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Eine aufgeklärte Welt, könnte man meinen. Unzählige esoterische Vorstellungen, Glaube und Aberglauben, Okkultismus bis zum Ritualmord. Die reale Welt ist für viele zu kompliziert und bietet wenig Trost an. In den urbanen Steinwüsten wachsen keine vierblättrigen Kleeblätter mehr und in den computergesteuerten Mastbuchten warten die Glücksschweinchen auf ihre Schlachtung. Eine übersinnliche Scheinwelt dagegen erscheint rosig und formt alles nach Wunsch. Auch für Sie? Lässt sich irrationales Denken und Verhalten ergründen? Wohl nie ganz, aber vielleicht ein bisschen, hier in diesem Buch.
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Vorwort
Das Leben als irrationales Märchen
Intelligenz und Weisheit
Intelligenz technisch
Dumm, intelligent, schlau oder weise
Irrationales und Evolution
Tatsachen
Evolutionsvorteil durch Aberglauben
Übernatürliches: ein paar Begriffe
Aberglaube
Glaube
Irrglaube
Übersinnliches
Schamanismus, Voodoo und Zauber
Wahn und Wahnsinn
Esoterik
Psi-Phänomene
Okkultismus
Magie
Spiritismus
Mystik
Von rational nach irrational
Rational
Antrieb und Wege zum Irrationalen
Vermuten, ahnen oder glauben
Dummheit als Wegweiser zum Unsinn
Selbstbewusstsein und Egoismus
Aberglaube als Trost
Tradition festigt Aberglauben
Bauchgefühl und Intuition
Aus dem Bauch heraus
Intuitiv
Wissensfortschritt durch Intuition und Gefühle
Angst als Nährboden für Aberglauben
Macht durch Wahn und Aberglauben
Die Gruppe im Aberglauben
Machtmissbrauch Einzelner
La forza del destino
Was treibt Jugendliche zum Okkultismus?
Blick zurück ins Reich der Toten
Wunschdenken
Totenkult
Tote als Wegweiser
Reinkarnation für ewiges Leben
Die Zukunft – eine Knacknuss
Die wundersame Kristallkugel
Drang nach Klarsicht in die Ferne
Hellsehen, eine Gabe Vieler
Zukunft aus Sicht zweier Dichter
Die weisen Sterne
Astrologie, eine Frauendisziplin?
Sterndeuter im Laufe der Zeit
Was sagen die Sterne?
Ein Denker und die Sterne
Weissager-Sprache und Barnum-Effekt
Trickreiche Sprache
Barnum im Alltag
Drang nach Magie – eine Auswahl
Das ach so langweilige Leben
Spiritistische Sitzungen
Magie ist schick
Handlesen
Graphologie
Magie in der Landwirtschaft
Magischer Reis
Hufeisen
Amulette, Talismane und Reliquien
Heiliger Antonius
Magische Sieben
Allmacht des Unbewussten
Freud und die Psychoanalyse
Kritik – und der Umgang mit ihr
Hören, was man hören will
Unbewusstes
Arme Seele
Was ist die Seele?
Seelenarten nach Belieben
Wo finde ich meine Seele?
Kunst, Wegscheide zum Irrationalen
Was ist für Sie Kunst?
Magie in der Malerei
Magie in der Literatur
Magie im Film
Magie und Musik
Träume sind Schäume – wirklich?
Traumdeuter
Traumrealität
Traumsymbole
Stimmen zur Traumtheorie von Sigmund Freud
Fazit
Hexen
Die neuen Hexen
Hexenverfolgung
Flug auf dem Besen – heute und in Zukunft
Hexen-Einmaleins
Dem Tod entrinnen mit Blick ins Jenseits
Nahtoderlebnisse
Aug in Aug mit dem Tod
Geld und Wahn – Geld und Geist
Geld, der Götze namens Mammon
Wachstumswahn
Wirtschaftskapitäne
Volkes Glaube und Aberglaube
Entschuldigen durch Magie und Aberglaube
Ich bin nun mal halt so!
