktteilnehmende« für Sprecher. Diesen Prozess beleuchtet der Autor und sorgt für ein: »irgendwie so total spannendes« Leseerlebnis.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



WOLFGANG KEMP

Irgendwie so total spannend

Unser schöner neuer Sprachgebrauch

Wolfgang Kemp, geboren 1946, war Professor

für Kunstgeschichte in Kassel, Marburg und Hamburg. Seit seiner Emeritierung lehrt er an der Leuphana Universität Lüneburg. Er hat zahlreiche Publikationen zur Kunstgeschichte, Architektur und Fotografie vorgelegt und schreibt regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften. 2018 wurde ihm der Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie sowie der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen. Bei zu Klampen sind von ihm erschienen:

»Der Oligarch« (2016) und »Der Scheich« (2018).

Inhalt

Teil 1Unsere Partikeln

So

Neues und Altes aus den Funkhäusern

Podcasts: free play, free speech

Podcast: die ersten Schritte

Podcasts: Sprache unter den Bedingungen eines Nebenbei-Mediums

Die Klagen der anderen

Partikulitis: Fragen Sie Ihre Linguistin oder Linguisten

Like, linguistisch

Like, kulturhistorisch

Sozusagen, die Endlosschleife

Teil 2Unsere neue Sprachräson

Eingriffe in die DNA des Deutschen

Sprache in der verwalteten Welt

Ex officio: gegenderte Sprache

Der Tanz ums Gerundium

Entgendern: Nennen Sie das Amt, nicht die Person

Der Auftritt der Platzhalter

Wording

Ein Besuch im Ödland

Fürsorge für Fürwörter

Fürsprache mit Pause: in den Tiefen des Glottisschlags

Der Interpret wird beinahe überflüssig

Aus den Papieren eines Unsensiblen

Teil 3Unsere Adjektive

Wörter der Für- und Vorsorge

Adjektive der Spitzenklasse

Unsicher und ambivalent: die Qualitäten »unserer ästhetischen Kategorien«

Die lauen Wasser der Sprachquelle Kunstbetrieb

Adjektive in den sozialen Netzwerken

Emotica, unsere Gefühlsmatrizen

Meine Favoritin Vanessa

FazitDie Invasion der Marker

EpilogAbstreichende Lummen

Literaturhinweise

Impressum

Teil 1Unsere Partikeln

So

Neulich im Deutschlandfunk Kultur in einem Bericht über eine Ausstellungseröffnung ein kleiner harmloser Satz: »Das hat so wie so eine Einführung funktioniert.« Zweimal »so« zur Regulierung einer Aussage in acht Worten? Deregulierung wäre korrekter, denn es werden die gut verständlichen Wörter »funktionieren« und »Einführung« erweicht, ins Unbestimmte abgelenkt. So so! – diese uralte Reaktion ist das resolute Gegenstück zu »so wie so eine«, das in Richtung des defätistischen »sowieso« geht.

Wir begeben uns auf eine so-ziolinguistische Tour und hören weiter Deutschlandfunk Kultur. Als nächstes einen Podcast, ein Gespräch zwischen der Moderatorin, einem Literaturkritiker und einer Literatursoziologin von der Universität Basel, Länge 45 Minuten, Thema ein berühmter deutscher Schriftsteller und seine »Haltung«, vor allem »Sprachhaltung«. Wir merken sofort, das »so« ist pandemisch. »So« ist das neue »Äh« oder »Ähm«. Das funktioniert – die drei hinter dem Mikrophon würden sagen: »total«. Die Sendung beginnt mit der Präsenzformel: »Weil irgendwie in der Welt so viel los ist«, aber die Umkehrung von »so viel«, das »so ein bisschen«, ist ebenso oft vertreten, »auch so eine Figur« meint dagegen den Schriftsteller, und »das war so’ne Zeitschrift« erinnert an die Zeitschrift »Tumult«, die hatte »so’ne rechte Identität«, das kommt gleich hinterher. Die primäre Funktion des So-Sagens ist die phatische. Die Sprecher vermeiden das »Äh« oder »Ähm«, sie halten den Sprachfluss am Laufen. In sekundärer Hinsicht entscheiden sie sich für eine anspruchslose, nicht autoritäre Geste, sie wollen etwas nur andeuten: »Ich komme so ein bisschen von der Kritischen Theorie«, gesteht die Literatursoziologin. Das »so« könnte an dritter Stelle dann doch noch eine Spur von Sachgehalt in sich bergen. Das »so« als Garant einer großen Ökumene, in der ein jedes Ding einen Schwarm um sich hat. Das »so«, das streut.

