Istanbul - Bettany Hughes - E-Book

Istanbul E-Book

Bettany Hughes

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Beschreibung

Eine historische Reise in eine Stadt mit drei Namen, die über Jahrtausende nichts an Macht und Magie eingebüßt hat und deren Einfluss unsere Welt bis heute prägt. Packende und epische Geschichtsschreibung. In dieser umfassenden neuen Biographie nimmt Hughes uns auf ein überwältigendes historisches Abenteuer mit: von der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart, durch die vielen Facetten einer der großartigsten Städte der Welt. Farbig und mit großer Erzählkunst schildert sie, wie Istanbul – die älteste politische Einheit zwischen Ost und West – in den letzten 6000 Jahren ein Mosaik aus Mikrostädten und Kulturen in sich aufgenommen hat. Hughes geht der Frage nach, was eine kosmopolitische Stadt ausmacht, und sie erzählt dabei nicht nur die Geschichte von Kaisern, Wesiren, Kalifen und Sultanen, sondern auch diejenige der Armen, der einfachen Menschen ohne Stimme – von den Frauen und Männern, deren Sehnsüchte und Träume Istanbul immer wieder neu erfunden haben. Das fesselnde, epochenübergreifende Porträt einer einzigartigen pulsierenden Metropole und ihrer Menschen. Packende, direkte, gelehrt erzählende Geschichtsschreibung, die unser Verständnis der modernen Türkei revolutioniert.

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Seitenzahl: 1438

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dies ist der Umschlag des Buches »Istanbul« von Bettany Hughes

Bettany Hughes

Istanbul

Die Biographie einer Weltstadt

Aus dem Englischen von Susanne Held

Klett-Cotta

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Istanbul. A Tale of Three Cities« im Verlag Weidenfeld & Nicolson, The Orion Publishing Group Ltd, London

© 2017 by Bettany Hughes

Für die deutsche Ausgabe

© 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

unter Verwendung eines Fotos von © shutterstock / lkpro

Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96286-4

E-Book: ISBN 978-3-608-11106-4

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Prolog

Anmerkung zu den Namen

Einführung

Teil Eins

Byzantion

Knochen, Steine, Lehm

Stadt der Blinden

Stadt des Lichts

Persisches Feuer

Die belagerte Stadt

Wein und Hexen

Alle Wege gehen von Rom aus: Die Via Egnatia

Der Feind im Inneren

Verfolgung

10 

Die Sanftmütigen werden die Erde besitzen

Teil Zwei

Konstantinopel

11 

Die Schlacht an der Milvischen Brücke

12 

Die goldene Stadt

13 

Im Namen des Blutes Christi

14 

Königin der Städte

15 

Glaube, Hoffnung, Liebe und das Nizänische Glaubensbekenntnis

16 

Helena

17 

Geburten und Tode

18 

Heiden und Prätendenten

19 

Das Problem mit den Goten

20 

Friedenstaube oder eiserne Faust: Theodosios Der Große

21 

Schlachten im Himmel und auf Erden: Gaza und Alexandria

22 

Christliche Partikel in heidnischer Atmosphäre: Nova Roma

23 

Himmelssäulen: Asketen

24 

Sex and the City: Eunuchen

25 

Die Plünderung des alten Rom: Das Problem mit den Goten, Teil 2

26 

Vandalen, Weisheit und Attila der Hunne

Teil Drei

Das neue Rom

27 

Stadt der Mutter Gottes

28 

Das Goldene Zeitalter

29 

Erdbeben und Feuer

30 

Die Phönix-Stadt

31 

Spektakulär, spektakulär

32 

Recht und Ordnung

33 

Die jüdische Stadt

34 

Die klassische Stadt

35 

Alles ist eitel

Teil Vier

Das Sehnen der Welt

36 

Die Reise der Seidenraupe

37 

Al-Qustantiniyya

38 

Eine Gräte im Rachen Allahs

39 

Nachts Mönche, tagsüber Löwen

40 

Byzanz und Britannien

41 

Ikonen und Ikonoklasmus

42 

Wikingerfeinde, Wikingerfreunde und die Geburt Russlands

43 

Innerhalb der Mauern

44 

Die Warägergarde

Teil Fünf

Stadt des Krieges

45 

Ein großes Schisma?

46 

1071, 1081 und so weiter

47 

Die Stadt der Kreuzzüge

48 

Verhandelnde Mönche und mörderische Usurpatoren

49 

Das venezianische Verhängnis, die Königreiche der Ritter

Teil Sechs

Allahs Stadt

50 

Yıldırım: Der Blitz

51 

Kein Land für alte Männer

52 

Stadt im Zwielicht

53 

Der Wohnort der Glückseligkeit

54 

Ein Gott im Himmel, ein Reich auf Erden

55 

Die Renaissancestadt

56 

Ein Garten mit unterschiedlichen Früchten

57 

Ein Diamant zwischen zwei Saphiren

58 

Das muslimische Jahr 1000

Teil Sieben

Reichsstadt

59 

Schießpulverimperien und umwerfende Persönlichkeiten:Dragomane und Eunuchen

60 

Das Sultanat der Frauen

61 

Die Janitscharen

62 

Die große Belagerung von Wien

63 

Der Handel mit weißen Sklaven und die weiße Pest

64 

Weiße Kaukasier

65 

Seife und Pocken

66 

Tulpen und Textilien

Teil Acht

Stadt der Revolten

 –

Stadt der Chancen

67 

Ach, Liebe! Junge Liebe!

68 

Massaker

69 

Revolution

70 

Tsargrad

71 

Scutari

72 

Einbahnverkehr

73 

Ein kranker Mann im Rosengarten

74 

Gallipoli: Ende eines Imperiums

75 

Der Rote Apfel

76 

Die Katastrophe

77 

Der letzte Kalif

78 

Globale Zukunftsperspektiven

Coda

Anhang

Dank

Zeittafel

Appendix

Anmerkungen

Bibliographie

SONSTIGES

KATALOGE UND FÜHRER

Bild- und Kartennachweis

Namens- und Ortsregister

Tafelteil

Für Jane und Karl, die mich an Leib und Seele unterstützen.

Für Robin Lane Fox, der mir Hoffnung gab.

Und für alle, denen es nicht mehr vergönnt ist, auf den Straßen Istanbuls zu wandeln.

Ein Diamant zwischen zwei Saphiren und zwei Smaragden … der kostbare Stein im Ring eines ausgedehnten Reichs, das die gesamte Welt umfasste.

Osmans Traum, ca. 1280 n. Chr.[1]

Diejenigen, die Konstantinopel noch nicht kannten, starrten ganz verwundert auf die Stadt – nie hätten sie sich vorstellen können, dass es auf der Welt einen solchen Ort gibt.

Geoffroi de Villehardouin, Vierter Kreuzzug, 1204 n. Chr.[2]

Wäre einem nur ein einziger Blick auf die Welt gewährt, sollte man ihn auf Istanbul werfen.

Alphonse de Lamartine, Dichter, Schriftsteller, Staatsmann, 1790–1869 n. Chr.[3]

O mein Gott! Gewähre, dass diese Stadt bis ans Ende der Zeiten wächst und gedeiht.

Sultan Murad IV., 1638 n. Chr.[4]

PROLOG

632–718 n. Chr.(10–100 im islamischen Kalender)

Du wirst fürwahr Konstantinopel erobern. Welch wunderbarer Führer wird er sein, und welch wunderbares Heer wird dieses Heer sein!

Traditionelles Hadith, das den Wunsch des Propheten Mohammed(1) formuliert, Konstantinopel zu erobern[1]

Der Wind des Todes ergriff sie … Die Römer wurden belagert, doch den Arabern erging es nicht besser. Hunger bedrängte sie so sehr, dass sie Leichen aßen, Exkremente und Unrat. Sie waren gezwungen, sich gegenseitig umzubringen, um essen zu können. Ein Modius Weizen war damals zehn Denare wert. Sie hielten Ausschau nach kleinen Steinen und aßen sie, um ihren Hunger zu stillen. Sie aßen Abfall von ihren Schiffen.

Michael der Syrer, Die Eroberung von Konstantinopel, 717 n. Chr.[2]

Wir kennen den Namen des Boten nicht – doch wir leben mit den fatalen Auswirkungen seiner Botschaft.

In der Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr. herrschte der 25-jährige byzantinische Kaiser Constans II.(1) in seiner Hauptstadt Konstantinopel.[3] Da traf die Kunde ein, eine wilde Streitmacht aus Arabern, von denen sich viele als Muslime bezeichneten – »die sich Unterwerfenden«[4] –, habe mit einer Kriegsmacht aus rund zweihundert nagelneuen Schiffen die Inseln Zypern(1), Kos(1), Kreta(1) und Rhodos(1) angegriffen. Constans(2) und sein christlicher Hof wussten, dass es sich bei diesen Muslimen, Anhängern einer Religion, die noch keine Generation alt war, um ein Wüstenvolk handelte – Männer, die dem Meer gegenüber so reserviert eingestellt waren, dass es in einem arabischen volkstümlichen Sprichwort hieß: »Die Blähungen von Kamelen sind erfreulicher als die Gebete der Fische.«[5] Mit einer Seefahrertradition, die bis mindestens bis zur berühmten Gründung der Stadt durch Seefahrer vom griechischen(1) Festland 1400 Jahre zuvor zurückreichte, und einer Mannschaft, die gegenüber den Muslimen in der Überzahl war, stach Constans(3) von seiner glitzernden, goldüberglänzten Stadt aus in See und betete, dass ihm eine rituelle Erniedrigung seines muslimischen Feindes vergönnt sein möge.

