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Als die Hamas am 7. Oktober 2023 über 1200 Israeli ermordete, war auf einen Schlag der von den Nazis verübte eliminatorische Antisemitismus zurückgekehrt. Und das ausgerechnet auf dem Boden jenes Staates, der seiner Bevölkerung eine existentielle Sicherheitsgarantie gegeben hatte. Als Reaktion auf den Überfall ordnete die Regierung Netanyahu an, den Aggressor auszuschalten. Da sich dieser aber im Gaza-Streifen versteckt hielt, kam es dabei zu einer enorm hohen Zahl an Opfern unter den palästinensischen Zivilisten. Die Bilder, die seitdem um die Welt gehen, führten zu einem Aufflammen des Antisemitismus in einem kaum noch für möglich gehaltenen Ausmaß. Begleitet werden diese Reaktionen von uferlosen Debatten, die häufig affektbesetzt und von einer Begriffsverwirrung erheblichen Ausmaßes gezeichnet sind. Wolfgang Kraushaar unternimmt es, die altbekannten, häufig antisemitismusverdächtigen Stereotypen von triftigen Argumenten zu trennen. Dabei geht es ihm nicht – jedenfalls nicht primär – um historische Rekonstruktionen, sondern darum, das diskursive Feld von Topoi, Narrativen und Metadebatten nach Maßgabe einer Unterscheidung zwischen den zivilisatorischen Minimalbedingungen auf der einen und der Präzisierung und Ausdifferenzierung der Problem- und Grenzfälle auf der anderen Seite zu ordnen.
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2024
Wolfgang Kraushaar, geb. 1948, promovierter Politikwissenschaftler, arbeitete von 1987 bis 2014 am Hamburger Institut für Sozialforschung und von 2014 bis 2023 an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Seine Forschungsschwerpunkte sind Protestbewegungen und der linke Terrorismus. Zu seinen Standardwerken zählen Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus (2005), Die RAF und der linke Terrorismus (2006) sowie Die 68er-Bewegung International (2018). Zuletzt erschien: Keine falsche Toleranz! Warum sich die Demokratie stärker als bisher zur Wehr setzen muss (2022) in der Europäischen Verlagsanstalt.
Wolfgang Kraushaar
Über einen scheinbar unlösbaren Konflikt
„Zuerst verwirren sich die Worte,dann verwirrt sich das Denken.Und wenn sich das Denken verwirrt,dann gerät die Politik in Unordnung.Und wenn das passiert, stürzt der Himmel ein.“
Dem Konfuzius zugeschriebene Weisheit
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Covergestaltung: Sacha Hartgers, Amsterdam
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EPUB: ISBN 978-3-86393-656-3
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1.Der 7. Oktober: Was war geschehen?
2.Warum konnte es geschehen?
3.Wie wurde darauf reagiert?
4.Was heißt Solidarität mit Israel?
5.Eine persönliche Zwischenbemerkung
6.Die Topoi
Israel und der Zionismus
Palästina
Der Gaza-Streifen
Das Westjordanland
Die Hamas
Benjamin Netanyahu
Deutschland als Partner
7.Die Gleichsetzungen
Die Sprach- und Begriffsverwirrung am Abend des 7. Oktobers
Vergleiche und Analogien
Nakba gleich Holocaust bzw. Shoah
Gaza gleich Ghetto
Westjordanland gleich Apartheid
Hamas gleich Befreiungsbewegung
Israel gleich Imperialismus
Israel gleich Postkolonialismus
10/7 gleich 9/11
8.Parolen und Narrative
Der „Judenknax“ und der „Kampf gegen die heilige Kuh Israel“
Missbräuchliche Verwendung des Judensterns
Flaggenverbrennungen
Die Parolen
„Free Palestine“
„Free Gaza from Hamas“
„From the River to the Sea – Palestine will be free“
„Free Palestine from German Guilt“
Die Schuldabwehr
9.Die Meta-Diskurse
Genozid
Staatsräson
Völkerrecht, humanitäres
Zweistaatenlösung
Der Antisemitismus
Der Anti-Zionismus
Islamismus oder islamischer Fundamentalismus?
Staatsterrorismus?
10.Die Essentials
Danksagung
Es geschah an einem Samstag, also an Schabbat – einen Tag nach dem Beginn des Jom-Kippur-Kriegs fünfzig Jahre zuvor, am jüdischen Feiertag Simchat Tora. Die Operation Al-Aqsa-Flut begann um 6:30 Uhr. Zunächst wurden vom Gaza-Streifen aus Unmengen an Raketen auf den Süden und die Mitte Israels abgefeuert. Sie überforderten rasch das Flugabwehrsystem Iron Dome und reichten so weit, dass sie selbst in Tel Aviv einschlugen. Damit wurde der seit 2014 mit Israel vereinbarte Waffenstillstand gebrochen. Dieser Angriff dürfte wohl, wie Militärexperten vermuten, eher der Ablenkung als irgendeinem strategischen Ziel gedient haben. Denn zur gleichen Zeit flogen Drachenflieger und motorisierte Gleitschirme über den Grenzzaun. Auch lenkbare Kamikazedrohnen, wie sie bereits in der Ukraine eingesetzt wurden, sollen dabei eine nicht unwichtige Rolle gespielt haben. Dann drangen die Angreifer der Hamas und des Islamischen Dschihad auf israelisches Gebiet vor. Zumindest was die zur Bewachung der Grenzanlagen vor Ort befindlichen Soldaten anbetraf, hatten sie überaus leichtes Spiel. Denn es waren nur wenige Dutzend, die sich an diesem Morgen dort aufhielten. Entlang der kilometerlangen Grenzvorrichtung verteilt konnten sie keinen wirksamen Widerstand leisten.