Das »so« ist aber nur das Leitwort einer großen Familie – in der Sprache der Sendung: »einer ganz großen Menge« – von verbalen Weichmachern. Die erste und fatalste Ansteckung finden wir in der Proliferation des Wortes »sozusagen«: »Ich glaube, dass sozusagen …«, »sozusagen zutiefst beunruhigt«. In der Sendung gefühlte 50-mal, oft zwei Vorkommen in einem Satz. Fast schon vorlaut wirkt dagegen die benachbarte Wendung »sag ich jetzt einmal«. »So« und »sozusagen« konkurrieren mit dem ubiquitären »irgendwie«: »einen Schriftsteller, der irgendwie …, sollte man irgendwie in Verbindung bringen mit …« Und in diese Familie sprachlicher Luschen gehört auch das Wort »ein Stück«: »Leserinnen haben sich auch ein Stück vertreten gefühlt.« Doch wir möchten das Wort nicht gänzlich verdammen, »ein Stück« sagt zwar nichts, aber es bewahrt im Flatland der »Sozusagen«-Sprache noch ein, ja: Stück Kernigkeit.

Neben dieser ebenso unscharfen wie devoten Sprachspur läuft »die ganze Zeit« eine zweite, gegensätzlich kodierte Redeweise mit. In ihr sind wie selbstverständlich Floskeln der Absolutheit ins Sprachspiel gemischt – »clare et distincte«, »klar und deutlich«, hätte der alte Descartes gesagt, der den Absolutismus noch erlebte. »Absolut« ist eines der Trendwörter, genauso wie »ganz«, »total«, »genau«, »immer«, »auf jeden Fall«, »alles«. Aus der Sendung: »Das sind jetzt alles Sachen«, »ganz genau« oder – man beachte die Synthese von ungenau und bedingungslos – »auf jeden Fall würde ich sagen« – ein Oxymoron, dessen Verquastheit man seinen Urhebern wohl nicht erklären kann. Versuchen wir es trotzdem noch einmal und nehmen das Zitat: »Spannend wäre zu fragen, warum sozusagen …« – das reimt sich, Respekt, doch auf der Straße vor dem Funkhaus würden die Leute sagen: »Spannend und sozusagen, hallo, geht’s noch?« Aber die haben noch nicht mitbekommen, dass man auch »finde ich ziemlich sehr spannend« sagen kann. Ja, absolut.

Wie gehören die beiden Extreme zusammen: der Jargon der Uneigentlichkeit, das »Es gibt da auch irgendwie so eine« und die neue Apodiktik des »ganz genau«? Die fortgesetzte Niederlegung des Einstiegsniveaus erzeugt eine Art von Kammerton oder Rauschen, dessen atmosphärischer Sinn immer dann explizit wird, wenn ein neuer Redner anfängt: »Interessant, dass du das ansprichst«, »Das macht sehr viel Sinn, was du gerade sagst«, »Ganz spannend, absolut«, »Super, total gut«. Diese Wohlfühl- und Wertschätzungssignale, vergleichbar dem »Sehr gerne« am Schluss eines Interviews, laufen zwar genauso phatisch durch wie das tiefgelegte »sozusagen« oder »irgendwie«, aber als Streicheleinheiten können sie auch ins Absolute gesteigert werden. Der Mann im Podcast-Trio hatte gegen Ende sich zu der Anschauung bekannt, dass »etwas [!] nicht nur Literatur und Lesestoff ist«, sondern »Einfluss darauf hat, wie wir uns denken und wahrnehmen«, und die Moderatorin nannte dieses Fazit »das schönste Schlusswort«, das jemals in ihrer Sendung gesprochen wurde – es war die Nummer 128. Wir dürfen sagen, wir sind dabei gewesen. Der Ausruf »Es ist schon Wahnsinn« sei noch nachgetragen, aber er wurde an einer anderen Stelle geäußert.

