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Kinder wollen älter werden; Erwachsene möchten jung bleiben. Und die Älteren oder die Alten? Was empfinden sie? Wie verhalten sie sich? Bedrückt sie das Altern oder freuen sie sich darüber? Einige erleben die dritte Lebensphase gelassen und zufrieden, andere hadern mit dem Schicksal und nähern sich verbittert dem unausweichlichen Tod. Viele verbergen ihre Gefühle oder täuschen gar etwas vor. Dieses Buch versucht aufzuzeigen, was alles so in alternden Gehirnen herumgeistern kann.
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
Ausgedient – ein Text für wen?
Das Alter – ein Thema?
Lebensphasen
Vergreisung der Gesellschaft?
Vorabend der Ausmusterung
Rentner-Klischees
Es ist so weit
Struktur geben
Dauerlächeln ab sechzig
Jung bleiben
Verdrängen ist menschlich
Langeweile
Gleichgültig, mild oder müde
Wie Alte sind – oder sein sollten
Altersschäden
Geldfreuden – Geldsorgen
Mobilität
Schlaf des Gerechten
Digitales Zeitalter
Verunsicherung und Angst
Lebensqualität und Sinnfrage
Vom Vergessen bis zur Demenz
Sprache im Wandel
Bedauern
Traute Zweisamkeit
Single – gewollt oder ungewollt
Melancholie und Depression
Sterben
Das Ende – und danach
Nachwort
Altersgrenzen werden nach oben verschoben; Alte werden oben verschroben.
Auf den Stockzähnen weise lächeln darf man auch, wenn diese künstlich sind.
Sie geht im 75sten, aber immerhin: Sie geht noch.
Je älter die Geige, umso süsser der Ton.
(Sprichwort)
Wie schön, wenn das immer so wäre!
Wenn ältere Leute schon zu einem gesellschaftlichen Problem werden, kann es nicht schaden, wenn auch Seniorinnen und Senioren über ihren Status in unserer Welt nachdenken. Werden Alte von der Konsum- und Leistungsgesellschaft an den Rand gedrängt? Pensionierte haben – freiwillig oder auf Druck – in den pulsierenden Zentren der Städte (Beispiel: Rush-Hour in der City of London) nichts mehr verloren. Das Ruhe-Bänklein für Greise auf der Piazza eines sizilianischen Städtchens ist eine noch existierende gesellschaftspolitische Idylle, in unserer hektischen Geschäftswelt aber nur noch Nostalgie.
Traurig? Hie und da schon, aber noch lange nicht immer. Wir müssen – ausgedient – nicht mehr dienen. Es bleiben uns deshalb Zeit und Musse, uns selbst und unsere Altersgenossen zu beobachten, vielleicht dabei sogar verschmitzt lächelnd.
Einmal mehr stand mir meine liebe Vreny als Lektorin inhaltlich und sprachlich bei. Dem Verlag BoD danke ich für die Unterstützung.
Im Frühjahr 2017
Kurt J. Gebistorf
Für Leute im vollen Lebenssaft?
Wohl eher weniger. Wieso sollen sich Junge mit den Wehwehchen der Alten befassen? Die Gebresten des Alters kommen ja noch früh genug, vielleicht sogar früher, als einem lieb ist. Also, junge Leute, lebt vorerst mal euer Leben und geniesst es, soweit es geniessbar ist.
Es gibt aber schon einige Gründe, sich bereits in jungen Jahren mit Gedanken über das Altern herumzuschlagen. So wäre etwa die Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erwähnen, also die Politik. Ihr, Junge und bald „Mittelalterliche“, seid gefordert; ihr habt die Lebensbedingungen der Alten und damit auch eure eigene Zukunft zu gestalten. Ihr entscheidet darüber, wie die Käfighaltung im Alter möglichst vermieden werden kann, wie die Kosten der Altersversorgung bei der demographischen Überalterung zu bewältigen sind und wie zu erwartenden Generationenkonflikten vorgebeugt werden kann. Ihr habt darüber zu entscheiden, ob im hohen Alter alles medizinisch-technisch Machbare oder nur das menschlich Sinnvolle durch die Solidarität aller Altersstufen finanziert werden soll. An euch liegt es, ob Alte eine Sterbehilfe beanspruchen dürfen, die diesen Namen auch verdient und nicht durch pseudo-ethische Floskeln behindert wird.