An insgesamt 29 Stellen durchbrachen die Terror-Kommandos den für kaum überwindbar gehaltenen, mit Sensoren, Kameras und Radargeräten ausgestatteten, sechs Meter hohen Metallzaun.1 Dies geschah, indem sie mit Sprengstoff Lücken aufsprengten und diese anschließend mit Bulldozern weiter vergrößerten.2 Als erstes griffen sie die Grenzposten an, um so die Kommunikation zu unterbinden, mit der man hätte Alarm schlagen können, danach die Militärstützpunkte und die nächstgelegenen Dörfer und Kibbuzim. Jetzt begann eine erbarmungslose Jagd auf Menschen, egal welchen Alters, welchen Geschlechts und welcher Hautfarbe. Betroffen waren keineswegs nur Israelis, sondern auch Ausländer und Beduinen.
Die meisten Opfer gab es bei einem von jungen Leuten in der Negev-Wüste veranstalteten Musikfestival, einer Rave-Party mit dem Titel „Universo Parallelo“. Allein dort, ganz in der Nähe des Kibbuz Re‘im und nur fünf Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt, wurden 260 ahnungslose Raverinnen und Raver ermordet und Dutzende von ihnen entführt. Und in einem der Kibbuzim wurden über hundert Menschen, darunter auch Babys und kleine Kinder, umgebracht. Insgesamt wurden über 1100 Todesopfer gezählt, mehr als 3000 Verletzte und rund 240 in den Gaza-Streifen Verschleppte. An keinem anderen Tag sind seit dem Holocaust so viele Jüdinnen und Juden getötet worden wie am 7. Oktober.
Es dauerte eine erhebliche Zeit, bis das ganze Ausmaß des an den Wehrlosen verübten Massakers deutlich geworden und die Bestialität, mit der die Täter ihre Opfer hingemeuchelt hatten, bis ins Bewusstsein vorgedrungen war. Erst zwei, drei Wochen später fügten sich die Elemente des Schreckens zu einem Gesamtbild der Gräueltaten. So fand man bei einigen der von den Israelis getöteten Angreifern Zettel vor, auf denen Anweisungen zu lesen waren. Eine von ihnen lautete: „So viele wie möglich töten und Geiseln nehmen.“ Ausgerüstet waren die Eindringlinge zum Teil mit Panzerfäusten, Handgranaten und Molotow-Cocktails sowie mit Munition und Proviant für mehrere Tage. Außerdem hatten sie Body-Cams dabei, um ihre Schreckenstaten zu filmen. Einige von ihnen entwendeten ihren Opfern sogar zuerst deren Smartphones, nahmen ihre Gräuel damit auf und luden sie anschließend auf Social-Media-Seiten hoch, um den Lebenden auch noch mit dem Tod ihrer Angehörigen und Freunde zu drohen.
Zum Ort des Grauens wurde vorübergehend die in einer nahe Tel Aviv gelegenen Stadt namens Ramle befindliche Militärbasis Shura. Dort hatte man Kühlcontainer aufgestellt, um die Toten identifizieren zu können, bevor sie an ihre Familien und Verwandten gegeben und bestattet werden konnten. Der Militärrabbiner Haim Weisberg berichtete einem Journalisten von Anblicken, die kein Mensch ertragen könne, von denen die Welt aber erfahren müsse.3 Die Hamas, erklärte er nüchtern, habe offenbar alles unternommen, um zu verhindern, dass man die Leichen habe zuordnen können. Augen seien mit Messern herausgeschnitten, Gliedmaßen abgetrennt und Genitalien abgeschnitten worden. Unschuldige Menschen wären „bis zur Unkenntlichkeit massakriert“ worden. Von manchen Körpern seien nur noch schwarze Klumpen übriggeblieben. Am meisten erschüttert habe ihn eine Computertomographie. Darauf sei eine größere und eine kleinere Wirbelsäule zu entdecken gewesen. „Es war eine Mutter, die ihr Kind im Arm hatte. Sie wurden bei lebendigem Leib verbrannt.“ Alle würden nun eine Therapie benötigen, ganz Israel brauche eine Therapie.
Unübersehbar sind bei alledem auch die Schreckensmale einer Form sexualisierter Barbarei, mit der sich die Täter an ihren weiblichen Opfern ausgetobt hatten. Die israelische Architektin Shari Mendes, die in derselben Militärbasis die Aufgabe wahrnahm, ermordete Soldatinnen zu identifizieren, berichtete später auf Einladung des Auswärtigen Amtes in Berlin von den Bildern des Schreckens: „Von Frauen“, fasste eine Journalistin ihre Schilderung zusammen, „denen mehrfach ins Gesicht geschossen worden ist. In die Augen, in die Nase. Von Gesichtern, die blutüberströmt waren, so stark, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Von Frauen mit verbrannten Gliedmaßen. Von Frauen, deren Unterwäsche voller Blut war. Frauen, denen in die Brust, in die Vagina geschossen worden war. Frauen, denen das Becken gebrochen worden war. Frauen, die Spuren von brutalster Vergewaltigung, von Folter aufwiesen.“4 All dies weist nach Einschätzung einer Angehörigen der israelischen Polizei darauf hin, dass es sich nicht etwa um situativ bedingte Affekttaten gehandelt habe. Sexualisierte Gewalt sei vielmehr „ein systematisch geplanter Teil der Attacke“ gewesen.5
Je detaillierter die Informationen ausfielen, umso massiver wurden die Schockwellen, die die israelische Bevölkerung erschütterten. Zugleich suchte man nach Worten, nach einem Begriff für die Barbarei. Einer der ersten, der von einem Pogrom sprach, das am 7. Oktober verübt worden sei, war der israelische Historiker Moshe Zimmermann, Sohn Hamburger Juden, der zeitweilig auch in Deutschland gelehrt hat. Doch auch dieser Terminus blieb nicht unwidersprochen. Mit Omer Bartov etwa hat einer seiner Kollegen darauf hingewiesen, dass Pogrome immer Minderheiten gegenüber verübt worden seien. Das träfe in diesem Fall jedoch nicht zu, weil sich der Mordangriff gegen die Bevölkerung eines Staates insgesamt gerichtet habe.