Wir sind jetzt irgendwie ein bisschen abgelenkt worden, denn wir wollten ja klären, wie die neue Zweisprachlichkeit zu deuten ist. Ihre Anwender würden wir in ihrer Sprache zunächst einmal fragen: Fühlt sich der Doppelsprech für euch richtig an? Die Literatursoziologin von der Universität Basel würden wir mit der These konfrontieren: Die wiederholte Humilitätsgeste (»Man könnte sagen«) und die eingesprenkelten Sympathiekundgebungen (»Schön, dass du da bist«) schaffen den sicheren Raum (safe space), in dem die letztgültigen Wahrheiten (»ja absolut«) eingesetzt werden – safe heißt: ohne Diskussion im Sinne von Auseinandersetzung, heißt: ohne die Anstrengung einer Begründung, heißt: ohne Beweismaterial und Analyse. Da das Thema eine literarische Haltung und obendrein eine männliche war, konnte die Übereinstimmung im moralischen Urteil vorausgesetzt werden, und die Literatursoziologin, die nicht nur ein bisschen von der Kritischen Theorie herkommt, sondern auch an Klaus Theweleits Projekt »Männerphantasien« von 1977 festhält, hatte in gedruckter Form ohnehin schon den Bewertungsrahmen (»Gefällt mir nicht …«) vorgegeben. Eine mehrfache Sicherung war also garantiert: erst durch Selektion der Teilnehmer und in der Sendung durch angewandte Lob- und Humilitätskultur. Das fühlte sich also innen sicher richtig an und irritierte gleichwohl den Außenstehenden, dem man auch ein Gefühl unterstellen darf, durch diese Ubiquität des Widersinnigen. Aber er hatte begriffen, dass diese Gegensätze einander dringend bedürfen, sollen sie als die Antriebszellen eines neuen phatisch-moralischen Kontinuums funktionieren. Man könnte jetzt die alte Rundfunk-Redewendung gebrauchen: Das versendet sich doch. Aber um einmal von den Inhalten zu sprechen: Das »irgendwie« oder »so« legt sich wie Mehltau über Aussagen, die Sachaussagen sein könnten und die Darstellungsfunktion der Sprache nutzen. Hans Blumenberg täuschte sich, als er befand: »Nie […] ist die Sprache ›frei‹ genug, um ganz der Spontaneität des expressiven Subjekts verfügbar zu werden.« Dieser Endpunkt scheint nun erreicht. Objektivierung kommt einem plötzlich wie eine Utopie vor. Objektivierung ist das Gegenteil von »ganz genau« oder von »Ich bin da ganz bei dir«.

Noch richtet sich ein solches Vorgehen in dem Moment selbst, in dem man angibt, was sein Betreff ist. Hinter den Redewendungen »auch so eine Figur, die so …« oder »auch so eine Art von Enfant terrible« sollen wir uns Ernst Jünger vorstellen, welcher, um es genau zu sagen: »gerade da so irgendeine Anschlussfigur« ist. Ihm galt die Sendung »Überall Krise: Kann Ernst Jünger was dafür?« (Welche Krise? Wir hätten da einen Vorschlag.) Die zuständige Podcast-Serie des Deutschlandfunk Kultur trägt den Titel »Lakonisch Elegant«, wozu an dieser Stelle kein Kommentar abgegeben sei, und am Ende bekundete die Leiterin der Sendung ihre »Abneigung« gegen Jünger, die anscheinend schon vor Beginn feststand. Und mit der sie nicht alleine gelassen wird, auch dieser Hörer »ist ein Stück weit bei ihr«, wenn auch aus anderen Gründen. Aber hören wir, wie lakonisch elegant ihr die Schlussabrechnung mit »dem, wofür Jünger steht«, gelingt:

»Aber ich komme nicht darüber hinweg, dass es mir auf eine gewisse Art und Weise also erst mal wie anfänglich unsympathisch und dann mir nicht passend und dann auch ein bisschen gruselig vorkommt, wenn man an diese Figur anknüpfen muss, in entweder seiner Gesättigtheit oder seiner Überforderung oder seiner gesellschaftlichen Kritik, darüber komme ich nicht hinweg.«

Wir kommen unsererseits nicht darüber hinweg, dass wir in diesem Moment dachten, man sollte die Ausgabe unserer Rundfunkgebühren nicht nur dann kritisieren, wenn es um Massagesessel geht.

