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Viele verbinden eine außergewöhnliche Begabung noch immer mit dem Klischee eines zurückgezogenen "Nerds". Doch die Realität sieht anders aus: begabte und hochbegabte Kinder sind voller Leben, neugierig und hinterfragen begeistert die Welt. Gleichzeitig können scheinbare Kleinigkeiten, die nicht nach Plan laufen, emotionale Stürme auslösen – mal leise, mal laut, immer intensiv. Und manchmal können diese Kinder auch neurodivergent sein, also ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie oder Autismus haben. Tanja Sauer ist Lehrerin und Begabungspädagogin. Sie hilft begabten Kindern und deren Familien seit Jahren. Christian Thiele erzählt als Vater von den alltäglichen Herausforderungen. Dieses Buch zeigt Eltern, wie sie die Begabung ihres Kindes zunächst erkennen können. Es bietet keine Lösungen von der Stange, sondern effektive Strategien, um die Einzigartigkeit jedes Kindes zu fördern und seine Stärken gezielt zu entwickeln. Praktische Tipps helfen bei alltäglichen Herausforderungen, wie etwa der Freizeitgestaltung. So wird mit Verständnis, Geduld und gezielter Förderung jede Begabung zu einem wunderbaren Geschenk!
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2025
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eBook: © 2025 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Grillparzerstraße 8, 81675 München
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ISBN 978-3-8338-9875-4
1. Auflage 2025
GuU 8-9875 10_2025_02
DIE BÜCHERMENSCHEN HINTER DIESEM PROJEKT
Verlagsleitung: Eva Dotterweich
Projektleitung: Ariane Hug
Lektorat: Margarethe Brunner
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
eBook-Herstellung: Klara Wimmer
BILDNACHWEIS
Coverabbildung: FinePic®, München
Illustrationen: Nadia Gasmi
Syndication: Bildagentur Image Professionals GmbH, Tumblingerstr. 32, 80337 München, www.imageprofessionals.com
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WARUM UNS DAS BUCH BEGEISTERT
Es ist ein wahrer Leuchtturm, der Eltern begabter und hochbegabter Kinder durch eine herausfordernde Zeit leitet.
Eva Dotterweich, Verlagsleitung
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Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung des Verfassers dar. Sie wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für persönlichen kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbst verantwortlich. Weder Autor noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.
… Sie herausfinden wollen, ob Ihr Kind hochbegabt ist.
… Sie verstehen wollen, wie begabte Kinder und Jugendliche ticken und mit welchen Herausforderungen sie sich täglich konfrontiert sehen.
… Sie nach Ideen suchen, wie Sie die Freizeit Ihres begabten Kindes sinnvoll und sinnstiftend gestalten können.
… Sie Ihr Familienleben konfliktfreier erleben wollen und nach konstruktiven Möglichkeiten suchen, mit Gefühlsstürmen umzugehen.
… Sie wissen wollen, wie Sie die beste Schule und die passende Lernumgebung finden.
… Sie beruflich oder privat mit begabten oder hochbegabten Kindern und Jugendlichen arbeiten.
» Ideen werden nicht gefunden – sie werden geboren aus Fragen, Träumen und dem Mut, anders zu denken. «
Autor unbekannt
Den Moment, in dem die Idee für dieses Buch geboren wurde, können wir nicht mehr genau benennen. Wir, das sind Tanja Sauer und Christian Thiele. Wir möchten Sie in diesem Buch auf eine Reise in die Welt der Hochbegabung mitnehmen und Ihnen zeigen, wie Sie diese faszinierenden, aber manchmal herausfordernden Kinder und Jugendlichen begleiten können.
Hochbegabung ist ein Phänomen, das häufig mit Klischees und Missverständnissen behaftet ist. Vorurteile wie »begabte Kinder haben alles im Griff« oder »fallen ständig auf« halten sich hartnäckig. Dabei bringt Hochbegabung sowohl Potenziale als auch Herausforderungen mit sich. Dieses Buch möchte zu einem realistischen Verständnis beitragen – fern von der Vorstellung vom Wunderkinder hin zum Blick auf junge Menschen mit denselben Bedürfnissen und Gefühlen wie andere. Hochbegabung ist kein Erfolgsversprechen und kein Makel, sondern ein Persönlichkeitsaspekt, der besondere Begleitung und gezielte Förderung verdient.
In den folgenden Kapiteln werden Ihnen Zebras begegnen. Warum, das verraten wir noch nicht im Detail. Nur so viel vorab: Intellektuell begabte Kinder und Jugendliche, die einen Intelligenzquotienten (IQ) von 115 oder mehr besitzen, nennen wir in diesem Buch Zebra-Kinder.
Sie bekommen tiefgehende Einblicke in die Welt dieser Zebra-Kinder, ihre Lebensrealität und den damit verbundenen täglichen Herausforderungen. Außerdem erhalten Sie praxisnahe Tipps, die teilweise direkt umsetzbar sind.