Ein anderer Ansatz, den Text zu lesen, wäre, sich von rosigen Illusionen bezüglich Pensionierung und von einer Welt der immer lächelnden Senioren und Seniorinnen zu verabschieden und die Realität zu sehen, wie sie ist – halt mit guten und schlechten Seiten.
Ein letzter, etwas dürftiger Grund, weiterzulesen, wären einige ironisch-zynische Bemerkungen über das manchmal gelinde gesagt merkwürdige Verhalten einiger Alter (Entschuldigung: Betagter). Manche Verhaltensweisen dürfen ja ruhig ein verstecktes Lächeln in allen Altersgruppen auslösen.
Ein Text für Ältere und Alte?
Wieso denn? Wir müssen doch schon verkraften, endgültig zum alten Eisen zu gehören. Was sollen wir denn noch darüber lesen? Vielleicht deshalb, weil wir wissen möchten, wie es andern Gleichaltrigen ergeht, wie andere mit ihren Sorgen und Nöten umgehen, wie sie sich von Werbung und Alters-Sozialpolitik und von Angehörigen ein rosiges Altersbild vorgaukeln lassen. Auch Alte können nicht immer verdrängen. Oft – wenn auch manchmal nur unterschwellig – befassen sie sich mit ihrem Altersschicksal, weshalb es wohl auch so viel über das Alter zu lesen gibt. Aber Achtung: Dieses Buch ist kein weiterer Ratgeber, wovon es sicher schon genügend gibt; hier wird eher beschrieben, festgestellt und beobachtet; eine kritische, unvollständige Bestandesaufnahme eines direkt Betroffenen also.
Bemerkungen zum Sprachgebrauch in diesem Buch
Der Alte, die Alte, die Alten: Darf man diese Wörter überhaupt noch verwenden, ohne den Vorwurf zu hören, man diskriminiere damit eine ganze Menschengruppe?
Ich verwende diese Wörter ohne jeden negativen oder verächtlichen Beigeschmack, ganz einfach im Sinne von: Alt ist alt, so, wie ich selbst auch alt bin.
„Der Alte“ in der TV-Krimi-Serie hat ja auch nichts Negatives an sich. Eine „Alte“ bedeutet in dieser Schrift also nicht eine „Olle“. Ich verwende den Begriff „Mittelalterliche“. Damit sind nicht bärtige Recken in Panzerhemden und eisernen Rüstungen gemeint. Unter Mittelalterlichen verstehe ich Erwachsene in der mittleren Lebensphase.
Selbstverständlich gibt es nicht nur Senioren, sondern auch Seniorinnen, sogar mehr davon: 56 Prozent der über 64-Jährigen sind Frauen (Statistik Schweiz 2015). Der Frauenanteil nimmt mit steigendem Alter massiv zu. Vier Fünftel (81 Prozent) der über 100-Jährigen sind Greisinnen. Meine Schreibe ist nicht immer gender-gerecht; bei Personen aller Art sind aber in der Regel auch alle mitgemeint: männliche, weibliche, intersexuelle, transsexuelle und andere mir noch unbekannte menschliche Wesen.
Jung bleibt niemand, alt werden (fast) alle.
Viele möchten alt werden, ohne dabei zu altern.
Altern: Darf man? Muss man? Leider? Oder gar zum Glück?
Das Altern ist sehr wohl ein Thema, mehr als vielen lieb ist. Regale voll von Ratgeber-Büchern stehen lesekundigen älteren Leuten zur Verfügung. Die Bücher tragen Titel wie Jung bleiben im Alter, Frohes Alter, Sich jung fühlen, Das Alter – ein Segen. Nicht finden wird man im Buchladen Alter als Plage, denn ein Tabu wird nicht tangiert. Nebenbei helfen, beraten oder verunsichern auch unzählige Zeitschriften. Altersmedizin wurde längst zum ärztlichen Spezialfach. Die Alterspyramide verliert mit der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung ihre Form. Politisch sind Rentenfragen, Pensionsalter und Altenbetreuung thematische Dauerbrenner in den Parlamenten.
Will man das Altern zum Thema machen, so bieten sich uns verschiedene Sichtweisen an. Der Eine äussert sich pessimistisch und verbittert, die Andere rosig beschönigend, der Dritte bleibt sachlich und neutral, die Vierte verdrängt Fragen oder lebt unbekümmert und will das Altern nicht ins Zentrum ihrer Gedankenwelt stellen. Die erste und zweite Variante kann ich nicht empfehlen, die vierte gelingt nur zeitweise und scheitert an konkreten Alltagsproblemen. Bleibt also die sachlich-neutrale Denkweise. Diese wird längerfristig weniger enttäuschen und uns seltener mit bösen Überraschungen überrumpeln.