Doch schon nach dem ersten Kampftag war Constans(4) der Gedemütigte – als gemeiner Seemann verkleidet, sprang er über Bord und kauerte sich an Deck eines unauffälligen Bootes zusammen. Verzweifelt floh er aus der Schlacht, die zwischen dem heutigen Zypern(2) und der Türkei(1) ausgetragen wurde.[6] So viele wurden in diesem arabisch-byzantinischen, muslimisch-christlichen Konflikt getötet, dass es hieß, das Meer habe sich rot gefärbt. Muslimische Quellen bezeichnen den Kampf als die Schlacht der Masten; neue Schiffsmodelle, die Dromonen und shalandiyyāt,[7] erzwangen den Nahkampf: Byzantinische und arabische Schiffe wurden aneinander getäut. Und es war für das christliche Konstantinopel höchst verstörend, dass die Anhänger Mohammeds(2) allen Erwartungen zum Trotz als Sieger aus dem Kampf hervorgingen.

Über ein langes halbes Jahrhundert war die Stadt Konstantinopel, die als Gottes irdische Heimstätte galt, sowohl physisch als auch psychologisch belagert: eine Stadt, die von sich glaubte, sie sei von Gott bevorzugt worden und könne bis zum Weltenende nicht erobert werden. Nur ein Jahrhundert zuvor war dieses Neue Rom(1) – die reichste Stadt weltweit – die christliche Hauptstadt eines Reichs, das sich über zweieinhalb Millionen Quadratkilometer erstreckte. Die Bewohner Konstantinopels hatten solches Vertrauen in ihre Beschützerin, die Jungfrau Maria(1), dass die Gottesmutter den Beinamen »oberste Kriegsherrin« trug.

Nach seiner Flucht kehrte der byzantinische Kaiser Constans(5) zunächst nach Konstantinopel zurück, begab sich aber schließlich nach Sizilien(1) in Sicherheit und ließ seine Mutterstadt schutzlos hinter sich. Die Menschen, die im historischen Zentrum der Stadt über der ehemaligen antiken griechischen(2) Akropolis, die auf das Marmarameer hinausblickte, zurückgeblieben waren, oder zersprengt an den Ufern des Bosporus(1) und des Goldenen Horns(1) saßen, waren außerstande, auch nur annähernd eine geschlossene Front zu bilden. Einigen schien die Eroberung durch die Araber(1) unausweichlich zu sein. Innerhalb nur weniger Jahre nach dem Tod des Propheten Mohammed(3) im Jahr 632 n. Chr. (dem Jahr 10/11 im islamischen Kalender) sah es ganz so aus, als würden die Muslime die Herrschaft über die gesamte damals bekannte Welt übernehmen. 632 hatten arabische Streitkräfte das byzantinische Syrien(1) erobert, 636 wurde in Jarmuk(1) ein byzantinisches Heer zurückgeschlagen, 640 hatte die Einnahme von Heliopolis(1) das Vorrücken ins byzantinische Ägypten(1) ermöglicht, 641 war Alexandria(1) gefallen, 642/643 wurde Tripolis eingenommen, und nun wurde der Vormarsch in Richtung Norden fortgesetzt. Wenn die Dinge sich ihrem natürlichen Gang entsprechend weiterentwickelt hätten, wäre Istanbul vor fünfzehn Jahrhunderten Kalifensitz geworden.

Doch unmittelbar nach der Schlacht der Masten trat eine Kampfpause ein. Das noch unerfahrene muslimische Gemeinwesen war infolge einer Nachfolgekrise und interner Streitigkeiten geschwächt – diese führten später, ab dem Jahr 661, zu der das Angesicht der Erde prägenden Kluft zwischen Schiiten- und Sunnitentum, die bis auf den heutigen Tag anhält.[8] In Konstantinopel ging das Leben, wenn auch nicht ohne gewisse Befürchtungen, weiter. Viele verließen die Stadt, weil sie nicht sicher waren, ob sie hier auch weiterhin Nahrung und Schutz erhalten würden. Die Dynastie des Kaisers hatte kurz zuvor eine entstellende Form der Bestrafung eingeführt, die sogenannte Rhinotomie, bei der die Nase von in Ungnade gefallenen Kaisern (sowie die Zunge von deren Frauen) aufgeschlitzt wurde. Die Nasenbedeckung aus Gold wurde zum bezeichnenden Merkmal im byzantinischen Kaiserpalast und an Verbannungsorten. In abgelegenen Gegenden hielten sich byzantinische Bevölkerungsgruppen in befestigten Siedlungen wie Monembasia(1) auf der Peloponnes versteckt, oder sie gruben sich selbst, ihre Häuser, ihre Kirchen und Getreidespeicher in den weichen Fels des kleinasiatischen Kappadokien(1). Kaiser Constans(6) hatte sogar einen Vorstoß gemacht, die Hauptstadt nach Syrakus(1) auf Sizilien(2) zu verlegen.

Die Sorge war berechtigt: Zuerst im Jahr 667[9] und erneut 668 und 669 kamen die Araber(2) zurück und rückten mit ihren Truppen bis zu Konstantinopels Goldenem Tor(1) vor. Sie benutzten nach wie vor die griechisch(3)-römischen Schiffe und jene griechisch-ägyptischen Seeleute, die sie nach der Eroberung der Hafenstadt Alexandria(2) im Jahr 641 in ihren Dienst gezwungen hatten. Die muslimischen Araber(3) gingen bei der Siedlung Chalkedon(1) an Land, gerade einmal tausend Meter von Konstantinopel entfernt auf der anderen Seite der Meerenge des Bosporus(2) und in Sichtweite der Stadt, und sie provozierten und bedrohten diejenigen, die im »Sehnen der Welt« wie in einer Falle gefangen saßen.[10] Man hatte es hier nun definitiv mit einer neuen Seemacht zu tun. In jedem Frühling griffen die Araber(4) von Kyzikos(1) an der kleinasiatischen Küste aus an. Das einzige, was sie in Schranken halten konnte, war Griechisches Feuer, Konstantinopels teuflische Geheimwaffe, die aus einer Mischung aus kaukasischem Erdöl, Schwefel, Pech und Ätzkalk hergestellt wurde und einen ähnlichen Effekt wie Napalm hatte, sowie die Feuergewalt einer Kriegsflotte aus fünfhundert Schiffen, die Constans(7) während seiner Abwesenheit in Sizilien(3) hatte bauen lassen.[11] Neuere Untersuchungen syrischer und muslimischer Quellen lassen vermuten, dass wir uns diese frühen arabischen Attacken eher als übergriffige Nadelstiche vorstellen sollten und nicht so sehr als schlüssig ausgearbeitete Belagerungsstrategie.

Im Jahr 717 n. Chr. veränderte sich die Situation dann grundlegend.

Die Muslime wurden durch Konstantinopels Mauern und seine innovativen Waffen zwar auf Abstand gehalten, doch verloren sie ihr Ziel nie aus den Augen, und im Jahr 717 n. Chr. (98/99 im islamischen Kalender) kehrten die muslimischen Truppen zurück. Die Araber(5) hatten im Jahr 711 einen Stützpunkt auf Gibraltar(1) errichtet, ein Einfallstor zu einem großen Teil der Iberischen Halbinsel. Weite Landstriche im Mittleren Osten und in Nordafrika sowie der Rand Europas befanden sich jetzt in ihrer Hand. Nun war es an der Zeit, sich die Stadt Gottes anzueignen. 717 griffen die belagernden Streitkräfte unter Führung des Bruders des in Syrien(2) residierenden Umayyaden Kalif Sulaiman(1) sowohl vom Land als auch vom Meer aus an.

Der Kaukasus und Armenien(1) waren der byzantinischen Herrschaft bereits entglitten. Eine muslimische Flotte aus 1800 Schiffen transportierte ein gewaltiges Heer. Die Verantwortlichen in Konstantinopel waren so besorgt, dass sämtliche Einwohner aufgefordert wurden, zu beweisen, dass sie die nötigen Mittel zum Kampf besaßen und außerdem über eine wohlgefüllte Vorratskammer verfügten, mit deren Hilfe sie ein Jahr überleben konnten. Wer diesen Ansprüchen nicht genügte, musste die Stadt verlassen. In jenem Jahr pflanzten die Bewohner Konstantinopels in den Lücken zwischen ihren berühmten Mauern Weizen an.[12] Das angreifende Heer war durch eine eschatologische Vision – ein Herrscher, der den Namen eines Propheten trage (Sulaiman(2) ist die arabische Entsprechung von Salomon), werde die Stadt erobern – noch zusätzlich motiviert. Es bestand überwiegend aus Arabern und Berbern und hatte gewaltige Mengen an Nahrungsmitteln und Waffen, darunter auch Naphtha, mitgebracht. Die Angreifer errichteten um Konstantinopel herum notdürftig eigene Belagerungsmauern aus Lehm und isolierten dadurch diejenigen im Innern von ihren Verbündeten.

Doch hatte der arabische Plan eine Achillesferse: Die zum Meer hin liegenden Seiten der Stadt konnten von der arabischen Flotte nicht blockiert werden. Zuerst war es dieses entsetzliche Griechische Feuer – sein Einsatz wurde von den Mauern Konstantinopels vom Kaiser selbst kommandiert – und später der willkommene Treuebruch mehrerer christlicher koptischer Ägypter auf den Schiffen der Muslime, die zur Folge hatten, dass Nachschub, Männer und Moral im Schutz der Dunkelheit vom pechschwarzen Meer aus auch weiterhin ins Innere der Stadt gelangen konnten. Die heimtückischen Strömungen im Bosporus(3) waren eine Falle für muslimische Hilfsschiffe, die vom Marmarameer heraufkamen. Die Araber(6) hatten die Umgebung der Stadt verwüstet, also auch selbst keine Nahrung mehr; in ihren Lagern breiteten sich systematisch Hunger, Angst und Krankheit aus. Ein strenger Winter, in dem die gesamte Region zugeschneit war, führte dazu, dass nicht die Belagerten, sondern die Belagerer das Fleisch getöteter Lasttiere aßen, womöglich gar auf Kannibalismus verfielen.[13]

Schließlich ordnete der arabische Oberbefehlshaber am Fest Mariä Entschlafung, dem 15. August 718, den Rückzug an. Der Sieg wurde der Beschützerin Konstantinopels zugeschrieben, der Gottesmutter Maria(2), deren Ikone man in einer Prozession um die Mauern getragen hatte.[14] Als die erschöpften Bewohner von Konstantinopel realisierten, dass sie die Oberhand gewonnen hatten, versammelten sie sich zu einem letzten Angriff auf den zurückweichenden Feind. Viele Muslime ertranken, andere wurden von den Bulgaren unter Druck gesetzt. Die Überlebenden erreichten mit Mühe und Not Gebiete von Verbündeten und machten sich dann auf den Weg zurück nach Hause.