Wir möchten Sie darin unterstützen, den Alltag mit besonders intelligenten Kindern und Jugendlichen nicht nur besser zu verstehen, sondern auch gezielt zu gestalten. Sie erfahren, wie Sie den Herausforderungen, die häufig mit Hochbegabung einhergehen – sei es in der Schule, zu Hause oder im sozialen Umfeld – begegnen und wie Sie gleichzeitig das enorme Potenzial dieser Kinder und Jugendlichen fördern können.
Ein weiteres zentrales Anliegen dieses Buches ist es, mit den gängigen Mythen rund um das Thema Hochbegabung aufzuräumen. Wir möchten Ihnen zeigen, dass es nicht nur eine »richtige« Art und Weise gibt, besonders begabt zu sein. Jeder Mensch ist einzigartig, und Hochbegabung zeigt sich in vielfältigen Formen und Ausdrucksweisen. Paula ist dafür das beste Beispiel. Wir durften sie und ihre Familie bei der Entdeckung ihrer Hochbegabung und der spannenden Reise, die sich daraus für sie ergab, besonders intensiv begleiten. Ihren Namen haben wir zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert, ihre Geschichte aber bleibt wahr. Genauso verhält es sich auch mit den anderen Kindern und Jugendlichen, auf die Sie in unserem Buch treffen werden.
Kommen Sie mit auf diese spannende Reise und lassen Sie uns gemeinsam die Welt der Hochbegabung entdecken!
Herzlich, Tanja Sauer und Christian Thiele
PS: Wir verwenden unterschiedliche Schreibweisen (männlich, weiblich, mit Stern, beides). Warum nicht einheitlich? Als Hommage an alle intellektuell begabten Kinder, die es nicht lieben, in Schubladen gesteckt zu werden.
» Jeder Mensch trägt einen Schatz in sich, den er oft selbst nicht kennt. «
Blaise Pascal
Fast jeder von uns kennt Albert Einstein. Wie viel wir von ihm wissen, hängt davon ab, wie intensiv wir uns mit ihm beschäftigt haben. Manche denken an einen Mann mit weißem, wildem Haar und einer herausgestreckten Zunge. Andere wissen, dass er dem nationalsozialistischen Deutschland 1933 den Rücken kehrte und in die USA emigrierte. Wieder andere erinnern sich an ihn als Wissenschaftler und Nobelpreisträger für Physik. Manche können seine Relativitätstheorie erklären.
Was haben Albert Einstein, Marie Curie, Mutter Teresa, Florence Nightingale, Vincent van Gogh, Steffi Graf, Toni Kroos, David Garrett gemeinsam? Alle hatten oder haben eine eigene Geschichte, die durch ihre besonderen Begabungen geprägt wurde. Begabungen sind nicht erlernt oder antrainiert, sondern sie sind einfach vorhanden. Sie können durch gezielte Förderung noch mehr zum Vorschein kommen. Begabung bedeutet, dass man ein Entwicklungspotenzial besitzt. Wie gut sich dieses entfalten kann, hängt von vielen Faktoren ab, entscheidend sind hierbei die Umwelt und die Familie. Oft wird zwischen musischer, künstlerischer, sprachlicher, sportlicher, sozial-emotionaler, praktisch-technischer und intellektueller Begabung unterschieden.
Möglicherweise besaßen und besitzen die eingangs genannten Personen mehrere Begabungen. Auf jeden Fall springt eine spezielle Begabung bei ihnen jeweils ins Auge: Vincent van Gogh und David Garrett – musisch-künstlerische Begabung; Steffi Graf und Toni Kroos – sportliche Begabung; Mutter Teresa und Florence Nightingale (die Erfinderin des modernen Pflegewesens) – sozial-emotionale Begabung; Albert Einstein und Marie Curie – intellektuelle Begabung.
Wann fielen diese Begabungen anderen das erste Mal auf? Wann haben zum Beispiel die Eltern gemerkt, dass bei ihrer Tochter oder ihrem Sohn etwas anders ist? Wie ersichtlich für die Eltern von Albert Einstein seine Begabung gewesen ist, ist nicht bekannt. Steffi Grafs Vater war selbst Tennislehrer und erkannte daher ihre Begabung recht früh. Ähnlich verhielt es sich bei David Garrett und Florence Nightingale.
Wenn man sich mit der Förderung und den Begabungen von Kindern beschäftigt, kommt unweigerlich der Gedanke an ein Wunderkind auf. Ein solches Kind besitzt bereits im Kindergartenalter oder in der Grundschulzeit Fertigkeiten und Fähigkeiten, die sich um ein Vielfaches von anderen Kindern abheben.