1Dabei sollen sie immer wieder einen Vers aus dem Koran zitiert haben, in dem es heißt: „Überrascht sie durch die Tore. Wenn ihr das tut, werdet ihr euch behaupten.“ Frankfurter Rundschau vom 3. Dezember 2023.
2Allein diese 65 Kilometer lange hypermoderne Grenzanlage, mit der 140.000 Tonnen Stahl verbaut worden waren und unter der sich ein bis tief ins Erdreich versenkter Betonsockel befindet, um den Bau von Tunneln zu verhindern, hatte den jüdischen Staat eine Milliarde Dollar gekostet. Und erwies sich am Ende doch nur als Illusion, die keinen wirklichen Schutz zu bieten in der Lage war.
3Franca Wittenbrink, Anblicke, die kein Mensch ertragen kann, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. Oktober 2023.
4Erica Zingher, Kampf um Anerkennung des Horrors. Sexualisierte Gewalt der Hamas, die tageszeitung vom 8. Februar 2024.
5So Mirit Ben Mayor, Oberkommissarin und Kommunikationsleiterin der israelischen Polizei. Ebenda.
Ganz offenkundig waren weder das israelische Militär noch die Geheimdienste auf einen solchen aus unmittelbarer Nähe vorgetragenen massiven Angriff vorbereitet. Obwohl seit Jahrzehnten bekannt war, dass die Hamas nichts anderes als die Auslöschung Israels verfolgte, hatte man sich in der Illusion bewegt, dass sie in militärisch-operativer Hinsicht gar nicht dazu in der Lage sein würde, eine derartige Attacke durchzuführen. Selbst ein Experte wie der aus der Likud-Partei hervorgegangene nationale Sicherheitsberater Tzachi Hanegbi hatte noch Anfang Oktober in einem Rundfunkinterview erklärt, dass man nichts befürchten müsse, da die Hamas mittlerweile „sehr, sehr zurückhaltend“ eingestellt sei. Die Regierung Netanyahu hatte sich stattdessen auf die angespannte Sicherheitslage im Westjordanland und an der Grenze zum Libanon konzentriert. Und selbst eine nur wenige Tage zuvor von einem ägyptischen Nachrichtendienst erteilte Warnung verhallte offenbar folgenlos.
Sicherheitsexperten waren sich rasch einig, dass ein derartig orchestrierter, gleichzeitig zu Land, über die See und aus der Luft durchgeführter Angriff nur nach monatelanger Planung und unterstützt von Instrukteuren anderer Streitkräfte wie der Hisbollah etwa in die Tat hatte umgesetzt werden können.
Dabei dürfte allerdings auch eine Rolle gespielt haben, dass die Hamas den Eindruck mangelnder Kampfbereitschaft zuvor offenbar gezielt verstärkt hatte. Ein Insider erklärte zwei Tage später gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: „Die Hamas nutzte in den vergangenen Monaten eine beispiellose Geheimdienst-Taktik, um Israel in die Irre zu führen. Öffentlich erweckte sie den Eindruck, sie sei nicht bereit, sich auf einen Kampf oder eine Konfrontation mit Israel einzulassen. Währenddessen bereitete sie diesen massiven Einsatz vor.“1 Und dieses Kalkül schien vollständig aufgegangen zu sein.
Nun erinnerte man sich plötzlich daran, dass ein hochrangiger Offizier der eigenen Armee, Oberst Yehuda Vach, schon vier Jahre vor dem Überfall der Hamas, ausgerechnet an einem anderen 7. Oktober, dem des Jahres 2019, nachdrücklich vor einer derartigen Attacke gewarnt hatte. Insbesondere wegen des von dem ultramodernen Metallzaun ausgehenden Effekts, sich in Sicherheit wiegen zu können. Diese Anlage vermittle den dort eingesetzten Soldaten, hatte er zu Bedenken gegeben, ebenso wie den in der Nähe angesiedelten Bewohnern das Gefühl, dass ihnen nun nichts mehr passieren könne. Gerade das aber würde den auf der anderen Seite agierenden Feind dazu verleiten, „Soldaten zu entführen und Zivilisten in der Nähe des Zauns anzugreifen.“2
Auch die New York Times hatte ein 40 Seiten umfassendes Dokument bekannt gemacht, das den Codenamen „Jericho-Mauer“ trug und in dem der am 7. Oktober von der Hamas verfolgte Gefechtsplan – wie es heißt – „mit erschreckender Präzision“ skizziert worden war.3 Das alles soll in höchsten israelischen Sicherheitskreisen, den Geheimdiensten ebenso wie dem Militär, bereits ein Jahr zuvor bekannt gewesen sein. Angesichts der Prägnanz dieser Information blieb selbst der israelischen Regierungssprecherin Tal Heinrich offenbar nichts anderes übrig, als in einem CNN-Interview einzuräumen, dass es keinen Zweifel mehr daran gebe, dass – so wörtlich – „der Angriff vom 7. Oktober ein Versagen unsererseits“ gewesen sei.4
Resultat war jedenfalls, dass das von einer israelischen Regierung nach der anderen abgegebene und von Netanyahu ein ums andere Mal erneuerte Sicherheitsversprechen auf einen Schlag null und nichtig geworden war. Als hätte eine unsichtbare Hand mit einem Mal den Riegel einer Tür zurückgezogen und die sich dahinter befindenden Schutzsuchenden dem Gefühl einer nicht abzuwehrenden Gefahr ausgesetzt, so wurde die ganze Gesellschaft in Angst, Panik und Schrecken versetzt.