Diese Ereignisse wurden zur Legende, noch bevor sie Geschichte waren. Die Angriffe, der Heroismus, die verzweifelten Fluchten führen uns ein wiederkehrendes Thema in der Geschichte Istanbuls vor Augen: Diese Stadt führt ein Doppelleben – als realer Ort und als Erzählung.

Die Lieder von den Belagerungen Konstantinopels und den auf dem Meer ausgetragenen Schlachten sollten von späteren Generationen auf Jahrhunderte hinaus an den Lagerfeuern gesungen werden. Mittelalterliche Chronisten und neuzeitliche Quellen malten die erzählten Episoden noch weiter aus: Es hieß, der byzantinische Kaiser Leo III.(1) habe die muslimische Flotte versenkt, indem er den Bosporus(4) mit seinem Kreuz berührte. Viele erklärten, Constans(8) habe ein Kreuz geschwenkt, während seine Soldaten Psalmen sangen, und der muslimische Anführer Muawiyah habe darunter einen Halbmond zur Schau gestellt, während seine Männer auf Arabisch den Koran rezitierten. Die Erinnerungshüter ignorierten, dass die Männer in beiden Heeren wahrscheinlich Griechisch sprachen; dass also Soldaten und Zivilisten durchaus in der Lage gewesen wären, sich zu verständigen, während Beleidigungen und Drohungen hin und her flogen und sie ihre Gebete murmelten.

Sowohl in christlichen als auch in muslimischen Häusern wurde das Jahr 717 zu einem Ereignis epischer Größe und eines aufgeschobenen Sieges. Später unternahmen die Osmanen Pilgerfahrten zu den Moscheen und Heiligtümern, die ihrer Meinung nach zur Zeit der Belagerung innerhalb der Stadt erbaut worden waren.[15] In zahlreichen arabischen Quellen wird behauptet, faktisch hätten die Muslime gewonnen – damit verbunden ist der Ausblick auf einen weiteren und vollständigen Sieg über Konstantinopel und seine Gebiete am Ende der Tage.[16] Es hieß, der arabische Befehlshaber Yazid(1)I. habe Konstantinopels entnervend widerstandsfähige Mauern vor der Belagerung des Jahres 674 erstiegen und daher später den Beinamen fata al-‘arab, »der junge Held der Araber(7)«, erhalten; und arabische Kommandos seien in die Stadt eingedrungen und hätten als Rache für das unter den Muslimen angerichtete Blutbad in der Hagia Sophia(1) einen byzantinischen Kaiser erhängt. Im Westen werden immer noch Epen von Konstantinopels Drangsalen gesungen: In Tolkiens(1)Herr der Ringe ist die Schlacht auf den Pelennor-Feldern, der zu Land und zu Wasser ausgetragene Kampf um die Stadt Minas Tirith,[17] von diesen Angriffen inspiriert. Und jedes Jahr am 15. August danken die Gläubigen in der gesamten christlichen Welt nach wie vor Maria(3) für ihre wundersame Schutzmacht. Dass Konstantinopel nicht gefallen war, erhöhte ihren Ruhm. Die Stadt nahm in der Vorstellung vieler Menschen geradezu phantastische Dimensionen an.

Zusammen mit diesen Geschichten eines großen Triumphs erhalten wir durch byzantinische Quellen die sichere Information, dass um die Zeit der Belagerungen von Konstantinopel Araber(8) die Insel Rhodos(1)(2) besetzten, eines der antiken Weltwunder, den Koloss von Rhodos, auseinanderbrachen und an einen jüdischen Händler verkauften (einige behaupten, der Koloss sei während eines Erdbebens im Jahr 228 v. Chr. umgestürzt, andere sagen, er sei von mehreren römischen Kaisern wiederhergestellt oder faktisch ins Meer geworfen worden). Dieses antike Ungetüm wurde dann von neunhundert Kamelen (einige wenige leicht erregbare Chronisten sprechen gar von dreitausend Kamelen) weggeschafft, um als Alteisen verkauft zu werden(2).

Das Ereignis wird zwar in einer Reihe von Texten aus dem Mittelalter und vielen namhaften modernen Geschichtsdarstellungen enthusiastisch wiedergegeben, erscheint jedoch in keiner einzigen arabischen Quelle. Vielleicht handelt es sich um einen Akt verschämter Leugnung durch Verschweigen – vielleicht aber ist diese »Historie« auch schlicht eine erfundene Geschichte mit all den typischen Merkmalen von Vandalismus und Philistertum, die man einerseits von Juden, andererseits von »Sarazenen« erwartet, das Ganze gewürzt mit einer Spur eschatologischer Angst(3).[18]

Das kulturelle Gedächtnis, die Hoffnung der Geschichte, ist häufig genauso wirkmächtig wie das historische Faktum.

Wir haben damit Istanbul in Reinkultur vor uns. Einen Ort, an dem Geschichten und Geschichte, Wirklichkeit und Erfindung kollidieren und sich aneinander entzünden; eine Stadt, die über Ideen und Informationen wacht und aus ihnen ihr Denkmal formt. Einen Preis, der als Abstraktion und als Traum ebenso viel bedeutete wie als Realität. Eine Stadt, die über Jahrhunderte hinweg eine zeitlose Tradition aufrechterhalten hat, die so alt ist wie die Geburt des modernen Geistes – in der ehemalige Erzählmuster aufbewahrt sind, die uns Aufschluss darüber geben, wer wir gegenwärtig sind. In harte historische Begriffen gefasst, markierten die Fehlschläge der Araber(9) tatsächlich einen Wandel in der Zielrichtung. Man konzentrierte sich nun nicht mehr darauf, dem Byzantinischen Reich »den Kopf abzuschlagen«, sondern auf die Eroberung der umliegenden Territorien im Osten, Süden und Südwesten. Das hatte eine siebenhundert Jahre währende unsichere Parallelexistenz der beiden monotheistischen Religionen zur Folge, in der es beides gab, Kollaboration und Konflikt. Niemand aber vergaß, dass »die Gräte im Rachen Allahs« nicht entfernt worden war.

Für die Menschen vieler Glaubensrichtungen, für den Osten wie für den Westen, ist Istanbul nicht nur eine Stadt, sondern eine Metapher, eine Idee – eine Möglichkeit, die beschreibt, wohin wir unsere Vorstellungskraft schweifen, wo wir unsere Seele einen Ort finden lassen wollen. Eine Stadt, die Abstraktionen und Armeen, Götter und Güter, Herz und Leib und Vernunft und Geist anspornt, sich auf den Weg zu machen.

ANMERKUNG ZU DEN NAMEN

Istanbul hat nicht nur als Stadt viele Namen, es gibt darüber hinaus zahlreiche Varianten, die Namen seiner Herrscher, Einwohner, Protagonisten, Territorien, Feinde und Verbündeten zu transkribieren, abzubilden und zu buchstabieren. Im Großen und Ganzen habe ich mich etwa bei den oströmischen Kaisern für die griechischen(4) Formen entschieden, doch habe ich auch gängige Formen wie Michael verwendet, wo es angemessen war. Absolute Stringenz ist praktisch unmöglich und hat außerdem auch etwas tendenziell Eitles an sich – im Zusammenhang mit einer Stadt, die häufig als »leuchtend« beschrieben wurde, sehe ich mein Ziel eher im Erhellen und nicht im Verdunkeln. Türkische Lautschrift wurde mit der freundlichen Unterstützung von Robin Madden, Lauren Hales sowie meinem großartigen Korrektor Peter James und Fahnenlektor Anthony Hippisley verwendet.[1]

Der klassische griechische(5) Name Byzantion (lateinisch Byzantium) geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das protoindoeuropäische *bhugo, Bock, zurück. Möglicherweise hat es eine lokale thrakische(1) Wurzel – Buz –, die einen Bezug zu Gewässern und Quellen andeutet. Jedenfalls ist der große natürliche Reichtum an Flora, Fauna und Geologie von Istanbuls Umland im ersten historischen Namen der Stadt Byzantion gefasst. Konstantinopel leitet sich vom lateinischen Namen Constantinus ab – also dem Namen Konstantins des Großen(1), des römischen Kaisers, der die Stadt im Jahr 324 n. Chr. neu gründete und damit am Anfang einer Zivilisation stand, die allerdings erst im 16. Jahrhundert (genauer: 1557 von dem Historiker Hieronymus(1) Wolf(1)) als byzantinisch bezeichnet wurde. Seit dem Jahr 330 n. Chr. wurde die Stadt auch Neues Rom(2) genannt; der übliche persische und mittelöstliche Name für das Byzantinische Reich war und ist Rum. Istanbul ist entweder eine türkische mundartliche Version der griechischen Wendung eis ten (oder tin) polin – in die Stadt, in Richtung der Stadt; oder von »Islam-Bol«, vom Islam erfüllt. Die Griechen bezeichneten den Ort seit spätestens dem 10. Jahrhundert n. Chr. als Stinpolin, Stanbulin, Polin oder Bulin. Nach der osmanischen Eroberung ergab sich eine willkommene Ähnlichkeit zwischen der türkischen Form von Stanbulin, Stambol, und Islam-bol. Zwar erfreute man sich aufseiten der Osmanen am religiösen Klang des Namens Islam-bol, doch bis zum 20. Jahrhundert nannten auch die Osmanen die Stadt Kostantiniyye oder Konstantiniye, eine Version des arabischen al-Qustantiniyya. Der Name Konstantinopel/Kostantiniyye wurde offiziell erst abgeschafft, als das türkische Postgesetz vom 28. März 1930 durchsetzte, dass in Postadressen der Name Konstantinopel nicht mehr verwendet werden durfte. Nun hieß die Stadt offiziell Istanbul. Mehr als 1500 Jahre lang wurde die Metropole in der gesprochenen und geschriebenen Sprache einfach nur als He Polis – die Stadt – oder Ten Polin – in die Stadt bezeichnet; Fulin, der chinesische(1) Name für das Byzantinische Reich, ist eine abgewandelte Form von Polin.[2]