Der Begriff des Wunderkindes wird häufig im Zusammenhang mit einer musikalischen Begabung verwendet. Man denkt sofort an Wolfgang Amadeus Mozart. Er trat im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal öffentlich in Salzburg auf. Mit neun Jahren komponierte er seine erste Oper »Apollo und Hyacinthus«. Der Erzbischof von Salzburg ernannte ihn mit 13 Jahren zum Konzertmeister. Auch Frédéric Chopin komponierte bereits als Kind. Die Partitur zu seiner ersten Polonaise wurde veröffentlicht, als er gerade mal sieben Jahre alt war.
Laetitia Hahn gehört zu den vielversprechendsten und talentiertesten Pianisten der jüngeren Generation. Sie beginnt im Alter von zwei Jahren mit dem Klavierspielen. Mit vier Jahren wird sie eingeschult. Ihr erstes Solokonzert hat sie mit acht Jahren. Laetitia überspringt mehrere Klassen, gewinnt Musikwettbewerbe. Manchmal tritt sie gemeinsam mit ihrem Bruder Philip auf, ebenfalls ein hochbegabter Pianist. Ihre Familie ist außergewöhnlich: Die Eltern Annette und Christian Hahn – sie ist Philosophiedozentin und er Anlageberater – haben ihre Berufe aufgegeben, um sich ganz ihren beiden Kindern zu widmen. Wenn man das heutige Leben der mittlerweile erwachsenen Laetitia betrachtet, scheinen die Eltern einen Weg gefunden zu haben, um ihre Tochter zu fördern und ihr gleichzeitig Freiraum für sich selbst zu geben.
Doch nicht immer verläuft das Leben solcher Wunderkinder wunderbar. Manchmal gleicht ihr Leben einem Albtraum. Die Stargeigerin Midori bekommt mit zwei Jahren ihre erste Geige. Ihre Mutter stellt einen strengen Stundenplan auf. Andere Freizeitaktivitäten neben der Violine werden gestrichen. Das Resultat: Midori wird ein gefeiertes Wunderkind in der 1980er-Jahren. Ihre Kindheit und Jugend verlaufen dramatisch. Irgendwann wird der Druck zu schwer. Der Zwang, ständig spielen und proben zu müssen sowie perfekt zu sein, nagt an ihr. Anfang zwanzig ist sie medikamentenabhängig, leidet an Magersucht und Depressionen. Sechs Jahre lang gibt sie keine Konzerte und lässt sich mehrfach in einer Klinik in New York behandeln.
Die Leben von Laetitia Hahn und Midori verdeutlichen, welche zentrale Rolle Eltern in der Entwicklung besonders begabter Kinder haben. Wenn wir uns als Eltern mit der Förderung und den Begabungen von Kindern beschäftigen, werden wir mit unserer eigenen Kindheit konfrontiert. Was haben wir in unserer Kindheit erlebt? Wurden wir mit unseren Begabungen von unseren Eltern gesehen? Haben uns unsere Eltern gefördert? Wurden unsere Wünsche und Träume ernst genommen?
Wir alle sind in eine Familie hineingeboren. In dieser erlernen wir Verhaltens- und Denkweisen. Manche davon beeinflussen uns positiv, andere wiederum negativ. Die Erfahrungen unserer ersten Lebensjahre prägen unser gesamtes restliches Leben. Wenn wir im Säuglingsalter beziehungsweise in der Kindheit irgendeine Art von Mangel erlitten haben, hat dieser eine Auswirkung auf unser Sein. Unabhängig davon, ob wir positive oder negative Erinnerungen haben, sollten wir uns mit diesen befassen. Ob wir möchten oder nicht, beeinflussen uns diese, auch wenn es um die Begabungen unseres eigenen Kindes geht. Es kann bedeuten, dass wir uns Fragen stellen »müssen«, die wir lieber ignorieren würden: Was motiviert mich, darüber nachzudenken, ob mein Kind besondere Talente hat? Ist es Angst oder ist es Fürsorge? Was bedeutet für mich Erfolg? Möchte ich für mein Kind Erfolg, weil mir selbst mein persönlicher Erfolg verwehrt ist? Möchte ich mein Kind fördern, weil das die Gesellschaft von mir erwartet? Gibt es Erwartungen aus der Familie oder dem Freundeskreis?
» Die große Kunst für Eltern besteht darin, zwischen dem eigenen Erleben in der Kindheit und dem Hier und Jetzt als Eltern zu unterscheiden. «
Um Begabungen und Talente zu erkennen, braucht es ab und an etwas Abstand. Manchmal fällt es schwer oder ist gar unmöglich, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Man kann als Eltern etwas übersehen, was das eigene Kind zu einem besonderen Menschen macht, weil es einem so selbstverständlich erscheint. Manchmal kann ein Blick von außen – durch Lehrkräfte, Freunde oder andere Bezugspersonen – helfen, um ein verborgenes Potenzial zu entdecken. Matteos* Eltern können davon ein Lied singen.