Neues und Altes aus den Funkhäusern

Meine Sprachkritik veröffentlichte die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« im November 2022. Damals war der Tatbestand, auf den der letzte Satz anspielt, noch in vieler Munde. Nicht beim Deutschlandfunk, aber beim benachbarten Radio Berlin-Brandenburg hatte die Chefetage sich großzügig selbst ausgestattet, mit Geld und unter anderem mit Massagesesseln. Das wird bald vergessen sein, der Umgang mit einem anderen öffentlichen Schatz, dem Wortschatz, bleibt ein aktuelles Thema.

Die intensive Befassung mit Hochkultur in dieser Sendung des Deutschlandfunks Kultur löste die Erinnerung an die vermutlich einzige Geschichte in deutscher Sprache aus, in der über einen Radiosender und über Arbeit an der Sprache erzählt wird: Heinrich Bölls »Doktor Murkes gesammeltes Schweigen« von 1955 (zweite Fassung 1958). Das fiktive Funkhaus hat auch in der Chefetage an Annehmlichkeiten nichts zu bieten, aber ein Detail seiner Inneneinrichtung wird zum Dingsymbol gemacht: der Paternoster. Wer diese Geschichte gelesen hat, erinnert das altertümliche Personenhebewerk und vielleicht auch, dass Dr. Murke bis zum oberen Wendepunkt fährt, um mit leichtem Kitzel die Umsetzung in die Abfahrtsrichtung durchgeschüttelt »mitzunehmen«. Man darf den ständigen Umlaufbetrieb des Aufzugs und die von ihm beförderten Kabinen getrost als Symbol für den kontinuierlichen Sendebetrieb und seine Aufteilung in Sparten deuten. Von einem Vorgang in einer solchen, genannt »Kulturelles Wort«, handelt Heinrich Bölls Erzählung. Der dort tätige Doktor Murke hat die Anweisung, das Wort »Gott« aus einem Rundfunkvortrag 27-mal zu tilgen und durch die Wendung »jenes höhere Wesen, das wir verehren«, zu ersetzen. Was von ihm verlangt wird, steht scheinbar in einer uralten Tradition, zumindest im jüdisch-christlichen Kontext. Aus Ehrfurcht vor dem Namen Gottes entschied man sich für vermeidende Schreib- und Sprechweisen: JHWH, Adonaj, ha-Schem, Hak.B. H. sind derartige Ersatzbenennungen im hebräischen Sprachraum. 1955 war jedoch nicht mehr Gottesfurcht, sondern eine Neujustierung des »Kulturellen Worts« der Antrieb dafür.