Letztlich müssen alle für sich selbst entscheiden, ob sie das Thema „Altern“ humorvoll, neutral, schwarzsehend oder gar nicht angehen wollen. Gar nicht angehen entspricht nicht dem menschlichen Wesen. Sich Gedanken über das Altern zu machen, unterscheidet uns wesentlich vom Tier. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob sich der Labrador mit ergrauter Schnauze und schmerzhafter Hüftarthrose nicht auch so seine „Gedanken“ macht.
Altern ist, so macht es immerhin den Anschein, eine heikle Angelegenheit und für viele eine nicht allein zu lösende Aufgabe, weshalb oft Hilfe von aussen zugezogen wird. Ich denke hier nicht an medizinische oder soziale Hilfe, sondern an Ratgeber für den Ruhestand: Bücher, Radio- und Fernsehsendungen, Kurse, Vorträge. Den Alten wird von überall her gesagt, wie sie sich verhalten sollen und was zu tun ist, um eine pflegeleichte Oma oder ein ausgeglichener Opa zu sein. Wie das auch in andern Lebensbereichen so ist: Wo allzu viele Ratschläge kommen, widersprechen sich viele und nur wenige sind nützlich.
Wie fühlen sich eigentlich die Betroffenen selbst, also die Alten, die politisch und gesellschaftlich so viel zu reden geben? Getrauen sie sich zu sagen, wie sie sich fühlen? Oder spielen sie ihrem Umfeld etwas vor? Schämen sie sich manchmal ein wenig, wenn sie immer mehr allen zur Last fallen? Sind sie wirklich so abgeklärt, wie es oft den Anschein macht, oder haben sie heimlich Angst vor dem, was auf sie zukommt?
Ich will nicht alles schönreden. Frohe Stunden auf einem Schaufelraddampfer, beim Seniorentreff, an der Klassenzusammenkunft oder ganz einfach vor dem Pantoffelkino im trauten Heim sind allen Ruheständlern von Herzen zu gönnen. Genauso stark oder sogar stärker als der Kuchen auf der Terrasse des Ausflugsrestaurants beschäftigt die Rentner Unangenehmes: aktuelle oder bevorstehende Krankheiten, fehlender Lebensinhalt, das Gefühl, unnütz und überflüssig zu sein, Angst, sich im technischen Wandel der Umwelt nicht mehr zurechtzufinden, das zu Ende gehende Leben, das Sterben und die Zeit danach.
Das eigene Leben, auch in seiner letzten Phase, zu betrachten, kann mir niemand abnehmen. Ich muss selbst lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Ob ich Trost von aussen brauche oder andere zurate ziehen will, auch das darf ich selbst entscheiden.
Sicher ist allen Alten irgendwie bewusst, was die Chinesen sagen:
Das Alter ist unheilbar.
Alte spielen vor allem in den ersten Jahren nach der Pensionierung gegenüber ihren Altersgenossen den Helden, den Vielbeschäftigten und den Leistungsfähigen. Von der Rentnergeneration möchte man sich noch möglichst lange distanzieren und auch bei kleinem Hunger ist der Seniorenteller im Restaurant noch tabu. Irgendwann bohren sich aber doch unliebsame Gedanken an die Oberfläche und das Alter wird mehr und mehr zur unheilbaren Tatsache. Der Zeitpunkt ist nun gekommen, die bisher unterdrückten Fragen anzugehen. Dazu braucht es eine gehörige Portion Mut, Realitätssinn und Ehrlichkeit. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen, dies und das in Büchern und Zeitschriften nachzulesen. Sicher ist es auch hilfreich zu wissen, was andere in gleicher Situation beschäftigt – andere, die ja auch zu gerne ihre Probleme des Alterns nach aussen verbergen.
Das Thema ist also da. Wenn wir offen sein wollen, so kommt dabei – wie wäre es anders zu erwarten – Schönes und weniger Schönes zutage.
Jeder Tag ist ein kleines Leben, jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen eine kleine Jugend und jedes zu Bette gehen und Einschlafen ein kleiner Tod.