Die Ansiedlung in ihrer frühesten historischen Form als Byzantion wird in der hebräischen Bibel und dem griechischen(6) Neuen Testament nicht einmal gestreift (eine Erwähnung des Bosporus(5) wurde jetzt als Missverständnis nachgewiesen).[3] Obwohl Istanbul später eine florierende jüdische Bevölkerung besaß, war dieser Ort in der biblischen jüdischen Tradition immer »anders«, eine mystische Präsenz – weder Stadt der Sünde noch Gelobtes Land. In der Ilias kommt Byzantion ebenfalls nicht vor. Auch für die frühen Griechen war der Landbogen, der vom Bosporus ins Marmarameer hineinbrach, ein bewaldetes Schwellengebiet, das sein Geheimnis für sich behielt, ein geisterhafter Ort am Rande der Zivilisation. Der Überlieferung nach zeigte der Teufel Jesus den Bosporus, das Goldene Horn(2) und die byzantinische Akropolis von Çamlıca in Kleinasien, um ihm »all die Macht und Herrlichkeit der Welt und ihrer Reiche« vor Augen zu führen: einen Ort, der den Eindruck von Perfektion erwecken sollte, die Inkarnation von Versuchung.

Im kulturellen Durcheinander der Stadt gab es neben Römern, die seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. nicht mehr Lateinisch sprachen, griechischsprechende Muslimen, die dort bis zum 9. Jahrhundert lebten. Die lateinischen Angreifer des Jahres 1204 bezeichneten die Bewohner als Graikoi (Niketas Choniates(1), Historia), wohingegen die Christen der Stadt die antike griechische(7) Bezeichnung Hellenen wegen des heidnischen Beigeschmacks vermieden und den Begriff Romaios vorzogen. Die Griechen des 21. Jahrhunderts nennen sich auf sämtlichen Kontinenten noch heute Romaioi – Römer, Kinder des Neuen oder Zweiten Rom(3). Griechischstämmige Personen aus Istanbul werden auch heute noch Romoi oder Rumlar genannt.

Die Einwohner dieser Stadt zwischen 700 v. Chr. und 1450 n. Chr. als »Römer« zu bezeichnen, stellt zwar psycholinguistisch eine einschneidende Entscheidung dar, ist jedoch tendenziell eher verwirrend. Daher werden in diesem Buch als Römer die Römer der Antike bezeichnet, diejenigen hingegen, die in der Stadt lebten, die vormals Byzantion, dann Byzantium, dann Konstantinopel hieß, bezeichne ich als Byzantiner. Byzantium bezieht sich auf die Stadt, Byzanz auf das Reich oder auf die Idee vom Reich der Byzantiner. Der Name der Stadt selbst wurde mit Sicherheit sowohl verwendet, um die Stadt zu rühmen, als auch, um sie als Einheit abzugrenzen. Im Mittelalter wurde die Zivilisation Konstantinopels im Westen jahrhundertelang als konstantinopolitanisch bezeichnet. Allerdings war Konstantinopel unmittelbar vor dem Zeitpunkt, da die Stadt im Jahr 1453 an die osmanischen Türken fiel, praktisch nur noch eine von Mauern umgebene Ruine, zu der kaum mehr umliegendes Land gehörte.[4]

Die Osmanen in Istanbul verwendeten die Bezeichnung Türke ursprünglich, um eine reichlich ungehobelte Person aus der tiefsten Provinz zu bezeichnen. Heute wird im städtischen Slang an der Westküste der USA als Türke ein junger, extrem draufgängerischer Mann bezeichnet, ein Ausdruck der volkstümlichen, jahrhundertealten stereotypischen Angst, die kürzlich in der politischen Rhetorik wiederbelebt wurde, als die Türkei(2) sich um die Mitgliedschaft in der Europäischen Union bewarb.[5] (Im Deutschen(1) hat das Verb »türken« die Bedeutung von fingieren oder fälschen – man denke etwa an »getürkte Karten«, AdÜ.) Im Jahr 1578 fragte John Lyly, ob »je ein Schelm so böse und barbarisch war, je ein Türke so roh und niederträchtig«;[6] und in Wörterbüchern des Jahres 1699 wird »Türke« ganz allgemein als grausamer Mensch definiert. Der Ausdruck Ottomane bezeichnete zwar auch ein niedriges Schlafzimmermöbel ohne Lehne, doch wurde Ottomane bzw. Osmane in den Empfangszimmern des Westens häufiger in Bezug auf die osmanische Gefahr verwendet, welche die christliche Zivilisation bedrohte.[7]

Der Bosporus(6) (die Rinderfurt) erscheint im Lateinischen und Griechischen des Mittelalters als Bosphorus bzw. Bosphoros. Ich tendiere dazu, die Form Bosphorus zu verwenden, die (im Unterschied zum Deutschen(2)) im Englischen stärker verbreitet ist (in der Übersetzung hingegen wird die im Deutschen übliche Form Bosporus verwendet, AdÜ). Wenn ich einen allgemeinen, nicht zeitspezifischen Aspekt der Stadt thematisiere, verwende ich den Namen Istanbul oder, wenn die Quellen es nahelegen, Byzantium, Konstantinopel oder Kostantiniyye. Das ist vielleicht stellenweise chronologisch nicht ganz angemessen, aber ich glaube, die längst verblichenen Bewohner von Byzantion, Byzantium, Konstantinopel und Istanbul werden mich verstehen und – so hoffe ich – Nachsicht mit mir haben.

EINFÜHRUNG

Alle anderen Städte haben ihre Perioden der Macht und sind dem verderblichen Vergehen der Zeit unterworfen; einzig Konstantinopel scheint Anspruch auf eine Art Unsterblichkeit zu erheben und wird als Stadt fortbestehen, solange es Menschen gibt, die es entweder bewohnen oder wiederaufbauen.

Pierre Gilles, De topographia Constantinopoleos, 1550 n. Chr.[1]

Am 4. Februar 1939 übertrug die BBC eine Tonaufnahme von W. B. Yeats(1)’ Gedicht »Sailing to Byzantium«. Damit zollte der Sender dem sieben Tage zuvor verstorbenen hitzköpfigen irischen Dichter Tribut. Knisternd und fauchend bewegt sich der in makellosem Queen’s English gesprochene Clip irgendwo zwischen dem Erhabenen und dem Unheimlichen. So wird die Aufnahme selbst zu einer fragmentarischen Erinnerung daran, wozu die große Stadt Byzantium sich entwickelt hat. Eine sonore männliche Stimme rezitiert Yeats’ Zeilen, die von einem Ort erzählen, der im Kopf des Dichters lebte und auch in unserer Vorstellung noch lebendig ist: sinnlich, glänzend, unbeschreiblich – charismatisch im eigentlichen griechischen(8) Sinn des Wortes, voll der Grazie einer anderen Welt, die irdisches Begehren weckt.

Darum hab ich mich eingeschifft und bin

Gekommen in die heilige Stadt Byzanz.

Weise, die ihr steht in Gottes heiligem Feuer

Wie in dem goldenen Mosaik der Mauer,

Kommt aus dem Feuer, dreht euch im Kreisel,

Bringt meiner Seele neu das Singen bei.

Zehrt mir das Herz auf; krank vor Verlangen,

Gekettet an ein Tier, das sterben muss,

Kennt sie sich selber nicht; nehmt mich doch mit

Auf in das Kunstwerk für die Ewigkeit.

So der Natur entwischt, vermeid ich ganz

Die Leibgestalt nach Vorbild der Natur,

Ich nehm sie griechisch(9), so wie sie der Schmied

Aus Gold gehämmert und mit Goldemail,

Dass selbst ein müder Kaiser wachend bleibt,

Auf goldnen Zweig gesetzt, ein Lied zu singen

Den Herrn und Damen in der Stadt Byzanz

Von dem, was war, was ist und kommen soll.1

Istanbuls Vielgestalt – was war, was ist und was kommen soll – hat meine eigene Liebesgeschichte mit dieser Stadt entfacht, eine Beziehung, die nun bereits über vier Jahrzehnte anhält. Die Geschichte dieses Ortes mit den drei Namen – Byzantion oder Byzantium (ca. 670 v. Chr.–330 n. Chr.); Konstantinopel, al-Qustantiniyye, dann Kostantiniyye (ca. 330 n. Chr.–1930); Istanbul oder Stimboli (seit ca. 1453) – wird häufig in getrennte Blöcke aufgespalten: antike, byzantinische, osmanische, schließlich türkische Periode. Für mich speist sich Istanbuls kulturelle, politische und emotionale Stärke allerdings aus dem Umstand, dass das Wesen der Stadt nicht durch Zeitbegrenzungen zu definieren ist. Istanbul ist ein Ort, an dem die Menschen zeitübergreifend durch diesen einen Raum verbunden sind; daher habe ich mich der Herkulesaufgabe gestellt (die manchmal auch Dimensionen der Augiasstall-Episode annahm), landschaftliche Fixpunkte zu benutzen, um eine Geschichte dieser Stadt von der Vorzeit bis zur Gegenwart zu erzählen.

