Ist Dialog gut? - Armin Nassehi - E-Book

Ist Dialog gut? E-Book

Armin Nassehi

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Beschreibung

Der Kursbuch-Herausgeber geht in seinem Beitrag zur 175. Ausagabe dem Dialog der Kulturen nach. Dieser wird problematisiert, da einerseits Kultur nur über Differenzen zwischen Kulturen erkennbar wird, andererseits weil ein Dialog nur zwischen Individuen, die Teil von Kultur(en) sind, geführt werden können. Was also stellt den Dialog der Kulturen da? Und wann ist er gut?

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Seitenzahl: 31

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Armin Nassehi

Ist Dialog gut?

Paradoxien im moralischen Dialog der Kulturen

Dass man auf weltgesellschaftliche Herausforderungen und Konflikte mit Dialog reagiert, liegt irgendwie nahe. Und dass die Antipoden des Dialogs Kulturen sind, scheint auch plausibel zu sein. Wie sollte man auch sonst zwischen Unterschieden vermitteln? Wie sonst ließe sich das Trennende zugunsten des Gemeinsamen überwinden? Wie sonst wären Missverständnisse auszuräumen, wenn nicht durch die Kraft der vermittelnden Rede und der Anerkennung des sprechenden Gegenübers? Und wie sonst könnte man wenigstens einen Konsens über letzte unheilbare Meinungsverschiedenheiten erzielen, wenn nicht durch den Dialog?

So ähnlich, wie sich die römisch-katholische Kirche und der lutherische Weltbund am 31. Oktober 1999 nach einem halben Jahrtausend auf eine gemeinsame Formel über die Rechtfertigungslehre geeinigt haben, erwartet man nun im weltweiten Dialog der Kulturen ähnliche Dialogergebnisse, denen Ausgleich und Verständigung oder wenigstens eine Entdramatisierung des Trennenden zu entnehmen sind. Die europäischen Konfessionskriege stehen dem, was derzeit als »Kampf der Kulturen« inszeniert wird, in nichts nach. Und doch, so lässt sich dem Beispiel entnehmen, hätte es nur ein wenig Dialogbereitschaft bedurft, und man hätte sich darauf einigen können, dass es zwar einen Unterschied macht, ob nun eher Glaube oder eher Gnade der Quell der Wiederherstellung der Gerechtigkeit zwischen Gott und den Menschen sei, dass es am Ende aber doch auf das Verbindende ankomme. Die Kulturkonflikte der globalen Welt nach diesem Modell zu behandeln, bietet einen wunderbaren Maßstab: Ohne von der eigenen Position prinzipiell Abschied nehmen zu müssen, lässt sich die Anerkennung des anderen im Dialog der Kulturen inszenieren.

Menschen versus Bürger

Moderne Gesellschaften nehmen sich immer stärker als multikulturelle Gesellschaften wahr – dabei kann der Ausdruck sowohl zustimmend als auch abwertend gebraucht werden. Zustimmend wird Multikulturalität als Bereicherung, Weltoffenheit und kulturelle Modernität behandelt. Abwertend wird der Ausdruck verwendet, wenn er darauf aufmerksam machen möchte, dass eine Gesellschaft sich überlastet, wenn sie auf das einigende Band der Kultur, Tradition, Konfession oder Nation verzichtet, das angeblich die Integration einer komplexen Gesellschaft ermöglicht. Diese Konfliktlinie ist bekannt und hinreichend diskutiert. Interessanter sind die moralischen Implikationen der Debatte, wobei ich damit nicht die Frage meine, welche der beiden Positionen die moralisch richtigere ist. Unter den Aspekten einer modernen universalistischen Moral in der Tradition etwa der kantischen deontologischen Konzeption ergeben sich Verpflichtungen gegenüber allen Menschen – schon weil man keine Gründe angeben kann, warum bestimmte Rechte oder Benefits für Gruppen von Menschen – etwa Angehörige einer anderen Kultur – nicht gelten sollen. Jürgen Habermas hat in seiner Erweiterung dieses kantischen Moralismus in seiner Rechtstheorie gezeigt, wie sich ein solcher universalistischer Standard gewissermaßen von selbst in das Recht moderner Verfassungsstaaten einprägt, eben weil in öffentlichen Diskursen keine konsistenten Gründe angegeben werden können, die Geltung von Rechtsnormen der bloßen Faktizität partikularer Ressentiments zu unterwerfen. Im Klartext: Es fällt schwer, moralisch überzeugende Gründe zu formulieren, um eine prinzipielle Asymmetrie zwischen kulturell, ethnisch oder konfessionell gefassten Gruppen zu etablieren.

Man könnte es dabei bewenden lassen und sich der Frage nach den Ursachen zuwenden, warum es in der gesellschaftlichen Praxis immer wieder zu Abweichungen von der universalistischen Regel der Generalinklusion kommt, und nach politischen Strategien suchen, diese Abweichungen abzumildern. Selbst dafür hat Habermas in seiner Rechtstheorie noch einen gewissermaßen zwischen dem Idealismus der universalistischen Moraltheorie und der Empirie existierender Staatlichkeit vermittelnden Begriffsvorschlag parat. Er unterscheidet zwischen moralischen Fragen, in denen »die Menschheit bzw. eine unterstellte Republik von Weltbürgern das Bezugssystem für die Begründung von Regelungen, die im gleichmäßigen Interesse aller liegen«, darstellt, und »ethisch-politischen Fragestellungen … ›je unseres‹ politischen Gemeinwesens«,1