Aberglaube, der Lückenbüsser
Wissenslücken
Wissen erfinden: Do it yourself
Allwissender Kosmos
Fortschrittswahn
Heile Zukunft durch Technik
Vernunft und Verhalten
Durch Erfahrung klug?
Fortschritt durch Wissen und Erkenntnisse
Ist Okkultismus schädlich?
Droht Schaden? Wie? Oft?
Religion, Glaube und Aberglaube
Definitionen
Kennzeichen von Religionen
Glaube versus Aberglauben
Intelligent Design – Schöpfung oder/und Evolution
Bemerkungen zur Entstehung von Religionen
Religiöse Magie
Christentum und Magie
Exorzismus – Das Kreuz mit Teufel und Dämonen
Wundersamer Umgang mit Wundern
Rituale und Zeremonien
Heilsökonomie
Sekten und Sektierer
Missionieren
Theisten, Atheisten, Agnostiker, Possibilisten
Magische Medizin
Wer darf heilen? Wer soll heilen?
Religiös-magisches Heilprinzip
Traditionelles und magisches Heilen: eine Auswahl
Weitere wenig plausible, alternative Heilmethoden
Heilmedizin – magisch und brutal
Wahnhaftes Verhalten und Medizin
Placebo-Effekt: Glauben wirkt
Die Zeit läuft ab
Medizin und Spiritualität
Nachwort
Das Hirn ist zu kompliziert, um es kompliziert zu beschreiben!
Kernfrage dieses Buches: Wieso neigen Menschen zu irrationalem Denken?
Beim Durchackern okkulter und esoterischer Literatur traten bei mir zweierlei Gefühle auf. Einerseits empfand ich Verachtung und den Drang, den ganzen Plunder wegzuwerfen. Andererseits bekam ich Verständnis für Leute, die sich – aus welchen Gründen auch immer – mit der alltäglichen Realität nicht abfinden können und ihr Bewusstsein deshalb mit einer übersinnlichen Scheinwelt zu erweitern versuchen. Es obsiegte schlussendlich die Neugier, und so entstand dieses Buch, welches nach Erklärungen menschlichen Verhaltens sucht, eines Verhaltens, das ermöglichen soll, in magische, okkulte und irreale Sphären vorzudringen. Menschliche Denkweisen sind vielfältig, manchmal auch einfältig. Es gelang mir nicht, Verhaltensweisen nur sachlich-neutral zu betrachten. Das Werten und Urteilen oder sogar Verurteilen konnte ich nicht lassen. Leser und Leserinnen, welche zeitweise irrational denken und ein bisschen dem Aberglauben frönen, mögen sich nicht verletzt fühlen. Sie sollen wissen: Ein wenig Aberglaube ist offenbar normal! Meine Erklärungen für irrationales Denken sind erwartungsgemäss bruchstückhaft; viele Fragen bleiben offen und werden wohl – aller Hirnforschung zum Trotz – offen bleiben.
Meine liebe Vreny stand mir, wie gewohnt, als Lektorin inhaltlich und sprachlich bei. Dem Verlag BoD danke ich für die Unterstützung.
Kurt J. Gebistorf, im Herbst 2015
Glauben macht selig.
(Bibel, NT, Markus 16,16)
Aberglauben auch!
(Kurt J. Gebistorf)
Wenn von Irrwitz, Aberglaube, Übersinnlichem und Zauberhaftem die Rede sein soll, so gehören auch Märchen dazu. In uns allen schlummert ein wenig der Wunsch, unser Leben möge märchenhaft verlaufen. Wir spicken das Leben denn auch voll mit Märchen. Für mich haben die fettgedruckten Wörter in diesem Kapitel etwas Märchenhaftes an sich, für Sie vielleicht auch – oder auch nicht.