Die Anordnung, das Wort Gott zu ersetzen, kommt vom Intendanten und entspricht dem Wunsch des mit ihm befreundeten Autors. Professor Bur-Malottke, so der Name, ist ein öffentlicher Intellektueller, der nahe am Zeitgeist operiert und so auch selbst unter dem Zwang zur Selbstaktualisierung steht. 1945 hatte er, von anderen Göttern verlassen, sich zu dem einen Gott bekehrt und sich angewöhnt, von diesem Ursprung aus alles zu denken. So auch in dem bereits aufgenommenen, zweimal halbstündigen Vortrag über das Wesen der Kunst: »Wo immer, wie immer, warum immer wir das Gespräch über das Wesen der Kunst beginnen, müssen wir zuerst auf Gott blicken, müssen wir uns in Ehrfurcht vor Gott beugen und die Kunst dankbar als ein Geschenk Gottes annehmen.« Der Autor fühlt sich »über Nacht«, wie er dem Intendanten erklärt, »mitschuldig« an der »religiösen Überlagerung des Rundfunks«. Man hat diese Revision als einen Rückfall des Professors in seine vor 1945 angesagte Distanz zu allem Religiösen interpretiert. Bur-Malottke möchte aber nicht zurück, sondern ganz aktuell sein und an die relativ neue Zivilreligion des Existentialismus anschließen, der nach Adorno gerne Wörter benutzt, »die klingen, als ob sie Höheres sagen, als sie bedeuten«, und in diesem Fall den Solitär Gott durch eine gewählte Floskel ersetzen: »jenes höhere Wesen, das wir verehren«. Damit sind das »ständige Tremolo« und die »präfabrizierte Ergriffenheit« des »Jargons der Eigentlichkeit« gesichert, doch tritt nun das »höhere Wesen« in eine Konstellation mit dem »Wir«, das Autor und Hörergemeinde überwölbt, und so beginnt, noch rhetorisch eingenebelt, der Weg, der zu unserem Podcast führt: An dessen kaum zu steigerndem Ende bildet sich das große »Wir« realiter in der Kleingruppe der drei Dialogpartner ab, und im Äther wird ihm auf eine Weise vorgesprochen, die niemanden mehr ausschließt.

Zwei Dokumente aus über 50 Jahren Rundfunkgeschichte stellen wir so zusammen, zwei Annäherungen an Kunst und ihre Urheber, zuerst an ein verehrtes, dann an ein verachtetes »höheres Wesen«. 1955: »Wo immer, wie immer, warum immer wir das Gespräch über das Wesen der Kunst beginnen, müssen wir zuerst auf jenes höhere Wesen blicken, das wir verehren, müssen wir uns in Ehrfurcht vor jenem höheren Wesen, das wir verehren, beugen und die Kunst dankbar als ein Geschenk jenes höheren Wesens, das wir verehren, annehmen.« 2022: »Aber ich komme nicht darüber hinweg, dass es mir auf eine gewisse Art und Weise also erst mal wie anfänglich unsympathisch und dann mir nicht passend und dann auch ein bisschen gruselig vorkommt, wenn man an diese Figur anknüpfen muss, in entweder seiner Gesättigtheit oder seiner Überforderung oder seiner gesellschaftlichen Kritik, darüber komme ich nicht hinweg.«

An Bölls Text bemerkt man zuerst die Wiederholungsstruktur, die sich mit den drei Initialen »Wo immer, wann immer, warum immer« ankündigt und dann in den drei Verpflichtungen geradezu unbarmherzig durchexerziert wird, ein dreimaliges Müssen, das dreimal »jenem höheren Wesen, das wir verehren«, dient. Man darf erneut an den Paternoster und seine Kabinen denken. Auch den Text füllt Böll in solchen vorstrukturierten Boxen ab. Wollen wir weiter vergleichen, dann würden wir den zweiten Text ein Laufband nennen, einen horizontalen »Word Mover«, der in der Bewegung finden will, was er »eigentlich« sagen möchte. In Bölls Text strukturieren Syntax und Wiederholungen kräftig durch, im zweiten kann ein Teilsatz sich schon mal an 26 Wörtern entlanghangeln und auf diese Weise eine endlos erscheinende Intentionsebene auslegen. Das Kuriose und »irgendwie Gruselige« ist nur, dass der lange Satz strukturierende Wiederholungen (zweimal »ich komme nicht darüber hinweg«) und gliedernde Adverbien und Konjunktionen (»erst mal – dann«, »entweder – oder«) einsetzt und doch völlig aus dem Leim geht. Woran das liegt, müssen wir in einem der nächsten Kapitel ergründen. Was die vordergründige Motivation angeht, scheint die Sache klar.