Zufällige historische Überbleibsel in der modernen Metropole – die Sockel spätantiker Säulen in Einkaufsstraßen, Quellen in der Nähe von Moscheen (antike heidnische Schreine, aus denen christliche Kirchen und später muslimische Kulträume wurden) – überdauern als Zeugnisse der vielfältigen Bevölkerungsschichten. Istanbul hat oft etwas Außerzeitliches an sich, daher wurde die Ansiedlung auch als Neues Rom(4), als Neues Jerusalem(1), als Allahs Ewige Stadt bezeichnet. Mehr als 320 Menschengenerationen haben in über achttausend Jahren hier gelebt, gearbeitet und gespielt – ein Kontinuum, das stellenweise frustrierende Leerstellen aufweist, aber doch einen reichen Fundus archäologischer und literarischer Zeugnisse bietet. Vieles tauchte erst in letzter Zeit aus der Erde und aus den Archiven auf, und um diese Zeugnisse herum habe ich mein Buch angeordnet. In Istanbul haben imposante historische Persönlichkeiten gelebt, aber ich habe mich nicht nur auf diejenigen konzentriert, die über öffentliche und öffentlichkeitswirksame Macht verfügten, sondern habe auf diesen Seiten versucht, auch die lebendige Erfahrung jener zu erfassen, denen möglicherweise gar nicht klar war, dass sie Geschichte schrieben. Sprachgeschichtlich und im Hinblick auf ihre Philosophie und Zielsetzung wird eine Stadt von den Menschen gebildet, die sie bewohnen. Sie werden in diesem Buch also Frauen und Männer finden. Sie werden den Armen und den Reichen begegnen, den Schwachen und den Starken.

Ich biete im Folgenden keinen allumfassenden Katalog von Istanbuls Vergangenheit. Es geht vielmehr um eine persönliche, reale Reise – eine Untersuchung der Frage, was eine Stadt ausmacht: vor allem eine Untersuchung der neuerdings zur Verfügung stehenden Zeugnisse, die die Globalität der Vorgeschichte Istanbuls in den Blick rücken – und die vielleicht eine Möglichkeit bieten, sowohl die Stadt als auch uns selbst zu verstehen. Schon immer war Istanbul eine entscheidende Station in einem temporalen und neuralen Netzwerk. Eine Stadt ist als Einheit nicht selbstgenügsam; sie überlebt und entwickelt sich einerseits durch Spezialisierung weiter, andererseits durch die Verbindungen, die sie über ihre Grenzen hinaus unterhält. Ich habe mich daher auf wegweisende Ereignisse oder Ideen konzentriert, die Istanbul prägten oder dank derer die Stadt andernorts an Einfluss gewann. Mir war es wichtig, zu verstehen, auf welche Weise sich die Siedlung und die Menschen, die in ihr lebten, im Lauf der Jahrtausende anpassten und entwickelten und wie von diesem Schmelztiegel leidenschaftlicher Aktivitäten Funken ausgingen, aus denen sich auch an anderen Orten der Welt Flammen entzündeten.

Byzantion rückt mit den Zeilen von Herodot(1) im 5. Jahrhundert v. Chr. ins Blickfeld, in denen der Vater der Geschichtsschreibung von einer Pontonbrücke berichtet, die einer der mächtigsten Männer der Erde bauen ließ, um Asien(1) mit Europa zu verbinden.[2] Während ich – 2500 Jahre später – an diesem Buch arbeitete, wurden in Istanbul unter dem türkischen Präsidenten Erdoğan die ersten interkontinentalen Unterwassertunnel fertiggestellt. Bei einem von Teilen des Militärs initiierten Putschversuch gegen Erdoğan und dessen Regierung am 15. Juli 2016 waren Panzer auf der Bosporus(7)-Brücke stationiert, die die asiatische und die europäische Seite der modernen Stadt miteinander verbindet. Der Taksim-Platz(1) und der Atatürk(1)-Flughafen wurden besetzt, und auch die interkontinentale Fatih-Sultan-Mehmed-Brücke(1) war blockiert. Während der Nacht wurden Protestierende aus den Reihen der Bürgerschaft auf der Bosporus-Brücke, die seither den Namen »Brücke der Märtyrer des 15. Juli« trägt, beschossen. Bei Anbruch der Dämmerung ergaben sich aufständische Soldaten mit erhobenen Händen oberhalb der Wasserstraße, die Europa und Asien voneinander trennt; einige wurden später gelyncht. Istanbul ist ein proteischer, fiebernder Ort, dessen Stimmung und Handlungsweise die zukünftige Sicherheit in Ost und West entscheidend beeinflussen könnte.

Da Istanbul sowohl vom Festland als auch vom Meer aus einzigartig gut erreichbar ist, befriedigt es schon seit Langem unseren philosophischen und physiologischen Trieb – wir haben als Menschen den Drang, zu reisen, zu erkunden, Beziehungen herzustellen, zu beherrschen. Wie das Horn eines Nashorns ragt das eigentliche Stambul, 2300 Kilometer östlich von Paris(1) und 1600 Kilometer nördlich von Bagdad(1), ins Marmarameer. Es wurde am Rande Europas gegründet, in Sichtweite Asiens(2), und richtig zur Geltung kam es in der Antike, als die Entwicklung im Schiffsbau den Transport von immer mehr Menschen, Handelswaren, bewaffneten Truppen und neuen Ideen ermöglichte. Die Stadt wuchs und gedieh, als Männer und Frauen entsprechend einer prähistorischen Wort-Vorstellung agierten, die, so meine These, am Ursprung der Zivilisation steht.

Dieser protoindoeuropäische Ausdruck *ghosti (aus dem sich die Worte Gast, das englische »host« [Gastgeber] und Geist ableiten) bezeichnete eine Art unausgesprochene Etikette, die Vorstellung, dass man Fremde, die man am Horizont auftauchen sieht, nicht mit Speeren oder Steinschleudern unschädlich macht, sondern sich stattdessen auf das Risiko einlässt, sie in der eigenen Behausung willkommen zu heißen – sie könnten ja neue Vorstellungen, neue Waren, frisches Blut mitbringen. Im Lauf der Zeit entwickelte sich diese Wort-Vorstellung zur griechischen(10)xenia – der ritualisierten Freundschaft zwischen Gastgeber und Gast, einer Vision, die den antiken Mittelmeerraum und die Welten des Nahen Ostens einander näherbrachte. Dank neuer DNA-Erkenntnisse im Zusammenhang mit Leichenfunden wissen wir mittlerweile, dass die Menschen in der Antike sehr viel größere Distanzen zurücklegten und dies auch viel systematischer taten, als wir bislang angenommen haben.[3] Wenn Zivilisation etwas damit zu tun hat, dass man über den Horizont hinaus nach dem Unbekannten greift, wenn es dabei um die Herstellung von Beziehungen geht, um die Frage, wie wir miteinander und mit anderen leben sollten, dann ist Istanbul für den Osten wie für den Westen der perfekte Ort, um dieses Streben zu befriedigen. Und heute ist es so wichtig wie nie zuvor, die Geschichte jener Stadt zu verstehen, die ein Byzantiner einmal als »das Sehnen der Welt« bezeichnete.

Istanbuls Geschichte gewinnt auf der heutigen politischen Agenda immer größere Bedeutung. Wie mit dem jüngsten Drama innerer Unruhen und Terrorangriffe übte sie insgesamt einen weitreichenden Einfluss auf die Geschichte des geopolitischen Zustands unserer Gegenwart aus. Die Stadt bot den hartnäckigsten Theokratien der Welt Rückhalt, sie unterstützte die Vorherrschaft des Christentums als Weltreligion, sie entmutigte Kalifen und fand sich dann mit dem langlebigsten Kalifat der Geschichte ab. Neben Mekka(1), Medina(1) und Jerusalem(2) sehen viele in Istanbul den heiligsten Ort der Sunniten. Identitäten des Nahen Ostens, der Balkankonflikt, die Aufspaltung von Kroatien und Serbien(1), die Rolle der Türkei(3) in der Europäischen Union, ein expansionistisches Russland(1), der Konflikt im Heiligen Land, Religionskonflikte in den USA und Europa, die umstrittenen Grenzen der Staaten Irak(1) und Syrien(3) (sowie Israel) und die staatenlosen Flüchtlinge, die aus all diesen Konfliktregionen fliehen: Alle haben ihre Wurzeln in der Geschichte der Stadt mit den drei Namen.

Man könnte geradezu sagen, Istanbul sei der Rosetta-Stein für internationale Angelegenheiten. Die Konfliktherde von Istanbuls Herrschern im Lauf der Geschichte – Damaskus(1), Libyen(1), Bagdad(2), Belgrad, Sarajewo, Kairo(1), der Kaukasus, die Krim(1) – sind auch unsere Konfliktherde. Viele unserer Vorfahren in Europa, im Nahen, im Mittleren und im Fernen Osten sowie in Nordafrika waren Verbündete oder Untertanen oder Bürger oder Sklaven entweder der griechischen(11) oder der römischen, der byzantinischen oder der osmanischen Herren der Stadt. Währungen, Baumwolle, Badematten, Ballistik und außerdem Menschen – Reisende, Gefangene, Flüchtlinge – wurden seit Jahrhunderten auf den Handelsstraßen und von den Häfen der »Königin der Städte« aus transportiert.