Wunderlich geht es angeblich schon lange vor unserer irdischen Geburt zu und her. Irgendwo „drüben“ soll es eine Art wandernde Seele mit Kenntnissen aus all unseren früheren Leben auf uns abgesehen haben, unser Karma eben. Diese „Seele“ wird, von der Hebamme oder vom Storch unbemerkt, bei der Niederkunft in uns eintreten, um fortan unser Wesen und unser Schicksal zu gestalten.
Wenig später schon werden wir sanft in den Schlaf gewiegt, worauf das Sandmännchen uns vorsichtig Sand in die Augen streut, wohl kaum in der Absicht, uns schon früh daran zu gewöhnen, falls uns später Geschäftemacher, Demagogen und Heilsversprecher Sand in die Augen streuen sollten.
Getrost schlafen lässt es sich auch, wenn man sich des Schutzes eines Geistes gewiss ist. Je nach Glaubensausrichtung bieten sich verschiedene Varianten an. Bei den alten Römern waren es die Laren oder die Penaten; bei mir war es: „Schutzengel mein, lass mich dir empfohlen sein. Tag und Nacht ich bitte dich, beschütz, regier und leite mich. Hilf mir leben recht und fromm, dass ich zu dir in den Himmel komm.“ Wehmütig blicke ich heute zurück: Zu schön, um wahr zu sein.
Beruhigend und schlafanregend wirken die wunderbaren Märchen, wobei nicht immer ein hundertjähriger Dornröschenschlaf erwünscht sein soll. Immerhin dürfen wir uns als Kinder, wenn auch nur für kurze Zeit, in einer heilen Welt fühlen. Die Brüder Grimm lassen immer das Gerechte und Gute obsiegen, zur Freude der Kleinen, die ja noch früh genug eines andern belehrt werden.
Taufe, Firmung, Konfirmation und ähnliche Rituale bestätigen die Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft, verbunden mit einem Versprechen ewigen Heils – regelkonformes Verhalten vorausgesetzt! Um dies auch der gesamten Gesellschaft zu offenbaren, wurden diese kirchlichen Initiationsrituale zu öffentlich-festlichen Ereignissen.
Neben rein unterhaltsamen Bräuchen wie Fasnacht und Halloween folgen abergläubische Initiationsrituale aller Art. Oft hängen diese mit der sexuellen Entwicklung (etwa Mannbarkeitsriten) oder mit der beruflichen Ausbildung zusammen. Eigentliche Stammesrituale zur Initiation sind in unseren Breitengraden praktisch verschwunden. Dagegen verwenden neu-religiöse Bewegungen (Wicca und ähnliche) hierzulande mystisch-geheimnisvolle Rituale bei der Neuaufnahme ihrer Mitglieder. Berufsabschlüsse werden gehörig gefeiert. Aber nur noch wenige Drucker-Lehrlinge glauben wohl daran, es bringe ihnen Glück für das berufliche Leben, wenn sie nach Lehrabschluss von ihrem Lehrmeister mit seinen Gesellen in einen Brunnen geworfen werden. Gautschen nennt man diesen Brauch. Mehr einen mythisch-rituellen Eindruck erwecken die noch vor allem in deutschen Landen üblichen Jugendweihen.
Das Versprechen fürs Leben in Form einer märchenhaften Hochzeit wird gerne gegeben, so gerne, dass es viele in ihrem Leben mehrmals tun. Der Lackschuhprinz trägt seine in unbeflecktes Weiss gekleidete Prinzessin über die Schwelle des neuen Heims. Er verdrängt dabei sein Wissen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Kampfscheidung grösser ist als eine lebenslange traute Zweisamkeit.
Mit dem Trott des Berufsalltags werden Sinnfragen unvermeidbar. Wozu alles? Warum so? Was soll das Ganze und wohin führt es? Da Antworten im realen Leben oft fehlen, ist der Schritt zu Esoterik und Aberglauben bald getan. Illusorische Bewusstseinserweiterung, wenn nicht mit Medikamenten oder Drogen, dann halt mit psychedelischer Esoterik.