(Arthur Schopenhauer, 1788-1860, deutscher Philosoph, in seinem Werk „Senilia“)
Kindheit, Jugendzeit, Ausbildung und Berufsleben beschreibe ich hier nicht näher. Die meisten, die die folgenden Seiten lesen werden, haben diese Phasen schon durchgelebt und kennen sie also aus eigener Erfahrung bestens. (Die einfältige Multimillionärs-Tussi-Tochter, die sich, vom anstrengenden Shopping abgesehen, ab Geburt im Ruhestand befindet, ist hier nicht der Rede wert.) Sie, liebe Normalos, haben nun den letzten Lebensabschnitt vor sich oder stehen bereits mittendrin.
Die Lebensphasen erfuhren in den letzten paar Jahrzehnten deutliche Veränderungen. Vor allem die Übergänge verwischten sich immer mehr. So etwa senkte man das Einschulungsalter mit Begriffen wie Hort, Spielgruppe und Zweijahres-Kindergarten. Unter dem Deckmantel dieser Institutionen überlassen die berufstätigen Eltern ihre Kinder früher der staatlichen Obhut. Die beruflichen Ausbildungsgänge werden immer fliessender. Ausbildung und Eintritt ins Berufsleben vermischen sich. Die Studienzeiten verlängern sich und entsprechende Alterslimiten sind tabu. Angegraute Männlein und Weiblein, die sich noch zu gerne als Studierende fühlen, sind keine Rarität mehr. Von flexiblem Rentenalter ist die Rede; teilweise wird es schon praktiziert. Aber wie flexibel man das Leben auch immer gestaltet, irgendwann sind alle alt.
Wenn heutzutage eine Frau eine durchschnittliche Lebenserwartung von fünfundachtzig Jahren hat, so verbringt sie immerhin nahezu ein Viertel ihres Lebens im sogenannten Ruhestand. Genug Grund, wie mir scheint, einen Blick in die Seniorenabteilung zu werfen.
Die Frage, ob bei Zunahme des Lebensalters und bei verbessertem Gesundheitszustand der Älteren längerfristig fast ein Viertel des Lebens „geruht“ werden soll, wird wiederholt auftauchen. Haben wir ein so langes Pensionsalter verdient? Wünschen wir es? Wird es uns quasi gesellschaftlich aufgezwungen? Vorerst nehmen wir einmal die Regelung so, wie sie ist. Ausruhen ist doch so schön – meinen mindestens viele. Aber ganze zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre …?
In jungen Jahren führt der Sturm zum Drang.
Später fehlt der Drang zum Sturm.
Im Alter bläst der Sturm uns um.
Reden Junge und Mittelalterliche von Vergreisung, so tönt das in den Hörgeräten der Alten ziemlich abwertend, respektlos oder gar unanständig. Auch das Wort „Überalterung“ hat einen üblen Beigeschmack, denn irgendwie weist es nicht nur auf eine demographische Tatsache hin. Versteckt lässt es Alte auch denken, sie lebten zu lange, also über das vermeintlich normale Alter hinaus. Obwohl Überalterung nicht so gemeint ist, denken doch einige „Überalterte“, sie seien eigentlich überflüssig und letztlich schuld an der demographischen Misere.
Zur Vergreisung hier einige Fakten aus der Schweiz:
1950 waren 9 Prozent der Leute älter als 65 Jahre, 2015 bereits 18 Prozent. In der gleichen Zeitspanne stieg die Lebenserwartung für Frauen von 70,9 auf 84,9, für Männer von 66,4 auf 80,7 Jahre.
Vor rund 2000 Jahren wurden hierzulande nur etwa zwei von hundert Kelten oder Alemannen über sechzig Jahre alt.
Im Jahre 2050 werden hier schätzungsweise 28 Prozent der Gesamtbevölkerung über 65 Jahre alt sein. Das bedeutet, dass es auf zwei Personen im erwerbsfähigen Alter eine Seniorin oder einen Senior trifft. Heute ist das Verhältnis noch 3:1. Immer weniger Erwerbstätige haben immer mehr bedürftige Alte zu unterstützen. Von einem finanziellen Generationenkonflikt ist deshalb vielerorts bereits die Rede.
Wertung der Zahlenakrobatik:
Die Zahlen basieren auf der Annahme, alles schreite im gleichen Trott weiter wie bisher. Unvorhergesehenes kann die ganze Szenerie über den Haufen werfen: Gen-Mutationen bestehender Viren oder Entstehung neuer tödlicher Keime, atomare Grosskatastrophen, globale Kriege, Umweltkatastrophen, Migration.