Als mögliches Motiv für den Überfall der Hamas wurde auch in Erwägung gezogen, ob man damit nicht vielleicht den Annäherungsprozess zwischen Israel und den Golfstaaten torpedieren wollte, wie er sich in dem am 15. September 2020 in Washington von Premierminister Netanyahu in Anwesenheit des damaligen US-Präsidenten Donald Trump mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain unterzeichneten „Abraham-Abkommen“ niedergeschlagen hatte. Mit dieser Normalisierung ihrer zwischenstaatlichen Beziehungen, habe man, so hatte es in Trumps Worten blumig geheißen, eine Zukunft wählen wollen, „… in der Araber und Israelis, Muslime, Juden und Christen zusammenleben, beten und träumen können, Seite an Seite, in Harmonie, Gemeinschaft und Frieden.“5 Das war in der Tat ein starkes Stück, dass sich damit ausgerechnet Trump als Friedensstifter im Nahen und Mittleren Osten gerieren wollte. In den Augen des Iran und den mit ihm kooperierenden Terrorgruppen wie der Hisbollah dürfte das ein überaus feindlicher Akt gewesen sein. Die Hamas könnte mit ihrem Massaker vom 7. Oktober also zugleich versucht haben, Unfrieden zu säen, um das von Israel mit den Golfstaaten abgeschlossene Abraham-Abkommen ins Wanken zu bringen.
Ein solcher Gedanke wirft zugleich die Frage auf, ob hinter dem Überfall vom 7. Oktober nicht auch der Iran stecken könnte, der die Hamas vielleicht nur benutzt und als Schachfigur auf seinem strategischen Feld eingesetzt hat. Denn dass das Mullah-Regime die Hamas ebenso wie die Hisbollah im Libanon finanziell und logistisch unterstützt, ist ja bekannt. Wie im Falle des Stellvertreterkrieges, den sich die beiden Länder beispielsweise im Südjemen geliefert haben, ist nicht auszuschließen, dass sich Vergleichbares nun auch mit Israel abspielt. Der Gaza-Krieg wäre dann in einem anderen, viel weiter reichenderen Konflikt-Parallelogramm zu verorten.
1Insider packen aus / Hamas nutzte „Beispiellose Geheimdienst-Taktik“, Spiegel-Online vom 10. Oktober 2023.
2Alexander Sarovic, So hat die Hamas Israels Grenzanlage überwunden, Spiegel-Online vom 14. Oktober 2023.
3Ronen Bergman / Adam Goldman, Israel Knew Hamas’s Attack Plan More Than a Year Ago, New York Times vom 30. November 2023; vgl. Marcus Giebel, Codename „Jericho-Mauer“: Israel kannte den Hamas-Angriffsplan – und ignorierte ihn, Frankfurter Rundschau vom 3. Dezember 2023.
4„New York Times“-Bericht: Israel soll seit einem Jahr von Angriffsplänen der Hamas gewusst haben, STERN.de vom 1. Dezember 2023.
5Zitiert nach: Benjamin Hammer / Carsten Kühntopp, Abkommen zwischen Israel und Golfstaaten. Friedensdeal oder Risiko für die Region?, Deutschlandfunk vom 23. Oktober 2023.
Am Tag darauf, am Sonntag, wurde in Israel zum ersten Mal nach einem halben Jahrhundert erneut der Kriegszustand ausgerufen. Einen weiteren Tag später ordnete Verteidigungsminister Yoav Gallant die komplette Belagerung des Gaza-Streifens an. Zugleich gab er bekannt: „Kein Strom, kein Essen, kein Sprit, alles ist abgeriegelt.“ Das klang ganz so, als sollten die dort lebenden Menschen unterschiedslos von allem abgeschnitten werden, was sie zum Leben benötigten. Und dann spitzte er seine Aussage noch einmal weiter zu, indem er voller Verachtung ausrief: „Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und wir handeln entsprechend.“1 Und das alles pauschal gegenüber den palästinensischen Bewohnern insgesamt, ohne irgendeine Begrenzung auf die Hamas. Das war ein Akt der rhetorischen Dehumanisierung.
Der Haaretz-Kolumnist Gideon Levy kommentierte das mit den Worten: „Wenn ganz Gaza Hamas ist, wenn alle Terroristen sind, und keiner von ihnen als Mensch betrachtet wird, ist das immer der erste Schritt, um das Gewissen auszuschalten.“2 Es war jedenfalls ein fatales Signal. Die anschließend mehrfach zu hörende Berufung auf „das humanitäre Völkerrecht“ beim militärischen Vordringen klang in einem solchen Zusammenhang nur noch wie blanker Hohn. Auf Gallants Worte ließe sich erwidern, was das Gerede von der Humanität überhaupt noch solle, wenn man „gegen menschliche Tiere“ kämpfe.
Zwei Tage später bildete Ministerpräsident Netanyahu sein Kriegskabinett, in dem Gallant zusammen mit Benny Gantz, Ron Dermer und Gadi Eizenkot vertreten war. Als seine beiden Hauptziele deklarierte der Regierungschef die Auslöschung der terroristischen Hamas und die Befreiung der von ihr verschleppten Opfer. Wie es allerdings gelingen sollte, Geiseln freizubekommen und die Geiselnehmer gleichzeitig zu eliminieren, blieb sein Geheimnis.
Als erstes wurde der Gaza-Streifen vollständig abgeriegelt. Nicht nur, dass sämtliche Grenzübergänge geschlossen wurden und damit auf einen Schlag jene Palästinenserinnen und Palästinenser, die sich in Israel als Arbeitskräfte verdingt hatten, ausgesperrt waren. Weder kamen diejenigen, die tags hinüberwollten, hinaus, noch diejenigen, die wieder zu ihren Familien wollten, zurück. Sehr viel dramatischer entwickelte sich jedoch, was Gallant angekündigt hatte – ganz Gaza von der Wasser- und Stromversorgung sowie der Belieferung mit Lebensmitteln und Medikamenten abzuschneiden. Die 2,3 Millionen Bewohner wurden endgültig zu Gefangenen, die sich ihrem Schicksal ergeben mussten. Stimmen wurden laut, dass die israelische Regierung, die für sich ja in Anspruch nahm, ihre eigenen Geiseln unbedingt retten zu wollen, nun umgekehrt die gesamte, ohnehin in einer Enklave lebende palästinensische Bevölkerung als Geisel nehme.