Istanbuls Topographie hat möglicherweise seine Geschichte geprägt, und seine Geschichte wiederum die Landschaft unseres Lebens, doch das physische Ausmaß der Stadt kann kaum der Grund für die Menge und Stärke fabelhafter Feinde und Helden gewesen sein, die von ihr angezogen wurden: Konstantin(2)I.(3), Attila(1) der Hunne, Dschingis Khan(1), die neue »Armee des Islam«, Tamerlan, Iwan der Schreckliche, Katharina die Große(1), das Britische Empire(1), der Islamische Staat (IS)(1). Aber die Vorstellung von Istanbul ist eben exponentiell größer als sein Fußabdruck. Als Metapher und Schauplatz erscheint die Stadt in der griechischen(12) Tragödie, im Koran,[4] bei Shakespeare(1);[5] es gibt Türken bei Molière(1) und Osmanen bei Machiavelli(1). Istanbul kommt in 007-Filmen vor; es ist für die Vorstellungswelt des interkontinentalen Publikums der ultimative Bond-Hintergrund. Die Türken verwenden eine spezielle Zeitform, wenn sie Legenden ihrer Stadt beschreiben – »wie man sich erinnerte«.[6]

Istanbul ist ein Ort des Business und des Vergnügens, ein Ort, an dem sich erzählte Geschichten an historischen Ereignissen reiben. Im Kleinen und Großen verdanken wir dieser Stadt und der von ihr gelebten Kultur mehr, als wir wahrscheinlich wissen: den Ausdruck Lingua franca, die Anbetung der Jungfrau Maria(4), das Nizänische Glaubensbekenntnis, den Namen der Roma, Pässe, die Gabel, den Chauvinismus, den Umstand, dass es Menschen gibt, die sich als Weiße Kaukasier bezeichnen, die Grundlage des modernen abendländischen Gesetzes – alles ging aus dem Schmelzofen Istanbul hervor. Griechische Tragödien, römische Philosophie, christliche Texte, islamische Dichtung – viele erstklassige literarische Zeugnisse erhielten sich nur dank der Arbeit der Männer (manchmal auch der Frauen) in den Skriptorien (Werkstätten für die Abschrift, Übersetzung und Analyse von Manuskripten) der Stadt, in den Bibliotheken, Medresen und Klöstern; Istanbul hat viel zur Bereicherung des Zivilisationsspeichers beigetragen.

Heute überholen Lumpensammler in ihren von Pferden gezogenen Karren Ferraris, die im Verkehrschaos der City feststecken. Supertanker, die Öl aus Russland(2) befördern, und gigantische Frachtschiffe, die Luxusgüter vom Marmarameer zum Schwarzen Meer transportieren, bedrohen die Fischer vor Ort. Züge und dröhnende Busse, übervoll beladen mit Passagieren, bringen täglich zehn Millionen Istanbullus ins Zentrum und wieder hinaus – noch mehr sind es im Großraum Istanbul, einer ausufernden Region, in der es primäre, sekundäre und tertiäre Industrie gibt und eine inoffizielle Bevölkerungszahl von rund sechzehn Millionen. Die moderne Stadt erstreckt sich über 160 Kilometer im Durchmesser. Wie früher um die Kuppeln der Kirchen Konstantinopels, so kurven Möwen heute um das Minarett der Blauen Moschee(1). Istanbul ist tatsächlich eine phantastische Stadt, eine Stadt der Seele, doch geboren ist sie aus der Erde, auf der sie steht: Sie ist verankert.

Istanbul ist die langlebigste politische Einheit in Europa. Es ist ein Ballungsraum, der im Lauf der letzten achttausend Jahre ein Mosaik von Siedlungen und Mikrostädten versammelt hat, aus dem sich dann das gewaltige, chaotische Konglomerat der modernen Metropole herausbildete. Viele Stadtbezirke waren früher eigenständige Städtchen: Chalkedon(2), Chrysopolis(1), Sultanhamet, Psamathion, Kosmidion(1) und Sykai(1)/Pera(1)/Galata(2) am Goldenen Horn(3). Heute sind sie wie ein Tropfen Quecksilber mit dem Stadtbereich Istanbul verschmolzen. Bei ihrer jüngsten Bestandsaufnahme haben Archäologen in Stambul selbst, unter dem antiken Hippodrom(1), prächalkolithische Überreste gefunden – sie reichen in der Zeit weiter zurück als die 42 Schichten menschlicher Besiedlung, die man an der Ausgrabungsstätte Troja(1) gefunden hat. Phönizier, Griechen(13), Römer, Genueser, Venezianer, Juden, Araber(10), Wikinger, Aserbaidschaner, Armenier, Türken – alle haben ein Stück dieses Bodens zwischen Ost und West als ihre Heimat empfunden. Wir fühlen uns hier am Mittelpunkt des Globus, denn wir sind tatsächlich mit vielen Welten verbunden.

Daher ist das, was nun folgt, eine organische Untersuchung – eine Archäologie sowohl des Ortes als auch der Kultur, welche versucht, eine Stadt zu verstehen, die unser Leben in einer Art und Weise angeht, die wir vergessen haben – oder überhaupt erstmals wahrnehmen müssen. Während der Abfassung dieses Buchs musste ich an die Ränder des Imperiums reisen: nach Georgien(1), genauer gesagt, nach Dmanissi(1), wo es jetzt nur noch einen einsamen Mönch und eine Rauchfahne auf einem von Tau benetzten Hügel gibt, wo aber früher einmal byzantinische, persische und armenische(2) Karawanenstraßen an der Achse der Seidenstraßen(1) zusammenliefen. Außerdem wurden dort erst kürzlich Überreste der ältesten Hominiden Europas gefunden; sie waren 1,20 Meter groß und wurden wahrscheinlich von Säbelzahntigern getötet.[7] Ich reiste zur porösen Grenze zwischen der Türkei(4) und Syrien(4) und war in der Hitze Arabiens und in der Kälte der Dolomiten unterwegs. Ich bin in alte chinesische(2) Gräber hinabgestiegen und musste die Bruchlinien passieren, die sich nach dem Wegfall der Territorien Istanbuls nach dem Großen Krieg der Jahre 1914–1918 ergeben hatten; ich kam in Kontakt mit Scharfschützen an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze, mit Terroristendrohungen in den Arabischen Emiraten und – in der lediglich durch Stacheldraht getrennten Welt des anatolisch-irakischen Grenzgebiets – mit den unterschiedlichen Arten, als Muslim zu leben. Ich habe im Topkapı(1)-Palast gespeist, während draußen Demonstranten festgenommen wurden, und schloss mich später diesen Demonstranten auf dem Taksim-Platz(2) an, wobei auch ich nicht von Tränengas verschont blieb. Ich habe zugesehen, wie ein Meer türkischer Fahnen, geschwenkt von fünf Millionen Menschen, welche sich dem Putsch vom Juli 2016 widersetzten, den Ort in der Nähe eines der ältesten Häfen der Stadt in Rot tauchte – eine Schamröte, die vom Weltraum aus sichtbar gewesen sein müsste. Die Recherchen für dieses Buch haben mich an viele Orte geführt. Um aber die Geschichte von Istanbul wirklich zu verstehen, müssen wir uns in die Vorgeschichte, an den äußersten Rand der historischen Zeit, begeben, und darüber hinausblicken.

Teil Eins

BYZANTION

Prähistorische Orte um den Bosporus(8), das Marmarameer und das Schwarze Meer

Erste griechische(14) Siedlungen am Bosporus(9)

Die klassische Stadt, ca. 5. Jahrhundert v. Chr.–3. Jahrhundert n. Chr.

1

Knochen, Steine, Lehm

800 000–5500 v. Chr.

Plötzlich erhob sich vor ihnen eine turmhohe Welle, und bei ihrem Anblick duckten sie sich mit gesenkten Köpfen zur Seite … Dann schlug eine Welle über ihnen zusammen, und das Schiff schoss wie eine Walze auf der wütenden Welle und tauchte in die gähnende Tiefe. Und die wirbelnde Strömung hielt das Schiff zwischen den Felsen auf beiden Seiten; und auf jeder Seite stießen sie krachend an, doch das Holz des Schiffes hielt stand. Und Athene(1) fasste mit ihrer linken Hand einen mächtigen Felsen, und mit ihrer rechten stieß sie das Schiff hindurch …

Apollonios(1) von Rhodos(3), Beschreibung der Reise des Jason(1) durch den Bosporus(10), Die Argonauten(1)[1]

Ein Sarg ist nicht unbedingt der einladendste Ausgangspunkt. Im Jahr 2011 wurde unter der neuen Metrostation Yenikapı(1) im Zentrum des heutigen Istanbul, gegenüber von Läden, in denen Staubtücher und Plastikeimer verkauft werden, ein Leichnam gefunden. Er war in fötaler Lage zusammengekauert, in Südwest-Nordost-Richtung ausgerichtet, über einem Holzgeflecht und unter einem einzelnen Stück Holz eingebettet und von jungsteinzeitlichen Flechtwerkhäusern mit Begräbnisurnen in der Nähe umgeben. Diese Frau aus der Steinzeit wurde in dem bis heute ältesten bekannten hölzernen Sarg begraben.[2] Die achttausend Jahre alten Überreste sind entweder ein singulärer Fund, der in der anäroben Umgebung von Istanbuls Lehm ungewöhnlich gut erhalten ist, oder sie bieten einen einzigartigen Einblick in die Begräbnispraktiken unserer jungsteinzeitlichen anatolischen Vorfahren. Die junge Frau, die aus der Periode zwischen 6300 und 5800 v. Chr. stammte (in zeitlicher Nähe zur weltweit ersten »Stadt« im engeren Sinn, Çatalhöyük(1) in der Zentraltürkei) und hier beerdigt wurde, bemühte sich offensichtlich um ein gutes Leben. In derselben Ausgrabung fanden Archäologen in einer öligen Schicht unter dem Meeresgrund Werkzeuge – eine Schaufel aus Holz, Saatgut und verbrannte organische Überreste –, die zu ihrer sozialen Gruppe gehörten. Einige sind der Meinung, die Schaufel sei ein Ruder für ein Boot gewesen; das wäre dann gleichfalls das erste seiner Art, also achttausend Jahre alt. Bemerkenswert ist außerdem, dass über tausend menschliche Fußabdrücke aus diesem prähistorischen Weiler überlebt haben. Einige dieser Istanbullus waren barfuß unterwegs, andere trugen fein gearbeitete Lederschuhe, möglicherweise sogar Holzclogs, ähnlich jenen, die in den Hammams der heutigen City getragen werden.[3]