Diesem stillosen Stil des linearen Sprechens möchte man mit zwei englischen Begriffen zur Seite stehen: Er simuliert open access, und er garantiert zugleich, was in der Soziolinguistik floor holding heißt – volkstümlich ausgedrückt: The open mike is my mike. Diese Sprachform ist weitverbreitet. Die Idiosynkrasie des Idioms kann man daran erkennen, dass sie gegen den Zwang zur Ökonomie handelt und keinen Selektionsdruck zu kennen scheint. Wie gesagt: 26 Wörter, ein Teilsatz. Haben wir hier eine neue Entwicklungsstufe in der Geschichte des deutschen Satzbaus erreicht? Ist der historische Weg »von der expliziten zur komprimierten Sprache« (Peter von Polenz) damit abgeschritten? Geht es wieder zurück, oder bereitet sich eine neue Gangart vor? Für Antworten ist es noch zu früh, aber der Fragenkomplex sei schon einmal auf der Agenda eingetragen.

Wir haben noch nicht genauer von Dr. Murke gesprochen. Böll lässt den Mann, der »canceln« muss, zwei sehr moderne Dinge tun: Murke sorgt dafür, dass die Schnipsel mit Gott neue Verwendung in einem Hörspiel finden (Montage), und er lässt sich aus Schnipseln mit lauter Schweigen ein Band zum eigenen Gebrauch herstellen – als Antidotum zu dem Gerede, das er täglich verwalten muss (Absurde Kunst). Den Quälgeist Bur-Malottke quält Murke zurück, als Gewissen der quälend korrekten Sprache. Er besteht darauf, dass Bur-Malottke die neu einzusetzenden Textstellen mit dem richtigen »kasualen Bezug« einspricht. Für den Genitiv muss er sagen: »jenes höheren Wesens, das wir verehren«, für den Dativ: »jenem höheren Wesen, das wir verehren« usw. Diese Partikeln werden aufgenommen, ausgeschnitten und in den von »Gott« bereinigten, alten Text eingesetzt.

Wie hier die Rede auf einen neuen Stand des Zeitgeistes gebracht wird, erinnert an gegenwärtige, technisch wie ideologisch avancierte Verfahren des Sprachaustauschs. 1955 ließ der Intendant das Hörstück durch einen Redakteur, einen Tontechniker und einen Autor umbauen – mündlich, Hand anlegend, Geräte benutzend, materielle Reste hinterlassend. 2021 findet eine Ministerin im Rechner den Entwurf einer Pressemitteilung ihres Hauses, und sie antwortet dem Schreiber persönlich mit der Weisung: »Bitte noch gendern: CampingplatzbetreiberInnen. Ansonsten Freigabe.« Obrigkeit lässt nicht mehr dem Fall (casus), sondern dem Geschlecht (genus) sein Recht zukommen. Würde die Ministerin heute dem Funkhaus vorstehen, würde ihre Mail lauten: »Erwarte zeitnah Vorschläge zur Umbenennung von Paternoster.«

Im zweiten Teil wollen wir uns diese Art der Sprachregelung vornehmen. Aber es sei schon als Vorbereitung auf das Kommende die Maschinenabhängigkeit aktueller Sprachregelungen belegt, die eine neue Schreib- und Denkweise fordern. Es geht noch einmal um »jenes höhere Wesen«. Queere Theologie hätte mit dem Neutrum »das Wesen« an Stelle von »der Gott« eigentlich zufrieden sein können, aber eine ihrer Vordenkerinnen findet einen anderen Ersatz und kritische Worte für ihr Fach: »Durchgehend ist eine hegemoniale Männlichkeit, die sich zum Beispiel in der Bezeichnung von G*tt als Vater, Sohn und Heiliger Geist ausdrückt. Queere Theologie schaut mit einem anderen Blick auf das Wirken G*ttes und das biblische Zeugnis darüber.« Wir waren oben schon auf die vermeidenden Schreibweisen des Wortes Gott zu sprechen gekommen. Anders als im Hebräischen (und als Professor Bur-Malottke) haben in unseren Breiten sehr vorsichtige Menschen nicht zu umständlichen Umschreibungen, sondern ins Typenregister des PC gegriffen. »G-d« wäre der schmalbrüstige Ersatz im Englischen, im Französischen kann man »Dieu« durch folgende Varianten substituieren: »D.ieu«, »D-ieu«, »D’ieu« oder »D.eu«. Nun schaue man zurück auf die Sprachregelung einer Queeren Theologie: G*tt zu schreiben, ist nicht Zeichen von Ehrfurcht, sondern Appropriation für Trans- und Genderzwecke. Das kann man auch korrekter ausdrücken: Das Sternchen soll queer- und gendersensibel »gelesen« werden. Den Asterisk gab es auf der Schreibmaschine nicht. Er kam in allgemeinen Gebrauch mit dem Taschenrechner und dem PC, und er bleibt ein Schriftzeichen und kein Sprachzeichen. Den kurzen Textausschnitt haben wir einem Interview entnommen. Man mag sich nicht vorstellen, wie der Asterisk in G*tt ausgesprochen geklungen hätte. Natürlich ist der Stern eine nachträgliche Redaktion. Es gilt das mit dem PC geschriebene Wort. G*tt wirkt wie Gott mechanisch perforiert. Nietzsche hatte das noch mit der Hand gemacht.