Matteo stellt ständig Fragen, von der Morgenroutine bis zum Schlafengehen: Warum sind Dinosaurier ausgestorben? Gab es damals eine Klimaerwärmung? Warum sind schwarze Löcher schwarz? Schnelle Erklärungen akzeptiert er nicht als Antwort. Bereits mit fünf Jahren versteht er komplexe wissenschaftliche und geschichtliche Zusammenhänge. Die Eltern finden daran nichts Erstaunliches. Seine Erzieherinnen berichten, dass er beim Frühstück über die friedliche Revolution in Deutschland spricht. Freunde raten zu einem Hochbegabungstest. Doch die Eltern zögern. Bei Hochbegabung denken sie an einen Menschen, der vereinsamt ohne Freunde in seinem Zimmer sitzt, abgekapselt von der Welt. Ein Gespräch mit der Kinderärztin gibt den entscheidenden Impuls. Sie erklärt den Eltern, dass es Matteo schaden könnte, wenn seine Hochbegabung ignoriert und nicht gefördert wird. Die Eltern stellen sich ihren Ängsten. Matteo wird mit sechs Jahren getestet. Er ist hochbegabt.
*Sämtliche Namen in Beispielen in diesem Buch sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes fiktiv!
Es ist schwer, die Begriffe Talent, individuelle Stärken oder Begabungen klar voneinander abzugrenzen.1 Allgemein könnte man sagen, viele Menschen besitzen verschiedene Talente. Begabungen sind spezifische Talente, nicht immer entstehen aus Talenten und Begabungen individuelle Stärken.
Jedes Kind ist einzigartig. Es entwickelt sich in seinem ganz eigenen individuellen Tempo. Kinder können Begabungen zeigen, die sich in unterschiedlichen Bereichen manifestieren. Oft entfalten oder verändern sie sich im Laufe der Zeit. Es ist entscheidend, die individuellen Stärken und Interessen des Kindes zu fördern. Wenn Kinder in ihren Talenten und Interessen unterstützt werden, wird ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Das hilft ihnen dabei, eine positive Identität aufzubauen.
Manche Begabungen von Kindern sind offensichtlich, andere eher verborgen. Die folgenden Fragen können Hinweise darauf geben, ob ein Kind eine besondere Begabung hat. Sie sind, wie gesagt, erste Anzeichen, Indizien – reichen aber nicht aus, um eine Begabung sicher zu bestätigen oder auszuschließen.
Künstlerische Begabung: Einige Kinder besitzen eine künstlerische Begabung. Sie zeigen häufig eine besondere Kreativität in den bildenden Künsten wie Malerei, Zeichnung oder Bildhauerei. Sie haben ein besonderes Gespür für Farben, Formen und Kompositionen. Kunstprojekte bieten ihnen die Möglichkeit, ihre Ideen visuell auszudrücken.
Hat ein Kind ein starkes Interesse, verschiedene Maltechniken kennenzulernen?
Nutzt es Malen, Zeichnen, Werken oder Basteln, um sich emotional auszudrücken?
Hat ein Kind ein ausgeprägtes Gespür für Farben und Proportionen?
Kann es besonders gut visuelle Eindrücke auf Papier bringen?
Musikalische Begabung: Musikalisch talentierte Kinder haben ein feines Gehör, ein gutes Rhythmusgefühl und oft fällt ihnen das Erlernen von Instrumenten oder das Singen besonders leicht. Musikunterricht kann ihre Fähigkeiten weiter fördern und ihnen helfen, ihre Leidenschaft auszuleben.
Hat das Kind ein starkes intuitives Rhythmusgefühl?
Erkennt es schnell Lieder und kann diese problemlos nachsingen?
Möchte es von sich aus ein Musikinstrument lernen und fragt immer wieder danach?
Zeigt ein Kind Interesse daran, eigene Melodien zu kreieren?
Praktisch-technische Begabung: Kinder mit einer praktisch-technischen Begabung experimentieren gerne mit Materialien. Sie haben meist keine Angst vor Fehlern. Sie besitzen oft eine Vielzahl von eigenen Ideen für Erfindungen oder Verbesserungen bestehender Produkte.
Zerlegt ein Kind gerne technische oder Haushaltsgeräte?
Liebt es, bei Reparaturen zuzuschauen?
Kann es besonders gut mit Werkzeug umgehen und möchte es gerne eigenes besitzen?
Bilden Kind und Schraubenzieher eine unzertrennliche Einheit?
Sozial-emotionale Begabung: Einige Kinder haben eine ausgeprägte soziale Intelligenz. Sie sind überdurchschnittlich empathisch, können gut mit anderen kommunizieren und bauen leicht Beziehungen auf. Diese Kinder sind oft gute Teamspieler und zeigen Führungsqualitäten in Gruppenaktivitäten.
Kann sich ein Kind besonders gut in andere Menschen hineinversetzen?
Macht es sich häufig Gedanken darüber, was andere Menschen empfinden?