Klar war, dass nun ein asymmetrischer Krieg von außerordentlicher Intensität beginnen würde, um die Hamas auszuschalten – mit zahllosen Bombardierungen des Gaza-Streifens aus der Luft und darauffolgenden Bodenoperationen der Armee. Dass es dabei zu hohen Opferzahlen unter der palästinensischen Zivilbevölkerung kommen würde, schien unvermeidlich zu sein. Schließlich musste man davon ausgehen, dass sich die Hamas nicht nur in ihrem Tunnelsystem verbergen, sondern auch in öffentlichen Einrichtungen wie Kliniken, Schulen und anderem mehr verstecken würde. Doch die israelische Regierung, die nicht müde wurde zu beteuern, dass sie unnötige Opfer vermeiden wolle, bestand von Anfang an auf ihrem uneingeschränkten „Recht auf Selbstverteidigung“.
Für die israelische Gesellschaft ist seit dem 7. Oktober nichts mehr wie zuvor. Sie ist bis ins Mark erschüttert. Das zeigte sich auch an den Reaktionen von Holocaust-Überlebenden. Der 92-jährige Zvi Cohen etwa, der das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte, beklagte, dass der sonst in Israel zu hörende Schwur „Nie wieder“ nun seinen Sinn verloren habe. Viele von ihnen verglichen die von der Hamas verübten Massaker mit Pogromen, wie sie früher im zaristischen Russland und in der Ukraine verübt worden waren. „Die Überlebenden“, so der Psychiater Martin Auerbach, klinischer Direktor der Hilfsorganisation Amcha, in einem Interview, „haben jetzt mehr Albträume – vor allem von Dingen, die vor 80 Jahren passiert sind. Einige trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Viele horten Lebensmittel und sagen ihren Kindern und Enkelkindern: Bleibt nicht hier, sucht euch ein anderes Land.“3 Das alles beherrschende Thema war jedoch die Frage, wie man die Geiseln retten könne.
Immer wieder versammelten sich die Angehörigen der in den Händen der Hamas befindlichen Geiseln, um Druck auf ihre Regierung auszuüben. Demgegenüber spielte die sich schon bald abzeichnende humanitäre Katastrophe unter der Bevölkerung des Gaza-Streifens kaum eine bzw. gar keine Rolle. Weder in den Medien noch in der Öffentlichkeit insgesamt. Wer einen der Fernsehkanäle einschaltete, der befand sich wie in einer Endlosschleife über das Geiseldrama, erfuhr aber so gut wie nichts, was einigermaßen über die Ereignisse im Gaza-Streifen hätte informieren können. Die dort angerichteten Zerstörungen und das Leiden der Zivilbevölkerung wurden so weit als möglich ausgeblendet. Diese Fixierung auf die Lösung der Geiselfrage hat sich als ein ebenso tief- wie weitreichendes Problem erwiesen.
Die Tatsache, dass die überaus quälende Geiselfrage so gut wie die gesamte israelische Gesellschaft in Beschlag zu nehmen vermochte, ist zunächst einmal verständlich. Für die Angehörigen der in die nur schwer zu durchdringenden Tunnelanlagen Verschleppten, deren Familien, Verwandte und Freunde sowieso. Das Gefühl mehr noch als das bloße Wissen, dass sich eine Mutter, ein Vater, eine Tochter, ein Sohn, gar ein Kleinkind in den Händen einer Mörderbande befindet und es um eine Frage auf Leben und Tod in einem begrenzten Zeitfenster geht, dessen Ablaufdatum niemand kennt, ist einfach unerträglich. Ein solcher Zustand kann die Betreffenden bis an ihr Lebensende traumatisieren. Auch die Selbstvorwürfe, die sich diejenigen machen, die vielleicht nicht alles unternommen haben, was zur Rettung ihrer Liebsten nötig gewesen wäre, liegen auf der Hand.
Anders sieht es jedoch mit den nicht unmittelbar, sondern „nur“ mittelbar Betroffenen aus. Deren vorrangiges Problem besteht, wie für alle anderen in Israel lebenden Menschen natürlich auch, darin, dass das staatlich gegebene, politisch garantierte und militärisch umgesetzte Sicherheitsversprechen am 7. Oktober schlicht geplatzt ist. Für sie scheint die Geiselfrage, ohne ihnen damit in irgendeiner Form das gleichzeitig vorhandene Mitgefühl absprechen zu wollen, ein Projektionsschirm zu sein. Die von den Medien beleuchteten, landauf landab weitererzählten und häufig bis in ihre Details kommentierten Einzelschicksale halten die individuellen Dramen gegenwärtig und erlauben die auf die Zukunft gerichteten Befürchtungen aller zu artikulieren. In diesem Verarbeitungsprozess entsteht eine nach innen gerichtete, auf sich selbst zurückverweisende Sicht, in der der Holocaust als das Verbrechen schlechthin ständig präsent ist. Sie führt in ihrer Konsequenz offenbar dazu, dass es für die Opfer des eigenen Militärs, für die Abertausenden an Toten unter der palästinensischen Zivilbevölkerung keine oder aber nur eine untergeordnete Form der Aufmerksamkeit gibt. Das kann an der Sogwirkung dieses kognitiven Prozesses, aber auch an der emotionalen Überforderung und der damit verbundenen Erschöpfung liegen.