Falls Ihnen der Talisman nicht das erhoffte Glück bringt, werden Krankheiten kaum ausbleiben und schlussendlich wird der Sensenmann vor der Tür stehen, was aber so schlimm auch wieder nicht ist, denn das Seelenheilversprechen des Glaubens ist ja immer noch gültig. Vielleicht gehören Sie zu den Auserwählten, die mit einem Nahtoderlebnis bereits einen Blick ins Jenseits werfen dürfen. Wie auch immer, Ihr Karma wird sich so oder so zur Seelenwanderung auf den Weg machen und bald werden Sie dank Reinkarnation wieder irgendwo auftauchen.
Der Lebensweg kann hart gepflastert oder unwegsam sein. Hie und da sind Stützen nötig, vielleicht Glaube an Märchen. Wahrscheinlich war es der römische Dichter Petronius (27–66 n. Chr.), welcher schrieb: „Die Welt will betrogen sein, also soll sie betrogen werden.“ Er hätte auch schreiben können: Der Mensch will betrogen sein, also betrügt er sich selbst. Alles also Lug und Trug? Nicht alles, aber vieles!
Ein bisschen Märchen darf und soll in uns Platz haben. Märchenglaube bewahrt einige sogar vor einem Absturz in ein depressives Loch. Allzu stark in eine Märchenwelt abheben hat aber auch seine Tücken. Kein Vogel fliegt so hoch, dass er nicht wieder runter kommt. Wer mit beiden Füssen auf dem Boden steht, stürzt weniger tief. Wer nicht immer wieder hart enttäuscht werden will, vergisst besser nicht die Realität, welche ja auch Schönes zu bieten hat. Die Realität verschleiern ist feige. Nachdenken – in einer normierten Gesellschaft eine der noch verbliebenen Freiheiten – ist alleweil erlaubt.
Mehr als ein Drittel der Menschen glaubt beim Auffinden eines vierblättrigen Kleeblattes an bevorstehendes Glück. Wie halten Sie es mit dem Rinderfutter Klee? Ich meinerseits versuche in diesem Buch, das Kleeblattsuchen durch Nachdenken zu ersetzen. Das Ziel wäre dabei, dem schier unergründlichen Hang des Menschen nach Esoterik, Glauben und Aberglauben auf die Spur zu kommen, ein vielleicht utopisches Unterfangen. Da Rationales oder Irrationales immer irgendwie auch mit Hirnleistung und Weisheit zusammenhängen, drängen sich vorerst einige Gedanken zu Intelligenz und Weisheit auf.
Intelligenz ist die kognitive Leistungsfähigkeit. Kognitiv etwas leisten heisst, einen Sachverhalt mit dem Verstand wahrnehmen, erkennen, überdenken und beurteilen.
Intelligenz sei messbar, sagt man. Zur Messung bieten sich viele Tests an. Einen allumfassenden Test gibt es nicht, weil es verschiedene „Intelligenzen“ gibt: logisch-mathematische, sprachliche, musische, emotionale und viele mehr. Was soll man nun genau messen? Oft will der Tester nur herausfinden, zu welcher höheren Bildung die Testperson fähig ist. Ein solcher Test erfasst nie und nimmer den ganzen Menschen.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist gerne vom Intelligenzquotienten, kurz IQ, die Rede, als ob es einen messbaren Wert im gleichen Sinne wie etwa das Körpergewicht, die Körpergrösse oder den Body-Mass-Index gäbe. Ein IQ ist von so vielen Faktoren abhängig, dass es ihn als allgemein verlässliches Mass gar nicht geben kann. Beeinflussende Faktoren sind, um nur einige zu nennen: schulisches Vorwissen, soziales Milieu, Selbstbewusstsein, Hemmungen, Angst. Ein erfahrener Psychologe wird den IQ als umfassenden Begriff nicht mehr verwenden, sondern eher von Teilbereichen der Intelligenz reden. Bevor er testet, wird er eine genaue Fragestellung fordern, um dann die gewünschte Fähigkeit zu testen. Obwohl es so viele wünschen, wird er keinen allgemeinen Intelligenztest, welcher alle Teilbereiche erfasst, anbieten.