Es war dies ein Ort, zu dem sich der Aufbruch lohnte, ein Fleckchen Erde, das Leben spendete. Insgesamt 236 natürliche Quellen wurden auf der thrakischen(2) Halbinsel kartographiert[4] – der Gegend zwischen dem Schwarzen Meer und der Ägäis, an deren östlichem Rand Istanbul liegt: Bäche, Quellen, Flüsse, Seen, Lagunen, umgeben von Eichen-, Kastanien- und Pistazienwäldern. Die junge Frau in dem Sarg gehörte zu jenen zahlreichen, bis in die Altsteinzeit zurückreichenden Generationen, die um die Vorteile wussten, welche die Region des heutigen Istanbul und seiner Umgebung zu bieten hatte. Ihre früheren mittelsteinzeitlichen Nachbarn fand man in der Nähe, neben den gewaltigen Bären des Pleistozän in der Yarımburgaz(1)-Höhle, von der aus man die Ausläufer der modernen Stadt überblickt. Über eine alte Straße, vorbei an Fabriken, die Teegeschirr herstellen, und Pferchen, in denen Schafe darauf warten, für das Opferfest geschlachtet zu werden, erreicht man den fahlen Kalksteinfels,[5] der eine natürliche Wohnstätte bietet. Die Yarımburgaz-Höhle zieht sich über fast einen Kilometer in den Fels hinein und ist stellenweise fünfzehn Meter hoch. Unter einer Erd- und Dungschicht fand man bei Ausgrabungen, die noch nicht abgeschlossen sind, Spuren der ersten menschlichen Bewohner des Großraums Istanbul – ihre Speerspitzen, Knochenfragmente, andere Steinwerkzeuge aus Quarz, Quarzit und Feuerstein. Man blickt heute von dem Höhlenkomplex auf die moderne Stadt, die wie eine Fresszelle die Lagune, den gölü namens Küçükçekmece, umschließt; in der Steinzeit schweifte der Blick über dichte Wälder und Wasserflächen. Im Winter hielten Bären hier ihren Winterschlaf, im Frühjahr zogen Menschengruppen ein. Einige Überreste in der Höhle sind rund 800 000 Jahre alt, sie reichen also 600 000 Jahre vor die Ankunft des Homo sapiens zurück, was diesen Ort in Groß-Istanbul zu einem der ältesten besiedelten Plätze im Nahen Osten macht. Archäologen und diverse städtische Beamte sind reichlich irritiert von der Tatsache, dass zu den heutigen menschlichen Aktivitäten in dieser prähistorischen Schatzhöhle Filmproduktion, Drogenkonsum, Pilzanbau und Prostitution gehören.

Die frühen Hominiden und ihre steinzeitlichen Nachkommen lebten in einer Landschaft, die sich von der heutigen stark unterscheidet: Das Marmarameer war ursprünglich ein Brackwasser, ein Inlandsee. Noch nicht identifizierte Dickhäuter durchstreiften die Täler, Panther zogen über die Hügel, und es gab über neuntausend identifizierte Blumensorten. Gigantische Hirsche, Mammuts, Fleckenhyänen lebten in einem Klima, das zwei Grad wärmer war als heute.

Man fand diesen hölzernen Sarg während der Arbeiten am Bau eines 4 Milliarden Dollar teuren Unterwassertunnels, der die asiatische und die europäische Seite der modernen Stadt miteinander verbinden soll. Man stieß außerdem auf vier menschliche Begräbnisstätten und vier Kremationen aus der Zeit um 6000 v. Chr. Das Gebiet ist ein regelrechter archäologischer Themenpark: Als eine Trockenperiode im Jahr 2007 die hiesigen Bauern zwang, 27 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt neue Bewässerungskanäle anzulegen, gesellten sich sofort Archäologen zu ihnen und stellten bescheidene kleine Funde sicher, die, wie sich herausstellte, historisch höchst bedeutsam waren. Denn hier, am Rand des Küçükçekmece Gölü(1) und am Istanbuler Ufer des Schwarzen Meers, fanden sich die frühesten Belege für das Rückgrat der menschlichen Zivilisation in Europa: naviforme Kerne (bearbeitete Steine in Schiffsform) und unter Druck bearbeiteter Feuerstein. Außerdem stieß man auf Fleischbeile, Messer aus Feuerstein und Knochenschaber.[6] Befand sich hier ein prähistorischer Jagdsitz? Ein Rastplatz für Männer und Frauen, die teils jagten, teils das Land bebauten? Man geht davon aus, dass Ausgrabungen am oberen Ende des Goldenen Horns(4) weitere Belege zutage fördern werden.[7] Man kann fast mit Sicherheit annehmen, dass im Großraum Istanbul ein ganzes Jahrtausend vor dem bislang angenommenen Beginn Belege für das Vorkommen von Ackerbau in Europa verborgen sind.[8] Die jungsteinzeitliche Siedlergemeinschaft in Istanbul und Umgebung setzte sich in diesem Überlebenskampf mit der Erde durch. Doch dann schlug die Erde zurück.

Um das Jahr 5500 v. Chr., in einem erderschütternden, das Zeitalter prägenden Zwischenfall, der den Charakter der Stadt und ihre spätere Lebensgeschichte festlegen sollte, wurde die Topographie Istanbuls und seines Umlands geschaffen.[9] Nachdem aufgrund des Abschmelzens von Eisplatten der Meeresspiegel dramatisch angestiegen war, ergossen sich Fluten landeinwärts und durchbrachen den Bosporus(11). Das Schwarze Meer wurde von einem flachen Süßwassersee in ein Salzmeer verwandelt, Meerestiere ersetzten die Süßwasserfische. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Wasser innerhalb von dreihundert Tagen um 75 Meter anstieg. Das Goldene Horn(5) bildete sich als ein Meeresarm mit natürlichen Häfen, der aus zwei Flüssen gespeist wird, Kydaris und Barbyzes, den sogenannten Süßen Gewässern Europas. Bei der Erschaffung dieser neuen Welt wurden viele Leben zerstört; auf dem Grund des Schwarzen Meers finden sich immer wieder Anzeichen menschlicher Ansiedlungen, in den Fluten untergegangene Gebäude und bearbeitetes Holz. Einige Schätzungen gehen davon aus, dass rund 41,5 Kubikkilometer Wasser innerhalb eines Jahres über die Landschwelle strömten und über 1500 Quadratkilometer Land überfluteten. Es war ein Ereignis, das eine Welt zerstörte – das aber ebenso die Entstehung einer der grandiosesten Städte der Welt ermöglichte.

Während es sich andere Kulturen wie etwa die Ägypter leisten konnten, zum Meer eine eher zurückhaltende Beziehung zu unterhalten, ist in Istanbul Wasser so allgegenwärtig, dass seine Einwohner gar nicht anders können, als sich damit anzufreunden. »Bekränzt von Wasser«,[10] so beschrieb ein Chronist die Stadt.[11] Heute ist Istanbul umschlungen vom Goldenen Horn(6), dem Bosporus(12) und dem Marmarameer; im Norden vom Euxeinos oder Schwarzen Meer und im Süden durch den Hellespont oder die Dardanellen vom Mittelmeer. Das Mittelmeer, dieser »Flüssige Kontinent« – man nannte es durch die Jahrhunderte auch Weißes Meer, Treues Meer, Bitteres Meer, das Große Grün und Mare Nostrum – war zu gleichen Maßen Verheißung und Bedrohung. In einer Welt der Ruder und Segel, der Buchten und natürlichen Häfen bedeutete die Schaffung zweier Kontinente durch die Entstehung des Bosporus, dass Istanbul zu einer Inkarnation unendlicher Möglichkeiten wurde.

Wenn wir uns also mit Istanbul auseinandersetzen, dann dürfen wir nie vergessen, dass dies einerseits die Geschichte einer Stadt, andererseits aber auch die Geschichte des Meeres ist.

2

Stadt der Blinden

ca. 682 v. Chr.

Megabazos … äußerte eine Meinung, die die Menschen, die am Hellespont leben, nie vergessen haben und auch nie vergessen werden. Er hielt sich in Byzantium auf und erfuhr, dass das Gebiet von Chalkedon(3) siebzehn Jahre früher als Byzantium besiedelt worden war. Aufgrund dieser Information erklärte er, die damaligen Bewohner von Chalkedon müssten blind gewesen sein. »Denn wenn es hier einen derart vollkommenen Ort für eine neue Stadt gab, warum entschieden sie sich dann für den deutlich minderwertigeren? Das kann nur daran gelegen haben, dass sie blind waren!«

Herodot(2), Historien[1]

Im Mai 2016 wurde die Nachricht von einem weiteren bemerkenswerten archäologischen Fund in Istanbul veröffentlicht. Unter den schicken Sommerhäusern entlang der Küste des Marmarameers bei Silivri(1) wurde ein viertausend Jahre altes Rundgrab entdeckt, ähnlich den Kurganen in Zentralasien. Es schützte einen Krieger, dessen Leichnam ebenfalls in eine fötale Position gebracht worden war. Die türkischen Autoritäten gaben bekannt, diese Grabstätte lasse auf zentralasiatischen Einfluss ganz zu Beginn der Geschichte Istanbuls schließen – eine vielsagende Behauptung. Die Griechen(15) der Antike hatten immer erklärt, die Ansiedlung, wo der Leichnam gefunden wurde – Selymbria (das heutige Silivri(2)) –, sei von ihnen gegründet worden.

Die Geschichten, die sich um die antike Stadt Byzantion und ihr Hinterland rankten, waren ebenso wichtig wie die historischen Ereignisse. Und die Sagen, die vom Mythos berichten, wie die Griechen das anstießen, was heute Istanbul ist, sind erwartungsgemäß sehr anschaulich. Zeus(1), der König der Götter, hatte wie üblich eine Affäre mit einer Sterblichen, diesmal mit Io(1), einer Priesterin seiner Frau Hera(1). Io wurde von der wütenden Hera in eine Kuh verwandelt (in einigen Versionen verwandelt Zeus selbst Io in eine Kuh, um sie zu schützen); Hera schickte daraufhin eine riesige Stechmücke, um die verführerische junge Frau zu quälen. Der bos-porus – die Ochsen-Furt – soll seinen Namen von dem Weg haben, den Io durch die Meerenge nahm. Io(2) brachte eine Tochter zur Welt, Keroessa(1), die von der Nymphe Semestra(1) am Ufer des Goldenen Horns(7) aufgezogen wurde (das Goldene Horn(8) hieß in der Antike Keras), wo die junge Frau dann die Familientradition von Techtelmechteln mit olympischen(1) Göttern fortsetzte, indem sie mit dem Meeresgott Poseidon(1) schlief. Byzas(1), der Sohn von Keroessa und Poseidon, gründete später Byzantion. Eine andere Version des Gründungsmythos der Stadt – die möglicherweise der bronze- oder eisenzeitlichen Wahrheit näherkommt – besagt, der thrakische(3) König Byzas, Ethnarch der Megarer, Sohn ebenjener Nymphe Semestra, habe eine einheimische Prinzessin namens Phidaleia(1) geheiratet, die als Mitgift das Land in die Ehe einbrachte, das dann später Istanbul wurde.