Es dauerte eine ganze Zeit lang, bis man bereit war, Zweifel am Vorgehen von Premierminister Netanyahu auch öffentlich auszusprechen. Es war schließlich ausgerechnet der inzwischen außer Dienst befindliche Mossad-Agent David Meidan, der die Aporie in der Gleichzeitigkeit von Auslöschungs- und Rettungsmaßnahmen ohne Umschweife direkt ansprach. Der 68-Jährige hatte es im Oktober 2011 geschafft, den sechs Jahre zuvor in den Gaza-Streifen verschleppten israelischen Soldaten Gilad Shalit endlich freizubekommen. Den Auftrag dazu hatte niemand anders als Premierminister Netanyahu erteilt. Doch der Preis für den von der gesamten Nation herbeigesehnten Schritt war hoch. Denn im Gegenzug mussten 1027 palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freigelassen werden. Und unter ihnen befand sich ausgerechnet der spätere Hamas-Anführer Yahya Sinwar, der inzwischen als Chefplaner des martialischen Hamas-Überfalls vom 7. Oktober gilt. Im Blick auf die jetzige Situation stellte Meidan apodiktisch fest: „Wir können nicht die Hamas zerstören und gleichzeitig die Geiseln retten.“4 Außerdem sei es eine Illusion zu glauben, dass es möglich sei, die Hamas vollständig auszulöschen. Es wäre realistischer davon auszugehen, sie im Hinblick auf ihre militärischen Fähigkeiten um achtzig Prozent zu schwächen. Die Hamas selbst sei schließlich mehr als bloß eine Organisation. Es handle sich bei ihr um „eine Idee“, die sich letztlich nicht zerstören lassen werde.
Selbst als sich am 15. Dezember ein tragischer, gleichwohl verräterischer Zwischenfall abspielte, führte das nicht zu einem Umdenken in der israelischen Gesellschaft. Die Streitkräfte hatten während ihres Einsatzes an der im Norden Gazas gelegenen Hamas-Hochburg Schedschaija aus Versehen drei Geiseln erschossen. Nach eigener Darstellung waren die Soldaten davon ausgegangen, dass sie von der Hamas in eine Falle hätten gelockt werden sollen. Fünf Terroristen, die hätten fliehen wollen, seien erschossen worden und vor dem Gebäude drei weitere Verdächtige. Ihre Leichen wurden geborgen und identifiziert. Es handelte sich um Yotam Haim, den Schlagzeuger einer Band, und Samer Talalka, die beide am 7. Oktober aus ihrem Kibbuz entführt worden waren, sowie eine dritte Geisel, deren Identität auf Wunsch der Angehörigen zunächst nicht bekannt gegeben wurde.
Je mehr Details von den Umständen ans Tageslicht gelangten, umso stärker wuchs Verwunderung, gemischt mit Empörung, an. Denn es stellte sich nun heraus, dass alle drei keine Oberbekleidung trugen und einer von ihnen gar eine weiße Fahne mit sich geführt hatte. Einer von ihnen war, nachdem er hatte miterleben müssen, wie seine beiden Begleiter bereits erschossen worden waren, sogar in das Gebäude zurückgelaufen und hatte auf Hebräisch „Hilfe“ und „Sie schießen auf mich“ gerufen. Obwohl die im Einsatz befindlichen Soldaten inzwischen den Befehl erhalten hatten, mit dem Beschuss aufzuhören, sei es doch noch zu der überaus tragischen Aktion gekommen. Zwei andere Soldaten, so hieß es nun, hätten die wegen des von Panzern verursachten Lärms die Ansage nicht verstanden und einfach weitergeschossen. Selbst die zuvor zu vernehmenden Rufe auf Hebräisch habe man als Täuschungsversuch der Hamas gedeutet. Außerdem stellte sich heraus, dass Armeeangehörige bereits am Vortag durch die Aufnahmen einer Drohne an dem Gebäude, an dem sich das alles abgespielt hatte, die beiden Aufschriften „SOS“ und „Hilfe, drei Geiseln“ lasen und deshalb eigentlich hätten besonders achtsam sein müssen.
Dieser Vorfall verriet unfreiwillig aber auch, dass man auf Seiten des israelischen Militärs selbst in einem Falle, in dem drei halbnackte Personen, von denen einer als Zeichen der Kapitulation sogar noch ein weißes Tuch hochhält, im Zweifel lieber erschossen als überprüft hatte. Bedeutet das aber nicht, so fragte sich mancher Beobachter, dass die israelischen Streitkräfte die Anweisung haben, im Zweifelsfall generell von der schlechtesten aller sich bietenden Möglichkeiten auszugehen und ihre Schusswaffen einzusetzen? Wenn es drei Palästinenser gewesen wären, die sich auf eine ähnliche Weise hätten ergeben wollen, so darf vermutet werden, hätte die Öffentlichkeit – weder die israelische noch die internationale – ohnehin nichts davon erfahren.
Und wie hat die Hamas selbst auf das reagiert, was sie am 7. Oktober begangen hat? Ihr in Katar lebender Anführer Khaled Mashal hat hundert Tage später gemeint, das von seinen Leuten verübte Massaker als Erfolg ausgeben zu müssen. Es habe gezeigt, erklärte er in einem Interview, dass „die Befreiung Palästinas vom Fluss bis zum Meer realistisch“ sei. Dass er mit keinem Wort auf die israelischen Opfer eingehen würde, war ohnehin zu erwarten, dass er aber nicht einmal die Abertausende an Opfern, die der Angriff in der Zivilbevölkerung wie unter seinen eigenen Leuten gekostet hat, überhaupt in seine Form der Bilanzierung aufzunehmen bereit war, zeigt das ganze Ausmaß an Zynismus, das einen solchen Mann bestimmt. Ob er dabei über die Leichen auf der einen oder der anderen Seite hinweggeht, scheint ihm egal zu sein, auf jeden Fall lässt es ihn kalt.