Verwendet man den Intelligenztest und mit ihm den IQ, um unsere zukünftigen Eliten (Wirtschaftsführer, Manager, Lehrstuhlinhaber, Chefposteninhaber privater und staatlicher Art) bereits in der Ausbildung auszuwählen, so wird man vielleicht später ein böses Erwachen erleben. Irgendeinen Teilaspekt kann man mit einem Test erfassen; Charakterstärke, Glaubwürdigkeit und Weisheit entziehen sich aber leider den Testmethoden.
Gegen eine Testung von Schülern und Studenten in Ausbildung sprechen die Gefahren des Intelligenztests: Ein hoher IQ könnte die Test-person überheblich stimmen, obwohl vielleicht nur einer der Teilbereiche der Intelligenz zum hohen Resultat führte und deshalb die Überheblichkeit nicht nur unanständig, sondern auch schädlich wäre. Andererseits könnte ein tiefer IQ zu Mutlosigkeit führen und als schicksalshafte Entschuldigung für eine Fehlentwicklung dienen, obwohl gewisse Teilbereiche der Intelligenz sehr wohl zuliessen, ein zufriedenes berufliches und persönliches Leben zu erreichen. Bei der Ausbildung junger Leute darf man mehr Vertrauen in den gesunden Menschenverstand der Lehrpersonen haben als in abstrakte Testverfahren.
Die ganze Intelligenzprüftechnik hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Wollen wir unseren IQ überhaupt kennen? Ich jedenfalls bin froh, dass ich mich noch nie auf meine Intelligenz testen lassen musste. Trügerischer Stolz oder unberechtigte Scham blieb mir dadurch erspart. Insgeheim meinen wir ja eh alle, wir seien nicht dumm. Christian Morgenstern, der deutsche Dichter (1871–1914) sah es eher skeptisch, attestierte den Dummen aber immerhin ein fröhliches Leben, was er in seinem Gedicht „Die beiden Esel“ ausdrückte:
„Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:
‚Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!‘
Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben.“
Oft ist der spottende Narr, der scheinbare Tor, schlauer als seine Zuhörer.
Dummheit genau abzugrenzen, ist kaum möglich und selten sinnvoll. Vermindertes Denkvermögen in Grade einzuteilen, mag für die Invalidenversicherung und für Konzepte des Beratens und der Behandlung hilfreich sein. Meistens zeigt einem Menschen erst der Rückblick auf vergangenes Leben die eigene Dummheit auf – vorausgesetzt, er ist noch fähig und willens zur Selbstkritik. Uns allen fällt auf, wie oft sich „Intelligente“ dumm verhalten. Intelligenz schützt vor Torheit nicht. Was „dumm“ wirklich bedeutet, können wir eher fühlen als genau beschreiben. Schlimm wird es für uns dann, wenn sich Intelligente (Elite, Leader, Vorreiter) nicht nur dumm, sondern auch perfid und bösartig verhalten. Charakter lässt sich leider nur schwerlich testen.
Schläue kann ein Zeichen von Intelligenz sein. Glücklicherweise gelingt es aber auch dem „Dummen“, sich schlau durch die Welt zu schlängeln, besonders dann, wenn er Nischenfähigkeiten, die man im Intelligenztest nicht erfassen würde, zu nutzen weiss.
Ein Intelligenter oder Kluger wird gelegentlich zum Klugscheisser; ein Weiser wird dies nie.