ER jedoch hatte, um das nicht unerwähnt zu lassen, Seinen Namen schon ganz früh Moses diktiert – und fand wie auch in anderen Dingen keine Gefolgschaft. »Ich bin, der ich bin«, so definierte ER sich selbst. Durch keinen Platzhalter zu ersetzen, durch keinen Redakteur seiner lebendigen Stimme zu berauben, das wollte ER damit sagen.

Podcasts: free play, free speech

Dr. Murke muss Gott dem Satzbau anpassen, wenn er »jenes höhere Wesen« auf den »kasualen Bezug« einstellt. Wir kennen den kausalen Bezug, den »kasualen Bezug« dürfte Dr. Murke bzw. Böll erfunden haben. Aber wenn wir noch einen Moment bei »kasual« bleiben: 1955 ist der Prozess schon im Gange, der erst in den USA und bald darauf in England einen subkulturellen Stil herausbildet, der es uns heute erlaubt, Sneaker auch im Theater zu tragen und nicht nur in der Arena oder im Fitness-Studio. Casual style ist das Wort, Freizeitmode seine geradezu profane Übersetzung und eine falsche obendrein. Casual bedeutet »ungezwungen, locker, informell, lässig«; es kommt vom lateinischen casualis, einem sehr seltenen Wort, das eher vom Zufall als vom Fall abhängige Sachverhalte qualifiziert. Der Vortrag vieler Podcasts und so auch das Parlando in »Lakonisch Elegant« soll als »entspannt«, genauer: als »total entspannt« wahrgenommen werden, er ließe sich anspruchsvoller aber auch als »spontan« und »authentisch« lesen und kann jederzeit auf den Modus Bescheidenheit herunterfahren – Signalwort: »ein bisschen«. »Sich gefühlsmäßig zu öffnen«, ist eine weitere Option. In der Abbindung, wie es im Rundfunkdeutsch heißt, entlastet sich das Gemüt der Kritikerin Ernst Jüngers durch Wörter wie »unsympathisch«, »nicht passend« und »ein bisschen gruselig«.

»Lakonisch Elegant« ist ein Podcast. Es gibt eine Menge ganz anders gearteter Podcasts. Sie funktionieren wie Hörspiele oder Radiofeatures. Unter ihnen sind viele, die hohe Qualitätskriterien auch im Sprachgebrauch erfüllen. Wir konzentrieren uns auf das Genre, das Laber-Podcast heißt. Das ist zwar ein eingeführter Terminus, aber weil er so verächtlich klingt, sagen wir noch hinzu: Diese Podcasts sind der Beitrag unserer Zeit zur Tradition des Dialogs, der »lebenden und beseelten Rede«, wie es im »Phaidros« heißt, einem Dialog, der bekanntlich über das Medium der Schrift nichts Gutes zu sagen hat. Im Laber-Podcast wird aus casual ein Gesamtprogramm.

Aber weil wir gerade bei Plato bzw. Sokrates sind: Haben die Theoretiker, die den »Phaidros« als die erste Medientheorie lesen, jemals auf die zwei, drei Seiten Vorrede Bezug genommen, in der