Dazu passt, dass in der jordanischen Hauptstadt Amman ein Schawarma-Shop eröffnet hat, in dem mit dem in großer roter Leuchtschrift an der Fassade prangenden Namen „October 7“ Kunden geworben werden. Schawarma wird auch als „Street Food der Levante“ bezeichnet und besteht hauptsächlich aus in Fladenbrot eingewickeltes, zuvor am Drehspieß gegrilltes Fleisch. Des Öfteren wird er auch mit einem Döner verglichen, halt nur auf arabische Art. Die in dem erwähnten Laden tätigen Verkäufer tragen eine dunkelrote Kluft mit der Zeile „October 7“ an ihrem Revers. Ein Dokument der Menschenverachtung im Zivilleben einer arabischen Shopping-Mall.
1Krieg gegen Israel: Gazastreifen abgeriegelt, alle Lieferungen eingestellt, Jüdische Allgemeine vom 9. Oktober 2023.
2Nikolai Antoniadis u.a., Bodenoffensive in Gaza: Ein Krieg, der nur Verlierer kennt, Der Spiegel vom 4. November 2023, Nr. 45, S. 8–12; hier: S. 10.
3„Für Holocaust-Überlebende war das ein neues Erdbeben“.Der Psychiater Martin Auerbach im Interview mit Maria Sterkl, Hamburger Abendblatt vom 24. Januar 2024.
4Thore Schröder, israelischer Verhandlungsspezialist: „Wir können nicht die Hamas zerstören und gleichzeitig die Geiseln retten“, Spiegel-Online vom 23. Dezember 2023.
Solidarität mit Israel ist das Gebot der Stunde. Als nachfolgende Generationen sind wir nicht mit Schuld beladen, aber als Deutsche, als Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland, haben wir Verantwortung zu tragen für das, was der Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden sowie anderen politischen, ethnischen, sozialen und sexuellen Minderheiten angetan hat. Doch mit der Solidarität ist es so eine Sache, von staatlicher kaum weniger als von gesellschaftlicher Seite.
Solidarität mit Israel, ja, durchaus. Allerdings ohne irgendeine Form der moralischen Erpressung. Aber daran hat es in den ersten Reaktionen auf den 7. Oktober wahrlich nicht gemangelt. Insbesondere diejenigen, die auf ein „Ja, aber“ nicht verzichten wollten, machten sich verdächtig, als handle es sich bei ihnen um klammheimliche Israel-Feinde oder Schlimmeres.1 Doch diese Vorwurfshaltung mündigen Menschen gegenüber ist inakzeptabel. Die Stigmatisierung der Frage nach dem Kontext muss ein Ende haben.2 Auch die von UN-Generalsekretär Antonio Guterres etwa verwendete Formulierung, dass sich der Massenmord der Hamas nicht in einem luftleeren Raum, in einem Vakuum, abgespielt habe, ist nicht als illegitim zu verwerfen. Im Gegenteil. Denn wer diesen Verweis auf die Rahmenbedingungen des Pogroms unterbinden möchte, muss sich umgekehrt den Vorwurf gefallen lassen, er wolle die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit eines solchen Makroverbrechens ausblenden. Und diese Frage zielt auf einen Mann und eine von ihm geführte Regierung ab, die nicht über jeden Zweifel erhaben ist.
Die zentrale Schwierigkeit all der geforderten Solidarisierungsbekundungen dürfte darin bestehen, zu vermeiden, sich zugleich vor den Karren der von Benjamin Netanyahu angeführten illiberalen Regierung spannen zu lassen. Der Premier und sein in Teilen von Rechtsradikalen besetztes Kabinett waren zuletzt Adressat der historisch stärksten Protestbewegung geworden, die es bis dahin in Israel gegeben hatte. Wie kaum ein anderer Politiker zuvor hat Netanyahu mit einer von ihm angestrebten Verfassungsänderung das Land gespalten und sogar zehntausend Reservisten dazu gebracht, ihren Dienst zu quittieren. Viele Kommentatoren sehen sein eigentliches Ziel darin, durch den Umbau der Justiz seiner eigenen Verurteilung in einem ihm drohenden Korruptionsverfahren zu entgehen. Der von Netanyahu betriebenen extrem nationalistischen Politik gegenüber sollte es jedenfalls keine unbegrenzte Solidarität geben. Doch das ist leichter gesagt als getan.
Viel spricht dafür, dass das eigentliche Ziel des gewieften Taktikers ja darin besteht, mit den massiven, aus der Luft wie auf dem Boden vorgetragenen Angriffen auf den Gaza-Streifen vor allem eines zu erreichen – seine eigene Haut als Politiker zu retten. Denn er ist es, der die Verantwortung dafür trägt, dass das Sicherheitsversprechen des israelischen Staates gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern am 7. Oktober gebrochen werden konnte. Zumindest das scheint unstrittig zu sein. Warum es aber so weit hat kommen können, ist nicht ganz so einfach zu beantworten.
1Vgl. Roman Bucheli, Das hinterhältige Aber, Neue Zürcher Zeitung vom 2. November 2023.
2So hatte sich selbst ein renommierter Historiker und Publizist zu der Bemerkung hinreißen lassen, dass das „Gerede von den Kontexten“ nichts anderes als „eine Binsenweisheit“ sei. Schließlich habe alles seine Vorgeschichte. Volker Weiß, Massaker und Message, Süddeutsche Zeitung vom 2. November 2023. Einer der wenigen, die dieses Denkverbot offen zu kritisieren wagten, war: Hartmut Fähndrich, Palästina – die andere Hälfte der Fakten, Neue Zürcher Zeitung vom 15. Dezember 2023.