Leidet ein Kind mit anderen, die nicht integriert werden, und versucht, dies zu ändern?
Kommt es leicht mit anderen Menschen in Kontakt?
Sportliche Begabung: Kinder mit einer sportlichen Begabung lieben es, sich zu bewegen. Sie zeigen oft eine gute Hand-Augen-Koordination sowie eine ausgeglichene Körperkoordination. Sie sind oft schnell in ihren Bewegungen beim Laufen, Springen oder in anderen sportlichen Disziplinen.
Bewegt sich ein Kind gerne und viel?
Mag es sportliche Herausforderungen wie Klettern oder Balancieren?
Kann es besonders gut mit einem Ball umgehen?
Kann ein Kind Bewegungsabläufe schnell erfassen und präzise nachmachen?
Sprachliche Begabung: Kinder mit sprachlichen Begabungen haben ein ausgeprägtes Talent für Sprache und Kommunikation. Sie können sich gut ausdrücken, verfügen über einen großen Wortschatz und zeigen oft Interesse an Geschichten, Gedichten oder dem Schreiben eigener Texte. Solche Kinder profitieren von literarischen Aktivitäten und Diskussionen.
Benutzt ein Kind Fremdwörter und kann diese im richtigen Zusammenhang verwenden?
Schreibt es selbst eigene Geschichten oder Gedichte?
Hat das Kind Freude an Wortspielen und Reimen?
Bekommt es gerne vorgelesen oder liest es selbst gerne Bücher?
Intellektuelle Begabung: Kinder mit einer intellektuellen Begabung zeichnen sich durch außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten aus. Sie haben ein schnelles Auffassungsvermögen. Diese Kinder sind oft in der Lage, komplexe Konzepte schnell zu verstehen und innovative Lösungen für Herausforderungen zu finden.
Verwendet ein Kind in Unterhaltungen komplexe Satzkonstruktionen und Fremdwörter?
Besitzt es eine schnelle Auffassungsgabe?
Kann es sich stundenlang in einem Thema vergraben?
Erfindet ein Kind für Gesellschaftsspiele neue Regeln, weil die geltenden zu einfach sind?
Besonders Eltern, die denken, dass ihr Kind intellektuell begabt sei, wird oft Übereifer oder eine falsche Wahrnehmung vorgeworfen. Statistisch gesehen sind ungefähr zwei Prozent der Bevölkerung hochbegabt – und haben einen IQ-Wert von 130 und höher (siehe >). Das bedeutet: In einer Gruppe von 100 Kindern sind durchschnittlich zwei davon intellektuell hochbegabt. Eine frühe Diagnose von Hochbegabung kann helfen, ein Kind besser zu fördern. Deshalb sollte eine Vermutung ernst genommen und nicht vorschnell abgetan werden.
» Unerkannte Hochbegabung führt zu Unterforderung und Langeweile. Hieraus können Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu psychischen und psycho-somatischen Störungen entstehen. «
Diese Aussage soll keine Angst verursachen, sondern eine Einladung sein, sich mit dem Thema Hochbegabung zu beschäftigen.
Wenn ein Kind nicht in den Kindergarten oder in die Schule gehen möchte, kann dies viele Gründe haben. Manchmal ist die Antwort banal – es hat einfach keine Lust. Schließlich gehen auch Erwachsene nicht jeden Tag mit dem gleichen Enthusiasmus zur Arbeit. Nicht umsonst gibt es in den USA die beliebte Abkürzung TGIF (»Thank God it's Friday«). Allerdings können die Antwort und die Ursachen für die Unlust komplexer sein. Grundsätzlich empfinden hochbegabte Kinder und Jugendliche das Lernen als Spiel. Spielen macht Spaß.
Mehren sich die Kommentare, dass der Kindergarten oder die Schule keinen Spaß mehr machen, sollten Eltern hellhörig werden. Egal, wie voll ihr Alltag ist, sie sollten sich Zeit nehmen und ihrem Kind zuhören. Hinter der vermeintlichen Unlust können ernsthafte Schwierigkeiten und Probleme stehen.
Kindern geht es genauso wie Erwachsenen. Viele Probleme und Sorgen kann man tagsüber gut auf die Seite schieben. Liegt man im Bett und versucht einzuschlafen, sind die am Tag verdrängten Fragestellungen lauter und präsenter, als man gerne möchte. Sie schreien nach Lösungen und verlangen Antworten. Daher beginnen Kinder und Jugendliche oft am Abend vor dem Zubettgehen, von ihren Sorgen und Ängsten zu erzählen.