Weise sein – ein wahrer Traum, im Rampenlicht vordergründig weniger gefragt als brillante Intelligenz, hervorragend aber geeignet für das Selbstwertgefühl. Weisheit, was heisst das schon? Die Definition im Lexikon ist unbefriedigend: tiefes Verständnis von Zusammenhängen der Natur, des Lebens und des menschlichen Verhaltens. Im Alten Testament der Bibel wird im ersten Kapitel des Buches „Die Weisheit Salomos“, auch „Buch der Weisheit“ genannt, die Weisheit als Lohn der Tugend bezeichnet. Hier bleibt die Frage, wer die Grundsätze der Tugend festlegt: ein Gott? eine Religion? der Staat? oder vielleicht am besten Jeder und Jede für sich selbst?
Die eigene Weisheit hängt stark von der Lebenserfahrung ab. Sie zeichnet sich aus durch Geringschätzung der vordergründigen Fragen des Zeitgeistes, durch Unvoreingenommenheit und durch eine vornehme Distanz zu den „Dingen“. Die Meisten halten sich für weise. Ob man andere für weise hält, entscheidet man nicht rational mit Definitionen, sondern intuitiv aufgrund von Empfindungen. Objektive Weisheit gibt es nicht; Sie und ich erachten vielleicht komplett verschiedene Menschentypen als weise.
Intelligenz und Weisheit sind nicht genau fassbar. Wissen kann man sich besorgen, Intelligenz und Weisheit nicht. Einen Klugen erstaunt es deshalb wenig, wenn im menschlichen Verhalten neben Rationalem auch Irrationales, Wirres oder Wahnhaftes auftritt.
Seit Menschengedenken halten Leute Übernatürliches für wahr. Sie versprechen sich Glück vom vierblättrigen Kleeblatt, befestigen Hufeisen am Kühlergrill des Autos, meiden die Zimmernummer 13 im Hotel oder zeigen der dunklen undurchschaubaren Zigeunerin die Handinnenfläche. Auf der Suche nach ewigem Glück konstruieren sie sich einen Himmel, voll von Engeln und Jungfrauen. Aber auch Heulen und Zähneknirschen in brütender Hitze fehlen nicht in den menschlichen Hirnen. Der Glaube – oder besser Aberglaube – an Irrationales findet sich weltweit und in allen sozialen Schichten. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen esoterischem Irrglauben und (vermeintlich) messbarer Intelligenz. Zwar zeigten Untersuchungen, dass Leute mit hohem Bildungsstand etwas weniger anfällig für Aberglauben sind, aber auch pensionierte Astrophysiker können – genauso wie verkommene Clochards – Jenseitsvorstellungen und Esoterisches unter ihrem Schädeldach lagern. Es finden sich auch aufgeklärteste Intellektuelle, die von irgendeiner „höheren Macht“ reden und in Anbetracht eines bevorstehenden Risikos Holz berühren.
Gemäss Umfragen und Schätzungen darf man annehmen, dass – je nach Studie – bis drei Viertel der Menschen in irgendeiner Weise abergläubisch sind. Zählt man gewisse Inhalte der verschiedenen Religionen dazu, so steigt der Prozentsatz der Abergläubigen noch deutlich an. Übersinnliches geistert also überall herum, und dies seit Urzeiten der Menschengeschichte.
Da der Aberglaube schon immer da war und einen Grossteil der Leute begleitet und begleiten wird, drängt sich die Annahme auf, irrationale Denkinhalte könnten evolutionsmässig Vorteile gebracht haben oder weiterhin noch bringen. Tatsächlich vermögen esoterische Vorstellungen bei gewissen Leuten Angst im Leben, Furcht vor dem Tod und vor dem „Nichts“, zermürbende Sinnsuche und vieles mehr zu lindern. Finden esoterische Rituale oder Aberglaubensbekenntnisse in einer Gruppe, einer Sippe oder gar in einem ganzen Volk statt, so fördert dies das Zusammengehörigkeitsgefühl und das Gefühl von Sicherheit. Aberglaube kann also Menschen mit gewissen Persönlichkeitsstrukturen bei der Bewältigung von psychischen Problemen helfen; gemeinsamer Aberglaube in einer Gruppe kann Stärke verleihen, im Extremfall sogar Macht gegenüber anders Gesinnten oder Feinden. Es ist also durchaus denkbar, dass Aberglaube im Verlaufe der Jahrtausende im Rahmen der biologischen Evolution Vorteile brachte. Einerseits fällt es mir schwer, diese Theorie anzunehmen, andererseits frage ich mich, wieso denn Aberglaube ohne evolutionsmässigen Benefit über viele Tausend Jahre hätte überleben können.