Für jemanden, der 1948 im Gründungsjahr des Staates Israel geboren wurde, als Nachkriegsdeutscher und als Nicht-Jude, ist die Konfrontation im Nahen Osten schon immer gegenwärtig gewesen. Und zwar in einem doppelten Sinne – in einem der Hoffnung, weil die der nationalsozialistischen Verfolgung entronnenen Jüdinnen und Juden endlich eine sichere Zuflucht, einen eigenen Staat, gefunden hatten, aber auch in einem der Bedrückung, weil auf diesen Kraftakt mit einem Krieg reagiert worden war, auf den ein weiterer folgte und noch ein weiterer und so weiter und so fort – verbunden mit jeweils über die Nahost-Region hinausreichenden Bedrohungsszenarien.
Meine erste Erinnerung geht auf das Jahr 1956 zurück, als der Suez-Krieg ausgebrochen war, freilich ohne etwas davon zu begreifen, außer einer damit verbundenen diffusen Atmosphäre der Gefahr. Im Lebensmittelgeschäft unserer Mutter war es zuvor bereits zu Hamsterkäufen gekommen, weil manche ihrer Kundinnen den Ausbruch eines Dritten Weltkriegs befürchtet hatten. Aber das kann auch auf die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands bezogen gewesen sein, mit den damals besonders elektrisierenden Bildern in Budapest einrollender sowjetischer Panzer.
Die zweite markante Erinnerung bezieht sich auf den Sechstagekrieg im Juni 1967. Ich ging noch aufs Gymnasium, war pro-israelisch eingestellt und in erster Linie froh darüber, dass Israel sich nicht von Ägypten hatte überrumpeln lassen. Im Unterschied zu vielen meiner späteren politischen Weggefährten blieb ich meiner Position treu. In einem Schulaufsatz, den ich im Dezember desselben Jahres schrieb, wurde der Nahostkonflikt noch einmal aufgegriffen. Meine damalige Prognose lautete, dass der nächste Nahost-Krieg kaum zu vermeiden sein dürfte.1 Den Hauptgrund für diesen Pessimismus glaubte ich darin zu sehen, dass die Vereinten Nationen zu schwach waren und kein anderer aussichtsreicher Vermittler zwischen Israel und den arabischen Staaten in Sicht war.
Im Oktober 1968 begann ich an der Frankfurter Universität ein Philosophiestudium, das freilich mehr von Streikaktionen und Demonstrationen als von Vorlesungen geprägt war. Als ich erfuhr, dass ausgerechnet aus meinen eigenen Kreisen innerhalb der Neuen Linken, deren geistige Wurzeln auf die Kritische Theorie zurückgingen, ein Palästina-Komitee nach dem anderen entstand, befand ich mich bereits im Zivildienst. Ich konnte nur noch mit Unverständnis darauf reagieren.
Im September 1972 fühlte ich mich nach der Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft und dem Desaster bei der Befreiungsaktion in Fürstenfeldbruck wie gelähmt. Als IOC-Präsident Avery Brundage im Münchner Olympiastadion unwidersprochen erklärte, „The games must go on“, war ich im Gegensatz dazu der Meinung, dass die Spiele sofort hätten abgebrochen werden müssen, weil alle israelischen Geiseln umgebracht worden waren.
Dann folgte im Oktober 1973 der Jom-Kippur-Krieg, der auf einen Schlag zeigte, wie existentiell Israel noch immer bedroht war. Nach der Kubakrise von 1962 war nun auch im Nahen Osten der Einsatz von Atomwaffen in greifbare Nähe gerückt.
Als 1977 mit dem einstigen Irgun-Chef Menachem Begin ausgerechnet ein ehemaliger Terrorist Ministerpräsident wurde, zweifelte ich am israelischen Wahlvolk. Er war es doch, der das Wiedergutmachungsabkommen mit der Bundesrepublik bis aufs Messer bekämpft hatte, nun allerdings einen Versöhnungsprozess in Gang zu setzen vermochte, der schließlich im September 1978 unter US-Präsident Jimmy Carter zum Camp-David-Abkommen führte.
Kurz nachdem ich am Hamburger Institut für Sozialforschung zu arbeiten begonnen hatte, organisierte ich 1988 zusammen mit zwei Kollegen der Hamburger Universität eine Konferenz über das Tabu-Thema „Linker Antisemitismus“.
Etwa zur selben Zeit hatte in Jerusalem ein Aufstand meist junger Palästinenser gegen die israelische Herrschaft begonnen, die Intifada, ein Ausdruck, der aus dem Arabischen stammt und so viel heißt wie Sich-Erheben, abschütteln oder loswerden.
Diese erste Intifada ging erst 1993 zu Ende, als unter US-Präsident Bill Clinton in Washington in Anwesenheit von Premierminister Yitzhak Rabin und PLO-Chef Yasir Arafat ein Friedensprozess in Richtung Zweistaatenlösung in Gang gebracht wurde.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis 1995 ein rechtsradikaler Fanatiker in Tel Aviv Premier Rabin im Anschluss an eine Friedenskundgebung ermordete. Damit waren zugleich auch die Hoffnungen auf eine Zweistaatenlösung begraben worden.
Im Jahr 1999, als mit Ehud Barak ein Ministerpräsident an die Macht kam, der sich erneut die Verständigung mit den Palästinensern zum Ziel gesetzt hatte, reiste ich das erste Mal nach Israel. Anlass meiner Reise war die Teilnahme an einer von Dan Diner organisierten Konferenz in Tel Aviv. Als Gastredner hielt der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer einen Vortrag über eine im Sommer 1976 von Palästinensern organisierte Flugzeugentführung in die ugandische Stadt Entebbe. Dabei hatte ein Frankfurter Soziologiestudent zusammen mit seiner Komplizin eine Selektion jüdischer Geiseln vorgenommen und so schlimmste Erinnerungen geweckt.