Für Eltern ist dies oft die ungünstigste Zeit für Gespräche über den Sinn des Lebens, die Schwarzheit schwarzer Löcher oder Sorgen der Kinder. Sie sind selbst müde vom Alltag und fühlen sich wie eine ausgequetschte Zitrone durch die ununterbrochene Fragerei ihres Kindes. Ihr Akku ist leer. Vielleicht sind sie innerlich nicht mehr beim Zubettbringen ihres Kindes, sondern schon auf der Couch. Theoretisch haben sie keine Kraftreserven mehr für eine anstrengende Unterhaltung. Doch genau in dieser Situation heißt es, als Eltern für die Kinder hundertprozentig präsent zu sein und ihnen Raum zu geben. Auch wir kennen dieses Gefühl nur zu genau. Willkommen im Club der ausgequetschten Zitronen!
Survivaltipp für das Abendritual
Wir Eltern können uns den Umstand zu eigen machen, dass Kinder am Abend von Sorgen und Problemen erzählen. Es hilft, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass es einem selbst ähnlich geht. Wir können unseren Kindern abends den Raum geben, den sie brauchen, und bereits Bonuszeit beim Insbettbringen einplanen (siehe >).Fühlen wir uns am Abend wie ausgequetschte Zitronen, können wir schauen, ob nicht jener Elternteil das Abendritual übernimmt, der noch mehr Energie hat. Alleinerziehende Eltern können sich vielleicht vorher eine Mini-Auszeit gönnen, indem sie für fünf Minuten alleine ins Badezimmer oder in die Toilette gehen und zum Beispiel mit Kopfhörern ihre Lieblingsmusik hören. In Notfällen kann die Toilette ein wunderbarer Zufluchtsort sein.Unlust kann darauf zurückzuführen sein, dass sich das hochbegabte Kind in der Schule langweilt. Dies kann manchmal bereits wenige Wochen oder Monate nach dem ersten Schultag der Fall sein. Genauso sollten wiederkehrende Bauch- oder Kopfschmerzen sowie ein Leistungsabfall in der Schule als Alarmzeichen ernst genommen werden. Sie könnten darauf hindeuten, dass ein Kind Mobbing erlebt (siehe >) oder sich unterfordert fühlt.
Ein intellektuell begabtes Kind geht mit der Erwartung in die Schule, dass es dort neue Dinge lernt. Die Enttäuschung kann groß sein, wenn es merkt, dass die Themen nicht wirklich neu sind. Vielleicht wird es seltener aufgerufen als andere, wenn dem Lehrer bewusst wird, dass es die Dinge bereits kann. Problematisch wird es, wenn das Kind daraus schlussfolgert: Wenn man etwas weiß und kann, interessiert es die Lehrerin nicht. In der Schule sollte man besser nicht so viel wissen.
So können sich Unlust und Langeweile ausbreiten. Die vielen Wiederholungen, die im Schulalltag gemacht werden, bevor ein neues Thema behandelt wird, tun ihr Übriges. Hochbegabte Kinder verstehen oft nicht, weshalb andere Kinder mehr Zeit und zahlreiche Wiederholungen benötigen, um ein Thema zu erfassen. Schnell kann es sein, dass ein eigentlich hochmotiviertes, intellektuell begabtes Kind sich in ein Schneckenhaus zurückzieht. Es möchte nicht auffallen, sondern so sein wie die anderen Kinder. Ein solches Verhalten kann sich ändern, wenn ein hochbegabtes Kind auf eine Lehrkraft trifft, die Verständnis für seine besonderen Bedürfnisse aufbringt. Daher ist es wichtig, dass Erwachsene verstehen, wie hochbegabte Kinder denken, fühlen, empfinden, handeln.
Checklisten helfen nicht weiter
Im Zusammenhang mit Hochbegabung stößt man früher oder später auf Checklisten. Doch eine Checkliste kann niemals eine fundierte Intelligenzdiagnostik ersetzen. Alle Menschen sind einzigartig – egal, ob mit oder ohne Hochbegabung. Selbst ein noch so detaillierter Kriterienkatalog kann daher niemals den Anspruch auf Vollständigkeit erheben.
Es gibt unendlich viele Facetten, in denen sich Hochbegabung zeigen kann. Bestenfalls können Checklisten Eltern eine erste Orientierung geben, ob ihr Kind hochbegabt sein könnte. Persönlich stehe ich, Tanja, Checklisten in Bezug auf Hochbegabung aber sehr zwiespältig gegenüber. Und zwar ganz unabhängig davon, ob eine solche Liste in einer Elternzeitschrift oder einem wissenschaftlichen Buch zu finden ist. Vor allem sollten Kriterienkataloge, die dazu dienen, eine Hochbegabung zu erkennen, nie nach folgendem Prinzip angewendet werden: »Mein Kind kann nicht hochbegabt sein, weil es nur vier von zehn Kriterien für Hochbegabung erfüllt.« Wie gut, dass Maries und Lucas Eltern keine Checklisten zur Hand hatten!