Über den seelischen und körperlichen Nutzen des Glaubens wird in späteren Kapiteln noch die Rede sein.
Wenn Aberglaube, Glaube und die Abstützung auf Irrationales und Übersinnliches der Menschheit einen evolutionären Vorteil verschafft hätte und weiterhin verschafft, so wäre es unsinnig, dagegen anzukämpfen. Für Irrationales wird schon zur Genüge missioniert; auf das Predigen gegen Übersinnliches kann man verzichten. Zudem ist es ja sowieso unmöglich, Menschen von dem abzubringen, was sie glauben wollen. Realisten können sich über solche Leute aufregen oder sie verachten; besser aber würden sie sie einfach in Ruhe lassen.
Das „Aber“ im Wort Aberglaube bedeutet „wider, gegen oder entgegen“. Wider oder gegen was? Man glaubt an etwas, das dem Kenntnisstand der Gesellschaft und der Wissenschaft widerspricht. Vereinfacht gesagt: Glaube an etwas, das nicht dem gesunden Menschenverstand entspricht. Vorsicht ist geboten, da unser Kenntnisstand unvollständig ist und nie die ganze Wahrheit enthalten kann. Die Zukunft kann unser Wissen verändern oder erweitern. Abergläubische Inhalte sind aber meistens dermassen abstrus, dass wir annehmen dürfen, sie würden auch in ferner Zukunft nie real oder wahr. Der schwarze Kater, der unseren Weg kreuzt, wird uns auch langfristig kein Unglück bringen.
Gemeint ist im Folgenden religiöser Glaube, also Bekenntnis zu Inhalten irgendeiner Religionsgemeinschaft, Überzeugung von der Lehre einer Religion oder einer Philosophie. Aberglaube widerspricht dem allgemein anerkannten Kenntnisstand; man kann ihm mit Wissen entgegentreten und Beweise gegen ihn liefern, Beweise, die Abergläubige zu widerlegen versuchen. Religiöser Glaube dagegen versucht schon gar nicht, sich zu beweisen. Im Gegensatz zum Aberglauben beansprucht der religiöse Glaube nicht für sich, er werde sich eines Tages wissenschaftlich beweisen lassen.
Es gibt Verhaltenspsychologen, die Glauben und Aberglauben nicht unterscheiden. Ein Unterschied ist aber augenfällig: Religiöser Glaube weist immer auf ein Fernziel hin, ein seliges Jenseits. Aberglaube wird mehr für alltägliche Probleme „verwendet“ (Holz berühren vor schwieriger Aufgabe); manchmal peilt aber auch er Fernziele an.
Statistisch gesehen sind religiöse Menschen weniger abergläubisch als nichtreligiöse. Das mag stimmen – vorausgesetzt, man sieht zwischen Glauben und Aberglauben einen Unterschied.
Im Irrglauben hält man etwas für wahr, was in Wirklichkeit unwahr ist. Im Gegensatz zum Aberglauben lässt sich Irrglauben bei durchschnittlicher Intelligenz durch Belehrung korrigieren. Die Unbelehrbaren fallen halt leider früher oder später in irgendeiner Weise auf die Nase. Erstaunlicherweise ist unsere Erde für einige heute noch eine Scheibe und auf dem Mond weht die US-Flagge noch immer im Wind.