Tief unter Istanbuls historischem Zentrum wurden thrakische Keramik, die auf 4500 v. Chr. datiert ist, und das Fragment eines phantastischen Keulenkopfs aus Grünstein gefunden. Diese jungsteinzeitlichen Gemeinden mit ihren Särgen aus Holz erkannten, dass dieser Ort geeignet war, um Wurzeln zu schlagen – und dieses Wissen verschwand natürlich in der kupfer- und bronzezeitlichen Ära und in der frühen Eisenzeit nicht auf mysteriöse Weise. Das Gelände zwischen dem Goldenen Horn(9), dem Bosporus(13) und dem Marmarameer (in der Antike: Propontis), das heute Sarayburnu(1) oder Palastgelände heißt (für die Griechen(16) der Antike: Akropolis; im Lateinischen: Promontorium Bosporium), war für menschliche Bewohner ein besonders einladender Ort. Um das Gebiet herum erheben sich sieben Hügel, die hoch genug sind, um zu schützen, und niedrig genug, um besiedelt zu werden. Der Platz bot sich als idealer Siedlungsort an.

In der Nähe des byzantinischen Hippodroms wurden in den 1920er-Jahren sowie 1942 große thrakische(4) Krüge ausgegraben – auf einem von ihnen ist die Seite sehr kunstvoll in die Form eines menschlichen Gesichts gebracht. Die hellenischen Mythen können Sie also getrost vergessen: Lange bevor die Griechen(17) aus dem Westen kamen, lebten hier lokale Siedler. Die Besiedlung durch die Ureinwohner in diesem Gebiet, das heute vom Topkapı(2)-Palast eingenommen wird, durch Männer und Frauen, die Handel und Ackerbau trieben, setzte sich kontinuierlich bis mindestens 1100 v. Chr. fort; da das moderne Istanbul vielschichtig ist wie ein Blätterteig, sind Ausgrabungen in der Innenstadt schwierig, man kann aber sicher sein, dass es weitere Funde geben wird, die das Leben der ersten Siedler bezeugen. Faszinierende, unveröffentlichte Berichte von Untersuchungen durch Unterwasserarchäologen im Jahr 1989 im Jachthafen von Fenerbahçe(1) nahe der Kalamış-Bucht beschreiben, dass die Taucher unter der dicken Tangschicht am Meeresboden architektonische Strukturen ertasten konnten – Gebäude, in denen womöglich eine Population der frühen Bronzezeit lebte. In der Nähe fand man ihre viertausend Jahre alten Gefäße.[2] Die hiesigen Gewässer machen nicht nur Geschichte, sie verbergen sie auch.

Die allerersten Istanbullus, die hier lebenden Ureinwohner, sprechen nur in stummen Zeugnissen zu uns; ihre Geschichte muss der Erde und den dunklen Wassern des Bosporus(14) entlockt werden. Erst die eingewanderte griechische(18) Bevölkerung Istanbuls posaunte ihre Anwesenheit vernehmbar heraus. Die Griechen erfanden die Vorstellung von Geschichte, waren daher auch entsprechend disponiert, sich in die Geschichte einzuschreiben – und taten kund, dass die ursprüngliche Besiedlung Byzantions auf sie selbst zurückging.

Ein Krug aus dem Jachthafen von Fenerbahçe(2). Diese Funde lassen auf eine noch nicht durch Ausgrabungen erschlossene Siedlung auf der asiatischen Seite des Bosporus(15) schließen.

Während Zeus(2), Hera(2) und Io(3) in einem Beziehungsdreieck ihre bitteren Liebeshändel austrugen, erzählen uns die Ependichter, dass Jason(2) und seine Argonauten(2) (Herkules, Orpheus(1), König Nestor(1) und die anderen – eine veritable Namensliste sagenhafter griechischer(19) Macht) unterwegs zu ihren Abenteuern im Schwarzen Meer an Byzantion vorbeisegelten. Die detailliert und fein ausgeführten Seefahrtsfresken auf der griechischen Insel Thera(1) (Santorini), die wundersamerweise im Bimsstein erhalten blieben, als die Insel ca. 1615 v. Chr. bei einem der verheerendsten geophysikalischen Vorfälle seit Menschengedenken explodierte, machen deutlich, dass diese frühen Griechen tatsächlich auf dem Gebiet der Segeltechnik Pionierarbeit leisteten. Sie waren dazu fähig, sich nicht nur entlang der Mittelmeerküsten, sondern auch auf hoher See zu orientieren.

Es gibt Geschichten im Überfluss, die diese interkontinentalen Reisen wiedergeben und sie vielleicht auch inspirierten – wie der Grieche(20) Jason(3) seine Argonauten(3) versammelte (unter ihnen befand sich auch Augias, dessen ausgedehnte Stallanlagen Herkules später ausmisten musste), um zu Abenteuern und einträglichen Geschäften aufzubrechen; wie er am Bosporus(16) Station machte und das Land der aufgehenden Sonne entdeckte, noch bevor andere griechische Helden auf der Suche nach Helena(1), Troja(2) und Ruhm nach Asien(3) aufbrachen. In den homerischen Epen hören wir, dass Jason in den Osten reiste, wo er mit Medea(1) von Kolchis(1), ihrer Tante Circe(1) und den angriffslustigen Amazonen(1) aneinandergeriet. Zunächst angezogen vom verlockenden Ruf des Goldes (tatsächlich wurde in der Region schon früh Edelmetall verarbeitet – vielleicht war das der Grund für die griechische Vorstellung, dass der Osten »reich an Gold« war),[3] dann aufgehalten von den Tränken und Giften Medeas, gelang es Jason schließlich, in den Kaukasus vorzudringen – nach griechischer Vorstellung ein Land voller Gefahren und Verheißungen.[4] Hier war Prometheus für sein fürwitziges Vergehen, von den Göttern Feuer zu stehlen, an einen Felsen geschmiedet worden. Die archäologischen Funde östlich von Istanbul belegen, wie sich Mythos und Geschichte berühren. Neue Ausgrabungen in Armenien(3) haben unser Wissen um die Komplexität der frühen Bronzezeit entscheidend erweitert: Östlich des Bosporus wurde Metall im Feuer bearbeitet.[5] Als eine Gruppe der Royal Navy im Jahr 1917 auf der südlich von Istanbul gelegenen Insel Imbros(1) Grabungsarbeiten vornahm, um einen Obelisken zur Erinnerung an ihre bei Gallipoli gefallenen Kameraden aufzustellen, stieß sie auf einen glänzenden Goldbecher, der aus der Zeit um 2500 v. Chr. stammt. Dieser Becher ist ein reales Exemplar der goldenen Becher, die bei den homerischen Göttern im Gebrauch waren. Der mythische Ruf von Istanbuls Hinterland ist also durchaus berechtigt.

Auf seiner Reise war Jason(4) der Sage nach mit riesigen, zusammenstoßenden Felsen konfrontiert (wobei es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um den Übergang vom Bosporus(17) zum Schwarzen Meer handelte); er machte den Durchgang passierbar für alle, die nach ihm kamen. Es überrascht also nicht, dass wir von dem böotischen Dichter Pindar(1) erfahren, der Osten sei der Ort, wo Helden sowohl verführt als auch gemacht würden.

Wie neue Funde aus dem Kaukasus zeigen, segelten die Griechen(21) der Bronze- und Eisenzeit tatsächlich von der Ägäis durch den einladenden Kanal des Hellespont (heute Dardanellen genannt) über das Marmarameer durch den engen Bosporus(18) – Letzterer ist stellenweise nur 640 Meter breit, in der Mittelrinne hingegen immerhin 120 Meter tief – und dann vorbei an sandigen Ufern über das Schwarze Meer. In der Nähe von Batumi(1) an der Schwarzmeerküste des heutigen Georgien(2), hinter einer gerade erst ausgegrabenen Nekropole aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. – die Anzahl der griechischen Gräber, die hier aus Sand und Erde auftauchten, erinnert an einen heutigen städtischen Friedhof –, gibt es Erdhügel aus der Bronzezeit. Die jüngst hier in Asien(4) entdeckten griechischen Artefakte und Überreste sprechen nicht nur von Handelsbeziehungen, sondern durchaus auch von Ansässigkeit. Neben Phantasiehelden wie Jason(5) stehen die handfesten Hinweise auf leibhaftige heroische Abenteurer.[6]

In Istanbul ist die Erinnerung an Jason(6) noch lebendig. Der kleine Fischerort Tarabya(1), heute einer der Treffpunkte der Schickeria, hatte früher den griechischen(22) Namen Therapeia (was Heilmittel oder Heilung bedeutet; Therapeia war in der späteren osmanischen Periode ein beliebter Sommererholungsort ausländischer Botschafter). Im 5. Jahrhundert n. Chr. wurde der Ort im Zuge der Christianisierung der Region durch den Patriarchen Attikos(1) in Therapeia umbenannt; der Patriarch störte sich an dem heidnischen Namen Pharmakeus. Pharmaka kann seit der Bronzezeit Medikamente bedeuten oder Heilkräuter – der heutige Begriff Pharmazie ist davon abgeleitet. Doch die pharmaka, auf die der hiesige Ortsname Pharmakeus sich bezog, gingen angeblich auf eine Zeit zurück, bevor die Geschichte erfunden wurde: auf die tödlichen Tränke der Prinzessin Medea(2)