Marie fällt als Kind nicht besonders auf. Bis auf eines: Sie fängt schon vor der Schule an, selbstständig zu lesen. Doch dies tun etliche Kinder, nicht nur die hochbegabten. Die Lehrerin in der Grundschule rät schließlich zur Testung. Denn die Wortwahl, der Wortschatz und das Lesetempo heben sich deutlich vom Kenntnisstand ihrer Klassenkameraden ab. Im Alter von sieben Jahren wird von einer dafür qualifizierten Expert*in eine Hochbegabung diagnostiziert. Luca kann sich in der Schule schwer konzentrieren. Seine Leistungen sind Mittelmaß. Hat er vielleicht ADHS? Durch die ADHS-Testung wird festgestellt, dass er kein ADHS hat, sondern dass er in ganz anderer Form besonders ist: Er ist hochbegabt, seine Eltern fallen mit dem Testergebnis aus allen Wolken. Eine mögliche Hochbegabung ist ihnen niemals zuvor in den Sinn gekommen.
Hochbegabungschecklisten hätten den Eltern von Marie und Luca vermutlich nicht geholfen. Sie wären durch das Kriterienraster gefallen. In diesem Buch wird man keine einzige Übersicht zum Abhaken finden. Was es geben wird, sind Wegweiser-Fragen für jedes Kapitel. Ein Wegweiser ist ein Schild, das zeigt, in welche Richtung der jeweilige Weg führt, wohin die Straße geht (siehe >).
Derzeit ist das Wort Hochbegabung hoch im Kurs. Eltern von hochbegabten Kindern werden zu Talkshows eingeladen oder erzählen ihre Erfahrungen in Podcasts oder Radiosendungen. Über Geschichten von hochbegabten Kindern wird in Zeitungsartikeln berichtet. Doch was kann man konkret unter Hochbegabung verstehen? Genauso wie für Intelligenz gibt es in der wissenschaftlichen Literatur auch für Hochbegabung die unterschiedlichsten Definitionen, Erklärungsmodelle und Begrifflichkeiten. Anstelle von Hochbegabung werden teilweise Begriffe verwendet wie teilbegabt, inselbegabt, weit überdurchschnittlich begabt, besonders begabt und intellektuell begabt.
Gerne erkläre ich Eltern, die zu einem Coaching bei mir sind, Hochbegabung wie folgt: Ein hochbegabtes Kind ist 24/7 hochbegabt – nicht nur in der Schule, nur zu Hause oder nur in der Freizeit. Ein hochbegabtes Kind denkt mehr und schneller, fühlt mehr und intensiver, kombiniert schneller, vernetzt stets sein Wissen – immer, überall, mit allem, ohne es zu merken. Solche Kinder wirken oft so, als ob sie sich in der Nacht an einer imaginären Steckdose aufladen würden, um mit Vollgas den nächsten Tag zu erleben. Auch Psychologen stimmen mit dem überein, wie die folgenden Zitate zeigen.
»Hochbegabung äußert sich in speziellen Persönlichkeitsmerkmalen, die bei verkannten und erkannten Hochbegabten (Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen) auftreten. Sie macht sich nicht nur intellektuell, sondern auch emotional, sozial und ökologisch bemerkbar. Letzteres bedeutet, unter welchen Rahmenbedingungen und in welcher Infrastruktur und Kultur jemand lebt. Eine Hochbegabung betrifft die ganze Persönlichkeit.«2
Was ist Hochbegabung?
Man könnte sagen, dass die Hochbegabung eine besondere Form von Intelligenz ist, die Auswirkungen auf die gesamte Persönlichkeit eines Menschen wie etwa zum Beispiel auf das Denken, die Kreativität, die Neugier, die Emotionalität, die Wahrnehmung hat.
»Hochbegabt zu sein bedeutet, eine außergewöhnliche Persönlichkeit zu besitzen, die mit vielschichtigen intellektuellen und affektiven Fähigkeiten ausgestattet ist.«3
Wie das oben beschriebene Vollgasgeben bei einem hochbegabten Kind im Alltag aussehen kann, wird an Theo deutlich. Im Alter von sechs Jahren wird bei ihm durch einen Intelligenztest erkannt, dass er hochbegabt ist.
Theo, 6 Jahre alt, besucht ein Feldhockeycamp und liest begeistert das Grundgesetz. Widerwillig folgt er dem Rat seiner Eltern, für das Camp eine andere »sozial vorzeigbarere« Lektüre mitzunehmen. Sie erklären ihm, dass die anderen Kinder wahrscheinlich nicht dieselbe Faszination für das Grundgesetz haben. Für Theo ist das unverständlich – er ist überzeugt, dass alle Feuer und Flamme sein werden für das Grundgesetz. Wenn er von etwas begeistert ist, sprudelt es aus ihm heraus. So dürfen sich die Kinder im Hockeycamp anhören, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, ob sie wollen oder nicht. Das Interesse seiner Zuhörerschaft hält sich in Grenzen. Enttäuscht kommt er nach Hause. Seine Eltern nehmen sich Zeit, hören ihm zu, trösten ihn. Sie überlegen mit ihm, wie er seine Begeisterung beim nächsten Mal anders teilen kann.
Teilweise bemängeln Erwachsene Verhaltensweisen von hochbegabten Kindern, die Teil ihrer Persönlichkeit sind. Man wirft ihnen vor, dass sie zu sensibel sind: »Sei nicht so dünnhäutig, weil nicht alle Kinder mit allen Kindern spielen möchten. Schau, Frieda ist nicht traurig, weil sie nicht mitspielen konnte. Sie ist fröhlich. Wieso macht dir das etwas aus? Du bist so empfindlich.« Man denkt, das Kind sei ein Besserwisser, weil es auch auf kleine Ungenauigkeiten hinweist und diese korrigiert. Man ist genervt, wenn der Gerechtigkeitssinn des hochbegabten Kindes dazu führt, dass ein Spiel nicht beendet werden kann: »Wieso darf sich meine kleine Schwester nochmals eine Memorykarte anschauen und ich nicht? Sie hat nicht darauf geachtet, als es an der Zeit dazu war.«
Hochbegabte Kinder können herausfordernd und anstrengend sein, weil sie mit einer ihnen innewohnenden Intensität leben. Doch sie können dies nicht ändern. Es gilt dies zu respektieren, zu akzeptieren und wertzuschätzen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass hochbegabte Kinder und Jugendliche denken, dass an ihnen etwas falsch ist oder grundsätzlich nicht stimmt. »In manchen Dingen unterscheiden sie sich von anderen Kindern, aber in vielen Dingen sind sie wie alle anderen auch. Weil hochbegabte Kinder die Unterschiede intensiver empfinden, ist ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Respekt, emotionaler Sicherheit ausgeprägter als bei anderen Kindern.«4
So war’s bei Paula …»Ihre Tochter ist gut. Sie könnte sehr gut sein …« Diesen Satz bekommt Paulas Vater zu hören, als sie vier Jahre alt ist – von ihrer Kindergärtnerin. Ein Satz wie aus einem Assessment-Center, den er erst mal nur absurd findet. Von dem er erst Jahre später versteht, was mit ihm gemeint gewesen sein könnte. Paula lernt etwas später als die anderen Kinder laufen – dafür aber sehr sicher. Sie spricht etwas später als die anderen Kinder in der Krippe – dafür aber gleich zweisprachig, die Mutter ist Französin, der Vater Deutscher. Schon als Kleinkind verfolgt sie akribisch ihre »Projekte«, so nennt das die Mutter immer: Tief versunken sitzt sie über Bauklötzen oder malt mit Fingerfarben, die Welt um sie herum spielt keine Rolle, das kann stundenlang so gehen. Sie will die Dinge genau machen, unter Kontrolle haben – so ist das beim Basteln, beim Backen, beim Radfahren und beim Skifahren. Paula ist kein Haudrauf, sie stürzt quasi nie – aber sie ist eben oft auch seeeeehr langsam und kontrolliert unterwegs. Wächst sich das zu einer Angststörung aus? Bei Spinnen kreischt sie, sie traut sich wenig zu. Die Eltern geben sie in die Hände einer warmherzigen, erfahrenen Therapeutin, mit der Paula vor allem spielt, wie sie erzählt. Als Paula in die Schule kommt, ist sie nicht besonders begeistert vom Unterricht. Sie hat nicht viele Freunde in der Klasse, wird selten zu Geburtstagen eingeladen – mit einem Mädchen freundet sie sich dick an, sie ist eine Klasse unter ihr. Das wird die nächsten Jahre so bleiben, Paula ist eher mit den jüngeren Kindern befreundet. Die Lehrer in der Grundschule loben Paula für ihre soziale Intelligenz, für ihren Gerechtigkeitssinn. Und sie bemängeln ihre Heftführung: alles so unordentlich, so unorganisiert für eine Drittklässlerin, finden sie. Das Kind könne sich nicht gut konzentrieren, es solle mal auf ADHS getestet werden.
Wird gemacht. Das Ergebnis ist, wie man in Bayern sagen würde, halbscharig: Der betreuende Psychiater sagt, von den Werten her könnte man ADHS diagnostizieren, aus seiner Sicht sei Paula aber kein ADHS-Kind. Im Gegenteil: Übernächstes Jahr solle sie unbedingt aufs Gymnasium wechseln, alles andere wäre ein Alarmsignal und ein Zeichen dafür, dass sie nicht ausreichend gefördert und gefordert würde. Die Eltern sind erst mal etwas ratlos, aber eine weitere ADHS-Therapie wird nicht verfolgt, das mit der Angststörung wächst sich irgendwie mit der Zeit raus, und dieses eine Wort, das sie gar nicht kannten und im Gutachten überlasen, spielt viele Jahre keine Rolle. Paula, hieß es da nämlich, sei »teilhochbegabt«.
